GedankenraumSusan Neiman — Nennen wir es böse
Wer Moral für etwas hält, das nur Idioten glauben, hat schon verloren, bevor er streitet — Susan Neiman über die Ideologie hinter Trump und eine Linke, die sich vor dem Wort Gerechtigkeit fürchtet.
🎨
George Grosz — Grosz hat die Herren mit Zigarre und Eierkopf gemalt, die Stützen der Gesellschaft: gesichtslos, weil sie keine Person brauchen, nur ein Interesse. Genau so sieht eine Ideologie aus, die keiner für eine hält. Oben sitzen sie an der langen Tafel und zählen Münzen, und das kleine rote Herz liegt schon im Eimer, Moral ist für Idioten. Neimans Gegenbild steht darunter: Die Krankenschwester, der Busfahrer und der Straßenfeger tragen mit erhobenen Armen die ganze Decke, und ihre Wohnungen liegen draußen, am Rand der Stadt, die sie am Leben halten. Rohrfeder und dünne Lasur auf vergilbtem Papier, weil die Weimarer Zeichnung den Zynismus nie verharmlost und den Menschen unten trotzdem ihr Gewicht gelassen hat.
Prompt: Wide panoramic banner in the style of George Grosz around 1926, sparse nervous reed-pen line in India ink with thin watercolour washes on yellowed paper. A city at night built like a stage on two floors. On the upper floor, behind glass, a banquet of fat-necked men in tuxedos with cigars, their heads blank and faceless like eggs, piling gold coins and banknotes on a long table; one drops a small red paper heart into a waste basket. The heavy concrete floor of this banquet rests on the raised arms and bent backs of three tired working people below, like caryatids straining under the weight, palms pressed flat against the slab overhead: a nurse in a white cap and apron, a bus driver in a uniform cap with a ticket bag, a street sweeper with his broom leaning against his leg, their faces lowered and shadowed. Far away at the horizon, outside the city, a few small lit windows of their homes. Plain blank walls, no shop signs. Palette of sepia ink, acid pink and bile green above, cool blue and warm lamplight below. No text, no letters, no signature, no date.
Wer Moral für etwas hält, das nur Idioten glauben, hat schon verloren, bevor er streitet. Susan Neiman stellt auf der Frankfurter Buchmesse ihr neues Buch vor und erzählt, wie die Überzeugung „alle wollen nur Macht und Geld“ zur unsichtbaren Ideologie unserer Zeit wurde, und warum Trump ihre logische Folge ist. Ihr Rat an die Linke: Hört auf, euch vor moralischer Sprache zu fürchten, und redet über Gerechtigkeit, wie es Zohran Mamdani in New York tut. In der letzten Viertelstunde geht es um Berlin, den Wahlsieg der Linken und die Antisemitismus-Debatte darum. Dort widerspricht ihr die taz-Chefredakteurin Ulrike Winkelmann deutlich, und das Gespräch wird zum Streit.
Quelle: Nennen wir es böse – ein taz Talk mit Susan Neiman auf der Frankfurter Buchmesse (taz, 10.10.2026, 51 Min.) · Buch: Susan Neiman, Nennen wir es böse. Die Politik unserer Zeit verstehen (Hanser Berlin 2026, übersetzt von Michaela Grabinger)
Susan Neiman (1955, Atlanta) — Moralphilosophin mit amerikanischem, israelischem und deutschem Pass. Sie wuchs im segregierten Süden auf, verließ mit vierzehn die Schule, promovierte später in Harvard bei John Rawls und Stanley Cavell und lehrte in Yale und Tel Aviv. Von 2000 bis Juni 2026 leitete sie das Einstein Forum in Potsdam; seit 1982 lebt sie mit Unterbrechungen in Berlin und zieht nun nach New York. Ihr Hauptwerk Das Böse denken (2002) erzählt die Philosophiegeschichte als Ringen mit dem Bösen; Nennen wir es böse (2026, im Original Call It Evil) wendet die Frage auf die Trump-Ära an. Sie sitzt in der Grundwertekommission der SPD und streitet seit Jahren gegen die deutsche Israelpolitik.
Im Gespräch mit Ulrike Winkelmann, einer der drei Chefredakteurinnen der taz, früher Parlamentskorrespondentin und Deutschlandfunk-Redakteurin. Sie widerspricht Neiman zweimal offen. → DenkerVita
Ein Wort für Taten, nicht für Menschen
1:59 — Ulrike Winkelmann liest zum Auftakt eine Stelle aus dem ersten Kapitel vor. Das Wort böse markiere eine Grenze. Ein Verbrechen lasse sich in unsere übrige Erfahrung einfügen, es gibt Verfahren dafür. Einer bösen Tat dagegen spricht man genau das ab, sie bedroht das Vertrauen in die Welt, das wir zum Leben brauchen. „Böse sagt man, wenn die Gesichtszüge entgleiten.“
Neiman grenzt zuerst ein2:45. Sie benutzt das Wort nicht für Menschen. Ob einer böse ist oder nur ein Schuft, interessiert sie nicht. Sie wendet es auf Handlungen an und vor allem auf Ideen:
„In diesem Buch ging es mir genau um die Ideen, in denen wir schwimmen, die dazu geführt haben, dass Menschen wie Trump trotz aller Verbrechen, die sonnenklar sind, wiedergewählt werden konnten.“3:33
Im Gespräch — 3:33
Das ist eine bemerkenswerte Verschiebung für jemanden, der vor über zwanzig Jahren mit Das Böse denken das Standardwerk zur Geschichte des Begriffs geschrieben hat. Damals ging es um Lissabon und Auschwitz, um die Frage, wie eine Welt mit solchen Ereignissen noch verständlich bleiben kann. Jetzt geht es um etwas Leiseres: um Annahmen, die so selbstverständlich geworden sind, dass niemand sie mehr bemerkt. Winkelmann bringt die Kernidee auf eine Zeile, die Neiman Trump und seinem Umfeld zuschreibt: Moralvorstellungen seien etwas für Idioten, die nicht einmal merken, dass sie reingelegt werden. „Ja, das ist es“, sagt Neiman4:18. Und sie fügt etwas hinzu, das im Saal einer deutschen Buchmesse nicht nur Beifall erntet. In Deutschland sei diese Haltung noch präsenter als anderswo, moralisch sei hier ein Schimpfwort, Gutmensch ein Ausdruck der Verachtung.
Die Ideologie, die keiner für eine hält
5:04 — Neu ist der Gedanke nicht. Neiman findet ihn zuerst bei Platon, im Mund des Sophisten Thrasymachos, gleich am Anfang der Politeia: Alle seien nur auf Macht aus, und wer glaube, die Herrschenden täten etwas für das Wohl des Staates, sei ein Kind und brauche eine Amme. Aber in den letzten gut hundert Jahren habe die Idee Fahrt aufgenommen, und Neiman sieht dafür drei Quellen.
Die erste ist ein verkürzter Adam Smith5:52. Der Metzger, der Brauer und der Bäcker bereiten uns das Abendessen nicht aus Wohlwollen, sondern aus Eigeninteresse, das ist sein berühmtester Satz. Dagegen sei nichts zu sagen. Daraus zu schließen, alles, was wir tun, entspringe dem Trieb nach Macht und Geld, sei ein Trugschluss. Und doch habe man genau diese eine Stelle genommen und zum Wesen menschlichen Verhaltens erklärt. Wer anders zu handeln behauptet, gilt seither als Betrüger oder als naiv.
Die zweite Quelle ist ein verzerrter Darwin, der nach dem Ende des Kalten Krieges in der Evolutionspsychologie einen Gipfel erreichte7:28. Philosophen haben immer über die menschliche Natur spekuliert, weil daraus so viel folgt. Hobbes sah im Menschen einen Wolf und in einem absoluten Herrscher die einzige Rettung. Aber dann kamen Ökonomie und Evolutionsbiologie, und plötzlich hieß es: Das ist jetzt Wissenschaft. Neimans Einwand ist trocken. Kaum jemand frage, woher wir eigentlich wissen sollen, was unsere Vorfahren vor 200.000 Jahren gedacht haben. Ein Archäologe, der nicht von der Evolutionspsychologie geblendet sei, werde sagen: so gut wie nichts. Knochenreste, Scherben. Die vorsichtigen Gegenbücher seien lang und akademisch, darum lese man in der Zeitung jeden Tag Sätze wie „er hat so gehandelt, weil der Mensch seit 200.000 Jahren so handelt“, und das klingt wie Wissenschaft9:50.
