Worum es geht

Zwei Bedeutungen stecken in dem Wort zählen: etwas abzählen — und etwas wert sein. Der Neoliberalismus hat die beiden verschmolzen, bis nur noch gilt, was sich in einer Zahl ausdrücken lässt. Was keinen Preis hat, hat keinen Wert; was nicht gemessen wird, existiert ökonomisch nicht. Dieses Panorama sammelt die Stimmen, die dieselbe Lücke von verschiedenen Seiten vermessen — und fragt, was eine Ökonomie wäre, die wieder den Menschen zählt.

Warum dieses Thema?

Es gibt eine Zahl, die entscheidet, ob ein Land als erfolgreich gilt: das Bruttoinlandsprodukt. Steigt es, ist es gut. Fällt es, ist Krise. Fast niemand fragt, was da eigentlich steigt. Und doch ist diese eine Zahl blind für fast alles, was ein Leben lebenswert macht: die Stunde, die eine Mutter ihr Kind wiegt, zählt nicht; der Wald, der steht, zählt nicht; die Nachbarin, die den Alten pflegt, zählt nicht. Erst wenn der Wald gefällt, das Kind in die Kita und der Alte ins Heim gegeben wird, springt das BIP an. Die Zerstörung wird gezählt, die Fürsorge nicht.

Das ist keine Panne der Statistik. Es ist ihre Logik. Und der Neoliberalismus hat aus dieser Logik eine Weltanschauung gemacht.

Man muss hier genau sein: Die Zählgrenze ist älter als der Neoliberalismus. Das BIP stammt aus den 1930er und 40er Jahren, und Vandana Shiva zeigt, dass die production boundary — nur was durch den Markt geht, gilt als Produktion — ein Strukturmerkmal kapitalistischer Buchführung überhaupt ist. Der Neoliberalismus hat sie nicht erfunden. Er hat sie radikalisiert. Aus dem blinden Fleck wurde eine Doktrin: Der Markt ist nicht länger ein Mechanismus unter anderen, sondern das einzige Maß aller Dinge. Bildung, Gesundheit, Zeit, Natur, Beziehung — alles muss sich rechnen, um überhaupt als wertvoll zu gelten. Was sich nicht rechnet, wird zur Restgröße.

Dieses Panorama fragt: Was fällt aus dieser Rechnung? Und wer versucht, anders zu zählen?

Das Problem — die Herrschaft der Kennzahl

Am schärfsten fasst es Vandana Shiva: Ihre production boundary ist die unsichtbare Mauer, die entscheidet, was zählt. 80 % der Welternährung kommen von kleinen Höfen, großenteils aus der Arbeit von Frauen — und werden nicht gezählt, weil sie nicht durch Konzernhände gehen. Dieselbe Grenze, die die bäuerliche Subsistenz verschwinden lässt, lässt auch die Arbeit der Frauen verschwinden. „So wurden Frauen zum zweiten Geschlecht” — nicht weil sie weniger arbeiteten, sondern weil ihre Arbeit außerhalb der Zählgrenze fiel. (→ andere Maße)

Göpel und Truger legen dieselbe Wunde am BIP frei: eine Zahl, die Ölkatastrophen und Autounfälle als Wachstum verbucht, weil sie Umsatz erzeugen, aber die intakte Natur und die unbezahlte Sorge als Nichts führt. Und die NANO-Runde dreht die Frage vom Kopf auf die Füße: Arbeiten wir zu wenig — oder zählen wir bloß die falsche Arbeit? Die Care-Arbeit, die jede Gesellschaft trägt, taucht in keiner Produktivitätsstatistik auf. (→ andere Maße)

Göpel und Tooze verschieben die Frage von der Kennzahl auf die Definitionsmacht über die Kennzahl. Göpels Satz „Wachstum hat nicht nur eine Höhe, sondern eine Richtung” ist kein neues Maß, sondern die Beobachtung, dass zwanzig Jahre mühsam erkämpfter Zusätze — ökologische und soziale Folgen links und rechts der Zahl — gerade wieder wegrutschen; und dass mit der Sprache die Macht mitwandert, zu bestimmen, was die Wirtschaft der Zukunft sein soll. Zwei Begriffe schärfen die Herrschaft der Kennzahl von innen: Herman Dalys unökonomisches Wachstum (das BIP wächst weiter, während die aufgelaufene Schadschöpfung den Zugewinn längst übersteigt — „wir bilanzieren es nur nicht”) und Göpels Regrettables, die bedauerlichen Ausgaben. Flutaufräumen, Unfälle, Rüstung zählen als Wachstum, obwohl niemand sie sich wünscht — und der eigentliche Griff nach der Zahl besteht darin, sie zum „neuen Wachstumsmotor” oder gar zum nachhaltigen Investment umzudeuten. Tooze legt die historische Rückseite dazu: Der Neoliberalismus war für ihn weniger ein Wirtschaftsprogramm als eine Verdrängungstechnik — das Verfahren, mit dem ein in den Siebzigern erstmals sichtbares Krisenbündel für dreißig Jahre zugedeckt wurde. (→ andere Maße, Wurzel)

