Worum es geht

Münkler beginnt mit einer Behauptung, die alles Weitere trägt: Die saubere Trennung zwischen Krieg und Frieden — seit Hugo Grotius das Ordnungssystem unseres Denkens — beschreibt die Welt nicht mehr. Es gibt ein Drittes dazwischen, und wir haben dafür weder Begriffe noch Reflexe.

Von dort entfaltet er eine Lagebeschreibung Europas, die kühler ist als die meisten: eingeklemmt zwischen einem Putin, der bedroht, und einem Trump, der erpresst, wobei beide sich — ohne Absprache — gegenseitig nützen. Er liest Putins Geopolitik aus Peter dem Großen und Katharina II., seine Taktik aus Hitlers Vorgehen zwischen 1938 und 1939, und sein Selbstbild aus einem Wort des Zweiten Thessalonicherbriefs.

Am Ende steht kein Trost, sondern eine Liste. Was Europa tun müsste, um von der Speisekarte an den Tisch zu kommen, ist unbequem und teilweise undemokratisch: eine Hierarchie unter Gleichen, ein Ende des Einstimmigkeitsprinzips, eine eigene nukleare Abschreckung. Münkler weiß das und sagt es trotzdem.

Anlass — 73 Jahre Waffenstillstand von Panmunjom (27.07.1953)

Am 27. Juli 1953 unterschrieben in einer Baracke in Panmunjom drei Generäle ein Papier und gingen auseinander, ohne ein Wort zu wechseln. Was sie unterschrieben, war kein Frieden, sondern ein Waffenstillstand: ein militärisches Abkommen, das die Kämpfe unterbricht, keine Grenze anerkennt, kein Verhältnis regelt und ausdrücklich als Provisorium gedacht war. Südkorea unterschrieb überhaupt nicht. Eine politische Konferenz sollte binnen drei Monaten den Rest klären; sie fand 1954 in Genf statt und scheiterte. Seither sind dreiundsiebzig Jahre vergangen, und das Provisorium hält.

In Nordkorea ist der 27. Juli seit 1973 der „Tag des Sieges im Großen Vaterländischen Befreiungskrieg” — Paraden, Feuerwerk. In den Vereinigten Staaten ist derselbe Tag der Korean War Veterans Armistice Day, an dem die Flaggen auf halbmast gehen. Ein Sieg und eine Trauer, dasselbe Datum, dasselbe Blatt Papier.

Münkler hält diese Note nicht in der Hand, aber sie liegt unter seinem ersten Satz. Panmunjom ist der älteste noch laufende Beweis dafür, dass zwischen Krieg und Frieden ein Zustand existiert, der Jahrzehnte trägt — und für den das Völkerrecht kein Wort hat außer dem, was er nicht ist.

Quelle: Trump, Putin, China: Europas Platz in der neuen Weltordnung — Herfried Münkler, IK2026 — Keynote auf dem Industriekongress 2026, Schloss Pichlarn, 24.06.2026 (Video hochgeladen am 05.07.2026)

Wer spricht?

Herfried Münkler (*1951, Friedberg in Hessen) — Politikwissenschaftler, bis 2018 Professor für Theorie der Politik an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Ein Westdeutscher aus dem Umfeld der Frankfurter Schule, promoviert 1981 bei Iring Fetscher über Machiavelli, habilitiert 1987 über die Staatsräson. Den Berliner Lehrstuhl übernahm er 1992 — zwei Jahre nach der Wende, an einer Universität, die sich gerade neu erfand. Dass ausgerechnet er dort die politische Ideengeschichte verantwortete, ist eine der stilleren Pointen der deutschen Nachwendezeit.

Seither ist er zur Stimme geworden, die man anruft, wenn ein Krieg nicht in die vorhandenen Begriffe passt. Sein Ruf gründet auf einem Buch, das drei Jahre vor dem 11. September erschien und dessen Titel seither die Debatte prägt.

Wichtigste Werke: Die neuen Kriege (2002), Imperien (2005), Die Deutschen und ihre Mythen (2009), Macht in der Mitte (2015), Welt in Aufruhr (2023), Macht im Umbruch (2025) Kernkonzepte: Neue Kriege, postheroische Gesellschaft, Imperium vs. Hegemonie, Zentralmacht

DenkerVita


Inhalt

Das Ordnungssystem, das sich auflöst

▶ 0:00 — Münkler beginnt nicht mit Trump, Putin oder China, sondern mit einer Beobachtung über uns.

„Das erste, was wir beobachten, ist, dass gewisse sprachliche Gewohnheiten oder kognitive Strukturen, die wir haben, eigentlich überholt sind — nämlich die präzise Unterscheidung zwischen Krieg und Frieden.”

Diese Unterscheidung ist keine Naturgegebenheit, sondern eine Konstruktion mit Geburtsdatum. ▶ 0:47 Münkler datiert sie auf 1625, das Erscheinen von Hugo Grotius’ De iure belli ac pacis, und führt sie über die Haager Landkriegsordnung zu den Genfer Konventionen. Ihr Kern: Es gibt zwei Zustände, und der Übergang zwischen ihnen ist rechtlich markiert — durch Kriegserklärung oder Friedensschluss.

Das ist eine großartige Erfindung, weil sie Gewalt einhegt: Wer weiß, wann Krieg ist, weiß auch, wann er endet. Münklers Punkt ist, dass diese Markierungen verschwunden sind, während die Erwartung blieb. „Der aufmerksame Beobachter der Nachrichtenlage aus dem Nahen Osten weiß ja eigentlich schon, dass Waffenstillstände dort keine Waffenstillstände sind, sondern dass in anderer Weise die Kampfhandlungen weitergehen.”

▶ 1:33 Der Begriff des hybriden Krieges sei die Beschreibung genau dieser Auflösung: „Entweder Krieg oder Frieden. Und ein Drittes dazwischen gibt es nicht. Doch, gibt es. Hybrider Krieg.” Er schreibt das Konzept dem russischen Generalstabschef Gerassimow zu — die Idee, den Gegner ohne kinetische Energie weichzukochen, über Information und Angriffe auf Steuerungssysteme. (Faktencheck: falsch — der Begriff stammt aus der amerikanischen Militärwissenschaft, Jahre vor Gerassimow; siehe unten.)

Bemerkenswert ist, wie beiläufig er das Konkrete nachschiebt. ▶ 2:21 Störungen bei der Bahn in der Nacht zuvor, Stromausfälle, Angriffe auf kritische Infrastruktur — nicht um Schaden anzurichten, sondern „um Unzufriedenheit zu generieren. Unzufriedenheit, die bestimmten Parteien zugutekommt.” Das ist die eigentliche Waffe: nicht der Ausfall, sondern die Wut darüber und wem sie nützt.

Und dann, mit dem Understatement eines Mannes, der weiß, wovon er spricht: „Als jemand, der von der Universität kommt, wo im Prinzip eine digitale Schlamperei herrscht, bin ich trotzdem entsetzt.”

