GedankenraumWarum wählen Menschen Autoritäre?
Aus Not oder aus Überzeugung, aus Kränkung oder aus Kalkül? Sechs offene Fragen dazu, warum Menschen autoritär wählen, von Weimar bis Schwerin, und die Stimmen, die sich an ihnen reiben.
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Pieter Bruegel der Ältere: ein verschneiter Dorfplatz im Winter, Kinder auf dem zugefrorenen Teich, Rauch über den Dächern. Quer über den Platz steht eine lange Schlange gewöhnlicher Leute vor dem erleuchteten Fenster eines Gasthauses und wirft einer nach dem anderen einen gefalteten Zettel in eine Holzkiste. Jeder trägt etwas Eigenes mit sich: ein Arbeiter ein zerbrochenes Werkzeug, eine Frau einen schweren Korb und eine Rechnung, ein altes Paar sich gegenseitig, ein junger Mann die Hände in den Taschen, der sich umdreht. Bruegel nach seiner Volkszählung zu Bethlehem (1566), weil er Menschenmengen gemalt hat, ohne einen einzigen vorzuführen: Jede Figur hat ihren Grund, dort zu stehen. Kein Redner, keine Bühne, keine Fahne. Das Panorama fragt nach den Wählenden, nicht nach denen, die sie wählen.
Prompt: Wide 1200x500 panoramic painting in the manner of Pieter Bruegel the Elder's 'The Census at Bethlehem': a snowy winter village square seen from slightly above, bare trees, low houses with smoking chimneys, a frozen pond with a few skaters, warm muted browns, whites and dusty reds. Across the square a long queue of ordinary villagers slowly moves toward a lit window of an inn where each person drops a small folded white paper into a wooden box on the sill. Every figure carries something of their own: a worker with a broken tool over his shoulder, a woman with a heavy basket and an unpaid bill in her hand, an old couple leaning on each other, a young man with his hands in his pockets looking back over his shoulder, a mother with a child, a farmer leading a thin cow. Some talk to each other, some stand alone, nobody is a caricature; the scene is humane, detailed, full of individual reasons. No leader, no stage, no banners. No signature, no artist monogram, no initials, no scribbles, no text anywhere, no letters, no sign boards, no flags, no party logos, no symbols. All four corners and the bottom edge are plain snow and sky. Painterly, not photorealistic.
Aus Not oder aus Überzeugung, aus Kränkung oder aus Kalkül? In Sachsen-Anhalt wählten im September 2026 fast 44 Prozent die AfD, in Mecklenburg-Vorpommern 38; in den USA regiert Trump zum zweiten Mal, in Ungarn fiel Orbán nach sechzehn Jahren. Dieses Panorama fragt nach den Wählenden. Was die Partei will und wie man sie stoppt, steht in NoAfD; wie die Rechte sich international vernetzt, in Autoritärer Internationalismus. Hier geht es um die Menschen in der Schlange vor dem Wahllokal. Sechs offene Fragen, zu jeder das, was man darüber weiß, und die Stimmen aus den Gedankenwelten, die einander widersprechen, jede mit einem Klick an der Stelle, an der sie es sagt.
Die meisten Panoramen sind Momentaufnahmen. Dieses wächst: Wenn eine Note in ihrer Nachbesprechung eine dieser Fragen vertieft, kommt ihre Stimme hierher, und was sie an Forschung mitbringt, auch. Die erste war die Wahlnachlese Der Entscheidende Punkt — Nach den Landtagswahlen im September 2026. Unten steht, welche Notes seither dazukamen.
Materieller Kern oder Einstellung?
Die Forschung hat auf diese Frage zwei Antworten, und sie widersprechen sich weniger, als die Debatte glaubt. Ökonomische Schocks wirken nachweislich. Wo Industriearbeit der Importkonkurrenz aus Niedriglohnländern ausgesetzt war, stieg in Deutschland die Wahl nationalistischer Parteien, am stärksten bei gering qualifizierten Industriearbeitern (Dippel, Gold & Heblich 2022, doi:10.1093/ej/ueab041); der „China-Schock“ polarisierte die amerikanischen Wahlkreise (Autor, Dorn & Hanson 2020, doi:10.1257/aer.20170011); die britische Sparpolitik nach 2010 lässt sich in den Stimmen für UKIP und für den Brexit wiederfinden (Fetzer 2019, doi:10.1257/aer.20181164). Eine Meta-Analyse der kausalen Studien zur Globalisierung kommt auf etwa ein Drittel des Zuwachses populistischer Parteien, das sich so erklären lässt (Scheiring, Serrano-Alarcón & Moise 2024, doi:10.1017/S0007123424000024). Ein Drittel ist viel, und es ist nicht alles.
Beim einzelnen Menschen trägt die materielle Erklärung schlechter. Das eigene Einkommen sagt die AfD-Wahl kaum vorher; wer objektiv zurückfiel, steht ihr nicht näher, am nächsten stehen ihr Geringverdiener mit stabilem Einkommen und Menschen, die Unsicherheit nur wahrnehmen (Hartmann, Kurz & Lengfeld 2022, doi:10.1093/esr/jcab024). Ökonomische Unsicherheit erklärt Wahlausgänge an den Rändern, aber nur einen bescheidenen Teil des Gesamtvotums, und manchmal läuft der Pfeil umgekehrt, von kultureller Entfremdung zu wirtschaftlichem Unmut (Margalit 2019, doi:10.1257/jep.33.4.152). Der Übersichtsartikel des Journal of Economic Literature lässt beide Stränge stehen (Guriev & Papaioannou 2022, doi:10.1257/jel.20201595). Am tragfähigsten ist der Begriff des Statusverlusts: Das Materielle ist oft die Ursache zweiter Ordnung, das Gefühl, den eigenen Platz in der Gesellschaft zu verlieren, der unmittelbare Antrieb (Gidron & Hall 2017, doi:10.1111/1468-4446.12319; Kurer 2020, doi:10.1177/0010414020912283). Inglehart und Norris haben die Arbeitsteilung in eine Formel gebracht: Der kulturelle Backlash erklärt, wer autoritär-populistisch wählt, die schwindende existenzielle Sicherheit, warum gerade jetzt (Inglehart & Norris 2017, doi:10.1017/S1537592717000111). Wie schwer die beiden Seiten im Einzelnen wiegen, bleibt umstritten. Diana Mutz fand 2016 eher Statusbedrohung als ökonomische Not, Stephen Morgan zeigte an ihren eigenen Paneldaten, dass die materiellen Interessen mindestens so viel erklären (Mutz 2018, doi:10.1073/pnas.1718155115; Morgan 2018, doi:10.1177/2378023118788217). Wo das Materielle wirkt, wirkt es über den eigenen Platz. Steigt in Deutschland die Marktmiete im Viertel um einen Euro je Quadratmeter, wächst bei Mietern mit sehr kleinem Einkommen die Neigung zur AfD um gut vier Prozentpunkte, bei wohlhabenden Mietern sinkt sie (Abou-Chadi, Cohen & Kurer 2025, doi:10.1177/00104140241306963). Steigende Ungleichheit treibt vor allem die mit Fallhöhe nach rechts, Menschen mit hohem gefühltem Status und unteren Mitteleinkommen (Engler & Weisstanner 2021, doi:10.1080/13501763.2020.1733636), und wer sich ohne sozialen Respekt am Rand fühlt, neigt eher zu radikalen Parteien (Gidron & Hall 2020, doi:10.1177/0010414019879947).
Die Nachwahlzahlen aus Sachsen-Anhalt 2026 zeigen beides zugleich. 61 Prozent der AfD-Wähler nennen ihre eigene wirtschaftliche Lage gut; 89 Prozent fürchten, ihre Rechnungen bald nicht mehr zahlen zu können, 91 Prozent sorgen sich, dass zu viele fremde Menschen kommen, 66 Prozent meinen, sie bekämen weniger als ihren gerechten Anteil (KAS-Wahlanalyse).
Die Stimmen
- Jana Hensel: Der Rechtsruck im Osten hat einen materiellen Kern, den die Öffentlichkeit über dem Reden von Einstellungen vernachlässigt hat; die soziale Frage wird inzwischen rechts beantwortet.
- Matthias Quent: Das AfD-Programm entlastet Geringverdiener laut ZEW am wenigsten; gewählt wird die Erlösung von der Komplexität.
- Heiner Flassbeck: Deutsches Lohndumping, Deindustrialisierung und Austerität führen zu Le Pen und Meloni, eine rationale Reaktion auf realen Verlust: „Die Leute sind nicht blöd.“
- Herfried Münkler: Angst hat keinen Gegenstand und sucht sich erst nachträglich einen; darum prallen Sachargumente an ihr ab.
