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Gedankenraum
Zeitgeist·10. Oktober 2026·2:15 h·63 Belegstellen

Oschmann und Kowalczuk — Kränkung oder Freiheitsschock

Zwei Ostdeutsche, beide Jahrgang 1967, lesen dieselben dreißig Jahre gegensätzlich: Der eine sieht einen Osten, den der Westen erfunden hat, der andere einen, der in der Freiheit nie ankam.

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Edward Hopper — Hopper malte Menschen, die nebeneinander sitzen und nicht miteinander sprechen, in einem Licht, das mehr sagt als sie. Darum seine Hand für eine Note, in der zwei Männer desselben Jahrgangs dieselben Tatsachen gegensätzlich erzählen und beide am Ende beim Abendbrottisch landen. Unter einer Lampe sitzen Mutter, Vater und der erwachsene Sohn bei Brot, Butter und Tee, jeder blickt woandershin. Durch das linke Fenster leuchtet die sanierte Fachwerkaltstadt mit dem Dom, Kowalczuks Halberstadt, das heute aussieht wie ein Puppendorf. Durch das rechte steht das verschlossene Fabriktor mit dem kalten Schornstein, Oschmanns Osten. Ein erster Versuch zeigte den Sohn in einer Jacke, die wie eine Uniform wirkte, und zu realistische Gesichter; der zweite ist stiller.

Prompt: Wide panoramic painting in the manner of Edward Hopper: quiet oil painting with simplified, smoothed forms and anonymous faces seen in soft shadow or from the side, flat planes of late evening light, long shadows, muted greens, ochre and deep blue, still and melancholic. Inside a plain kitchen at dusk, a long wooden table with bread, butter and a teapot under a single warm lamp; an older woman, an older man and their adult son in a grey hooded sweatshirt sit at the table, each looking in a different direction, no one speaking. Through a wide window on the left: a carefully restored half-timbered old town with a cathedral glowing in the last sun. Through a second window on the right: a closed factory with a rusting gate and a tall cold chimney, and beyond it the empty platform of a small train station where a young woman with a suitcase waits alone, small in the distance. No uniforms. No text, no letters, no numbers, no signs, no signature, no monogram, no initials anywhere.

Worum es geht

Zwei Ostdeutsche, beide Jahrgang 1967, lesen dieselben dreißig Jahre gegensätzlich: Der eine sieht einen Osten, den der Westen erfunden hat, der andere einen, der in der Freiheit nie ankam. Dirk Oschmann spricht im November 2024 in Potsdam mit Juli Zeh über sein Buch Der Osten: eine westdeutsche Erfindung. Ilko-Sascha Kowalczuk hält im Mai 2025 in Halberstadt einen Vortrag über Freiheitsschock, in einer Stadt, durch die montags Rechtsextreme ziehen. Beide kennen die Treuhand, die Abwanderung und die fehlenden Ostdeutschen in den Chefetagen, und beide nennen dieselben Zahlen. Sie ziehen daraus entgegengesetzte Schlüsse über die Frage, warum das Autoritäre gerade dort so stark ist. Die Note legt die beiden Abende nebeneinander und fragt, was von beiden Geschichten trägt.

Quellen:

Wer spricht?

Dirk Oschmann (1967 in Gotha) — Professor für Neuere deutsche Literatur in Leipzig, Arbeiterkind, Studium in Jena und Buffalo, lange ein Kafka- und Schillerforscher ohne großes Publikum. Mit einem FAZ-Essay 2022 und dem Buch Der Osten: eine westdeutsche Erfindung (2023, Platz eins der Bestsellerliste) wurde er zur bekanntesten Stimme der These, „der Osten“ sei vor allem eine Zuschreibung westdeutscher Medien, Eliten und Institutionen, hinter der eine materielle Ungleichheit steht. → DenkerVita

Juli Zeh (1974 in Bonn) — Schriftstellerin und Juristin, seit 2007 in einem Dorf im Havelland zu Hause und seit 2019 ehrenamtliche Richterin am Verfassungsgericht des Landes Brandenburg. Mit Unterleuten, Über Menschen und Zwischen Welten hat sie dem Land zwischen Stadt und Dorf seine Romane geschrieben. Sie versteht Demokratie als Verfahren, das Frieden stiftet, und verlangt von ihr keine guten Ergebnisse. → DenkerVita

Ilko-Sascha Kowalczuk (1967 in Ost-Berlin) — Historiker der SED-Diktatur, lange Projektleiter bei der Stasi-Unterlagen-Behörde, Autor von Die Übernahme (2019), Freiheitsschock (2024) und einer zweibändigen Ulbricht-Biografie. Als Jugendlicher brach er mit der vorgezeichneten Offizierslaufbahn, wurde Baufacharbeiter und Pförtner, 1989 war er im Neuen Forum. Heute ist er die streitbarste ostdeutsche Gegenstimme zur Deutung des Ostens als Opfer der Einheit. → DenkerVita

Moderation in Potsdam: Knut Elstermann, geboren 1970 im Ostteil Berlins, Filmkritiker und Moderator.

Anlass

Diese Note entstand aus einem Gedanken von Andreas: Würde im Alltag — Der Osten. Dort steht die These, im Osten werde weniger die Diktatur vererbt als die Kränkung. Die beiden Abende prüfen sie von zwei Seiten.


Jahrgang 1967

Dirk Oschmann wurde 1967 in Gotha geboren, Ilko-Sascha Kowalczuk im selben Jahr in Ost-Berlin. Als die Mauer fiel, waren beide zweiundzwanzig. Oschmann wurde Literaturwissenschaftler, Professor in Leipzig, einer der wenigen Ostdeutschen auf einem germanistischen Lehrstuhl, und hat das lange nicht an die große Glocke gehängt. Kowalczuk durfte in der DDR kein normales Abitur machen, lernte Baufacharbeiter, arbeitete als Pförtner, lebte nach eigenen Worten am Rand der Gesellschaft und wurde nach 1990 Historiker der Diktatur, viele Jahre bei der Stasi-Unterlagen-Behörde. Beide haben Bestseller über den Osten geschrieben, und beide haben sich damit zerstritten, öffentlich und auch miteinander. An einem der beiden Abende fällt Kowalczuks Name, in einem Satz, der nicht freundlich gemeint ist.

Was die beiden trennt, ist keine Faktenfrage. Beide wissen, dass die Betriebe nach 1990 überwiegend an Westdeutsche gingen, dass die Jungen abwanderten, dass kaum Ostdeutsche in den Chefetagen sitzen. Sie erzählen diese Tatsachen in zwei verschiedenen Geschichten. In der einen hat der Westen dem Osten etwas angetan und tut es weiter, mit Worten und mit Geld. In der anderen hat der Osten etwas gewollt, das er dann nicht ertragen konnte, und schiebt die Schuld seither nach außen. Man kann beiden Geschichten zuhören und merkt, wie viel davon gleichzeitig wahr sein kann.


Teil I — Potsdam, November 2024

Kein Sonderfall

3:59 — Der Abend im Nikolaisaal findet eine Woche nach Trumps Wiederwahl und dem Bruch der Ampel statt, und Oschmann beginnt damit, den Osten aus der Ecke zu holen. Die neue Leipziger Autoritarismusstudie habe gerade gezeigt, dass rechtsextreme Einstellungen im Westen gewachsen seien, im Osten seien sie nach wie vor etwas höher. Der Osten reagiere schneller auf Krisen, weil er ihnen ökonomisch stärker ausgesetzt sei, Inflation und Energiepreise, auch der Krieg sei näher. Und die Ergebnisse der Landtagswahlen entsprächen dem europäischen Normalmaß: Die FPÖ habe in Österreich gerade ähnlich viel geholt wie die AfD im Osten. Daraus folgt für ihn, es sei abwegig, die Ostdeutschen für besonders populistisch zu halten. Seit der Finanzkrise stünden alle westlichen Demokratien unter Druck, der Populismus sei eine Reaktion auf den entfesselten Neoliberalismus.

Dann der Satz gegen Kowalczuk. Was man nicht übersehen dürfe, sei, „dass die AfD vor allem von jungen Leuten gewählt worden ist, die überhaupt keine Diktaturerfahrung haben“ 13:51. Woher sollten die eine haben? Ein Historiker, der die Ostdeutschen gern zu Diktaturgeschädigten machen wolle, sage dann, ihnen werde am Abendbrottisch erzählt, die Diktatur sei besser gewesen. Warum aber wählten die Älteren immer noch CDU und SPD? Juli Zeh lacht mit: In ostdeutschen Familien sitze nicht jeden Abend der Papa und sage, die Diktatur war super. Der Saal applaudiert.

Moderator Knut Elstermann, selbst aus Ost-Berlin, nennt das Pathologisierung, die Erklärung durch vierzig Jahre Diktatur, und findet sie ein großes Problem. Zeh hält die These vom singulären Osten für offensichtlich falsch. Wie solle man überall sonst andere Ursachen haben, „aber bei uns sind die Ossis schuld“?

Weitergedacht

Oschmann sagt, die Jungen hätten keine Diktaturerfahrung, darum könne es nicht die Diktatur sein. Kowalczuk wird ein halbes Jahr später sagen, genau deshalb komme es auf die Familie an. Wenn die Jungen etwas wählen, das die Alten seltener wählen, haben sie es dann von den Eltern, gegen die Eltern, oder von etwas Drittem, das nach 1990 kam? (→ Der Abendbrottisch)

Ist AfD-Wählen antidemokratisch?

10:01 — Juli Zeh, im Westen geboren, seit Jahren in Brandenburg zu Hause und dort Richterin am Landesverfassungsgericht, ist an diesem Abend die interessanteste Stimme, weil sie sich gegen den eigenen Saal stellt. Neunzig Prozent der Deutschen hielten die Demokratie für die beste Staatsform, in Ost wie West, das müsse man hart feiern. Aber man solle aufpassen, nicht jedes politische Ziel, das einem missfällt, mit einer Abkehr von der Demokratie gleichzusetzen. Populisten behaupteten ja gerade, die Demokratie auf ihrer Seite zu haben, weil sie auf das Volk hörten. Wenn sich beide Seiten gegenseitig Antidemokraten nennen, tue man dem Gesamtsystem keinen Gefallen.

Elstermann insistiert: Wer die AfD wählt, wisse doch, was er wählt. Zeh sortiert. Viele wählten sie aus Gründen, die nicht antidemokratisch seien, aus Protest, aus Wut, um ein Zeichen zu setzen. Trotzdem würde sie diesen Leuten sagen: „Ihr könnt nicht ein Package wählen, was einen so faulen Kern hat“ 18:26. Das sei unverantwortlich, politisch und persönlich inakzeptabel. Eine Demokratiefrage sei es nicht, denn eine Wahl müsse man hinnehmen, auch wenn das Ergebnis nicht schmeckt.

Dann sagt die Verfassungsrichterin den härtesten Satz des Abends:

„Ich glaube, wir müssen uns mit der Tatsache abfinden, dass man die Demokratie nicht schützen kann, wenn die keiner mehr will.“ 26:01

Hören — 26:01

Sie zitiert Böckenförde, die Demokratie lebe von Voraussetzungen, die sie selbst nicht erzeugen kann. Früher hätten Kirchen und religiöse Gemeinschaften dieses Fundament gelegt, vieles davon sei weggebrochen. Ein Verbotsverfahren sei legitim, aber nur, wenn es mit großer Sicherheit und schnell zum Erfolg führe; sonst inszeniere sich die Partei jahrelang als Opfer. Angst verschlechtere die Diskurse. Ihr Gegenvorschlag ist bescheiden und konkret: Räume schaffen, in denen Menschen sich wieder treffen, „kohlenstofflich“, nicht nur im Netz.

Oschmann knüpft an Margaret Thatcher an, there is no such thing as society, und an die Ich-AG, für ihn der Gipfelpunkt der neoliberalen Entwicklung: Eine Gesellschaft, die sich nur noch als Einzelkämpfer denkt, findet keine gemeinsamen Werte mehr.

Eigene Einschätzung

Zehs Satz ist unbequem für beide Lager, und das macht ihn wertvoll. Er nimmt den Wählern der AfD die Ausrede, man wolle ja nur ein Zeichen setzen, und er nimmt den Demokraten die Hoffnung, ein Verbot oder ein Gericht könne ihnen die Arbeit abnehmen. Hier treffen sich Zeh und Kowalczuk, ohne es zu wissen: Beide sagen, Demokratie lebe von Menschen, die sie wollen. Sie ziehen daraus nur gegensätzliche Schlüsse über das Verbot.

