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Gedankenraum
Zeitgeist·08.10.2026·1:10 h·126 Belegstellen

Maja Göpel und Jagoda Marinić — Vertrauen, utopisch?

Vertrauen heißt, die Hand zu reichen, ohne zu wissen, ob man über den Tisch gezogen wird. Drei Runden fragen, woher es kommt, wer es verspielt und was die Angst daraus macht.

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Künstlerhand: Ben Shahn — Eitempera auf grundierter Platte, trockener Pinsel, eine zögernde Feder, die Stimmung der sozialen Malerei der Vierziger. Kreidiges Ocker, Schiefergrau, verblichenes Ziegelrot.

Warum: Eva von Redecker fasst Vertrauen in ein Bild, das die drei Runden trägt: Man reicht die Hand und erwartet, nicht über den Tisch gezogen zu werden. Shahn hat Hände gemalt wie kaum ein anderer, knochig, müde und doch ausgestreckt, und er malte die Demokratie von unten. Eine Hand liegt schwer auf dem Tisch, die andere zögert in der Luft. Dazwischen der Pappfuchs aus einem Kinderparlament, eine Zeitung, eine Tasse mit Sprung. Durch die Tür kommt das graue Nashorn, die Gefahr, die alle kommen sehen und keiner ansieht.

Prompt: Ben Shahn tempera painting, egg tempera on gessoed board, dry scumbled brushwork with visible brush texture and fine hesitant pen line, social realist mood of the 1940s, 1200x500 wide banner. A long bare wooden table runs across the picture. From the left edge a large gaunt open hand with long knotted fingers reaches across the table, palm up, offered. On the right a second hand hovers above the wood, hesitating, not yet touching. On the table lie a small cardboard fox cut-out on a stick, a folded newspaper and a cracked teacup. Through a tall open doorway in the background, half in shadow, a large grey rhinoceros walks slowly toward the room. Chalky ochre wall, slate grey, faded brick red, bone white, a patch of muted green. Painterly, not cartoon, no outlines like a comic, no realistic faces, no text, no letters, no signature, no monogram, no photorealism.

Worum es geht

Vertrauen heißt, die Hand zu reichen, ohne zu wissen, ob man über den Tisch gezogen wird. Ende August 2024, wenige Tage vor den Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen, holen Maja Göpel und Jagoda Marinić auf der Utopie-Konferenz in Lüneburg drei Runden auf die Bühne. In der ersten streiten Michel Friedman und Eva von Redecker darüber, was Vertrauen überhaupt ist, und ob man ihm trauen darf. In der zweiten erklärt Marina Weisband, warum ein Volk von Kunden keine Demokratie trägt, und Liya Yu sieht dabei vom Gehirn her zu. In der dritten erzählt Heinz Bude, wie er im März 2020 im Krisenstab des Innenministeriums saß und „die Angst der Leute übernommen“ habe. Marinić widerspricht sofort, und Florence Gaub, die Zukunftsforscherin der NATO, erklärt, warum Angst keine Zukunft kennt. Was die drei Gespräche verbindet, ist eine Frage, die keiner ganz beantwortet: Wann ist Vertrauen eine Vorleistung, und wann ist es nur der freundlichere Name für Gehorsam?

Quelle: Drei Hauptpanels der Utopie-Konferenz 2024 „Vertrauen“ an der Leuphana Universität Lüneburg (29.–31.08.2024), Gastgeberinnen Maja Göpel und Jagoda Marinić, veröffentlicht am 09.09.2025:

  1. Erster Konferenztag: Vertrauen – utopisch? Michel Friedman, Eva Redecker, Maja Göpel, Jagoda Marinić (1:08 h)
  2. Zweiter Konferenztag, vormittags: Vertrauen, das auch noch? Liya Yu, Marina Weisband, Maja Göpel, Jagoda Marinić (1:10 h)
  3. Zweiter Konferenztag, nach der Pause: Vertrauen & Fortschritt? Heinz Bude, Florence Gaub, Maja Göpel, Jagoda Marinić (1:08 h)

Die Publikumsfragen der Konferenz liefen nach den Panels in eigenen „Denkräumen“ und sind nicht aufgezeichnet. Schwester-Note desselben Wochenendes: Adam Tooze — Krise und demokratische Gelegenheit.

Wer spricht?

Maja Göpel (1976) — Politische Ökonomin und Transformationsforscherin, bis 2020 Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltveränderungen (WBGU), Gastgeberin von NEU DENKEN. Sie moderiert die meisten Übergänge und bindet am Ende zusammen.

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Jagoda Marinić (1977, Waiblingen) — Schriftstellerin und Kolumnistin mit kroatischen Wurzeln, lange Leiterin des Interkulturellen Zentrums Heidelberg, Gastgeberin von Freiheit Deluxe, Autorin von Sanfte Radikalität (2024). Die Unbequeme der beiden Gastgeberinnen: Sie zieht dreimal die Bremse, wo das Gespräch zu glatt wird.

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Michel Friedman (1956, Paris) — Jurist, Publizist und Philosoph, Kind polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender, ehemals stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden.

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Eva von Redecker (1982) — Philosophin aus der Kritischen Theorie, Autorin von Revolution für das Leben (2020) und Bleibefreiheit (2023), lebt auf einem Hof in der Prignitz.

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Liya Yu — Politikwissenschaftlerin und Neuropolitik-Forscherin, Autorin von Vulnerable Minds (2022), im Sommer 2024 nach drei Jahren in Taiwan nach Berlin zurückgekehrt.

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Marina Weisband (1987, Kyjiw) — Psychologin, 2011/12 politische Geschäftsführerin der Piratenpartei, seitdem in der politischen Bildung tätig, vor allem mit Beteiligungsprojekten an Schulen. Sie hat Familie in der Ukraine.

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Heinz Bude (1954, Wuppertal) — Soziologe, emeritierter Professor in Kassel, Gründungsdirektor des documenta-Instituts, Autor von Gesellschaft der Angst (2014). Im Frühjahr 2020 einziger Soziologe in der Expertengruppe des Bundesinnenministeriums.

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Florence Gaub (1977) — Politikwissenschaftlerin und Zukunftsforscherin, ursprünglich Nahost-Expertin, seit 2023 Forschungsdirektorin am NATO Defense College in Rom, Autorin von Zukunft. Eine Bedienungsanleitung (2023).

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Erste Bewegung: Was ist Vertrauen? Der erste Konferenztag, mit Eva von Redecker und Michel Friedman.

Die Hand, die man reicht

1:34 — Eva von Redecker beginnt mit einem Geständnis. Ihr falle Vertrauen zu leicht, sie habe nicht einmal das Gottvertrauen verloren. Gerade deshalb misstraut sie dem Wort. Auch der Autoritarismus lebt von Vertrauen, und als kritische Theoretikerin kennt sie ein ideologisches Vertrauen2:19: Vertraut auf die Selbstregulierung des Marktes, vertraut darauf, dass die Institutionen die Menschenrechte schützen, vertraut darauf, dass es besser wird, wenn ihr jetzt Opfer bringt. Ein solcher Aufruf beruhigt und verlängert, was herrscht.

Trotzdem hält sie Vertrauen für den Kern utopischen Denkens, und sie gibt ihm eine knappe Form. Vertrauen ist Kooperationserwartung3:06:

„Gewissermaßen ich reich die Hand und erwarte, nicht über den Tisch gezogen zu werden.“3:53

Hören — 3:53

In einer Konkurrenzgesellschaft ist schon das utopisch. Mit dem jungen Marx begründet sie, warum der Mensch es überhaupt kann: Er ist das einzige Tier, das sich vorstellt, was der andere sich von ihm vorstellt. Dieselbe Fähigkeit zur wechselseitigen Perspektivübernahme erlaubt auch Ausbeutung und Sadismus, die keine andere Spezies beherrscht5:27. Vertrauen und Grausamkeit wachsen aus derselben Wurzel.

Dann ihr zeitdiagnostischer Befund. Verbreitet ist im Moment eine „Zukunftsabstinenz“, und zwar quer durch die Lager6:14. Die Progressiven glauben, es werde alles schlimmer, und jeder Klimawandelleugner, mit dem sie spricht, glaubt das auch, nur dass bei ihm etwas anderes untergeht. Ohne Zukunft kippt der Kapitalismus in eine neue Form: Die protestantische Ethik, jetzt Opfer bringen und später ernten, braucht ein Später. Fehlt es, bleibt das Bild vom Porsche, den man noch schnell aufrüstet, um das letzte Öl zu verbrennen7:45. Wer keine Zukunft sieht, für den wird der erste Schritt der Kooperation irrational. Auch ihrer eigenen Bewegung hält sie das vor8:30: Die Vorstellung, nach dem Reißen einer Gradzahl sei „Game over“, ist falsch. Solange zwei Menschen da sind, bleibt die Frage, worauf sie vertrauen.

Damit liegt die Grundgleichung des Wochenendes auf dem Tisch. Vertrauen setzt Zukunft voraus, und eine Gesellschaft, die keine mehr erwartet, hat keinen Grund mehr, die Hand zu reichen.

„Sie werden es wagen“

11:02 — Michel Friedman widerspricht zuerst der Diagnose. Die Frauen im Iran wollen leidenschaftlich eine Zukunft, junge Gesellschaften in Afrika haben Visionen. Die Zukunftsmüdigkeit gehört den satten kapitalistischen Demokratien, und das Schlimmste für die Zukunft seien „die Gleichgültigen“.

