GedankenraumFlorence Gaub — DenkerVita
Zukunft findet jetzt statt, in unseren Köpfen: Florence Gaub, Forschungsdirektorin am NATO Defense College, macht Szenarien zum Werkzeug gegen Angst und fehlende Vorstellungskraft.
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Remedios Varo — feine surreale Mechanik. Zukunftsforschung als Weben möglicher Welten: Eine Figur im Turm webt an einer Messingmaschine Fäden, die draußen zu Landschaften werden; ein weißes Kaninchen läuft als Bote, durchs Fenster nähert sich ein graues Nashorn, und die Schreiber im Raum schauen weg.
Prompt: Painting in the manner of Remedios Varo, oil on masonite, fine glazes and delicate brushwork, 1200x500 wide banner, muted gold, umber, teal and pale rose. Inside a round stone tower room a slender cloaked figure with a long stylized face sits at a strange wooden instrument made of brass gears and spindles, weaving many thin threads that leave through the narrow windows and become possible landscapes outside. A white rabbit with a pocket watch runs along one thread. Through the largest window, on a distant plain, a grey rhinoceros advances slowly, while other tiny figures in the tower look away at their papers. A brass telescope points at the horizon. Dreamlike surreal atmosphere, stylized faces, no realistic faces, no text, no signature, no monogram, no photorealism.
Biographischer Snapshot
Florence Gaub (*1977 in München), deutsch-französische Politikwissenschaftlerin und Zukunftsforscherin. Seit 2023 Forschungsdirektorin des NATO Defense College in Rom, zuvor stellvertretende Direktorin des EU-Instituts für Sicherheitsstudien (EUISS) in Paris, wo sie dessen Foresight-Arbeit aufbaute. Expertin für Militär und Konflikte im Nahen Osten und in Nordafrika, Vizepräsidentin des Europäischen Forums Alpbach. Spricht Deutsch, Französisch, Englisch, Arabisch und Italienisch.
Wichtigste Werke: Guardians of the Arab State (2017), Global Trends to 2030 (2019), Zukunft. Eine Bedienungsanleitung (2023), Szenario. Die Zukunft steht auf dem Spiel (2025) Kernkonzepte: Zukunft als Vorstellung in der Gegenwart, Failure of Imagination, die Kunst des Warnens, partizipative Zukunft, Angst als kurzfristiges Gefühl, „Ideen daten, nicht heiraten“
Biografie
München, Paris, Berlin (bis 2009): Gaub studiert Politikwissenschaft, Französisch und Neuere Geschichte an der LMU München, mit einem Semester an Sciences Po in Paris. Ihr erstes Buch untersucht die Darstellung des Krieges im französischen Roman von Waterloo bis zum Ersten Weltkrieg (2008). Von 2007 bis 2009 unterrichtet sie Militärische Studien an der Universität Potsdam und an Sciences Po. An der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert sie über die Integration von Armeen nach Bürgerkriegen, multiethnische Streitkräfte und Wiederaufbau, erschienen 2010 bei Routledge.
Nahost und die NATO (2009–2018): Von 2009 bis 2013 arbeitet sie am NATO Defense College in Rom, 2012 bis 2015 ist sie zudem Reserveoffizierin der französischen Armee im Rang eines Majors. Sie forscht über die Folgen des Irakkriegs, den Libanonkrieg 2006 und den NATO-Einsatz in Libyen 2011. Anfang 2012 sagt sie in einer britischen Botschaft einen Krieg in Libyen voraus, weil sie dort junge Männer mit Waffen ohne jede Aufsicht gesehen hatte; der Botschafter antwortet, Wissenschaftler seien immer so negativ, die Leute dort seien „total nett“. Danach rät ihr ein Coach, ein Trusted Advisor zu werden: erst das Vertrauen gewinnen, das Ego zurücknehmen, die Arbeit hinter der Bühne tun. Der Arabische Frühling, den ihre Branche nicht kommen sah, führt sie zur Frage, wie man Zukunft methodisch denkt. 2017 erscheint Guardians of the Arab State bei Oxford University Press, 2018 mit Rob Weighill The Cauldron über den Libyen-Einsatz.