Die verweigerte Verfassung

37:24 — Elstermann erinnert an die Hoffnung von 1990, eine gemeinsame Verfassung auszuhandeln, und an Brechts Kinderhymne als neue Nationalhymne, die damals vorgeschlagen wurde. Oschmann beruft sich auf Habermas: Wenn 62 und 17 Millionen zusammenkommen, wäre es an der Zeit, sich über die Regeln des Zusammenlebens zu verständigen. Den Einigungsvertrag, so Habermas, habe Schäuble mit sich selbst geschlossen.

„Ich halte den Verzicht auf eine gemeinsame Verfassung für den ersten Akt des Totalausschlusses des Ostens.“ 38:10

Im Gespräch — 38:10

Zeh nimmt die Westdeutschen in Schutz, ausdrücklich als Gefühl. Sie war damals fünfzehn. Das Grundgesetz sei für die Westdeutschen der Gegenpol zum Nationalsozialismus gewesen, der Beweis, es geschafft zu haben, „so ein bisschen wie ein Maskottchen“, mit Gralscharakter. Man habe Angst gehabt, beim Neuverhandeln komme etwas Schlechteres heraus. Sie gesteht, dass sich ihr heute noch die Nackenhaare aufstellen würden, wenn jemand vorschlüge, nächste Woche eine neue Verfassung abzustimmen. Länder seien wie Menschen: Wer sich seiner selbst sicher ist, ist offen für Veränderung, wer fürchtet, in ihm wohne ein Dämon, will alles festbetonieren. Elstermann hält dagegen, die Angst habe eher dem Aufbruch im Osten gegolten, den neuen Modellen für eine gerechtere Gesellschaft, die damals überall diskutiert wurden, man habe gefürchtet, das könne überschwappen.

Diese Stelle ist die eine, an der Oschmann und Kowalczuk über denselben Tag reden. Der Historiker wird ein halbes Jahr später erzählen, was in Potsdam fehlt (→ Der 18. März 1990).

Zum Ostdeutschen gemacht

48:52 — Elstermann fragt Oschmann persönlich, warum er seine Herkunft so lange verborgen habe. Oschmann erzählt, wie sein Text entstand. Eine Doktorandin aus Wuppertal, jung, Frau, aus dem Westen des Westens, las den Vortrag, aus dem das Buch wurde, und sagte, er lese sich wie ein feministisches Manifest aus den Siebzigern. Das habe ihm sofort eingeleuchtet. Sein Selbstverständnis sei nie ostdeutsch gewesen, eher Fahrradfahrer, weil er den ganzen Tag von Autofahrern gejagt werde, und groß gewachsen, weshalb ihn jedes öffentliche Möbel diskriminiere. Dann sei er einmal zu oft zum Ostdeutschen gemacht worden, als man ihn aufforderte, als ostdeutscher Professor zu erklären, warum der Osten die Gesellschaft spalte. Da sei er durch die Decke gegangen. Es sei „kein Buch über den Osten, sondern darüber, wie der Westen sich den Osten denkt“ 51:56.

Zeh erkennt darin eine typische Diskriminierungserfahrung. Man werde einer Gruppe zugeordnet, ohne sich selbst mit ihr zu identifizieren, und erst wenn man merkt, dass man deshalb anders behandelt wird, beginne man, sich als Teil dieser Gruppe zu sehen. So sei es ihr mit dem Frausein gegangen. Elstermann widerspricht freundlich: Es gebe eine ostdeutsche Identität, keine bessere, aber eine andere Erfahrung, auch eine des Scheiterns, ein System zusammenbrechen zu sehen. Oschmann bestreitet das nicht. Er war bei der Wende zweiundzwanzig, andere hatten „das Pech, noch älter zu sein“ und seien von der DDR ganz anders heimgesucht worden. Aber das sei nicht sein Thema. Sein Thema sei die Zuschreibung, der Ostdeutsche sei dumm, faul, unfähig, schlecht angezogen. Die Praktikantin in Stuttgart, der man jeden Montag eine Banane auf den Tisch legt. Der Unternehmer am Wannsee, der am Ende einer Diskussion aufspringt und ruft, er solle doch zugeben, dass er Ostdeutscher sei.

Zeh findet die Thesen des Buches überhaupt nicht steil. Als sie Mitte der Neunziger vom Westen nach Leipzig zog, hätten alle gefragt: „Was willst du denn da?“ Niemand müsse erklären, warum er nach Stuttgart zieht. Das Buch habe nur ein Tabu ausgesprochen, darum freuten sich die einen wie Schnitzel und die anderen seien stinksauer.

Wem der Osten gehört

59:33 — Oschmann präzisiert, es gehe ihm um den öffentlichen Raum, um Medien, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, die von westdeutschen Eliten geprägt seien. Auf dem Podium fallen Zahlen, die im Faktencheck geprüft werden: Neunzig Prozent der Wohnungen in Leipzig gehörten Westdeutschen, 1,7 Prozent der Leitungsposten im Land hätten Ostdeutsche. Dazu ein Witz, den man im Osten kennt: Ein Ostdeutscher, der einen Westdeutschen trifft, der nicht sein Verwandter ist, trifft mit großer Sicherheit seinen Chef, seinen Vermieter oder seinen Richter.

Zeh, die sich als Sozialdemokratin vorstellt, macht daraus das stärkste Argument des Abends. Sie fragt, was die Behandlung des Ostens mit der Wahl von Donald Trump zu tun hat. Ihre Antwort: Man habe sich angewöhnt, sozioökonomische Forderungen nicht als berechtigte Interessen zu behandeln, sondern sie moralisch zu delegitimieren, mit Gruppenzuschreibungen, ihr habt das nicht verstanden, ihr seid eh alle Nazis. Dann mische sich die Unzufriedenheit darüber, dass es einem schlechter geht, mit der Wut darüber, als Vollidiot behandelt zu werden, wenn man es sagt.

„Das ist, glaube ich, eine wahnsinnig toxische Mischung, mit der man dauerhaft dafür sorgen kann, dass Leute wirklich richtig vergrätzt sind.“ 63:20

Hören — 63:20

Oschmann ergänzt mit Didier Eribon, der in Rückkehr nach Reims erklärt, warum seine kommunistisch wählenden Eltern zu Le Pen wechselten, und mit David Goodharts Anywheres und Somewheres. Gegen den Einwand, die AfD werde gar nicht von den Ärmsten gewählt, verweist Zeh auf die Abstiegsangst: Man könne auch mit mittlerem Einkommen von der Lage so getroffen sein, dass man so wählt.

Was Oschmann im Buch wegließ

72:23 — Gegen Ende sagt Oschmann etwas, das man in diesem Saal nicht erwartet. Es gebe einen Punkt, den er im Buch bewusst ausgelassen habe, weil man sonst gesagt hätte, der Ostdeutsche sei wieder selbst schuld: Die Lebenschancen, die es gibt, würden im Osten zu wenig ergriffen. Ostdeutsche Studierende bewerben sich viel zu selten auf Stipendien, nach seinen Zahlen zwei statt zwanzig Prozent, obwohl es dabei weniger ums Geld gehe als um die Netzwerke. Wer mit zwanzig nicht in einer Stiftung sei, habe mit vierzig nichts zu sagen. Und warum bewerben sie sich nicht?

„Da würde ich auch sagen, sechzig Jahre Diktaturerfahrung, Parteienerfahrung spielen eine gravierende Rolle, auch in der Familiengeschichte.“ 73:54

Hören — 73:54

Institutionen seien in der Erfahrung der Familien immer Orte der Herrschaft gewesen, keine, die etwas ermöglichen. Dazu komme ein Stolz, der sage, das Stipendium brauche ich nicht. Man müsse pragmatischer werden und Verantwortung selbst übernehmen.

Zeh antwortet mit einem Satz, der den Abend kippt, ohne dass jemand es bemerkt. Sie finde das eigentlich sympathischer, Stipendien-Streber seien ja nicht die besseren Menschen. Als sie in Ostdeutschland ankam, habe sie sich „extrem bereichert gefühlt“ durch eine Umgebung, „in der das auf einmal nicht der höchste Wert war“ 76:12, Karriere, Geld, Status. Hätte man nicht lieber aus zwei Gesellschaften eine gemacht, statt die eine von der anderen schlucken zu lassen? Elstermann bremst beide. Seine Generation habe den eigenen Kindern nicht beigebracht, was Netzwerke sind, weil sie es selbst nicht kannte. Und er erinnert an 1990: Wer damals sagte, lasst uns langsamer gehen, sei auf den Plätzen im Osten ausgebuht worden. Es sei auch ein gewähltes Schicksal gewesen. Oschmann schließt mit dem Satz, der Osten sei in sich völlig heterogen, „und wie ich an meinem eigenen Buch erfahren durfte, völlig zerstritten“.

Eigene Einschätzung

An dieser Stelle sagt Oschmann fast wörtlich, was er eine Stunde vorher an Kowalczuk verspottet hat: Die Diktaturerfahrung wirke in den Familien nach. Er meint damit eine Skepsis gegenüber Institutionen, keine Sehnsucht nach der DDR, und das ist ein echter Unterschied. Aber der Abendbrottisch, über den der Saal lachte, ist damit wieder im Raum. Und Zehs Bemerkung trifft den Kern dessen, was Andreas in seinem Gedanken beschreibt: Im Osten galt einmal etwas anderes als der Marktwert. Ob das ein Verlust ist, den man betrauern darf, oder eine Schwäche, die einen heute die Netzwerke kostet, entscheidet der Abend nicht.


Teil II — Halberstadt, Mai 2025

Halberstadt 1985

23:21 — Vor dem Vortrag erzählt die Hochschulseelsorgerin, was jeder im Saal weiß: Seit den Corona-Protesten ziehen montags um halb acht Rechtsextreme über den Domplatz, darunter der „Kampf der Nibelungen“, oft über hundert Leute. Im Hörsaal sitzen das Bündnis für Demokratie, die Omas gegen Rechts, Initiativen, die dagegenhalten. Kowalczuk sagt, das sei traurige Gewissheit, egal wohin er im Osten komme. Es sei ermutigend und deprimierend zugleich, denn es seien überall nur winzige Minderheiten.

Dann erzählt er, wie er 1985 zum ersten Mal in Halberstadt war, achtzehn Jahre alt, Pförtner, ohne große Illusionen und doch mit der letzten, dass alles nicht so schlimm sei, wie er und seine Freunde sich das einredeten. Er kannte die Schmuddelecken von Ost-Berlin, Leipzig, Halle, Dresden. Halberstadt habe alles übertroffen. Am Dom saßen zwei Steinmetze und behämmerten, mehr oder weniger in ihrer Freizeit, die Steine eines der großen Bauwerke Europas; im Tempo, rechnete er sich aus, würde es tausend Jahre dauern. Die Altstadt sah aus, als seien die Kampfhandlungen gerade erst vorbei, er stand in einer Ruinenlandschaft im ehemaligen jüdischen Viertel. Dieser Besuch habe ihm die letzten Illusionen geraubt.

Später, vor dem Vortrag, ist er eine Stunde früher gekommen und durch die Stadt gelaufen. Er ärgert sich, dass nicht überall Plakate hängen, so sah es hier vor dreißig Jahren aus, damit die Leute auf der Straße nicht mehr erzählen können, das sei hier DDR 2.0. Heute sehe die Innenstadt aus wie ein kleines Puppendorf.

Fünf Prozent

35:36 — Am 4. Oktober 1989 gab es auf dem Domplatz die erste große Protestdemonstration der Stadt, etwa achthundert Menschen. Halberstadt hatte damals rund 47.000 Einwohner. Rechnet man die Demonstrierenden, die Ausreiseantragsteller und die Geflüchteten zusammen, kommt Kowalczuk wohlwollend auf etwa fünf Prozent der Stadtgesellschaft, die sich bis Ende Oktober an der Revolution beteiligten, und diese Zahl lasse sich auf die DDR hochrechnen (→ Faktencheck: in Plauen und Leipzig waren es weit mehr). Die Rede von den freiheitsliebenden Ostdeutschen sei eine Sonntagsrede.