- Isabella Weber: Wem jahrzehntelang erzählt wurde, sein Wert entscheide sich am Markt, der greift nach dem Versprechen, Herkunft verbürge ihn, und erlebt die Konkurrenz von Frauen und Migranten als Betrug, „gar nicht so irrational“.
- Ibram X. Kendi: In den USA ist der Kern rassisch; die Finanzkrise war nur Brandbeschleuniger, denn niemand fürchte, von Weißen ersetzt zu werden.
- Arlie Hochschild: Wer seinen Stolz auf Eigenleistung baut, erlebt Jobverlust als Scham, und Trump fördert diese Scham „wie Bergleute Kohle“.
- Querfurt: Die Clique hat Arbeit, die Arbeitslosigkeit hat sich mehr als halbiert; was fehlt, sind Jugendclub, Arzt und Anerkennung.
Weitere Stimmen (11)
- Eva von Redecker: Manche AfD-Wähler, früher Sozialdemokraten, wollen „irgendeine Art von Stärkebeweis vom Staat“; die Kraftmeierei an den Grenzen kommt, wenn innen die Handlungsfähigkeit verloren ist, darum setzt sie auf Daseinsvorsorge statt Preisbremse.
- Erich Fromm (1979): In der Marktgesellschaft existiert nur, was verkäuflich ist; wer keinen Profit macht, hat versagt, „und das ist das, wovor jeder Angst hat“.
- Götz Aly: Die Generation, die 1933 trug, war gebildeter als jede zuvor; radikal wurde sie, als die Krise ihren Aufstieg zerbrach.
- Thomas Fricke: Autoritär wählt, wer Umbrüche erlebt und die Kontrolle verliert; die AfD ist dort am stärksten, wo die wenigsten Ausländer leben.
- Aladin El-Mafaalani: Die Einstellungen sind seit zwanzig Jahren stabil; neu ist, dass sich die Misstrauischen finden.
- Klaus Dörre: Der Outlaw-Stolz der Nicht-Gesehenen ist politisch leer; wer ihn besetzt, gewinnt.
- Amlinger & Nachtwey: Verteilungskämpfe laufen seitwärts, zwischen Gruppen auf gleicher Höhe.
- Heinz Bude: Das arbeitende Dienstleistungsproletariat verachtet die Bezieher von Stütze, eine Spaltung innerhalb der Unterklasse.
- Philip Manow: Rechtspopulisten sind die neuen Arbeiterparteien; der stärkste Prädiktor ist die Bildung.
- Colin Crouch: Die Verlustgefühle sind real und vielfältig und nicht auf Ökonomie reduzierbar.
- Jonathan Haidt (mit Karen Stenner): Eine autoritäre Neigung schläft, bis eine Bedrohung der Ordnung sie weckt.
Hensel sieht einen materiellen Kern, Quent verweist auf ein Programm, das gerade die Geringverdiener am wenigsten entlastet, und in Sachsen-Anhalt nennen drei von fünf AfD-Wählern ihre Lage gut, während neun von zehn die nächste Rechnung fürchten. Ist das Materielle der Grund — oder die Sprache für einen Verlust, der keinen Preis hat?
Protest oder Überzeugung?
Für Mecklenburg-Vorpommern gibt es eine Zeitreihe, die diese Frage vermisst. 2016 wählten 24 Prozent der AfD-Wähler die Partei nach eigener Auskunft aus Überzeugung und 67 Prozent aus Enttäuschung über die anderen. 2021 stand es 36 zu 52, 2026 steht es 53 zu 36 (tagesschau/infratest dimap). Die Forschungsgruppe Wahlen misst Ähnliches (54 Prozent „wegen politischer Forderungen“, 41 Prozent „Denkzettel“), in Sachsen-Anhalt steht es 55 zu 35. Der Protest ist nicht verschwunden, er sitzt bei den Neuen: Wer seit 2021 zur AfD kam, wählte sie zu 63 Prozent aus Enttäuschung. Und die Vermutung, AfD-Wähler erwarteten ohnehin nichts von ihrer Partei, trägt nicht. Dass auch die AfD ihre Versprechen nicht halten wird, glauben 70 Prozent aller Befragten, aber nur 26 Prozent ihrer eigenen Wähler (→ Faktencheck).
Die Unterscheidung selbst ist älter und unschärfer, als die Umfragefrage suggeriert. Wer aus Enttäuschung wählt, wählt meist doch eine Richtung, und wer „überzeugt“ sagt, kann damit auch meinen, dass er sich endlich gesehen fühlt. Messbar ist ein zweiter Mechanismus: Sitzt eine radikale Partei im Parlament, sprechen ihre Wähler offener über ihre Wahl; die soziale Norm, die das Bekenntnis bremste, gibt nach (Valentim 2021, doi:10.1177/0010414021997159). Und mit dem Einzug der AfD in den Bundestag 2017 rückten ihre Anhänger in der Selbsteinschätzung weiter nach rechts (Bischof & Wagner 2019, doi:10.1111/ajps.12449). Aus Protest kann Überzeugung werden, weil man sich an seine eigene Wahl gewöhnt.
Die Stimmen
- Hans Jessen: „Denkzettel“ ist ihm zu blass; es sei tiefsitzende Frustration, der Wunsch, es denen zu zeigen, egal wie destruktiv. Die Zahl, auf die er sich stützt, ist im Faktencheck korrigiert.
- Marina Kormbaki: Die AfD ist zur Hoffnungspartei geworden; „das ist nicht nur Affekt, die Leute machen sich schon auch Gedanken“.
- Michel Friedman: Wähler sind mündig; wer eine Partei wählt, will ihr Macht geben, und die AfD sagt offen, was sie vorhat.
- Philip Manow: Protestwahl ist ein rationales Signal an eine Mitte, die keine Alternativen mehr anbietet, weil die Entscheidungen nach Brüssel und Straßburg abgewandert sind.
- Amlinger & Nachtwey: Wer sein Leben als blockiert erlebt, holt nach dem Erdrutsch den Bagger, auch wenn dabei noch mehr kaputtgeht.
- Aladin El-Mafaalani: Die Gemeinschaft hält das Misstrauen zusammen und sonst nichts; darum braucht sie kein Programm.
- Arlie Hochschild: Unter der Wut liegt Verzweiflung; wer gesehen werden will, heiligt den, der hinsieht, „any flawed bully will do“.
- BissenBlaBla: In Italien folgen die Wähler der Rhetorik, nicht der Bilanz; Meloni genehmigte 452.000 Arbeitserlaubnisse.
Weitere Stimmen (6)
- Marina Weisband: Der Sturm aufs Kapitol war Ausdruck mangelnder Selbstwirksamkeit, derselbe Impuls, unter dem Trump und die AfD gewählt werden: es denen da oben zeigen. Die Daten zu den Angeklagten sprechen eher für Statusangst als für Ohnmacht, nur rund sieben Prozent waren arbeitslos, mehr als die Hälfte hatte Bürojobs oder eigene Firmen (Pape/CPOST 2022).
- Matthias Quent: Weder Rationalität noch Frust erklärt es; entstanden ist eine emotionale Identität, in der Widersprüche egal sind.
- Alexander Thiele: Die AfD ist das Antisystem-Konto, auf das jedes Versagen der Regierenden einzahlt.
- Querfurt: Nichtwählen und AfD sind zwei Auswege aus derselben Enttäuschung.
- Heinz Bude: Misstrauen als unbestimmte Negation, die sich an alles heftet.
- Martin Oetting: Derselbe Stimmzettel, zwei Seelenlagen: die Profiteure und die Verängstigten.
Manow hört in der Protestwahl ein Signal, dem man zuhören muss; Friedman sieht mündige Bürger, die genau die Macht wollen, die sie wählen. In zehn Jahren ist der Anteil der Überzeugten von einem Viertel auf die Hälfte gestiegen. Beschreibt das Wort „Protest“ noch etwas — oder beruhigt es nur die, die es benutzen?
Warum im Osten doppelt so viel?
