Gedankenraum
DenkerVita·8. Oktober 2026

Marina Weisband — DenkerVita

Demokratie beginnt im Kinderparlament: Marina Weisband, Psychologin und einst Gesicht der Piraten, will Menschen vom Kunden zum Mitbestimmer machen, gegen Angst und Bürokratie.

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Maria Prymachenko — ukrainische naive Volkskunst, Gouache in leuchtenden Farben, passend zur Herkunft aus Kyjiw. Ein roter Fuchs hebt die Pfote vor einem Kreis aus Kindern und Tieren auf kleinen Hockern: das Kinderparlament mit dem Leise-Fuchs, dahinter ein Lebensbaum aus einer Sonnenblume.

Prompt: Painting in the manner of Maria Prymachenko, Ukrainian naive folk art, gouache on paper, 1200x500 wide banner, bright flat colours on a cream ground. In the centre a large friendly red fox with a flowering tail sits upright and raises one paw, as if asking for quiet. Around it in a circle sit many small stylized children and animals on tiny stools, an owl, a hare, a hedgehog, listening to each other. Behind them a fantastical tree grows from a sunflower, its branches carrying little round houses and blue birds. At the right edge a small winged dragon-like beast plays a lute. Ornamental borders of flowers and leaves, cobalt blue, poppy red, sunflower yellow, leaf green. No realistic faces, no text, no letters, no signature, no monogram, no photorealism.

Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Marina Weisband (*1987 in Kiew), Diplom-Psychologin, Publizistin und Beteiligungspädagogin. Kam 1994 als Kind einer jüdischen Familie nach Wuppertal, 2011/12 politische Geschäftsführerin der Piratenpartei, seit 2018 bei den Grünen. Leitet seit 2014 das Schulbeteiligungsprojekt aula, war Co-Vorsitzende des digitalpolitischen Vereins D64 und lebt mit ihrer Familie in Münster. Seit 2020 an ME/CFS erkrankt.

Wichtigste Werke: Wir nennen es Politik (2013), Frag uns doch! (mit Eliyah Havemann, 2021), Was uns durch die Krise trägt (mit Frido Mann, 2023), Die neue Schule der Demokratie (mit Doris Mendlewitsch, 2024) Kernkonzepte: Selbstwirksamkeit, Vertrauen durch Ownership statt Versorgung, Beteiligung als Schule der Mentalisierung, emotionale Wahrheit, Angst und Bürokratie als „Endgegner“


Biografie

Kiew und Wuppertal (1987–2006): Weisband wird anderthalb Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl geboren, keine hundert Kilometer vom Reaktor entfernt, und ist als Kind schwer krank. Ihre jüdische Familie hatte wegen des sowjetischen Antisemitismus den Namen Onufriyenko angenommen; ein Großvater war Artillerieoberst der Roten Armee, der andere hatte den Holocaust überlebt. Auf ärztlichen Rat verlässt die Familie 1994 die Ukraine und kommt als jüdische Kontingentflüchtlinge nach Wuppertal. Dort macht sie Abitur.

Psychologie und Piraten (2006–2015): Ab 2006 studiert sie Psychologie in Münster, 2013 schließt sie als Diplom-Psychologin ab. 2009 tritt sie den Piraten bei, im Mai 2011 wird sie politische Geschäftsführerin der Partei. Sie wird zum Gesicht der Piraten in ihrem Erfolgsjahr; die FAZ schreibt zum Abschied, sie habe mehr soziales Kapital eingeworben als wohl jeder andere Parteipolitiker jener Jahre. „Wir bieten kein Programm, sondern ein Betriebssystem“, sagt sie. Im April 2012 tritt sie nicht wieder an, aus gesundheitlichen Gründen und um ihre Diplomarbeit zu schreiben; danach macht sie die antisemitischen Anfeindungen öffentlich, denen sie im Amt ausgesetzt war. 2013 erscheint Wir nennen es Politik, das E-Book ohne Kopierschutz. 2015 tritt sie still aus der Partei aus.

aula und die Grünen (seit 2014): Seit 2014 leitet sie aula – Schule gemeinsam gestalten, ein von der Bundeszentrale für politische Bildung gefördertes Projekt, in dem Schülerinnen und Schüler ab der fünften Klasse über ihr Schulleben mitentscheiden. 2018 berät sie die Grünen zur Netzpolitik und tritt der Partei bei. Seit 2017 schreibt sie für das Medienmagazin @mediasres des Deutschlandfunks, 2020 bis 2022 ist sie mit Henning Tillmann Co-Vorsitzende von D64. 2020 beantwortet sie mit Eliyah Havemann auf YouTube Fragen zum Judentum (#FragEinenJuden), daraus wird das Buch Frag uns doch!. Am 27. Januar 2021 spricht sie neben Charlotte Knobloch in der Gedenkstunde des Bundestages für die Opfer des Nationalsozialismus.

