GedankenraumMarco Bülow — DenkerVita
Zwanzig Jahre im Bundestag lehrten Marco Bülow, dass man ohne Geld korrumpiert wird, durch Zugang und Gefallen. Seine Lobbytermine legte er offen, bevor es Pflicht war.
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Edward Hopper: ein Abend in einem fast leeren Abgeordnetenbüro in Berlin. Ein Mann um die fünfzig in dunklem Hemd ohne Krawatte steht allein am hohen Fenster, die Hände in den Taschen, draußen leuchtet eine Kuppel in der Dämmerung. Hinter ihm auf dem Schreibtisch unter der Lampe Aktenstapel, ein offenes Notizbuch und ein schwarz-gelber Fußballschal, im Raum leere Stuhlreihen und unter der geschlossenen Tür ein heller Lichtstreif. Hopper, weil er Menschen zeigt, die mitten in einer Institution allein sind, ruhig und ohne Pathos. Das ist Bülow nach dem Austritt: fraktionslos, mit Dortmund im Rücken, und draußen läuft der Betrieb weiter. Die Vita malt Hopper, die Note Vallotton.
Prompt: Wide 1200x500 panoramic oil painting in the manner of Edward Hopper (Office at Night, Nighthawks, Morning Sun): clear geometric light, long shadows, flat simplified planes, quiet solitude, muted greens, ochres and deep blues. Evening in an almost empty parliamentary office in Berlin: a man of about fifty with short dark hair, in a plain dark shirt without tie, stands alone at a tall window with his hands in his pockets, looking out at a lit glass dome of a parliament building in the dusk. Warm lamp light falls across a desk behind him with neat stacks of papers, an open notebook and a folded black-and-yellow striped football scarf. The rest of the room is dim and empty: rows of empty chairs, a closed door with a bright strip of light under it. Calm, dignified, a little lonely. Absolutely no signature anywhere, no monogram, no initials, no text, no letters, no logos, no flags, no emblems. The four corners and the bottom strip are clean and plain. Not photorealistic.
Biographischer Snapshot
Marco Bülow (14. Juni 1971 in Dortmund, † Januar 2026) saß von 2002 bis 2021 im Bundestag, fünfmal direkt gewählt im Wahlkreis Dortmund I, lange für die SPD, deren Arbeitsgruppe Umwelt er von 2005 bis 2009 als Sprecher führte. 2018 verließ er Partei und Fraktion aus Protest gegen die Große Koalition, 2020 wurde er der erste Bundestagsabgeordnete der PARTEI, 2021 schied er aus. Sein Lebensthema war der „Profitlobbyismus“, den er als legale Korruption beschrieb: in Wir Abnicker (2010), Lobbyland (2021) und Korrumpiert (2025). Er starb im Januar 2026 mit 54 Jahren.
Biografie
Marco Bülow wächst in Dortmund auf, macht Abitur an der Anne-Frank-Gesamtschule und beginnt an der dortigen Universität Journalistik, Geschichte und Politikwissenschaft zu studieren, ohne das Studium abzuschließen. Er arbeitet als freier Journalist und tritt 1992 in die SPD ein, im Jahr des Asylkompromisses, über den er fast gleich wieder ausgetreten wäre (Zeit). Er führt die Dortmunder Jusos, sitzt im AStA und im Studentenparlament, ab 1996 im Vorstand der Dortmunder SPD.
2002 gewinnt er mit 31 Jahren den Wahlkreis Dortmund I direkt und zieht in den Bundestag ein, als einer der jungen Abgeordneten der rot-grünen Koalition, die sich in der Fraktion „Youngsters“ nennen. Er landet im Umweltausschuss, mitten im Streit um Energie und Klima, und genau dort beginnt, was er zwanzig Jahre später als seine Anfütterung beschreiben wird: nette Gespräche mit Energielobbyisten, ein Platz auf dem Podium, ein Gesetzentwurf, den er vor seinen Kollegen in der Hand hat (Korrumpiert). Von 2005 bis 2009 ist er Sprecher der SPD-Arbeitsgruppe Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, danach stellvertretender energiepolitischer Sprecher.
