Worum es geht
Auf der re:publica 26 steht ein Konzern auf der Bühne, den fast niemand im Saal kennt, obwohl seine Geräte in beinahe jedem Gegenstand des Alltags stecken: Hexagon, Messtechnik. Die beiden Vortragenden zeigen, was Laserscanner, digitale Zwillinge und KI heute sichtbar machen — die Vertikalstruktur eines renaturierten Waldes in Brasilien, das Solarpotenzial jedes einzelnen Dachs in Klagenfurt, ein humanoider Roboter in einem BMW-Werk. Ihr Schlusssatz ist zugleich ihr Geschäftsmodell: Was wir nicht messen können, können wir nicht verbessern. Der Vortrag ist eine bezahlte Partner-Session, und er ist genau deshalb interessant — als Dokument darüber, wie die Industrie im Sommer 2026 über Naturrettung spricht. Die Fragerunde am Ende ist der ehrlichste Teil.
Anlass — Internationaler Tag zur Erhaltung des Mangroven-Ökosystems (26. Juli)
Der Tag existiert seit dem 6. November 2015, eingebracht von Ecuador auf der 38. UNESCO-Generalkonferenz, Resolution 38C/66. Seit den 1980er Jahren ist etwa ein Drittel der weltweiten Mangrovenfläche verschwunden — durch Aquakultur, Tourismus, Städte, steigende Meere.
Das Ausgerechnete daran: Mangroven wurden nicht aus Unkenntnis zerstört, sondern nach exakter Rechnung. Jemand hat gemessen, was ein Hektar Küstensumpf einbringt und was ein Hektar Garnelenteich einbringt, und die zweite Zahl war größer. Was in dieser Rechnung fehlte — Küstenschutz, Fischkinderstube, Kohlenstoff im Schlick —, fehlte nicht, weil es unmessbar gewesen wäre, sondern weil niemand es in Rechnung stellte. Genau dort liegt die Reibung zu diesem Vortrag: Messen ist nie neutral. Was gemessen wird, hat immer jemand ausgewählt.
Quelle: re:publica 26 — Vom Tropenwald bis Neukölln: Warum wir die Welt vermessen müssen, um sie zu retten (Mai 2026, 29 Min.)
Bezahlte Partner-Session
Der Talk lief als Partner-Session des Messtechnik-Konzerns Hexagon AB (Stockholm; zu ihm gehört u.a. Leica Geosystems). Beide Vortragenden sind Hexagon-Angestellte. Die gezeigten Projekte sind real; die Auswahl folgt einer Erzählung, in der Messtechnik rettet. Was der Vortrag nicht erwähnt, gehört zum Bild: Hexagons Geschäft reicht vom Bergbau über Bauwesen bis in den Sicherheits- und Behördenmarkt.
Wer spricht?
Madlen Nicolaus — Chief Marketing Officer von Hexagon AB, seit April 2023. Zuvor Marketingführung bei Salesforce, SAP (VP Marketing EMEA, SAP Concur) und Kodak. Sie führt durch den ersten Teil und sorgt für die Alltagsbeispiele.
Martin Winistörfer — Director AI Research bei Hexagon, verankert in Heerbrugg, dem Schweizer Standort von Leica Geosystems. Vorher Leica Geosystems und BRUSA Elektronik. Er übernimmt die technischen Fälle.
Inhalt
Wer ist mit der Bahn gekommen?
▶ 0:00 Nicolaus eröffnet mit Handzeichen im Saal. Wer kam mit der Bahn, wer fährt Auto, wer benutzt Google Maps? Alles drei funktioniere nur, weil Messtechnologie darunterliegt — und trotzdem habe kaum jemand im Publikum je von Hexagon gehört.
Das ist ein guter Einstieg, und er ist eine Marketingfigur: Erst die unsichtbare Abhängigkeit vorführen, dann den Namen nennen, der sie beliefert. Was folgt, ist eine Bilderstrecke der Instrumente. Ein Gerät, mit dem Mobiltelefone gefertigt werden, damit sie den Sturz in die Badewanne überstehen. Eines, das aus Metern Entfernung feiner misst als ein Haar dick ist. Eines, mit dem in der Formel 1 alle Wagen vor und nach dem Rennen auf FIA-Konformität vermessen werden. Eines, mit dem das Frühstücksmüsli geerntet wurde. Die gelben Dreibeine an jeder Baustelle — Totalstationen.
Dann der Satz, der den Vortrag philosophisch aufladen soll:
„Das ist kein Science-Fiction, sondern das ist einfach die menschlichste aller Technologien.” ▶ 4:37
Die Pyramiden seien auf Messtechnik gebaut, Vermessung sei eine Art Sprache, in der wir überhaupt miteinander existieren.
Eigene Einschätzung
Der Anspruch ist größer, als das Beispiel hergibt, und die Reibung ist produktiv. Vermessung ist tatsächlich uralt und tief menschlich — sie ist auch die Technik, mit der Land aufgeteilt, Steuern erhoben, Grenzen gezogen und Kolonien kartiert wurden. Der Katasterplan ist der Vorläufer des digitalen Zwillings. Wer Vermessung zur „menschlichsten aller Technologien” erklärt, sagt mehr Wahres, als er meint: Sie ist so menschlich wie das Eigentum, das sie ermöglicht hat. Der Vortrag nimmt nur die eine Hälfte dieser Geschichte mit.
Notre-Dame, oder wem eine Rettung gehört
▶ 3:04 Das erste große Beispiel ist das rührendste. Ein Experte habe die Kathedrale Notre-Dame vor dem Brand mit einer BLK bis in jeden Winkel gescannt; es habe also einen millimetergenauen digitalen Zwilling gegeben, und dadurch habe man originalgetreu wiederaufbauen können.