Krieg und Krankheit (seit 2020): Seit 2020 lebt sie mit ME/CFS und macht die Krankheit öffentlich. Seit dem russischen Überfall 2022 hat sie Familie im Krieg: „Ich habe keine Wahl, als seit zwei Jahren vollständig im Krieg zu leben.“ Sie unterschreibt den von Ralf Fücks und Marieluise Beck initiierten Brief für Waffenlieferungen an die Ukraine. 2021 sagt sie, sie habe sich in den positiven Möglichkeiten des Internets geirrt, und kritisiert die Marktmacht weniger Konzerne.

Schule der Demokratie (seit 2024): 2024 erscheint mit Doris Mendlewitsch Die neue Schule der Demokratie. Auf der Utopie-Konferenz 2024 der Leuphana Universität Lüneburg spricht sie mit der Neuropolitikerin Liya Yu, moderiert von Maja Göpel und Jagoda Marinić, über Vertrauen in einer polarisierten Gesellschaft. 2025 lehnt sie die Auszeichnung als Didacta-Bildungsbotschafterin ab, weil die AfD auf der Messe einen Stand hat; seit April 2025 macht sie den Podcast Wind und Wurzeln. 2026 wird ihr das Bundesverdienstkreuz zugesprochen. In ihrer Freizeit spielt sie Live-Rollenspiel und hat dort auch schon Armeen geführt, um zu verstehen, wie Menschen einander Leid antun.


Bücher & Publikationen

TitelJahrBeschreibung
Die neue Schule der Demokratie. Wilder denken, wirksam handeln2024Mit Doris Mendlewitsch: Schule als Ort, an dem Kinder Demokratie erleben statt nur lernen, aus zehn Jahren aula. S. Fischer.
Was uns durch die Krise trägt. Ein Generationengespräch2023Briefwechsel mit Frido Mann, dem Enkel Thomas Manns, über Krieg, Klima und Zuversicht. wbg Theiss.
Frag uns doch! Eine Jüdin und ein Jude erzählen aus ihrem Leben2021Mit Eliyah Havemann: Antworten auf Fragen zum jüdischen Leben in Deutschland. S. Fischer.
Wir nennen es Politik. Ideen für eine zeitgemäße Demokratie2013Die Piraten-Erfahrung als Programm: Transparenz, Beteiligung, Demokratie als Betriebssystem. Tropen.

(Buchlinks führen auf die genialokal-Suche, lokaler Buchhandel statt Amazon.)


Empfehlenswerte Videos & Vorträge


Kernthesen

  1. Zwei Quellen von Vertrauen. Menschen vertrauen Institutionen, wenn diese sich um sie kümmern, „Papa Staat“, oder wenn sie das Gefühl haben, es seien ihre eigenen. Das erste Modell trug die Bundesrepublik, solange es jeder Generation besser ging; es zerbricht an Zumutungen und Transformationen. Das zweite verlangt Beteiligung, also Machtverzicht der Institutionen.
  2. Vom Kunden zum Mitbestimmer. „Wir sagen Dinge wie: Die Ampel liefert nicht. Ja, was haben wir denn bestellt?“ Wer Politik als Lieferanten behandelt, hat keinen Grund, sich mit deren Beschränkungen zu befassen. Die Motivation dazu entsteht erst, wenn man wirklich einwirken kann, etwa in einem verbindlichen Bürgerrat.
  3. Die Schule erzieht zur Hilflosigkeit. Klingel, 45-Minuten-Takt, Essenszeit auf Kommando: Die Schule ist für sie eine disziplinarische Institution, die zusammen mit Werbung und Smartphone Konsumenten erzieht. Das macht krank und demokratieunfähig, denn der Kern der Demokratie ist das Selbstverständnis eines Menschen, der für sich und andere verantwortlich ist.
  4. Beteiligung lehrt Mentalisieren. Toleranz zu predigen erreicht Kindergartenkinder nicht. Ein Kinderparlament schon: Ihre Tochter berief eines ein, weil der Morgenkreis zu laut war; ein Junge wollte lieber spielen; am Ende durfte, wer nicht teilnehmen wollte, im Tonraum spielen. Wer mitentscheidet, muss sich in andere hineindenken.
  5. Der Sturm aufs Kapitol zeigt fehlende Selbstwirksamkeit. Wer „es denen da oben zeigen“ will, lebt im Weltbild von oben und unten. Elitenkritik verfängt, weil sie einen wahren Kern hat: Repräsentation ist ungleich, Reiche werden reicher. Auch Verschwörungserzählungen antworten auf das Gefühl, keine Kontrolle über das eigene Leben zu haben.
  6. Wir sind nicht gespaltener als früher. Wir sehen einander jetzt. Minderheiten können ihre Stimme erheben, und „das Ziel eurer Witze sitzt jetzt mit im Raum“. Wie in einer Therapie hole die Gesellschaft ihre Schatten an die Oberfläche, ein schmerzhafter und für manche lebensgefährlicher Prozess.
  7. Mit den echten Anliegen reden. Mit AfD-wählenden Verwandten spricht sie nie über Rassismus oder Verschwörungen, sondern über die verlorene Arbeit in der Pandemie, über Armut und über Frauen, die abends sicher nach Hause kommen sollen. So landet man bei Themen, die sie „kerngrün“ nennt.
  8. Emotionale Wahrheit. Die AfD lüge in den Fakten, spreche aber eine emotionale Wahrheit aus: Ihr fühlt euch klein und nicht gesehen. Eine Regierung, die mit Gesetzen und Statistiken antwortet, erreicht niemanden. Politik müsse Schmerz anerkennen und das Gefühl geben, gebraucht und gesehen zu werden. Einer Demokratie der Beteiligung stünden vor allem zwei „Endgegner“ im Weg: Angst und Bürokratie.
  9. Bewusst dehumanisieren. Niemand kann alle gleich humanisieren. Wer Nachrichten aus dem Jemen liest, schützt sich; sie tut es bewusst, weil ihre Kraft schon dem Krieg gilt, in dem ihre Familie lebt.