Der Abstand ist real und stabil, die Erklärung umstritten. Ostdeutsche verdienen weniger und fühlen sich stärker benachteiligt; die Lücke bei der AfD-Wahl erklären aber politische Entfremdung, Misstrauen und nativistische Haltungen deutlich besser als Einkommen oder Alter (Kailitz & Rippl 2026, doi:10.1080/09644008.2026.2682305). Im Osten wirkt zusätzlich etwas, das im Westen fehlt, ein Gefühl kollektiver Benachteiligung, das mit der eigenen Lage wenig zu tun haben muss (Pickel & Pickel 2026, doi:10.1080/09644008.2025.2605686). Wer durch die Treuhand seine Arbeit verlor, vertraut dreißig Jahre später messbar weniger und bindet sich seltener an etablierte Parteien (Kellermann 2024, doi:10.1016/j.jce.2023.10.001). Dass Deutschland „durch Ausländer überfremdet“ sei, bejahen im Osten 44 Prozent, im Westen 31 (Leipziger Autoritarismus-Studie 2024).
Mit den Ausländern, die dort leben, hat diese Zahl wenig zu tun. Das DIW fand bei der Bundestagswahl 2025, dass Ausländeranteil und Zuzug von Schutzsuchenden für die AfD „entweder irrelevant“ sind oder in die Gegenrichtung zeigen: Im Osten war sie gerade dort stärker, wo der Ausländeranteil ungewöhnlich gering war (DIW aktuell 121, 2026). Im SOEP-Panel stieg die Zustimmung zur extremen Rechten, als die Zahl der Geflüchteten im Land wuchs, und sie sank, wo sie im eigenen Kreis wuchs (Gießelmann, Brady & Naujoks 2024, doi:10.1086/731833). Im ländlichen Osten änderte eine Unterkunft im Ort an der Ablehnung nichts, das Urteil gilt dem Land, nicht dem Nachbarn (Schaub, Gereke & Baldassarri 2021, doi:10.1177/0010414020957675). Wo Begegnung dauerhaft und kleinteilig ist, senkt sie die Rechtswahl messbar, in Oberösterreich die FPÖ um rund vier Punkte (Steinmayr 2021, doi:10.1162/rest_a_00922); wo Menschen nur durchziehen, steigt sie (Hangartner et al. 2019, doi:10.1017/s0003055418000813). Im Mittel aller kausalen Studien bleibt kaum ein Effekt, bei großen Unterschieden zwischen den Orten (Cools, Finseraas & Rogeberg 2021, doi:10.1111/ajps.12613). Die Angst im Osten ist darum eher ein Bild als eine Erfahrung, und Bilder lassen sich ändern: Seit die Sächsische Zeitung die Herkunft aller Tatverdächtigen nennt, auch der deutschen, sanken in ihrem Gebiet die Migrationssorgen (Keita, Renault & Valette 2024, doi:10.1093/ej/uead059). Wie groß das Bild ist, hat Thomas Hestermann gemessen: Nennt das Fernsehen 2025 die Herkunft eines Tatverdächtigen, ist er zu 94,6 Prozent kein Deutscher, in der Statistik sind es je nach Abgrenzung 34 bis 43 Prozent (Hestermann 2025). Und das Bild wirkt am stärksten, wo keine Begegnung es korrigiert: In Zeiten hoher Medienpräsenz steigt die Wahrscheinlichkeit großer Sorge um Migration um 13 Prozentpunkte, am meisten dort, wo kaum Minderheiten leben (Czymara & Dochow 2018, doi:10.1093/esr/jcy019).
Eine Zahl spricht gegen die bequemste Erklärung, die DDR-Prägung. In Sachsen-Anhalt wählten 2026 die über 70-Jährigen, die ihr halbes Leben in der DDR verbrachten, zu 31 Prozent AfD, die 35- bis 59-Jährigen zu gut der Hälfte. Vererbt wird offenbar etwas, das jünger ist als die Diktatur. Dass in Familien etwas weitergegeben wird, ist belegt: Bei der extremen Rechten ist die Haltung der Eltern der stärkste Prädiktor für die der Jugendlichen, vor allem vom Vater zum Sohn (Avdeenko & Siedler 2017, doi:10.1111/sjoe.12190). Wer als Kind die Arbeitslosigkeit der Eltern erlebt, neigt ihr häufiger zu, im Osten stärker und unabhängig vom Haushaltseinkommen (Siedler 2011, doi:10.1111/j.1467-985x.2010.00683.x). Die Diktatur prägt dagegen vor allem die, die sie erlebt haben: In der DDR sozialisierte Jahrgänge denken Demokratie populistischer, die Jungen gleichen sich an (Stallbaum 2024, doi:10.1080/13510347.2024.2392280). Noch weiter zurück greift die These vom ewig anderen Osten jenseits des Limes, und sie hat schon in Weimar einen Haken: 1932 verlief die Trennlinie der NSDAP-Wahl entlang der Konfession, Protestanten wählten sie weit häufiger als Katholiken (Spenkuch & Tillmann 2018, doi:10.1111/ajps.12328), und eines ihrer höchsten Kreisergebnisse, 83 Prozent, holte sie im protestantischen Rothenburg ob der Tauber in Mittelfranken (→ Faktencheck).
Die Stimmen
- Herfried Münkler: Der Westen habe aus der NS-Aufarbeitung gelernt, was man wollen darf, die DDR den Nationalsozialismus als Klassenkampf verbucht; dazu die Abwanderung der gut ausgebildeten Frauen.
- Eine Zuhörerin bei Münkler: Wäre die DDR-Schule das Problem, müssten die Alten AfD wählen; es sind aber ihre Kinder.
- Philip Manow: Das Versprechen einer gemeinsamen Verfassung wurde 1990 gebrochen; der Abstand ist entzogenes Vertrauen, keine autoritärere Kultur.
- Steffen Mau: Die AfD-Stärke im Osten ist biografisch geronnene Veränderungsmüdigkeit; 95 Prozent der Betriebe gingen an Westdeutsche.
- Matthias Quent: Bei den Jungen gibt es keinen Ost-West-Unterschied in den rechtsextremen Einstellungen, nur in der Normalität, sie auszusprechen.
- Dirk Oschmann: Der Osten ist kein Sonderfall, sondern zeigt früher, was alle westlichen Demokratien erleben; die AfD wählten vor allem Junge ohne Diktaturerfahrung, und wer die Ostdeutschen zu Diktaturgeschädigten erklärt, pathologisiert sie.
- Ilko-Sascha Kowalczuk: Ohne gesellschaftliche Aufarbeitung, mit schwacher Zivilgesellschaft und Männerüberschuss geben die Baseballschläger der Neunziger, heute selbst Eltern, ihre Erzählungen am Abendbrottisch weiter, der stärksten Sozialisationsinstanz.
- Roger de Weck: Mit James Hawes sieht er den Osten seit Limes und Preußen nach Osten gewandt und hält die deutsch-deutsche Verständigung für die große kulturelle Aufgabe; seine Stütze, die NSDAP-Geografie von 1932, hält dem Faktencheck nicht stand, und Hawes' These ist unter Historikern umstritten.
Weitere Stimmen (13)
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Melanie Stein: Westdeutsche Herablassung wirkt wie kollektives Gaslighting; Ostdeutsche stellen ein Fünftel der Bevölkerung und drei Prozent der Justiz.
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Philipp Blom: Wo die syrische Familie im Ort lebt, geht es meist gut; die Feindbilder kommen aus dem Fernsehen und entstehen dort, wo das Unbehagen ein Gesicht findet, nicht dort, wo die Ursache liegt.
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Jana Hensel: Hartz IV war die erste sichtbare Abbruchkante; darum sei eigentlich die SPD am Aufstieg der AfD schuld.
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BissenBlaBla: „Du hast nicht mehr Kriminalität erlebt. Du hast nur mehr davon gesehen“ — München bekam doppelt so viele Berichte wie Mannheim, und für ihn lag es an der Nationalität des Täters.
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Ivan Krastev: Die Enttäuschung ist gegenseitig und reicht über Deutschland hinaus bis Rumänien und Bulgarien: „Ihr habt uns unsere Zukunft geraubt.“
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Arlie Hochschild: Nach Ostkentucky kommt fast niemand; die Angst vor Einwanderern ist dort keine Erfahrung, sondern eine importierte Katastrophen-Erzählung.
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Martin Oetting: Die hilflose Angst vor den Übermächtigen wird in Wut auf die Unterlegenen umgeleitet.
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Staiy: Die Klickökonomie treibt die Berichte über ausländische Täter nach oben, die alltägliche Integration von Millionen kommt nicht vor.
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Düzen Tekkal: „Nichts ist stärker als die Macht der Begegnung“; die Angekommenen sind Brücke und Teil der Lösung.
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Prinz (rp26): Die Ostfrage ist eine Milieufrage; dieselbe Lage gibt es in der Oberpfalz, im Saarland, im Ruhrgebiet.
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Querfurt: Die Zweitklassigkeit wird vererbt; der 2008 geborene Cedrick trägt sie als Familiengedächtnis.