Der Fall ist real, die Erzählung geglättet. Der „Experte” war der amerikanische Kunsthistoriker Andrew Tallon, der die Kathedrale 2010 von über fünfzig Standpunkten aus mit einer Leica ScanStation C10 erfasste — rund eine Milliarde Punkte. Tallon starb 2018, ein Jahr vor dem Brand, den seine Arbeit überdauerte. Leica gehört seit 2005 zu Hexagon, insofern hat der Konzern an dieser Geschichte einen echten Anteil. Nur ist die BLK, die auf der Folie danebensteht, ein anderes, sechs Jahre jüngeres Gerät. Aus „ein Wissenschaftler hat mit einem unserer Vorgängermodelle etwas Erstaunliches getan” wird auf der Bühne „das hat unsere BLK geleistet” — und aus einem Namen wird ein Produkt. (Faktencheck unten.)
Weitergedacht
Wenn eine Firma die Leistung eines Einzelnen als Leistung ihres Produkts erzählt — ab wann ist das Werbung, und ab wann ist es das Löschen eines Namens?
Der Wald im Querschnitt
▶ 7:39 Hier übernimmt Winistörfer, und der Vortrag wird gut. Aguas Claras in Brasilien, eine Eisenerzmine, bis 2002 in Betrieb, danach Renaturierung. Um Renaturierung zu steuern, muss man Biodiversität messen können: Satelliten und LiDAR für das Gelände, Akustik- und Kamerafallen für die Tierwelt, Bodenradar für den Untergrund. Mehrere hundert Tierarten habe man so erfasst.
Dann kommt das eine Bild, das den ganzen Talk trägt. Von oben ein dichter grüner Wald, gleichmäßig, unauffällig:

Dann derselbe Wald im LiDAR-Querschnitt, Millionen Punkte, seitlich betrachtet und nach Boden, niedriger und hoher Vegetation eingefärbt. Und plötzlich sieht man, dass die linke Hälfte anders gebaut ist als die rechte: weniger dicht, andere Schichtung.

„Tatsächlich ist es nämlich so, dass auf der linken Seite Eukalyptusbäume sind, eine invasive Art, die wir nicht in diesem Renaturierungswald haben wollen. Das war zuvor auf dem Bild gar nicht erkennbar.” ▶ 9:59
Das ist der überzeugendste Moment des Vortrags, weil er nichts behauptet, was das Bild nicht zeigt. Aus der Vogelperspektive sind beide Hälften Wald. Erst die dritte Dimension trennt einen wiederhergestellten Bestand von einer Plantage, die aussieht wie einer. Genau diese Verwechslung ist im globalen Aufforstungsgeschäft keine Randerscheinung, sondern der Normalfall — Millionen Hektar Monokultur werden als Renaturierung verbucht, weil Satellitenbilder von oben grün zählen.
Eigene Einschätzung
Wenn dieser Vortrag ein Argument hat, das über Werbung hinausreicht, dann dieses. Es sagt nämlich das Gegenteil dessen, was der Schlusssatz behauptet: Nicht Messung an sich hilft, sondern die richtige Messung — und die bisherige, die Draufsicht, hat jahrzehntelang systematisch getäuscht. Damit ist der eigentliche Befund nicht „messen rettet”, sondern „unsere bisherigen Zahlen waren falsch, und wir haben Politik darauf gebaut”. Das ist ein unbequemerer Satz, und er steht nicht auf der Folie.
Klagenfurt, Dach für Dach
▶ 10:44 Zweiter Fall, europäischer. Eine Stadtplanerin in Klagenfurt soll das Solarpotenzial abschätzen. Klagenfurt hat die ganze Stadt luftgestützt und mobil gescannt, daraus einen digitalen Zwilling gebaut, ein Klassifizierungsnetz über die Punktwolke gelegt und Bäume, Gebäude, Straßen getrennt. Erst danach lässt sich simulieren, welche Dachfläche wirklich taugt — und, wie Winistörfer betont, welche Teile eines geeigneten Dachs es doch nicht sind, weil dort Aufbauten, Verschattungen, Lücken liegen.

Rot markiert, was taugt; die Lücken darin sind Aufbauten und Verschattungen, die eine Draufsicht mitgezählt hätte. Das Ergebnis, das er nennt: Die Stadt habe ihre Solarfläche in zwei Jahren verdoppelt und spare jährlich 14.000 Tonnen CO₂ ▶ 12:17. Dann der Brückenschlag zum Titel: nicht nur Klagenfurt, auch Berlin, auch Neukölln.
Der Fall ist der nützlichste des Vortrags, weil er das Verhältnis richtig herum stellt. Hier ersetzt die Messung keine Entscheidung, sie schärft sie: Die Stadt wollte ohnehin ausbauen, die Daten sagten ihr, wo zuerst. Dass der Talk daraus einen Beleg für „Vermessung rettet die Welt” macht, ist die übliche Dehnung; dass die Kommune tatsächlich schneller vorankam, bleibt davon unberührt.
Vom Messen zum Handeln
▶ 13:02 Jetzt macht der Vortrag seinen eigentlichen Schwenk, und man sollte ihn nicht überhören. Bis hierhin ging es um Erkenntnis. Ab hier geht es um Maschinen, die aus dem Gemessenen selbst handeln — Autonomie, sagt Winistörfer, sei im Kern ein messtechnisches Problem: Bevor eine Maschine autonom handeln kann, muss sie ihre Umgebung erfassen und verstehen.