Dann holt er Büchners Dantons Tod auf die Bühne11:48. Danton wird gewarnt, die Guillotine warte. Er antwortet, sie würden es nicht wagen. Sie wagten es. Friedman denkt an die Millionen Juden in Deutschland und Europa, die im Vertrauen auf Zivilisation und Demokratie nicht für möglich hielten, was dann geschah. „Das Ergebnis ist bekannt.“ Daraus folgt sein Begriff:

„… dass es nur ein Vertrauen im Misstrauen geben kann, was übrigens die Grundlage der demokratischen Idee ist.“13:19

Im Gespräch — 13:19

Gewaltenteilung, Kontrolle, Verfassungsgericht: Die Demokratie ist institutionalisiertes Misstrauen gegen die Macht. Mit Luhmann (dem Chaos, sinngemäß, kann man nicht vertrauen) und Simmel (Vertrauen als mittlerer Zustand zwischen Wissen und Nichtwissen, 14:50) schärft er nach. Wichtiger für den Alltag ist eine Unterscheidung16:22: Ich vertraue einer Partei, dass sie ihr Thema ernst meint, und kann zugleich das Zutrauen verlieren, dass sie es in der Regierung kann. Wer beides verwechselt, entzieht der Partei das Vertrauen und dem Thema gleich mit. Das Bild passt auf die Grünen des Sommers 2024 genauer, als Friedman ausspricht.

Am Ende wird er persönlich18:41. Seine ganze Familie wurde von Deutschen ermordet, bis auf Mutter, Großmutter und Vater. Als Jugendlicher in den Siebzigern, umgeben von alten Nazis und Pseudodemokraten, musste er sich entscheiden: „Mit all der Erfahrung vertraue ich Menschen, dass sie lernen können.“19:26 Er nennt es eine Prognose, keine Gewissheit, gefärbt von der Liebe zu Hause und doch rational begründet: Die Mehrheit der Menschen will frei sein20:56.

Einen Tag später fasst Heinz Bude dieselbe Geste in einen Satz, ohne Friedman gehört zu haben: „Wenn man vertraut, hört man auf zu zweifeln … man entscheidet sich aufzuhören zu zweifeln.“16:00 Ohne einen unbezweifelten Ausgangspunkt versteht man keine Welt und kommt nicht zum Handeln. Damit stehen drei Fassungen des Begriffs nebeneinander: Redeckers Erwartung, Friedmans Entscheidung gegen die eigene Familiengeschichte, Budes Entscheidung zum Handeln. Friedman vertraut, obwohl er weiß, dass sie es wagen. Ob Bude beim Aufhören zu zweifeln dasselbe Wissen mitnimmt, wird die dritte Runde prüfen.

Weitergedacht

Friedman verlangt ein Vertrauen, das das Misstrauen eingebaut hat, Bude eines, das das Zweifeln beendet. Ist das derselbe Vorgang in zwei Richtungen — oder schließt das eine aus, was das andere voraussetzt?

Höhere Gewalt und Zwischenräume

27:03 — Redecker nimmt Friedmans Danton und wendet ihn. Auch die Mehrheit, die es wagt, ist eine volkssouveräne Mehrheit, und Demokratie ist nicht automatisch mit Rechtsstaat und Minderheitenschutz verklammert. Vor allem aber gibt es Macht, die keine Person trägt: Marktgesetze, die niemand beschließt, ein „stummer Zwang“, den sie eine „neue höhere Gewalt“ nennt27:49. Die Klimafolgen sind die nächste. Ihr Beispiel ist Olaf Scholz bei den Hochwassern, der sagt, die Natur sei eben eine große Macht28:35. Als Tochter von Biobauern weiß sie das, aber hier spricht die Macht, als die wir die Natur eingesetzt haben. Wer gegen solche Gewalten Vertrauen predigt, betreibt wieder Ideologie. Friedman hält dagegen, dass auch der Minderheitenschutz keine Selbstverständlichkeit mehr sei30:07, mit Blick auf Trump, die FPÖ, Le Pen und das Wochenende in Sachsen und Thüringen, und fordert eine „zweite Aufklärung“31:38.

Als Göpel daraus „positiv“ in die Lösungen will, zieht Marinić die Bremse36:11. Bevor man über Institutionen redet, müsse man das Ohnmachtsgefühl ernst nehmen. Wenn selbst der Kanzler sagt, es sei die Natur, sagen die Bürger: Dann können wir ja weiter verbrennen. Sie sieht darin eine Krise der Intellektuellen37:42, die nicht mehr zeigen können, wo man ins System hineinwirken kann, während die, die Privilegien sichern, „von Silicon Valley bis Trump“, diese Stellen sehr genau kennen. Es ist der schärfste Moment des ersten Tages, und er bekommt Applaus.

Redeckers Antwort heißt Zwischenräume38:27. Die Welt ist nicht lückenlos durchkapitalisiert, sonst gäbe es uns nicht mehr. Und wer genau hinsieht, muss selten den heroischen ersten Schritt gehen:

„… Orte finden zu können, wo man den zweiten Schritt geht. Irgendwo gibt es immer schon Kooperation.“39:13

Im Gespräch — 39:13

Ihr institutioneller Vorschlag ist der „öffentliche Luxus“, den sie in [[Eva von Redecker — Dieser Drang nach Härte|Dieser Drang nach Härte]] ausführlich entfaltet: Daseinsvorsorge, die man bekommt, weil man ein Mensch ist, anderthalb geheizte Zimmer umsonst statt einer Preisbremse, von der Reiche wie Arme abziehen42:14. Neu ist hier die Herleitung. Manche AfD-Wähler, mit denen sie spricht, waren früher Sozialdemokraten und wollen „irgendeine Art von Stärkebeweis vom Staat“39:58. Die Kraftmeierei an den Grenzen komme immer dann, wenn innen die Handlungsfähigkeit verloren sei. Das ist ein materialistisches Argument gegen den Rechtsruck, und es hat eine offene Flanke: Ob Daseinsvorsorge diesen Wunsch nach Stärke stillt oder ob er eine andere Stärke meint, bleibt ungeprüft.

Es darf kein Zufall sein

44:29 — Friedman setzt einen anderen Hebel an: „Die größte soziale Ungerechtigkeit in einer Gesellschaft ist die Bildungsungerechtigkeit.“ Und er erzählt, warum45:14. Er war ein Flüchtlingskind aus Frankreich, Muttersprache Französisch, „jetzt mal was anderes als die üblichen türkischen und afghanischen Bilder“. Er kam aufs deutsche Gymnasium und konnte kein Wort Deutsch. Sein Heft war nur rot, und irgendwann fragte er die Deutschlehrerin, warum sie keinen Pinsel nehme. Sie bot ihm zweimal die Woche Nachhilfe an.

„Hätte meine Lehrerin das nicht getan, würde ich hier nicht sitzen. Und das war Zufall. Und es darf kein Zufall sein …“46:00

Im Gespräch — 46:00

Bildung ist für ihn eine Frage der Demokratie: Wer gelernt hat, Wissen misstrauisch zu prüfen, ist im 21. Jahrhundert schwerer zu „faken“46:46. Den Applaus nimmt er nicht einfach an. Jeder, der hier klatsche, könne einem Grundschulkind beistehen, das zu Hause nicht genug Hilfe bekommt; solange die Politik das nicht leistet, darf man die Kinder nicht allein lassen48:20.

Zwei Einwände kommen von zwei Seiten. Redecker erinnert daran, dass die Rechten, die gerade ihren Marsch durch die Institutionen antreten, „natürlich auch sehr gebildet“ sind52:08, und dass sie weniger gebildete AfD-Wählerinnen oft beweglicher und neugieriger erlebt als geschulte Rechtskonservative. Marinić geht weiter59:01: Bildung sei heute kein großer Aufstiegsmotor mehr, viele Gebildete leben prekär, und ein Milei räumt die Wissenden aus ihren Positionen. Wollen junge Männer heute nicht eher sein wie Andrew Tate? Friedman bleibt dabei65:13. Er sei mit dem Satz aufgewachsen, wie das Land der Dichter und Denker zum Land der Mörder und Henker werden konnte; promovierte AfD-Funktionäre widerlegen nicht, dass Bildung Menschwerdung sein kann. Das Problem liege in einem Schulsystem, das auf Leistung und Benotung getrimmt ist.

Redecker schließt den Tag mit dem dunkelsten Satz61:24. Friedman hatte gesagt, er sei nicht mehr ein Frankfurter Jude im Jahr 1939, und wenn das geschafft werden konnte, sei er voller Vertrauen57:30. Sie sieht zwei negative Kontraste: die Klimakatastrophe und etwas, das man in ihrem Freundeskreis so sagt: „Es gibt kein Exil mehr.“ Alle vom Neoliberalismus erfassten Länder stünden an Kipppunkten zum Autoritarismus. Für sie bestätigt das eine alte Annahme der Frankfurter Schule: Eine liberale kapitalistische Gesellschaft, die ihre Ungleichheit nicht einfängt, arbeitet dem Faschismus zu, weil sie den Kampf aller gegen alle normalisiert. Ihr Bild dafür ist eine Buchmesse, auf der Wladimir Klitschko ein Buch bewarb, das alle Lebenslagen mit den Grundweisheiten des Boxens lösen wollte62:56.

Weitergedacht

Friedmans Lehrerin war ein Zufall, der zur Lebensentscheidung wurde. Lässt sich ein solcher Zufall überhaupt in ein System übersetzen — oder lebt er gerade davon, dass jemand mehr tut, als die Institution verlangt?

Zweite Bewegung: Woher kommt Vertrauen? Der zweite Konferenztag, vormittags, mit Liya Yu und Marina Weisband.

Papa Staat oder meine Institution

22:55 — Liya Yu hat zuvor erklärt, wie das Gehirn Menschen zu Dingen macht: Bei Dehumanisierung schaltet der mediale präfrontale Cortex ab, den wir brauchen, um andere zu verstehen, und Ekel, etwa durch Berichte über „dreckige“ Flüchtlinge, kann diese Abschaltung auslösen13:00. Marina Weisband antwortet mit einem Geständnis, das man auf Podien selten hört. Sie dehumanisiere viel, und zwar bewusst. Wenn sie Nachrichten aus dem Jemen liest, fehlt ihr die Kraft, die Empathie zu tragen. Seit zwei Jahren lebt sie vollständig im Krieg, weil sie Familie in der Ukraine hat23:42. Wer humanisiert wird, ist eine Frage der Motivation.