Die dritte Quelle ist Michel Foucault mit der Idee, dass Wissen Macht ist und alles Macht ist, dass man nie aus der Macht herauskommt10:38. Sie vereinfache, sagt sie selbst, das ausführliche Argument stehe in Links ≠ woke. Dann kommt der Satz, der den Abend trägt:
„Eine Ideologie ist das Maß von Banalitäten, die wir annehmen, ohne sie infrage zu stellen und ohne uns klarzumachen, dass es wirklich philosophische Behauptungen sind.“11:24
Im Gespräch — 11:24
Man muss nie eine Zeile Ökonomie, Evolutionsbiologie oder Foucault gelesen haben, um in dieser Ideologie zu schwimmen. Ideologien, so glaubt man, sind etwas für Kommunisten. Das Bittere an Neimans Diagnose ist, wen sie am härtesten trifft: gerade die Reflektierten, die sich zu Recht Sorgen über den Missbrauch moralischer Behauptungen machen. Ihr Misstrauen ist ehrenwert, und es lähmt sie im entscheidenden Moment, wenn es darum ginge, klar zu sagen: Das ist böse, was da geschieht12:10.
Neiman nennt die Evolutionspsychologie Spekulation im Kittel der Wissenschaft. Aber auch die These, Menschen seien von Natur aus kooperativ, beruft sich auf dieselbe Vorgeschichte. Lässt sich die Frage nach der menschlichen Natur überhaupt ohne Ideologie stellen, oder ist schon die Frage Teil des Problems?
Wie der Eigennutz vernünftig wurde
12:56 — Winkelmann hat das Buch gründlich gelesen und gibt dem Homo oeconomicus eine faire Vorgeschichte. Der berechnende, nur auf den eigenen Vorteil bedachte Mensch sei im 19. Jahrhundert eine vernünftige Alternative gewesen zu dem, was vorher herrschte: zum Adel, der Ehre und Ruhm jagte, zur Willkür neigte und bizarre Blüten trieb. Der Bürger war berechenbar.
Neiman stimmt zu und nennt ihren Gewährsmann, den Ökonomen Albert Hirschman15:57. In Leidenschaften und Interessen hat er gezeigt, wie Denker des 17. und 18. Jahrhunderts das Interesse als Zügel für die gefährlichen Leidenschaften entdeckten. Wer handelt, duelliert sich nicht. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts waren Duelle normale Praxis, und eine Welt, die ihre Konflikte über Geschäfte statt über Degen austrägt, wäre ein Fortschritt gewesen. Dann erwähnt sie eine Beobachtung, die sie der Soziologin Eva Illouz zuschreibt: Die ersten Großfabrikanten hätten Anfang des 20. Jahrhunderts Ratgeber benutzt, um ihren Arbeitern das Denken in Eigeninteresse überhaupt erst beizubringen17:29. Der Homo oeconomicus musste erzogen werden. (Faktencheck: Bei Illouz ist dieser Befund nicht zu finden; ihre Managementratgeber lehrten emotionale Selbststeuerung. Die These vom erlernten Erwerbsinteresse ist klassisch Max Weber, dessen Akkordarbeiter auf höheren Lohn mit weniger Arbeit antworteten.)
Ihr schönster Beleg kommt aus der Literatur. Wer einen großen Roman des 19. Jahrhunderts gelesen hat, Tolstoi oder George Eliot, weiß, dass man damals von gemischten Motiven ausging. Natürlich handeln wir manchmal aus Eigennutz. Aber es war völlig rational zu sagen: Er hat es getan, weil es richtig war. Die großen Schriftsteller fragten dann weiter, ob es wirklich richtig war, ob er sich getäuscht oder geblendet hat18:15. Niemand dachte, man müsse die Vielfalt menschlicher Motive auf eine einzige reduzieren. Das kam erst mit der Rational-Choice-Theorie, die nach Neiman in den 1950er-Jahren durch alle Sozialwissenschaften zog, getrieben von der Angst vor dem Atomkrieg. Das Buch dazu, How Reason Almost Lost Its Mind, gibt es leider nur auf Englisch.
Hier verheddert sich das Gespräch für eine Minute auf charmante Weise. Wie heißt Rational Choice Theory auf Deutsch? „Theorie der vernünftigen Wahl“, schlägt Winkelmann vor, dann „Nutzenmaximierung“, dann „ökonomischer Ansatz“. Neiman lehnt alles ab, das sei etwas anderes, und gesteht, dass sie die Übersetzung ihres eigenen Buchs gelesen und sogar korrigiert, sie aber in New York wieder vergessen habe19:48. Am Ende einigt man sich darauf, dass man es auch auf Deutsch meist englisch sagt. Die kleine Szene passt zum Argument: Gerade die Begriffe, die unser Denken am stärksten formen, sind uns so vertraut, dass wir sie nicht einmal übersetzen.
Trumps Ehrlichkeit
20:33 — Winkelmann spitzt zu. Was Beobachter an Trump fasziniere, sei, dass seine Anhänger sich am ständigen Lügen nicht stören. Sie rechnen ihm an, dass er über seine Motive vollkommen authentisch ist. Er will Geld und Macht und sagt es. Darin stecke eine Botschaft an die andere Seite: Die Demokraten hätten ihre Leute so oft enttäuscht, dass der offen bekannte Eigennutz höher gewichtet werde als der Versuch, etwas Gutes in die Welt zu stellen.
„Das ist richtig“, sagt Neiman, und sie nennt einen Schurken, der ihrer Ansicht nach zu Unrecht vergessen wurde, weil sein Nachfolger so vulgär ist: George W. Bush21:20. Sein Krieg gegen den Irak, geführt mit Worten wie moralische Klarheit, habe dem Moralbegriff den letzten Stoß gegeben. Der Krieg war weder moralisch noch klar, und das wissen inzwischen die meisten Amerikaner. Das ist eine bittere Pointe für eine Philosophin, die 2008 selbst ein Buch mit dem Titel Moralische Klarheit geschrieben hat, und Sherlock hat eine zweite gefunden: In seiner Rede in West Point sagte Bush 2002, Amerika werde „call evil by its name“. Das ist fast wörtlich der Originaltitel ihres neuen Buchs, Call It Evil. Der Missbrauch eines Wortes beschädigt es auch für die, die es ehrlich meinen. Wer nach Bush „moralisch“ sagte, klang nach Bush.
Daraus folgt eine unbequeme Asymmetrie. Wer gar keine Moral beansprucht, kann auch nicht als Heuchler entlarvt werden. Trump ist in diesem Sinn unangreifbar, weil er nie vorgab, besser zu sein. Die Demokraten dagegen stehen bei jedem gebrochenen Versprechen als Heuchler da. Neimans Gegenmittel ist nicht weniger Moral, sondern glaubwürdigere.
Wenn der offen bekannte Eigennutz als Ehrlichkeit belohnt wird: Ist dann Heuchelei, wie La Rochefoucauld meinte, die Verbeugung des Lasters vor der Tugend, und was verliert eine Gesellschaft, wenn selbst diese Verbeugung wegfällt?
Mehr Netto vom Brutto
22:50 — Warum soll die Linke ihren Skrupel gegen moralische Kategorien ablegen? Neimans Antwort ist strategisch und kurz:
„Weil die Rechte überhaupt keine Scheu hat, damit zu operieren. Und wenn wir selber Angst davor haben, lassen wir die stärksten Waffen, die wir in der Sprache haben, in den Händen derjenigen, die keine Skrupel haben.“23:37
Hören — 23:37
Dann erzählt sie zwei Anekdoten, die mehr sagen als jede Wahlanalyse. Auf mehreren SPD-Veranstaltungen habe ihr jemand erklärt, die eigene Botschaft solle „mehr Netto vom Brutto“ sein. „Da feuert man niemanden an“24:23. Bei den österreichischen Sozialdemokraten fragte sie einen altgedienten Genossen, der in die Fabriken geht, womit er die Leute zur Europawahl bewegen wolle. Er sei gerade in einer Elektrofabrik gewesen und habe vom Vorteil gesprochen, dass in Europa alle Stecker gleich sind. „Damit bringt man jemanden zum Aufstehen an einem Sonntag“25:08. Der Saal lacht, und das Lachen ist ein Teil des Befunds. Der Genosse hat recht mit seinem Stecker, und doch geht keiner deswegen wählen. Es fehlt an Visionen, sagt Neiman, und das liege an der Angst vor einer Sprache, die Menschen etwas abverlangt.
