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Gedankenraum
DenkerVita·10. Oktober 2026·0:45 h·13 Belegstellen

Hans-Thomas Tillschneider — DenkerVita

Islamwissenschaftler, Chefideologe der AfD Sachsen-Anhalt, seit 2026 Landtagsvize: Hans-Thomas Tillschneider nennt den Anschlag von Halle bis heute einen „Amoklauf“.

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Giorgio de Chirico — Pittura metafisica, glattes mattes Öl, Ocker, Terrakotta, tiefgrüner Himmel, harte Schlagschatten. Eine leere Piazza, von einer schnurgeraden Mauer in zwei Hälften geteilt, jede mit eigener Arkade und eigenem Turm, die sich nie berühren; links eine gesichtslose Gliederpuppe im dunklen Anzug über einem aufgeschlagenen alten Folianten, rechts eine schwere, verschlossene Tür, vor der kleine Kerzen brennen. De Chirico malt Ordnung ohne Menschen und Gelehrsamkeit ohne Wärme — für einen Mann, der alte Verse nach ihrem Anlass las, Kulturen getrennt halten will und vor der verschlossenen Tür keinen Anlass sah. Die Puppe vermeidet das Porträt und damit die Karikatur; die Kritik steckt in der Ordnung selbst.

Prompt: Wide panoramic banner painting in the style of Giorgio de Chirico, metaphysical painting, smooth matte oil, hard raking late-afternoon light, deep green sky. An empty sunlit piazza is split in two by a low, perfectly straight stone wall running into the distance; on each side stands its own separate arcade and its own tower, never touching. In the left foreground a faceless tailor's mannequin figure in a dark suit stands rigidly, holding open a large antique manuscript with faint illegible ornamental lines, a stack of old leather-bound books beside it. Its long black shadow stretches across the ochre paving toward the right, where at the end of the piazza a tall heavy wooden door in a pale wall stands closed. A few small white candles burn at the foot of that door. Melancholic, cold, still, no people. Palette: ochre, terracotta, dark green, black shadows, chalk white. No text, no letters, no flags, no symbols.

Biografischer Snapshot

Wer spricht?

Hans-Thomas Tillschneider (*5. Februar 1978, Timișoara, Rumänien) ist promovierter Islamwissenschaftler und AfD-Politiker. Seit 2016 sitzt er im Landtag von Sachsen-Anhalt, seit 2020 ist er stellvertretender Landesvorsitzender, und seit dem 6. Oktober 2026 ist er Vizepräsident des Landtags, neben dem ersten AfD-Landtagspräsidenten Tobias Rausch (t-online/AFP, 06.10.2026). Er war Sprecher der völkischen „Patriotischen Plattform“, ist Mitgründer des Kampagnennetzwerks „Ein Prozent“ und arbeitet eng mit dem Institut für Staatspolitik zusammen. Der Verfassungsschutz beobachtet ihn seit 2020 persönlich, seinen Landesverband stuft er seit November 2023 als gesichert rechtsextremistisch ein. Das Regierungsprogramm der AfD für die Landtagswahl 2026 trägt maßgeblich seine Handschrift. Den Anschlag auf die Synagoge von Halle nannte er 2020 im Landtag „keine politische Tat“, sondern die Tat eines „geistig verwirrten Einzeltäters“. Als er am 9. Oktober 2026 als Landtagsvize zum Gedenken kam, ließen ihn jüdische Studierende nicht hinein. Noch am selben Tag sprach er wieder vom „Amoklauf von Halle“.


Biografie

Tillschneider kam 1978 als Banater Schwabe in Timișoara zur Welt. In den frühen 1980er-Jahren floh die Familie aus Ceaușescus Rumänien über Jugoslawien in die Bundesrepublik; aufgewachsen ist er in Freudenstadt im Schwarzwald, wo er 1997 Abitur machte (Wikipedia, gestützt auf das Porträt „Der Deutsch-Ultra“ von Mariam Lau, Zeit, 27.08.2026). Nach einem Urlaub in Tunesien begann er sich für den Islam zu interessieren. Er studierte Islamwissenschaft, Philosophie und deutsche Literaturgeschichte in Freiburg und Leipzig, 2000/2001 auch in Damaskus. Kairo wäre ihm, wie er später sagte, zu „verwestlicht“ gewesen (n-tv, 02.05.2016).