Er nennt drei Entwicklungen, die das in den letzten Monaten möglich gemacht hätten: präzisere und billigere Hardware, genug Rechenleistung, um große Modelle direkt auf der Maschine auszuführen, und Physical AI — Modelle, die die reale Welt verstehen und in ihr agieren. Dann das Beispiel: AEON, Hexagons humanoider Roboter, gemeinsam mit BMW im Werk Leipzig eingesetzt, in der Batteriemontage von Elektroautos. Er vermisst die Umgebung in Echtzeit, erkennt und greift Bauteile, gelernt per Reinforcement Learning.
„Jeder Sensor wird zu einem Entscheidungsträger, jede Messung zu einer verlässlichen Handlung.” ▶ 6:52
Nicolaus fängt den Schwenk selbst auf, bemerkenswert offen: Man könne sich streiten, ob humanoide Roboter gut für die Welt seien. Ihre Begründung ist dann allerdings keine ökologische mehr, sondern eine Arbeitsmarkt- und Standortfrage — in der Landwirtschaft fehlten rund 20 Prozent der Stellen, repetitive Arbeit wolle niemand mehr machen, und wenn die Fertigung aus China zurück nach Westeuropa solle, brauche es Arbeitskräfte, die es nicht gibt ▶ 16:05.
Eigene Einschätzung
An dieser Stelle wechselt der Vortrag unbemerkt die Rechtfertigung. Er beginnt mit „wir müssen die Welt vermessen, um sie zu retten” und endet bei „wir finden keine Leute mehr”. Beides mag stimmen; es sind nur zwei völlig verschiedene Gründe, und der zweite braucht den ersten nicht. Die Naturrettung ist hier der Rahmen, der ein Industrieprodukt in einen Saal trägt, in dem Industrieprodukte sonst schwer stehen. Es lohnt sich, das nüchtern zu sehen statt empört: Genau so funktioniert die Übersetzung von Geschäftsinteresse in Gemeinwohlsprache, und sie funktioniert, weil beide Sätze für sich genommen wahr sind.
Der Satz
▶ 18:23 Zum Schluss die Formel, dreifach gebaut, und sie ist das Merkfähigste des Vortrags:
„Was wir nicht sehen, was wir nicht akkurat vermessen können, können wir nicht wiederherstellen. Was wir nicht verstehen, können wir nicht schützen. Und was wir nicht messen können, können wir nicht verbessern.” ▶ 18:23
Der erste Teil ist nachweisbar richtig — der Eukalyptus im Querschnitt hat es gerade vorgeführt. Der dritte ist eine Managementweisheit, die seit Jahrzehnten durch Präsentationen wandert und die man ruhig einmal umdrehen sollte. Denn sie enthält eine stille Behauptung: dass alles Wichtige messbar sei. Wo das nicht gilt, kippt der Satz in sein Gegenteil und wird zur Anleitung, das Unmessbare für unwichtig zu halten.
Die Mangrove, deren Tag heute ist, ist der Beleg. Sie wurde nicht zerstört, weil niemand sie messen konnte. Sie wurde zerstört, weil man den Garnelenertrag maß und den Küstenschutz nicht — nicht aus technischem Unvermögen, sondern weil niemandem die Rechnung gestellt wurde. Präzision hilft dagegen nur, wenn vorher jemand entschieden hat, was überhaupt in die Bilanz gehört. Diese Entscheidung ist politisch, und kein Laserscanner nimmt sie ab.
Die Fragerunde
▶ 19:54 Der ehrlichste Teil des Talks kommt vom Publikum, und die Fragen sind besser als der Vortrag.
Zu den Daten: Woher kommen die LiDAR-Daten, wer erhebt sie, werden sie veröffentlicht — etwa über Sentinel Hub? Die Antwort ist aufschlussreich für die Machtfrage: Hexagon stellt meist die Geräte, die Befliegung machen spezialisierte Dienstleister; ein Fluggerät braucht ein Loch im Rumpf für den Scanner. Ein Projekt mit dem Bundesamt für Kartographie und Geodäsie laufe, um ganz Deutschland luftgestützt zu erfassen. Ob die Daten offen werden, beantwortet niemand.
Zum öffentlichen Raum: Ihr vermesst öffentlichen Raum, von oben ist das eine Sache, von unten eine andere — wie steht es um Akzeptanz, wenn Roboter durch Straßen fahren und messen? Antwort: Es sind Autos mit weißen Geräten auf dem Dach; Personen und Kennzeichen würden per KI herausgerechnet, so dass nur Häuser, Wände, Bäume bleiben. Und, von Winistörfer:
„Grundsätzlich glaube ich, dass man ja wie eine Erlaubnis auch einholen muss, um eine größere Stadt komplett einscannen zu können. Also einfach so rumfahren wird höchstwahrscheinlich nicht gehen.” ▶ 22:56
Das „ich glaube” ist die interessanteste Vokabel des Nachmittags. Der Forschungsleiter eines Konzerns, der Städte scannt, ist sich über die Rechtslage seines eigenen Kerngeschäfts nicht sicher — auf einer Konferenz, die seit Jahren über Datenschutz streitet. (Faktencheck unten.)
Zu den Modellen: Nutzt ihr fremde Modelle, ist digitale Souveränität ein Thema, gilt größer gleich besser? Hier antwortet Winistörfer konkret und dem Zeitgeist entgegen: Man trainiere eigene Modelle, teils monatelang, spezialisiert auf 3D-Punktwolken; Bild-Foundation-Models wie Metas DINOv3 seien beeindruckend, aber unbrauchbar, weil sie in 2D arbeiten und nicht auf den eigenen LiDAR-Daten trainiert sind. Jeder Scanner sei anders, jede Prozessierung anders.
