Worum es geht

Nur 7 % der globalen Materialströme kehren als Ressourcen in den Kreislauf zurück — der Rest folgt der Einweg-Logik: entnehmen, vermarkten, wegwerfen. Nicole Bendsen von Circular Berlin will nicht ans Gewissen appellieren, sondern an die Bilanz: Ihr „Circular Value Program” soll die versteckten Kosten linearer Geschäftsmodelle sichtbar machen — für Unternehmen und für die Banken, die sie finanzieren. Die These: Das eigentliche Risiko liegt nicht in der Transformation, sondern im Nicht-Handeln. Die Fragerunde testet, ob das trägt, solange „die Preise es nicht sind”.

Anlass — Internationaler Plastiktütenfreier Tag (3. Juli)

Am 3. Juli beginnt die Geschichte klein: 2008 ruft die katalanische Organisation Rezero einen plastiktütenfreien Tag aus — gefeiert zunächst nur in Katalonien. Binnen eines Jahres tragen Zero Waste Europe und die Bag-Free-World-Koalition die Idee über den Kontinent, ab 2009 in die Welt. Der Tag hält eine unbequem präzise Frage wach: Eine Plastiktüte wird im Schnitt 25 Minuten benutzt — und überdauert dann Generationen. Er zielt nicht auf die Tüte, sondern auf die Logik dahinter: das Einweg-Denken selbst. Bendsens Vortrag ist die ökonomische Antwort auf diese Frage — was wäre, wenn die Wegwerf-Logik nicht als billig gälte, sondern als das, was sie ist: ein unbezahltes Risiko?

Quelle: re:publica 26: Nicole Bendsen — Zirkulärer Wert statt lineares Risiko: Wirtschaft neu denken (Mai 2026, Creative-Commons-Lizenz)

Wer spricht?

Nicole Bendsen ist Partnership Manager bei Circular Berlin, einer gemeinnützigen Organisation, die den systemischen Wandel Berlins zu einer regenerativen, ressourcenresilienten Stadt vorantreibt — über die Handlungsfelder Circular Culture (Kreislauflösungen im Alltag erlebbar machen), Circular Governance (Praxiserfahrung in die Politik tragen) und Circular Market. Sie ist keine Theoretikerin, sondern Praktikerin an der Schnittstelle zwischen Unternehmen, Finanzinstitutionen und Verwaltung. Im Talk stellt sie das entstehende Circular Value Program vor: datenbasierte Werkzeuge, die versteckte Kosten linearer Geschäftsmodelle sichtbar machen sollen — ihr Kerngedanke: Zirkularität ist kein grünes Ideal, sondern die rationalere, krisenfestere Geschäftsentscheidung.

DenkerVita


Inhalt

Das gemeinsame Betriebssystem der Krisen

„Die Krisen unserer Zeit haben ein gemeinsames Betriebssystem” — Lieferketten, CO₂, Gesundheit, Ressourcen, soziale Spannungen, Biodiversität (Standbild, CC-Lizenz)

▶ 1:32 — Klimakrise, Ressourcenknappheit, fragile Lieferketten: Bendsen behandelt sie nicht als getrennte Katastrophen, sondern als Symptome mit gemeinsamer Ursache — dem linearen Wirtschaften als „grundlegendem Betriebssystem”. Ressourcen werden extrahiert, schnell zu Produkten vermarktet, kurz genutzt, weggeworfen: Take — Make — Waste. Die Zahl, die das Ausmaß fasst:

„Derzeit gehen von unseren globalen Materialströmen etwa nur 7 % wieder als Ressourcen zurück in den Kreislauf.”

Das ist der Befund hinter jedem Plastiktüten-Symbol: Nicht die Tüte ist das Problem, sondern ein System, das für 93 % seiner Stoffe keinen Rückweg kennt. (Faktencheck: bestätigt — der Circularity Gap Report beziffert die globale Zirkularität auf ~7 %)

„Externalitäten” — wie Sprache Schäden unsichtbar macht

▶ 2:18 — Die Ökonomie hat einen Begriff dafür, dass die Folgen woandershin verlagert werden: Externalitäten. Bendsens sprachkritische Beobachtung ist die feinste Stelle des Talks:

„Ich finde tatsächlich, dass dieser Begriff fast harmlos klingt — ein ganz gutes Beispiel dafür, wie unsere Sprache bestimmte Sachen unsichtbar macht.”