Akademisch war er erfolgreich. Seine Magisterarbeit über die Entstehung der islamischen Rechtshermeneutik lobte der Islamwissenschaftler Jens Scheiner als Arbeit, die „die Forschung zur Entstehung des frühislamischen Rechts ein gutes Stück voran[bringt]“ (sehepunkte, 2009). Als Stipendiat der Studienstiftung begann er seine Promotion in Jena und wurde 2009 in Freiburg bei Ulrich Rebstock promoviert, mit einer Arbeit über die asbāb an-nuzūl, die überlieferten Anlässe, zu denen Koranverse offenbart worden sein sollen. Nach einer Postdoc-Stelle am CNRS in Paris war er von 2010 bis 2016 Akademischer Rat am Lehrstuhl für Islamwissenschaft der Universität Bayreuth (Lebenslauf Uni Bayreuth, Archiv). Seit dem Landtagsmandat ruht diese Stelle. Ob man ihm die Lehrbefugnis entziehen könne, wurde in Bayreuth jahrelang gestritten; Wissenschaftsministerium und Universitätspräsident sahen 2021 dafür keine Rechtsgrundlage (Volksstimme/dpa).

Politisch begann er 1996 in der FDP. 2013 trat er in die AfD ein. Als Motive nannte er im Gespräch mit Melanie Amann zwei: die Bologna-Reform, deren Modulhandbücher er als Assistent selbst schreiben musste, und die Einrichtung bekenntnisgebundener Lehrstühle für islamische Theologie in Zusammenarbeit mit den Islamverbänden (Amann Unframed, ▶ 3:52). Er saß 2014/15 im Landesvorstand der sächsischen AfD, trat als Sprecher der „Patriotischen Plattform“ auf, unterstützte Höckes „Flügel“ und Pegida und sprach im Mai 2016 als erster AfD-Mandatsträger auf einer Pegida-Kundgebung in Dresden. Seit 2015 lebt er in Sachsen-Anhalt. 2016 gewann er das Direktmandat im Wahlkreis Bad Dürrenberg-Saalekreis, im selben Jahr rügte ihn der eigene Landesvorstand für Äußerungen als PP-Sprecher (n-tv, 05.08.2016). Von 2017 bis Ende 2019 unterhielt er ein zweites Abgeordnetenbüro im Haus der Identitären Bewegung in Halle, nach eigenen Angaben als Untermieter von „Ein Prozent“ (Mitteldeutsche Zeitung, 22.09.2017).

Seit Anfang 2020 beobachtet ihn der Verfassungsschutz mit nachrichtendienstlichen Mitteln (Zeit, 12.02.2020). Im September 2020 wählte ihn der Landesparteitag mit 84 Prozent zum stellvertretenden Vorsitzenden. Er deutete das als Antwort auf die Beobachtung: „Wenn hier jemand angegriffen wird, dann wirkt sich das als eine Empfehlung aus.“ Und: „Wir, die AfD, sind der einzige Verfassungsschutz in diesem Land.“ (MDR, 23.09.2020) Im November 2023 stufte das Landesamt den ganzen Landesverband als gesichert rechtsextremistisch ein (tagesschau; beck-aktuell, 10.11.2023).

Bei der Landtagswahl am 6. September 2026 holte er im Wahlkreis Querfurt mit 54,9 Prozent das beste Erststimmenergebnis der AfD im Land, besser als Spitzenkandidat Ulrich Siegmund (t-online, 07.09.2026). Das Regierungsprogramm mit seiner „Abschiebe- und Remigrationsoffensive“ geht laut AFP maßgeblich auf ihn zurück; nach eigener Aussage hat er das Kapitel „Kultur und Integration“ entworfen (Amann Unframed, ▶ 28:16). Gehandelt wurde er als möglicher Bildungs- oder Kulturminister. Am 6. Oktober 2026 wurde er stattdessen Landtagsvizepräsident, mit 44 Ja- und 38 Neinstimmen. Die AfD hat 39 Abgeordnete, er bekam also fünf Stimmen aus anderen Fraktionen, obwohl das BSW angekündigt hatte, ihn nicht mitzuwählen. Damit die AfD überhaupt einen Vizepräsidenten stellen konnte, war zuvor die Geschäftsordnung geändert worden (phoenixRunde, 06.10.2026, ▶ 9:52 und 13:40).

