Gedankenraum
DenkerVita·27. September 2026

Philipp Blom — DenkerVita

Philipp Blom liest „Macht euch die Erde untertan“ als Gründungsformel des Westens, erzählt Epochenbrüche bis zur Klimakrise und hält dagegen: Wir sind Natur.

🎨

Künstlerhand: Vilhelm Hammershøi

Warum: Ein Mensch, dessen Revolte „immer nach innen“ ging, in die Bücher und die Geige. Hammershøi malte Räume, in denen die Stille selbst das Thema ist, und ließ die Menschen darin meist weg. Ein leerer Tisch mit einer alten italienischen Geige und einem Bücherstapel, ein abgewandter Stuhl, draußen die grauen Dächer einer alten Stadt. Das Porträt eines Lesers, gemalt aus dem, was er liegen lässt.

Prompt: Wide panoramic banner painted in the manner of Vilhelm Hammershøi — quiet Danish interior, muted grey, pearl white and soft umber palette, still diffuse daylight from a tall window on the left falling across bare wooden floorboards. An empty room with a plain wooden table; on it an old Italian violin lying on its side next to its bow, and a tall uneven stack of worn books, one open. A single empty chair turned slightly away. Through the window, faintly, grey rooftops of an old European city. Soft, silent, contemplative, fine brushwork, no people, no text, no signature.

Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Philipp Blom (22. Januar 1970, Hamburg) — Historiker, Philosoph, Schriftsteller und Journalist, der auf Deutsch und Englisch schreibt. Seine Bücher erzählen Epochenumbrüche: die Aufklärung, Europa vor 1914, die Zwischenkriegszeit, die Kleine Eiszeit, und seit einigen Jahren die Gegenwart.

Studium der Philosophie, Geschichte und Judaistik in Wien und Oxford, Promotion 1996 über die Nietzsche-Rezeption und das Rassendenken im Kulturzionismus. Danach Verlag, Journalismus für englische und deutsche Zeitungen, Radio. Lebt seit 2007 in Wien, moderiert auf Ö1, verheiratet mit der neuseeländischen Historikerin Veronica Buckley.

Wichtigste Werke: Der taumelnde Kontinent (2009), Böse Philosophen (2011), Die Welt aus den Angeln (2017), Die Unterwerfung (2022), Hoffnung (2024), Die strauchelnde Welt (2026) Kernkonzepte: Unterwerfung der Natur, Aufklärung als umetikettierte Theologie, Rauchende-Trümmer-Theorie, neuer Adel, Wir sind Natur


Biografie

Geboren in Hamburg, mit vier Jahren nach Detmold, weil die Mutter dort an der Musikakademie eine Stelle als Sprecherzieherin bekam. Die Mutter war Sängerin, der Vater Dirigent, der Stiefvater später Rechtsanwalt. Die Mutter, Jahrgang 1940, hatte als Kind die Bombardierung Hamburgs und die Flucht erlebt und kam 1948 nach Holland, wo sie als „Feindeskind“ gedemütigt wurde. In der calvinistischen Strenge der Großeltern gab es ein Brot mit Käse und danach ein „Brot mit Zufriedenheit“, trockenes Brot, als Moral. Die Waldorfschule war für sie die große Befreiung, darum schickte sie auch den Sohn hin.

Blom erlebte die Schule anders: gut gemeint und eng. Niemand durfte sitzenbleiben, das Schulorchester übte nicht, weil Üben Wettbewerb wäre, und die Schulbibliothek war abgeschlossen, damit ein Vierzehnjähriger nur altersgemäße Literatur bekam. Er lehnte sich nicht auf. „Meine Revolte ging eigentlich immer nach innen“: in wild und unstrukturiert gelesene Bücher, Philosophie, die er nicht verstand, Romane des 19. Jahrhunderts. Und in die Geige. Mit sechzehn begriff er, dass es für eine Laufbahn als Geiger nicht reicht. „Mir ist das Herz gebrochen“, sagt er, und im selben Atemzug, dass es ihn befreit habe. Die Geige, eine alte italienische, spielt er bis heute; ihr hat er ein eigenes Buch gewidmet.

Zum Studium ging er „so weit wie möglich weg“ nach Wien, in die Stadt von Mahler, Schnitzler und Freud, und vergaß dabei, dass die alle tot waren. Er hatte sich „wild ins Judentum verliebt“, lernte Hebräisch, war im Kibbuz, lernte in einer Jeschiwa Talmud mit einem orthodoxen Rabbiner. Später, in Ostjerusalem, sah er die andere Seite und fuhr nicht wieder hin. Das Wien der frühen Neunziger fand er grau; er wechselte nach Oxford und lernte dort am ersten Abend beim Essen Veronica Buckley kennen, Cellistin, Feministin, Historikerin. Sie war die erste, die von seiner Redegewandtheit unbeeindruckt blieb. „Sie hat mich völlig auseinandergenommen, und das fand ich eigentlich super.“ Erst durch sie, sagt er, sei er politisch geworden.

Die Universität lockte ihn, aber die Hochschule der späten Neunziger, mit Drittmitteln, Impact-Punkten und befristeten Verträgen, schreckte ihn ab. Er arbeitete ein Jahr bei einem Londoner Verlag, veröffentlichte einen ersten Roman und schrieb als freier Journalist für englische Zeitungen über Deutschland und für deutsche über England. Dabei lernte er, dass Zeitungen „Vorurteilsbestätigungsmaschinen“ sind: Eine Geschichte über Nazis platzierte der Guardian groß, eine über Deutschland ohne Nazis ganz unten. Nach London kam Paris, das zu teuer wurde. Mit der Landkarte auf dem Schoß suchte das Paar einen Ort mit bekannter Sprache, bezahlbaren Mieten und gutem Kulturleben und landete 2007 in Wien.