„In allen Revolutionen steht die Mehrheit, die übergroße Mehrheit, passiv dazwischen. Abseits, hinter der Gardine, wartet ab, wer gewinnt, und schlägt sich in dem Moment, in dem klar ist, wer gewinnt, auf die Seite der Sieger.“ 37:53

Im Gespräch — 37:53

Das sei keine Denunziation, sagt er, so sei es in allen Revolutionen. Wichtig werde es, weil solche Erzählungen fortleben. Und wichtig ist ihm auch, dass das, was der Osten heute erlebt, keine Entwicklung der letzten Jahre ist. Er zählt die globalen Ursachen auf, wie Oschmann es in Potsdam tat: Digitalisierung, Globalisierung, die Kommerzialisierung des Gesundheitswesens seit den Achtzigern, die Entstaatlichung der Infrastruktur, der Verlust an Vertrauen. Dazu eine politische Rhetorik, die seit den Neunzigern aus dem Gegner einen Feind macht, mit dem man nicht mehr koalieren kann. Der Unterschied zu Oschmann: Für Kowalczuk ist der Osten kein Normalfall. Hier geschehe vieles früher, radikaler und schneller als anderswo, die westlichen Wahlergebnisse holten die östlichen im Abstand von ein, zwei Legislaturperioden nach. AfD und BSW nennt er zwei Seiten einer Medaille, beide strebten eine Diktatur der Mehrheit an.

Der 18. März 1990

56:16 — Für Kowalczuk ist nicht der 9. November das entscheidende Datum, sondern der Tag der ersten freien Volkskammerwahl. Im Zentrum stand eine Frage: Einheit nach Artikel 23 des Grundgesetzes, also Beitritt, schnell, oder nach Artikel 146, über eine verfassunggebende Versammlung, langsamer, behutsamer, „verkraftbarer, und zwar kulturell und mental“. Wer damals für Artikel 146 war, sei kein Spinner gewesen. Helmut Kohl habe im Februar 1990, zurück aus Moskau, selbst gesagt, natürlich müsse man eine gesamtdeutsche neue Verfassung ausarbeiten, das Gute aus Grundgesetz und DDR-Verfassung vereinen. Die Idee stand dann sogar im Einigungsvertrag. Bis hierhin erzählt er dieselbe Geschichte wie Oschmann.

Dann die Wendung:

„An diesem 18. März 1990 haben 75 Prozent der Ostdeutschen für den schnellsten Weg zur deutschen Einheit mit dem schnellsten Weg zur D-Mark votiert.“ 60:50

Im Gespräch — 60:50

Er selbst stimmte damals mit seinen Freunden vom Bündnis 90 dagegen, für den langsameren Weg. Er war in der Minderheit, und er sei es wieder: Als Historiker sei er „zum Apologeten der Entscheidung vom 18. März“ geworden, sie sei wahrscheinlich alternativlos gewesen, während die meisten, die sie damals wollten, heute sagten, uns habe ja nie jemand gefragt. Der 1. Juli 1990, die Währungsunion, sei einschneidender gewesen als der Mauerfall. Den Mauerfall konnte man ignorieren. Mit der D-Mark lag der Westen „von einem Tag zum anderen in ihrem Schlafzimmer, und es haben die meisten gewollt“ 62:22.

Eigene Einschätzung

Hier stehen Oschmann und Kowalczuk vor demselben Ereignis und erzählen es entgegengesetzt. Für Oschmann ist der Verzicht auf eine gemeinsame Verfassung der erste Akt des Ausschlusses, etwas, das der Westen dem Osten verweigert hat. Für Kowalczuk hat der Osten diesen Weg selbst abgewählt, mit einer klaren Mehrheit, und will sich heute nicht mehr daran erinnern. Wie klar, hängt davon ab, ob man die Ost-SPD mitzählt, die damals eigentlich Artikel 146 wollte (→ Faktencheck). Beide Sätze stimmen. Zwischen ihnen liegt die Frage, wie frei eine Wahl ist, die ein Volk unter dem Eindruck leerer Läden, offener Grenzen und eines Kanzlers trifft, der blühende Landschaften verspricht. Elstermann hat in Potsdam das richtige Wort dafür gefunden: ein gewähltes Schicksal.

Eine Nacht statt fünfundzwanzig Jahre

63:53 — Was nun folgt, könnte auch Oschmann gesagt haben. Die D-Mark brauchte Institutionen, die ihre Stabilität garantieren, und die brauchten Leute, die sie sofort führen konnten. Das sei die Geburtsstunde der fehlenden ostdeutschen Repräsentation. In seinem eigenen Fach habe niemand mit ostdeutscher Sozialisation in 35 Jahren eine nennenswerte Position bekommen, ihn selbst eingeschlossen; in jedem anderen Land, sagt er ohne falsche Bescheidenheit, hätte man ihm Positionen hinterhergeworfen. Bei sechzehn, siebzehn Prozent Bevölkerungsanteil säßen in den Elitepositionen etwa zwei Prozent Ostdeutsche. Er selbst sei damals für einen radikalen personellen Neuanfang gewesen, aber habe unterschätzt, dass Eliten nicht allein kommen: Sie sind „die Kapitäne von Booten und von Netzwerken“, und in diese Netzwerke komme man nicht hinein.

Innerhalb von zwei Jahren, sagt er, arbeiteten achtzig Prozent der Ostdeutschen nicht mehr in der Institution, in der sie 1990 gearbeitet hatten; die Forschung kommt auf diese Zahl über fünf Jahre (→ Faktencheck). Die über Fünfundfünfzigjährigen fielen ganz heraus. Viele Kinder der Neunziger wuchsen „praktisch ohne Eltern“ auf, weil die damit beschäftigt waren, sich eine neue Welt zu erschließen, ausdrücklich kein Mangel an Liebe. Der Westen habe für den Wandel von der Arbeits- zur Dienstleistungsgesellschaft etwa fünfundzwanzig Jahre gebraucht. Jeder Bergbauarbeitsplatz im Westen sei 1989 mit umgerechnet etwa 55.000 Euro im Jahr subventioniert worden (die Zahl ist zu hoch, → Faktencheck), und als 2018 der letzte Kumpel aus der Zeche kam, sei das ein Staatsakt gewesen, und alle hätten geweint, zu Recht. „Ostdeutschland hatte für diesen Prozess genau genommen eine Nacht.“ Nirgendwo sei die Marktwirtschaft so radikal eingeführt worden, nicht in Polen, nicht in Tschechien. Dann die Kehrseite: Nirgendwo seien die harten Prozesse so durch einen Sozialstaat abgefedert worden.

Das Tiefste kommt am Schluss des Vortrags. In der DDR sei das ganze gesellschaftliche Leben um die Betriebe und staatlichen Einrichtungen gruppiert gewesen, Kinderbetreuung, Kultur, Sport, Urlaub, die Betreuung der Rentner. Nach dem 1. Juli wurden diese nicht produktiven Bereiche zuerst abgewickelt, und mit ihnen brach eine kulturelle Welt zusammen, die die Menschen sprachlos machte, weil niemand sie erklären konnte.

„Und das ist sozusagen ein Phantomschmerz, der Phantomschmerz nach dem Kollektiv, der bis heute weiter wirkt.“ 81:25

Im Gespräch — 81:25

Lasst uns mal machen

74:33 — Wo Kowalczuk sich von Oschmann wirklich trennt, ist die Erklärung, warum all das politisch so wirkt. Helmut Kohl habe gesagt, lasst mich mal machen, in drei bis fünf Jahren blühende Landschaften. Er habe nicht gelogen, er habe es geglaubt; noch 1991 hätten alle geglaubt, die Treuhand werde Hunderte Milliarden Gewinn abwerfen. Fatal sei dreierlei gewesen. Der Zeithorizont. Das Versprechen, euch wird es bald so gehen wie uns, das den Blick nach München und Hamburg richtete statt nach Breslau, Krakau oder Stettin, woran man hätte merken können, woher man kommt. Und das Lasst uns mal machen, das Kurt Biedenkopf in Sachsen und Manfred Stolpe in Brandenburg als Landesväter wiederholten, „schon der Begriff, dieser obrigkeitsstaatliche Begriff“. Das habe an eine Tradition angeknüpft, die vom Kaiserreich über den Nationalsozialismus bis zur SED reiche: Die anderen machen, man duckt sich weg.

Dahinter stehe ein Irrtum der Generation Kohl. Sie habe erlebt, dass Demokratie durch ein Aufstiegs- und Wohlstandsversprechen stabilisiert werde, und geglaubt, Wohlstand führe automatisch zu demokratischem Verhalten. „Das ist ein Grundirrtum gewesen.“ 78:20 Demokratie und Freiheit hätten mit Wohlstand nur im besten Fall etwas zu tun. Deshalb greift er auch den sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer an, der sagte, wenn das System nicht liefere, habe das System ein Problem. Demokratie sei keine Dienstleistung, sie funktioniere nur, wenn man sich in die eigenen Angelegenheiten einmischt.

Weitergedacht

Kowalczuk nennt das Wohlstandsversprechen einen Grundirrtum. Isabella Weber hält eine Wirtschaftspolitik, die den Alltag trägt, für die beste Verteidigung der Demokratie, und Andreas schreibt, wer den Menschen die Alltagssorgen abnimmt, mache ihre Handlungsmacht sichtbar. Widersprechen sich die beiden, oder reden sie über verschiedene Dinge, der eine über Konsum, die andere über Würde? (→ Macht Wohlstand demokratisch?)

Abendbrottisch und Baseballschläger

82:12 — Am Ende seines Vortrags beantwortet Kowalczuk die Frage, die Oschmann in Potsdam gegen ihn gewendet hat: Warum wählen im Osten gerade die Jungen die AfD, und die Älteren seltener? Empirisch könne man das nicht eindeutig beantworten. Er nennt Bausteine. Nach 1990 habe keine gesellschaftliche Aufarbeitung stattgefunden, weder des Nationalsozialismus noch der SED-Diktatur. Er selbst sei Teil der Aufarbeitungsmaschinerie gewesen, und man habe über die Köpfe der Gesellschaft hinweg aufgearbeitet, Opfern Stimme und Gesicht gegeben, womit sich die meisten nicht identifizieren konnten. Es gab keine Zivilgesellschaft, die das hätte tragen können, und es gibt bis heute nur eine schwache. Dazu ein im europäischen Vergleich einzigartiger Männerüberschuss durch die Abwanderung und eine ebenso einzigartige Überalterung, zwei Bedingungen, unter denen Gesellschaften sich radikalisieren.

Dann die Neunziger. Unter dem Stichwort Baseballschlägerjahre sei der Neofaschismus die Mainstream-Kultur der ostdeutschen Jugend gewesen, landauf, landab. Überfälle gab es auch in Mölln, aber in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda habe die Stadtgesellschaft danebengestanden und Beifall geklatscht. „Diese Baseballschläger, die sind jetzt Eltern.“ In Bautzen hätten ihm Lehrerinnen erzählt, dass Hakenkreuze tagelang in den Schulen hängen, und was man wegbekomme, seien die Lehrer, die sich dagegen aufbäumen.

„Das ist nicht die Schule, das sind nicht die Medien, das sind nicht die Hochschulen, das ist auch nicht die Kirche. Das sind die familiären Abendbrottische.“ 88:18

Im Gespräch — 88:18

Sein Rat an den Saal hat nichts Versöhnliches: Setzt euch weniger mit denen auf der Straße auseinander, die hier zu fünfzig Prozent autoritäre Strukturen wollen, schließt euch selbst zusammen, macht euch gegenseitig Mut, „denn noch sind wir in der Mehrheit. Noch.“ An die Rückgewinnung der AfD-Wähler glaubt er nicht.

Eigene Einschätzung

Kowalczuk hat in einem Punkt mehr Belege, als Oschmann zugesteht: Dass politische Haltungen in Familien weitergegeben werden, ist eine der robustesten Erkenntnisse der Wahlforschung, und die Baseballschlägerjahre sind keine Erfindung. Aber seine eigene Liste enthält Posten, die nicht aus der Diktatur stammen: der Männerüberschuss durch Abwanderung, die Kinder ohne Eltern in den Neunzigern, der Phantomschmerz nach dem Kollektiv. Das sind Folgen der Einheit. Am Abendbrottisch kann beides weitergegeben werden, die Verachtung der Institutionen aus der Diktatur und die Kränkung aus den Jahren danach. Die Forschung trennt das kaum (→ Der Abendbrottisch). Und sein Schlussrat, die anderen nicht mehr zurückgewinnen zu wollen, ist ehrlich und zugleich das Gegenteil dessen, was Zeh in Potsdam als Weg sieht.