Was in New York anders läuft
25:55 — Neiman wohnt inzwischen in New York, und dort sieht sie eine Kehrtwende, die ihr Hoffnung macht. In der deutschen Berichterstattung komme oft nicht an, dass es bei Zohran Mamdanis Wahl nicht um billige Sandwiches oder billigeren Wohnraum gegangen sei. Das Wort Bezahlbarkeit liege nahe, aber wenn Mamdani über Bezahlbarkeit rede, rede er zugleich über Ungerechtigkeit:
„Dass die Menschen, die New York am Leben halten, die Krankenschwestern und die Busfahrer und die Straßenfeger, nicht in der Lage sind, in der Stadt zu wohnen, die sie am Leben halten. Und das ist immer sein Argument, das Argument um Gerechtigkeit.“26:41
Im Gespräch — 26:41
Der Unterschied zu „mehr Netto vom Brutto“ ist klein in der Sache und groß in der Wirkung. Beide reden über Geld. Der eine redet über das Geld des Einzelnen, der andere über die Würde derer, ohne die nichts läuft. Dazu kommt etwas, das man „in diesem Land leider nicht ansprechen darf“: Mamdanis Haltung zum Gaza-Krieg27:26. Dass er Gaza einen Genozid nennt, hätte ihn ruinieren sollen, in der Stadt mit der größten jüdischen Bevölkerung der Welt. Stattdessen hätten viele jüdische New Yorker für ihn gestimmt, laut Nachwahlbefragung ein Drittel, trotz extrem viel schlechter Presse und sehr viel Geld gegen ihn. Hunderttausend Menschen engagierten sich, auch weil sie dachten: Wer bei einem Prinzip nicht nachgibt, obwohl alle es für politischen Selbstmord halten, bleibt vielleicht auch bei anderen Prinzipien treu28:57.
Darin liegt ihr New-York-Argument, und es reicht über Gaza hinaus. Wir alle wissen, wie Politiker handeln, wenn Eigenvorteil und Prinzip auseinanderfallen. Ein Politiker, der einmal anders handelt, durchbricht die Ideologie aus dem ersten Teil des Abends, praktisch statt theoretisch. Er beweist, dass es das gibt: jemanden, der es tut, weil es richtig ist. Inzwischen kandidierten Sozialisten in Michigan, Colorado und selbst in Florida, und man warte gespannt auf die Midterms im November29:44.
Gerechtigkeit ist das Gegenteil von böse
30:30 — Winkelmann hakt an der richtigen Stelle ein. Reden über Gerechtigkeit sei doch etwas anderes als moralisches Reden. In der Linken sei das moralische Argument aus gutem Grund verpönt: Es sind meist die Konservativen, die auf Moral ausweichen, wenn sie die Verhältnisse nicht ändern wollen. Das Schulsystem ist ungerecht, aber die Nicht-Akademiker sollen ihre Kinder halt besser erziehen. Die Lebensmittelindustrie ist übermächtig, aber die Übergewichtigen sollen halt Disziplin walten lassen31:16. Das linke Argument sei immer: Verhältnisse ändern, Gesetze ändern, an die Verursacher heran.
Das ist der stärkste Einwand des Abends, und Neiman beantwortet ihn mit einem Satz:
„Gerechtigkeit ist für mich der Moralbegriff überhaupt. Das Gegenteil von Böse ist Gerechtigkeit.“32:01
Hören — 32:01
Damit verschiebt sie die Moral vom Individuum auf die Verhältnisse. Winkelmanns konservative Moral ist die Moral des Appells an den Einzelnen; Neimans Moral ist die von Rawls, bei dem sie promoviert hat, und für den Gerechtigkeit die erste Tugend sozialer Institutionen ist. Der Streit zwischen den beiden ist darum ein Streit um ein Wort, der eine echte Sache verdeckt: Die Linke hat recht, sich vor der Moral der Ermahnung zu hüten, und Neiman hat recht, dass sie damit auch die Moral der Empörung über Unrecht verloren hat. Natürlich gehe es nicht nur um andere Worte, sagt Neiman, sondern um systemisches Arbeiten. Aber man müsse mit einer Vision von einer gerechteren Gesellschaft antreten. Bei der SPD sehe sie das nicht.
Winkelmann fürchtet die Moral, die den Einzelnen ermahnt; Neiman vermisst die Moral, die Unrecht beim Namen nennt. Kann eine Partei die eine haben, ohne in die andere zu rutschen, und woran merkt man, dass die Empörung über Verhältnisse in Ermahnung von Menschen umschlägt?
Die deutsche Angst vor Charisma
33:34 — Nach ihrer ersten deutschen Lesung im September in Hamburg habe ein Zuhörer gesagt, sie habe das schlimmste Bild von Amerika bestätigt. Wo sie denn Hoffnung sehe? In New York, sagte Neiman, sie ziehe gerade dorthin. „Ach, Mamdani“, kam zurück, „aber wir Deutschen haben Angst vor Charisma.“
„Ich weiß“, habe sie geantwortet, „ich weiß auch genau warum.“ Sie hat sich lange mit der deutschen Vergangenheitsaufarbeitung beschäftigt, Von den Deutschen lernen handelt davon. Sie erinnert daran, wie deutsche Zeitschriften über Obama schrieben: Man wisse ja, was aus gefüllten Stadien mit Menschen wird, die „Yes we can“ schreien34:19. Was aus Obama, dem Neoliberalismus und der Finanzkrise geworden sei, stehe auf einem anderen Blatt. Aber man müsse keine Angst davor haben, Menschen anzuziehen. Aus der Ferne glaubt sie, dass genau dies ein Teil des AfD-Sieges in Sachsen-Anhalt war, wo die Partei am 6. September auf 43,8 Prozent kam: das charismatische Element, das Wir-Gefühl, das Fröhliche35:05.
Hier liegt eine echte Zwickmühle der Bundesrepublik. Das Misstrauen gegen Massenbegeisterung ist eine der Lehren aus 1933, und es ist eine richtige Lehre. Aber eine Lehre, die nur den Demokraten die Begeisterung verbietet, überlässt sie den anderen. Die AfD hat dieses Misstrauen nie geteilt.
Berlin und die Frage, wer da eigentlich geschützt wird
35:52 — Dann kommt Winkelmann auf Berlin. Neiman hat lange in Neukölln gewohnt, ob sie die Wohnung aufgibt? „Noch nicht. Kommt drauf an, was 28 in den USA passiert.“ Die Linke hat die Abgeordnetenhauswahl am 20. September mit 25,7 Prozent gewonnen und kann als stärkste Kraft koalieren, wenn die Gespräche gelingen. Welche Rolle spielten das moralische Argument und Gaza?
Neiman weiß, ohne Namen zu nennen, ein wenig von hinter den Kulissen36:39. Die Berliner Linke habe auf Mamdani geschaut und nach seinem Sieg Leonard Cohen zitiert: „First we take Manhattan, then we take Berlin.“ Sie habe Leute aus der Mamdani-Kampagne um Rat gefragt, wie man mit dem Thema Gaza und Judentum umgehen soll. Der Rat: offen über internationale Gerechtigkeit und Menschenrecht sprechen, aber das Thema nicht in den Vordergrund stellen. Viele Juden in Berlin seien arm und litten unter Altersarmut, und zu glauben, Juden dächten nur an Antisemitismus, sei ein Fehler37:26. Sie erzählt von ihrer Tochter, Sozialarbeiterin in Berlin, die Überstunden macht, die nicht bezahlt werden, und deren Miete nur bezahlbar ist, weil der Vertrag sechzehn Jahre alt ist. Und von einem Linken, der ihr am selben Mittag gesagt habe, beide Großväter seien in der SS gewesen, und was er daraus gelernt habe: Wenn Deutsche über Antisemitismus reden, reden sie eigentlich immer über sich selbst38:56.
Dann ein Bekenntnis. Sie habe die Linke zum ersten Mal gewählt, davor immer SPD, „gerade weil sie die einzige deutsche Partei sind, die den Mut hatte, dieses Tabu ein bisschen zu brechen“39:41. Zwischen 75 und 80 Prozent der Deutschen seien gegen die deutsche Israelpolitik, und nach jedem Vortrag kämen Leute flüsternd zu ihr: Sie dürfen das sagen, weil Sie Jüdin sind, ich darf es nicht. Ihrer Freundin Eva Menasse gehe es genauso.