Eigene Einschätzung

Der stärkste Teil dieser Analyse ist nicht die Bedrohungsbeschreibung, sondern die Diagnose unserer Wahrnehmung. Wenn hybride Kriegführung darauf zielt, Unzufriedenheit zu erzeugen, dann ist jede Empörung über einen Stromausfall bereits die halbe Wirkung — unabhängig davon, ob der Ausfall überhaupt ein Angriff war. Damit entsteht ein Zustand, in dem man sich nicht mehr richtig verhalten kann: Wer misstraut, wird paranoid und beschädigt das Vertrauen selbst. Wer nicht misstraut, ist blind. Münkler benennt das Dilemma nicht, aber seine Analyse erzeugt es.

Die Grenze seines Arguments liegt genau dort. Ein Begriff, der alles umfasst — Stromausfall, Desinformation, Bahnstörung, Wahlkampf —, verliert die Trennschärfe, deren Verlust er beklagt. „Hybrider Krieg” beschreibt die Auflösung einer Ordnung und wird dabei selbst zu einem Wort, das fast beliebig anwendbar ist.

Die Sandwichposition

▶ 4:41 — Für Europas Lage wählt Münkler einen Begriff und begründet zugleich, welchen er vermieden hat.

„Europa befindet sich in einer geopolitischen Sandwichposition: bedroht und in vieler Hinsicht genötigt durch Wladimir Putin auf der einen Seite und bedrängt und erpresst durch Donald Trump auf der anderen.”

Man hätte das früher, sagt er, im Deutschen Einkreisung genannt — „aber da dieser Begriff unglückliche Konsequenzen hatte, nämlich Präventivangriffe nach allen Seiten, Sie erinnern sich, das Ende des Habsburger Reichs, habe ich den vermieden”. Vor österreichischem Publikum ist das mehr als eine Fußnote. Es ist die Erinnerung daran, dass eine Lagebeschreibung eine Handlung nahelegt, und dass die letzte Generation, die sich eingekreist fühlte, in einen Weltkrieg marschierte.

▶ 5:28 Der analytisch schärfste Gedanke folgt sofort. Zwischen Putin und Trump bestehe „ein funktionelles Zusammenspiel. Ich würde nicht sagen ein intendiertes, aber ein funktionelles” — je mehr Putin die Europäer erschreckt, desto größer das Erpressungspotenzial Trumps, der den nuklearen Schutzschirm mit allem Möglichen verknüpfen kann, unter anderem mit Zöllen.

Die Unterscheidung zwischen funktional und intendiert ist der Grund, warum dieser Satz trägt. Er behauptet keine Absprache, keine Verschwörung, keine Verabredung. Er beschreibt eine Struktur, in der zwei Akteure einander nützen, ohne es zu wollen — und in der Europas Reaktion auf den einen die Position gegenüber dem anderen verschlechtert. Wer aufrüstet, weil Putin droht, füllt eine Kasse, deren Schlüssel in Washington liegt.

▶ 6:15 Als dritte Macht kommt China hinzu, über Infrastrukturkredite an ost- und südosteuropäische Länder, die zurückgezahlt werden müssen und nur langsam abgestottert werden können. Der Preis für Nachsicht sei politisch: keine China-kritischen Beschlüsse der EU. Und weil die EU einstimmig entscheidet, genügt ein Land. ▶ 7:02 „Der Begriff der Einstimmigkeit ist im Prinzip ein Euphemismus” — gemeint sei ein Vetorecht für jeden.

▶ 7:48 Woraus die Konsequenz folgt, die er zitiert statt selbst zu formulieren: „Wer nicht am Tisch der Mächtigen sitzt, steht wohl auf der Speisekarte.”

Atlantizismus gegen Eurasismus

▶ 10:10 — Münkler legt zwei geopolitische Großerzählungen nebeneinander und erwähnt eine dritte, die untergegangen ist.

Atlantizismus — die Zusammengehörigkeit Nordamerikas und Europas, der Atlantik als Zentrum einer Ordnung. ▶ 11:41 Ausgedacht habe ihn der amerikanische Admiral Alfred Thayer Mahan, der Ende des 19. Jahrhunderts den Aufstieg Großbritanniens analysierte und daraus ein Drehbuch machte. Geopolitische Form nahm er in der NATO an, erzählt als Wertegemeinschaft demokratischer Rechtsstaaten.

Dann der Satz, um den herum die ganze Keynote gebaut ist. ▶ 12:31

„Und wir alle — ich schließe mich gerne ein — haben geglaubt, das ist der stabilitätspolitische Anker der globalen Ordnung, der unverrückbar ist. Das war ein Irrtum, denn diesen Westen gibt es nicht mehr.”

Ich schließe mich gerne ein. Das ist keine Floskel. Ein Politikwissenschaftler, der sein Leben lang über Ordnungen gearbeitet hat, sagt vor einem Wirtschaftspublikum, dass er die Ordnung, in der er lebte, falsch eingeschätzt hat. Diese Bereitschaft, den eigenen Irrtum als Prämisse zu setzen statt ihn zu verstecken, gibt allem Folgenden erst Gewicht.

Eurasismus — die Zusammengehörigkeit Europas und Asiens, Leitmaxime russischer Geopolitik, an Militärakademien und Universitäten gelehrt. ▶ 20:57 Münkler zeigt, wie harmlos dieses Konzept in seinen Verpackungen klingt: Gorbatschows gemeinsames Haus Europa etwa. „Wir haben natürlich immer nur Russland bis zum Ural oder so gedacht, aber in Wahrheit wäre das ganze Russland mit Sibirien der dominierende Faktor dieses gemeinsamen Hauses gewesen.”

Die untergegangene dritte Möglichkeit erwähnt er nur, um zu zeigen, dass Geopolitik sterblich ist: ▶ 10:10 der Schwede Rudolf Kjellén dachte einen querstehenden Block von Skandinavien über Mitteleuropa bis ins Osmanische Reich, gegen Russland und die atlantischen Mächte zugleich — infrastrukturell vorbereitet durch die Bagdadbahn, ▶ 10:56 die eigentlich eine Verbindung von der Nordsee zum Indischen Ozean war. „Das ist eigentlich das geopolitische Skript hinter dem Ersten Weltkrieg — aber das sozusagen nur, weil es keine Rolle mehr spielt.”

Ein Nebensatz mit Nachhall: Was heute unumstößlich wirkt, ist morgen eine Fußnote in einer Keynote.

Weitergedacht

Münkler sagt, dass er sich selbst geirrt hat, und beschreibt im selben Atemzug die neue Lage mit großer Bestimmtheit. Wenn die letzte Gewissheit über eine Weltordnung falsch war — welchen Status hat dann die nächste?

Das Drehbuch vom Schwarzen Meer

▶ 13:18 — Münklers Putin-Deutung ist eine Lektüre. Er nimmt ernst, welche historischen Figuren Putin erzählt, und rechnet daraus die Absicht hoch.

Zwei Figuren stehen im Zentrum: Peter I., der das schwedische Großreich zerbricht, indem er die schwedische Armee bis nach Poltawa lockt und dort schlägt, wodurch Russland zur Ostseemacht wird. Und Katharina II., eine deutsche Prinzessin auf dem Zarenthron, die mit Fürst Potemkin „Neurussland” erobert — den Raum um den Dnjepr und den heutigen Donbas.