Foresight für Europa (2013–2023): Am EUISS in Paris ist sie zunächst Senior Analyst, von 2018 bis 2022 stellvertretende Direktorin. Sie baut die Foresight-Kapazitäten des Instituts auf, gibt die Reihe What if …? der Chaillot Papers heraus und schreibt 2019 für das Foresight-Netzwerk der EU den Bericht Global Trends to 2030. Mit Arab Climate Futures (2021) zeigt sie, wie Wasserknappheit den Nahen Osten schon heute verändert. Sie sitzt in Zukunftsräten des Weltwirtschaftsforums und lehrt als Gastprofessorin am College of Europe.
Zurück in Rom (seit 2023): 2023 kehrt sie als Forschungsdirektorin an das NATO Defense College zurück. Im selben Jahr erscheint Zukunft. Eine Bedienungsanleitung (dtv), 2025 Szenario, ein Buch, in dem die Lesenden selbst außenpolitische Entscheidungen durchspielen. Mit ihrem Team befragt sie Science-Fiction-Autorinnen und -Autoren aus dem Bündnis und macht daraus den Comic NATO 2099. Auf der Utopie-Konferenz 2024 der Leuphana Universität Lüneburg spricht sie mit dem Soziologen Heinz Bude, moderiert von Maja Göpel und Jagoda Marinić, über Vertrauen und Fortschritt. Sie ist gefragter Gast bei Markus Lanz, maischberger und im Podcast Lanz + Precht. 2026 erhält sie den Helmut-Schmidt-Zukunftspreis.
Bücher & Publikationen
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Szenario. Die Zukunft steht auf dem Spiel | 2025 | Ein Planspiel als Buch: Die Lesenden treffen außenpolitische Entscheidungen und erleben, wie viel Einfluss sie auf die Zukunft haben. dtv. |
| Zukunft. Eine Bedienungsanleitung | 2023 | Wie Menschen sich Zukunft vorstellen, sie konstruieren und damit erschaffen, und warum Angst und Pessimismus schlechte Ratgeber sind. dtv. |
| The Cauldron. NATO's Campaign in Libya | 2018 | Mit Rob Weighill: der NATO-Einsatz in Libyen 2011 aus der Nähe. Hurst. |
| Guardians of the Arab State. When Militaries Intervene in Politics, from Iraq to Mauritania | 2017 | Warum Armeen in arabischen Staaten putschen, und wann nicht. Oxford University Press. |
| Military Integration after Civil Wars | 2010 | Die Dissertation: multiethnische Armeen, Identität und Wiederaufbau nach Bürgerkriegen. Routledge. |
Berichte (Auswahl): Global Trends to 2030 (EUISS/ESPAS 2019) · Arab Climate Futures (EUISS 2021) · What if … there is no Muslim mass migration to Europe? (Chaillot Paper 172, 2022) · NATO 2099 (Graphic Novel, NATO Defense College 2024)
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Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Vertrauen & Fortschritt? Heinz Bude, Florence Gaub, Maja Göpel, Jagoda Marinić — Utopie-Konferenz 2024, Leuphana Universität Lüneburg (1 Std. 8 Min.). Graue Nashörner, die Kunst des Warnens, Angst und die Frage, warum man Beraterinnen vertrauen sollte.
- re:publica 2024: Zukunft. Eine Bedienungsanleitung — re:publica, Mai 2024 (31 Min.). Wie der Mensch Zukunft imaginiert, konstruiert und erschafft.
- Florence Gaub, wie denkt die Nato Frieden? — ZEIT-Podcast Alles gesagt?, April 2024 (6 Std. 21 Min.). Das lange Lebensgespräch mit Christoph Amend und Jochen Wegner.
- Sommergespräch mit Florence Gaub — Lanz + Precht, Folge 254, Juli 2026 (59 Min.). Gaub beklagt eine „Inflation von Negativität“, auch in diesem Podcast.
- Wie sollte Deutschland auf hybride Angriffe reagieren? — maischberger, August 2026 (18 Min.). Drohnen über Europa und die Antwort des Westens.
- Zukunft. Eine Bedienungsanleitung – mit Florence Gaub und Martin Korte — Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, September 2023 (57 Min.). Die Zukunftsforscherin im Gespräch mit dem Neurobiologen.