Winkelmann widerspricht zum ersten Mal40:28. Mit dem Fortgang des Krieges sei doch überdeutlich geworden, dass in Gaza jedes Maß gesprengt wurde, auch für Nichtlinke. Die Kritik an der israelischen Regierung sei inzwischen universell. „Das hätte ich gedacht“, antwortet Neiman, „aber dann erzählen Sie mir, warum es so einen Skandal in Berlin gibt.“ Winkelmann nennt den Anlass: zwielichtige Gestalten auf der Wahlparty der Linken. Und Neiman antwortet mit einem einzigen Namen41:13:
„Ich sag also ein Wort: Hubert Aiwanger.“
Im Gespräch — 41:13
Hat irgendjemand ihn wegen des antisemitischen Flugblatts aus seiner Schulzeit aus der Koalition geworfen? Winkelmann hält dagegen, die taz habe das verlangt, es habe einen moralischen Aufschrei gegeben. „Kurz, sehr kurz“, sagt Neiman, „und er ist im Amt geblieben, und niemand redet mehr darüber“41:59. Der Zentralrat der Juden, der der Union nahestehe, mache sich keine Sorgen um Aiwanger in einer Koalition, sage aber, eine Koalition mit der Linken sei eine große Gefahr für Juden in Deutschland. Dazu ein neues Beispiel: CDU und AfD wollten in einem Ort Stolpersteine verbieten, und niemand rüge die CDU dafür (Faktencheck: gemeint ist Heidenau in Sachsen; die CDU-Bundesministerin Karin Prien nannte den Beschluss „einen Skandal“)42:44. Winkelmann: Doch, es gebe eine Debatte. Neiman: Aber nicht mit der Wucht und Prominenz wie jetzt in Berlin. Sie wundere sich über die Politiker, die vor ein paar Tagen einen Aufruf gegen die Koalition unterschrieben haben, den „Berliner Appell für Verantwortung“ mit Erstunterzeichnern von Wolfgang Thierse über Joschka Fischer bis Peter Altmaier, und dass sie nicht verstehen, wem das nützt: der AfD43:29.
„Dass ein paar berüchtigte Menschen uneingeladen auf eine Wahlparty gekommen sind, ist eine Gefahr für alle Juden in Deutschland. Ich bitte.“44:14
Im Gespräch — 44:14
Die Asymmetrie, die Neiman beklagt, lässt sich messen, und diese Seite hat sie gemessen. In der Spur Duldet die Linke Antisemitismus? betraf in der Woche nach dem Berliner Wahlsieg fast jeder dritte Bericht über die Linke den Antisemitismus. In der Woche nach dem AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt war es bei der AfD jeder fünfzigste, obwohl deren Wähler beim klassischen Antisemitismus und bei der Schuldabwehr weit vorn liegen. Dass der Vorwurf auch als Waffe dient, ist belegt: Unionsländer drohten Berlin mit Geldentzug, der Kanal des Wirtschaftsministeriums verbreitete ein Video gegen die Linke. Über 230 Berliner Jüdinnen und Juden haben in einem offenen Brief der Behauptung widersprochen, die Linke sei gefährlich für Juden. Neiman hat ihn selbst unterschrieben, was sie an diesem Nachmittag nicht erwähnt. So weit trägt ihr Zorn.
Was ihre Formel vom Partybesuch weglässt, ist eine ganze Kette. Der Zentralrat berief sich zuerst auf den Auftritt des Rappers Dahabflex auf einer Wahlkampfbühne der Neuköllner Linken, mit „Death to the IDF“ und „Yalla Yalla Intifada“; dazu läuft ein Ermittlungsverfahren. Auf der Wahlparty war neben dem Clan-Chef Issa Remmo, der laut Eralp nicht eingeladen war und weggeschickt wurde, Ibrahim Ibrahim, der den Hamas-Führer Jahia Sinwar einen „Märtyrerhelden“ genannt hatte und seit Jahren im Umfeld der Neuköllner Linken auftaucht. Ein Bundestagsabgeordneter und eine neu gewählte Abgeordnete ließen sich mit ihm fotografieren. Davor lagen ein Kiezfest mit einem Komitee, das der Verfassungsschutz als Plattform von PFLP und Hamas einstuft, und eine Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft Palästinasolidarität, die die Befreiung Palästinas erst vollendet sieht, wenn Tel Aviv in palästinensischer Hand ist. Kritik daran kam auch aus der eigenen Partei, von Petra Pau und Katharina König-Preuss. Josef Schuster sprach von einer Gefahr für „das jüdische Leben in der Hauptstadt“, Neiman macht daraus eine Gefahr „für alle Juden in Deutschland“, und das verschärft die Warnung, die sie verspottet.
Die Partei als Ganzes ist nach keiner der beiden gängigen Definitionen antisemitisch. Ihr Berliner Landesverband lässt aber vieles ohne Folgen; erst unter dem Druck von SPD und Grünen kam am 8. Oktober ein Papier mit Sanktionen zustande, das Schuster für unzureichend hält. Neimans Asymmetrie und Sascha Chaimowicz' Sorge im Presseclub können darum zugleich stimmen. Der Forde-Bericht hat das für die britische Labour Party in einem Satz gesagt: Der Vorwurf kann als Waffe dienen und trotzdem zutreffen.
Schützt das die Juden? Der Widerspruch
44:14 — Und noch ein Punkt, „der mir wirklich wichtig ist“. Alle diese Maßnahmen seien seit Jahren dafür da, Juden in Deutschland zu schützen. Es gebe Antisemitismusbeauftragte mit Büros, Mitarbeitern und Programmen, und es gebe trotzdem steigenden Antisemitismus. Sie lebe mit Unterbrechungen seit 1982 in Deutschland und habe Antisemiten aus allen Parteien und allen Schichten kennengelernt45:00. Dann der Satz, auf den sie zugesteuert hat:
„Wenn man Juden, eine kleine Minderheit, heraussucht und sagt, die müssen wir schützen, aber andere Minderheiten nicht, die sind gefährlich, die sind alle Terroristen, die sind dunkel, die gehören nicht zu uns — glaubt man, dass das wirklich Juden beschützt? Ganz im Gegenteil.“45:45
Hören — 45:45
Hier widerspricht Winkelmann zum zweiten Mal, und schärfer. Sie würde die vielen ehrenwerten Initiativen und Institutionen im Kampf gegen Antisemitismus nicht für den Antisemitismus haftbar machen, den es gibt. Ob Neiman denn kein Problem mit steigendem Antisemitismus in Deutschland sehe46:30? Neimans Antwort: Antisemitismus steige überall auf der Welt, aus zwei Gründen. Israel werde von einer Koalition regiert, deren Mitglieder sich zum Teil stolz Faschisten nennen, und auch wer die deutschen Nachrichten nicht verfolge, sehe Videos von brennenden Kindern auf dem Handy. Sie empfiehlt einen „kurzen, aber schrecklichen“ Film, der bald im SWR laufe, gemeint ist Naza von Yuval Abraham und Rachel Szor: Wer je gezweifelt habe, ob es Absicht sei, könne dort sehen, „das ist ein Genozid“47:15. Der zweite Grund: Netanjahu und andere schrien, jeder Kritiker sei Antisemit. Die IHRA-Definition, die diese Gleichsetzung festschreibe, komme aus Israel, sagt die Israelin Neiman, und werde vor allem von rechtslastigen Regierungen übernommen. Wer wenig Geschichte kenne und keine Juden, der höre, dieser Staat stehe für alle Juden, und dem könne man kaum vorwerfen, wenn er aus diesem Krieg antisemitischer herauskomme48:02.
Winkelmann: Es müsse doch möglich sein, Antisemitismus weiter zu kritisieren, ohne in dasselbe Lager geworfen zu werden. Neiman, fast empört: „Natürlich ist es möglich, gegen Antisemitismus zu arbeiten. Soll ich für Antisemitismus sein? Ich bin Jüdin.“ Winkelmann bleibt dabei49:34: „Ich möchte Ihnen da widersprechen. Ich glaube, es ist notwendig, in Deutschland weiter auch Institutionen gegen Antisemitismus zu haben.“ — „Welche Institutionen? Das ist die Frage.“ — „Wir brauchen vielleicht bessere.“ Auf diesen Satz können sich beide einigen, und das Gespräch ist an dieser Stelle ehrlicher als die meisten Talkshows zum Thema, weil hier zwei Menschen streiten, die auf derselben Seite stehen wollen.