Der 9. Oktober 2026

Drei Tage nach seiner Wahl fuhr er zum Gedenken an den Anschlag von 2019 nach Halle. Nach eigener Darstellung vertrat er den verhinderten Landtagspräsidenten Rausch, der eingeladen war. Aktivisten der Jüdischen Studierendenunion (JSUD) bildeten vor der Synagoge eine Menschenkette und ließen ihn nicht hinein. JSUD-Präsident Ron Dekel begründete das so: „Wir werfen Leuten wie Tillschneider und der AfD im Allgemeinen vor, dass sie die Grenze des Sagbaren so weit verschoben haben, dass dieser Anschlag eben erst möglich geworden ist.“ Der Gemeindevorsitzende Max Privorozki stellte klar, es habe kein Hausverbot gegeben, es sei eine öffentliche Veranstaltung gewesen; eine persönliche Einladung habe Tillschneider aber nicht erhalten. Zentralratspräsident Josef Schuster warf ihm vor, den Wunsch der Gemeinde nach einem Gedenken ohne politische Instrumentalisierung „mit Füßen getreten“ zu haben, und erinnerte an die Landtagsrede von 2020 (Jüdische Allgemeine, 09.10.2026).

Tillschneider schrieb danach auf X, er habe am „Gedenken an den schrecklichen Amoklauf von Halle“ teilnehmen wollen; „eine Gruppe fanatisierter Studenten“ habe ihn als Nazi beschimpft. Am Telefon wiederholte er, ein „geistig verwirrter Amokläufer“ habe „wahllos zwei Menschen erschossen“, und lud die jüdischen Gemeinden zum Gespräch in den Landtag ein: Jüdisches Leben sei „ein tiefst verwurzelter Teil der deutschen Kultur“, anders als das islamische (Interview auf ET Video, 09.10.2026, ▶ 0:00 und 6:09).


Bücher & Publikationen

TitelJahrBeschreibung
Die Entstehung der juristischen Hermeneutik (uṣūl al-fiqh) im frühen Islam2006Magisterarbeit (Ergon, Würzburg). Wie aus der Auslegung allgemeiner und besonderer Koranverse die islamische Rechtsmethodik entstand; in der Fachwelt gut aufgenommen.
Typen historisch-exegetischer Überlieferung2011Dissertation (Ergon). Formen und Funktionen der asbāb an-nuzūl, der Überlieferungen über die Anlässe der Offenbarung.
Die Kujuji-Stiftungen in Tabriz2013Mit Christoph Werner und Daniel Zakrzewski (Reichert, Wiesbaden): Edition, Übersetzung und Kommentar persischer Stiftungsurkunden der Jalayiriden.
Kulturpolitik. Wie es ist deutsch zu sein2026Castrum Verlag, Wien. Sein politisches Programm einer deutschen Nationalkultur; erschienen im Wahlkampf.

Weitere Texte:


Empfehlenswerte Videos & Vorträge

Er selbst, im Wortlaut:

Über ihn:


Kernthesen

So, wie er sie selbst vertritt:

  1. Halle war eine „Wahnsinnstat“, keine politische Tat. Im Landtag beschrieb er den Täter als „geistig verwirrten Einzeltäter“, „getrieben von Wahnvorstellungen, wonach die Juden für soziale Fehlentwicklungen wie etwa die niedrigen Geburtenraten oder die Masseneinwanderung verantwortlich seien“. Gerade deshalb lege er „Wert auf die Feststellung, dass die Tat keine politische Tat war“: Wer ihr eine politische Botschaft zuschreibe, „übernimmt damit die Selbstdeutung des Täters“0:47. Erklärt habe sich die Tat aus einem „pervertierten Spieltrieb“, aus Ego-Shootern und sozialer Isolation1:33. Wer Kritik an Masseneinwanderung mit dem Täter in Verbindung bringe, begebe sich „in Stefan B.s Komplizenschaft“; Ministerpräsident Haseloff solle „sich schämen“5:20. Programme gegen Antisemitismus hälfen nicht6:52. Stattdessen: mehr Polizei, „mehr Verwurzelung, mehr Gemeinschaft, mehr Volkssolidarität“. Dies solle den Täter „niemals entschuldigen“8:23.