Politische Einordnung

Weisband ist Grüne, Digitalpolitikerin und Demokratiepädagogin. In der Außenpolitik steht sie entschieden aufseiten der Ukraine: Sie unterschrieb 2022 den Brief für Waffenlieferungen und warf Olaf Scholz 2024 vor, wegen der verweigerten Taurus-Lieferung „für nichts verantwortlich sein“ zu wollen. Zugleich kritisierte sie seinen Satz, die Solidarität mit der israelischen Regierung sei Staatsräson, weil in deren Kabinett Rechtsextreme säßen. Gegen den erstarkenden Rechtsextremismus ist sie kompromisslos: Wenn man ihn jetzt nicht mit allen politischen und zivilen Mitteln bekämpfe, werde man es später „mit Blut“ tun müssen.

Widerspruch: Ihre Haltung zur Ukraine bringt sie in Gegensatz zu pazifistischen Stimmen wie Ole Nymoen oder Mithu Sanyal, die Aufrüstung für die größere Gefahr halten. Und die These, die Gesellschaft sei kaum gespaltener als früher, wird ihr schon auf demselben Lüneburger Podium bestritten: Jagoda Marinić erzählte, wie in ihrer jugoslawischen Familie erst am Esstisch geschwiegen und dann nicht mehr miteinander geredet wurde, und sah seit 2015 und Corona Ähnliches in deutschen Familien.


Verbindungen zu anderen Denkern

→ Liya Yu

Ihre Gesprächspartnerin in Lüneburg. Yu erklärt aus der Hirnforschung, wie Entmenschlichung funktioniert und dass Mentalisierung wichtiger sei als Werteerziehung. Weisband liefert die Praxis dazu: Mentalisieren entsteht, wenn man es braucht, also dort, wo Kinder wirklich mitentscheiden. Yu dankte ihr für diese „How to do it“-Übung.

→ Steffen Mau

Beide halten die Rede von der gespaltenen Gesellschaft für übertrieben. Mau findet empirisch keine Lagerbildung, aber Triggerpunkte, an denen die Erregung eskaliert; Weisband erklärt das Gefühl der Spaltung damit, dass bisher Unsichtbare jetzt sichtbar sind.

→ Maren Urner

In Lüneburg vermisste Weisband sie ausdrücklich in der Runde: Urners Radikal emotional zeigt, dass Politik nie unemotional ist. Weisbands Forderung, die Regierung müsse Jugendliche in ihrer Einsamkeit und ihrem Prüfungsstress ansprechen statt Aktentaschen auf TikTok zu zeigen, setzt Urners These in Regierungskommunikation um.

→ Jagoda Marinić

Marinić moderierte das Gespräch mit Maja Göpel. Aus der Moderation kam die schärfste Frage, ob dieselbe Selbstwirksamkeit nicht auch die Stürmer des Kapitols antreibe, und Marinić hielt Weisbands These von der bloß sichtbar gewordenen Spaltung die Erfahrung aus Jugoslawien entgegen. Weisband antwortete, der Sturm sei gerade Ausdruck fehlender Selbstwirksamkeit gewesen.

→ Mithu Sanyal

Der Gegenpol in der Kriegsfrage. Weisband, deren Familie in der Ukraine lebt, verlangt Waffen für die Verteidigung; Sanyal hält die Aufrüstung für den falschen Weg und will Deserteure aufnehmen. Beide berufen sich auf Solidarität und meinen damit Verschiedenes.


Cortex-Notes

Im Bestand

Maja Göpel und Jagoda MarinićVertrauen, utopisch?Liya YuDenkerVitaSteffen MauDenkerVitaMaren UrnerDenkerVitaJagoda MarinićDenkerVitaMithu SanyalDenkerVitaFlorence GaubDenkerVita

sieben gedachte Verweise

verlinktdieselbe Quelle, nie verlinkt
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