Woher die Motivation kommt, beantwortet sie mit derselben Antwort wie die Frage nach dem Vertrauen in Institutionen. Es gibt nur zwei Quellen24:28. Die erste: Die Institution kümmert sich um dich. „Papa Staat kümmert sich.“ Darauf gründet die Bundesrepublik, weil es jeder Generation besser ging als der davor, und dieses Modell scheitert, sobald es Zumutungen gibt, Transformationen, Menschen, denen es schlechter geht. Die zweite Quelle ist das Gefühl, es sei meine Institution26:02: Der Abgeordnete stimmt ab, weil ich nachmittags mit der Tochter spiele, aber im Prinzip sitze da ich. Das verlangt von den Institutionen, Beteiligung zuzulassen, mit Macht- und Kontrollverlust.

Das Hindernis beschreibt sie als Erziehung26:47:

„Denn jetzt gerade werden wir erzogen zu Konsumenten, zu Besuchern.“

Im Gespräch — 26:47

Die Schule bestimmt, wann der Körper wach zu sein und wann er Hunger zu haben hat, 45 Minuten Neugier auf Mathematik, dann zack, Klingel, Neugier auf Poesie. Nachmittags verkauft das Smartphone die Aufmerksamkeit an Werbetreibende, und in den Innenstädten darf man nur als Kunde sein. So entsteht eine hilflose Rolle, und mit ihr ein Mensch, der nicht demokratiefähig ist28:18. Der Kern der Demokratie ist für Weisband weder Institutionenkunde noch Toleranz, das folge erst; er ist das Selbstverständnis, für sich und andere verantwortlich zu sein.

Dann das Bild, das man aus diesem Vormittag mitnimmt29:04. Ihrer Tochter war es im Morgenkreis der Kita zu laut, sie berief ein Kinderparlament ein. Die Kinder schlugen den „Leise-Fuchs“ vor: Wird er gezeigt, sind alle still. Ein Junge wollte aber morgens lieber spielen. In diesem Moment, sagt Weisband, mentalisiert ihre Tochter: Der hat ein anderes Bedürfnis als ich. Die neue Regel: Wer nicht in den Morgenkreis will, darf nebenan in den Tonraum29:50. Wer Kindern Toleranz predigt, erreicht wenig. Wer ihnen ein Parlament gibt, bringt sie dazu, einander zu verstehen, weil sie es für die Lösung brauchen.

Göpel übersetzt das in die Sprache der Politikwissenschaft31:22. „Papa Staat“ ist Output-Legitimation, und wer nur danach urteilt, ob der Wohlstand weiter steigt, egal ob der Planet voll ist, macht es sich „ein bisschen faul“. Die zweite Quelle ist Input-Legitimation: Ein guter Prozess trägt auch ein Ergebnis, das nicht das gewünschte ist. Weisband schärft das zu ihrem besten Satz32:53:

„Wir sagen Dinge wie die Ampel liefert nicht. Ja, was haben wir denn bestellt?“

Im Gespräch — 32:53

Wer Kunde ist, hat keinen Grund, sich für die Lagerbestände des Lieferanten zu interessieren. „Ich habe die Grünen gewählt und die Welt ist immer noch nicht gerettet. Was zur Hölle?“ Die Motivation, sich in Rahmenbedingungen einzuarbeiten, entsteht erst, wenn man handfest einwirken kann. Ihr Beispiel ist der Bürgerrat Ernährung des Bundestags34:24: Zufällig geloste Menschen, Experten erklären die Faktenlage, und Populisten scheuen Fakten wie der Teufel das Weihwasser. Wäre das Ergebnis verbindlich, würden sich viel mehr Menschen einarbeiten, die Rentnerin in die Pflege, Schülerinnen in die Schule, Menschen mit Behinderung in die Inklusion. Die zwei „Endgegner“ dieser Utopie seien nicht Rassismus, sondern Angst und Bürokratie35:58.

Weisbands Bild des Bürgers als Kunden trifft genau die Frage, an der das Panorama Was braucht Demokratie von ihren Bürgern? seine Stimmen sammelt. Sie steht dort zwischen den Lagern: Sie nimmt die Bürger in die Pflicht und verlangt zugleich, dass die Institutionen erst den Ort schaffen, an dem Engagement einrasten kann. Die Schwäche ihres Modells liegt bei den Themen, für die niemand Experte aus eigener Erfahrung ist, und sie räumt das selbst ein: In die Folgen einer Finanztransaktionssteuer würde sie sich nicht eingraben.

Weitergedacht

Wenn Vertrauen aus dem Gefühl entsteht, es sei meine Institution — was geschieht mit dem Vertrauen derer, die der verbindliche Bürgerrat überstimmt? Sind sie dann Mitbesitzer oder wieder nur Kunden, deren Bestellung nicht geliefert wurde?

Der Sturm aufs Kapitol und der Onkel am Esstisch

36:45 — Marinić hört bei „Selbstwirksamkeit“ etwas anderes mit. Die Leute, die das Kapitol gestürmt haben, fühlten sich auch selbstwirksam. Was, wenn die aggressiven Bewegungen genau diese Sprache übernehmen: Ich brauche den Staat nicht, ich ermächtige mich?

Weisband dreht die Frage um38:18:

„Der Sturm auf das Kapitol war kein Ausdruck der Selbstwirksamkeit. Der Sturm auf das Kapitol war Ausdruck mangelnder Selbstwirksamkeit.“

Im Gespräch — 38:18

Die Köpfe dahinter wollten Macht und Geld, die klammert sie aus. Die Anhänger aber stürmten unter derselben Flagge, unter der Trump und die AfD gewählt werden und Bauern auf die Straße gehen: Wir wollen es denen da oben mal zeigen. Dahinter steht ein Weltbild, das sie schon bei Schülern findet: Die Lehrer machen am Ende eh, was sie wollen. Die Elitenkritik hat einen wahren Kern, Politik ist ungleich repräsentiert, und alle antisemitischen Verschwörungserzählungen führt sie auf dieselbe Erfahrung zurück: Wenn ich keine Kontrolle über mein Leben habe, muss sie ja jemand haben39:49.

Dann ihre radikale These40:36. Wir sind nicht gespaltener als früher. Der migrantische Diskurs, der akademische und der der Arbeiter haben nie bei einer Tasse Tee auf der Agora gesessen. Wir sehen einander jetzt nur. „Es ist nicht so, dass man keine Witze mehr machen kann … Es ist nur so, dass das Ziel eurer Witze jetzt mit im Raum sitzt.“41:21 Wie in einer Psychotherapie holt die Gesellschaft ihre Schatten an die Oberfläche, ein schmerzhafter Prozess und für viele, sie eingeschlossen, lebensgefährlich. Wer das jetzt nicht mit allen politischen und zivilen Mitteln bekämpfe, müsse es später mit Blut tun.

Wie man es im Kleinen bekämpft, zeigt sie an ihrer eigenen Familie42:06. Verwandte von ihr wählen AfD, obwohl sie Juden sind, obwohl sie eingewandert sind. Über Rassismus und Verschwörungstheorien spricht sie mit ihnen nie, da redet man sich den Mund fusselig und bestärkt sie nur. Sie fragt: Deine Frau hat in der Pandemie den Job verloren, wie geht ihr damit um? Ihr Onkel sagt, die da oben zwingen uns alles auf. Sie sagt: Stimmt, lass uns zusammen für mehr Beteiligung kämpfen. Er sagt, er fühle sich abends auf der Straße nicht mehr sicher, wegen der jungen Nordafrikaner. Sie sagt43:37: Stimmt, wir haben ein Problem mit Armut und daraus folgender Kriminalität, und eins mit Sexismus, lass uns gegen beides kämpfen. „Und schon habe ich die Leute in irgendwie kerngrünen Themen.“ Sie spricht über die echten Anliegen und lässt die Rationalisierungen liegen.

Marinić antwortet aus einer Erfahrung, die keiner sonst auf der Bühne hat44:22. Ihre Familie stammt aus dem ehemaligen Jugoslawien. Erst wurde am Esstisch manches nicht mehr besprochen, dann gab es Lager, dann redete man mit manchen nicht mehr, und dann kam der Krieg45:07. In Deutschland sah sie diesen ersten Schritt mit 2015 in den Familien beginnen, mit Corona wurde es krasser. Die Spaltung reiche bis in die privaten Räume, wo nicht einmal mehr das Mentalisieren der Familienmitglieder gelingt. Das ist die stärkste Gegenposition des Vormittags, und sie trifft Weisbands These dort, wo sie am bequemsten ist. Ob die Gesellschaft gespaltener ist, lässt sich in Umfragen messen; ob ein Esstisch schweigt, nicht.

Liya Yu stellt sich auf Weisbands Seite46:41. Eine große US-Studie spricht von der „exhausted middle“, einer überforderten Mitte, die sich populistisch ausbeuten lässt, deren Potenzial zum Zusammenkommen aber größer ist, als man denkt. Neu gegenüber ihren anderen Auftritten ist eine Beobachtung aus migrantischen Kreisen54:20: Für viele Einwanderer gehe es um den „Kampf um den zweiten Platz“. White people at the top, we know. Wer Latinos und Schwarze verstehen wolle, die 2020 öfter Trump wählten, oder Weisbands Onkel, müsse diese Aspiration ernst nehmen. Göpel versucht danach, mit Kamala Harris’ frischer Kandidatur eine verbindende Utopie zu landen, in der die Teilidentitäten bestehen bleiben dürfen57:22. Aus dem Abstand von heute liest sich diese Hoffnung anders als im August 2024.