Die Entfremdung von der eigenen Fraktion beginnt früh. 2007 erklärt er, Mehrwertsteuererhöhung, Rente mit 67 und Unternehmenssteuersenkung nicht mit seinem Gewissen vereinbaren zu können. In den namentlichen Abstimmungen seiner SPD-Zeit weicht er nach den Daten von abgeordnetenwatch rund 88 Mal von der Fraktionsmehrheit ab, bei gut 300 Abstimmungen: gegen fast jede Verlängerung des Afghanistan-Einsatzes, gegen den Syrien-Einsatz 2015, gegen die Griechenland-Pakete, den ESM und den Fiskalpakt, gegen die Schuldenbremse 2009, gegen Vorratsdatenspeicherung, Asylpaket II und die Einstufung der Maghreb-Staaten als sichere Herkunftsländer. Möglich ist das, weil er in Dortmund direkt gewählt wird und die Basis ihren Kandidaten in einer Urwahl bestimmt; auf der Landesliste steht er weit hinten.
2010 bekommt er Zwillinge, sein Sohn stirbt am Tag der Geburt. Bülow nimmt sich eine politische Auszeit bis zum Februar 2011. Im selben Jahr erscheint Wir Abnicker, sein Buch über ein Parlament, das nur noch bestätigt, was die Regierung vorlegt. 2015 stößt er mit dem Grünen Gerhard Schick einen freiwilligen Verhaltenskodex für Abgeordnete an: Lobbytermine offenlegen, Nebeneinkünfte per Steuerbescheid belegen, keine Geschenke über 100 Euro, drei Jahre Karenzzeit vor einem Lobbyjob. Bis 2020 unterschreiben 39 von 709 Abgeordneten (abgeordnetenwatch). Viele seiner Reden schließt er nach dem Vorbild Catos: „Im Übrigen bin ich der Meinung, dass der Profitlobbyismus zerstört werden muss.“
Im November 2018 tritt er aus SPD und Fraktion aus. Die Partei sei in der Großen Koalition „beliebig geworden, ohne erkennbare Haltung“, schreibt er, und beklagt eine „Entsozialdemokratisierung“ (Nordstadtblogger). Das Mandat, das er auf SPD-Ticket gewonnen hatte, behält er, was ihm damals viel Kritik einbringt. Er unterzeichnet den Aufruf von „Aufstehen“, was eine Episode bleibt, holt als Fraktionsloser Klimaaktivisten in den Bundestag und tritt im November 2020 in Die PARTEI ein, deren erster Bundestagsabgeordneter er wird (Spiegel). Bei der Wahl 2021 holt er in Dortmund I als PARTEI-Kandidat 8,6 Prozent und scheidet aus dem Parlament aus. Eine seiner Mitarbeiterinnen aus dieser Zeit ist Ines Schwerdtner, heute Vorsitzende der Linken; sie nennt ihn in ihrem Nachruf ein Vorbild (Jacobin).
Nach dem Bundestag wird Bülow Publizist. Er schreibt für die Berliner Zeitung, Telepolis, Overton und die NachDenkSeiten, betreibt Podcast und YouTube-Kanal „LobbyLand“, sitzt im Kuratorium des Instituts Solidarische Moderne und organisiert mit der Initiative überLeben 2024 eine „Good COP“ als Gegenveranstaltung zur Klimakonferenz. 2025 erscheint Korrumpiert, sein persönlichstes Buch. In den letzten Jahren rückt ein zweites Thema neben den Lobbyismus: die Aufrüstung, die er als Lobbydeal mit vorgeschobener Begründung sieht. Er schreibt mit am Band Den Krieg verlernen (2024) und an Lasst alle Hoffnung fahren (2025) aus dem Kreis „Neubeginn“ um Antje Vollmer, tritt beim Festival „Krieg & Frieden“ an der Volksbühne auf und diskutiert in der Manova-Reihe „The Great WeSet“ mit Ulrike Guérot.