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Philip Manow: Die ostdeutsche Erfahrung „Wir sind das Volk“ trifft auf westdeutsche Demophobie.
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Klaus Dörre: Im deindustrialisierten Südwestsachsen sucht sich der Stolz eine Heimat, weil er keinen Betrieb mehr hat.
Münkler sucht die Ursache in der Diktatur, Manow in der Einheit, und die Zahlen zeigen, dass die in der DDR Aufgewachsenen seltener AfD wählen als ihre Kinder. Was wird da eigentlich vererbt: eine Prägung aus der Diktatur — oder eine Kränkung aus der Einheit?
Was lehrt Weimar?
Die Frage, warum Menschen Autoritäre wählen, ist in Deutschland zuerst an den Wählern der NSDAP gestellt worden, und die Wirtschaftsgeschichte hat sie in den letzten zwanzig Jahren neu vermessen. Die Weltwirtschaftskrise trieb nicht einfach die Arbeitslosen zu Hitler; die gingen eher zur KPD. Die NSDAP gewann überproportional bei denen, die von der Krise getroffen, aber nicht von Unterstützung abhängig waren: Selbstständige, kleine Gewerbetreibende, die arbeitenden Armen (King, Rosen, Tanner & Wagner 2008, doi:10.1017/s0022050708000788). Wo Brüning härter sparte, wuchs die NSDAP stärker (Galofré-Vilà, Meissner, McKee & Stuckler 2021, doi:10.1017/s0022050720000601), und Städte, die vom Zusammenbruch der Danat-Bank 1931 stärker betroffen waren, wählten danach deutlich häufiger NSDAP (Doerr, Gissler, Peydró & Voth 2022, doi:10.1111/jofi.13166).
Dieselbe Forschung findet die Gegenseite ebenso deutlich. In Orten, in denen es im Pestjahr 1349 Pogrome gegeben hatte, war die antisemitische Gewalt der Zwanzigerjahre häufiger und der NSDAP-Anteil 1928 höher, sechs Jahrhunderte später (Voigtländer & Voth 2012, doi:10.1093/qje/qjs019). Und die NSDAP breitete sich dort schneller aus, wo das Vereinsleben dicht war, in Gesangs-, Turn- und Schützenvereinen: Bürgersinn schützte nicht, er diente als Leitung (Satyanath, Voigtländer & Voth 2017, doi:10.1086/690949). Im Juli 1932 wählten zusammen knapp 58 Prozent Parteien, die die Republik abschaffen wollten, NSDAP, KPD und DNVP. Was danach kam, beschreibt Götz Aly: Die Zustimmung zum Regime wurde zu einem guten Teil gekauft, mit Sozialpolitik, Steuern für die Starken und dem Raub an den Verfolgten.
Wie lange die Lehre aus Weimar hält, ist eine eigene Frage. Das kommunikative Gedächtnis, das Menschen einander erzählen, reicht nach Jan Assmann drei bis vier Generationen (Assmann 1995, doi:10.2307/488538); für 1945 läuft es jetzt aus. Die Forschung zeigt, dass eine Prägung dann den Träger wechselt: In italienischen Orten mit mehr Antifaschisten unter Mussolini wird bis heute weniger neofaschistisch gewählt, getragen erst von der Erinnerung, dann von Denkmälern, doch seit 2018 schützt das nicht mehr gegen Fratelli d'Italia (Lecci, Panza, Swee & Zanella 2026, doi:10.1017/S0022050726101491). In Deutschland wählten Orte mit starker NSDAP 2013 noch nicht häufiger AfD, ab 2015 schon, sobald das Angebot da war (Cantoni, Hagemeister & Westcott, Arbeitspapier). Und im Oktober 2024 stimmten erstmals mehr Befragte einem „Schlussstrich“ zu als widersprachen, 38 zu 37 Prozent (MEMO 2025).
Die Stimmen
- Götz Aly: Die Nazis kochten „mit Wasser“, mit normaler Sozialpolitik: halbierte Arztgebühren, Kindergeld, Urlaub, höhere Steuern für Konzerne. Das Ergebnis war eine halbpassive Zustimmung, wenig Fanatismus.
- Götz Aly bei aspekte: Weimar kippte in der Mitte, weil sich die bürgerlichen Parteien zerlegten. Die AfD hält er ausdrücklich für keine Nachfolgepartei der NSDAP.
- Philipp Ruch: Die frühe NSDAP war eine Skandalpartei und wuchs trotzdem; Skandale aufzudecken hat ihr „kein Haar gekrümmt“.
- Erich Fromm: Das ökonomisch bedrohte Kleinbürgertum mit autoritärem Charakter war die soziale Basis, ein Befund, den die Wahldaten auf ihre Weise bestätigen.
- Clara Mattei: Liberale Ökonomen und Faschisten waren in der Austerität Verbündete; die Sparpolitik diente dazu, die Arbeit zu disziplinieren.
- Philipp Blom: Nach 1945 wurden Transnationalismus, Umverteilung und Abrüstung zur Vermeidungshaltung gegen alles, was zu 1933 führte. Solche Haltungen halten zwei bis drei Generationen; danach ist das „Nie wieder“ nur noch „eine Möglichkeit unter vielen“.
- Carsten Brosda: Mit Cassirer: Den Zwanzigern fehlten positive Bilder demokratischen Miteinanders, darum lagen in der Krise die archaischen Mythen bereit; dagegen steht, dass Cassirer 1928 selbst die Festrede zum Verfassungstag hielt, die Republik also Bilder hatte, und dass nach Cassirer die NS-Mythen planvoll gemacht wurden.
Weitere Stimmen (2)
- Götz Aly (zweite Note): Der Kitt war materiell und finanziert durch Raub, von den freien Lehrerstellen nach den Berufsverboten bis zum Familienunterhalt von 90 Prozent des letzten Lohns.
- Thomas Fricke: zieht die Linie von Brüning zur Gegenwart, von der Sparpolitik zum Kontrollverlust.
Aly zeigt eine Zustimmung, die gekauft war, mit Kindergeld, Urlaub und Raub; Voigtländer und Voth finden Einstellungen, die sechs Jahrhunderte überdauerten. Wurde die Gefolgschaft 1933 erst erzeugt — oder nur geweckt, was lange bereit lag? Und wenn beides: Welcher Teil davon ist heute wieder im Angebot?
Was holt Wähler zurück?
Die Strategie, die am häufigsten versucht wird, ist am besten untersucht und schneidet am schlechtesten ab: die Positionen der radikalen Rechten zu übernehmen, um ihr die Wähler abzunehmen. In über hundert Wahlen in Westeuropa fand sich kein Hinweis, dass das die radikale Rechte schwächt, eher das Gegenteil (Krause, Cohen & Abou-Chadi 2022, doi:10.1017/psrm.2022.8). Der stärkste Gegenbefund kommt aus Dänemark: Eine sozialdemokratische Partei mit restriktiverem Migrationskurs kann in bestimmten Lagen Wähler zurückgewinnen, verliert dafür andere (Hjorth & Larsen 2020, doi:10.1017/s0007123420000563).
Zwei Bedingungen machen das Bild genauer. Das Nachsprechen rechter Positionen kann die radikale Rechte schwächen, wenn ihre Partei zugleich geächtet bleibt; ohne Ächtung wirkt es nicht (van Spanje & de Graaf 2017, doi:10.1080/01402382.2017.1332328). Und rechnet man heraus, wie viel die Medien über Migration berichten, bremst Übernahme den Erfolg der Rechten sogar (Thesen 2025, doi:10.1177/13540688251366835), der Schaden käme dann aus der Aufmerksamkeit, weniger aus der Position. Selbst der dänische Musterfall ist weniger einer der Kopie, als er scheint: Wer 2019 von der Dansk Folkeparti zu den Sozialdemokraten zurückging, tat es vor allem wegen der Sozialpolitik (Etzerodt & Kongshøj 2022, doi:10.1111/1467-9477.12225), und die drei rechten Parteien kamen 2022 zusammen wieder auf rund 14 Prozent. Viele AfD-Wähler würden bei einer restriktiveren Mitte zurückkommen, die Mitte verlöre dabei aber eigene (Chou et al. 2021, doi:10.1177/0010414021997166). Wie Normalisierung wirkt, zeigt ein vorregistriertes Experiment: Vorurteilsrhetorik schwächt die Norm gegen Vorurteile nur, wenn eine Partei der Mitte sie ausspricht (Karcic 2026, doi:10.1007/s11109-026-10201-3).