Eine emotionale Wahrheit und ein Kanzler mit Aktentasche

59:38 — Weisband nennt, was alle Menschen wollen, egal wie neurodivers, welche Hautfarbe, welche Einkommensschicht: gesehen werden, Gemeinschaft, nützlich sein. Über arme Menschen werde viel zu wenig gesprochen, wenn von Marginalisierung die Rede ist. Dann, mit der Bitte, sie nicht aus dem Kontext zu zitieren:

„… was die AfD gut macht ist, sie lügt in den Fakten, aber sie spricht eine emotionale Wahrheit und darauf springen Leute an.“60:24

Im Gespräch — 60:24

Ihr fühlt euch klein, nicht gesehen, als Opfer, die Welt verändert sich rasant und ihr habt keine Kontrolle: Das ist eine emotionale Wahrheit. Die Bundesregierung dagegen kommuniziert Gesetze und Statistiken. „Gerade Scholz, alles ist doch eigentlich gut, ist keine emotionale Wahrheit.“61:09 Dem Bundespresseamt hat sie auf einem Podium gesagt, mit Jugendlichen zu sprechen heiße nicht, dass Olaf Scholz seine Aktentasche auf TikTok zeigt61:55. Es heiße: Wir sehen, dass ihr in der Pandemie vernachlässigt wurdet, dass ihr kaum dritte Orte habt, dass der Prüfungsstress euch überfordert, und wir tun dieses und jenes dagegen. Ihre Utopie: weniger Angst vor Gefühlen, und darum weniger Angst voreinander.

Yu legt eine heikle Beobachtung nach66:31. Am Vortag hat sie nach dem Anschlag von Solingen Zeitungen von links bis rechts gekauft, um sie „kognitiv“ zu lesen. Der Beitrag der Jungen Freiheit sei als Argumentkette rationaler gebaut gewesen als ein Text in der Zeit, der Solingen und Klimapolitik zu einem „Wortsalat“ mischte. Wer wenig weiß und Angst hat, fühle sich nach dem ersten Text verstanden. In diesem „Battle of Reality“68:04 verliere die linksliberale Seite, weil sie zu ängstlich analysiere. Das Experiment ist eine Anekdote, zwei Texte, keine Stichprobe, und Yu weiß das. Ihr Punkt bleibt trotzdem: Wer Angst hat, sucht Kohärenz, bevor er Fakten prüft.

Damit tritt ein Motiv hervor, das sich durch alle drei Runden zieht: die Angst der Regierenden, festgemacht an einem Mann. Redecker zitiert Scholz’ Satz von der Natur als großer Macht, Marinić nimmt ihn als Beleg für die Ohnmacht, Weisband sein „alles ist doch eigentlich gut“. Yu würde ihn „in den Arm nehmen und schütteln“: „Er hat zu viel Angst einfach mal zu sagen, was eigentlich Sache ist.“68:49 Am Nachmittag sagt Bude dasselbe über ganz Berlin. Wer von den Bürgern Vertrauen erwartet, so lässt sich das Motiv lesen, muss selbst den Mut zur Kooperationserwartung zeigen, und daran fehlt es oben ebenso wie unten.

Dritte Bewegung: Vertrauen oder Angst? Der zweite Konferenztag, nach der Pause, mit Florence Gaub und Heinz Bude.

Graue Nashörner

6:05 — Florence Gaub kam zur Zukunft über den Arabischen Frühling, das Ereignis, nach dem ihre Branche fragte, warum es niemand hatte kommen sehen. Ihre Methode sind Szenarien in möglichst diversen Gruppen. Der Untersuchungsbericht zum 11. September nannte als eine Ursache den failure of imagination: Man sah die Fakten und konnte sich nicht vorstellen, dass jemand so etwas tut. Für Sicherheitspolitik gibt es oft keine Daten, also braucht man Empathie und Vorstellungskraft, bis hin zur Science-Fiction. In der russischen Science-Fiction, sagt sie, taucht eine Invasion der Ukraine seit 1990 immer wieder auf10:36.

Göpel bringt ein Bild aus der Ökonomie ein9:06. Der schwarze Schwan ist das Unvorhersehbare. Häufiger haben wir es mit dem grauen Nashorn zu tun: Man sieht es kommen und hofft, es biege noch ab. Gaub nennt den Klimawandel das graue Nashorn schlechthin, und die russische Invasion war auch eins. Dagegen steht ein Kassandra-Effekt: Je schlimmer die Nachricht, desto eher schaltet das Gehirn ab und sagt, das werde schon nicht passieren. Nach jeder Katastrophe heißt es, keiner habe es kommen sehen. „Irgendjemand hat's immer kommen gesehen, aber der Kanal war verstopft.“11:22

Warum der Kanal verstopft, erzählt sie an sich selbst12:56. Anfang 2012 sagte sie in einer britischen Botschaft voraus, dass es in Libyen wieder Krieg geben werde; sie hatte die jungen Männer mit Waffen und ohne jede Aufsicht gesehen. Der Botschafter antwortete, Wissenschaftler seien immer so negativ, er sei da gewesen, die Leute seien total nett. Gaub ging hinaus mit einer Dissonanz: Sie wusste, dass sie recht hatte, und wollte doch eigentlich gehört werden. Ihre Coachin sagte ihr, sie müsse ein trusted advisor werden, und das heiße zuerst: den anderen nicht öffentlich demütigen13:41. Vertrauen entsteht hinter der Bühne, mit zurückgenommenem Ego.

Das ist eine nüchterne Lektion über Macht. Die Warnerin muss sich das Vertrauen der Gewarnten verdienen, die Wahrheit allein reicht nicht. Dazu passt ein Befund, den sie später nennt28:08: Menschen, die an Verschwörungserzählungen glauben, lassen sich von einer KI leichter vom Gegenteil überzeugen als von einem Menschen, weil sie der Maschine unterstellen, dass es ihr gleich ist, was sie denken. Gaub findet das „ein bisschen absurd“. Es sagt etwas darüber, wie viel Vertrauen zwischen Menschen schon verloren gegangen ist.

„Ich habe die Angst der Leute übernommen“

14:29 — Göpel lädt Heinz Bude ein, von seiner Zeit in der Expertenrunde während der Pandemie zu erzählen, und Bude erzählt offen. Markus Kerber, damals Staatssekretär im Innenministerium, rief an: Er brauche ihn, man müsse dem Corona-Kabinett einen Vorschlag machen17:30. Alles lief über Telefonschaltungen, und diese Gespräche, sagt er beiläufig, stünden nicht in den „Files“, gemeint sind wohl die 2024 freigeklagten RKI-Protokolle. „Das ist auch gut so.“ Seine Frau fragte, ob er wieder auf dem Feldherrenhügel stehe.

Drei Entscheidungen standen an19:47: Eindämmung oder der schwedische Weg. Was das Land sich leisten könne, wenn es Kontakte unterbricht; die Fabriken nicht, also „die Publikumswirtschaft muss dran glauben“20:32. Und drittens: „Werden uns die Leute das eigentlich glauben, wenn wir das sagen?“21:20 Man hatte die Bilder aus Bergamo, man setzte den Zweifel aus und empfahl, so zu kommunizieren, dass es auf jeden Einzelnen ankomme, „dass das Land überleben wird“22:06. Die Zustimmung im ersten Vierteljahr habe ihn überrascht. Der Bruch kam für ihn paradox: Erst als der Impfstoff nach knapp einem Jahr da war, kündigten viele die Folgebereitschaft auf25:53. Er habe sich über Impfgegner „richtig geärgert“.

Göpel setzt einen ersten Akzent dagegen26:38: Die Verträge mit den Pharmakonzernen, die ihnen jedes Risiko abnahmen, sind bis heute nicht transparent. Wer verordnet, dass alle abnehmen, was Pfizer produziert, muss erklären, warum. Marinić geht weiter30:24. Warum haben Sie sich selbst zugetraut, diese Rolle anzunehmen? Warum sollten andere den Angerufenen vertrauen, wenn sie erst im Nachhinein erfuhren, wer angerufen wurde? Und war das, was im ersten Vierteljahr wie Vertrauen aussah, nicht eher Schock, Angst und Lähmung, Naomi Kleins Schock-Strategie, eine Welt wie in Vanilla Sky31:09?

Bude antwortet nicht direkt, er erzählt von der documenta, von Diplomatie im Kunstbetrieb nach dem Gaza-Streit und von der Geistesgegenwart als utopischem Moment41:03. Marinić stellt trocken fest, er habe ihre Frage „wunderbar nicht beantwortet“. Gaub erklärt dann, was große Angst neurologisch tut: Ein „Amygdala-Hijack“ kappe den Zugang zum kreativen Denken, wer terrorisiert wird, rennt zur nächsten Tür42:33. Ihr Rat an den Saal: „Handy weg, Fernseher aus, geht lieber im Wald spazieren, jemand manipuliert euch.“43:19 Darauf Bude, mit dem Satz, um den sich der Nachmittag dreht:

„… irgendjemand muss den Leuten auch die Angst nehmen. Also, ich habe sozusagen das Gefühl gehabt, ich habe die Angst der Leute mir über… ich habe das übernommen.“44:06

Im Gespräch — 44:06

Die Leute hätten einen Anspruch darauf, dass ihnen jemand sagt: Ich kümmere mich darum. Er beruft sich auf Roosevelt: Politik könne nicht die Angst nehmen, nur die Angst vor der Angst45:37. Marinić widerspricht sofort, zuerst mit einem Satz, der Kästner zugeschrieben wird, wer keine Angst hat, hat auch keine Fantasie, dann direkt46:22: Die Aussage, er übernehme die Angst von 83 Millionen, löse bei ihr Irritation aus. Niemand könne die Ängste anderer übernehmen, und die Ängste waren verschieden, die der Selbstständigen um ihren Betrieb, die der Eltern vulnerabler Kinder. Je mehr man regulierte, desto länger die „Angstkette“, weil man an jeder Stelle des Alltags an das Virus erinnert wurde47:07. Und danach habe man alles ganz schnell „weggemacht“, als hätte es kein globales kollektives Trauma gegeben, das Misstrauen hinterließ47:53. Dass rechte Kräfte mit ihren Ausschlusserzählungen jetzt Zulauf haben, hält sie nicht für Zufall: Nach so viel Stress suchen Menschen Beruhigungserzählungen48:38.