  2. Kulturen sollen getrennt bleiben. Gegen die „universalistische Islamkritik“, die einen Reformislam will, setzt er: „Die Deutschen haben ihre Kultur, die Muslime haben ihre Kultur, und das passt nicht zusammen.“ Er wolle einen „Islam, der islamisch ist, und ein Deutschland, das deutsch ist“ (n-tv, 02.05.2016). Theologisch überhöht: Völker seien „Gedanken Gottes“, mit der „zügellosen Masseneinwanderung erhebt sich der Mensch gegen die Schöpfung“ (zitiert bei Liane Bednarz, Die Angst-Prediger, 2018).

  3. „Rechtsextremismus“ sei ein Machtbegriff. „Dieser Rechtsextremismusbegriff, der hat keinen Sachgehalt, der hat nur einen Machtgehalt. In diesem Rechtsextremismusbegriff ist das Machtinteresse der Altparteien eingeschrieben.“ (Amann Unframed, ▶ 13:02) Rechtsextrem sei erst, wer „Linke nicht mehr toleriert“ und „nicht mehr in der Lage ist, Demokratie zuzulassen“ (DW, ▶ 5:29).

  4. Remigration ist eine „Abschiebeoffensive“, Integration ein Gesinnungsangebot. Remigration meine eine Ausländerpolitik, „die die rechtlich gegebenen Möglichkeiten ausschreitet, aber nicht überschreitet“25:14. Wer bleibt, soll in ein „attraktiveres“ Deutschtum integriert werden; man könne es keinem Ausländer verübeln, dass er sich „nicht in dieses Regenbogen-Deutschtum integrieren will“, das die anderen Parteien anböten29:02. Staatlich geförderte Vereine sollen ein „Patriotismusbekenntnis“ ablegen. Als Verein, der das nicht erfülle, nennt er Miteinander e.V., weil der Trainings gegen rechte Stammtischparolen anbietet38:55.

  5. Russland als Befreiung von Amerika. Die „multipolare Weltordnung“ sei „der Gegenbegriff zur unipolaren Weltordnung, zur Weltherrschaft der USA“ (nach Marcus Bensmann in Rechtsextrem, das neue Normal?, 2024). Auf die tagesschau-Meldung „Russland greift an“ antwortete er am ersten Kriegstag: „Falsch. Russland wehrt sich.“ (Correctiv, 28.02.2022) Die USA wollten Deutschland „vom Multikulturalismus bis zum Genderismus nach ihrem Bilde umformen“, Russland dagegen biete eine Partnerschaft, „die uns sein lässt, wie wir sind. Freundschaft mit Russland bedeutet nicht Unterwerfung, Freundschaft mit Russland bedeutet Befreiung“ (taz, 02.02.2023).

  6. Die Erinnerung an den Holocaust sei irrational überhöht. Er halte „diese Sakralisierung des Holocaust […] für hochgradig irrational“ (MDR, 2022). Auf TikTok verglich er 2023 die Bestrafung der Palästinenser für die Verbrechen der Hamas mit der Verantwortung der Deutschen für den Holocaust: Man könne „nicht das ganze deutsche Volk in Verantwortung ziehen für die Verbrechen einiger weniger“ (Belltower.News, 07.11.2023).

  7. Die AfD als heilsgeschichtliche Kraft. „Gott ist mit uns, Gott ist mit der AfD“; die Partei sei „Drachentöter unserer Zeit“ im „Weltkampf zwischen den Mächten des Lebens und des Todes“ (Landtag 2024, Spiegel, 25.02.2025). Den Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Georg Bätzing, nannte er „vom Teufel geschickt“ (Kirche+Leben, 24.09.2025).


Politische Einordnung

Tillschneider ist kein Wutbürger, der zufällig in ein Parlament geraten ist. Er ist ein gelehrter Mann. Seine Fachbücher über frühislamische Rechtsmethodik und Koranüberlieferung wurden in Fachzeitschriften gelobt, und manche seiner Einwände waren Teil echter Hochschuldebatten: die Kritik an Bologna, die Frage, ob bekenntnisgebundene Lehrstühle mit den Islamverbänden gut beraten waren. Er formuliert offener als viele in seiner Partei. Die universalistische Islamkritik, die den Muslimen Aufklärung verordnen will, lehnt er ab, weil er nicht an gemeinsame Werte glaubt, sondern an getrennte Kulturen. Das ist Ethnopluralismus, die Kernidee der Neuen Rechten, und eben diese Ideologie nennt der Verfassungsschutz als Grund für die Einstufung seines Landesverbands. Die Sozialwissenschaftler Alexander Häusler und Andreas Kemper zählen ihn zum Rechtsaußen-Lager beziehungsweise zur „fundamentalistischen Neuen Rechten“; David Begrich nennt ihn „einen harten Ideologen und auch Agitator der extremen Rechten“ (phoenixRunde, ▶ 11:22).