Ob Ausgrenzung oder Einbindung radikale Parteien mäßigt, ist ebenfalls untersucht, mit einem ernüchternden Ergebnis in beide Richtungen. Ausgegrenzte Parteien werden nicht gemäßigter (Van Spanje & Van der Brug 2007, doi:10.1080/01402380701617431), eingebundene auch nicht (Akkerman & Rooduijn 2014, doi:10.1111/1467-9248.12146). Die Brandmauer ist also kein Erziehungsinstrument für die Partei. Was sie für die Wähler bedeutet, ist schwerer zu messen; die Befunde zur Normalisierung (→ Protest oder Überzeugung) sprechen dafür, dass jede Form der Anerkennung das offene Bekenntnis erleichtert.
Besser belegt ist der materielle Weg, zumindest in einer Richtung. Sparpolitik treibt extreme Parteien nachweislich nach oben, vor allem in wirtschaftlich verwundbaren Regionen und am stärksten, wenn die großen Parteien links und rechts beide für den Sparkurs stehen (Gabriel, Klein & Pessoa 2026, doi:10.1162/rest_a_01373; Baccini & Sattler 2024, doi:10.1111/ajps.12865; Hübscher, Sattler & Wagner 2023, doi:10.1017/S0007123422000734; Review: Hübscher & Sattler 2026, doi:10.1146/annurev-polisci-032624-022749). Sichtbar steigende Energiepreise tun es ebenso (Voeten 2024, doi:10.1177/00104140241237468). Für den Rückweg ist die Beweislage dünner. EU-Kohäsionsgeld senkte die populistische Wahl in italienischen Gemeinden nur wenig (Albanese, Barone & de Blasio 2022, doi:10.1016/j.euroecorev.2021.104000). Eine Entlastung wirkt, wenn sie gezielt und sichtbar ankommt: Mailänder Autohalter, die für ein Fahrverbot entschädigt wurden, wechselten nicht zur Lega (Colantone et al. 2023, doi:10.1017/s0003055423000308). Breite Entlastungen, die niemand bemerkt, verpuffen eher. Und öffentliches Eigentum an knappen Gütern kann selbst Stimmen nach rechts treiben, wenn es einen Verteilungskampf auslöst. Als Österreich Gemeindewohnungen für Zugewanderte öffnen musste, stieg die FPÖ-Wahl (Cavaillé & Ferwerda 2023, doi:10.1086/720643).
Dass eine Gabe an der Urne zurückkommt, ist im Grundsatz belegt, nur hält der Dank nicht lange. In Uruguay stimmten Haushalte, die knapp ins Armutsprogramm fielen, um 11 bis 13 Punkte häufiger für die Regierung als knapp abgelehnte (Manacorda, Miguel & Vigorito 2011, doi:10.1257/app.3.3.1); in Mexiko holte ein randomisiertes Programm vor allem Nichtwähler an die Urne (De La O 2013, doi:10.1111/j.1540-5907.2012.00617.x), in Finnland ein Grundeinkommen per Los die sonst Wahlmüden (Hirvonen, Schafer & Tukiainen 2024, doi:10.1111/ajps.12915). Von den sieben Punkten, die die SPD nach der schnellen Fluthilfe 2002 gewann, war 2009 nichts mehr übrig (Bechtel & Hainmueller 2011, doi:10.1111/j.1540-5907.2011.00533.x), und Bolsa Família band die Empfänger an das Amt, an keine Partei (Zucco 2013, doi:10.1111/ajps.12026). Beim Inflation Reduction Act fanden zwei noch unbegutachtete Studien in den begünstigten Countys 2024 keinen Gewinn für die Demokraten (Møller 2025, doi:10.31219/osf.io/7qhns; Miao, Finnegan & Andersson 2026, doi:10.33774/apsa-2026-98gg9), eine dritte einen für die Amtsinhaber im Repräsentantenhaus, und zwar beider Parteien, auch für Republikaner, die gegen das Gesetz gestimmt und die Fabriken dann für sich reklamiert hatten (Morton et al. 2026, doi:10.1038/s44168-026-00402-1). Den Dank bekommt, wer die Gabe überreicht. Was sichtbar wehtut, wiegt dagegen schwer: Schon die Erinnerung an die Inflation senkte wenige Tage vor der Wahl 2024 die Zustimmung zu den Demokraten, am stärksten bei Unabhängigen (Aytaç, McDowell & Steinberg 2025, doi:10.1017/s0007123425100811).
Wo materielle Politik verfing, lief sie durch eine Gemeinschaft. Spaniens Sozialisten handelten 2018 den Kohleausstieg mit Gewerkschaften und Unternehmen aus, mit Geld für Beschäftigte und Gemeinden; in den Bergbaugemeinden legte die PSOE 2019 zu, getragen von den Gewerkschaften, die das Abkommen vor Ort vertraten (Bolet, Green & González-Eguino 2023, doi:10.1017/S0003055423001235). Vom amerikanischen Pandemie-Arbeitslosengeld, knapp einer Billion Dollar, blieb politisch kaum etwas, außer bei den sieben Prozent, die dabei eine Kirche, ein Arbeiterzentrum oder eine Gewerkschaft angesprochen hatte (Hertel-Fernandez 2025, Essay). Umgekehrt treibt der Verlust solcher Orte die Rechte. Wo in Großbritannien eine weitere Nachbarschaftskneipe schloss, stieg die Neigung zu UKIP um 4,3 Punkte (Bolet 2021, doi:10.1177/0010414021997158); wo Italien in kleinen Gemeinden die öffentlichen Dienste zurückfuhr, wuchs die extreme Rechte (Cremaschi et al. 2024, doi:10.1111/ajps.12936). Wer sich ohne Respekt und ohne Bindung fühlt, wählt eher radikal (Gidron & Hall 2019, doi:10.1177/0010414019879947; zum Statusverlust → Materieller Kern oder Einstellung?). Die Kneipe, die Post, der Bahnhof sind Leistung und Gemeinschaft in einem; dort fällt der Gegensatz von Liefern und Gemeinschaftsgefühl in sich zusammen.
Wie man über das Gelieferte spricht, ist eine eigene Frage. Moralische Sprache bringt die eigenen Leute an die Urne: Parteien, deren Programme moralisch begründen, mobilisieren ihre Anhänger stärker (Jung 2020, doi:10.1111/ajps.12476), und moralisch-emotionale Wörter verbreiten sich weiter, bei konservativen Absendern am stärksten (Brady et al. 2019, doi:10.1037/xge0000532; Meta-Analyse: Brady et al. 2025, doi:10.1093/pnasnexus/pgaf327). Die Gegenseite erreicht sie nur in deren eigenen Werten (Feinberg & Willer 2019, doi:10.1111/spc3.12501), und belehrend vorgetragen schwächt sie sich selbst (Xu et al. 2026, doi:10.1177/01461672261437934). Wer Moral beansprucht, wird für jede Lücke härter bestraft als der, der nie etwas versprach (Jordan et al. 2017, doi:10.1177/0956797616685771); wer das System für illegitim hält, nimmt den offenen Lügner als authentisch (Hahl, Kim & Zuckerman Sivan 2018, doi:10.1177/0003122417749632). Dass Prinzipientreue an sich Stimmen bringt, ist kaum belegt: Wähler verzeihen Kurswechsel, die zu ihnen hinführen (Doherty, Dowling & Miller 2016, doi:10.1007/s11109-015-9321-9).
Kaum untersucht ist, was das Gespräch mit den Wählern selbst bewirkt, also die Ebene unterhalb von Partei und Programm. Was es gibt, spricht für das Zuhören. In drei vorregistrierten Feldexperimenten mit fast 7.000 Wählerinnen und Wählern änderten Argumente an ausgrenzenden Einstellungen nichts; ein nicht urteilender Austausch persönlicher Geschichten senkte sie, noch nach vier Monaten messbar, wenn auch nur wenig (Kalla & Broockman 2020, doi:10.1017/s0003055419000923). Wer eigene Erfahrungen erzählt statt Fakten aufzuzählen, wird von der Gegenseite als vernünftiger wahrgenommen (Kubin et al. 2021, doi:10.1073/pnas.2008389118). Die Forschung trennt dabei die Partei von ihren Wählern. Ein Stigma auf der Partei kann das Bekenntnis bremsen, schwach belegt (Harteveld et al. 2019, doi:10.1111/1467-9477.12153); ist sie einmal normalisiert, lässt sie sich kaum zurück stigmatisieren, Versuche in Spanien erzeugten teils Gegenwehr (Balcells et al. 2025, doi:10.1017/xps.2025.10007). Dass Scham in Wut auf Sündenböcke umschlägt, ist als Theorie ausgearbeitet (Salmela & von Scheve 2017, doi:10.1177/0539018417734419), am Einzelnen gemessen (Tangney et al. 1992, doi:10.1037/0022-3514.62.4.669), aber an Wählern bisher kaum. Eine kausale Studie zu Gesprächen mit AfD-Wählern fehlt.