Denn extern sind diese Kosten nur für die Bilanzen der Unternehmen. In der Realität verschwinden sie nicht — sie wandern: zu kaputten Ökosystemen, zu Gesundheitskosten, zu sozialen Spannungen, zu den nächsten Generationen, in andere Weltregionen. Und die Finanzströme folgen der Fiktion: Banken stellen der Kreislaufwirtschaft nur rund 2 % ihrer Finanzierung bereit, die EU investiert nur einen verschwindenden Bruchteil ihrer Mittel in die Circular Economy — Bendsen sagt „etwa 1 % des Budgets“ (Faktencheck: Größenordnung bestätigt, Bezugsgröße vereinfacht) —, obwohl sie das Thema rhetorisch vorantreibt.

▶ 3:52 Der Widerspruch reicht bis in die aktuelle Gesetzgebung: Der „Wohnungsbauturbo” gegen den Wohnungsmangel priorisiert Neubau, statt zu fragen, welche Gebäudebestände sich restaurieren und weiternutzen ließen — Circular Berlin hat dazu ein Positionspapier geschrieben. Bendsens Zwischenbilanz:

„Wir haben ein Wirtschaftssystem und ein politisches System, das bis heute diejenigen belohnt, die die Schäden aus ihren eigenen Bilanzen hinausziehen — in die Gesellschaft hinein, in die Zukunft hinein.”

Weitergedacht

Wenn „Externalität” ein Euphemismus ist — wie müsste das Wort heißen, damit es nicht mehr beruhigt? „Verlagerte Kosten”? „Unbezahlte Rechnung”? Und was würde sich ändern, wenn Bilanzen dieses Wort führen müssten?

Der Hebel: die Bewertungslogik selbst

„Wir verändern das Bewertungssystem” — lineare Risiken bleiben unsichtbar, zirkuläre Investitionen wirken teurer (Standbild, CC-Lizenz)

▶ 5:26 — Daraus folgt die Diagnose, die das Programm begründet: „Das Problem liegt im System der Bewertung.” Unternehmens-KPIs sind so gebaut, dass sie lineares Verhalten belohnen — wer Schäden externalisiert, sieht besser aus. Die Ausgangsfrage des Circular Value Program:

„Warum ist es für Unternehmen und Finanzierer immer noch leichter, in ein lineares Modell zu investieren, obwohl sie langfristig gescheitert sind? Die Antwort: Lineare Risiken sind unsichtbar — und zirkuläre Investitionen werden immer noch als Zusatzkosten bewertet.”

Bemerkenswert ist, was Bendsen nicht bauen will: noch ein Nachhaltigkeits-Reporting-Tool. Davon gebe es genug — und keins habe Unternehmen bewegt, ihre Geschäftsmodelle wirklich zu ändern. Der Anspruch ist kategorial anders: nicht berichten, sondern die Entscheidungsgrundlage selbst umbauen — „weder moralisch noch ideologisch, sondern finanziell nachvollziehbar”.

Was kostet mich mein lineares System heute?

▶ 7:45 — Auf Unternehmensebene soll ein Szenario-Tool entstehen, das Was-wäre-wenn-Fragen durchrechnet: Was passiert, wenn Materialien teurer werden? Wenn Lieferketten instabiler werden? — „beides leider nicht mehr so ganz ferne Zukunftsszenarien”. Aber auch: Was ist, wenn Produkte länger genutzt, repariert, wiederverwendet werden?

„Unsere Hypothese ist, dass dann sichtbar wird, dass das eigentliche Risiko nicht in der Transformation liegt, sondern im Nicht-Handeln — das, was man als cost of doing nothing kennt.”

Wer den gesamten Lebenszyklus betrachtet statt nur den unmittelbaren Preis, bekommt eine andere ökonomische Logik. Das ist die Umkehrung des üblichen Nachhaltigkeitsarguments: nicht „es lohnt sich, obwohl es teurer ist”, sondern „das Billige ist eine Fehlbuchung”.

Banken: Zirkularität als Risikofaktor, nicht als grünes Extra

▶ 9:15 — Die zweite Ebene sind die Finanzierer. Selbst Banken, die Nachhaltigkeit „mitdenken”, bewerten primär kurzfristige Sicherheit. Bendsen will mit ihnen Kreditsysteme entwickeln, die Unternehmen belohnen, die Ressourcenabhängigkeiten abbauen, resiliente Lieferketten aufbauen, Materialkreisläufe schließen. Ihr Beispiel aus dem Gebäudesektor: Ein Haus mit flexiblem Raumkonzept, das sich an neue Nutzungen anpassen lässt, hat ein geringeres Risiko, zum Stranded Asset zu werden — zum Gebäude ohne wirtschaftlichen Wert.