Was in diesem Wortwechsel fehlt, fehlt auf beiden Stühlen: der 7. Oktober. Mehr als die Hälfte der antisemitischen Vorfälle, die die Meldestelle RIAS für 2023 zählte, fiel in die Wochen nach dem Massaker der Hamas mit rund 1.200 Toten und 251 Geiseln, also bevor Israels Krieg in Gaza sein ganzes Ausmaß hatte. Die Polizeistatistik für 2025 ordnet die meisten antisemitischen Straftaten weiter rechts ein (3.056), vor „ausländischer Ideologie“ (2.239); mit Israels Regierung haben viele davon nichts zu tun. Neimans Erklärung trifft einen Teil des Anstiegs, nicht den ganzen. Auch die IHRA-Definition kommt nicht aus Israel. Sie entstand 2005 als Arbeitsdefinition der EU-Beobachtungsstelle, maßgeblich geschrieben von dem Amerikaner Kenneth Stern, und Stern warnt heute selbst davor, sie gegen Kritik an Israel zu wenden. In der Sache steht Neiman ihrem Verfasser näher, als ihr Satz vermuten lässt.
Ihre heikelste Stelle bleibt die, an der sie niemandem vorwerfen will, der „aus diesem Krieg antisemitischer wird“. Winkelmann widerspricht genau dort, und sie hat recht damit. Zu verstehen, woher ein Ressentiment kommt, entschuldigt es noch nicht. Die Palästinenser in Gaza sind Opfer zweier Kräfte, einer Armee, die jedes Maß gesprengt hat, und einer Hamas, die ihren Tod einkalkuliert hat. Wer aus dem einen Leid einen Groll gegen Juden macht, die mit beidem nichts zu tun haben, wiederholt das Muster, gegen das Neiman ihr Leben lang geschrieben hat.
Neiman sagt, wer Juden schützt und andere Minderheiten verdächtigt, schützt keine Juden. Winkelmann sagt, ohne Institutionen gegen Antisemitismus gehe es nicht. Was müsste eine bessere Institution tun, damit beide Sätze zugleich wahr sein können?
Abtrünnig
50:20 — Ganz am Ende fragt Winkelmann, ob Neiman in den linken Parteien, die SPD eingeschlossen, in deren Grundwertekommission sie sitzt, Ansätze für ein moralisches Sprechen über Gerechtigkeit sehe, das Menschen auf einen anderen Pfad als den der AfD mitnimmt. Bei einigen Leuten in der SPD, sagt Neiman, die in der Führung zu wenig gehört würden, und bei einigen in der Linken, „und deshalb habe ich dieses Jahr die Linke gewählt“. Weiß das die Grundwertekommission schon? Sie habe es Gesine Schwan gesagt, als die sie wieder in der Kommission haben wollte. „Gesine, diesmal stimme ich für die Linke.“ — „Okay, ich will dich trotzdem drin haben.“50:20
„Sie sind abtrünnig“, sagt Winkelmann zum Abschied, und der Saal lacht. In der kleinen Szene steckt mehr Hoffnung als in manchem Programm: eine Kommission, die eine Abtrünnige behalten will, weil sie ihr etwas zu sagen hat.
Nachbesprechung
Zwei Gedanken des Nachmittags reichen über Buchmesse und Berlin hinaus. Hier steht, was man darüber weiß.
Ist der Mensch ein Homo oeconomicus?
Neiman behauptet zweierlei: Der reine Eigennutz ist eine Ideologie, und er musste erst gelernt werden. Beides lässt sich im Labor prüfen, und seit dreißig Jahren wird es dort geprüft. Im Diktatorspiel bekommt jemand Geld und darf alles behalten, niemand kann ihn dafür strafen. Über 616 Versuchsreihen mit gut 41.000 Teilnehmenden geben Menschen trotzdem im Schnitt 28 Prozent ab, Studierende weniger als alle anderen (Engel 2011, doi:10.1007/s10683-011-9283-7, Meta-Analyse). Ein Team um Joseph Henrich trug solche Spiele in 15 kleine Gesellschaften von Amazonien bis Papua-Neuguinea. Das Eigennutz-Modell versagte in jeder, aber die Angebote schwankten stark, von 26 Prozent bei den Machiguenga bis 58 Prozent bei den Walfängern von Lamalera, und sie folgten dem Alltag. Wo man gemeinsam jagt und viel über Märkte tauscht, wurde mehr geteilt (Henrich et al. 2005, doi:10.1017/S0140525X05000142, große Vergleichsstudie). Das stützt Neiman, dass Fairness gelernt ist. Es widerspricht ihr, wo sie dem Markt das Erziehen zum Egoismus zutraut: Mehr Marktintegration ging mit mehr Fairness einher (Henrich et al. 2010, doi:10.1126/science.1182238), was eher zu Hirschmans sanftem Handel passt, den sie selbst zitiert.
Wie man Fairness verlernt, zeigt die Forschung zur Verdrängung. In zehn Kindertagesstätten in Haifa wurde eine Geldstrafe für Eltern eingeführt, die ihre Kinder zu spät abholten. Danach kamen mehr Eltern zu spät, und als die Strafe wieder fiel, blieben sie dabei (Gneezy & Rustichini 2000, doi:10.1086/468061, Feldexperiment). Aus einer Pflicht war ein Preis geworden. Samuel Bowles hat fünfzig solcher Experimente gesichtet: Anreize, die für Egoisten gebaut sind, schwächen oft die Motive, die vorher getragen haben (Bowles & Polanía-Reyes 2012, doi:10.1257/jel.50.2.368, Übersichtsarbeit). Ob das Ökonomiestudium selbst egoistisch macht, ist offener. Ökonomen spielen eigennütziger (Frank, Gilovich & Regan 1993, doi:10.1257/jep.7.2.159), doch in Zürich gaben die Ökonomiestudenten schon im ersten Semester weniger an die Sozialfonds und wurden im Studium nicht geiziger (Frey & Meier 2003, doi:10.1093/ei/cbg020). Wer das Fach wählt, bringt die Haltung offenbar oft mit.
Bei der Evolutionspsychologie überzieht Neiman. Der Einwand gegen Erklärungen, die sich jede Anpassung im Nachhinein zurechtlegen, ist alt und berechtigt (Gould & Lewontin 1979, doi:10.1098/rspb.1979.0086), und auch Evolutionsbiologen werfen dem Fach ein zu starres Bild der Steinzeit vor (Bolhuis et al. 2011, doi:10.1371/journal.pbio.1001109). Doch seit Trivers handelt die Evolutionsforschung vor allem davon, wie Kooperation entstehen kann: unter Verwandten, durch Gegenseitigkeit, durch Ruf (Nowak 2006, doi:10.1126/science.1133755, Übersichtsarbeit). Das „egoistische Gen“ war eine Metapher über Vererbung, keine Psychologie. Ganz so stumm ist die Vorzeit auch nicht. Achtzehn Monate alte Kinder helfen einem Fremden, ohne dass jemand sie darum bittet (Warneken & Tomasello 2006, doi:10.1126/science.1121448), und Carel van Schaik liest aus Ethnografie und Archäologie ein kooperatives Menschenbild, das Neimans Verdacht eher teilt als bestreitet. Übrigens datieren die Funde von Jebel Irhoud den Homo sapiens auf rund 300.000 Jahre (Hublin et al. 2017, doi:10.1038/nature22336); schon die 200.000 Jahre aus der Zeitung sind ein Allgemeinplatz.
Auch die Laborbefunde haben eine Grenze. Sie stammen fast alle von westlichen Studierenden, die in vielen Messungen am Rand der Menschheit liegen (Henrich, Heine & Norenzayan 2010, doi:10.1017/S0140525X0999152X). Und wer den Homo oeconomicus verabschiedet, findet dahinter keinen Engel. Rund ein Drittel fährt in Gemeinschaftsspielen Trittbrett (Fischbacher, Gächter & Fehr 2001, doi:10.1016/S0165-1765(01)00394-9), und in manchen Ländern strafen Menschen gerade die, die am meisten beitragen (Herrmann, Thöni & Gächter 2008, doi:10.1126/science.1153808). Es bleiben gemischte Motive, wie bei George Eliot. Den Namen economic man haben Kritiker John Stuart Mills erfunden, als Spott, und Mills eigene Figur wollte neben Reichtum auch Muße und Luxus (Persky 1995, doi:10.1257/jep.9.2.221). Veronika Grimm verteidigt ihn als Vereinfachung, die man an den Daten erweitert. Neimans Sorge gilt dem Moment, in dem man vergisst, dass es eine ist.