▶ 14:49 Daraus die Prognose:

„Wenn das stimmt, dass diese beiden Figuren für Putin eine so zentrale Bedeutung haben, dann heißt das, es ist damit zu rechnen, dass er das Drehbuch vom Schwarzen Meer irgendwann auch als Drehbuch für die Ostsee gebraucht.”

Die Methode dazu leitet er woanders her. ▶ 15:35 Infiltrationstaktik: „nicht mit großem Geschrei und Hurra geht’s los, sondern man schiebt einzelne Positionen vor und deckt sie gegeneinander” — bei Hitler zu besichtigen im Anschluss Österreichs, im Münchner Abkommen, in der Zerschlagung der Rest-Tschechei, bis im Herbst 1939 der Krieg mit Polen kommt.

Als Beleg, dass Putin sich mit dieser Geschichte befasst hat, nennt Münkler dessen Äußerung, die Polen hätten im August 1939 Danzig und den Korridor abtreten sollen, dann wäre der Zweite Weltkrieg ausgeblieben. ▶ 16:21 Seine Übersetzung: „Er will eigentlich damit nur sagen: Wenn die Ukrainer sich nicht gewehrt hätten, hätte es keinen Krieg gegeben.”

Und hier kommt die intellektuell schärfste Volte der Keynote. ▶ 17:07 Münkler ruft Clausewitz auf: Der Krieg beginne nicht mit dem Angriff, sondern mit der Verteidigung — weil der Angriff den Besitz zum Zweck habe, die Verteidigung aber den Kampf.

„Kann man ganz schön sehen: Österreich hat nicht gekämpft, die Tschechen haben nicht gekämpft, die Polen haben gekämpft, deswegen beginnt der Krieg am 1.9. Macht den Begriff Angriffskrieg schwierig, nicht?”

Das ist ein unangenehmer Gedanke, und Münkler serviert ihn ohne Kissen. Wer sich nicht wehrt, erlebt keinen Krieg — er erlebt eine Besetzung. Der Aggressor kann deshalb immer behaupten, das Opfer habe den Krieg begonnen. Es ist zynisch, es ist logisch, und es erklärt eine russische Rhetorik, die sonst nur als Lüge erscheint.

Eigene Einschätzung

Diese Passage ist die riskanteste der Keynote, weil sie beinahe kippen könnte. Wer sagt, der Krieg beginne mit der Verteidigung, steht drei Sätze neben der Behauptung, die Verteidiger seien schuld. Münkler tut das nicht — er benutzt Clausewitz, um die Struktur einer Rechtfertigung freizulegen, nicht um sie zu übernehmen. Aber er verlässt sich darauf, dass sein Publikum die Differenz mitdenkt.

Genau das ist die Signatur dieses Denkens: Es traut dem Zuhörer zu, einen Gedanken auszuhalten, der ohne Absicherung geliefert wird. In einer Debattenkultur, die Sätze nach ihrer Missbrauchsanfälligkeit sortiert, ist das eine Zumutung — und vermutlich der Grund, warum Münkler regelmäßig von Leuten zitiert wird, die er nicht meint.

Die Geiseln

▶ 18:38 — Wo die Ostsee-Version des Drehbuchs beginnen würde, ist unter Fachleuten strittig. Carlo Masala nennt Narva, die russischsprachige Stadt im Nordosten Estlands. Die Bundesregierung, sagt Münkler, halte den Suwałki-Korridor für gefährlicher — weshalb Pistorius die Panzerbrigade 45 in Litauen aufgestellt habe.

Dann kommt der Begriff, an dem man hängen bleibt. ▶ 19:25

„Diese Soldaten sind so etwas wie die Geiseln Litauens — so wie die amerikanischen Soldaten im Kalten Krieg die Geiseln der Europäer waren.”

Die Logik dahinter ist die schmutzigste Wahrheit der Abschreckung. Amerikanische Truppen in Europa waren nie primär zum Kämpfen da; sie waren dazu da, dass die USA sich nicht heraushalten konnten. ▶ 19:25 Münkler buchstabiert es aus: Washington hätte nach einem sowjetischen Vorstoß sagen können, „ist ja nur Europa” — und New York, Chicago und San Francisco nicht gegen russische Städte eintauschen wollen. Das ging nur nicht, wenn zuvor zwanzigtausend oder zweihunderttausend amerikanische Soldaten gefallen waren.

Dieselbe Funktion habe heute die deutsche Brigade in Litauen: ein Pfand für die Glaubwürdigkeit der Verteidigung, gestellt in Menschen.

Eigene Einschätzung

Das Wort Geisel ist hier keine Provokation, sondern die genaueste verfügbare Beschreibung — und deshalb schwer erträglich. Es benennt, dass Abschreckung funktioniert, indem sie den eigenen Rückzug unmöglich macht, und dass sie dafür Menschen an einen Ort stellt, deren Tod der eigentliche Mechanismus ist.

Was in dieser Analyse fehlt, sind die Soldaten selbst. Münkler beschreibt eine Funktion, kein Leben. Das ist die Ökonomie dieses Denkens — es rechnet mit Menschen als Positionen auf einem Brett, weil nur so die Struktur sichtbar wird. Der Preis ist, dass die Brigade 45 als Gedankenfigur erscheint und nicht als ein paar tausend Menschen, die in Rukla stationiert sind und Familien haben. Beide Beschreibungen sind wahr. Nur eine davon kommt in der Keynote vor.

Die Rede von 2001

▶ 20:57 — Die schönste Anekdote der Keynote handelt vom Zuhören.

Putin sprach am 25. September 2001 im Deutschen Bundestag, den Hauptteil auf Deutsch, und bekam Standing Ovations. Münklers Rekonstruktion des Inhalts: Die Amerikaner würden Europa verlassen; die Deutschen sollten die Finger von der Osterweiterung lassen; Rohstoffe und günstige Energie gegen Technologie und Kapital. Und am Schluss das eigentliche Angebot — Deutschland könne mit Frankreich zusammen den Rest Europas beherrschen.

Von diesen vier Elementen steht eines im Wortprotokoll. Das ökonomische: Europa werde seinen Rang nur festigen, wenn es seine Möglichkeiten „mit den russischen menschlichen, territorialen und Naturressourcen” vereinige. Die anderen drei stehen dort nicht (Faktencheck: falsch — siehe unten). Kein Kondominium, kein Abzug der Amerikaner, keine Forderung zur Osterweiterung; Putin erwähnt den NATO-Streit in einer Aufzählung offener Fragen und lobt an anderer Stelle die „beispiellos niedrige Konzentration von Streitkräften und Waffen in Mitteleuropa und in der baltischen Region”.

▶ 21:43 Was dann geschah, erzählt Münkler aus zweiter Hand: Zwei CDU-Abgeordnete hätten die Rede später in ihrem außenpolitischen Arbeitskreis in Ruhe gelesen — „und da ist es ihnen wie Schuppen von den Augen gefallen”.