Was an diesem Nachmittag niemand auf der Bühne ausspricht, gehört in die Einordnung. Aus Budes Expertenrunde ging im März 2020 das Papier „Wie wir COVID-19 unter Kontrolle bekommen“ hervor, zwischen dem 19. und 22. März entstanden, als Verschlusssache „nur für den Dienstgebrauch“ an Ministerien und Kanzleramt verteilt und Anfang April von FragDenStaat öffentlich gemacht; im Mai stellte das Ministerium selbst eine Fassung online. Es rechnete im schlimmsten Fall mit mehr als einer Million Toten in Deutschland. Unter der Überschrift „Worst case verdeutlichen!“ verlangte es, von einer Kommunikation über die Fallsterblichkeit wegzukommen: „Um die gewünschte Schockwirkung zu erzielen“, müssten die konkreten Folgen einer Durchseuchung vor Augen geführt werden, mit Bildern von Menschen, die zu Hause um Luft ringend sterben, und von Kindern, die glauben, ihre Eltern angesteckt zu haben. Welche Hand den Abschnitt schrieb, ist öffentlich nicht belegt; das Papier nennt Institutionen, keine Autoren einzelner Passagen, und Bude ist er nicht persönlich zuzuschreiben. Bude selbst aber hatte sieben Monate vor Lüneburg, im Januar 2024 an der Universität Graz, gesagt, man habe „ein Modell finden“ müssen, „um Folgebereitschaft herzustellen, das so ein bisschen wissenschaftsähnlich ist, und das war diese Formel flatten the curve“ (Mitschnitt, ▶ 1:16:29; → DenkerVita).

Fair bleibt festzuhalten, unter welchen Bedingungen das entstand. Niemand wusste im März 2020, wie tödlich das Virus war; die Worst-Case-Zahl beschrieb einen ungebremsten Verlauf, und die Bilder aus Bergamo waren real. Alena Buyx hat gezeigt, dass zwei Drittel bis drei Viertel der Menschen die ganze Pandemie über solidarisch blieben (→ Alena Buyx — Gesellschaft NEU DENKEN). Trotzdem verschiebt das Papier Budes Erzählung. Wer die Angst der Leute „übernimmt“, hatte zuvor empfohlen, sie gezielt zu steigern, und Roosevelts Satz verkehrt sich: Das Papier wollte nicht die Angst vor der Angst nehmen, es empfahl eine bestimmte Angst, um eine Gefahr einzudämmen, die damals niemand beziffern konnte. Wie weit die Regierung der Empfehlung in ihrer Kommunikation folgte, ist bis heute umstritten. Marinićs Irritation trifft also genauer, als sie auf der Bühne belegen kann. Und Budes Klage, die Folgebereitschaft sei ausgerechnet mit dem Impfstoff zerbrochen, liest sich mit dem Papier im Kopf anders: Soweit eine Bereitschaft auf Schock gebaut ist, endet sie, wenn der Schock nachlässt.

Weitergedacht

Wenn ein Staat in der Not Angst bewusst erzeugt, um Leben zu retten — wer stellt danach das Vertrauen wieder her, und mit welchem Recht verlangt er es von denen, deren Angst er bestellt hat?

Alimentiert, um nachzudenken

52:31 — Marinić erinnert Bude an seine eigene Diagnose aus der Zeit vor Corona, das „ängstliche Ich“ einer Generation, die vor lauter Angst zu scheitern nichts wagt (→ Heinz Bude — Gesellschaft der Angst). Wo soll da der Mut herkommen? Budes Antwort ist seine stärkste Stelle: den Leuten vertrauen, auch wenn sie auf den ersten Blick Unsinn reden, sich für den Menschen mit dem hochroten Kopf interessieren. Er kommt gerade von zwei Tagen in Ostdeutschland, wo er mit Kritikern der Pandemiepolitik gesprochen hat33:25, mit der Haltung: Ich vertraue euch, dass ihr es gut meint. Die Leute wollten eine Wahrheit über sich sagen, und sein Job sei, sie anzunehmen. Über die Politik in Berlin sagt er dann, was am Vormittag über Scholz gesagt wurde53:17: Sie haben alle Angst, sie werden misstrauisch gegenüber der Bevölkerung, in allen Parteien, und haben „manipulative Fantasien“.

Marinić will wissen, warum ausgerechnet ihn alle fragen. Budes Antwort ist entwaffnend und heikel zugleich:

„Ich werde ja gar nicht für Leistung bezahlt. Ich werde ja alimentiert als Professor. Ich werde dafür bezahlt, dass ich über die Welt nachdenke …“54:03

Im Gespräch — 54:03

Gaub antwortet auf dieselbe Frage mit dem Gegenteil58:38. Man brauche Selbstzweifel, „man sollte seine Ideen nicht heiraten, man sollte sie daten“59:23. Ihr Team prüft regelmäßig die eigenen alten Zukunftsberichte: Ist das eingetreten, und wenn nicht, warum? Vertrauensvorschuss sei eine Sache, aber man müsse sich würdig erweisen, mit Ehrlichkeit und einer altmodischen Demut60:09.

Marinić stellt beide nebeneinander und spitzt zu60:54: Sie sind beide Teil der Elite, sie werden angerufen und sitzen in Räumen, die anderen nicht zugänglich sind. Warum sollten die Menschen euch vertrauen? Die eine sagt, sie zweifle, und mancher denkt: Dann hat sie ja keine Ahnung. Der andere sagt, er wisse, weil er alimentiert werde, und mancher denkt: Was will der? Jede der beiden Antworten erzeugt bei den einen Vertrauen und bei den anderen Misstrauen. Gaub weiß darauf nur Kommunikation und die Freiheit der anderen, nicht zuzuhören. Bude greift zu Bruno Latours Unterscheidung von Wissenschaft und Forschung63:12: Wissenschaft macht evidente Aussagen, Forschung ist institutionalisierte Neugier, die sich an der Wirklichkeit in Frage stellt. Das beste Beispiel dafür in der Pandemie sei Christian Drosten gewesen.

Zuvor hatte Bude noch zwei Worte für das gefunden, was er in der Politik vermisst57:51: Freundlichkeit, ein Begriff, den Brecht wichtig fand, und Aufgeschlossenheit. Und er nennt Vertrauen einen „riskanten Vorgriff“ auf Zukunft, für den jemand einstehen muss56:20; gesucht sei nicht take back control, sondern get back competences. An dieser Stelle ist Bude ganz bei Weisband, auch wenn er es nicht merkt. Göpel bindet zusammen64:44: Redeckers Kooperationswille vom ersten Tag, Marinićs Zuspitzung, dass Vertrauen von beiden Seiten erarbeitet werden muss, Weisbands Abschied vom „Ich sorge für dich“. Für die Pandemie heißt das für sie: auswerten, den Prozess offenlegen und sich so auf den nächsten schwarzen Schwan vorbereiten, oder merken, dass hier alles voller grauer Nashörner ist.

Nach drei Runden steht kein fertiger Begriff, aber eine Verschiebung. Am ersten Tag war Vertrauen eine Erwartung an den anderen. Am Ende des zweiten ist es eine Bringschuld derer, die es empfangen wollen: der Institutionen, die Beteiligung zulassen, der Warnerin, die sich nicht über den Botschafter erhebt, des Beraters, der erklären müsste, welche Angst er bestellt hat.


Nachbesprechung

Zwei Fragen des Wochenendes reichen über Lüneburg hinaus: ob ein Bürgerrat entscheiden dürfen soll, und ob ein Staat in der Krise Angst machen darf. Was man darüber weiß.

Soll ein Bürgerrat entscheiden dürfen?

Weisbands Vorschlag ist radikaler, als er im Saal klang. Im Bürgerrat Ernährung haben sich Geloste mit Experten in eine Faktenlage eingearbeitet; wäre das Ergebnis verbindlich, sagt sie, würden sich viel mehr Menschen einarbeiten, und aus Kunden würden Mitbesitzer (33:39, 34:24). Was aus den neun Empfehlungen des Bürgerrats wurde, nämlich keine umgesetzte, und dass die Stabsstelle für Bürgerräte im Bundestag 2025 aufgelöst wurde, steht in der Nachbesprechung zu Philipp Blom. Seither haben Union und SPD laut den Grünen das Wort „Bürgerrat“ aus dem Haushaltstitel für 2026 gestrichen (taz, 26.11.2025), und am Abend des 8. Oktober 2026 berät der Bundestag einen Antrag der Linken auf einen neuen, wieder nur beratenden Bürgerrat zu gleichwertigen Lebensverhältnissen (Bundestag).

Ob Bürger einen verbindlichen Rat wollen, ist besser untersucht als die Frage, ob er sie engagierter macht. In Nordirland unterstützt die Bevölkerung Entscheidungen einer Bürgerversammlung auch dann, wenn ihr das Ergebnis nicht passt, weniger allerdings, wer ideologisch fest steht; die Gewählten dagegen wollen der Versammlung nur das Empfehlen zugestehen (Garry et al. 2021, doi:10.1017/gov.2021.4). Weisbands Mitbesitz hat aber eine Bedingung: Er trägt, solange man nicht zu oft verliert. In einem irischen Experiment sanken Akzeptanz und wahrgenommene Legitimität mit jeder verlorenen Abstimmung, nach drei Niederlagen litt das Vertrauen ins politische System selbst, und die Verlierer begannen, das Verfahren für manipuliert zu halten, obwohl es demokratisch war (Kern, Mariën & Muradova 2024, doi:10.1017/s175577392300036x). Die Frage oben, ob die Überstimmten Mitbesitzer bleiben, hat hier eine erste Antwort: eine Zeitlang.