Eigene Einschätzung
Diese letzte Antwort ist der stille Widerspruch zur herrschenden KI-Erzählung, und sie kommt ausgerechnet von einem Konzern. Während anderswo gilt, dass ein hinreichend großes Universalmodell jede Aufgabe löst, sagt hier jemand, der es täglich versucht: Für unsere Daten hilft das nicht, wir brauchen kleine, spezialisierte, selbst trainierte Netze. Wer über Souveränität bei KI nachdenkt, findet hier ein handfestes Argument — Spezialisierung ist nicht nur eine Frage der Haltung, sondern manchmal schlicht die einzige, die funktioniert.
Faktencheck
Falsch — Notre-Dame „mit der BLK gescannt"
Nicolaus zeigt eine Leica BLK und sagt, ein Experte habe die Kathedrale vor dem Brand „bis auf jeden Winkel mit der BLK gescannt”. Das Gerät stimmt nicht: Der Scan stammt vom Kunsthistoriker Andrew Tallon (Vassar College, † 2018), der 2010 mit einer Leica ScanStation C10 von über fünfzig Standpunkten aus rund eine Milliarde Punkte aufnahm. Die BLK-Serie wurde erst am 16. November 2016 vorgestellt — sechs Jahre nach dem Scan. Das Yang: Die Marke stimmt. Tallon arbeitete mit Leica Geosystems, das seit 2005 zu Hexagon gehört — der Konzern hat an dieser Geschichte einen echten Anteil. Nur wird aus dem Werk eines einzelnen Wissenschaftlers mit einem Vorgängergerät im Vortrag ein Produkt-Beleg für das aktuelle Portfolio, das im Bild danebensteht. Quelle: Engadget — The billion point laser cloud that will help rebuild Notre Dame · Leica Geosystems — BLK360 Launch (Nov. 2016)
Vereinfacht — „Dadurch konnte Notre-Dame originalgetreu aufgebaut werden"
Der Tallon-Scan war eine wichtige, aber nicht die tragende Quelle. Das Restaurierungsteam kombinierte neue Laserscans und Photogrammetrie nach dem Brand mit den Vor-Brand-Daten; die deutsche Berichterstattung hält fest, dass Tallons Auflösung für einen originalgetreuen Wiederaufbau allein zu grob war und ein hochauflösender Scan des Querhauses der Universität Bamberg praktisch hilfreicher wurde. Dachstuhl und Vierungsturm — das, was verbrannte — wurden nach den Originalplänen von Viollet-le-Duc aus dem 19. Jahrhundert rekonstruiert, nicht aus einer Punktwolke. Der Scan half beim Steinbau: Verformungen, Gewölbe, Bestandsgeometrie. Quelle: GPS World — 3D mapping guides historic restoration · Tagesspiegel — Digitaler Scan könnte helfen · Vierungsturm von Notre-Dame
Vereinfacht — Klagenfurt: „Solarfläche in zwei Jahren verdoppelt, 14.000 t CO₂ gespart"
Beide Zahlen existieren — sie stammen aber aus Hexagons eigenem Material. Der Firmen-Blog nennt Einsparungen von 14.000 Tonnen CO₂ „for each year in which the digital twin has been operational” und einen Zuwachs der Solaranlagen um über 100 Prozent in zwei Jahren. Drei Einschränkungen: (1) Die zugrundeliegende Studie ist nicht unabhängig veröffentlicht. (2) Die Kausalität trägt nicht: Ganz Kärnten hat seine PV-Anlagenzahl von 2022 bis 2025 ebenfalls verdoppelt, Österreichs installierte Leistung wuchs allein 2023 um 69 Prozent — getrieben von Energiekrise und Rekordförderungen. Hexagons eigenes Material hat dafür die ehrlichere Kennzahl, die im Vortrag fehlt: 33 Prozent schnellere Solar-Adoption als andere österreichische Städte — ein Differenzwert statt der ganzen Verdopplung. (3) Der Zwilling entstand laut Hexagon aus 19.000 Luftbildern eines 4,5-Stunden-Flugs (Photogrammetrie), nicht wie im Vortrag gesagt aus luftgestützten und mobilen LiDAR-Scannern. Das Yang: Der Kataster selbst ist real, öffentlich, kostenlos und rechnet den Schattenwurf jedes einzelnen Baums — ein ungewöhnlich gutes Stück kommunaler Digitalisierung. Quelle: Hexagon SIG Blog — 14,000 tons of avoided CO2 · Hexagon — City of Klagenfurt launches digital twin · Solarpotential Klagenfurt · ORF Kärnten — Nach PV-Boom
Bestätigt — Aguas Claras: Mine, Renaturierung, Sensorik
Die Mina de Águas Claras bei Belo Horizonte, Minas Gerais, ist eine 2002 stillgelegte Eisenerzmine, 1.908 Hektar groß. Eigentümer ist Vale. Hexagons Green-Cubes-Plattform (über die Tochter R-evolution) ist dort im Einsatz: Satelliten- und flugzeuggestütztes LiDAR mit über 40 Punkten/m² und 10-cm-Auflösung, terrestrisches LiDAR, Kamerafallen, Akustiksensoren und Bodenradar. Erste Ergebnisse: erste Puma-Sichtung seit zehn Jahren, erste Videoaufnahmen von Mähnenwölfen, 146 Vogelarten in 90 Tagen. Quelle: International Mining — R-evolution at Vale legacy mine site · Hexagon Mining Blog — Vale and Green Cubes