Das Vorfeld

Sein Netzwerk ist belegt und von ihm selbst nie bestritten: Sprecher der „Patriotischen Plattform“, die Verfassungsschützer mit Positionen „ähnlich denen der Identitären Bewegung“ beschrieben; Mitgründer von „Ein Prozent“; Referent beim Institut für Staatspolitik und bei Compact; Abgeordnetenbüro im Hausprojekt der Identitären in Halle. Die AfD wolle, so sagte er 2016, das Gleiche wie die Identitäre Bewegung (HAZ, 12.07.2016, Archiv). Über Martin Sellner sagte er 2026: „Ich habe mit Sellner keine Probleme … schätze ihn als politischen Intellektuellen.“ (CORRECTIV, 29.08.2026) Nach den Ausschreitungen in Chemnitz 2018 schrieb er in der Sezession, die Parteispitze habe „kapituliert“, als sie einer Polizeianordnung folgte; man hätte die Polizei „zwingen“ müssen, gegen die Demonstranten vorzugehen, ein „Strahl aus dem Wasserwerfer“ bringe „bei Temperaturen um die 18 Grad niemanden um“ (zitiert bei Steffen Kailitz, in: Backes/Kailitz, Sachsen – Eine Hochburg des Rechtsextremismus?, 2020).

Im Gespräch mit Amann legte er für zwei frühere Funktionäre der verbotenen neonazistischen Heimattreuen Deutschen Jugend, die heute für die Landtagsfraktion arbeiten, „die Hand ins Feuer“20:41. Bei der Festnahme eines AfD-Mitglieds aus dem Kreis der mutmaßlich rechtsterroristischen „Sächsischen Separatisten“ sah er „viele, viele Fragen“, man habe sich „abends am Lagerfeuer getroffen, ein bisschen Bier getrunken“44:17. Seine Quelle dafür nannte er selbst: der Blog der Sezession und eine Gesprächsrunde in Schnellroda.

Die Rede über Halle

An der Landtagsrede vom Oktober 2020 lässt sich seine Denkweise am genauesten zeigen, weil er sie dort ausführlich darlegt. Er benennt das Motiv selbst, den Wahn, „die Juden“ seien für Geburtenrückgang und Masseneinwanderung verantwortlich. Er beschreibt, dass der Täter seine Tat live ins Internet übertrug, also für ein Publikum beging. Und er folgert, die Tat sei unpolitisch. Ein antisemitisches Weltbild, eine Synagoge an Jom Kippur als Ziel, ein Livestream für Gleichgesinnte: Das sind genau die Merkmale, an denen man rechtsterroristische Anschläge erkennt. Das Oberlandesgericht Naumburg verurteilte den Täter zwei Monate nach der Rede für den „rechtsterroristischen Anschlag“ zu lebenslanger Haft mit besonderer Schwere der Schuld und anschließender Sicherungsverwahrung (LTO, 21.12.2020).

Dazu kommt ein Widerspruch innerhalb der Rede. Sie warnt davor, die Tat politisch zu instrumentalisieren, und tut im selben Atemzug genau das. Sie greift den Ministerpräsidenten an, nennt Programme gegen Antisemitismus nutzlos und erklärt, „junge weiße Männer“ seien „aufgrund der positiven Diskriminierung fast aller anderen Gruppen“ eine der am meisten benachteiligten Gruppen7:37, eine Behauptung ohne Beleg. Am Ende führt sie zu seinem eigenen Programm: Verwurzelung und Volksgemeinschaft. Am 9. Oktober 2026 sprach er wieder vom „Amoklauf“, diesmal als Vizepräsident des Landtags. Das erklärt den Satz, mit dem Schuster die Menschenkette rechtfertigte: Wer den antisemitischen Charakter der Tat abstreite, „verhöhnt die Opfer dieses Anschlags“. Dass ihm der Zutritt zur Synagoge verwehrt wurde, lag an dieser Rede, nicht an seinem neuen Amt.