Was die beiden trennt, und was sie teilen

Legt man die Abende nebeneinander, teilen Oschmann und Kowalczuk mehr, als ihr Streit vermuten lässt. Beide sagen, der Osten sei kein isoliertes Phänomen, die autoritäre Wende gehe durch die ganze westliche Welt. Beide nennen dieselben Zahlen zur fehlenden Repräsentation, beide erzählen von der verweigerten Verfassung, beide erklären die Netzwerke, in die man nicht hineinkommt. Und beide landen, an verschiedenen Stellen des Abends, bei der Familie.

Was sie trennt, ist die Richtung der Verantwortung. Oschmann fragt, was der Westen dem Osten angetan hat und antut, mit Worten, Eigentumsverhältnissen und Posten. Kowalczuk fragt, was der Osten aus seiner Freiheit gemacht hat und warum er sein Seelenheil seit 1990 von anderen erwartet. Er nennt das Ostdeutschtümelei. Der eine spricht über Zuschreibung, der andere über Selbstverantwortung, und jeder hält die Frage des anderen für die falsche.

Für die These, aus der diese Note entstand, ist das Ergebnis klarer, als der Streit vermuten lässt. Die Tatsachen, die Andreas nennt, bestätigen beide: der Zusammenhalt, der wegbrach, die Arbeit, die verschwand, die jungen Frauen, die gingen, die Männer, die blieben. Kowalczuk nennt den Männerüberschuss sogar selbst als Grund für die Radikalisierung. Offen bleibt, was davon vererbt wird. Oschmann sagt, die Kränkung durch den Westen. Kowalczuk sagt, eine Haltung, die älter ist als die Einheit. Und Zeh fügt eine dritte Möglichkeit hinzu, die keiner der beiden ausspricht: Vielleicht wird auch etwas weitergegeben, das man nicht reparieren muss, ein Leben, in dem nicht der Marktwert das Höchste war.


Publikumsfragen

In Potsdam endet das Gespräch ohne Fragerunde, der Moderator schickt die Gäste zum Büchertisch. In Halberstadt moderiert ein Kollege der Hochschule eine Diskussion von gut vierzig Minuten, die eine halbe Stunde überzieht. Im Saal sitzen Studierende der Verwaltungswissenschaften und viele Ältere, mehrere von ihnen waren 1989 auf der Straße.

Wie haben Sie die Mentalität der Ostdeutschen erlebt, ist der Osten nicht systematisch benachteiligt? 90:57 — Kowalczuk antwortet mit seiner Familie. Sein Schwiegervater hatte 1990 einen Betrieb und ging genau an dem zugrunde, was tausendfach beschrieben wurde: Er bekam keine Kredite, das Nachbargrundstück wurde für eine Mark verkauft, mit einem Versprechen, das der Käufer nicht hielt und für das er nie belangt wurde, und er selbst konnte nicht zahlen, weil andere ihn nicht bezahlten. Er starb jung. Kowalczuk sagt, er kenne die Tragweite der Transformation, auch aus eigener Familie. Und doch falle ihm auf die Frage, was an der DDR toll war, nichts ein. „Ich finde das toll, dass alles weg ist.“ Mit der Freiheit stehe und falle alles. Was er nie verstanden habe: „warum für ihr Seelenheil ausschließlich andere zuständig sind. Ich nenne das in meinem Buch Ostdeutschtümelei“ 94:01. Viele im Osten glaubten nicht einmal, dass es im Westen gebrochene Biografien gibt. Macht die Fenster auf, lasst die stickige Luft raus. Freiheit heiße, ich sagen zu können, und er höre im Osten fast nur wir: „Ich bin nicht dein Wir.“ Ein Libertärer sei er nicht, es gehe um soziale Verantwortung, die man aber erlernen müsse, und das fehle, nach seiner eigenen Schätzung, bei etwa zwei Dritteln der ostdeutschen Gesellschaft. Zum Schluss sagt er fast denselben Satz wie die Moderatorin auf Isabella Webers Buchpremiere: „Wir leben in einem der freiesten und sozialsten und sichersten Länder der Welt, und das ist keine Lüge.“

Freiheit ohne Verantwortung, und das fehlende Wort Rechtsstaatlichkeit 98:36 — Ein älterer Mann, der aus den USA stammt, sagt, Freiheit ohne Verantwortung sei nicht möglich, und ihm habe das Wort Rechtsstaatlichkeit gefehlt. Die Welt teile sich heute nicht mehr in links und rechts, sondern in Rechtsstaat und mafiöse Herrschaft, in Amerika, Polen, Ungarn, der Türkei, Israel. Kowalczuk stimmt zu und erzählt von Karl Popper, einem seiner geistigen Riesen, und von dessen berühmtester Fußnote, dem Toleranzparadoxon: keine Toleranz den militant Intoleranten. Wenn die Demokratie abgewählt werde, bleibe nur noch die Kraft des Wortes, und das sei sehr wenig. Darum müsse man die, die Freiheit und Demokratie militant abschaffen wollen, verbieten. „Und wer von so einem Verbot zurückschreckt, der gibt nichts weiter auf als sich selbst.“

Mit welchen Argumenten ein AfD-Verbot? 103:14 — Eine Frau, Jahrgang 1965, die in Halle studiert hat und 1989 auf der Straße war, fragt nach. „Faschismus ist keine Meinung.“ Das völkische Programm der AfD sei faschistisch, auch wenn nicht alle Mitglieder Faschisten seien, und man dürfe sich nicht auf Einzelpunkte einlassen, ob die AfD etwas für Rentner, Gehwege oder Dorfteiche tut. Die Strategie sei perfide: In einer Zeit voller Verlustängste und ohne Zukunftsdebatte versprächen völkische Kräfte eine Zukunft, die schon einmal da war, eine homogene Gemeinschaft. Er erinnert an Björn Höckes Pressekonferenz vom April über Sammellager am Flughafen Erfurt, die ein Wirtschaftsfaktor für Thüringen werden könnten, und behauptet, auch auf einer Versammlung der Linkspartei sei offen von Erschießungen geredet worden (→ Faktencheck). Die Grundlage der AfD seien keine sozialen Probleme, sondern Rassismus. „Ich sehe hier nur weiße Menschen. Wir sind alle privilegiert durch den Rassismus.“

Ein Arzt dankt für das Wort Revolution 110:53 — Ein Arzt im Ruhestand, 1990 in der SDP, bittet darum, nicht von Wende zu sprechen, das verniedliche, was geschah. Sie hätten im Oktober 1989 ihren Kopf hingehalten und der Schwiegermutter die Kinder anvertraut, falls sie nicht wiederkämen. Ein Statement, der Saal applaudiert.

Ist eine faschistische Massenbewegung überhaupt noch verbietbar? 112:26 — Ein Historiker, der über antifaschistischen Jugendwiderstand promoviert hat, war lange gegen ein Verbot und fürchtet jetzt, es komme zu spät, wenn die AfD bei der nächsten Landtagswahl die absolute Mehrheit holt. Kowalczuk erinnert an die Verbote in der Weimarer Republik und an ein großes Rechtsgutachten von 1930 für ein NSDAP-Verbot, dessen Verfasser später emigrieren musste und in Nürnberg auf amerikanischer Seite anklagte. Ob die Geschichte anders verlaufen wäre, wisse niemand. Er erzählt vom jahrelangen Streit an der Universität Bayreuth, ob man dem heutigen AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider die Lehrbefugnis entziehen könne; die Universität habe keine Unruhe gewollt und es ausgesessen (die Universität selbst sah dafür keine Rechtsgrundlage, → Faktencheck). „Aussitzen ist nicht.“ Unter einer großen Koalition könne die AfD nur stärker werden. Man müsse klare Pflöcke einschlagen, auch auf die Gefahr hin zu verlieren, „weil auf dem anderen Weg verlieren wir sowieso, und da verlieren wir auch noch unsere Selbstachtung“.

Hat Corona uns radikalisiert? 118:35 — Kowalczuk nennt sich als Historiker jemand, der lieber nach den Wurzeln des Baumes fragt als nach dem fallenden Blatt. Finanzkrise, Migration und Pandemie hätten Diskussionslagen verschoben, Verschwörungsgläubige gab es schon immer, nur vernetzen sie sich heute anders. Sein Punkt ist ein anderer: Demokratische Parteien hätten bei Migration wie bei Corona die Sprache der Extremisten übernommen, und dann wählten die Menschen lieber das Original. Wer über Migration rede, solle über Demografie reden, über die etwa 400.000 qualifizierten Zuwanderer im Jahr, die der Sozialstaat brauche und die nicht kämen, wenn an der Grenze rassistische Torwächter stehen. Die Corona-Proteste im Osten seien vor allem gegen den Westen gerichtet gewesen: „Es gibt einen sehr ausgeprägten Hass auf den Westen im Osten.“

Woher soll die Zuversicht kommen? 123:59 — Der stärkste Einwand des Abends kommt von einem Mann, der mit seiner Frau unter den achthundert auf dem Domplatz war, mit der Kerze in der Hand, die Nachbarn hatten die Schlüssel fürs Kinderzimmer. Er zweifelt an Kowalczuks Aufbau. Die Eltern hätten die Jungen aufgehetzt? Er habe immer das Gegenteil seiner Eltern gemacht, und seine Töchter das Gegenteil von ihm. Er glaube, die Menschen wollten solide leben können. Nach 1990 habe ihre Baugenehmigung sechs Wochen gedauert, vor drei Jahren anderthalb Jahre. Als er sich 1993 selbständig machte, lagen die Abgaben bei 22 Prozent, heute über 50. Handwerker stellten niemanden mehr ein. Die Jungen spürten, dass sie so ihre Zukunft nicht selbst gestalten können. Verbieten kann doch nie eine Zuversicht sein. Wie komme man zu mehr Freiheit und einer Wirtschaft, in der es sich lohnt?

Kowalczuk antwortet ehrlich ausweichend. „Was ich nicht habe, sind wirklich Lösungen. Ich bin Historiker.“ 127:03 Man müsse die Kontroverse aushalten, ohne dass einer recht hat, Kompromisse suchen. Dass sich die Sechzehn- bis Zwanzigjährigen so viele Gedanken über die Gesellschaft machen, glaube er nicht. Die AfD sei ein faschistisches und rassistisches Problem. Wer frage, warum die Türkei oder Peking in anderthalb Jahren Flughäfen bauen, solle sich fragen, ob er dort leben wolle. Bei der Bürokratie gibt er dem Mann recht und nennt ein englisches Beispiel, die Genehmigungsfiktion: Wer nach einigen Wochen keine Antwort hat, darf bauen. „Mich erschüttern die aber nicht in meinem Glauben an Demokratie und Freiheit.“

Zum Schluss 132:28 — Eine letzte Wortmeldung zum Verbot zitiert Christa Wolf, wer nicht beginnt, hat schon verloren, und Axel Hacke: Beim NPD-Verbot seien sie zu klein gewesen, jetzt seien sie zu groß. Die Seelsorgerin dankt; zwei Tage zuvor hätten sie vor dem Landtag für das AfD-Verbot demonstriert.

Eigene Einschätzung

Der Mann mit der Kerze stellt die Frage, die Kowalczuks Vortrag offen lässt, und er stellt sie als einer, der 1989 mehr riskiert hat als die meisten im Saal. Er redet nicht von Diktaturnostalgie und nicht von westdeutscher Arroganz, er redet von Baugenehmigungen. Das ist genau die Ebene, auf der Isabella Weber und Andreas' Gedanke ansetzen: Handlungsfähigkeit, die man im Alltag sieht. Kowalczuk antwortet darauf mit Ehrlichkeit, aber ohne Programm. Dass ein Historiker keine Lösungen hat, ist kein Vorwurf. Dass sein Abend aber mit dem Rat endet, die Mehrheit solle sich zusammenschließen und die anderen aufgeben, während ein Mitstreiter von 1989 nach Zuversicht fragt, zeigt, wo seine Diagnose an ihre Grenze kommt.