Seither schreibt er die Bücher, die ihn bekannt machten. Unabhängigkeit ist ihm wichtiger als das „ausgelutschte“ Wort Freiheit: kein Arbeitgeber, der ihn morgen entlassen könnte. Er moderiert auf Ö1, sitzt im Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung und im Stiftungsrat des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, hielt 2018 die Festrede der Salzburger Festspiele und erhielt 2026 den Lessing-Preis für Kritik. Seit 2022 erzählt er im Podcast Blomcast von Wendepunkten der Geschichte.


Bücher & Publikationen

TitelJahrWorum es geht
Sammelwunder, Sammelwahn2004Eine Geschichte des Sammelns und der Sammler
Das vernünftige Ungeheuer2005Diderot, d'Alembert und die große Encyclopédie
Der taumelnde Kontinent2009Europa 1900–1914, NDR Kultur Sachbuchpreis
Böse Philosophen2011Der Salon d'Holbach und das vergessene radikale Erbe der Aufklärung
Die zerrissenen Jahre2014Europa und Amerika 1918–1938
Die Welt aus den Angeln2017Die Kleine Eiszeit 1570–1700 und wie sie Europa veränderte
Was auf dem Spiel steht2017Essay über die Gegenwart als Wendepunkt
Eine italienische Reise2018Die Geschichte seiner Geige
Das große Welttheater2020Von der Macht der Vorstellungskraft in Krisenzeiten
Die Unterwerfung2022Anfang und Ende der menschlichen Herrschaft über die Natur
Aufklärung in Zeiten der Verdunkelung2023Essay
Hoffnung2024Über ein kluges Verhältnis zur Welt: Hoffnung als Haltung, nicht als Optimismus
Die strauchelnde Welt2026Eine Globalgeschichte 2001–2014 in vierzehn Probebohrungen

Romane: Luxor (2006), Bei Sturm am Meer (2016), Diebe des Lichts (2021). Auf Englisch u. a. Nature's Mutiny (2019) und mit Veronica Buckley Twilight of the Romanovs (2013).


Empfehlenswerte Videos & Vorträge


Kernthesen

  1. Die Unterwerfung. Macht euch die Erde untertan ist die Gründungsformel des Westens. Sie stammt aus dem babylonischen Umfeld der Bibel, erklärte eine beseelte Welt zu totem Territorium, wurde von Augustinus nach innen gewendet (beherrsche deine eigene Natur) und ordnete alles „Erdnahe“ unter: Frauen, Menschen mit dunkler Haut, die Natur.
  2. Aufklärung als umetikettierte Theologie. Fortschritt ist säkularisierte Heilsgeschichte, Vernunft die neue Seele, der rationale Homo oeconomicus eine theologische Figur. Kapitalismus und Kommunismus teilen dieselbe Herrschaftslogik über die Natur.
  3. Siegen macht dumm. Wachstum war die Antwort auf jeden Fehler; wer so lange gesiegt hat, lernt am schwersten um. Menschen lernen durch dissonante Erfahrungen, kaum durch Argumente (Rauchende-Trümmer-Theorie), und in der Instabilität danach konkurrieren Aktivisten und Faschisten um die Lücke.
  4. Überreichtum zerstört Demokratie. Seit 1980 gehen Produktivität und Löhne auseinander, eine neue Aristokratie spielt nach eigenen Regeln. Die Kulissen der Demokratie stehen, gespielt wird ein anderes Stück. Ausgeloste Bürgerversammlungen können sie ergänzen.
  5. Wir sind Natur. Mit Spinoza (Deus sive natura), dem Mikrobiom und der Systemwissenschaft: Es gibt keinen Ort außerhalb der Natur, von dem aus man sie beherrschen könnte. Die Frage ist, ob wir unseren Metabolismus ändern können wie die Hefe, die ihren Kollaps überlebt.

Politische Einordnung

Links-liberal, säkular-humanistisch, wachstums- und herrschaftskritisch, ohne Parteibindung. Er enttäuscht bewusst beide Seiten: Marxisten sagt er, der Kapitalismus habe Emanzipation und Minderheitenrechte ermöglicht und sozialistische Utopien fänden nie die Menschen, die darin leben können; Marktliberalen sagt er, dass sie einen neuen Adel stützen. Er verurteilte den 7. Oktober als Pogrom, begrüßte die deutsche Staatsräson gegenüber Israel und benannte zugleich die Nakba und das Leid in Gaza. Einen „Ismus“ lehnt er für sich ab: Eine Ideologie sei ein geschlossenes Gebäude mit Wahrheitsanspruch, er suche nur „das beste Argument, das ich finden kann“.

Die Kritik an Die Unterwerfung (Perlentaucher) lobt die Herleitung aus der Genesis als „eindrücklich“ und „augenöffnend“ (FAZ, Deutschlandfunk); die NZZ findet, das Buch werde gegen Ende zum Pamphlet und unterschätze, dass der Mensch eben doch nicht wie jedes andere Tier ist. Spektrum rühmt seine Bilder und hätte die Exkurse gekürzt.


Verbindungen zu anderen Denkern


Cortex-Notes

Im Bestand

Philipp BlomDie UnterwerfungPhilipp BlomDie strauchelnde WeltArdalan IbrahimDenkerVitaAndreas ReckwitzDenkerVitaHartmut RosaDenkerVitaWalther ZieglerAdorno in 60 MinutenGert ScobelDie gefährlichste Frage unseres…Martyna LinartasDenkerVitaTilo WescheRechte der Natur, Eigentum &…Ardalan IbrahimDie Partei für LosdemokratieMichael MossDenkerVita

elf gedachte Verweise

verlinktdieselbe Quelle, nie verlinkt
▶
bei 0:00schließen P