Antisemitische Muster

Den Zentralrat der Juden zählte er 2018 vor AfD-Mitgliedern zu den Kräften, die den Islam instrumentalisierten, um „multikulturelle Verhältnisse herbeizuführen“, „die deutsche Kultur zu schwächen“ und die „Abschaffung unseres Volkes“ herbeizuführen. Patrick Gensing ordnete das als Verschwörungserzählung mit antisemitischem Muster ein, ebenso die Rede von „internationalen Vagabunden“, deren Globalisierung „die Säure“ sei, „die unsere Nationalstaaten zerfrißt“ (tagesschau-Faktenfinder, 09.11.2019). Nach dem 7. Oktober 2023 äußerte er die „Vermutung“, die USA könnten über „klandestine Hamas-Kontakte“ einen „Impuls für den Angriff gegeben haben“; das sei „die wahrscheinlichste Erklärung“ (ZDF, 15.10.2023). In Kulturpolitik (2026) schreibt er, die „Antideutschen“ entmenschlichten ihre Gegner „genauso und brutaler noch“ als die Nationalsozialisten die ihren; ZDF aspekte nannte das Holocaustrelativierung (aspekte, 14.08.2026). Dass er jüdisches Leben öffentlich als Teil der deutschen Kultur bezeichnet, steht daneben und hebt nichts davon auf.

Russland

Seine Nähe zum Kreml ist offen und gut dokumentiert. Nach Kriegsbeginn sagte er in Querfurt: „Wladimir Putin verteidigt russische Interessen, und das ist sein gutes Recht.“ (Welt, 07.03.2022) Im September 2022 brach er eine Russlandreise mit zwei Fraktionskollegen, bei der auch ein Besuch der besetzten Gebiete geplant war, erst nach Druck der Parteispitze ab (FR, 20.09.2022). 2023 gründete er mit Compact-Chef Jürgen Elsässer den Verein „Ostwind“ für „Frieden und Freundschaft mit Russland“ (taz), besuchte die Moskauer Sicherheitskonferenz und pries Moskau danach auf TikTok mit den Worten „Glanz, Ordnung, Wohlstand und Sauberkeit“ (FR, 22.08.2023). 2024 gratulierte er Putin zur Wiederwahl (taz, 21.03.2024), im Oktober 2025 war er laut Berliner Morgenpost unter den AfD-Politikern beim Empfang zu Putins Geburtstag in der russischen Botschaft (Morgenpost, 08.10.2025). In seinem Wahlkreisbüro steht eine Tasse der russischen Armee, die er als Geschenk verteidigt; die Veröffentlichung eines Podcasts darüber wollte er stoppen (Spiegel, 2026).

Zwei Ansprachen

Die DW hat ihn vor der Kamera gefilmt, wo er sich zum Rechtsstaat bekennt, und dagegen eine Rede vor Anhängern geschnitten (→ DW Reporter). Begrich spricht von „Doppeladressierung“: Rausch gibt den konzilianten Ton, Tillschneider liefert die Ideologie. Zu diesem Muster passen auch die Wahlkampfrede in Quedlinburg („Das ist Diktatur, das ist Tyrannei“) und der Satz „Wir, die AfD, sind der einzige Verfassungsschutz in diesem Land“. Die Kehrseite: Er ist schwer zu fassen, weil er gern belehrt und zugleich empfindlich ist. Als Amann bei seinem eigenen Programm nachhakte, warf er ihr Framing vor und ging.

Was offen bleibt

Ob seine Islamwissenschaft und seine Politik aus derselben Wurzel kommen, lässt sich nur vermuten. In beiden sucht er das Eigene, das sich nicht mischen soll: den Islam, der islamisch bleibt, das Deutschland, das deutsch bleibt. Offen ist auch, wie ein Landtagsvizepräsident, der den Verfassungsschutz für parteiisch und den Rechtsextremismusbegriff für leer hält, ein Präsidium führen wird, das über die Würde des Parlaments wachen soll. Belegt ist bisher nur der erste Auftritt in diesem Amt, und der endete vor der Tür der Synagoge.


Verbindungen zu anderen Denkern

(wird von Montaigne befüllt)


Cortex-Notes

Im Bestand

Tillschneider vor der…AfD und rechte Influencer…Putins Zielscheibe EuropaDer Tag, an dem Berlin es beim…Oschmann und KowalczukKränkung oder Freiheitsschock

vier gedachte Verweise

verlinktdieselbe Quelle, nie verlinkt
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