„Da die Abgeordneten mehr auf dieses gute Deutsch von Putin gehört haben — tatsächlich hat kein nichtdeutscher Gast so gut Deutsch im Bundestag gesprochen wie Putin. Hinterher Standing Ovations. […] Performance schlägt Intellektualität. Und hinterher haben sie es dann genau gelesen. Ja, Lesen ist ja eine andere Form der Wahrnehmung.”

▶ 22:29 Münkler ordnet das Angebot in eine Traditionslinie ein, die von den polnischen Teilungen über Karl Haushofers Geopolitik bis zum Hitler-Stalin-Pakt reicht — ein wiederkehrendes deutsch-russisches Arrangement auf Kosten der Länder dazwischen. Und er zieht daraus einen Schluss gegen ein verbreitetes Bedauern: ▶ 23:14 „Deswegen kann man gar nicht sagen: Der Putin von 2001 war doch so freundlich, was haben wir denn alles falsch gemacht? Wir haben eigentlich gar nichts falsch gemacht.” Man habe nur nicht nach seinem Plan gehandelt — weil das Preisgeben Polens und des Baltikums zu den selbstverständlichen Verpflichtungen des Nachkriegsdeutschlands im Widerspruch stand.

Performance schlägt Intellektualität ist der Satz, den man aus dieser Keynote mitnimmt. Er beschreibt nicht nur einen Nachmittag im Reichstag 2001, sondern die Bedingungen jeder Öffentlichkeit, in der gesprochen und nicht gelesen wird.

Eigene Einschätzung

Diese Passage ist die schwächste der Keynote, und sie ist es auf eine Weise, die sich schwer übersehen lässt, wenn man einmal darauf gestoßen ist. Münklers ganze Anekdote läuft auf eine Pointe hinaus: Wer nur zuhört, fällt auf die Vorstellung herein; wer liest, sieht das Angebot. „Lesen ist ja eine andere Form der Wahrnehmung.”

Nur ergibt das Lesen nicht, was er sagt. Das Wortprotokoll ist öffentlich, es ist vollständig, und drei der vier Punkte stehen nicht darin. Münkler stützt sich erklärtermaßen auf die Erzählung zweier CDU-Abgeordneter — und gibt deren Deutung dann als Redeinhalt wieder („dass Putin am Schluss dann auch noch sagt”). Es ist ausgerechnet die Geschichte über die Überlegenheit des genauen Lesens, die nicht genau gelesen wurde.

Das entwertet den Gedanken dahinter nicht. Dass Putins Rede ein Angebot enthielt, das man im Applaus überhörte, lässt sich an der Ressourcen-Passage tatsächlich zeigen. Aber es macht sichtbar, wie ein Deutungsschritt zu einem Zitat wird, sobald eine Erzählung oft genug weitergereicht wurde — und die Wirkung ist nicht neutral: Der erfundene Schlusssatz stützt die These, die zwei Minuten später folgt, der Westen habe zwischen 2001 und 2007 „eigentlich gar nichts falsch gemacht”. Aus einer Deutung wird ein Beleg.

Messianismus und Katechon

▶ 24:01 — Der theoretisch dichteste Abschnitt vergleicht die Selbstbilder zweier Imperien.

Die USA seien immer ein messianischer Akteur gewesen: Gods Chosen People, The City upon a Hill, Amerika als Erlösernation. Als Wilson in den Ersten Weltkrieg eintritt, „hat er das voll drauf: war to end all wars, to make the world safe for democracy”.

Russlands Selbstbild sei ein anderes: das des Katechon. ▶ 24:46 Münkler erklärt das Wort mit sichtbarem Vergnügen — es stammt aus dem Zweiten Thessalonicherbrief, vermutlich nicht von Paulus selbst geschrieben, und bedeutet der Aufhalter. Weil es ohne bestimmten Artikel gebraucht wird, lässt sich nicht einmal sagen, ob es eine Person oder eine Macht ist: der Aufhalter des Weltuntergangs.

Daraus ergibt sich eine Selbstbeschreibung, die Münkler ernst nimmt, ohne ihr zu folgen: Die Welt gehe ihrem Ende entgegen, weil die Dekadenz sich durchsetze — „von der Auflösung der klaren Unterscheidungen zwischen Mann und Frau” — und Russland greife ein als Wächter der Sitte, als Macht des Aufhaltens.

Und dann die Beobachtung, die diesen Abschnitt trägt: ▶ 25:31

„Was sozusagen dasselbe ist wie hybride Kriegführung — auch ein Ordnungssystem, das aufgelöst wird und verschwimmt. Dass ausgerechnet diejenigen, die den hybriden Krieg erfunden haben, sich darüber aufregen, zeigt: Das ist alles intellektuell nicht aus einem Guss.”

Das ist eine echte Entdeckung. Der Vorwurf gegen den Westen und die eigene Kriegführung folgen derselben Struktur — die Auflösung einer binären Ordnung. Was im einen Fall Dekadenz heißt, heißt im anderen Strategie.

▶ 27:05 Beunruhigend findet Münkler nicht den Gegensatz, sondern seine mögliche Auflösung: Je mehr die USA unter Trump ins Katechontische rücken — Peter Thiel wird als Beispiel genannt, mit einer trockenen Bemerkung über dessen Selbstverständnis als Philosoph —, desto enger könne eine Koalition zwischen ihnen und Russland werden.

Über die Europäer sagt er nur einen Satz, und der klingt fast nach Erleichterung: „Europäer haben nie messianisch gedacht, sondern eher im Hinblick auf Stabilisierung von schwierigen Situationen. Und das ist auch, glaube ich, ganz gut so.”

Was folgen soll

▶ 27:50 — Der Schluss ist eine Liste, und sie ist unbequem.

Erstens: Hierarchisierung. Handlungsfähigkeit durch eine Führungsgruppe — Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Polen, Italien —, die außen- und sicherheitspolitische Entscheidungen an sich zieht. ▶ 28:36 Sein Bild dafür ist präzise: Bisher habe man Schach gespielt, das war die regelbasierte Ordnung. „Aber jetzt wird Schnellschach gespielt. Das heißt, man muss innerhalb kürzester Zeit gezogen haben, sonst hat man verloren. Wenn man nicht zugfähig ist, weil man 27 Vetostaaten hat, ist man einfach draußen.”

Daraus folgt ▶ 30:09 eine mindestens zweistufige EU. Münkler grenzt das ausdrücklich vom Schäuble-Lamers-Papier ab: Zwei Geschwindigkeiten hieß, alle kommen am selben Ziel an, nur zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Mehrstufigkeit heißt, dass es dauerhaft Mitglieder mit mehr Pflichten und mehr Rechten gibt — und andere. Beitrittskandidaten vom Westbalkan, Moldau und die Ukraine könnten aufgenommen werden, aber ohne Vetorecht. ▶ 30:55 Sein nüchternes Argument: „Im Sicherheitsrat genügen zur Blockade bekanntlich fünf. Wir haben es mit 27 zu tun. Und dass der Orbán weg ist, löst das Problem nicht, denn schon sind Fico und Babiš da.”