Zwischen Beraten und Entscheiden liegt ein dritter Weg, und er wirkt erstaunlich stark. Weichen Politiker von der Empfehlung eines Bürgerrats ab, sinkt die Legitimität; begründen sie die Abweichung öffentlich und mit Respekt vor der Empfehlung, steigt sie fast auf das Niveau einer befolgten, bei Gewinnern wie Verlierern, sofern die Begründung als stichhaltig gilt (Goovaerts, de Fine Licht & Mariën 2024, doi:10.1111/1475-6765.12711, vorregistriert, N = 2.659). Das ist das ostbelgische Modell der Begründungspflicht, im Experiment bestätigt.

Irland zeigt, dass auch Verbindlichkeit über das Volk kein Automatismus ist. Zweimal machten geloste Versammlungen den Weg für Referenden frei, 2015 zur Ehe für alle, 2018 zur Abtreibung, und beide gingen durch. Im März 2024 stimmten die Iren über zwei Verfassungsänderungen ab, die auf die Bürgerversammlung zur Gleichstellung zurückgingen, und lehnten beide ab: die zur Familie mit 67,7, die zur Pflege mit 73,9 Prozent, dem höchsten Nein-Anteil eines irischen Referendums (ConstitutionNet). Die Versammlung hatte verlangt, dass der Staat Pflege mit angemessenen Maßnahmen unterstützen muss; im Regierungstext stand nur noch, er werde sich darum „bemühen“, und die Opposition machte genau diesen Abstand für die Niederlage verantwortlich (Kildare Now). Zwischen Rat und Urne lag ein Ministerium, das den Text abschwächte.

So gelesen, trifft Weisband etwas, aber an anderer Stelle, als sie zeigt. Vertrauen stiftet weniger die Bindung der Entscheidung als die Bindung der Gewählten an eine Antwort.

→ Weiter im Panorama: Beraten oder entscheiden — wer tut was?, mit Ardalan Ibrahim, Henrike von Scheliha und Herfried Münkler.

Darf ein Staat in der Krise Angst machen?

Bude sagt, er habe den Leuten die Angst abgenommen44:06. Marinić hält dagegen, niemand könne die Ängste von 83 Millionen übernehmen46:22, und Gaub erklärt, dass große Angst den Zugang zum kreativen Denken kappt41:48. Dass das Strategiepapier vom März 2020 eine „Schockwirkung“ empfahl, steht oben in der Einordnung und im Faktencheck. Offen bleibt, was keiner auf der Bühne fragt: Wirkt Angst, und was kostet sie?

Sie wirkt, besser als ihr Ruf. Eine Meta-Analyse über 248 Stichproben mit mehr als 27.000 Menschen fand, dass Furchtappelle Einstellungen, Absichten und Verhalten im Mittel mäßig stark verändern, und keine Bedingung, unter der sie nach hinten losgehen (Tannenbaum et al. 2015, doi:10.1037/a0039729). In einer kleinen internationalen Stichprobe aus den ersten Pandemiewochen sagte allein die Angst vor dem Virus vorher, wer Abstand hielt und Hände wusch (Harper et al. 2020, doi:10.1007/s11469-020-00281-5, N = 324). Für Bude spricht also mehr, als Marinićs Irritation vermuten lässt.

Dieselbe Meta-Analyse nennt aber Bedingungen, und sie passen schlecht auf eine Pandemie. Furcht wirkt am besten, wenn die Botschaft zeigt, was man tun kann, und bei einmaligem Verhalten, schwächer bei Verhalten, das man über Monate wiederholen muss. Starke Angst ohne Handlungsmöglichkeit erzeugt Abwehr und Verdrängung (Witte & Allen 2000, doi:10.1177/109019810002700506, Meta-Analyse). Das Papier wollte die Angst steigern und zugleich die Mithilfe aller; wer sich ausgeliefert fühlte, bekam die erste Hälfte ohne die zweite. Schon im Sommer 2020 baten Gesundheitskommunikatoren, auf Furchtappelle zu verzichten, weil sie Stigma und Erschöpfung verstärken (Stolow et al. 2020, doi:10.1177/1090198120935073, ein Positionspapier ohne eigene Daten).

Marinićs Verdacht, das frühe Vertrauen sei Schock gewesen31:09, hat ein gemessenes Gegenstück. In den Niederlanden stieg das politische Vertrauen im März 2020 mit den Infektionszahlen, und die üblichen Gründe für Vertrauen, etwa die Wirtschaftslage, verloren an Gewicht; der Autor deutet das als angstgetriebenes Zusammenrücken (Schraff 2021, doi:10.1111/1475-6765.12425). Ein Vertrauen, das aus Angst kommt, hält ungefähr so lange wie die Angst. In Deutschland vertrauten 2019 46 Prozent der Wissenschaft, im April 2020 73, 2025 sind es 54 (Wissenschaftsbarometer 2020; 2025). Der Abfall ist deutlich, das Niveau liegt trotzdem über dem vor der Krise.

Der stärkste Befund gegen die Schockwirkung kommt aus der Forschung zur Offenheit. Wer in Experimenten aus Dänemark und den USA offen über Nachteile eines Impfstoffs informiert wurde, war etwas weniger bereit, sich impfen zu lassen, vertraute den Behörden aber mehr und glaubte seltener an Verschwörungen (Petersen et al. 2021, doi:10.1073/pnas.2024597118); offen benannte Unsicherheit kostet nur wenig Vertrauen (van der Bles et al. 2020, doi:10.1073/pnas.1913678117). Das ist Roosevelts „frankly and boldly“, das Bude zitiert und das Papier verfehlte. Fair bleibt: Im März 2020 kannte niemand die Sterblichkeit, und auch eine Regierung, die zu leise warnt, hat Tote zu verantworten. Aufgearbeitet wird die Pandemie seit September 2025 in einer Enquete-Kommission des Bundestags, ihr Bericht soll bis Ende Juni 2027 vorliegen (Bundestag); ob sie die Kommunikationsstrategie selbst untersucht, ist offen.

Ein Panorama zu dieser Frage gibt es noch nicht. Sie berührt Alena Buyx (Solidarität, die keine Schockwirkung brauchte), Heinz Bude (Angst als Prinzip einer Gesellschaft), Maren Urner (Angst als Werkzeug mit Verfallsdatum), Rainer Mausfeld (Angst als ältestes Machtinstrument), Jacob Beautemps (Zurückhaltung statt Alarm), Adam Tooze (Angst prüfen statt bedienen) und das Panorama Forschung.


Faktencheck

Tag 1 — Friedman, Redecker

Bestätigt — Danton: „Sie werden’s nicht wagen“

Friedman, 11:48. In Büchners Dantons Tod (II/1) drängt Paris: „So flieh, Danton!“ — Danton: „sie werden’s nicht wagen.“ Im Gefängnis dann: „ich dachte nicht, daß sie es wagen würden.“ (Redecker spricht bei 25:32 von einer Warnung Julies; gewarnt wird Danton von Paris, Lacroix und Philippeau.) Quelle: Büchner, Dantons Tod (Project Gutenberg)

Bestätigt — Simmel: Vertrauen zwischen Wissen und Nichtwissen

Friedman, 14:50, wörtlich korrekt: Vertrauen sei „ein mittlerer Zustand zwischen Wissen und Nichtwissen um den Menschen“ (Soziologie, 1908, Kap. V). Der Nachsatz, es werde nie den völlig Wissenden geben, ist Friedmans Fortführung. Quelle: Simmel, Soziologie (SSOAR, Volltext)

Nicht verifizierbar — Luhmann: „Dem Chaos kann man nicht vertrauen“

Friedman, 14:04. Der Wortlaut findet sich bei Luhmann nicht; der Gedanke passt zu Vertrauen (1968) — ohne jedes Vertrauen könnte man „morgens sein Bett nicht verlassen“. Darum hier als Paraphrase. Keine unabhängige Quelle gefunden.

Bestätigt — Friedmans Familiengeschichte

18:41, 45:14. Geboren 1956 in Paris als Kind polnisch-jüdischer Überlebender; Eltern und Großmutter standen auf Oskar Schindlers Liste, die übrige Familie wurde ermordet. 1965 zog die Familie nach Frankfurt, Französisch war seine Muttersprache. Quelle: Hessenschau — Friedman im Landtag

Vereinfacht — BSW „sperrt die Mitgliedschaft auf 700 ab“

Friedman, 24:45. Die Zahl stimmt (Sommer 2024 gut 700 Mitglieder bei über 8.000 Anträgen), eine feste Obergrenze gab es nicht — die Aufnahme war handverlesen, bis 2025 waren intern rund 2.000 angepeilt. Das Motiv („Angst vor innerparteilichem Diskurs“) ist Friedmans Lesart; offiziell hieß es Schutz vor Unterwanderung. Seither: Im Dezember 2025 nannte Wagenknecht die restriktive Aufnahme einen Fehler; im September 2026 zerfiel die Thüringer BSW-Fraktion. Quelle: JuWiss — BSW: „Mitglieder? Nein danke!“ · Spiegel, 07.09.2026

Vereinfacht — „Zum ersten Mal“ warnt die Wirtschaft

Friedman, 51:22. Im August 2024 traten über 40 Familienunternehmen der Initiative „Made in Germany – Made by Vielfalt“ bei, nach Höckes Angriff über 70. Die Breite war neu, das „erste Mal“ nicht: Die Initiative gibt es seit 2019, Siemens-Chef Kaeser griff Weidel schon 2018 an. Quelle: Made in Germany – Made by Vielfalt · Horizont — Kaeser

Vereinfacht — Scholz: „Die Natur ist eben eine sehr große Macht“

Redecker, 28:35; Marinić, 37:42. Am 3. Juni 2024 sagte Scholz: „Die Naturgewalten sind groß, sie sind stark … Das ist schon immer so“ — und im selben Statement: „Wir werden also die Aufgabe, den menschengemachten Klimawandel aufzuhalten, nicht vernachlässigen dürfen.“ Genau dieser Satz fehlt in beiden Wiedergaben; das „schon immer so“ rahmt das Ereignis aber tatsächlich zeitlos. Quelle: Bundesregierung — Pressestatement in Reichertshofen, 03.06.2024