Marco Bülow stirbt im Januar 2026 mit 54 Jahren; die Angaben zur Ursache gehen auseinander, die Familie sprach von einem plötzlichen Tod nach kurzer Krankheit (NachDenkSeiten), andere Berichte von einer längeren Erkrankung (WDR). Die letzte Folge von „LobbyLand“ erschien wenige Tage vorher. Die Nachrufe kamen aus erstaunlicher Breite: die taz nannte ihn einen „verzweifelten Sozialdemokraten“, dessen Analyse der SPD „nicht falsch“ gewesen sei (taz), der Dortmunder SPD-Vorsitzende Jens Peick, der ihm den Wahlkreis abgenommen hatte, würdigte ihn als einen, der „entschlossen für eine bessere Welt“ kämpfte.
Bücher & Publikationen
- Generation Zukunft. Ein Plädoyer für verantwortungsbewusstes Handeln (Riemann, 2004) — genialokal
- Wir Abnicker. Über Macht und Ohnmacht der Volksvertreter (Econ, 2010) — genialokal
- Lobbyland. Wie die Wirtschaft unsere Demokratie kauft (Das Neue Berlin, 2021) — genialokal
- Beitrag „Lobby und Moral im ›kriegstüchtigen‹ Deutschland“ in: Antje Vollmer u. a., Den Krieg verlernen (VSA, 2024) — genialokal
- Korrumpiert. Wie ich fast Lobbyist wurde und jetzt die Demokratie retten will (Westend, 2025) — genialokal
- Mitautor: Lasst alle Hoffnung fahren. Zornige Blicke (VSA, 2025), Kreis „Neubeginn“ — genialokal
- Sein Verhaltenskodex für Abgeordnete (2015, mit Gerhard Schick)
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Marco Bülow (SPD) über Fehler & falsche Spielregeln — Jung & Naiv: Folge 299 — 12.03.2017, noch als SPD-Abgeordneter
- Statement zum SPD-Austritt — Phoenix, 27.11.2018
- Martin Sonneborn & Marco Bülow über die PARTEI im Bundestag — Jung & Naiv: Folge 487 — 16.11.2020
- Wie Lobbyismus unsere Demokratie zerstört! — Der Dunkle Parabelritter, 11.08.2021
- Korrumpiert | Martin Sonneborn & Marco Bülow — Westend Verlag, 30.03.2025
- Marco Bülow: Korruption! — Volksbühne Berlin, 09.11.2025
- „In Deutschland gibt es sehr viel legale Korruption“ — NachDenkSeiten, 21.12.2025, eines seiner letzten Gespräche
Kernthesen
- Profitlobbyismus ist legale Korruption. Korrumpiert wird man selten mit Geld, meist mit Zugang, Aufstieg und Gefallen, bis man eine Bitte nicht mehr abschlägt. Weil vieles davon legal ist, taucht es in keinem Korruptionsindex auf.
- Die Gewaltenteilung im Parlament steht auf dem Kopf. Die Regierung legt vor, die Koalitionsfraktionen nicken ab, und der Fraktionszwang ersetzt das Gewissen, dem Artikel 38 den Abgeordneten verpflichtet.
- Die Fallhöhe entscheidet. Lobbyismus an sich ist legitim; gefährlich wird er, wo hinter einem Interesse Geld und Personal stehen, gegen die kein Gegeninteresse ankommt.
- Permanente Revolte statt Revolution. Nach Camus: Der Widerspruch gegen die Mächtigen darf nie aufhören, auch nicht, wenn die eigene Seite gewinnt. Was die Demokratie braucht, ist „Korrektiv und Kollektiv“ und mehr Rechte als das Wählen, etwa Bürgerräte.