- NATO 2099 – Introduction by Florence Gaub — NATO Defense College, Juli 2024 (3 Min., englisch). Die Graphic Novel aus den Visionen von 34 Science-Fiction-Autoren.
Kernthesen
- Die Zukunft findet jetzt statt. „Die Zukunft ist im Jetzt, denn sie ist jetzt hier in unseren Köpfen.“ Wer sagt, man solle im Jetzt leben, übersieht, dass jede Entscheidung von einer Vorstellung der Zukunft geleitet ist.
- Utopien werden in der Krise geboren. Niemand denkt am Strand mit dem Cocktail über eine bessere Welt nach. Gerade weil die Lage schlimm ist, braucht es Bilder einer positiven Zukunft, und gerade die fehlen ihr in Talkshows und in ihrer eigenen Branche.
- Zukunftsforschung ist Methode. In der Außenpolitik gebe es viel Phrasendrescherei; Foresight sei ein strukturierter Ansatz: Szenarien, in möglichst diversen Gruppen entwickelt, Daten wo vorhanden, Einfühlung, wo es keine gibt („Was macht Putin als Nächstes?“), und Science-Fiction als Quelle dafür, was eine Kultur über ihre Zukunft denkt. In der russischen Science-Fiction tauche eine Invasion der Ukraine seit 1990 immer wieder auf.
- Failure of Imagination. Der Untersuchungsbericht zum 11. September nannte das Versagen der Vorstellungskraft als einen der Gründe: Man sah die Fakten, konnte sich die Tat aber nicht vorstellen. Szenarien sollen diese Lücke füllen.
- Die Kunst des Warnens. Nach jeder Katastrophe heißt es, niemand habe sie kommen sehen; in Wahrheit hat es immer jemand gesehen, aber der Kanal war verstopft. Je schlimmer die Nachricht, desto eher schaltet das Gehirn ab, das Kassandra-Phänomen. Wer warnt, muss die Psychologie der Entscheider verstehen und zuerst ihr Vertrauen gewinnen.
- Zukunft ist partizipativ, per Definition. „Zukunft ist wie eine Zahnbürste“: Wer sie nicht mitgestaltet hat, will sie nicht. Ein Zukunftsmodell, das ohne die Betroffenen entsteht, löst Abwehr aus. Partizipation heißt für sie nicht Volksabstimmung, aber Einbindung am Anfang und am Ende.
- Angst denkt kurzfristig. Bei großer Angst übernimmt die Amygdala und sperrt den Zugang zum kreativen Lösungsdenken. Angst wird bewusst oder gedankenlos erzeugt, von Putin wie von Medien, die merken, welcher rote Knopf Klicks bringt. Jeder sei mitverantwortlich, den eigenen Geist zu schützen: „Handy weg, Fernseher aus, geht lieber im Wald spazieren.“ Hoffnung sieht sie in Bewegungen wie dem Hopepunk in der Science-Fiction, der den Weg in eine bessere Zukunft zeigen will.
- Ideen daten, nicht heiraten. Selbstvertrauen braucht Selbstzweifel. Ihr Team prüft regelmäßig alte Zukunftsberichte darauf, ob sie eingetreten sind und warum nicht. Vertrauenswürdig macht, wer sagt, wo er sich geirrt hat.
- Bei Krieg hat die KI nicht das letzte Wort. Eine Maschine kann sich schlecht vorstellen, Putin zu sein, oder Opferbereitschaft und Altruismus begreifen. In NATO 2099 sagt eine KI Kriege vorher; das Team hält es für zu gefährlich, ihr die Entscheidung zu überlassen.
Politische Einordnung
Gaub spricht aus dem Inneren der europäischen und transatlantischen Sicherheitsinstitutionen: EU-Institut, NATO-Akademie, Reserveoffizierin. Ihre Grundhaltung nennt sie optimistisch, „mit ganz viel Geduld und ganz viel Spucke kriegen wir es hin“, und sie beklagt in der Öffentlichkeit eine „Inflation von Negativität“. Den Vorwurf, Beratung finde in geschlossenen Räumen statt, beantwortete sie in Lüneburg auf Jagoda Marinićs Nachfrage mit Kommunikation: Fast alles, was ihr Team erarbeite, stehe öffentlich auf der Website, Vertrauen erzwingen könne man nicht.