Zwei Fälle aus dem Jahr 2026 stehen quer zu jeder Regel. In Ungarn verlor Orbán nach sechzehn Jahren, entschieden über Schulen, Krankenhäuser und Korruption, gegen einen Überläufer aus dem eigenen Lager, der in der Migration dieselbe Linie fährt. In Mecklenburg-Vorpommern holte Manuela Schwesig mit einem sozialdemokratischen Wahlkampf der Nähe fast zur AfD auf, und zwar vor allem aus den anderen demokratischen Parteien.
Die Stimmen
- Mely Kazim: Die Brandmauer reißt einen Graben; man müsse das Feuer auf der anderen Seite löschen. Die FPÖ liegt trotz Ibiza bei rund 40 Prozent.
- Alexander Thiele: Die Brandmauer bleibt; das Entzaubern hält er für Papens Irrtum und eine Zumutung für die sechzig Prozent, die die AfD nicht wollen.
- Aladin El-Mafaalani: Misstrauensgemeinschaften entzaubern sich nicht; statt AfD-Wähler umzudrehen, müsse man den Vertrauensverlust in der Mitte stoppen, mit einem Staat, der liefert.
- Roger de Weck: Die AfD bietet keine Lösungen, aber ein Gemeinschaftsgefühl, und wer in einer atomisierten Gesellschaft nur liefert, geht unter; ihre Leute verlor die SPD mit Hartz IV, lange vor jedem Wokismus.
- Adam Tooze: Eine Mehrheit baut, wer eine Koalition sichtbar beschenkt und offen sagt, wem; das Paket von 2021 halbierte eine Zeit lang die Kinderarmut und wurde kaum honoriert, und selbst die Progressiven haben es verdrängt.
- Stephan Marks: Für das Verbot der AfD, aber „damit kriegen wir keine Anhänger“. Wer ihre Wähler als Kacke beschämt, gießt Öl ins Feuer; Interesse sei „die einzige Chance, die wir haben“.
- Tom Krebs: Die AfD wuchs in drei Schüben, jeder nach einem wirtschaftspolitischen Versäumnis; wer sie klein machen will, muss Strom und Mieten billiger machen, notfalls über öffentliches Eigentum.
- Susan Neiman: „Mehr Netto vom Brutto“ feuert niemanden an; Mamdani gewann, weil er Bezahlbarkeit als Gerechtigkeit erzählte und bei Gaza nicht nachgab, und wer einem Prinzip gegen den eigenen Vorteil treu bleibt, dem traut man auch die anderen zu.
Weitere Stimmen (24)
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Gawrich zu Ungarn: Orbáns Feindbilder zogen nicht mehr, entschieden haben Bildung, Gesundheit, Korruption und ein Graswurzel-Wahlkampf in 700 Orten.
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Jana Hensel: Schwesig ist keine Ausnahme, sondern prototypisch sozialdemokratisch; Kormbaki hält dagegen, ihr Playbook tauge nicht als Blaupause.
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Roger de Weck (zur Brandmauer): Wer sie einreißen will, hat noch kein Szenario vorgelegt, wie das die AfD schwächt; in der Schweizer Regierung radikalisierte sich die SVP von Jahr zu Jahr.
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Marina Weisband: Mit ihrem AfD-wählenden Onkel spricht sie über den verlorenen Job seiner Frau und seine Angst auf der Straße, nie über Rassismus: über die echten Anliegen reden, die Rationalisierungen liegen lassen.
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Thomas Fricke: Inflation ist Ohnmacht im Supermarkt; der steilste AfD-Anstieg folgte dem Inflationsgipfel im Herbst 2022, und Trump-Wähler nannten sie mehr als doppelt so oft als Hauptsorge wie Harris-Wähler.
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Robin Celikates: Eine Brandmauer gab es nie, nur ein „Mäuerchen“: Wer Stadtbild und Abschiebeoffensive bedient, treibt die Wähler zum Original. Zurück holt sie nur die „Konkretion“, sichtbar gebaute Daseinsvorsorge.
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Alexander Thiele (zweiter Befund): 2013 bis 2015 verschwand die AfD fast, als der Bundestag die Euro-Debatte öffnete. Wer die Teilhabelücke schließt, nimmt ihr das Motiv.
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Liya Yu: Wer sich entmenschlicht fühlt, schlägt eher zurück und verhandelt nicht mehr; Beschämung füttert die Spirale.
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Arlie Hochschild (Scham-Schild): Jede Beschämung liefert Trump den Treibstoff für das „Roar-Back“, das Zurückbrüllen.
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Gilda Sahebi & Arne Semsrott: Wer nach rechts rückt, verliert die eigene Basis; Labour hat nicht an Reform UK verloren.
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Michel Friedman: Das Verbot ist im Prinzip richtig: „Muss das Auschwitz kommen, um gegen Hitler zu sein?“ Kazim widerspricht im selben Abschnitt.
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Matthias Quent: Brandmauer zwischen den Institutionen ja, zwischen den Menschen nein; Gemeinschaftsangebote vor die Extremisten stellen.
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Annette Dittert: Die Tories haben Farage kopiert und sich aus der Existenz kopiert.
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Nachtsitzung: Trumps Basis erodiert an Lebenshaltungskosten und ICE, gegen El-Mafaalanis These der Unentzauberbarkeit.
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Heinz Bude: Eine Adresse des Kümmerns sein, liberal und ohne Oberkümmerer.
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Arlie Hochschild: Zweisprachig werden; Empathie heißt nicht Zustimmung.
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Beate Küpper: Themenübernahme legitimiert und setzt eine Radikalisierungsspirale in Gang.
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Steffen Mau: Die Wähler nehmen lieber das Original als die Kopie.
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Arne Semsrott: Es gibt eine formelle Brandmauer, aber keine zu den Inhalten.
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Siegmund als Kümmerer: Kindergarten, Arzt, Schule: „Der Platz war frei. Jemand hat ihn besetzt.“
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Ulrike Winkelmann: Moralisches Reden ist meist konservative Ermahnung des Einzelnen; links gehe es um Verhältnisse und Gesetze.
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Carsten Brosda (zum Wort): Gerechtigkeit hat etwas Transaktionales; er setzt auf Solidarität, „manche Dinge gehören sich“.
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Tarik Abou-Chadi: Seit Blair und Schröder betreiben Sozialdemokraten Valenzpolitik statt Vision; die Sprache der Klasse haben die Rechten übernommen.
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Marina Kormbaki: Die AfD ist zur „Hoffnungspartei“ geworden; bei Siegmunds „Zukunft“ jubelt der Platz, die Regierenden klingen verzagt.
El-Mafaalani sagt, Misstrauensgemeinschaften entzaubern sich nicht, und die Forschung sagt, dass die Übernahme ihrer Themen nicht hilft. Trotzdem fiel Orbán, über Schulen und Krankenhäuser, gegen einen aus dem eigenen Lager. Wirkt Entzauberung also doch, nur nicht durch die alte Mitte — und was hieße das für ein Land, in dem die Union in Sachsen-Anhalt auf 17 Prozent geschrumpft ist?
Marks will die Partei verbieten und mit ihren Anhängern reden, El-Mafaalani hält ihm Zerstörungslust entgegen: Wer zerstören will, den erreicht kein Interesse mehr. Die Feldexperimente messen kleine, aber dauerhafte Effekte des Zuhörens, an Einzelnen, nicht an Wahlen. Wo endet die Norm, die schützt, und wo beginnt die Beschämung, die zurückbrüllen lässt?
Ist der Backlash der Preis des Fortschritts?
Die Frage hinter allen anderen: Erzeugt gelingende Gleichstellung selbst den Gegenschlag? Alexis de Tocqueville hat zwei Antworten gegeben, die man oft zu einer verschmilzt. Die eine ist vorübergehend. Nach einer demokratischen Umwälzung können die früher Privilegierten ihre alte Größe nicht gleich vergessen und fühlen sich lange als Fremde in der neuen Gesellschaft (Über die Demokratie in Amerika, Bd. 2, Teil 2, Kap. 3). Die andere bleibt. Wo fast alles eingeebnet ist, verletzt schon die kleinste Ungleichheit, und darum werden die Menschen „niemals eine Gleichheit begründen, die ihnen genügt“ (ebd., Kap. 13, frz. Original). Im Alten Staat und der Revolution (1856) fügt er den gefährlichsten Moment hinzu: den, in dem eine schlechte Regierung sich zu bessern beginnt.