Vereinfacht — „Mehrere hundert Tierarten" und „Eukalyptus, eine invasive Art"
Zwei Verschiebungen im selben Beispiel. Erstens die Zahl: Hexagons eigene Veröffentlichungen nennen 146 Vogelarten aus 90 Tagen Monitoring plus einzelne Säugetiernachweise — nicht „mehrere hundert verschiedene Tierarten”. Zweitens das Etikett: Ob Eukalyptus in Brasilien invasiv ist, ist wissenschaftlich umstritten. Eine Untersuchung der kommerziell angebauten Arten kommt zu geringem Invasionsrisiko für die in Brasilien üblichen Sorten; die brasilianische Invasivarten-Datenbank führt einzelne Arten wie Eucalyptus robusta. Fachlich sauber wäre: eine gebietsfremde Art, die in dieser Renaturierungsfläche unerwünscht ist — was der praktische Punkt des Beispiels ohnehin ist. „Invasiv” klingt nur dramatischer. Bemerkenswert bleibt die Lücke, die keiner der beiden anspricht: Brasilien bewirtschaftet Millionen Hektar Eukalyptus-Plantagen, und die Kritik daran (Wasserverbrauch, Monokultur, Cerrado-Umwandlung) läuft nicht unter „invasiv”. Quelle: Silva et al. 2016, Forest Ecology and Management, DOI 10.1016/j.foreco.2016.05.007 (Primärstudie, kein Review — der Forschungsstand ist offen) · Base de Dados I3N Brasil · Mongabay — Eucalyptus expansion in Brazil’s Cerrado
Vereinfacht — Was das Aguas-Claras-Beispiel verschweigt
Zwei Kontextstücke fehlen, die den Rahmen des Beispiels verändern. Erstens die Zeitachse: Die Renaturierung begann nach der Stilllegung 2002, die Hexagon-Sensorik läuft seit 2025. Die Messtechnik dokumentiert eine über zwanzig Jahre gewachsene Erholung — sie hat sie nicht bewirkt. Zweitens der Eigentümer: Vale ist der Konzern hinter dem Dammbruch von Brumadinho (Januar 2019, mindestens 270 Tote) und, gemeinsam mit BHP über das Joint Venture Samarco, hinter Mariana (2015, 19 Tote, 650 km verseuchter Flusslauf). Green Cubes läuft inzwischen auch bei Samarco. Das ist kein Argument gegen die Renaturierung — aber ein Vortrag, der die Mine als Naturschutz-Erzählung rahmt, ohne den Namen des Betreibers einzuordnen, lässt die unbequeme Hälfte weg. Quelle: Brumadinho dam disaster · Mariana dam disaster
Bestätigt — AEON bei BMW in Leipzig
Winistörfer sagt, man habe AEON „letztes Jahr vorgestellt” und ihn gemeinsam mit BMW in Leipzig eingesetzt, „um ihn dort zu testen” — präzise und ohne Übertreibung formuliert. Der Stand: AEON wurde 2025 vorgestellt, der erste Testeinsatz in Leipzig lief ab Dezember 2025, ein zweiter ab April 2026, die Pilotphase seit Sommer 2026; seit dem 12. Juni 2026 übernimmt AEON reale Produktionsaufgaben, unter anderem in der Hochvoltbatterie-Montage. Voller Produktionseinsatz ist für Ende 2026 angekündigt; Hexagons Quartalsbericht spricht konsequent von „customer pilots”. Also: Pilot mit echten Produktionsaufgaben, kein Serienbetrieb — und genau so dargestellt. Quelle: BMW Group — First humanoid robot in Plant Leipzig · Hexagon Robotics — BMW deploys AEON
Bestätigt — BKG: Deutschland per Flugzeug-LiDAR vermessen
Das Projekt heißt Digitaler Zwilling Deutschland (DigiZ-DE). Datengrundlage ist eine bundesweite Punktwolke aus Airborne Laser Scanning der Jahre 2024–2025, erfasst in acht Gebietslosen, Zielauflösung 40 Punkte/m². Einer der eingesetzten Sensortypen ist der Leica SPL100 (Single-Photon-LiDAR, Hexagon) — daneben fliegen Full-Waveform-Sensoren des Wettbewerbers RIEGL. Winistörfer relativiert im selben Atemzug selbst korrekt: Hexagon stelle „meistens Geräte zur Verfügung”, die Befliegung machten spezialisierte Dienstleister. Quelle: BKG — Digitaler Zwilling Deutschland (DigiZ-DE) · BKG — Befliegung 2025
Nicht eindeutig belegt — „In der Landwirtschaft fehlen irgendwie 20 % der Stellen"
Für Deutschland ist diese Größenordnung nicht belegbar. Die gesamtwirtschaftliche Vakanzrate lag laut IAB im ersten Quartal 2026 bei 2,6 Prozent (Höchststand Ende 2022: 4,5 Prozent). In der Landwirtschaft arbeiteten laut Landwirtschaftszählung 2023 rund 876.000 Menschen, davon 28 Prozent Saisonarbeitskräfte; die Zahl der Arbeitskräfte sank 2020–2023 um 7 Prozent — das ist Strukturwandel und Betriebsaufgabe, nicht dasselbe wie unbesetzte Stellen. Arbeitskräftemangel in der Landwirtschaft ist real und wird von Copa-Cogeca und der EU-Arbeitsbehörde dokumentiert; eine belastbare Quote von 20 Prozent offener Stellen findet sich in keiner dieser Statistiken. Das Interesse dahinter ist sichtbar: Der Business Case für autonome Traktoren und humanoide Roboter steht und fällt mit der Behauptung, es gebe niemanden mehr für die Arbeit. Das „irgendwie” signalisiert immerhin, dass die Zahl nicht als harte Größe verkauft wird. Quelle: IAB-Monitor Arbeitskräftebedarf 1/2026 · Destatis — 28 % Saisonarbeitskräfte · ELA — Labour shortages and surpluses in Europe 2025