Kritik: Im April 2022 sagte sie bei Markus Lanz auf die Frage, ob sich die russische Bevölkerung gegen den Krieg auflehnen werde: „Auch wenn Russen europäisch aussehen, sind es keine Europäer, jetzt im kulturellen Sinne“; sie hätten einen anderen Bezug zu Gewalt und Tod. Das wurde vielfach als rassistisches, antislawisches Klischee kritisiert; die Spiegel-Kolumnistin Juno Vai gab ihr in der Sache teilweise recht. Gaub erläuterte sich in der Zeit, unter anderem im Streitgespräch mit Jens Siegert, dem langjährigen Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Moskau, und sagte, sie habe die Sicht eines russischen Bekannten wiedergegeben. In Lüneburg führte sie eine Studie an, nach der eine KI Verschwörungsgläubige leichter umstimme als ein Mensch, rund dreißig Prozent gegen unter fünf; die bekannteste Studie dazu fand eine Verringerung des Glaubens um rund zwanzig Prozent, über zwei Monate stabil (Costello et al. 2024, Science, DOI 10.1126/science.adq1814, Einzelstudie, randomisiert).
Verbindungen zu anderen Denkern
→ Heinz Bude
Ihr Gesprächspartner in Lüneburg. Bude definiert Vertrauen als den Entschluss, aufzuhören zu zweifeln, um handeln zu können, und erzählte, wie er im Corona-Krisenstab den Zweifel aussetzte. Gaub hielt den Selbstzweifel dagegen: Man solle seine Ideen daten, nicht heiraten. Über die Angst waren sie sich uneins: Bude will, dass jemand den Menschen mit Roosevelt die Angst vor der Angst abnimmt; Gaub hält Angst für ein kurzfristiges Gefühl mit Funktion, das jeder auch selbst zu managen lernen muss.
→ Jagoda Marinić
Marinić stellte ihr die unbequemste Frage des Panels: Warum sollten Menschen Beraterinnen vertrauen, die Regierungen in Räumen beraten, zu denen andere keinen Zugang haben? Und ist der Zweifel einer Expertin für manche nicht gerade beunruhigend? Gaub antwortete, erzwingen lasse sich Vertrauen nicht, nur verdienen.
→ Maja Göpel
Göpel brachte das „graue Nashorn“ ins Gespräch, die Gefahr, die man kommen sieht und trotzdem verdrängt. Gaub nannte den Klimawandel das graue Nashorn schlechthin und die Invasion der Ukraine ein weiteres. Beide verbindet die Frage, wie man Menschen zum Handeln bringt, bevor es zu spät ist, ohne sie mit Angst zu lähmen.
→ Liya Yu
Yu nennt Gaub als Partnerin einer Zusammenarbeit über die Zeithorizonte liberaler Demokratien, mit einem Artikel im New Scientist. Was Gaub als Amygdala-Hijack beschreibt, untersucht Yu als neuronale Grundlage politischer Angst und Entmenschlichung; beide fragen, wie Gesellschaften lange genug denken können, um nicht nur zu reagieren.
→ Marina Weisband
Am Morgen desselben Konferenztages sprach Weisband über Vertrauen durch Beteiligung. Gaubs Satz, die Zukunft sei partizipativ oder sie werde abgelehnt, ist die Zukunftsforschungs-Fassung von Weisbands Kinderparlament: Wer nicht mitgestaltet, fühlt sich nicht gemeint.
Cortex-Notes
- Maja Göpel und Jagoda Marinić — Vertrauen, utopisch? — mit Heinz Bude, Utopie-Konferenz Leuphana 2024
- Henrike von Scheliha und Aladin El-Mafaalani — Minderheitenschutz für Kinder? — ein Zuhörer erinnert an Gaubs Auftritt zwei Jahre zuvor
- Liya Yu — Neuropolitik und die Grenzen der Moral — als Kooperationspartnerin erwähnt
Im Bestand
acht gedachte Verweise