Nachbesprechung

Drei Fragen dieser beiden Abende reichen weiter als die Abende selbst. Hier steht, was man über das Gesagte hinaus weiß, und wo es mit anderen Stimmen weitergeht.

Der Abendbrottisch

13:51 · 88:18 — Oschmann lacht über das Bild: Mama und Papa sagen beim Abendessen, die Diktatur war super, und die Kinder nicken. Kowalczuk meint ein anderes Bild. Er spricht von Narrativen und beruft sich auf die Forschung, wie Familien nach 1945 den Nationalsozialismus verarbeitet haben. Die Zahlen geben beiden ein Stück recht.

Dass Haltungen am Familientisch weitergehen, gehört zu den stabilsten Befunden der Sozialisationsforschung, am stärksten dort, wo Eltern politisch engagiert sind und klar Position beziehen (Jennings, Stoker & Bowers 2009, doi:10.1017/s0022381609090719). Bei der extremen Rechten ist die Einstellung der Eltern der stärkste einzelne Prädiktor für die der Jugendlichen, am deutlichsten vom Vater auf den Sohn (Avdeenko & Siedler 2017, doi:10.1111/sjoe.12190). In Sachsen-Anhalt wählten 2026 49 Prozent der 18- bis 29-jährigen Männer AfD, bei den Frauen gleichen Alters 38 (ZDF/Forschungsgruppe Wahlen). Kowalczuks Satz, die Baseballschläger von damals seien heute Eltern, wird damit plausibel. Gemessen hat ihn niemand. Belegt ist, dass Angriffe auf Ausländer Anfang der Neunziger im Osten weit häufiger waren und Arbeitslosigkeit den Abstand kaum erklärte (Krueger & Pischke 1997, doi:10.2307/146245).

Der Zuhörer, dessen Töchter das Gegenteil von ihm wollten, hat die Forschung ebenfalls auf seiner Seite. Kinder müssen die Haltung der Eltern erst erkennen und dann übernehmen wollen (Ojeda & Hatemi 2015, doi:10.1177/0003122415606101), und gerade die aus sehr politischen Familien weichen später häufiger ab (Dinas 2014, doi:10.1017/s0007123413000033).

Oschmanns Gegenbeweis trägt weniger weit, als er klingt. Ältere halten den Volksparteien überall die Treue, im Westen genauso (Steiner 2023, doi:10.1016/j.electstud.2023.102706). Und die Diktatur hat Spuren hinterlassen: In der DDR sozialisierte Jahrgänge neigen eher einem populistischen Demokratiebild zu, die Jungen gleichen sich an (Stallbaum 2024, doi:10.1080/13510347.2024.2392280). Die Prägung bleibt bei denen, die sie erlebt haben.

Was wandert dann über den Tisch? Welzer und Tschuggnall zeigen, dass Familien ihre Geschichte im Gespräch neu bauen; die Enkel brauchen gute Großeltern und machen aus ihnen Opfer oder stille Helden (Tschuggnall & Welzer 2002, doi:10.1177/1354067x02008001625). Am ostdeutschen Tisch würde dann kaum die Diktatur gelobt. Erzählt würde, wie der Vater die Arbeit verlor. Dafür gibt es eine harte Zahl: Wer als Kind die Arbeitslosigkeit der Eltern erlebt, neigt messbar häufiger der extremen Rechten zu, im Vergleich unter Geschwistern, im Osten stärker, bei Söhnen stärker; das Haushaltseinkommen spielt keine Rolle (Siedler 2011, doi:10.1111/j.1467-985x.2010.00683.x). Weitergegeben wird also etwas, das mit dem Geld wenig zu tun hat. Ob es die Kränkung ist oder die Unsicherheit, misst die Studie nicht.

Darunter liegt eine ältere Schicht. Wo in Weimar viele NSDAP wählten, wählen heute mehr AfD, im Osten fast so stark wie im Westen; vierzig Jahre DDR haben das örtliche Muster nicht gelöscht (Cantoni, Hagemeister & Westcott 2019, Arbeitspapier, doi:10.5282/ubm/epub.40424). Der Effekt ist klein und erklärt Unterschiede zwischen Orten, den Abstand zwischen Ost und West erklärt er nicht.

→ Weiter im Panorama: Warum im Osten doppelt so viel?, wo die Reibung nach genau diesem Erbe fragt.

Macht Wohlstand demokratisch?

78:20 — Was Kowalczuk den Grundirrtum der Generation Kohl nennt, ist eine der ältesten Thesen der Politikwissenschaft. Seymour Martin Lipset hat sie 1959 begründet: Wohlstand trage die Demokratie (Lipset 1959, doi:10.2307/1951731). Die Forschung hat sie seither halbiert. Reicher zu werden macht ein Land kaum demokratischer; rechnet man heraus, was ein Land ohnehin prägt, verschwindet der Zusammenhang fast ganz (Acemoglu et al. 2008, doi:10.1257/aer.98.3.808). Eine Demokratie, die schon besteht, schützt der Wohlstand dagegen deutlich. Kein Land, das reicher war als Argentinien 1975, hat seine verloren (Przeworski & Limongi 1997, doi:10.1353/wp.1997.0004), und wo sie noch jung ist, droht der Rückfall vor allem in der Rezession (Svolik 2008, doi:10.1017/S0003055408080143). Wohlstand ist das Polster, auf dem eine Demokratie ihre Krisen übersteht.

Kretschmers Satz 49:22 verwischt eine Unterscheidung, die David Easton eingeführt hat: die Zufriedenheit mit dem, was eine Regierung gerade leistet, und die Bindung an die Ordnung selbst (Easton 1975, doi:10.1017/S0007123400008309). Über Jahrzehnte und viele Länder hinweg folgt die Zufriedenheit dem Wachstum, die Bindung bleibt fast unberührt (Claassen & Magalhães 2021, doi:10.1177/00104140211036042), und es ist die Bindung, die Demokratien überleben lässt (Claassen 2020, doi:10.1111/ajps.12452). Der Deutschland-Monitor 2025 zeigt beides: 98 Prozent wollen die Demokratie als Staatsform, mit ihrem Funktionieren zufrieden sind im Westen 62, im Osten 51 Prozent, nach 43 im Jahr 2023 (Bundesregierung; epd). Für die Ordnung hat Kowalczuk recht, für die Stimmung Kretschmer.

Der Mann mit der Kerze sprach aber von Baugenehmigungen 124:46, und da trägt ihn die Forschung. Im Vergleich von fast achtzig Ländern sagt die Qualität, mit der ein Staat Politik entwirft und umsetzt, die Unterstützung der Demokratie besser vorher als jeder andere Landesfaktor (Magalhães 2014, doi:10.1111/1475-6765.12024), und für die Zufriedenheit wiegt eine unparteiische, wirksame Verwaltung schwerer als die Frage, wie gut die Wähler im Parlament vertreten sind (Dahlberg & Holmberg 2014, doi:10.1080/01402382.2013.830468). Der Staat muss weniger Wohlstand liefern als die Erfahrung, dass er funktioniert. Diese Erfahrung wirkt langsam.

Kowalczuks Mitmachen hat ebenso Belege. In schwedischen Schulklassen schuf die eigene Beteiligung an einer Entscheidung mehr Legitimität als jede andere Regel (Esaiasson, Gilljam & Persson 2012, doi:10.1111/j.1475-6765.2011.02052.x). Schweizer Bürger ziehen aus der direkten Demokratie mehr Zufriedenheit als Ausländer, die mit denselben Ergebnissen leben, aber nicht abstimmen dürfen (Frey & Stutzer 2005, doi:10.1093/oep/gpi002). Und die Bindung wächst mit jedem Jahr, das man in einer Demokratie lebt (Fuchs-Schündeln & Schündeln 2015, doi:10.1126/science.aaa0880). Auch die Erwartung, der Staat solle sorgen, ist im Osten messbar stärker, gleicht sich aber in ein bis zwei Generationen an (Alesina & Fuchs-Schündeln 2007, doi:10.1257/aer.97.4.1507).

Bleibt der reiche Osten 70:45. Beim verfügbaren Einkommen je Einwohner liegen die ostdeutschen Regionen 2023 acht bis vierzehn Prozent über dem EU-Schnitt, auf den Plätzen 55 bis 79 von 244 (Eurostat). Ihre Wirtschaftsleistung je Einwohner erreicht 2024 nur 82 bis 97 Prozent des Schnitts (Eurostat). Zu den reichsten Regionen Europas gehört der Osten nicht, zum wohlhabenderen Drittel schon.

→ Weiter im Panorama: Was braucht Demokratie von ihren Bürgern?, wo Gesine Schwans Bürger, der kein Käufer ist, Aladin El-Mafaalanis Staat mit der Bringschuld gegenübersteht. Dass Sparpolitik und Verlust die Rechte stärken, steht in Was holt Wähler zurück?.

Eine Ost-Quote?

Elstermanns 1,7 Prozent 67:51 stammen aus einer Erhebung der Universität Leipzig für den MDR von 2016. Gezählt wurden nur die Spitzen des ganzen Landes: Bundesregierung, DAX-Vorstände, Bundesgerichte, die hundert größten Hochschulen. Dasselbe Team kam 2022 auf rund dreieinhalb Prozent (MDR/Uni Leipzig, Der lange Weg nach oben, 2022). Der Elitenmonitor der Universitäten Leipzig und Jena und der Hochschule Zittau/Görlitz zählt breiter, rund 3.000 Spitzenposten samt Ländern: 10,9 Prozent Ostdeutsche 2018, 12,1 Prozent 2024, bei knapp einem Fünftel der Bevölkerung. In der Wirtschaft sind es 4 Prozent, in der militärischen Führung keiner (Ostbeauftragte, 19.09.2025). Kowalczuks zwei Prozent 66:09 beschreiben also die oberste Spitze; darunter ist die Lücke kleiner, und sie bleibt.

Ob sie sich von selbst schließt, ist der eigentliche Streit. Das DIW fand bei den nach 1970 Geborenen keinen signifikanten Ost-West-Unterschied in Führungspositionen mehr und hielt eine Quote für „nicht hinreichend begründet“ (Metzing & Richter 2019). Das ist Kowalczuks „nicht mehr so zentral“ 65:24. Der Elitenmonitor bestätigt dieses Aufholen 2026 nur zum Teil und benennt „formelle und informelle Aufstiegshemmnisse“, darunter Netzwerke und das Bild davon, wer nach oben passt (L-IZ, 08/2026). Lauren Rivera hat den Mechanismus in Elitekanzleien beobachtet: Eingestellt wird, wer den Auswählenden ähnelt (Rivera 2012, doi:10.1177/0003122412463213, Interviewstudie). Das sind Kowalczuks Kapitäne mit ihren Booten. Warum es zählt, zeigt Lars Vogel aus dem Elitenmonitor-Team: Wer die Unterrepräsentation wahrnimmt und für schädlich hält, unterstützt die Demokratie weniger, im Osten wie im Westen (Vogel 2022, doi:10.1080/09644008.2022.2058494, Befragung mit Experiment).

Zehs Frage, wer überhaupt ostdeutsch sei 70:08, kennt das Grundgesetz seit 1949. Artikel 36 verlangt Bundesbeamte „aus allen Ländern in angemessenem Verhältnis“, verbindlich, aber nur bei gleicher Eignung; die Zuordnung überlässt das Innenministerium im Zweifel dem Bewerber (Wissenschaftliche Dienste, WD 3 – 3000 – 350/18). Dagegen steht Artikel 3, der jede Bevorzugung wegen der „Heimat“ verbietet. Carsten Schneider lehnte 2023 eine Quote ab, weil sie nicht gerichtsfest zu fassen sei, und setzte auf ein Bundeskonzept, das den Geburtsort zählt, ganz Berlin eingerechnet; Angela Merkel, in Hamburg geboren, wäre danach keine Ostdeutsche. Unter den Führungskräften der obersten Bundesbehörden stieg der Anteil seither von 13,9 auf 16,3 Prozent (Bundesregierung, Bericht der Ostbeauftragten 2026). Brandenburgs SPD/BSW-Koalition schrieb Ende 2024 mehr Ostdeutsche in Führung als Auftrag in den Vertrag, ohne Zahl; das Bündnis zerbrach im Januar 2026. Die Elitenmonitor-Forscher selbst lehnen eine Quote ab und empfehlen Stipendienwerbung, Abordnungen und mehr Bundesbehörden im Osten.