„Das ist eigentlich kein purer Nachhaltigkeitsfaktor mehr, sondern ein klassischer Risikofaktor.”

Dazu kommt Übersetzungsarbeit — „Bridging the Language Gap”: Unternehmen sollen Finanzstories erzählen können, die Banken verstehen; Banken sollen zukünftigen Wert überhaupt erkennen lernen.

Weitergedacht

Bendsen setzt darauf, dass richtige Information die Entscheidung ändert: Sichtbar gemachtes Risiko → anderes Verhalten. Aber die Tabakindustrie, die Klimaforschung, die Plastikkrise zeigen: Sichtbarkeit allein bewegt wenig, solange die Anreize stehen. Ist das Tool ein Hebel — oder eine weitere Studie, die man zur Kenntnis nimmt?

Nicht auf die Politik warten — Collective Impact

▶ 12:20 — Die Selbstkritik trägt sie gleich vor: Kann man das System von innen verändern, ohne dass der politische Rahmen steht? „Die ehrliche Antwort: Nee, natürlich können wir das nicht alleine.” Studien zeigten, dass Unternehmen eher in Transformation investieren, wenn sie Sicherheit haben, dass sie sich langfristig lohnt — die politischen Planken braucht es. Aber:

„Wir können nicht darauf warten, bis das politische System perfekt ist. Es ist keine Nice-to-have-Debatte mehr, sondern Marktgestaltung.”

Ihr Modell dafür heißt Collective Impact: Transformation kommt nicht von einzelnen Heldinnen, sondern davon, dass viele Akteure — Unternehmen, Banken, Städte, Netzwerke — gemeinsam dieselbe Richtung einschlagen. Die Vision: dass zirkuläre Investitionen „nicht mehr die kleine grüne Alternative sind, sondern wirtschaftlich die sicherste und profitabelste Option”.


Zuschauerfragen

Die Q&A ist der Härtetest des Talks — und sein bester Teil:

„Die Preise sind es nicht”▶ 16:08 Ein Journalist bringt den Einwand, der das ganze Programm herausfordert: Ein Unternehmer habe ihm gesagt, „wenn wir nachhaltig wirtschaften, sind wir kurzfristig teurer als die anderen — und damit weg vom Fenster”. Recycling-Plastik aus deutschem Müll ist teurer als importiertes Neuplastik; die Leute kaufen das Billigere. Welche Tools gibt es denn schon? Bendsens ehrliche Antwort: Das Tool „gibt’s tatsächlich noch nicht” — es existieren Bausteine (der jährliche Circularity Gap Report von Circle Economy, Kalkulatoren der Ellen MacArthur Foundation, True-Cost-Rechner), aber sie sind global, makro oder branchenfremd. Das Programm ist ein Versprechen, kein Produkt. Und der größte Hebel bleibe die Politik — „aber da gehen die Trends gerade nicht in die Richtung. Da waren wir schon mal weiter.”

Der Widerspruch aus dem Publikum▶ 23:43 Ein zweiter Gast widerspricht dem Journalisten grundsätzlich: Von Einzelbeispielen, wo Zirkularität teurer ist, dürfe man nicht aufs System schließen. Transformationen geschehen in kleinen Schritten — und man solle dort anfangen, wo Kreislaufwirtschaft heute schon günstiger ist: Baubranche, Wiederverwendung von Rohstoffen, Straßenrecycling. „Ein Negativbeispiel erschlägt nicht alles.” Bendsen stimmt zu: mit Positivbeispielen Bewegung erzeugen.

Konsument oder System?▶ 21:26 Auf den Einwurf, Nachhaltigkeit sei doch längst ein Verkaufsargument, für das Kundschaft mehr zahle, zieht Bendsen die Grenze, die den Talk vom üblichen Konsum-Appell unterscheidet: Ja, Konsumentinnen abholen — „gleichzeitig wollen wir auf einer systemischen Ebene etwas verändern, weil es sonst immer dieses Nischenthema bleibt — bewältigbar nur für, ich sag jetzt mal, die Öko-Bubble.”