Die heutige Forschung findet beide Effekte. Das Integrationsparadox ist gut belegt: Höher gebildete und besser integrierte Eingewanderte nehmen mehr Diskriminierung wahr (de Vroome, Martinović & Verkuyten 2014, doi:10.1037/a0034946; Steinmann 2018, doi:10.1080/1369183X.2018.1480359), und bessere Aufstiegschancen können im Experiment die Frustration erhöhen statt senken (Otten 2020, doi:10.1016/j.rssm.2019.100440). Bei den Geschlechtern ist die politische Kluft zwischen jungen Frauen und Männern über 32 Länder meist klein bis mäßig, aber dort größer, wo die Gleichstellung weiter ist (Nennstiel & Hudde 2025, doi:10.1093/esr/jcaf021). Bei der Europawahl 2024 wählten junge Männer zu gut 21, junge Frauen zu etwa 14 Prozent rechtsextrem (Milosav et al. 2025, doi:10.1080/13501763.2025.2481181). Dass Frauenrechte Männern schaden, glauben in der EU am ehesten die jungen Männer, verstärkt bei steigender Arbeitslosigkeit in ihrer Region (Off, Charron & Alexander 2022, doi:10.3389/fpos.2022.909811).
Damit ist auch die Frage nach dem Kuchen berührt. Nullsummendenken, also das Gefühl, was der andere gewinnt, verliere ich, wächst dort, wo die eigene Familie keinen Aufstieg erlebt hat, und geht mit dem Wunsch nach Umverteilung und nach strengerer Migrationspolitik einher (Chinoy, Nunn, Sequeira & Stantcheva 2026, doi:10.1257/aer.20240692). Global haben zwischen 1988 und 2008 die asiatischen Mittelschichten und das oberste Prozent gewonnen, während die unteren Mittelschichten der reichen Länder stagnierten (Lakner & Milanović 2016, doi:10.1093/wber/lhv039). Eine Hoffnung trägt die Forschung nicht: dass der Backlash mit den Alten ausstirbt. Jüngere Kohorten wählen eher mehr autoritär-populistisch als ältere (Schäfer 2021, doi:10.1017/S0007123421000363). Die Gender-Gap-Forschung ist allerdings jung, Meta-Analysen fehlen noch.
Die Stimmen
- Aladin El-Mafaalani: Mehr Gerechtigkeit führt in der Regel zu mehr Konflikten, und dauerhafte Großzügigkeit durch diesen Prozess hindurch ist anthropologisch unwahrscheinlich. Tocqueville habe sich geirrt: „Hat nicht geklappt.“
- Barbara Bleisch: Der Backlash gilt kaum dem Brot, sondern Geschlechterrollen und der Verfügung über den weiblichen Körper. Die Norm darf sich nicht ändern, nur weil der Widerstand wächst.
- Kimberlé Crenshaw: Rückbau ist der Schatten jedes Fortschritts. Die Frage ist nie, ob er kommt, sondern wie tief und wie lange.
- Roger de Weck: Männliche Vorherrschaft, westliche Weltgeltung, die Herrschaft über Natur und Technik gehen zugleich zu Ende; er begrüßt das, aber es wird als Demütigung erlebt, und diese „Kumulierung so vieler Demütigungen“ ist Treibstoff für die Rechtspopulisten.
- Moritz Rudolph (12:57, 34:03): Vielleicht zerfällt die Welt, weil sie fast einheitlich geworden ist; mit Tocqueville treten im Moment der Angleichung die letzten Unterschiede umso schärfer hervor, mit Volker Weiß werden sie dann künstlich aufgeblasen, und der Rechtspopulismus ließe sich auch als „atmosphärische Sehnsucht“ deuten, nach einer Show, die wenigstens unterhält.
- Harald Welzer: Man fühlte sich auf einem zivilisatorisch guten Weg und nahm die Gegenkräfte nicht zur Kenntnis; die Entpolitisierung von Klima- und Artenschutz, als wollten alle dasselbe, war ein „Sedativ“.
- Eva von Redecker: Das Anti-Gender-Vokabular setzt alte Muster fort; der Kampf ist symbolisch und braucht die Wirklichkeit nicht.
- Ardalan Ibrahim: Wenn der Kuchen nicht mehr wächst, zerbricht das Aufstiegsversprechen, und die Rechte bietet die „happy Volksgemeinschaft“ an.
Weitere Stimmen (11)
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Pankaj Mishra: Das Versprechen der Gleichheit setzt die Maschine des Vergleichs in Gang, und Ressentiment ist ihr Produkt.
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Heinz Bude: Nicht der Absturz ängstigt, sondern der relative Abstand, und die Angst steigt mit dem Wohlstand.
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Steffen Mau: Die Verteilungsfrage bleibt still, gestritten wird um Migration, Identität und Klima.
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Raúl Krauthausen: Er sieht die Welle der Vielfalt gerade ablaufen und hält trotzdem an der Quote fest, auch um den Preis, der „Quotenbehinderte“ zu sein: Ihm sei kein besseres Mittel begegnet, Macht zu teilen.
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Wolfgang M. Schmitt: Der Backlash kommt aus Emanzipation bei gleichzeitig wachsender ökonomischer Ungleichheit, dazu aus der globalen Angleichung: Auch der westliche Tourist verliert Privilegien.
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Maja Göpel: Plattformen und Finanzmarktdominanz haben den Übergang erschwert; wer narzisstischer Wut immer weiter gibt, kapituliert.
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Aladin El-Mafaalani (taz lab): Man hat die Mädchen gestärkt und den Jungen keine Rolle angeboten.
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Wilhelm Heitmeyer: Neue harte Männlichkeit wird zum politisch wirksamen Gegenbild.
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Damir Skenderovic: Wer linke Identitätspolitik für den Backlash verantwortlich macht, betreibt dessen Verstärkung.
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Arnaud Orain: Im Kapitalismus der Endlichkeit gewinnt einer, was der andere verliert, Nullsumme als Epoche.
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Maja Göpel (mit Truger): Solange der Kuchen wächst, muss niemand abgeben; die Verlustaversion blockiert den Rest.
El-Mafaalani sagt, der Platz am Tisch sei verhandelbar, solange der Kuchen wächst. Bleisch sagt, der Gegenschlag gelte dem Körper der Frau, nicht dem Brot. Die Daten zeigen junge Männer, die bei steigender Arbeitslosigkeit sexistischer werden, und eine Kluft, die dort am größten ist, wo die Gleichstellung am weitesten kam. Ist der Backlash also der Preis des Gelingens, den man zahlen muss, oder ein Zeichen, dass der Übergang ohne einen wachsenden Kuchen nicht zu schaffen ist?
Neiman will die Linke mit dem Wort Gerechtigkeit zurück in die Offensive holen, Winkelmann fürchtet die Moral, die den Einzelnen ermahnt, Brosda findet Gerechtigkeit zu transaktional. Die Forschung gibt allen dreien ein Stück: Moralische Sprache bringt die eigenen Leute an die Urne, die anderen erreicht sie nur in deren Werten. Holt Gerechtigkeitssprache Abgewanderte zurück oder nur die eigenen Nichtwähler an die Urne, und wäre das schon genug?