Zehs Einwand hat Rückhalt: Norwegens Aufsichtsratsquote veränderte die Gremien und kaum etwas darunter (Bertrand et al. 2019, doi:10.1093/restud/rdy032). Den „Quotenossi“, den Elstermann lachend erzählt 48:05, fürchtet man vermutlich zu sehr. Als Schwedens Sozialdemokraten 1993 Frauen und Männer auf ihren Listen abwechselten, verdrängten sie vor allem mittelmäßige Männer, die Kompetenz stieg (Besley et al. 2017, doi:10.1257/aer.20160080, quasi-experimentell).

Oschmanns „2 statt 20 Prozent“ bei den Stipendien 73:09 halten nicht (→ Faktencheck): 2024 hatten 9,9 Prozent der neu Aufgenommenen der Studienstiftung ihr Abitur in einem ostdeutschen Flächenland gemacht, bei 9,3 Prozent aller Studierenden. Die Lücke liegt früher. Ostdeutsche Schulen nutzen ihr Vorschlagsrecht nur zu 28 Prozent, und eine Jenaer Studie nannte als Gründe fehlende akademische Vorbilder im Elternhaus und die Sorge, nicht gut genug zu sein (Forschung & Lehre, 21.09.2021). Das führt zur Bildungsherkunft, Hartmanns Feld.

→ Weiter im Panorama: Wirken Quoten? — Wen hebt sie, und wen nicht?, wo Hartmanns Quote nach sozialer Herkunft und Krauthausens Quotenbehinderter neben der Ost-Quote stehen, und Mit wem fängt eine Demokratie neu an?, wo Michael Hartmann beschreibt, wie nach 1989 die Lehrstühle mit den eigenen Leuten besetzt wurden, und wo Kowalczuk nun erzählt, dass er damals selbst für den radikalen Austausch war.


Faktencheck

Faktencheck Potsdam

Oschmann, Zeh und die Moderation

Bestätigt, mit Einschränkung — Leipziger Autoritarismus-Studie 2024

Oschmann und Elstermann · 3:59, 6:14: Die Studie wurde am 13.11.2024 vorgestellt, einen Tag vor dem Gespräch, und die Kernzahlen stimmen. Der Idee der Demokratie stimmen 90,4 Prozent zu, ohne nennenswerten Ost-West-Unterschied, mit der Demokratie, wie sie funktioniert, sind 42,3 Prozent zufrieden. Im Westen stieg der Anteil mit geschlossen ausländerfeindlichem Weltbild von 12,6 auf 19,3 Prozent. Geglättet ist Oschmanns „im Osten nach wie vor etwas höher“: Mit dem Funktionieren der Demokratie sind im Osten 29,7 Prozent zufrieden, im Westen 46, im Osten der tiefste Wert seit 2006. Quelle: Uni Leipzig via L-IZ, 13.11.2024 · Zusammenfassung LAS 2024

Vereinfacht — „Der Osten wählt europäisches Normalmaß“

Oschmann · 4:44: Für 2024 stimmt die Größenordnung. Die FPÖ kam auf 28,8 Prozent (er sagt 31), die AfD auf 29,2 in Brandenburg, 30,6 in Sachsen, 32,8 in Thüringen. Der Vergleich nimmt aber den oberen Rand Europas als Normalmaß und lässt den naheliegenden aus, den Westen. Bei der Bundestagswahl 2025 holte die AfD im Osten 32 Prozent, doppelt so viel wie im Westen. Seine Vorhersage, der Westen habe nur Glück, dass er gerade nicht wähle, hat sich bis Oktober 2026 nicht erfüllt: Baden-Württemberg 18,8, Rheinland-Pfalz 19,5 Prozent, dagegen Sachsen-Anhalt 43,8 und Mecklenburg-Vorpommern rund 38. Quelle: bpb, Wahlergebnisse der AfD · KAS-Wahlanalyse BTW 2025 · ZEIT, Sachsen-Anhalt 2026 · ZEIT, MV 2026

Vereinfacht — „Die AfD wählen vor allem Junge ohne Diktaturerfahrung, die Älteren wählen CDU und SPD“

Oschmann · 13:51: Die Wahltagsbefragungen von 2024 stützen das nicht. In Sachsen lag die AfD bei den 18- bis 24-Jährigen bei 31 Prozent, genau im Landesschnitt, am höchsten mit 34 Prozent bei den 60- bis 69-Jährigen, die voll in der DDR sozialisiert wurden. In Thüringen lagen alle Gruppen von 18 bis 59 zwischen 36 und 38 Prozent. Deutlich schwächer war sie nur bei den über 70-Jährigen. Die Forschung findet die etwas stärkeren nativistisch-populistischen Einstellungen im Osten gerade bei älteren, in der DDR sozialisierten Ostdeutschen. (2026 in Sachsen-Anhalt verschob sich das Bild zu den Mittelalten und jungen Männern, → Der Abendbrottisch.) Quelle: Infratest dimap Sachsen 2024 via Statista · KAS-Tabellen Thüringen 2024 · Pesthy, Mader & Schoen 2020, doi:10.1007/s11615-020-00285-9

Widerspruch — Diktaturerfahrung zählt, wo sie ins Argument passt

Oschmann · 14:37 gegen 73:54: Am Anfang verspottet er Kowalczuks Diktaturprägung über den Abendbrottisch als Pathologisierung, eine Stunde später erklärt er die Zurückhaltung ostdeutscher Studierender bei Stipendien selbst mit „sechzig Jahren Diktaturerfahrung … auch in der Familiengeschichte“. Kurz davor räumt er ein, die zu selten genutzten Lebenschancen im Buch bewusst weggelassen zu haben72:23. Das ehrt ihn als Eingeständnis und zeigt, dass das Buch eine Erklärung absichtlich auslässt. Quelle: das Transkript selbst.

Falsch — „Australien kennt keine Verfassungsgerichtsbarkeit“

Zeh · 15:24: Der High Court of Australia prüft Gesetze seit 1903 an der Verfassung, berühmt ist das Urteil von 1951, das das Verbot der Kommunistischen Partei kippte. Australien fehlt ein Grundrechtekatalog, nicht die Normenkontrolle. Ihr Prinzip hält trotzdem: Die Niederlande verbieten Gerichten die Prüfung von Parlamentsgesetzen, Großbritannien kennt sie nicht in starker Form. Bei einer Verfassungsrichterin fällt der Fehlgriff auf, weil er eine beruhigende These stützt. Quelle: Australian Communist Party v Commonwealth (1951) · Australian Constitution Centre

Bestätigt, sinngemäß — Das Böckenförde-Diktum

Zeh · 26:01: Sie sagt selbst „sinngemäß“. Im Original lebt „der freiheitliche, säkularisierte Staat von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“; es geht um den Staat und um garantieren, nicht um die Demokratie und um erzeugen. Ihre Einordnung, damals habe man den Kirchen dieses Fundament zugetraut, trifft den Kontext. Den Verbotsantrag gegen die AfD brachten 113 Abgeordnete am 13.11.2024 tatsächlich ein. Quelle: Böckenförde-Diktum

Vereinfacht — Der Verzicht auf eine Verfassung als „erster Akt des Totalausschlusses“

Oschmann · 38:10: Der Kern stimmt, Artikel 146 sah eine neue Verfassung vor, gewählt wurde der Beitritt nach Artikel 23, und Habermas hat das scharf kritisiert. Zwei Dinge fehlen, und beide schwächen das Bild vom Ausschluss. Die frei gewählte Volkskammer beschloss den Beitritt am 23.08.1990 selbst, mit 294 zu 62 Stimmen. Und auf Grundlage von Artikel 5 des Einigungsvertrags tagte 1992/93 eine Gemeinsame Verfassungskommission mit den neuen Ländern; sie empfahl kein Referendum, und dass sie wenig bewirkte, ist eine berechtigte Kritik. „Es gab kein Interesse“ ist Polemik. Quelle: bpb/APuZ, Die Gemeinsame Verfassungskommission · beck-aktuell, 35 Jahre Einheit

Bestätigt — Der Osten verdient, besitzt und erbt weniger

Oschmann · 50:25: 2024 lag der Bruttomonatsverdienst in Vollzeit im Westen bei 4.810 Euro, im Osten bei 3.973 Euro, 17 Prozent darunter, nach 26 Prozent 2012. Das mittlere Haushaltsnettovermögen betrug 2021 im Osten 43.400, im Westen 127.900 Euro. Erbschaften 2002–2017 lagen im Schnitt bei etwa 52.000 Euro im Osten und 92.000 im Westen. Quelle: WSI/Böckler Impuls 16/2025 · Bundesbank, PHF-Studie · DZA/DIW zu Erbschaften

Vereinfacht — „Deshalb gehen immer noch ganz viele Leute aus dem Osten weg“

Oschmann · 50:25: Insgesamt ist die Wanderung zwischen Ost und West seit 2017 etwa ausgeglichen, in fast allen Altersgruppen ziehen mehr Menschen in den Osten als von dort weg. Nur bei den 18- bis 29-Jährigen verloren die ostdeutschen Flächenländer 2023 netto 7.100 an den Westen, seit 1991 zusammen 727.000. „Ganz viele gehen“ beschreibt die Neunziger und Nullerjahre. Quelle: t-online/dpa nach Destatis · Statista, Wanderungen West–Ost

Falsch — „90 Prozent aller Wohnungen in Leipzig gehören Westdeutschen“

Oschmann (aus dem Gesprächsverlauf zugeordnet; dieselbe Zahl nannte er im August 2024 bei Lanz) · 60:18: Allein die Rechnung schließt das aus. Von rund 355.000 Leipziger Wohnungen gehören etwa 36.000 der städtischen LWB und rund 48.000 Genossenschaften, dazu kommen 13 Prozent Selbstnutzer. Die einzigen belegten Herkunftszahlen für ostdeutsche Städte liegen weit darunter, Dresden knapp 40, Halle 23 Prozent in westdeutscher Hand. Der Kern stimmt: Der private Mietbestand ging über die Sonderabschreibung Ost überwiegend an westdeutsche Anleger. Quelle: L-IZ, Leipziger Wohnungsmarkt 2025 · Rosa-Luxemburg-Stiftung, Wem gehört die Stadt: Leipzig · Berliner Zeitung, Huschka 2026

Vereinfacht — „Bei ähnlich schlechter Lage hat die AfD auch im Westen um die 30 Prozent“

Oschmann · 63:20: Dass die soziale Lage eine Rolle spielt, ist gut belegt, „nachweislich ähnlich hoch“ ist es nicht. In strukturschwachen Westregionen lag die AfD 2025 bei rund 25 Prozent, ihr bestes westliches Erststimmenergebnis holte sie im wohlhabenden Rottweil-Tuttlingen. Studien mit Individualdaten finden nach Kontrolle der üblichen Faktoren einen verbleibenden Ost-Abstand, den zum Teil sozialisationsbedingte Einstellungen erklären. Die rein ökonomische Erklärung lässt die Verantwortung beim Westen. Quelle: Pesthy, Mader & Schoen 2020, doi:10.1007/s11615-020-00285-9 · Weisskircher 2020, doi:10.1111/1467-923x.12859 · Götzel 2023, doi:10.3224/dngps.v9i1.01 (Arbeitspapier)

Falsch — „1,7 Prozent aller Leitungsposten sind von Ostdeutschen besetzt“

Elstermann, von Oschmann übernommen · 67:51, 73:09: Die Zahl geht auf eine MDR-Erhebung von 2016 zurück, die nur die bundesweite Spitze zählte, und steht in Oschmanns Buch. Der Elitenmonitor mit rund 3.000 Spitzenpositionen kommt auf 12,1 Prozent (2024), bei 17 bis 20 Prozent Bevölkerungsanteil; Kollmorgen und Schaller nennen Werte von 1,5 bis 3 Prozent für das Gesamtbild „schlicht unzutreffend“. Die Lücke selbst ist belegt und in Sektoren drastisch: Wirtschaft 4 Prozent, Generalität praktisch null, Abteilungsleitungen der Bundesministerien 8,8 Prozent (Juli 2026). Oschmann nimmt den Extremwert für das Ganze. (→ Eine Ost-Quote?) Quelle: Kollmorgen & Schaller, APuZ 2024 · Elitenmonitor 2026 (L-IZ) · tagesschau, 16.07.2026