Zweitens: Umbau der NATO. ▶ 31:40 Ende der Arbeitsteilung von 1949, nach der die Europäer den Generalsekretär stellen und die USA den Oberbefehlshaber — „die Europäer sind für den administrativen Kleinkram zuständig”. Da die Amerikaner kaum noch Kampfeinheiten in Europa stehen haben, sei die Konstruktion hinfällig. Stattdessen ein Rotationssystem unter den fünf und ein europäischer Generalstab. Und, unvermeidlich: ▶ 33:12 eine eigene europäische nukleare Abschreckung, denn „ein Oberkommandierender ohne Befehlsgewalt über nukleare Abschreckungswaffen ist keiner”.

Drittens: das Portfolio der Machtsorten. ▶ 33:59 Militärisch gegenüber Russland, technologisch und ökonomisch gegenüber China und den USA. Hier fällt der Satz, mit dem er sein Wirtschaftspublikum direkt anspricht: „Die Herrschaft der Betriebswirte ist vorbei.” Just-in-Time habe ausgedient — gelernt in der Coronazeit und als ein Frachtschiff den Suezkanal blockierte. ▶ 34:45 China lege Lebensmittelreserven für ein Jahr an und wolle auf drei ausweiten.

Viertens: ein Wandel der kognitiven Strukturen. ▶ 35:31 Und hier wird er am schärfsten:

„Wir müssen wieder lernen, strategisch zu denken. Wir müssen auch lernen, von dieser Variante der Müllermilchwerbung — alles Freunde oder was — loszukommen und darüber nachzudenken, dass es auch Feinde gibt. Oder sogar noch mehr: dass es eine Produktivität von Feindschaft gibt.”

Der Schluss ist dann fast versöhnlich, wenn man ihn nicht zu genau liest: Europa müsse sich darauf einstellen, „der letzte Bannerträger von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit im globalen Zusammenhang” zu sein, und als solcher das Zentrum, um das sich Kanada, Japan, Südkorea, Neuseeland und Australien versammeln. „Das wäre doch schon was. Vielen Dank.”

Ein Kontinent, der eben noch auf der Speisekarte stand, ist am Ende der Rede der letzte Ort, an dem eine Idee überlebt. Dazwischen liegen achtunddreißig Minuten, in denen erklärt wurde, was das kostet.

Weitergedacht

Münkler fordert eine Führungsgruppe von fünf, die Entscheidungen an sich zieht, und den Beitritt neuer Mitglieder ohne Vetorecht. Was bleibt von der Legitimität einer Union, deren Handlungsfähigkeit man durch Entrechtung ihrer Kleinen herstellt — und wer entscheidet, wann die Bedrohung groß genug dafür ist?


Faktencheck

Was hier geprüft wurde — und was nicht

Münklers Deutungen stehen nicht zur Prüfung: die Sandwichposition, das funktionelle Zusammenspiel, Atlantizismus gegen Eurasismus als Analyserahmen, seine Handlungsliste. Das sind Positionen, keine Tatsachenbehauptungen. Geprüft wurde, was historisch oder empirisch überprüfbar ist. Der Befund ist gemischt: Die großen ideengeschichtlichen Linien halten durchweg — bei zwei Zuschreibungen aber wird aus einer Deutung ein Beleg.

Falsch — „Gerassimow hat den hybriden Krieg als Erster entwickelt"

Der Begriff stammt nicht aus Moskau. Hybrid warfare prägte William J. Nemeth 2002 in einer Arbeit über Tschetschenien, verbreitet wurde er 2007 von Frank Hoffman am Beispiel der Hisbollah — beides Jahre vor Gerassimows Text. Was Gerassimow im Februar 2013 schrieb, war die Mitschrift eines Vortrags vor der Akademie der Militärwissenschaften, in dem er beschrieb, was aus seiner Sicht der Westen in Arabischem Frühling und Farbrevolutionen tue — keine russische Anleitung, sondern eine Bedrohungsdiagnose. Die Formel „Gerassimow-Doktrin” erfand Mark Galeotti 2014 als Platzhalter in einem Blogpost und nahm sie 2018 öffentlich zurück („I’m Sorry for Creating the ‘Gerasimov Doctrine’”). Die Forschung ist hier ungewöhnlich einig. — Der Befund dahinter bleibt unangetastet: Dass Russland seit Jahren mit nichtmilitärischen Mitteln gegen Europa operiert, bestreitet niemand. Aber die Urheberschaft dem russischen Generalstabschef zuzuschreiben, macht aus einem diffusen Phänomen einen benannten Plan mit einem Autor — genau das, was Münklers These einer russischen Drehbuch-Logik braucht. Er wiederholt die Zuschreibung später beiläufig („diejenigen, die den hybriden Krieg erfunden haben”). Quelle: Galeotti, Foreign Policy 2018 · McDermott 2016, doi:10.55540/0031-1723.2827 · Libiseller 2023, doi:10.1080/01402390.2023.2177987 · Nemeth 2002 · Hoffman 2007 (PDF)

Falsch — „Putin bot 2001 an, Deutschland könne mit Frankreich den Rest Europas beherrschen"

Dieser Satz steht nicht in der Rede. Das vollständige Wortprotokoll enthält kein Angebot eines deutsch-französischen Kondominiums; die Rede endet mit einer Passage über deutsch-russische Wirtschaftsbeziehungen und dem Bild vom „starken und lebendigen Herz Russlands”. Ebenso wenig findet sich dort, die Amerikaner würden Europa verlassen, oder eine Aufforderung, die Finger von der Osterweiterung zu lassen — Putin erwähnt den Streit über die NATO-Ausbreitung nur in einer Aufzählung ungelöster Fragen und lobt an anderer Stelle die „beispiellos niedrige Konzentration von Streitkräften und Waffen in Mitteleuropa und in der baltischen Region”. Münkler markiert seine Quelle selbst als Erzählung zweier CDU-Abgeordneter, präsentiert das Ergebnis aber als Redeinhalt. Als Interpretation der Passage über Europa als „selbstständigen Mittelpunkt” ist die Lesart diskutabel; als Zitat existiert sie nicht. Quelle: Deutscher Bundestag — Wortprotokoll der Rede Putins, 25.09.2001

Bestätigt — Putins Bundestagsrede: Rahmen und Rohstoff-Angebot

Putin sprach am 25. September 2001 vor Bundestag und Bundesrat, den Hauptteil auf Deutsch; das Wortprotokoll endet mit „(Anhaltender Beifall – Die Abgeordneten erheben sich)“. Auch der ökonomische Kern, den Münkler referiert, steht im Text: Europa werde seinen Ruf als mächtiger und selbstständiger Mittelpunkt der Weltpolitik langfristig nur festigen, „wenn es seine eigenen Möglichkeiten mit den russischen menschlichen, territorialen und Naturressourcen sowie mit den Wirtschafts-, Kultur- und Verteidigungspotenzialen Russlands vereinigen wird.” Quelle: Deutscher Bundestag, Wortprotokoll

Bestätigt — Grotius, Mahan, Clausewitz

De iure belli ac pacis erschien 1625 in Paris und gilt als Gründungstext des Völkerrechts. Alfred Thayer Mahan veröffentlichte 1890 The Influence of Sea Power upon History, 1660–1783 über den Aufstieg Großbritanniens als Seemacht. Und die Clausewitz-Stelle steht wörtlich in Vom Kriege, Sechstes Buch, Fünftes Kapitel: „Der Krieg ist mehr für den Verteidiger als für den Eroberer da, denn der Einbruch hat erst die Verteidigung herbeigeführt und mit ihr erst den Krieg. Der Eroberer ist immer friedliebend (wie Bonaparte auch stets behauptet hat), er zöge ganz gern ruhig in unseren Staat ein.” Münkler gibt beides korrekt wieder, samt der Ironie — Clausewitz spricht Napoleon keine Friedensliebe zu, er zitiert dessen Selbstbeschreibung. Quelle: Clausewitz, Vom Kriege, Buch VI · Peace Palace Library zu Grotius

Bestätigt — Peter I., Poltawa, Katharina II.