Vereinfacht — „Man muss eine Erlaubnis einholen, um eine Stadt einzuscannen"
Die Anonymisierung stimmt als Praxis: Unkenntlichmachung von Gesichtern und Kennzeichen ist in Deutschland De-facto-Standard, KI-basiert und industriell etabliert — auch für Hexagon-Systeme wie Leica Pegasus. Der zweite Teil stimmt nicht. Es gibt in Deutschland keinen Erlaubnisvorbehalt für das Befahren des öffentlichen Straßenraums. Die Aufsichtsbehörden ordnen Panoramafahrten unter Art. 6 Abs. 1 lit. f DSGVO ein (berechtigtes Interesse), gebunden an drei Bedingungen: nur vom öffentlichen Raum aus Einsehbares, Verpixelung vor der Veröffentlichung, Widerspruchsmöglichkeit für Betroffene. Google und Apple fahren auf dieser Grundlage — ohne Genehmigung. Winistörfer sagt „grundsätzlich glaube ich” und „höchstwahrscheinlich”; er rät erkennbar, statt zu behaupten. Trotzdem verschiebt die Antwort das Bild in eine beruhigende Richtung: Sie lässt einen Genehmigungsstaat vermuten, wo tatsächlich nur eine Interessenabwägung des Unternehmens selbst steht — und sie lässt unerwähnt, dass die Rohdaten vor der Anonymisierung personenbezogene Daten sind. Klagenfurt zeigt, wie es sauber geht: Bewegte Objekte, also Autos und Menschen, sind im öffentlichen Zwilling gar nicht erst enthalten. Quelle: LfD Niedersachsen — Aufnahmefahrten für Google Street View · DSK-Beschluss zu Vorabwidersprüchen (12.05.2020) · Celantur — Datenschutz für Mobile Mapping
Bestätigt — Hexagon: das Unternehmen hinter dem Vortrag
Hexagon AB, Sitz Stockholm, rund 24.800 Beschäftigte in über 50 Ländern, Umsatz 2025 5.426,5 Mio. Euro bei 27,2 Prozent bereinigter operativer Marge. Zukäufe, die den Konzern gemacht haben: Leica Geosystems 2005, NovAtel 2007, Intergraph 2010. Vier Segmente: Manufacturing Intelligence, Geosystems, Autonomous Solutions und Octave. Zur ehrlichen Einordnung eines Vortrags, der Messtechnik als Naturrettung rahmt: Hexagon weist keinen separaten Rüstungsumsatz aus, eine belastbare Prozentzahl gibt es also nicht. Was der Geschäftsbericht offenlegt: Autonomous Solutions bündelt Bergbau, Landwirtschaft, Marine, Automotive und Verteidigung (NovAtel, Antcom: hochpräzises GNSS und Anti-Jamming für militärische Plattformen und unbemannte Systeme). Dieses Segment ist mit rund 13 Prozent Umsatzanteil der Wachstumsmotor: plus 14 Prozent organisch 2025, plus 23 Prozent im vierten Quartal, und Hexagon nennt als Treiber ausdrücklich „record quarterly performance in both the aerospace & defence and mining businesses” — während die Landwirtschaft schwächelte. Jüngster Zukauf: Inertial Sense (taktische Navigation). Bergbau nennt der Vortrag offen — als Renaturierungsbeispiel. Rüstung und Öl kommen nicht vor. Beides wächst schneller als alles, was auf der Bühne gezeigt wurde. Quelle: Hexagon Year-End Report 2025 (PDF) · Hexagon Annual and Sustainability Report 2024 (PDF) · Hexagon — Defense
Eigene Einschätzung — das Muster hinter den Einzelbefunden
Die interessanteste Erkenntnis liegt nicht in einer der Korrekturen, sondern in ihrer Wiederholung. Notre-Dame, Klagenfurt, Aguas Claras: Dreimal wird eine Messleistung als Ursache eines Ergebnisses erzählt, das andere Kräfte hervorgebracht haben. Der Wiederaufbau lief über Viollet-le-Ducs Pläne aus dem 19. Jahrhundert. Der Solarboom lief über Energiekrise und Rekordförderungen. Die Waldrückkehr lief über zwanzig Jahre, die vergingen, bevor der erste Sensor stand.
Messtechnik macht sichtbar, und der Vortrag zeigt an mehreren Stellen zu Recht, wie viel das ist — der Eukalyptus-Querschnitt ist ein echtes Argument. Verwechselt werden nur Ursache und Zeugin, und zwar jedes Mal in dieselbe Richtung. Wer die Kamera hält, erscheint als der, der die Geschichte gemacht hat. Das ist keine Lüge, es ist eine Perspektive — dieselbe, die auf Konferenzbühnen jede Branche über sich selbst erzählt. Man sieht sie hier nur besonders klar, weil der Gegenstand ausgerechnet die Frage ist, wer wen genau vermisst.