Bestätigt — Die Energiepreisbremse entlastet Vielverbraucher stärker

Redecker, 42:14. Die Bremsen deckelten den Preis für 80 % des Vorjahresverbrauchs; große Wohnungen bekamen absolut mehr. Das IMK rechnete 2022 vor, dass ein Grundkontingent pro Person — nahe an „anderthalb Zimmer umsonst geheizt“ — zielgenauer und etwa halb so teuer gewesen wäre. Quelle: Hans-Böckler-Stiftung/IMK — Gaspreisdeckel

Bestätigt — Bildungserfolg hängt stark an der Herkunft

Friedman, 44:29. Nach PISA 2022 erklärt der sozioökonomische Status in Deutschland rund 19 % der Unterschiede in Mathematik (OECD-Schnitt ~15 %). „Die größte soziale Ungerechtigkeit“ ist eine Wertung; Marinićs Einwand ergänzt, er widerlegt nicht. Quelle: KMK — PISA 2022

Vereinfacht — Ungezügelter Kapitalismus arbeitet dem Faschismus zu

Redecker, 62:10, eine gemäßigte Fassung von Horkheimers Satz von 1939, die sie selbst relativiert. Die Forschung stützt sie teilweise: Nach Finanzkrisen steigt der Stimmenanteil der extremen Rechten um rund 30 % (Funke, Schularick & Trebesch, 20 Länder 1870–2014, doi:10.1016/j.euroecorev.2016.03.006); ökonomische Unsicherheit treibt Populismus (Guiso u. a. 2024, doi:10.1111/ecca.12513). Dagegen fand eine niederländische Panelstudie, dass Einkommensverlierer eher zur radikalen Linken rückten (Gidron & Mijs 2019, doi:10.1093/esr/jcz023). Ökonomie ist ein Treiber unter mehreren.

Tag 2 vormittags — Yu, Weisband

Vereinfacht — Kant und der Sklavenhandel

Yu, 8:24. Kant vertrat bis in die 1790er eine Rassenhierarchie; eine öffentliche Verteidigung des Handels schrieb er nicht. Ob er sie am Ende aufgab, ist ein offener Forschungsstreit: Kleingeld liest Zum ewigen Frieden (1795) als Abkehr (doi:10.1111/j.1467-9213.2007.498.x), Bernasconi bestreitet sie. Yus „ganz am Ende doch wieder“ ist eine Seite dieses Streits, kein Konsens.

Bestätigt — Abgeschaltete Mentalisierung, Ekel als Hebel

Yu, 9:56, 12:13. Bei „extremen Fremdgruppen“ wie Obdachlosen bleibt der mediale präfrontale Cortex still (Harris & Fiske 2006, doi:10.1111/j.1467-9280.2006.01793.x). Die norwegische Studie gibt es: Ekelerregende Darstellungen steigerten die Entmenschlichung von Roma und die Zustimmung zur Abschiebung (Dalsklev & Kunst 2015, doi:10.1016/j.ijintrel.2015.03.028) — untersucht wurden Roma, nicht „Sinti und Roma Flüchtlinge“.

Vereinfacht — Israel/Palästina: einseitig erzählte Entmenschlichung

Yu, 13:45. Die zentrale Studie fand eine symmetrische offene Entmenschlichung — beide Seiten sprechen einander das Menschsein ab, trotz asymmetrischer Kriegslage (Bruneau & Kteily 2017, doi:10.1371/journal.pone.0181422). Yu erzählt nur eine Richtung.

Bestätigt — Bürgerrat Ernährung, nicht bindend

Weisband, 33:39. Der Bundestags-Bürgerrat „Ernährung im Wandel“ (2023/24) war ausgelost, hatte Sachverständige und übergab Empfehlungen ohne Bindungswirkung. Quelle: Deutscher Bundestag — Bürgerräte

Vereinfacht — Kapitolsturm als „mangelnde Selbstwirksamkeit“

Weisband, 38:18, ausdrücklich als Deutung. Die Angeklagten zeigen ein anderes Profil als das der Ohnmächtigen: Nur rund 7 % waren arbeitslos, mehr als die Hälfte hatte Bürojobs oder eigene Firmen; stärkster Prädiktor war der sinkende Anteil Weißer in der Heimat-County, also Statusangst. „Kontrollverlust“ trifft nur, wenn man darunter Statusverlust versteht. Quelle: Pape/CPOST, American Face of Insurrection (2022)

Bestätigt — „Nicht gespaltener als früher“ (für Deutschland)

Weisband, 40:36. Triggerpunkte (Mau/Lux/Westheuser 2023) findet ein „Dromedar“ mit breiter Mitte; im Ländervergleich ist die affektive Polarisierung in Deutschland 1977–2016 sogar gesunken (Boxell, Gentzkow & Shapiro 2024, doi:10.1162/rest_a_01160). In den USA stieg sie am stärksten — das „wir“ gilt nicht überall.

Vereinfacht — „Exhausted Middle“, Minderheiten im Kampf um Platz zwei

Yu, 46:41, 52:47. Gemeint ist Hidden Tribes von More in Common (2018), dort „Exhausted Majority“. Der Trump-Zuwachs 2020 bei Hispanics (28 → 38 %) und Schwarzen (6 → 8 %) ist real; das Motiv „gegen andere Minderheiten“ ist nur ein Strang der Forschung (Sommer & Franco 2024, doi:10.1017/s1755773923000371), andere erklären ihn breiter über Ideologie, Religion und Geschlecht (Corral & Leal 2024, doi:10.1111/ssqu.13400).

Vereinfacht — „Konservative Hirne sind auf Angst sensibilisiert“

Yu, 67:17. Die Befunde um 2008–2011 sind stark geschrumpft: Eine präregistrierte Studie in vier Ländern fand keine unterschiedlichen physiologischen Reaktionen auf Bedrohung (Bakker et al. 2020, doi:10.1038/s41562-020-0823-z), eine große MRT-Replikation den Amygdala-Effekt nur noch winzig (Petropoulos Petalas et al. 2024, doi:10.1016/j.isci.2024.110532, nach dem Panel erschienen). Yus ältere Neuropolitik-Note führte den Amygdala-Befund lange als bestätigt; → Yu — Neuropolitik.

Tag 2 nachmittags — Bude, Gaub

Bestätigt — Der Kreis um Kerber und die Eindämmungsentscheidung

Bude, 17:30, 19:47. Das Papier „Wie wir COVID-19 unter Kontrolle bekommen“ nennt ein Team aus RKI, RWI, IW, SWP und Universitäten, darunter Kassel (Budes Hochschule); es rechnet mit über einer Million Toten im Worst Case und empfiehlt Eindämmung. Das BMI erhielt es am 22.03.2020; den Mailverkehr mit Kerber im Verteiler deckte die Welt am Sonntag 2021 auf. Budes Erzählung, Kerber habe einen Soziologen geholt 34:57, reibt sich mit der Bundesregierung, die von einer pro bono arbeitenden Gruppe sprach, die sich „eigenständig“ erweitert habe. Quelle: FragDenStaat: Strategiepapier (01.04.2020) · Drucksache 19/28063

Vereinfacht — „Über Schulen haben wir damals nicht gesprochen“

Bude, 20:32. Die Abwägung zugunsten der Industrie steht im Papier — die Schulen aber auch: Es zählt die „Schliessung der Schulen und Universitäten“ zu den Maßnahmen, sein Zeitplan beginnt mit „Schulschliessungen“. Die Länder hatten am 13.03. bereits geschlossen. „Nicht gesprochen“ lässt den Teil weg, der im Rückblick am härtesten umstritten ist.

Vereinfacht — „Ich habe die Angst der Leute übernommen“: die ausgelassene Schockwirkung

Bude, 21:20, 44:06. Das Papier setzt tatsächlich auf die „Mithilfe aller Bürgerinnen und Bürger“ und verlangt, „entschieden aber nicht panisch“ zu handeln. Derselbe Text enthält aber das Kapitel „Worst case verdeutlichen!“: „Um die gewünschte Schockwirkung zu erzielen“, sollen Bilder von Menschen gezeichnet werden, die „qualvoll um Luft ringend zu Hause“ sterben, dazu Kinder, die sich schuldig fühlen, ihre Eltern angesteckt zu haben. Bude selbst sagte im Januar 2024 in Graz, man habe „ein Modell finden“ müssen, „um Folgebereitschaft herzustellen, das so ein bisschen wissenschaftsähnlich ist“ (Mitschnitt Uni Graz, ▶ 1:16:29, am Untertitel geprüft). Seine Lüneburger Fassung — Angst nehmen, nicht machen — erzählt eine Hälfte des Papiers. Zur Fairness: Wer den Schockwirkungs-Abschnitt schrieb, ist öffentlich nicht belegt; Bude ist er nicht persönlich zuzuschreiben. Quelle: Strategiepapier, Abschnitt 4 a (FragDenStaat)

Bestätigt — Roosevelt, „fear itself“

Bude, 44:51. Aus der ersten Antrittsrede, 04.03.1933, frei wiedergegeben. Roosevelt stellt den Satz neben das Versprechen, die Wahrheit „frankly and boldly“ zu sagen — das Gegenteil eines Registers der Schockwirkung. Quelle: Avalon Project, Yale — FDR, First Inaugural Address

Nicht verifizierbar — Kästner: „Wer keine Angst hat, hat keine Phantasie“

45:37. Kursiert als Kästner-Zitat, in keiner Quelle mit Werk und Fundstelle. Keine unabhängige Quelle gefunden.