Peter I. schlug Karl XII. am 8. Juli 1709 bei Poltawa; danach zerfiel Schwedens Ostseeimperium, mit dem Frieden von Nystad 1721 wurde Russland Ostseemacht. Die russische Strategie des Ausweichens und der verbrannten Erde zog das schwedische Heer tatsächlich nach Süden — „locken” ist eine Verdichtung, denn Karls Marsch folgte auch dem Überlaufen Mazepas und der Suche nach Nachschub. Katharina II., geborene Prinzessin von Anhalt-Zerbst, kam nach dem Sturz Peters III. 1762 zur Alleinherrschaft und ließ „Neurussland” durch Fürst Potemkin erschließen. Einschränkung: Historisch meint „Neurussland” den nordpontischen Raum (Cherson, Jekaterinoslaw, Taurien) — der Donbas liegt an dessen Ostrand. Münkler folgt der von Putin 2014 wiederbelebten, weiter gefassten Verwendung, was für sein Argument gerade der Punkt ist. Quelle: Encyclopedia of Ukraine — Poltava, Battle of

Bestätigt — Katechon, mit einer Präzisierung

Der Begriff stammt aus 2 Thess 2,6–7; die Verfasserschaft ist strittig, „vermutlich nicht Paulus selbst” ist eine vertretbare Mehrheitsposition — allerdings keine geschlossene (eine Umfrage der British New Testament Conference 2011 ergab 57 % für paulinische Verfasserschaft, 12 % dagegen, 32 % unentschieden). Münklers „vermutlich” respektiert diese Offenheit. Auch der Deutungsrahmen hält: Carl Schmitt machte den Katechon zum politiktheologischen Begriff, Alexander Dugins Moskauer Denkfabrik heißt buchstäblich Katehon, und das Motiv Russlands als Aufhalter westlicher Dekadenz findet sich in Texten der Russisch-Orthodoxen Kirche bis zum Mandat des Weltkonzils des Russischen Volkes (2024). Präzisierung: Im griechischen Text steht der Artikel sehr wohl (τὸ κατέχον in V. 6, ὁ κατέχων in V. 7) — die Unentscheidbarkeit zwischen „der” und „das” entsteht nicht durch dessen Fehlen, sondern weil der Text beide Geschlechter verwendet. Quelle: Uchaev 2023, doi:10.17323/1728-192x-2023-4-26-45 · Kilp/Pankhurst 2025, doi:10.3390/rel16040466

Bestätigt — Putin über Danzig, und das Merz-Zitat

Im Interview mit Tucker Carlson (Februar 2024) sagte Putin, Polen habe, weil es den Danziger Korridor nicht abgetreten und „es zu weit getrieben” habe, Hitler zum Angriff gedrängt; das polnische Außenministerium widersprach in einer Zehn-Punkte-Richtigstellung. Münkler gibt die Aussage korrekt wieder und distanziert sich ausdrücklich von ihrem Wahrheitsanspruch. — Das Merz-Zitat verdichtet zwei echte Äußerungen: „Wir sind nicht im Krieg, aber wir sind auch nicht mehr im Frieden” (29.09.2025) und „Er führt einen hybriden Krieg gegen uns” (07.10.2025). Die Zusammenziehung trifft die Substanz beider Sätze. Quelle: Notes from Poland zur Richtigstellung · ZDFheute, 29.09.2025

Bestätigt — Panzerbrigade 45 und Masalas Narva-Szenario

Die Panzerbrigade 45 „Litauen” wurde zum 1. April 2025 in Dienst gestellt, der Aufstellungsappell fand am 22. Mai 2025 in Vilnius statt. Hauptstandort ist Rūdninkai südlich von Vilnius, in unmittelbarer Nähe des Suwałki-Korridors; volle Einsatzbereitschaft mit rund 4.800 Soldaten ist für Ende 2027 vorgesehen — der erste dauerhaft im Ausland stationierte Bundeswehr-Großverband. Carlo Masala lässt in Wenn Russland gewinnt (2025) das Szenario tatsächlich mit der Einnahme von Narva und der Insel Hiiumaa beginnen. Quelle: BMVg — Aufstellungsappell in Vilnius

Nicht verifizierbar — Pistorius halte den Suwałki-Korridor für gefährlicher als Narva

Dass die Brigade unmittelbar am Suwałki-Korridor steht, ist Tatsache und lässt sich als Priorisierung lesen. Eine öffentliche Äußerung von Pistorius, die Suwałki gegen Narva abwägt oder Masala widerspricht, ist nicht auffindbar — Münkler macht aus einer Standortentscheidung eine ausgesprochene Lagebewertung.

Nicht verifizierbar — Kjellén als Urheber des „querstehenden Blocks"

Belegt ist der Rahmen: Rudolf Kjellén (1864–1922) prägte den Begriff Geopolitik und war im Ersten Weltkrieg einer der prominentesten intellektuellen Parteigänger der Mittelmächte; die Koalition Deutschland–Österreich-Ungarn–Bulgarien–Osmanisches Reich war real. Belegt ist auch die Infrastruktur: Die Bagdadbahn wurde ab 1903 unter Federführung der Deutschen Bank finanziert, Konzessionsziel war der Persische Golf. Keine unabhängige Quelle weist Kjellén als Urheber der Vorstellung eines Querblocks von Skandinavien bis ins Osmanische Reich aus; der kanonische Text dieser Raumidee ist Friedrich Naumanns Mitteleuropa (1915). Münklers eigene ideengeschichtliche Lesart — plausibel, aber hier nicht extern absicherbar.

