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Gedankenraum
Gedanken·10. Oktober 2026·1:12 h·2 Belegstellen

Würde im Alltag — wenn der Markt den Wert misst

Einen Wert zu haben ist gut. Gefährlich wird es, wenn nur noch der Markt ihn misst. Wer den Alltag der Menschen trägt, macht ihre Handlungsmacht sichtbar und dem Autoritären das Angebot streitig.

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Paul Klee — Für einen Gedanken in Lucs Stimme die warme Haussprache, hier mit Grund: Klee hat sein Leben lang mit Linien, Rastern und Maßen gespielt und sie immer wieder ins Kindliche, Lebendige aufgelöst. Links steigen kleine Figuren eine Treppe aus Messstrichen hinauf, jede auf ihrer Stufe, vor einem kühlen Raster. Unten tritt eine von der Leiter herunter auf warme Erde. Rechts löst sich das Raster in ein Haus mit offenem Fenster auf, unter einer Lampe sitzen Figuren um einen runden Tisch, darüber eine Sonne. Der Wert, der gemessen wird, und der, der nicht gemessen werden muss. Eine eingeschmuggelte Ziffer unten links wurde übermalt.

Prompt: Wide panoramic painting in the manner of Paul Klee: warm watercolour and oil transfer on textured paper, gentle ochre, rose, saffron and soft blue fields, thin trembling ink lines, childlike geometric figures. Across the left half runs a long measuring ruler like a staircase of tick marks, small stick figures stand on its different steps, some high, some low, a cold grey grid behind them. At the bottom of the ruler one small figure steps off it onto warm earth. On the right half the grid dissolves into a small glowing house with an open window and a round table where several simple figures sit together under a warm lamp, a little garden with a sun-like circle above. No realistic faces. No text, no letters, no numbers, no signature, no monogram, no initials anywhere.

Worum es geht

Einen Wert zu haben ist gut. Gefährlich wird es, wenn nur noch der Markt ihn misst. Ein Gedanke aus dem Gespräch über Isabella Webers Buchpremiere, an der Stelle, an der sie erklärt, warum Menschen, die am Markt scheitern, nach einem anderen Wert greifen. Daraus folgt eine Politik, die schlichter ist, als man denkt: den Alltag tragen, damit die Menschen wieder sehen, dass sie handeln können. Am deutlichsten zeigt sich das im Osten, wo der Wert der Menschen nach der Einheit Stück für Stück kleiner wurde.

Entstanden am 10.10.2026. Aus einem Gespräch über Isabella Weber — Antifaschistische Wirtschaftspolitik, bei ▶ 1:11.


Einen Wert zu haben ist erstmal gut.

Der Adel hatte seinen Wert durch Geburt. Gefragt hat ihn keiner, wofür. Und oft hat er für sich gehandelt, nicht für die Menschen um ihn herum. Dass einer etwas gilt, weil er etwas beiträgt, war einmal ein Fortschritt.

Aber dann kam das nur noch.

Wenn der Wert eines Menschen nur noch gemessen wird, und gemessen am Markt, dann gibt es ein Oben und ein Unten. Dann ist Klassendenken vorprogrammiert. Und wer unten ankommt, hört nicht auf zu messen. Er sucht sich eine andere Skala.

Isabella Weber hat das auf den Punkt gebracht:

„Den Menschen wurde über Jahrzehnte erzählt, dass ihr Wert sich am Markt definiert. Und wenn sie am Markt versagen, dann heißt es, dass ihr Selbstwert nicht mehr funktioniert.“ 70:27

Im Gespräch — 70:27

Und dann, sagt sie, werden sie empfänglich für die Erzählung: Du bist weiß, du bist deutsch, deswegen bist du was wert. 71:12

Die Rangfolge bleibt. Nur die Achse wechselt. So wächst das Autoritäre aus dem Messen.


Daraus folgt etwas Einfaches.

Wenn man den Alltag der Menschen stärkt, wenn man sie mit Würde behandelt, wenn man ihnen dort, wo es geht, die Alltagssorgen abnimmt: die Miete, die Heizung, den Weg zum Arzt. Dann haben sie den Kopf wieder frei. Dann sehen sie, dass sie handeln können.