Bestätigt — 9/11-Kommission: „failure of imagination“

Gaub, 6:05. Der Bericht nennt „four kinds of failures: in imagination, policy, capabilities, and management“. Quelle: 9/11 Commission Report, Kap. 11

Vereinfacht — Russische Science-Fiction mit Ukraine-Invasion „seit 1990“

Gaub, 10:36. Das Phänomen ist gut belegt, die Jahreszahl nicht: Der Korpus der Kriegsromane über die Ukraine stammt vor allem aus der Zeit nach der Orangenen Revolution, mit einer Welle ab 2009 (Leitbeispiel Fjodor Beresin, Krieg 2010: Ukrainische Front, später Vizeverteidigungsminister der „DNR“). Ihr Argument vom grauen Nashorn trägt auch mit 15 statt 32 Jahren. Quelle: Slate 2014

Vereinfacht — KI überzeugt Verschwörungsgläubige zu 30 %, Menschen zu unter 5 %

Gaub, 28:08. Die Studie fand rund 20 % weniger Glauben, der Effekt hielt zwei Monate (Costello, Pennycook & Rand 2024, Science, doi:10.1126/science.adq1814) — einen Menschen-Vergleich gab es nicht. Ihr Mechanismus (Vertrauen, weil es der KI „egal“ sei) wurde später getestet und fiel durch: Ob Probanden glaubten, mit KI oder einem Experten zu sprechen, machte keinen Unterschied (Boissin et al. 2025, doi:10.1093/pnasnexus/pgaf325, nach dem Panel erschienen).

Vereinfacht — Finnland, „Amygdala-Hijack“

Gaub, 29:39, 41:48. Finnland ist bei der Lebenszufriedenheit seit Jahren auf Platz 1, beim Vertrauen in Fremde in der Spitzengruppe, aber meist hinter Dänemark und Norwegen. „Amygdala-Hijack“ ist ein populärer Begriff (Goleman 1995); gedeckt ist der Kern, dass akuter Stress die Funktionen des präfrontalen Cortex schwächt (Arnsten 2009, Review, doi:10.1038/nrn2648). Quelle: Our World in Data — Trust

Falsch — Hopepunk „erstmals offiziell“ auf der Worldcon 2024

Gaub, 50:10. In Glasgow 2024 gab es das Panel „Hopepunk: Dystopia or Utopia?“ — neu war das nicht. Den Begriff prägte Alexandra Rowland 2017; schon die Worldcon Dublin 2019 hatte ein Hopepunk-Panel mit Rowland, Chicago 2022 eines mit dem Titel „Hopepunk: Five Years In“. Eher ein Erinnerungsfehler im Dienst der Pointe vom frischen Keimling. Quelle: Jasmin Kirkbride: Hopepunk at Glasgow 2024

Bestätigt — Latour: Wissenschaft und Forschung

Bude, 63:12. Latour, From the World of Science to the World of Research?, Science 1998 (doi:10.1126/science.280.5361.208).


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung:

Zum Kontext der Pandemie-Beratung:

Im Gespräch erwähnt:

Aus dem Faktencheck


Verbindungen

→ Heinz Bude — Gesellschaft der Angst

2014 beschrieb Bude eine Gesellschaft, in der Angst das Prinzip ist, und das „ängstliche Ich“, das vor lauter Scheiternsangst nichts wagt. In Lüneburg tritt er als der auf, der den Leuten die Angst abgenommen hat. Marinić hält ihm sein eigenes Buch vor, und zusammen gelesen zeigen beide Texte die Spannung des Soziologen, der Angst analysiert und sie in der Not als Werkzeug behandelt hat.

→ Alena Buyx — Gesellschaft NEU DENKEN

Buyx hält Marinićs „weggemacht“ entgegen, es sei kaum etwas so gründlich aufgearbeitet worden wie die Pandemie, und belegt, dass zwei Drittel bis drei Viertel die ganze Zeit solidarisch blieben. Das stützt Budes Erzählung von der hohen Zustimmung. Zugleich deutet Buyx den Bruch als Erschöpfung und Wahlkampf, Bude als Undank nach dem Impfstoff, und das Strategiepapier legt eine dritte Lesart nahe.

→ Aladin El-Mafaalani — Misstrauensgemeinschaften

El-Mafaalani nennt Vertrauen eine Vorleistung und legt die Bringschuld beim Staat, der seine Kernaufgaben nicht schafft. Weisbands „Papa Staat“ ist genau dieses Modell, und sie hält es für erschöpft. Wo El-Mafaalani einen besser liefernden Staat verlangt, will Weisband aus Kunden Mitbesitzer machen, und an dieser Gabelung entscheidet sich, was Vertrauensaufbau überhaupt heißt.

→ Liya Yu — Dehumanisierung und Rehumanisierung

Die ausführliche Darstellung von Yus Neuropolitik, Mentalisierung und Rehumanisierung steht dort. In Lüneburg bekommt sie eine Gegenstimme, die ihr zustimmt und sie verschiebt: Weisband dehumanisiert bewusst, um nicht zu zerbrechen, und findet die Motivation zum Mentalisieren in der Beteiligung, im Kinderparlament, wo man den anderen verstehen muss, um eine Regel zu finden.

→ Steffen Mau — Spaltung der Gesellschaft

Mau hat empirisch gezeigt, dass die Gesellschaft weniger polarisiert ist, als sie sich anfühlt, und dass Konflikte an Triggerpunkten aufbrechen. Weisbands These, wir sähen einander heute bloß deutlicher als früher, passt dazu. Marinićs Jugoslawien-Erinnerung zeigt, was solche Messungen nicht erfassen: den Esstisch, an dem ein Thema nicht mehr vorkommt, lange bevor eine Umfrage es bemerkt.

→ Eva von Redecker — Dieser Drang nach Härte

Den „öffentlichen Luxus“ hat Redecker dort als Programm entfaltet; in Lüneburg begründet sie ihn mit dem Wunsch mancher AfD-Wähler nach einem „Stärkebeweis vom Staat“. Ihr Begriff des Phantombesitzes erklärt, warum dieser Wunsch sich an den Grenzen austobt. Ob Daseinsvorsorge ihn stillen kann, bleibt in beiden Texten die offene Frage.

→ Vertrauen und das aufgelöste Opfer

Der Gedanke beschreibt einen bewussten Vertrauensvorschuss, der die Möglichkeit kennt, ausgenutzt zu werden, und trotzdem gibt. Friedmans Satz, er habe sich mit all der Erfahrung entschieden, Menschen zu vertrauen, dass sie lernen können, ist die härteste denkbare Probe darauf. Redeckers ausgestreckte Hand und Budes Entscheidung, mit dem Zweifeln aufzuhören, sind zwei weitere Fassungen derselben Geste.

→ Adam Tooze — Krise und demokratische Gelegenheit

Die Schwester-Note desselben Wochenendes. Wo die drei Runden hier nach dem Vertrauen zwischen Menschen und Institutionen fragen, fragt Tooze nach der Krise als Gelegenheit für demokratisches Handeln, also nach dem, was Bude „riskanten Vorgriff“ und Göpel „Vertrauen in die Handlungsfähigkeit“ nennt.

→ Veronika Grimm — Der Preis als Signal (Jung & Naiv 612)

Warum es nicht die anderthalb Zimmer wurden, erzählt die Ko-Vorsitzende der Gaskommission: Der Versorger sieht nur den Anschluss, nicht ob dahinter hundert Mietparteien wohnen oder eine Villa mit Pool. Gerechtigkeit pro Kopf hätte Daten, Kontrollen und eine Verwaltung gebraucht, die im Herbst 2022 nicht da war.

→ Hannah Arendt — Zur Person (im Gespräch mit Günter Gaus, 1964)

Was Göpel und Marinić Vertrauen nennen, heißt bei Arendt „Wagnis der Öffentlichkeit“: ein Vertrauen ins Menschliche, das den Verrat der eigenen Freunde schon kennt.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
  • Wenn Vertrauen vor allem eine Bringschuld derer ist, die es empfangen wollen — was bleibt dann vom Vertrauen als Vorleistung, ohne die nach Redecker und Bude gar nichts beginnt?
  • Weisband will aus Kunden Mitbesitzer machen, Friedman aus Gleichgültigen Demokraten. Beide setzen auf einen Bürger, der sich kümmern will — was, wenn die Erschöpfung, von der Yu spricht, genau das verhindert?
  • Die AfD „lügt in den Fakten“ und spricht eine „emotionale Wahrheit“. Kann eine demokratische Regierung emotional wahr sprechen, ohne selbst in den Fakten nachzugeben — und hat sie es im März 2020 vielleicht schon einmal versucht?
  • Friedman vertraut, obwohl er weiß, dass „sie es wagen“, Redecker sieht kein Exil mehr. Woran würdest du merken, dass dein eigenes Vertrauen in die Institutionen ideologisches Vertrauen geworden ist?
  • Marinić fragt, warum man Eliten vertrauen soll, die zweifeln, und solchen, die zu wissen glauben. Gibt es eine dritte Haltung, die beide Lager überzeugt — oder ist das Misstrauen gegen jede Expertise der Preis einer Demokratie, die jeden urteilen lässt?

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Im Bestand

Aladin El-MafaalaniMisstrauensgemeinschaften und…Liya YuNeuropolitik und die Grenzen der…Adam ToozeKrise und demokratische…Liya YuDehumanisierung und…Maja GöpelDenkerVitaVermögenssteuer gegen Fake…Isabella WeberAntifaschistische…Liya YuDer neuropolitische…Sigl-Glöckner & KaczmarczykGeld ist genug da?Göpel, Bleisch,…Verhärten. Überall. Und nun?Stephan Marks und Aladin…Unter der Wut die Scham?Henrike von Scheliha und…Susanne BoshammerWas heißt verzeihen?Simone WeilAufmerksamkeit, die seltenste…Roberto SimanowskiSprachmaschinen und der…Dietmar Dath und Wolfgang M.…Verschwendung als Möglichkeit?Mithu Sanyal und Şeyda KurtEntgegenkommen, wenn es…Roger de WeckWas ist konservativ, was…Carsten BrosdaNächste Demokratie?Harald Welzer und Barbara…Großzügigkeit und Gegenwärtigkeit

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