→ Weiter im Panorama: Kann eine Gesellschaft großzügig sein? — dort stehen Verdrängung, Blutspende und bedingte Kooperation, mit Welzer, Bleisch, Brosda, Bregman und El-Mafaalani. Eine eigene Panorama-Frage zum Menschenbild gibt es noch nicht.
Gewinnt man mit moralischer Sprache Wähler zurück?
Neimans Vorwurf, die Linke überlasse der Rechten die stärksten Wörter, hat eine messbare Seite. Unter amerikanischen Abgeordneten brachte moralisch-emotionale Sprache allen mehr Reichweite, den Konservativen aber deutlich mehr (Brady et al. 2019, doi:10.1037/xge0000532); über 27 Studien hinweg bringt jedes solche Wort im Schnitt 13 Prozent mehr Weiterleitungen (Brady et al. 2025, doi:10.1093/pnasnexus/pgaf327, vorregistrierte Replikation mit Meta-Analyse). Auch an der Urne zählt es: Parteien, deren Programme moralisch begründen, bringen in sechs englischsprachigen Demokratien mehr eigene Anhänger zur Wahl (Jung 2020, doi:10.1111/ajps.12476, große Vergleichsstudie). Der Genosse mit dem Stecker hätte schlechte Karten.
Jungs Effekt trifft allerdings die eigenen Leute. Wer in seiner eigenen Moral argumentiert, überzeugt die Gegenseite kaum und verärgert sie oft; wirksam wird ein Argument erst in den Werten derer, die man gewinnen will (Feinberg & Willer 2019, doi:10.1111/spc3.12501, Übersichtsarbeit). Hier wird Mamdanis Satz interessant. Die Krankenschwester, die die Stadt am Leben hält und nicht in ihr wohnen kann, ist ein Argument der Gleichheit und zugleich eines des Verdienstes: Wer beiträgt, soll teilhaben. Die neuere Moralforschung trennt genau diese beiden Formen von Fairness, und die zweite ist eher die der Konservativen (Atari et al. 2023, doi:10.1037/pspp0000470). Ob das Mamdanis Sieg erklärt, hat niemand untersucht; es ist unsere Lesart.
Die Asymmetrie, die Neiman an Trump beschreibt, ist gut belegt. Heuchler werden härter verurteilt als Leute, die offen dasselbe tun, weil ihre Moralpredigt ein falsches Signal war (Jordan et al. 2017, doi:10.1177/0956797616685771), und wer das System für illegitim hält, liest den offenen Lügner als authentisch (Hahl, Kim & Zuckerman Sivan 2018, doi:10.1177/0003122417749632). Dass Prinzipientreue an sich Stimmen bringt, ist schwächer belegt; Wähler verzeihen einen Kurswechsel, wenn er zu ihnen hinführt (Doherty, Dowling & Miller 2016, doi:10.1007/s11109-015-9321-9). Mamdani selbst blieb bei Gaza fest, entschuldigte sich aber für „Defund the police“ und behielt die Polizeichefin seines Vorgängers. In den Nachwahlbefragungen nannte gut die Hälfte die Lebenshaltungskosten als wichtigstes Thema. Dass gerade das Gaza-Prinzip ihm Vertrauen und Stimmen brachte, ist eine plausible Geschichte, gemessen hat es niemand.
Winkelmanns Einwand hat ebenfalls Daten. Über 67 Arbeiten hinweg wirken moralische Appelle schwach, und drängende, belehrende Sprache schwächt sie weiter (Xu et al. 2026, doi:10.1177/01461672261437934, Meta-Analyse). Wer Politik moralisiert, begegnet der Gegenseite feindseliger (Garrett & Bankert 2018, doi:10.1017/S000712341700059X), und im Netz verbreitet sich am besten die Abneigung gegen die anderen, weit vor jedem Ideal (Rathje, Van Bavel & van der Linden 2021, doi:10.1073/pnas.2024292118). Eine deutsche Angst vor Charisma ist als Wählerbefund nicht gemessen. Gemessen ist, dass populistische Parteien in Deutschland, Österreich und der Schweiz Ende der 2010er-Jahre mehr Wut und Angst und weniger Hoffnung verbreiteten als die übrigen (Widmann 2021, doi:10.1111/pops.12693). Das Fröhliche, das Neiman in Sachsen-Anhalt sieht, wäre dann neu, und Marina Kormbaki hat es nach der Wahl genauso beschrieben: Die AfD sei zur Hoffnungspartei geworden.
→ Weiter im Panorama: Was holt Wähler zurück?, mit Abou-Chadis Valenzpolitik, Toozes Werbesprache, Brosdas Zweifel am Wort Gerechtigkeit und einer neuen Reibung: Holt Gerechtigkeitssprache Abgewanderte zurück oder nur Nichtwähler an die Urne?
Faktencheck
Zwölf Aussagen geprüft. Transkriptionsfehler bei Namen und Titeln sind still korrigiert.
5:52 Das Metzger-Brauer-Bäcker-Zitat steht im Wohlstand der Nationen (Buch I, Kap. 2). Smiths Theorie der ethischen Gefühle (1759) beginnt mit dem Gegenteil: „How selfish soever man may be supposed, there are evidently some principles in his nature, which interest him in the fortune of others.“ Dass die Reduktion auf den Homo oeconomicus Smith verzerrt, ist in der Smith-Forschung Konsens. Neiman greift den Fehlschluss an, nicht das Zitat. Quelle: A. Sen, „Uses and Abuses of Adam Smith“, History of Political Economy 43(2), 2011, doi:10.1215/00182702-1257388 (Essay) · Smith, TMS I.i.1 (Econlib)
9:02 Die Kritik gibt es, und sie ist ernst zu nehmen: Die Rekonstruktion der Ur-Umwelt gilt als spekulativ, der Vorwurf lautet „Just-so-Stories“ (Buller 2005; Bolhuis et al. 2011, Biologen in PLoS Biology). Die Gegenseite ist ebenso belegt (Confer et al. 2010). „Gar nichts“ ist überzeichnet, denn Paläoanthropologie, Primatologie und Ethnografie liefern begrenzte, aber reale Evidenz. Und ein starker Strang der Evolutionsforschung betont gerade die Kooperation (Tomasello et al. 2012), also das Menschenbild, das Neiman verteidigt. → Nachbesprechung. Quelle: Buller, TICS 2005, doi:10.1016/j.tics.2005.04.003 · Bolhuis et al., PLoS Biol 2011, doi:10.1371/journal.pbio.1001109 · Confer et al., Am Psychol 2010, doi:10.1037/a0018413 · Tomasello et al., Curr Anthropol 2012, doi:10.1086/668207
11:24 Belegt ist das für die Geisteswissenschaften: Nach Times Higher Education (Daten für 2007) steht Foucault mit 2.521 Zitationen auf Platz 1 der meistzitierten Buchautoren der Humanities, vor Bourdieu und Derrida. In den Naturwissenschaften spielt er keine Rolle. Quelle: THE — Most cited authors of books in the humanities, 2007
22:05 In West Point sagte Bush am 1. Juni 2002: „moral clarity was essential to our victory in the Cold War“ und „America will call evil by its name.“ Der zweite Satz ist fast wörtlich der Originaltitel von Neimans Buch, Call It Evil. Dass „die meisten Amerikaner“ den Krieg heute für falsch halten, ist knapp: Seit 2005 nennt ihn etwa die Hälfte bis eine knappe Mehrheit einen Fehler. Quelle: White House Archives — West Point, 01.06.2002
27:26 Der DSA-Kandidat gewann im November 2025 und benutzte den Genozid-Begriff mehrfach öffentlich. Laut Exit Poll stimmten 33 Prozent der jüdischen Wähler für ihn, 63 Prozent für Cuomo; „sehr viele“ stimmt in absoluten Zahlen, die Mehrheit stimmte gegen ihn. Von über 100.000 Freiwilligen sprach er in der Siegesrede. Linke Kandidaten vor den Midterms gibt es in Michigan (Abdul El-Sayed), Florida (Angie Nixon) und Colorado, wobei El-Sayed und Nixon das Etikett „Sozialist“ meiden. Im September 2026 legte Mamdani einen eigenen Plan gegen Antisemitismus vor. Quelle: JTA — Exit Poll · Policy Magazine — Three Million Knocks · ZEIT — Mamdanis Antisemitismus-Plan