Nachbesprechungen, die hierher führen
| Datum | Note | Vertieft |
|---|---|---|
| 27.09.2026 | Der Entscheidende Punkt — Nach den Landtagswahlen | Gründungsnote: materieller Kern oder Einstellung (Ort gegen Person, Statusverlust, Nachwahlzahlen Sachsen-Anhalt) · Protest oder Überzeugung (Zeitreihe MV 24 → 53 %) |
| 27.09.2026 | Philipp Blom — Die Unterwerfung | Was lehrt Weimar — und wie lange? Assmanns Frist des kommunikativen Gedächtnisses, Persistenz vs. Verblassen (Lecci et al. 2026, Voigtländer & Voth, Cantoni et al.), MEMO-Schlussstrich 2024 |
| 30.09.2026 | Tom Krebs — Wege aus der Krise | Was holt Wähler zurück? Sparpolitik schadet belegt (Gabriel et al. 2026, Baccini & Sattler 2024), der Rückweg über Geld ist schwächer (Albanese et al. 2022); Entlastung wirkt nur sichtbar (Colantone 2023, Voeten 2024); öffentlicher Wohnbau kann selbst Rechtswahl auslösen (Cavaillé & Ferwerda 2023) |
| 30.09.2026 | Philipp Blom — Die strauchelnde Welt | Warum im Osten doppelt so viel? Hilft die syrische Familie im Ort? Kontakt gegen Bild: dauerhafte kleine Unterbringung senkt die Rechtswahl (Steinmayr 2021, Vertier et al. 2023), Durchzug hebt sie (Hangartner et al. 2019), im eigenen Kreis dämpfend, national verstärkend (Gießelmann et al. 2024), DIW 2026: im Osten AfD stark, wo wenige Ausländer leben; Meta-Analyse im Mittel null (Cools et al. 2021) |
| 04.10.2026 | Göpel, Bleisch, El-Mafaalani, Schmitt — Verhärten. Überall. Und nun? | Neue Frage: Ist der Backlash der Preis des Fortschritts? Tocquevilles zwei Thesen (Übergang der Entthronten, dauernde Empfindlichkeit), Integrationsparadox (de Vroome et al. 2014, Steinmann 2018), Gender-Kluft dort größer, wo Gleichstellung weiter ist (Nennstiel & Hudde 2025), junge Männer und Arbeitslosigkeit (Off et al. 2022), Nullsummendenken (Chinoy et al. 2026), Schäfer 2021 gegen die Generationenthese · Materieller Kern: Inglehart & Norris 2017, Mutz vs. Morgan |
| 04.10.2026 | Stephan Marks und Aladin El-Mafaalani — Unter der Wut die Scham? | Was holt Wähler zurück? Die Ebene des Gesprächs: Geschichten statt Argumente (Kalla & Broockman 2020, Kubin et al. 2021), Partei stigmatisieren vs. Wähler beschämen (Harteveld et al. 2019, Balcells et al. 2025), Scham → Wut als Theorie (Salmela & von Scheve 2017) und am Einzelnen (Tangney 1992); neue Reibung Marks/El-Mafaalani |
| 04.10.2026 | BissenBlaBla — AfD-Behauptungen zur Ausländerkriminalität | Warum im Osten doppelt so viel? Wie das Bild entsteht: Hestermann-Kurve 2014–2025, Klimmt et al. 2024 (Herkunftsnennung nach 2015), Pressekodex 12.1, Czymara & Dochow 2018 (Sorge am größten, wo wenige Minderheiten), Couttenier et al. 2024 (Minarettverbot), Keita et al. als Ausweg · Gründet das neue Panorama Macht Migration kriminell? |
| 07.10.2026 | Robin Celikates — Faschisierung, Hoffnung und die Krise des Systems | Was holt Wähler zurück? Wann Kopieren doch wirkt: Kopie plus Ächtung (van Spanje & de Graaf 2017), Medienaufmerksamkeit herausgerechnet (Thesen 2025), Salienz (Williams & Hunger 2022); Dänemark über Sozialpolitik (Etzerodt & Kongshøj 2022), AfD-Wähler-Experiment (Chou et al. 2021), Normalisierung nur aus der Mitte (Karcic 2026) |
| 08.10.2026 | Adam Tooze — Krise und demokratische Gelegenheit | Lohnt sich materielle Politik? Transfers belohnt (Manacorda, De La O, Hirvonen), Dank verfällt (Bechtel & Hainmueller, Zucco), IRA: Partei nein, Überbringer ja (Morton 2026), Inflation (Aytaç 2025) |
| 08.10.2026 | Roger de Weck — Was ist konservativ, was reaktionär? | Liefern oder Gemeinschaft? Kohleausstieg über Gewerkschaften (Bolet 2023), Verlust von Gemeinschaftsorten (Bolet 2021, Cremaschi 2024), Status (Gidron & Hall), Sparkonsens der Mitte (Hübscher 2023) |
| 10.10.2026 | Isabella Weber — Antifaschistische Wirtschaftspolitik | Materieller Kern: Marktmiete und AfD-Neigung (Abou-Chadi, Cohen & Kurer 2025; Held & Patana 2023), Daseinsvorsorge (FES/ILS 2025), Selbstwert und Gruppe (Gidron & Hall 2020, Golec de Zavala 2019), Fallhöhe (Engler & Weisstanner 2021); Weber und Fromm als Stimmen |
| 10.10.2026 | Oschmann und Kowalczuk — Kränkung oder Freiheitsschock | Warum im Osten doppelt so viel? Familiäre Weitergabe (Avdeenko & Siedler 2017), Arbeitslosigkeit der Eltern (Siedler 2011), DDR-Prägung bei den Älteren (Stallbaum 2024); Oschmann und Kowalczuk als Stimmen |
| 10.10.2026 | Susan Neiman — Nennen wir es böse | Was holt Wähler zurück? Die Ebene der Sprache: moralische Rhetorik mobilisiert die Eigenen (Jung 2020), verbreitet sich, rechts stärker (Brady 2019/2025), überzeugt andere nur in deren Werten (Feinberg & Willer 2019), Ermahnung schwächt (Xu 2026); Heuchelei gegen Authentizität (Jordan 2017, Hahl 2018), Konsistenz kaum belohnt (Doherty 2016); neue Reibung Neiman/Winkelmann/Brosda |
Verbindungen
→ Wie werden gewöhnliche Menschen zu Tätern?
Dort nicht die Wähler, sondern die Mitmacher: wie Polizisten, Beamte und Nachbarn zu Tätern wurden, mit Aly und Fromm, die in beiden Panoramen stehen.
→ Macht Migration kriminell?
Die Tat hinter dem Bild: Was man über den Abstand in der Kriminalstatistik weiß, woher er kommt und was ihn kleiner macht. Dieses Panorama fragt nach dem Echo in der Wahlkabine, das Schwester-Panorama nach der Sache selbst.
→ NoAfD
Das Schwester-Panorama über die Partei: was sie will, wie sie wächst, was gegen sie hilft. Sein Abschnitt „Ursachen“ ist stark in der Theorie (Fromm, Arendt, Mattei, Rivera Cusicanqui); hier kommen die Wähler und die Wahldaten dazu.
→ Autoritärer Internationalismus
Die Angebotsseite: wie sich die autoritäre Rechte über Grenzen vernetzt und finanziert. Dieses Panorama fragt nach der Nachfrage.
→ Wie kann Demokratie funktionieren?
Das Geschwister-Panorama über die Bauweise der Demokratie. Wo Menschen sich nicht gehört fühlen, beginnen beide Fragen an derselben Stelle.
→ Wie handelt eine Demokratie?
Die Kehrseite der Sehnsucht nach dem starken Mann: Was kann eine Demokratie tun, damit sie handelt, bevor jemand verspricht, es an ihrer Stelle zu tun?
→ Panorama: Wie kommt man aus der rechten Szene wieder heraus?
Das Schwester-Panorama auf der Ebene der Szene: Wo dieses fragt, was Wählende zurückholt, fragt jenes, wie Einzelne aus der rechten Szene herausfinden — über Partnerin, Kind, Begegnung und oft zehn Jahre.
→ Stephan Marks und Aladin El-Mafaalani — Unter der Wut die Scham?
Ein Schamforscher antwortet auf die Ost-Frage mit beidem: verratene Integrität in der DDR, Beschämung durch die Abwicklung. Es ist eine Deutung aus Interviews, keine Messung. El-Mafaalani folgert, eine Gesellschaft könne kippen, ohne dass die Mehrheit rechtsextrem denkt.
→ Was macht Schule mit uns?
Die Jahre davor: Beschämung, Herkunft und Mitsprache in der Schule — wer dort gelernt hat, dass er nicht zählt, hört später womöglich auf die, die ihm das Gegenteil versprechen.
Weiterdenken
- Alle Stimmen hier erklären, warum andere autoritär wählen. Welche meiner eigenen Kränkungen würde ich einer Partei anvertrauen, die mir verspricht, sie zu rächen?
- Aly zeigt, dass die Zustimmung 1933 mit Sozialpolitik gekauft war, Hensel fordert heute mehr Sozialpolitik gegen die AfD. Wie unterscheidet sich Fürsorge, die eine Demokratie stärkt, von Fürsorge, die Gefolgschaft kauft?
- Die Forschung findet Einstellungen, die sechs Jahrhunderte überdauern, und Wählerschaften, die in zehn Jahren von Protest zu Überzeugung wandern. Was davon ist Schicksal, was ist Entscheidung — und wer entscheidet, was man Menschen noch zutrauen darf?
- Wer nach dem Warum fragt, riskiert zu entschuldigen, wer es nicht tut, riskiert, nicht zu verstehen. Wo verläuft für mich die Grenze zwischen Verstehen und Verständnis?
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