Vereinfacht — Chinas „17+1" und der Mechanismus Schulden → Veto

Drei Ungenauigkeiten in einem Bild. Die Zahl: Das Format startete 2012 als 16+1, war nur von April 2019 (Beitritt Griechenlands) bis 2021 ein 17+1 und ist seit dem Austritt Litauens (2021) sowie Estlands und Lettlands (2022) ein 14+1. Der Kronzeuge: Die immer zitierte Blockade — Griechenland verhinderte im Juni 2017 eine gemeinsame EU-Erklärung zur Menschenrechtslage in China — fand zwei Jahre vor dem griechischen Beitritt zum Format statt und beruhte auf einer Direktinvestition (COSCOs Mehrheitsübernahme des Hafens Piräus), nicht auf einem abzustotternden Kredit. Der Mechanismus: Die These, chinesische Kredite erzeugten politische Botmäßigkeit („debt-trap diplomacy”), ist forschungsseitig umstritten; Chatham House und Deborah Brautigams China-Africa Research Initiative finden für die Standardfälle keine Belege. Der Befund selbst — China zerlegt europäische Einstimmigkeit über einzelne Hauptstädte — ist gut dokumentiert. Nur die Kausalkette stimmt so nicht. Quelle: Chatham House, Debunking the Myth of ‘Debt-trap Diplomacy’ (PDF) · GPPi/MERICS

Bestätigt — Carney in Davos, E5-Treffen und NATO-Gipfel

Mark Carney sagte am 20. Januar 2026 beim Weltwirtschaftsforum: „Middle powers must act together, because if you’re not at the table, you’re on the menu.” Der Aphorismus selbst ist älter und in Washington seit Jahren geläufig — Carney hat ihn nicht erfunden, aber im Kontext der Mittelmächte zum geflügelten Wort gemacht. — Die Keynote fiel auf den 24. Juni 2026, exakt den Tag, an dem Merz die Staats- und Regierungschefs Frankreichs, Großbritanniens, Italiens und Polens zum E5-Treffen nach Berlin lud, ausdrücklich zur Vorbereitung des NATO-Gipfels. Der Gipfel fand am 7. und 8. Juli 2026 in Ankara statt, der erste in der Türkei seit 2004. Kleine Unschärfe: „nächste Woche” waren es zwei. Quelle: Carneys Rede beim WEF 2026 · NATO — 2026 Summit in Ankara · Deutschlandfunk zum E5-Treffen, 24.06.2026

Vereinfacht — das Schäuble-Lamers-Papier als „Europa der zwei Geschwindigkeiten"

Münklers Definition ist lehrbuchrichtig: Zwei Geschwindigkeiten heißt gleiches Ziel, andere Ankunftszeit. Nur passt sie nicht auf das Papier, gegen das er sich abgrenzt. Die „Überlegungen zur europäischen Politik” von Schäuble, Lamers und Glos (1. September 1994) sind das Gründungsdokument des Kerneuropa-Gedankens: ein fester Kern aus Deutschland, Frankreich und den Benelux-Staaten, der in allen Politikfeldern voranschreitet, mit Deutschland und Frankreich als „Kern des Kerns” — offen für andere, aber mit ungleichen Rechten und Pflichten. Damit nimmt das Papier genau die Abstufung vorweg, die Münkler als sein eigenes Mehr präsentiert. Der Kontrast ist rhetorisch nützlich, historisch aber schwächer, als er ihn zeichnet. Quelle: Blätter — „Überlegungen zur europäischen Politik” (1994)

Vereinfacht — das „Agreement von 1949" über SACEUR und Generalsekretär

Die Sache stimmt, die Urkunde nicht. Der Nordatlantikvertrag vom 4. April 1949 sagt zu beidem nichts; er kennt weder SACEUR noch einen Generalsekretär. Beide Ämter entstanden erst mit der integrierten Kommandostruktur: SACEUR 1951 mit Eisenhower, der Generalsekretär 1952 mit Lord Ismay. Dass der Oberbefehlshaber stets ein amerikanischer Offizier ist und der Generalsekretär stets ein Europäer, ist eine gefestigte Konvention, keine vertragliche Bindung. Für Münklers Vorschlag ist das eher gute Nachricht — eine Konvention lässt sich leichter ändern als ein Vertrag. Quelle: NATO — Supreme Allied Commander Europe

Vereinfacht — der „besoffene Steuermann" im Suezkanal und Chinas Vorräte

Gemeint ist die Ever Given, die am 23. März 2021 sechs Tage lang den Kanal blockierte. Der Abschlussbericht des Flaggenstaats Panama (2023) nennt als Ursache den Verlust der Manövrierfähigkeit — starker Wind, überhöhte Geschwindigkeit, Ufersog sowie Fehler der Kanallotsen. Von Alkohol ist in keiner Untersuchung die Rede. Das ist rhetorische Farbe, keine Behauptung — nur schwächt sie unfreiwillig Münklers eigenes Argument: Aus dem systemischen Befund wird das Bild eines individuellen Versagens. Die Folge selbst, die Just-in-Time-Ausfälle, ist gut belegt. — Bei Chinas Lebensmittelreserve stimmt die Größenordnung, das Ziel nicht: China hält mehr als die Hälfte der weltweiten Getreidevorräte, die Weizenbestände deckten laut Angaben der nationalen Reservebehörde etwa anderthalb Jahre. Für ein offizielles Ziel von drei Jahren ist keine unabhängige Quelle auffindbar. Quelle: The Maritime Executive zum Panama-Bericht · CSIS ChinaPower zur Ernährungssicherheit


Verbindungen

Herfried Münkler — Muss es Kriege geben

Die ältere Note fragt, ob es Krieg geben muss, und antwortet mit einer Anthropologie: Sesshaftigkeit, Thukydides-Falle, postheroische Gesellschaft. Diese fragt, was jetzt zu tun ist, und antwortet mit einer Liste. Dieselbe Denkfigur wandert dabei vom Erklärungsmittel zum Werkzeug: Clausewitz’ Satz, der Krieg beginne mit der Verteidigung, diente dort der Einsicht, dass Widerstand den Krieg konstituiert — hier legt er den Begriff „Angriffskrieg” selbst frei. Und wo die ältere Note die postheroische Gesellschaft als Diagnose führte, steht am Ende der Keynote die Forderung, sie zu überwinden: „Es gibt eine Produktivität von Feindschaft.” Der eigentliche Bruch ist der Westen — dort war er noch der Rahmen, hier sagt Münkler: „Diesen Westen gibt es nicht mehr.”

WDR Europaforum — Frieden schaffen mit immer mehr Waffen

Dieselbe Frage, aber als Streit statt als Theorie — und der Streit trifft Münkler an zwei Stellen frontal. Jan van Aken hält mit Egon Bahrs struktureller Nichtangriffsfähigkeit dagegen, dass Aufrüstung als solche Deeskalation sei. Münklers eigene Sandwichthese, wonach europäische Aufrüstung Trumps Erpressungshebel füllt, ist dabei der weit unbequemere Einwand aus derselben Richtung — Münkler rüstet trotzdem auf. Die schönste Reibung ist Šešelgytė: Was hier „die Geiseln Litauens” heißt, klingt bei der Litauerin als „Wir sind sehr dankbar gegenüber Deutschland, dass sie uns diese Truppen geschickt haben.” Dieselbe Brigade, zwei Sprachen — die Funktion und das Leben, das dieser Analyse fehlt.