44:14 Die Linke gewann am 20.09.2026 mit 25,7 Prozent. Auf der Neuköllner Wahlparty waren Clan-Chef Issa Remmo, laut Eralp nicht eingeladen und weggeschickt, und Ibrahim Ibrahim, der für die PFLP wirbt, Sinwar einen „Märtyrerhelden“ nannte und seit Jahren mit der Neuköllner Linken verbunden ist; ein Bundestagsabgeordneter und eine neu gewählte Abgeordnete ließen sich mit ihm fotografieren. Die erste Erklärung des Zentralrats (22.09.) stützte sich auf den Auftritt des Rappers Dahabflex auf einer Wahlkampfbühne der Neuköllner Linken („Death to the IDF“, „Intifada“), dazu läuft ein Ermittlungsverfahren. Josef Schuster warnte vor einer Gefahr für „das jüdische Leben in der Hauptstadt“, nicht in ganz Deutschland. Der „Aufruf“ ist der „Berliner Appell für Verantwortung“ vom 6. Oktober mit rund 80 Erstunterzeichnern. Neiman ist in der Sache nicht neutral: Sie hat die Linke gewählt, was sie sagt, und den offenen Gegenbrief jüdischer Berliner unterschrieben, was sie nicht sagt. Die Verkürzung auf einen Partybesuch lässt die Warnungen maßlos erscheinen. Quelle: Zentralrat — Presseerklärung Berlin-Wahl · tagesschau, 23.09.2026 · taz — Was dran ist an den Vorwürfen · DLF — Berliner Appell · DW — Jüdische Community uneins
41:59 Söder hielt Aiwanger 2023 trotz der Flugblatt-Affäre im Amt. Schuster zeigte Verständnis: Söder habe wohl gefürchtet, „dass eine Entlassung aus ihm einen Märtyrer machen würde“, Aiwangers Umgang mit den Vorwürfen nannte er „irritierend“. Die Asymmetrie trägt. Einschränkung: Das Flugblatt war 35 Jahre alt, Aiwanger bestreitet die Urheberschaft (sein Bruder bekannte sich), in Berlin geht es um aktuelle Vorgänge. Und „unselige Witze“ ist sehr mild für ein Blatt, das einen „Freiflug durch den Schornstein in Auschwitz“ als Preis auslobte. Quelle: Jüdische Allgemeine — Umgang bleibt irritierend · evangelisch.de, 04.09.2023
42:44 Gemeint ist Heidenau in Sachsen: Am 24.09.2026 beschloss der Stadtrat mit Stimmen von AfD, CDU und „Bündnis Oberelbe“, keine Stolpersteine mehr im öffentlichen Raum zu verlegen; abgelehnt wurden zwei Steine für Fritz und Martha Goldstein. Gerügt wurde die CDU sehr wohl, von der eigenen Bundesministerin Karin Prien („ein Skandal“) und von Charlotte Knobloch. Auf Winkelmanns Einwand nimmt Neiman zurück, es gebe keine Debatte „mit derselben Wucht“. Diese Fassung ist vertretbar, eine Koalitionsdebatte über die CDU folgte nicht. Quelle: taz — Prien: „Das ist ein Skandal“ · tagesschau/MDR, 25.09.2026
40:28 Die Größenordnung gibt es, aber zu einer anderen Frage. Im ZDF-Politbarometer vom August 2025 hielten 76 Prozent Israels militärisches Vorgehen in Gaza für nicht gerechtfertigt. Im ARD-Deutschlandtrend vom Mai 2025 wollten 73 Prozent Rüstungsexporte nach Israel begrenzen (43) oder stoppen (30). Den teilweisen Exportstopp der Bundesregierung im August 2025 hielten laut YouGov 65 Prozent für richtig, da stand die Mehrheit hinter Berlin. Belegt ist eine Dreiviertel-Ablehnung der israelischen Kriegsführung, nicht der deutschen Israelpolitik insgesamt. Quelle: ZDFheute — Politbarometer · Jüdische Allgemeine — Deutschlandtrend
46:30 Der Anstieg ist belegt (RIAS zählte 2025 8.725 Vorfälle). Die Ursachen sind breiter: Mehr als die Hälfte der RIAS-Vorfälle 2023 fiel in die Wochen nach dem 7. Oktober, der Sprung setzte mit dem Hamas-Massaker ein. Die Polizeistatistik 2025 zählt 3.056 Taten von rechts, 2.239 aus „ausländischer Ideologie“, 613 aus religiöser Ideologie und 129 von links. Die Forschung zum Verhältnis von Israelfeindschaft und Antisemitismus findet eine Verschränkung an den Rändern (Kaplan & Small 2006; Cohen et al. 2009). Dass sich Mitglieder der israelischen Koalition „stolz Faschisten“ nennen, ist zugespitzt: Belegt ist ein geleakter privater Mitschnitt von Minister Smotrich (2023), „ich bin ein faschistischer Homophober, aber …“. Dass die Koalition rechtsextreme Minister hat, ist unstrittig. Quelle: Kaplan & Small, J Conflict Resolut 2006, doi:10.1177/0022002706289184 (Primärstudie) · Cohen et al., JPSP 2009, doi:10.1037/a0015338 (Primärstudie) · Jüdische Allgemeine — RIAS 2023 · taz — PMK 2025
48:02 Die Definition entstand 2005 als Arbeitsdefinition der EU-Beobachtungsstelle EUMC, Hauptautor war Kenneth Stern vom American Jewish Committee; die IHRA übernahm sie 2016. Israels Regierung ist heute ihr lautester Fürsprecher. Übernommen haben sie aber auch die Bundesregierung unter Merkel (2017), das Europaparlament, Kanada unter Trudeau und die britische Labour Party. Neimans Kernkritik teilt der Verfasser selbst: Stern warnt seit 2019 davor, die Definition gegen Kritik an Israel zu wenden. Den Gegenentwurf liefert die Jerusalemer Erklärung von 2021. Quelle: Kenneth Stern, Guardian 2019 · IHRA — Arbeitsdefinition · Jerusalem Declaration
47:15 Der Film heißt Naza, von Yuval Abraham und Rachel Szor, ausgezeichnet 2026 in Venedig, 80 Minuten lang, seit 1. Oktober in deutschen Kinos; eine kostenlose SWR-Ausstrahlung ließ sich nicht bestätigen. Er stützt sich auf 24 anonyme israelische Soldaten und Geheimdienstleute und handelt von den Schwellen für Kollateralschäden. Zum Stand: Die UN-Untersuchungskommission stellte am 16.09.2025 fest, Israel habe Genozid begangen; die Genozidforscher-Vereinigung IAGS sah die Kriterien erfüllt; vor dem Internationalen Gerichtshof gelten seit 2024 vorläufige Maßnahmen, ein Urteil in der Sache steht aus (Fristen bis 2027/2029); Israel und die Bundesregierung weisen den Vorwurf zurück. Neimans Urteil ist eine vertretbare Position mit gewichtigen Stützen, als Rechtsbefund aber offen, und gerade die Absicht beweist kein Film. Die Waffenruhe gilt formal seit 10.10.2025, tödliche Angriffe gibt es weiter. Hamas und der 7. Oktober kommen im ganzen Gespräch nicht vor, auch nicht bei der Moderatorin. Quelle: UN — Commission finds genocide, 16.09.2025 · JTA — IAGS-Resolution · taz — Debatte um „Naza“ · Spur: Israel, Gaza und das Völkerrecht
Außerdem geprüft, ohne Callout: Thrasymachos und die Amme stehen in der Politeia (I, 343a). Hobbes' Lösung ist der absolute Souverän, den er ausdrücklich nicht Tyrann nennt. Hirschman ist richtig wiedergegeben. Der Illouz-Beleg ließ sich nicht finden (→ Text). Neiman leitete das Einstein Forum bis zum 30. Juni 2026, ihr Nachfolger ist Carlos Fraenkel. Die AfD kam in Sachsen-Anhalt am 6. September auf 43,8 Prozent.