Falsch — „Nur 2 Prozent der Stipendienbewerbungen kommen von Ostdeutschen, es müssten 20 sein“

Oschmann · 73:09: Beide Zahlen halten nicht. Bei der Studienstiftung hatten 2024 9,9 Prozent der neu Aufgenommenen ihr Abitur in einem ostdeutschen Flächenland gemacht, bei 9,3 Prozent aller Studierenden; die Hans-Böckler-Stiftung meldet ebenfalls einen leicht überproportionalen Anteil. Was stimmt: Ostdeutsche Schulen nutzen ihr Vorschlagsrecht nur zu 28 Prozent, ihre Schüler kommen später in die Förderung. Bemerkenswert ist, dass Oschmann die falsche Zahl in einer für ihn untypischen Richtung einsetzt. Quelle: Studienstiftung, Vielfalt in der Begabtenförderung (11/2025) · Hans-Böckler-Stiftung 2026

Vereinfacht — „In der DDR wurde § 175 schon 1968 abgeschafft“

Oschmann · 80:47: 1968 ersetzte die DDR § 175 durch § 151, der ein höheres Schutzalter für homosexuelle Handlungen festhielt; ersatzlos gestrichen wurde er 1988/89. Die Bundesrepublik entkriminalisierte Sex zwischen erwachsenen Männern 1969, behielt aber bis 1994 ein Sonderstrafrecht. Stark ist sein eigentlicher Punkt: Die Streichung 1994 geschah im Zuge der Rechtsangleichung mit dem Osten. Ein Vorsprung von einigen Jahren ist belegbar, einer von 26 nicht. Quelle: Bundestag, Drucksache 17/10841 · bpb, 1994: Homosexualität nicht mehr strafbar

Bestätigt — Kleinere Belege aus Potsdam

Oschmann und Zeh: Die Wahlbeteiligung lag 2024 in Sachsen, Thüringen und Brandenburg über 70 Prozent. Irland änderte das Abtreibungsrecht 2018 per Volksentscheid. Thatchers „There is no such thing as society“ stammt von 1987 (sie fügte an: and there are families). Großbritannien schuf 2018 ein Ministeramt gegen Einsamkeit, „Ich-AG“ war Unwort des Jahres 2002. Dass weniger Jüngere in Paaren leben, ist als Trend belegt (Deutschland: 60 Prozent der Erwachsenen leben als Paar zusammen, 1996 waren es 66). Quelle: Goerres zu den Landtagswahlen 2024 · Destatis, Paare 2023

Faktencheck Halberstadt

Kowalczuk

Bestätigt — AfD-Zahlen im Harz und bundesweit

Kowalczuk · 45:29: Im Wahlkreis Harz kam die AfD bei der Bundestagswahl 2025 auf 37,0, das BSW auf 11,8 Prozent, Christina Baum gewann das Direktmandat. Bundesweit erhielt die AfD rund 10,3 Millionen Zweitstimmen, Trump 77,3 Millionen, Harris 75,0. Kleinigkeit: In Presseauswertungen des Verfassungsschutz-Gutachtens ist Baum die am dritthäufigsten genannte Person, nach Höcke und Krah. Die absolute Mehrheit, die Tillschneider ankündigte, hat die AfD bei der Landtagswahl am 6.9.2026 mit 43,8 Prozent und 39 von 83 Sitzen knapp verfehlt. Quelle: Landeswahlleiterin Sachsen-Anhalt, BTW 2025 · Stuttgarter Zeitung zu Baum · bpb, Landtagswahl Sachsen-Anhalt 2026

Falsch — „Zwei Drittel im Osten würden die Grundordnung gern gegen eine autoritäre eintauschen“

Kowalczuk · 25:38: Er begründet das mit Wahlergebnissen, aber selbst mit dem BSW kommt man nicht auf zwei Drittel: AfD und BSW zusammen erreichten in Thüringen 2024 48,6, in Sachsen 42,4, in Brandenburg 42,7 und in Sachsen-Anhalt 2026 49,1 Prozent. Die Einstellungsforschung widerspricht deutlicher: 90,4 Prozent stimmen der Demokratie als Idee zu, ein geschlossen rechtsextremes Weltbild haben rund 4,5 Prozent, im Osten so viele wie im Westen. Was im Osten einbricht, ist die Zufriedenheit mit der Praxis, 29,7 Prozent; Pickel und Pickel finden keinen Legitimitätsmangel. Ernst bleibt der Befund trotzdem: 31,5 Prozent Ausländerfeindlichkeit im Osten. Die Zahl dient seinem Appell, die demokratische Minderheit zu sammeln, und je kleiner sie erscheint, desto dringender klingt er. Dass das BSW gegen das Grundgesetz agiere, ist seine Wertung; der Verfassungsschutz beobachtet es nicht. Quelle: Leipziger Autoritarismus-Studie 2024 · Pickel & Pickel 2022, doi:10.1080/09644008.2022.2072488

Vereinfacht — „Fünf Prozent, auf die ganze DDR hochrechenbar“

Kowalczuk · 35:36: Für die 800 Demonstrierenden in Halberstadt fand Sherlock keine Dokumentenquelle; bestätigt werden sie von einem Ehepaar im Saal. Die Hochrechnung widerspricht seinen eigenen Zahlen: 2019 schrieb er selbst von 10.000 bis 20.000 Menschen in Plauen am 7.10.1989, bei gut 70.000 Einwohnern, in Leipzig waren es am 9.10. rund 70.000. Die Gegenposition zählt bis zum Mauerfall über eine Million Demonstrierende. Als Größenordnung der aktiv Beteiligten ist die Zahl vertretbar, ein gleichmäßiges Muster, das man hochrechnen könnte, zeigt sie nicht. Die passive Mehrheit hinter der Gardine trägt sein ganzes Argument, und hier wird sie zu glatt. Quelle: Kowalczuk 2019, Initiatoren und Multiplikatoren der Proteste · Bundesregierung, Plauen · Weinholz im Freitag

Vereinfacht — „75 Prozent stimmten am 18. März 1990 für den schnellsten Weg zur Einheit“

Kowalczuk · 60:50: Die 75 Prozent ergeben sich nur, wenn man die SPD mit 21,9 Prozent dazurechnet, und die Ost-SPD wollte im Februar 1990 die Einheit über Artikel 146 mit neuer Verfassung, den Weg, den Kowalczuk selbst vertrat. Die Parteien für den Beitritt nach Artikel 23 kamen zusammen auf rund 53 Prozent. Haltbar ist „75 Prozent für den schnellen Weg zur D-Mark“, denn auch die SPD wollte die Währungsunion zum 1. Juli. Bei 93,4 Prozent Wahlbeteiligung war die Wahl ein klares Mandat für eine schnelle Einheit. Die aufgerundete Zahl lässt die Gegenseite kleiner wirken, als sie war. Quelle: bpb, 18. März 1990 · bpb-Chronik, SPD-Parteitag Februar 1990

Nicht belegt — Kohl: „neue gesamtdeutsche Verfassung“ und „Einheit wohl 1995“

Kowalczuk · 57:01: Unabhängig belegt ist das nicht; die Angabe steht ohne Beleg in Kowalczuks eigenem Manuskript von 2019. Der Moskau-Besuch war am 10. Februar 1990. Bestätigt ist der Rest: Artikel 5 des Einigungsvertrags empfahl, sich binnen zwei Jahren mit Artikel 146 und einer Volksabstimmung zu befassen; die Verfassungskommission empfahl dann keine neue Verfassung. Quelle: Einigungsvertrag Art. 5 · Bundesregierung, Gorbatschow stimmt Deutscher Einheit zu

Vereinfacht — „2 Prozent Ostdeutsche in Führungspositionen“

Kowalczuk · 66:09: Die Zahl ist veraltet und meint die bundesweite Spitze von 2016. Der Elitenmonitor kommt 2024 auf 12,1 Prozent, je Sektor sehr verschieden: Justiz 2,4, Wirtschaft 4, Militär 0, Politik 21,4 Prozent. Dass er selbst sagt, das Problem sei „nicht mehr so zentral“, und trotzdem die schärfste alte Zahl nennt, fällt auf. (→ Eine Ost-Quote?) Quelle: epd zum Elitenmonitor 2024 · L-IZ 2016

Vereinfacht — „Binnen zwei Jahren arbeiteten 80 Prozent nicht mehr in ihrer alten Institution“

Kowalczuk · 66:55: Die 80 Prozent gibt es in der Forschung, aber über fünf Jahre: Von 1990 bis 1995 verloren rund vier Fünftel der Erwerbstätigen ihren Arbeitsplatz vorübergehend oder dauerhaft. Zwischen 1989 und 1992 ging ein Drittel der Arbeitsplätze verloren, bis 1996 hatten etwa zwei Drittel ihren Betrieb von 1989 verlassen. Richtung und Wucht stimmen, der Zeitraum ist zusammengeschoben. Quelle: bpb, Wirtschaftlicher Zusammenbruch nach 1990 · Solga & Mayer 2010, WZB

Vereinfacht — „Ostdeutschland zählt zu den reichsten Regionen Europas“

Kowalczuk · 70:45: Halb. Beim BIP je Einwohner in Kaufkraftstandards liegen die ostdeutschen Regionen 2024 unter dem EU-Schnitt, Chemnitz 82, Leipzig 97 (EU = 100), Prag und Warschau weit darüber. Beim verfügbaren Haushaltseinkommen liegen sie darüber, 2023 bei 22.600 bis 23.900 KKS je Einwohner gegen 21.000 im EU-Schnitt, etwa auf dem Niveau von Prag oder Helsinki. Wohlhabend im europäischen Vergleich ja, „zu den reichsten“ nein. Quelle: Eurostat nama_10r_2gdp · Eurostat nama_10r_2hhinc

Vereinfacht — Ruhrgebiet gegen Osten, „nirgendwo so radikal, nirgendwo so abgefedert“

Kowalczuk · 72:16: Der Kern hält. Zwei Jahre nach der Einheit lag die ostdeutsche Industrieproduktion 73 Prozent unter dem Stand von 1989, in den Visegrád-Staaten brach sie um 25 bis 40 Prozent ein, und die Einkommen im Osten liegen heute deutlich über denen in Polen und Tschechien. Seine 55.000 Euro Subvention je Bergbauarbeitsplatz für 1989 sind zu hoch, damals waren es eher 30.000 bis 35.000 Euro; die 60.000 wurden erst Mitte der Nullerjahre erreicht. Die letzte Zeche schloss im Dezember 2018. Quelle: bpb, Wirtschaftlicher Zusammenbruch nach 1990 · DIW-Wochenbericht 51/1990

Bestätigt — Die Treuhand-Illusion

Kowalczuk · 75:18: Treuhand-Chef Rohwedder nannte im Oktober 1990 einen Wert von etwa 600 Milliarden D-Mark für die rund 8.000 Volkseigenen Betriebe, gestützt auf eine ungeprüfte Schätzung der Modrow-Regierung. Ende 1994 hinterließ die Treuhand rund 250 Milliarden D-Mark Schulden. Quelle: Bundestag Drucksache 12/4602 · bpb, Gesetz des Dschungels

Falsch — „Zehnmal so schwache Parteibindung im Osten“

Kowalczuk · 84:28: Der Anteil der Parteimitglieder an der Bevölkerung ist im Osten nach Niedermayer „nur etwas mehr als halb so groß wie im Westen“, also etwa die Hälfte, nicht ein Zehntel. Bei der AfD ist es umgekehrt, die Ost-Länder sind seit 2020 ihre mitgliederstärksten. Seine These von der schwachen Zivilgesellschaft trägt auch ohne die Übertreibung. Quelle: Niedermayer, Parteimitglieder 2024

Vereinfacht — „Die Jungen wählen die Faschisten, die Älteren nicht“

Kowalczuk · 82:12: Bei der Sachsen-Wahl 2024 wählten 31 Prozent der 18- bis 24-Jährigen AfD, so viele wie insgesamt, bei den über 70-Jährigen 24 Prozent. Die Leipziger Studie findet im Osten kaum Altersunterschiede in den Einstellungen, junge Ostdeutsche sind sogar weniger ausländerfeindlich als ältere. Für die Unsicherheit der Transformation als Erklärung gibt es Belege. Fair bleibt: Er sagt selbst, die Frage sei „empirisch nicht wirklich eindeutig“ zu beantworten. (→ Der Abendbrottisch) Quelle: infratest dimap via Statista, Sachsen 2024 · Lueders 2024, doi:10.1353/wp.2024.a916343