Weiterführende Quellen
Aus der Video-Beschreibung:
- Session-Seite auf re-publica.com — Abstract und Sprecherprofile
- Alle Videos der rp26 (YouTube-Playlist)
- Partner der Session: Hexagon
Recherchiert (Faktencheck-Belege):
- Engadget — The billion point laser cloud that will help rebuild Notre Dame — die Geschichte des Tallon-Scans mit Gerät und Jahr
- GPS World — Notre Dame reopens: 3D mapping guides historic restoration — wie Vor- und Nach-Brand-Daten tatsächlich kombiniert wurden
- Hexagon SIG Blog — Klagenfurt: 14,000 tons of avoided CO2 — Primärquelle beider Klagenfurt-Zahlen samt der im Vortrag weggelassenen Vergleichsgröße
- Solarpotential Klagenfurt (Stadt Klagenfurt) — der öffentlich zugängliche Kataster
- International Mining — R-evolution at Vale legacy mine site — belastbarste Beschreibung des Green-Cubes-Einsatzes in Águas Claras
- Silva et al. 2016, Forest Ecology and Management, DOI 10.1016/j.foreco.2016.05.007 — Invasionspotenzial kommerzieller Eukalyptus-Arten in Brasilien
- Mongabay — Eucalyptus expansion worsens droughts and fires in Brazil’s Cerrado — die andere Seite der Eukalyptus-Debatte
- BMW Group — First humanoid robot introduced in Plant Leipzig — offizieller Stand des AEON-Einsatzes
- BKG — Digitaler Zwilling Deutschland (DigiZ-DE) — Projektbeschreibung mit eingesetzten Sensortypen
- LfD Niedersachsen — Aufnahmefahrten für Google Street View — maßgebliche behördliche Darstellung der Rechtslage
- IAB-Monitor Arbeitskräftebedarf 1/2026 — Vakanzraten als Maßstab
- Hexagon Year-End Report 2025 (PDF) — Segmentzahlen und Wachstumstreiber
Bildnachweis
Die Standbilder stammen aus dem verlinkten Video der re:publica 26 und stehen wie dieses unter CC BY-SA 4.0. Bildinhalte: Hexagon AB.
Verbindungen
→ Frauke Fischer — Kann KI die Natur retten?
Die Schwester-Note: derselbe Konferenztag, dieselbe Frage, zwei unvereinbare Antwortrichtungen. Fischer denkt vom Ökosystem her und kommt bei der Messung an — sie braucht Sensoren, weil die Natur keine Rechnung stellt und deshalb in keiner Bilanz auftaucht. Hexagon denkt vom Sensor her und kommt bei der Natur an — Messtechnik sucht sich ein Anwendungsfeld, in dem sie als Rettung erscheint. Beide zeigen dasselbe Werkzeug an ähnlichen Fällen und ziehen entgegengesetzte Konsequenzen: Fischer verlangt am Ende ausgerechnet geschlossene Datenräume, weil dieselben Daten, die einen Walhai schützen, seine Bejagung optimieren — Hexagon baut die offene, flächendeckende Messinfrastruktur, deren Rohdaten diese Frage überhaupt erst stellen. Fischers Gorilla-Wallet zeigt, was passiert, wenn Bezahlung an einen Messwert gekoppelt wird; die Klagenfurt-Zahlen führen genau das vor, ohne dass jemand betrügen müsste. Und die Kehrseite, die Fischer ausspricht — die Rohstoffe für die Digitalisierung liegen unter tropischen Regenwäldern —, ist die Rechnung, die das Renaturierungsbeispiel nicht aufmacht: Aguas Claras war eine Eisenerzmine.
→ Tilo Wesche — Rechte der Natur, Eigentum und Kolonialismus
Wesche liefert die historische Hälfte, die der Vortrag weglässt. Wenn Vermessung „die menschlichste aller Technologien” ist, dann weil sie die Technologie des Eigentums ist: Erst das Vermessen macht Land teilbar, zuschreibbar, besteuerbar — und das koloniale Kartieren erklärte als herrenlos, was nur nicht nach europäischem Recht vermessen war. Der Katasterplan ist der Vorläufer des digitalen Zwillings, und ein bundesweiter Digitaler Zwilling ist ein Kataster in drei Dimensionen. Wesches zweiter Befund trifft die Leitformel direkt: Solange die Natur bloßes Eigentum ohne Preis ist, bleibt sie in der Rechnung eine Null. „Was wir nicht messen können, können wir nicht verbessern” beschreibt also nicht die Grenze der Technik, sondern die Grenze der Rechtsform — die Mangrove war messbar, sie war nur niemandes.
→ Neoliberalismus — Was zählt
Dieser Vortrag ist der Satz, den das Panorama seziert, gesprochen von der Seite, die ihn verkauft. Wo Shivas production boundary die unsichtbare Mauer beschreibt, die entscheidet, was zählt, hält Hexagon die Mauer für überwindbar: genauer messen, dann zählt mehr. Die Mangroven-Rechnung zeigt, warum das nicht reicht — der Küstenschutz fehlte nicht aus technischem Unvermögen in der Bilanz, sondern weil niemandem die Rechnung gestellt wurde. Damit steht die Note quer zum Panorama und ergänzt es zugleich: Sie ist der beste vorliegende Beleg, dass Präzision die politische Vorentscheidung nicht ersetzt, wer überhaupt bilanziert wird — und mit dem Eukalyptus-Querschnitt zugleich der Beleg, dass die Kennzahl manchmal schlicht falsch war und die bessere Messung eine echte Korrektur ist.