- Die Bevölkerung ist die Chefin. Ein Abgeordneter ist seinen Wählern verpflichtet, nicht dem Fraktionsvorsitzenden und nicht dem Lobbyisten.
Politische Einordnung
Bülow war einer der wenigen im Bundestag, die ihre Forderungen an sich selbst zuerst anlegten. Er veröffentlichte seine Lobbytermine und Einkünfte, bevor es Pflicht war, stimmte gegen die eigene Fraktion, wo sein Gewissen es verlangte, und bezahlte dafür mit seiner Parteikarriere. Seine Kritik am Profitlobbyismus beruht auf fast zwanzig Jahren Innensicht und hat den Vorzug, dass sie ihn selbst einschließt. Die Anerkennung reichte nach seinem Tod von der taz über Jacobin und die Linken-Vorsitzende bis zum Dortmunder SPD-Vorsitzenden.
Die Kritik an ihm ist ebenso belegt. Die Zeit sah 2018 einen Mann, der ein Grundsatzproblem damit hatte, Kompromisse mitzutragen, die die Parteimitglieder in einer Abstimmung beschlossen hatten, und dass er sein SPD-Mandat nach dem Austritt behielt, wurde ihm vielfach vorgeworfen. Nach dem Austritt blieb er politisch heimatlos; weder „Aufstehen“ noch Die PARTEI gaben ihm eine Wirkung, die dem Gewicht seiner Themen entsprach. In seinen letzten Jahren trat er vor allem in einem Umfeld auf, dessen Publikum seine Thesen schon teilte: NachDenkSeiten, Overton, Manova — ein Magazin, das laut Wikipedia teils mit Verschwörungserzählungen arbeitet — und der Friedenskreis „Neubeginn“, zu dem auch Alexander Rahr gehört, dem Gazprom-Nähe vorgeworfen wurde. Eine eigene belegte Äußerung Bülows zur Schuldfrage im Ukrainekrieg ist nicht bekannt; sein Umfeld darf man ihm nicht als Position zuschreiben. Belegt ist, dass seine Aufrüstungskritik gröber argumentiert als seine Lobbykritik: Wo er beim Bundestag aus eigener Erfahrung spricht, schließt er bei der Rüstung vom Profit auf die Absicht (→ Korrumpiert).
Verbindungen zu anderen Denkern
- Martin Sonneborn — Gesprächspartner der Buchvorstellung und Mitveranstalter an der Volksbühne. Beide kritisieren eine Parlamentsmehrheit, die abnickt, Bülow aus dem Bundestag, Sonneborn aus Brüssel; beim Thema Rüstung neigen beide dazu, vom Profit auf die Absicht zu schließen.
- Nico Semsrott — Der europäische Gegenbericht über ein Parlament von innen, aus demselben PARTEI-Umfeld. Semsrott setzt auf Transparenz, Bülow auf Kollektiv und Bürgerräte.
- Kevin Kühnert — Ebenfalls ein SPD-Aussteiger, beide nah an Finanzwende und Anne Brorhilker. Kühnert verteidigt den Kompromiss als normal, wo Bülow die Korrumpierung beginnen sieht.
- Ardalan Ibrahim — Er empfahl Bülows letzten Vortrag. Bülow wollte Bürgerräte als Ergänzung des Parlaments und berief sich auf das Grundgesetz; Ibrahim will das Los als Ersatz und misstraut dem geschriebenen Recht.
- Albert Camus — Bülows Leitstern der „permanenten Revolte“: das Nein, das nicht aufhört, „bis hierher und nicht weiter“.
- Jan van Aken — Die Gegenstimme in der Rüstungsfrage: teilt Bülows Zweifel an der Aufrüstung, erkennt aber die Bedrohung durch Russland an, die Bülow ausblendet.
Cortex-Notes
Im Bestand
neun gedachte Verweise