Bestätigt — Baseballschlägerjahre: Beifall in Hoyerswerda und Lichtenhagen

Kowalczuk · 86:45: In Hoyerswerda feuerten 1991 Anwohner die Täter an, in Rostock-Lichtenhagen applaudierten 1992 bis zu 3.000 Schaulustige vor laufenden Kameras; Mölln war ein nächtlicher Brandanschlag ohne Publikum. Was er auslässt, hätte ihn gestärkt: den Rassismus in der DDR selbst, die abgeschotteten Vertragsarbeiter, die Skinheadszene der Achtziger mit dem Überfall auf die Zionskirche 1987. Quelle: bpb, Rostock-Lichtenhagen · bpb, Hoyerswerda 1991

Bestätigt im Kern — Höckes Flughafen-Plan

Kowalczuk · 107:02: Höcke kündigte am 2.4.2025 an, Asylbewerber „aus der Fläche rauszuholen“, am Flughafen Erfurt unterzubringen und von dort abzuschieben; für den Doppelhaushalt 2026/27 legte die AfD den Antrag mit Containern neu auf. Unabhängig belegt ist weder das Wort „Lager“ noch, dass Höcke das einen Wirtschaftsfaktor für Inhaftierte aus anderen Ländern nannte. Quelle: Correctiv, 28.5.2025

Vereinfacht — Zwei zugespitzte Anekdoten: die Linke und Bayreuth

Kowalczuk · 109:21, 115:31: Gemeint ist die Strategiekonferenz der Linken in Kassel 2020, kein Parteitag. Eine einzelne Teilnehmerin sprach davon, das reichste Prozent zu erschießen; Bernd Riexinger antwortete flapsig, entschuldigte sich später und nannte die Bemerkung inakzeptabel, die Sprecherin ebenfalls. Dass die Partei Erschießungen für alle vorsehe, die nicht mitmachen, wurde nicht gesagt. Zu Bayreuth erklärten Wissenschaftsministerium und Universitätspräsident 2021, für einen Entzug von Tillschneiders Lehrbefugnis gebe es keine Rechtsgrundlage; was er als Aussitzen deutet, war rechtlich begründet. Quelle: Correctiv, 31.7.2025 · Volksstimme/dpa zu Tillschneider

Bestätigt — Weitere Angaben

Kowalczuk: Laut IAB hält eine Nettozuwanderung von 400.000 im Jahr das Arbeitskräfteangebot bis 2060 etwa konstant, eine Szenariorechnung, die die gesamte Nettozuwanderung meint. Das preußische Gutachten von 1930, das die NSDAP als hochverräterische Verbindung einstufte, stammte unter anderem von Robert Kempner, später stellvertretender Ankläger der USA in Nürnberg. Den Männerüberschuss durch Abwanderung gibt es; seit 2008 wandern allerdings mehr Männer als Frauen nach Westen ab, und die zehn Kreise mit dem größten Männerüberschuss liegen 2026 alle im Westen. Quelle: IAB-Kurzbericht 25/2021 · beck-aktuell, Gutachten NSDAP 1930 · Bundestag hib 665/2026

Stand Oktober 2026

Das VG Köln hat am 26.2.2026 im Eilverfahren entschieden, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz die AfD bis zur Hauptsache nicht als „gesichert rechtsextremistisch“ einstufen darf; die Landesämter in Thüringen, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Brandenburg bleiben bei dieser Einstufung. Ein Verbotsantrag ist bis Ende September 2026 nicht gestellt. Kowalczuk hat 2026 nachgelegt, mit Faschismus ist keine Meinung (C. H. Beck). Quelle: bpb, Landtagswahl Sachsen-Anhalt 2026


Weiterführende Quellen

Aus den Video-Beschreibungen und im Gespräch erwähnt:

  • Dirk Oschmann: Der Osten: eine westdeutsche Erfindung (2023, Taschenbuch mit neuem Vorwort 2024) — genialokal
  • Ilko-Sascha Kowalczuk: Freiheitsschock. Eine andere Geschichte Ostdeutschlands von 1989 bis heute (2024) — genialokal
  • Ilko-Sascha Kowalczuk: Die Übernahme. Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde (2019) — genialokal
  • Christina Morina: Tausend Aufbrüche. Die Deutschen und ihre Demokratie seit den 1980er-Jahren (2023) — von Oschmann zitiert, die „Anspruchsdemokratie“ in der DDR
  • Didier Eribon: Rückkehr nach Reims — von Oschmann zitiert
  • Karl Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde — Kowalczuks Gewährsmann für das Toleranzparadoxon
  • Patrick Süskind: Deutschland, eine Midlife-crisis (Spiegel, 1990) — von Elstermann zitiert

Aus den Faktenchecks (Sherlock):


Verbindungen

→ Würde im Alltag — wenn der Markt den Wert misst

Der Gedanke, aus dem diese Note entstand. Andreas' Schluss, im Osten werde weniger die Diktatur vererbt als die Kränkung, steht nahe bei Oschmann. Kowalczuk bestätigt aber die Tatsachen, die Andreas nennt, bis zum Männerüberschuss, und Zehs Satz über eine Welt, in der Karriere nicht das Höchste war, antwortet auf den Titel des Gedankens.

→ Philip Manow — Autoritäre Zeiten: Die Macht der Wähler

Manow nennt die Einheit einen Anschluss mit gebrochenem Verfassungsversprechen. Oschmann sagt dasselbe mit Habermas, Kowalczuk, der 1990 selbst für Artikel 146 stimmte, hält dagegen: Drei Viertel wählten den schnellen Beitritt. Zeh liefert die Psychologie der westdeutschen Angst um ein Grundgesetz mit Gralscharakter.

→ Steffen Mau — Die (gefühlte) Spaltung der Gesellschaft

Mau steht zwischen beiden. Oschmann stützt sich auf seinen Vorschlag einer Ost-Quote und seine Zahlen zu Betrieben und Vermögen, Kowalczuk teilt seinen Befund, die DDR-Bürger hätten keine eigenen Fehler machen dürfen, und das Beschweigen in den Familien.

→ Stephan Marks und Aladin El-Mafaalani — Unter der Wut die Scham?

Marks beantwortet die Kernfrage mit beidem, als zwei Formen der Scham: die in der Diktatur verratene Integrität und die Beschämung durch eine Einheit, die als Abwicklung erlebt wurde. Zehs „toxische Mischung“ aus Unmut und dem Gefühl, als Vollidiot behandelt zu werden, ist derselbe Mechanismus.

→ Herfried Münkler — Die Sehnsucht nach Ordnung

Münkler erklärt den Abstand über die DDR-Prägung, eine Zuhörerin hält ihm dasselbe Altersargument entgegen wie Oschmann. Kowalczuk teilt Münklers Richtung, legt den Grund aber in die Gewohnheit, „die da oben“ machen zu lassen.

→ StreitClub #19 — Extremismus und der Schutz der Demokratie

Quent sagt, die demokratische Zustimmung habe am vollen Kühlschrank gehangen, das ist Kowalczuks Grundirrtum des Wohlstandsversprechens. Und er findet bei den Jungen keinen Ost-West-Unterschied in den Einstellungen, nur in der Normalität, sie auszusprechen, was Oschmanns „kein Sonderfall“ stützt.

→ AfD und rechte Influencer vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt

Dieselbe Landschaft, Sachsen-Anhalt, derselbe „Kampf der Nibelungen“. Der 2008 geborene Cedrick erbt die Zweitklassigkeit als Familiengedächtnis, und gerade dort hat sich die Arbeitslosigkeit halbiert, ohne der AfD eine Stimme zu nehmen. Das ist der Abendbrottisch, über den Oschmann und Kowalczuk streiten.

→ Roger de Weck — Was ist konservativ, was reaktionär?

Kowalczuks Satz, Demokratie sei keine Dienstleistung, gegen Kretschmers „wenn das System nicht liefert“, ist de Wecks Einwand gegen den Deliverism von der Bürgerseite. Die These vom ewig anderen Osten seit dem Limes brauchen weder Kowalczuk noch Oschmann.

→ Michael Hartmann — Herkunft schlägt Parteibuch

Bei den Eliten sind sich die Kontrahenten einig: Wer 1990 kam, brachte sein Netzwerk mit, Kowalczuk nennt sie „Kapitäne von Booten und von Netzwerken“, Oschmann erzählt aus seiner Berufungskommission. Hartmanns Prinzip der Ähnlichkeit erklärt beides.

→ Ivan Krastev — Wie zukunftsfähig ist Europa?

Kowalczuk sieht den Fehler darin, dass Kohl den Osten nach München statt nach Krakau blicken ließ. Krastev erklärt, warum ein solcher Maßstab demütigt: Wer nachahmen soll, akzeptiert die Regeln, aber nicht die Rangordnung.

→ Der Entscheidende Punkt — Nach den Landtagswahlen

Hensels lange Abschiedsbewegung lässt sich zweimal erzählen: als Antwort auf eine Politik, die nicht zuhörte, wie Oschmann es täte, oder als Fortsetzung des Wegduckens, das schon die Diktatur verlangte, wie Kowalczuk sagt.

→ Isabella Weber — Antifaschistische Wirtschaftspolitik

Weber und Zeh erklären den Populismus aus der Entfesselung des Liberalismus und der Ohnmacht, die er hinterlässt. Kowalczuk widerspricht ihrer Prämisse: Demokratie habe mit Wohlstand nur im besten Fall zu tun. Auf beiden Abenden fällt fast derselbe Satz über Deutschland als eines der freiesten und sozialsten Länder der Welt, einmal von der Moderatorin gegen Weber, einmal von Kowalczuk gegen den Osten.

→ Warum wählen Menschen Autoritäre? — Warum im Osten doppelt so viel?

Die Reibung dieses Panorama-Abschnitts fragt wörtlich die Frage dieser Note: Prägung aus der Diktatur oder Kränkung aus der Einheit? Oschmann und Kowalczuk sind dort jetzt Stimmen.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
  • Oschmann fragt, was der Westen dem Osten antut, Kowalczuk, was der Osten aus seiner Freiheit macht. Lässt sich eine Frage stellen, die beide Richtungen der Verantwortung zugleich ernst nimmt, ohne in „alle sind schuld“ zu zerfließen?
  • 75 Prozent wählten 1990 den schnellsten Weg. Wie frei ist eine Entscheidung, die ein Volk unter leeren Regalen und einem Versprechen von blühenden Landschaften trifft, und wer trägt sie, wenn das Versprechen nicht hält?
  • Kowalczuk will die AfD-Wähler nicht zurückgewinnen, Zeh will Räume, in denen Menschen sich wieder treffen. Welcher der beiden Wege traut den Menschen mehr zu?
  • Zeh fühlte sich im Osten bereichert durch eine Welt, in der Karriere nicht das Höchste war; Oschmann bedauert, dass Ostdeutsche sich nicht auf Stipendien bewerben. Ist das dieselbe Eigenschaft, einmal als Würde und einmal als Nachteil gesehen?
  • Was erzähle ich selbst am Abendbrottisch über „die da oben“, und was davon kommt bei denen an, die mir zuhören?

Von hier einen Faden gehen7 Stationen, rückwärts durch den Bestand

Im Bestand

Herfried MünklerDie Sehnsucht nach OrdnungStephan Marks und Aladin…Unter der Wut die Scham?Dirk OschmannDenkerVitaJuli ZehDenkerVitaIlko-Sascha KowalczukDenkerVitaWürde im Alltagwenn der Markt den Wert misstWarum wählen Menschen…Wie kann Demokratie…Michael HartmannHerkunft schlägt ParteibuchWirken Quoten?Wie handelt eine Demokratie?Philip ManowAutoritäre Zeiten: Die Macht der…Steffen MauDie (gefühlte) Spaltung der…StreitClub #19Extremismus und der Schutz der…Harald WelzerTötungsarbeitRaúl KrauthausenTeilgabe statt TeilhabeMarcant und EichiAusstieg aus der Neonazi-SzeneHanna Notte und Sergey…Globales KräftemessenDalai LamaDie säkulare EthikPhilipp BlomDie strauchelnde Welt

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