WDR Europaforum — Out of order Voelkerrecht

Die direkte Gegenposition, und diesmal namentlich: Wolfgang Kaleck greift die „Carl-Schmitt-mäßige” Lust der Feuilletons an Machtpolitik an — und Münkler holt in dieser Keynote gleich zwei Schmitt-Figuren aufs Podium, den Katechon und die Produktivität der Feindschaft. Wo Münkler den Begriff des Angriffskriegs mit Clausewitz „schwierig” macht, bestehen Kai Ambos und Kaleck auf dem Gewaltverbot als hartem Recht, nicht als Idealismus. Sham Jaffs Einwand trifft zusätzlich Münklers Selbstkorrektur: Für den größeren Teil der Welt war der Westen nie der stabile Anker, dessen Verlust er beklagt — sein Irrtum war für andere nie einer.

Joerg Baberowski — Putin Herrschaft und liberale Demokratie

Zwei Berliner Professoren derselben Universität lesen denselben Mann und widersprechen sich in der Methode. Münkler rekonstruiert aus Peter I., Katharina II. und Hitlers Infiltrationstaktik ein Drehbuch, das bis zur Ostsee reicht; Baberowski sagt „Wir wissen nicht, wer entschieden hat, die Ukraine anzugreifen”, nennt die Macht eine Blackbox und warnt genau vor der Projektion, aus der Münklers Prognose lebt. Beide teilen die kalte Anatomie der Eskalationsspirale, die von innen nicht endet — Baberowski leitet daraus Zurückhaltung ab, Münkler eine Handlungsliste. Zur Hierarchisierung der EU liefert Baberowski das Störgeräusch mit: Wer demokratische Selbstregierung an umgrenzte Räume bindet, kann Beitritt ohne Vetorecht schwer als Demokratie verbuchen.

ARTE — Hybrider Angriff Putins Krieg gegen Europas Osten

Was Münkler in zwei Minuten behauptet, führt diese Doku in vier Ländern vor — Vrbětice, Nowitschok, Voice of Europe — und bestätigt seinen entscheidenden Punkt: Die Waffe ist nicht der Schaden, sondern die Unzufriedenheit und wem sie nützt. Zugleich zeigt die Note die Grenze: Der Film behauptet Koordination und beweist ein Echo. Damit trifft er Münklers eigene Schwachstelle, die er nicht benennt — ein Begriff, der Stromausfall, Bahnstörung und Wahlkampf umfasst, verliert die Trennschärfe, deren Verlust er beklagt.

Grenzgaenger Studios — Wie Peter Thiel den Westen umbauen will

Münkler nennt Thiel im Katechon-Abschnitt beiläufig als Beleg dafür, dass die USA ins Katechontische rücken — diese Note ist die ausgeführte Fassung der Fußnote. Thiels Antichrist-Vorträge arbeiten mit demselben Denkbild: eine Weltordnung, die dem Ende entgegengeht, und ein Aufhalter, der sie bremst; nur kommt der Antichrist bei ihm mit dem Versprechen von „Frieden und Sicherheit”. Damit wird Münklers Sorge vor einer amerikanisch-russischen Koalition konkret — sie bräuchte keine Werteverwandtschaft, nur dieselbe Apokalyptik.

Eva von Redecker — Dieser Drang nach Härte

Münklers stärkste Entdeckung — dass der russische Dekadenzvorwurf und die eigene hybride Kriegführung dieselbe Struktur haben, die Auflösung einer binären Ordnung — bleibt bei ihm eine Beobachtung über intellektuelle Inkonsistenz. Redecker erklärt, warum es keine ist: Phantombesitz und Ausnahmezustandslogik machen die verlorene Ordnung zu einem Anspruch, dessen Verteidigung Gewalt legitimiert, und weil das Phantom nie greift, muss immer bis zum Äußersten gegangen werden. Ihre „Souveränität durch Verwüstung” ist zugleich die dritte Lesart Putins neben Münklers Drehbuch und Baberowskis Blackbox: nicht Kalkül, nicht Undurchschaubarkeit, sondern ein Anspruch, der sich nur noch durch Zerstörung beweisen kann.

Zhao Tingyang, Forst und Williams — Tianxia und die Bedeutungen der Demokratie

Münklers Satz „Es gibt eine Produktivität von Feindschaft” hat hier eine exakte Antithese: Zhaos relationale Rationalität, die nicht Eigeninteresse maximiert, sondern gegenseitige Feindseligkeit minimiert — und das nicht als Moral, sondern als Stabilitätsbedingung eines Systems. Wo Münkler die Handlungsunfähigkeit der 27 durch Hierarchisierung heilen will, setzt Tianxia auf Internalisierung der Welt: kein Außen mehr, auf das Staaten ihre Probleme abwälzen — die Führungsgruppe der fünf ist dessen Gegenteil. Und Zhao ist die dritte Großerzählung, die in Münklers Gegenüberstellung von Atlantizismus und Eurasismus fehlt: China erscheint bei ihm nur als Gläubiger mit Vetohebel, nie als Entwurf einer Ordnung.


Weiterführende Quellen

Von Münkler in der Keynote genannt oder erwähnt:

  • Hugo Grotius: De iure belli ac pacis (1625) — Grundlage der rechtlichen Trennung von Krieg und Frieden
  • Alfred Thayer Mahan: The Influence of Sea Power upon History (1890) — geistige Wurzel des Atlantizismus
  • Carl von Clausewitz: Vom Kriege — zur These, der Krieg beginne mit der Verteidigung
  • Rudolf Kjellén — schwedischer Geopolitiker, Konzept des querstehenden Blocks
  • Wolfgang Schäuble / Karl Lamers: Überlegungen zur europäischen Politik (1994) — das „Europa der zwei Geschwindigkeiten”

Von Münkler selbst:

Zur Prüfung der Zuschreibungen — die Primärtexte:


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte

  • Münkler sagt, die Unterscheidung zwischen Krieg und Frieden sei überholt. Was verlieren wir mit ihr — und ist es klug, ein Ordnungssystem aufzugeben, nur weil die Gegenseite es nicht mehr respektiert?
  • Er hält das eigene Fehlurteil über den Westen ausdrücklich fest und leitet daraus eine neue Gewissheit ab. Welche Prämisse seiner heutigen Analyse ist der wahrscheinlichste Kandidat für den nächsten Irrtum?
  • „Es gibt eine Produktivität von Feindschaft.” Stimmt das — und wenn ja, wie unterscheidet eine Gesellschaft eine produktive Feindschaft von der Feindbildpflege, aus der sie nicht mehr herausfindet?
  • Die Panzerbrigade in Litauen nennt er Geiseln. Wenn Abschreckung darauf beruht, den eigenen Rückzug unmöglich zu machen — welchen Anspruch haben die Menschen, die diesen Riegel bilden, darauf, dass es ihnen gesagt wird?
  • Zweimal wird in dieser Keynote aus einer Deutung ein Beleg — bei Gerassimow und bei Putins Bundestagsrede, beide Male in dieselbe Richtung: Das Diffuse bekommt einen Autor, die Absicht einen Wortlaut. Ist das Nachlässigkeit oder die Betriebsform jeder großen Erzählung — und woran erkennt man den Unterschied von außen?
  • Panmunjom hält seit dreiundsiebzig Jahren ohne Friedensvertrag. Ist das der Beweis, dass Münklers Zwischenzustand aushaltbar ist — oder die Warnung, dass man sich in ihm einrichtet, bis niemand mehr weiß, wie ein Ende aussähe?