Handlungsmacht, die sichtbar wird.

Und dann kann Politik gegen das Autoritäre relativ einfach handeln. Sie muss nicht erst die Gefühle der Menschen umerziehen. Sie muss die Last vom Tisch nehmen, auf dem das Gefühl wächst.

Weitergedacht

Wenn die Sorge kleiner wird, wird dann auch der Wunsch kleiner, auf einer anderen Skala oben zu stehen? Oder bleibt die Kränkung, auch wenn die Miete wieder bezahlbar ist?


Das Wohngeld zeigt, wie es nicht geht.

Der Staat zahlt den Menschen Geld, damit sie die Miete zahlen können. Und das Geld wandert weiter, zum Vermieter, zum Konzern, zum Kapital. Die Mieten steigen mit. Am Ende hat der Staat die Rendite anderer bezahlt, und die Menschen sind so knapp wie vorher. Weber nennt das: Der Staat wird zum Mieter.

Lieber das Geld in bezahlbares Wohnen umwandeln. In Wohnungen, die bleiben.

Für diese Politik sollten Politiker einstehen. Für die Menschen. Nicht fürs Kapital.

Denn wo sich Kapital konzentriert, schrumpft der Spielraum. Für den Wettbewerb, den selbst die Marktfreunde wollen. Und für die Menschen, die in diesem Markt ihren Platz suchen.

Der Osten

Am deutlichsten sehe ich das im Osten.

Die Menschen dort sind stolz, so nehme ich sie wahr. Und sie hatten vieles, worauf man stolz sein kann. Der Zusammenhalt untereinander war groß. Frauen hatten einen höheren Stellenwert als im Westen: 1989 arbeiteten oder lernten rund neun von zehn Frauen zwischen 15 und 60 (bpb, APuZ).

Dann kam die Einheit, mitten in der neoliberalen Zeit, und dieser Wert wurde Stück für Stück kleiner.

Die Betriebe wurden verkauft, die meisten an Westdeutsche (Mau). Mit ihnen ging die wirtschaftliche Handlungsfähigkeit. Die Jungen gingen hinterher, und zuerst gingen die Frauen, die gut ausgebildeten. Bis Mitte der Nullerjahre zogen 866.000 Frauen und 735.000 Männer in den Westen. Unter den 18- bis 29-Jährigen kamen auf hundert Männer bald nur noch neunzig Frauen, in den Krisenregionen weniger als achtzig (Kröhnert & Klingholz, Not am Mann, Berlin-Institut).

Familien wurden auseinandergerissen. Dörfer wurden dünner. Wer blieb, blieb mit weniger.

Und dann wundert man sich, dass gerade dort die andere Skala verfängt.

Mir fällt auf, dass es nicht die Alten sind, die am stärksten zur AfD gehen. In Sachsen-Anhalt wählten 2026 die über 70-Jährigen zu 31 Prozent AfD, die 35- bis 59-Jährigen zu gut der Hälfte (Panorama). Das sind die, die die Wende als Kinder oder junge Erwachsene erlebt haben. Die zugesehen haben, wie die Eltern ihre Arbeit verloren, und die Achtung, die daran hing.

Vielleicht wird im Osten weniger die Diktatur vererbt. Eher die Kränkung.

Weitergedacht

Ein Teil des Zusammenhalts entstand aus dem Mangel und in der Nische, gegen einen Staat, der überwachte. Kann ein Zusammenhalt, der sich gegen „die da oben“ gebildet hat, sich leichter gegen „die da draußen“ wenden? Und Ilko-Sascha Kowalczuk würde fragen: Wie viel davon ist Kränkung durch den Westen, und wie viel ein Schock der Freiheit, in der viele nie ganz angekommen sind?


Ein Wert, der nicht gemessen werden muss. Das wäre der Anfang.