→ Adam Tooze und Maja Göpel — Die Polykrise
Göpel hat im WBGU-Report genau das gefordert, was Hexagon hier verkauft: Sensorik, Monitoring in großem Maßstab, Simulation, um ökologische Sollbruchstellen bearbeitbar zu machen. Jahre später steht ein Konzern damit auf der Bühne — und die Note zeigt, was auf dem Weg dazwischen passiert ist. Göpels Diagnose (die Modelle leiten künftige Produktionskapazitäten aus Kapitalbeständen ab, in denen Natur nicht vorkommt; wer den Status quo will, muss nur verhindern, dass gerechnet wird) trifft hier auf einen Anbieter, der rechnet — nur wächst dessen Geschäft am stärksten in Rüstung und Bergbau. Die Polykrise-Note erklärt außerdem, warum der Begründungswechsel funktioniert: Wenn das Langfristige nur überlebt, indem es in die Sprache des Kurzfristigen übersetzt wird, dann ist „Naturrettung” der Rahmen und „Arbeitskräftemangel” die eigentliche Währung.
→ Kurz und Görlitz — Palantir und die deutsche Polizei
Zwei Sessions derselben Konferenz, dieselbe Lücke an entgegengesetzten Enden. Kurz und Görlitz sezieren die Rechtslage einer Datenauswertung, deren Betreiber genau weiß, was er darf; hier sagt der Forschungsleiter eines Konzerns, der Städte scannt, „grundsätzlich glaube ich” über die Erlaubnispflicht seines eigenen Kerngeschäfts — und liegt daneben, weil es gar keinen Erlaubnisvorbehalt gibt, sondern nur die Interessenabwägung des Unternehmens selbst. Der Anschluss ist konkret: Palantir wird gefährlich durch das Zusammenführen bestehender Bestände. Ein bundesweiter, hochauflösender Digitaler Zwilling ist ein solcher Bestand im Entstehen, dessen Rohdaten vor der Anonymisierung personenbezogen sind. Beide Notes zeigen, dass die entscheidende Frage nicht am Zweck hängt, sondern an der Verfügbarkeit.
→ Christian Bauckhage — KI: Wir haben noch gar nichts gesehen
Winistörfers Antwort in der Fragerunde ist Bauckhages These als Praxisbericht: Bild-Foundation-Models wie DINOv3 seien beeindruckend und für 3D-Punktwolken unbrauchbar, also trainiere man monatelang eigene, kleine, spezialisierte Netze. Bauckhage begründet dieselbe Bewegung von der Theorie her — Verticals, kleine Modelle, eigene Daten als Europas realistischer Pfad —, und beide teilen die Prämisse, dass das Betriebswissen im eigenen Datenbestand liegt, nicht im Universalmodell. Die zweite Brücke liegt in der Robotik: Bauckhages Weltmodelle sind exakt Winistörfers Physical AI, und AEON bei BMW Leipzig ist der Fall dazu. Wer prüfen will, ob das exponentielle Versprechen trägt, findet hier einen datierbaren Zwischenstand.
→ Walther Ziegler — Heidegger in 60 Minuten
Heideggers Gestell ist der Begriff, den dieser Vortrag ohne ihn auskommen lassen muss: die Welt so anzugehen, dass sie als bestellbarer Bestand erscheint. „Jeder Sensor wird zu einem Entscheidungsträger, jede Messung zu einer verlässlichen Handlung” ist dieser Satz in seiner reinsten technischen Form — ein Wald wird zur klassifizierten Punktwolke, ein Dach zur Ertragsfläche, eine Stadt zum Zwilling. Die Reibung geht in beide Richtungen. Heidegger erklärt, warum ein Vortrag über Naturrettung so mühelos bei der Batteriemontage landet; es ist dieselbe Grundbewegung. Der Eukalyptus-Querschnitt hält dagegen: Manchmal ist genaueres Vermessen kein weiterer Zugriff, sondern die Korrektur eines Irrtums, den ein gröberes Vermessen erzeugt hat. Für diesen Fall hat Heidegger keine gute Antwort, und das ist der interessanteste Punkt zwischen beiden Notes.
→ Wenn die Maschine die Arbeit nimmt — wohin kippt die Gesellschaft
Ein datierbarer Punkt für die Spur, und er kommt aus einer Quelle, die keinen Grund zur Untertreibung hat. AEON steht seit Juni 2026 im BMW-Werk Leipzig an realen Produktionsaufgaben; die Begründung, die auf der Bühne fällt, ist nicht Kostensenkung, sondern fehlende Menschen — repetitive Arbeit wolle niemand mehr machen, dazu die Rückverlagerung der Fertigung aus China. Genau diese Begründung ist der Punkt, an dem die Spur hinsehen sollte: Der Faktencheck findet für die genannten 20 Prozent offener Stellen in der Landwirtschaft keine Grundlage, und der Business Case für humanoide Robotik steht und fällt mit der Behauptung, es gebe niemanden mehr für die Arbeit.
Weiterdenken
Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
- „Was wir nicht messen können, können wir nicht verbessern.” Welche Dinge, die dir wichtig sind, würden diesen Satz nicht überleben?
- Der Eukalyptus war von oben unsichtbar und im Querschnitt offensichtlich. Welche unserer heutigen Gewissheiten über den Zustand der Welt beruhen auf einer Perspektive, die wir für die Sache selbst halten?
- Ein Konzern erfasst öffentlichen Raum und ist sich über die Rechtslage nicht sicher. Wer müsste diese Frage eigentlich beantworten, und warum tut es niemand?
- Der Vortrag beginnt mit Naturrettung und endet beim Arbeitskräftemangel. Wann ist es legitim, ein Vorhaben mit dem besseren Grund zu begründen — und wann verschiebt es die Debatte?
- Wenn dieselben Daten Renaturierung steuern und Bergbau optimieren: Lässt sich eine Messinfrastruktur überhaupt sinnvoll nach ihrem Zweck beurteilen, oder nur nach dem, wem sie gehört?