Und die Politik konkret?▶ 25:59 Auf die Frage nach Strategien im Wahljahr: parteispezifische Handlungsempfehlungen, wie Kreislaufwirtschaft in Parteiprogramme passt, Positionspapiere zu Gesetzentwürfen, enge Arbeit mit der Verwaltung — Berlin erarbeitet gerade seine Kreislaufwirtschaftsstrategie.


Faktencheck

Bestätigt — Circularity Gap (~7 %)

Nur rund 7 % der globalen Materialströme kehren als Sekundärrohstoffe in den Kreislauf zurück — und der Trend fällt. Der Circularity Gap Report 2024 (Circle Economy, mit Deloitte) beziffert die globale Zirkularität auf 7,2 %, nach 9,1 % (2018) und 8,6 % (2021) — ein Rückgang um gut ein Fünftel in fünf Jahren. Bendsens Zahl trägt, und die Verschärfung ist der eigentliche Punkt. Quelle: Circularity Gap Report 2024

Bestätigt — Banken finanzieren nur ~2 %

Der CGR Finance (Circle Economy, 2025, mit KPMG) bestätigt: Zirkuläre Investitionen machen genau 2 % des nachverfolgten Kapitals aus — trotz Wachstum von 10 Mrd. USD (2018) auf 28 Mrd. (2023). Die Zahl ist exakt belegt. Quelle: CGR Finance — Circularity Gap

Vereinfacht — EU „1 % des Budgets"

Die Größenordnung stimmt, die genaue Bezugsgröße nicht: Ein Beleg für „1 % des EU-Haushalts” für die Circular Economy findet sich nicht. Dokumentiert ist, dass die EIB-Kreislaufwirtschafts-Kredite bei 1,54 % der gesamten EIB-Finanzierung liegen, bei einer jährlichen Investitionslücke von 82 Mrd. Euro (EEA). Die Botschaft „verschwindend klein” hält; die Prozentzahl ist eine plausible Runddarstellung. Quelle: EEA — Circular Economy lending by the EIB

Bestätigt — Bau-Turbo priorisiert Neubau

Der „Bau-Turbo” (§ 246e BauGB, in Kraft seit 30.10.2025, befristet bis Ende 2030) erlaubt Wohnungsbau ohne Bebauungsplan in zwei bis drei Monaten. Die Kritik, dass Bestand und Umbau nachrangig bleiben, ist breit dokumentiert — Fachverbände fordern einen „Umbau- statt Bau-Turbo”. Ein spezifisches Circular-Berlin-Positionspapier dazu ließ sich online nicht auffinden (Bendsen nennt es im Talk; die Stoßrichtung passt zur Organisation). Quelle: Bundestag — „Bau-Turbo” verabschiedet, nbau — Kritik am Bau-Turbo

Bestätigt — Rezyklat teurer als importiertes Neuplastik

Der Zuschauer-Einwand trifft die Marktlage: Neuware aus fossilen Rohstoffen ist so stark gefallen, dass sie unter den Produktionskosten von Rezyklat liegt; rezykliertes PET kostete Anfang 2025 rund 750–800 USD/Tonne mehr als Virgin-PET. Billige Importe unterbieten europäische Recycler zusätzlich — die Branche erlebt Werksschließungen. Quelle: IEEFA — Virgin vs. recycled plastics prices, EU Perspectives — Europe’s plastic recycling in crisis

Detail unscharf — „True Cost Calculator" und die Tool-Landschaft

Circle Economy veröffentlicht den Circularity Gap Report tatsächlich jährlich; die Ellen MacArthur Foundation stellt Bewertungswerkzeuge bereit (Material Circularity Indicator, früher Circulytics). Ein Produkt namens „True Cost Calculator” ist kein EMF-Tool — True-Cost-Ansätze existieren als generische Methodik (z. B. True Cost Accounting). Der Kern der Aussage — es gibt Bausteine, aber kein Werkzeug für Bendsens Zweck — trägt. Quelle: EMF — Metrics / MCI

Bestätigt — Berliner Kreislaufwirtschaftsstrategie

Berlin erarbeitet aktuell eine Kreislaufwirtschaftsstrategie: Der Senat hat 2025 den Strategieprozess gestartet — Dialogphase Herbst 2025 bis Frühjahr 2026, zentrale Felder u. a. die zirkuläre Transformation ganzer Wertschöpfungsketten (Gebäude). Quelle: Berlin.de — Kreislaufwirtschaftsstrategie


Weiterführende Quellen

Im Talk genannt:


Verbindungen

Gabriel Yoran — Die Entkrempelung der Welt

Die Schwester-Note zum selben Anlass (Plastiktütenfreier Tag): Yoran zeigt von der Produktseite, dass die Einweg-Logik Krempel produziert und der Markt es nicht richtet — Bendsen setzt an der Bewertungslogik an, die dieses lineare Verhalten belohnt. Sein „Kostenwahrheit erzwingen” und ihr „versteckte Verluste sichtbar machen” sind derselbe Hebel: einmal als Forderung an die Politik, einmal als Werkzeug für Unternehmen und Banken.