Verbindungen

→ Isabella Weber — Antifaschistische Wirtschaftspolitik

Der Anlass. Die Nachbesprechung dort, Markt und Selbstwert, legt daneben, was die Forschung zu diesem Mechanismus weiß: Steigt die Miete im Viertel, wächst bei den Ärmsten die Neigung zur AfD, bei den Wohlhabenden sinkt sie. Und am stärksten zieht es die nach rechts, die den Abstieg fürchten, nicht die, die schon abgestiegen sind.

→ Das unsichtbare Netzwerk — Ubuntu

Ich bin, weil wir sind. Ein Wert, der aus der Beziehung kommt und nicht aus dem Rang. Das Gegenbild zu einem Wert, den nur der Markt vergibt.

→ Gefangene des Systems — Elitenerziehung und die Verrohung der Macht

Dasselbe Klassendenken, von oben gesehen. Wo Menschen früh lernen, dass sie mehr wert sind als andere, verroht die Macht.

→ Erich Fromm — Die Welt lieben

1979 hat Fromm gesagt, in der Marktgesellschaft existiere nur, was verkäuflich ist, und wer keinen Profit macht, habe versagt. „Und das ist das, wovor jeder Angst hat.“

→ Steffen Mau — Spaltung der Gesellschaft

Gerade die Arbeiter glauben am stärksten an Leistungsgerechtigkeit. Darum wird ihr Scheitern zur eigenen Schuld, und darum trifft die Kränkung so tief.

→ Warum wählen Menschen Autoritäre? — Materieller Kern oder Einstellung?

Das Panorama, in dem dieser Gedanke weitergeht, mit Weber, Fromm, Hochschild und den Stimmen, die den materiellen Kern bezweifeln.

→ Oschmann und Kowalczuk — Kränkung oder Freiheitsschock

Die Frage aus diesem Abschnitt hat zwei Antworten bekommen: Oschmann sieht die Kränkung durch einen Westen, der den Osten bis heute beschreibt, Kowalczuk einen Freiheitsschock, der an alte obrigkeitsstaatliche Gewohnheiten anknüpfte. Beide glauben, dass am Abendbrottisch etwas weitergegeben wird, nur nicht dasselbe. Und Juli Zeh erzählt, wie sie sich im Osten bereichert fühlte, in einer Welt, in der der Marktwert nicht das Höchste war.

→ Der Stein in der Luft — was wir werfen, fällt zurück

Einen Tag jünger, dieselbe Wurzel. Wo nur der Vorteil im Moment zählt, sieht keiner den Bogen des Steins: Das Lehrgeld, das ich heute kassiere, kommt Jahre später als Misstrauen zurück, in dem ich selbst leben muss.


Weiterdenken

Was übersehe ich?
  • Ich sage, ein Wert durch Beitrag sei ein Fortschritt gegenüber dem Adel. Wer entscheidet, was als Beitrag zählt, und wer fällt durch dieses Raster, die Pflegende zu Hause, der Kranke, das Kind?
  • Wenn der Staat den Alltag trägt: Wo kippt das in Bevormundung, und woran würde ich es merken?
  • Wohngeld wandert zum Kapital, aber ein Mietendeckel hat auch seinen Preis, in Berlin schrumpfte das Angebot. Bin ich bereit, diesen Preis zu nennen, wenn ich für bezahlbares Wohnen einstehe?
  • Wo messe ich selbst Menschen, still, ohne es zu merken?

Von hier einen Faden gehen7 Stationen, rückwärts durch den Bestand

Im Bestand

Isabella WeberAntifaschistische…Steffen MauDie (gefühlte) Spaltung der…Das unsichtbare NetzwerkUbuntuGefangene des SystemsElitenerziehung und die…Erich FrommDie Welt lieben (SRF 1979)Oschmann und KowalczukKränkung oder FreiheitsschockDer Stein in der Luftwas wir werfen, fällt zurückWarum wählen Menschen…Veronika GrimmDer Preis als Signal (Jung &…Ilko-Sascha KowalczukDenkerVita

zehn gedachte Verweise

verlinktdieselbe Quelle, nie verlinkt
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