Weiterführende Quellen
Aus der Video-Beschreibung:
- taz Talk auf der Buchmesse — Veranstaltungsseite
- Weitere taz Buch Talks auf der Frankfurter Buchmesse 2026
- taz Talk
Im Gespräch genannte Werke:
- Susan Neiman: Nennen wir es böse. Die Politik unserer Zeit verstehen (Hanser 2026) — genialokal
- Susan Neiman: Das Böse denken. Eine andere Geschichte der Philosophie (2004) — genialokal
- Susan Neiman: Links ≠ woke (2023) — genialokal
- Albert O. Hirschman: Leidenschaften und Interessen. Politische Begründungen des Kapitalismus vor seinem Sieg — genialokal
- Paul Erickson u. a.: How Reason Almost Lost Its Mind. The Strange Career of Cold War Rationality (University of Chicago Press 2013)
- Platon: Politeia, Buch I (Thrasymachos)
Faktencheck (Sherlock):
- Zentralrat der Juden — Presseerklärung zur Berlin-Wahl 2026 — Originalwortlaut
- taz — Was dran ist an den Vorwürfen gegen die Linke Berlin — die genaueste Rekonstruktion
- Offener Brief „Berliner Jüdinnen und Juden für eine soziale und sichere Stadt“ (PDF) — Primärdokument, mitunterzeichnet von Neiman
- DLF — Berliner Appell für Verantwortung — der „Aufruf“
- tagesschau — Skepsis gegenüber Rot-Grün-Rot, 09.10.2026 — Antisemitismus-Papier mit Sanktionen
- Kenneth Stern — I drafted the definition of antisemitism (Guardian 2019) — die IHRA-Definition aus erster Hand
Verbindungen
→ Hannah Arendt — Denken ohne Geländer
Arendt sagt, das radikal Böse lasse sich nicht durch die bösen Motive Eigennutz, Habgier und Machtgier erklären. Neiman dreht die Blickrichtung um. Gefährlich ist für sie eine Kultur, die nur noch diese Motive kennt, denn wo jeder für eigennützig gilt, sieht das Böse normal aus. Ihr Begriff von Ideologie als einem Maß an Banalitäten, die niemand mehr prüft, ist Arendts Gedankenlosigkeit, übertragen von einem Mann auf eine ganze Epoche.
→ Carsten Brosda — Nächste Demokratie?
Brosda vermisst mit Cassirer die eigenen Bilder der Demokraten und fürchtet die alten Mythen, in denen der Mensch dem Menschen ein Wolf ist. Neiman beschreibt dieselbe Lücke als „mehr Netto vom Brutto“. In einem Punkt widersprechen sie sich: Brosda nennt Gerechtigkeit transaktional und zieht Solidarität vor. Für Neiman ist Gerechtigkeit der Moralbegriff überhaupt.
→ Gesine Schwan — Macht NEU DENKEN
Die Vorsitzende der Grundwertekommission, der Neiman ihre Wahl der Linken gebeichtet hat. Schwans Unterscheidung von Herrschafts- und Gestaltungsmacht antwortet auf Neimans dritten Strang, das Foucault'sche „alles ist Macht“. Beide stehen dafür auf Kant und Rawls, bei dem Neiman promoviert hat.
→ scobel — Foucault: Aufklärung als Haltung
Der Einspruch zugunsten Foucaults. Neiman vereinfacht ihn nach eigenem Eingeständnis zum Vater der Idee, man komme nie aus der Macht heraus. scobel zeigt den späten Foucault als Erben von Kants Aufklärung, also des Universalismus, den Neiman verteidigt. Dann wäre das Problem die Rezeption, und auf die zielt ihr Argument ohnehin: Man muss Foucault nie gelesen haben, um in seiner Ideologie zu schwimmen.
→ Rutger Bregman — Ist der Mensch wirklich gut?
Dasselbe Ziel, ein anderer Weg. Bregman widerlegt das egoistische Menschenbild mit Evolution und Empirie, „Survival of the Friendliest“. Neiman misstraut genau diesem Feld: Über unsere Vorfahren wisse man so gut wie nichts. Sie braucht keinen von Natur aus guten Menschen, ihr reicht der Mut, das Böse zu benennen.
→ Walther Ziegler — Smith in 60 Minuten
Der Metzger, der Brauer und der Bäcker sind Neimans Ausgangsfall. Zieglers Note stellt Smiths Egoismus als anthropologische Grundlage dar, und die Theorie der ethischen Gefühle kommt dort erst im Faktencheck vor. Genau diese Lesart nennt Neiman den verkürzten Smith.
→ Robin Celikates — Faschisierung, Hoffnung und die Krise des Systems (Jung & Naiv 855)
Neimans nächster Verbündeter im Bestand. Celikates beschreibt einen staatlichen Anti-Antisemitismus, der den Begriff entleert und jüdische Kritiker besonders trifft, und nennt die Linke die einzige Partei mit einer Politik aus Prinzipien. Beide teilen auch eine Leerstelle: Der 7. Oktober kommt bei ihnen nicht vor.
→ Spur: Duldet die Linke Antisemitismus?
Die Spur hat Neimans Asymmetrie nachgezählt und belegt: Nach dem Berliner Wahlsieg ging es in 29 Prozent der Berichte über die Linke um Antisemitismus, nach dem Sieg der AfD in Sachsen-Anhalt in 2 Prozent der Berichte über die AfD. Sie hält aber auch fest, was Neiman weglässt, nämlich die Fälle in Neukölln und im Jugendverband, auf die selten Konsequenzen folgen. Ihr Merksatz aus dem Forde-Bericht passt auf den ganzen Berliner Abschnitt: Der Vorwurf kann als Waffe dienen und trotzdem stimmen.
→ Presseclub — Wer regiert die Hauptstadt? Kommt die Brandmauer nach links?
Sechs Tage zuvor stritten vier Berliner Journalisten über dieselbe Frage, und dort hat die Seite, die bei Neiman nur als Gegenüber vorkommt, eigene Stimmen. Chaimowicz spricht von Volksverhetzung aus Teilen der Partei, Myrrhe stellt die Regel auf: „Nimm links, setze rechts.“ Neimans Aiwanger-Vergleich ist genau diese Probe, nur mit dem Ergebnis, das Myrrhe nicht erwartet.
→ Nicholas Potter — Die neue autoritäre Linke (taz Talk)
Dasselbe Format, die Gegenstimme. Potter beschreibt eine Linke mit manichäischem Weltbild, in dem ganze Lager böse sind. Das ist die Gefahr, die in Neimans Plädoyer für moralische Sprache mitläuft. Ihre Sicherung ist die erste Antwort des Abends: böse nur für Taten und Ideen, nie für Menschen.
→ Isabella Weber — Antifaschistische Wirtschaftspolitik
Beide berufen sich auf Mamdani, auf verschiedene Seiten von ihm. Webers Mamdani ist der des radikalen Gradualismus, bei dem jedes geflickte Schlagloch zählt. Neimans Mamdani ist der Gerechtigkeitsredner, der die Krankenschwester in der Stadt wohnen lassen will, die sie am Leben hält. Zusammen beschreiben sie, warum er gewann.
→ Neue Akropolis — Der Mensch ist besser als sein Ruf
Ein anderer Stammbaum desselben Menschenbilds, über Hobbes, Friedman und Hayek, aber derselbe Befund: Güte gilt als Dummheit. Die Note antwortet mit Spiegelneuronen und Oxytocin, also mit der Naturkunde, die Neiman für den falschen Gerichtshof hält.
→ Der Stein in der Luft — was wir werfen, fällt zurück
Lucs Gedanke zeigt den Homo oeconomicus im Alltag: Er rechnet den Vorteil im Moment des Wurfs und vergisst den Bogen. Mit Axelrods Schatten der Zukunft: Betrug lohnt sich nur, wer glaubt, dem anderen nie wieder zu begegnen.
Weiterdenken
- Neiman sagt, wir schwimmen in einer Ideologie, die wir nicht als solche erkennen. Welche Banalität halte ich selbst für Wissen, obwohl sie eine philosophische Behauptung ist?
- Wenn Gerechtigkeit das Gegenteil des Bösen ist: Ist dann ein Unrecht, das niemand gewollt hat — eine Miete, die eine Krankenschwester aus der Stadt drängt —, schon böse, oder braucht das Böse einen Willen? (→ Hannah Arendt — Die Banalität des Bösen)
- Neiman misst die Berliner Debatte an Aiwanger. Was wäre das stärkste Argument dafür, dass die beiden Fälle verschieden wiegen, und hält Neimans Asymmetrie-Vorwurf auch diesem Argument stand?
- Mamdani gewann, weil er bei einem Prinzip nicht nachgab, das alle für Selbstmord hielten. Gilt das nur für Prinzipien, die man selbst teilt, oder würden wir dieselbe Prinzipientreue bei einem Gegner ebenso bewundern?
- Die deutsche Angst vor Charisma ist eine Lehre aus 1933. Wie sähe eine Begeisterung aus, die diese Lehre ernst nimmt und trotzdem Menschen am Sonntag aufstehen lässt?
Von hier einen Faden gehen7 Stationen, rückwärts durch den Bestand
Im Bestand
17 gedachte Verweise · drei geteilte Quellen, die noch niemand verlinkt hat · 5 weitere nicht gezeigt