Stremlau und Goepel — Investieren NEU DENKEN

Bendsens engste Verbündete: Stremlaus „Geld ist niemals neutral” ist die Finanzmarkt-Fassung von Bendsens Kostenwahrheit, und beide beschreiben denselben Reifungspfad — von der ethischen Nische zur harten Risikorechnung (Zirkularität als „klassischer Risikofaktor”, nicht als grünes Extra).

Maja Goepel und Achim Truger — Wachstum NEU DENKEN

Die Zwillingsdiagnose auf der Makroebene: Göpel/Truger zeigen, dass das BIP Umweltschäden, Ungleichheit und Sorgearbeit systematisch nicht misst — dieselbe Bewertungsblindheit, die Bendsen als „Externalitäten” und lineare KPIs auf der Unternehmensebene seziert. „Wachstum — wozu?” trifft „das Billige ist eine Fehlbuchung”.

Markus Gabriel — Ethischer Kapitalismus

Produktive Spannung: Gabriel will Profit als Folge des moralisch Richtigen begründen, Bendsen dreht die Achse bewusst weg vom Moralischen — „weder moralisch noch ideologisch, sondern finanziell nachvollziehbar”. Die Sokrates-Frage dieser Note (steckt die Moral nicht doch im Excel?) ist genau der Punkt, an dem sich beide reiben.

Follow This — Die grüne Horzel in Big Oil

Derselbe Hebel von der anderen Seite: Follow This zwingt über die Aktionärsseite die externalisierten Klimakosten von Big Oil zurück in die Bilanz, wo Bendsen es über die Kredit- und Bewertungslogik der Banken versucht. Beide setzen darauf, das Finanzsystem selbst zum Ort der Kostenwahrheit zu machen, statt an Konsumenten zu appellieren.

Demokratische Wertschöpfung

Historische Vertiefung von Bendsens Gegenmodell: Ostroms Allmende-Forschung und die genossenschaftliche Wertschöpfung belegen empirisch, dass Gemeinschaften Ressourcen nachhaltiger verwalten, als der Externalisierungs-Anreiz suggeriert — Bendsens „Collective Impact” ist keine Utopie, sondern eine verdrängte Wirtschaftsform.

Doerre - Klassen Kapitalismus und Demokratie

Der schärfere Gegenpol: Dörres „Landnahme” beschreibt genau das, was Bendsen mild „Externalität” nennt — die fortlaufende Aneignung unbezahlter Natur und Zukunft durch das Kapital. Wo Bendsen an die Bilanz-Vernunft appelliert, verortet Dörre den Konflikt in Klassen und Macht: Taugt die Risikorechnung, wenn das Externalisieren strukturell profitabel bleibt?


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte

  • Bendsen will Zirkularität „weder moralisch noch ideologisch” verkaufen, sondern als Risikorechnung. Aber ist die Entscheidung, was in die Rechnung eingeht — Ökosysteme, Gesundheit, kommende Generationen —, nicht selbst schon die moralische Entscheidung, nur versteckt im Excel?
  • Der Journalist sagt: „Die Preise sind es nicht.” Bendsen sagt: Die Preise lügen. Wenn beide recht haben — wer soll die Wahrheit in die Preise bringen, wenn die Politik „schon mal weiter war”?
  • Ein Tool, das den cost of doing nothing ausrechnet, gibt es noch nicht — aber die Klimafolgekosten sind seit Jahrzehnten beziffert und haben wenig bewegt. Woran läge es, wenn diese Rechnung anders wirkt?
  • Der Plastiktütenfreie Tag setzt beim Einzelnen an, Bendsen ausdrücklich beim System („sonst bleibt es die Öko-Bubble”). Braucht die Systemveränderung trotzdem die Tüten-Geste — als Einstiegstor, als Sichtbarkeit? Oder lenkt sie ab?