Wie die Herrschaft der Kennzahl klingt, wenn sie sich selbst erklärt, zeigt ein Messtechnik-Konzern auf der re:publica 26: „Was wir nicht messen können, können wir nicht verbessern.” Der Satz enthält eine stille Behauptung — dass alles Wichtige messbar sei —, und wo sie nicht gilt, kippt er in eine Anleitung, das Unmessbare für unwichtig zu halten. Der Gegenbeweis steht im selben Vortrag: Ein Wald sieht von oben gleichförmig grün aus, erst der Laser-Querschnitt trennt renaturierten Bestand von Eukalyptus-Plantage — die bisherige Zählweise hat jahrzehntelang Monokultur als Aufforstung verbucht, und Politik wurde darauf gebaut. Die Kennzahl war also nicht nur zu eng, sie war falsch. Und doch reicht Genauigkeit nicht: Die Mangrove wurde nicht zerstört, weil niemand sie messen konnte, sondern weil jemand den Garnelenertrag maß und den Küstenschutz nicht. Was in die Bilanz gehört, entscheidet kein Laserscanner. (→ Wurzel)

Was herausfällt — das Unmessbare

Wenn nur zählt, was sich messen lässt, dann verschwindet zuerst das, was seinem Wesen nach unmessbar ist.

Teresa Bücker zeigt es an der Zeit: Zeit ist das ungleichste Gut überhaupt, und die Zeit der Fürsorge — die niemandem eine Rechnung schreibt — ist die unsichtbarste von allen. Wer sorgt, verliert am Markt. Hartmut Rosa nennt das Tiefere dahinter: die Resonanz, jene Beziehung zur Welt, die man nicht erzwingen, nicht optimieren, nicht herstellen kann. Der neoliberale Drang, alles verfügbar und steigerbar zu machen, tötet genau das, worauf es ankommt — das Unverfügbare lässt sich nicht in eine Kennzahl zwingen, ohne zu sterben.

Giovanni Maio führt es dorthin, wo es am meisten schmerzt — in die Medizin: Wo die Fürsorge am Krankenbett zur abrechenbaren Leistung wird, geht das Eigentliche verloren, die Zuwendung zum verletzlichen Menschen. Und Erich Fromm hat den Grundriss dazu schon vor Jahrzehnten gezeichnet: der Haben-Modus, der alles in Besitz und Messbares übersetzt, gegen den Sein-Modus, der sich dem Zählen entzieht. Shivas production boundary ist Fromms Haben-Prinzip in ökonomischer Form.

Die Wurzel — das Lebendige für tot erklärt

Warum lässt sich das Wichtigste so leicht übersehen? Weil ihm zuvor das Leben abgesprochen wurde.

Shivas tiefster Befund ist eine Verkehrung: Das Lebendige — Boden, Saat, Fürsorge — wird als tot behandelt, und das Tote — das Kapital, das Patent — bekommt Leben eingehaucht. Gerald Hüther beschreibt dieselbe Bewegung von der anderen Seite: Ein mechanistisches Weltbild behandelt Lebendiges wie eine Maschine, die man optimiert und vermisst, statt wie einen Organismus, der sich selbst organisiert. Und Tilo Wesche zeigt den juristischen Ort dieser Entlebendigung: Solange die Natur bloßes Eigentum ist, bloßes Objekt ohne Preis, bleibt sie in der Rechnung eine Null — bis sie zum Rechtssubjekt wird, das zählt.

Andere Maße — wie eine menschliche Ökonomie zählen würde

Ein Panorama, das nur anklagt, wäre selbst zu billig. Die interessantere Frage: Wer versucht, anders zu zählen?

✅ Was trägt bei

  • Das andere Maß existiert schon — und wird seit 2006 gemessen. Der Happy Planet Index ist die empirische Antwort auf die Frage dieses Abschnitts: 134 Länder, gemessen daran, wer aus wenig Welt viel Leben macht. Das Ergebnis stellt die Rangordnung der Kennzahl auf den Kopf — Costa Rica (31.000 ) auf Platz 105; und Deutschlands beste Werte stammen ausgerechnet aus den BIP-schwachen Jahren, die der Kanzler als verloren erzählt. Die Herrschaft der Kennzahl ist also nicht alternativlos: Man kann anders zählen, und es wird längst getan — nur regiert danach niemand.
  • Andere Kennzahlen statt kein Wachstum. Maja Göpel und die ganze NEU DENKEN-Reihe plädieren nicht für den Stillstand, sondern für ein anderes Maß: Wohlergehen, Zeitwohlstand, ökologische Bilanz statt bloßem BIP. Die Zählgrenze verschieben, nicht das Zählen abschaffen.
  • Die versteckten Kosten sichtbar machen. Nicole Bendsen rechnet die Wegwerf-Logik nicht ans Gewissen, sondern in die Bilanz: Das eigentliche Risiko liegt nicht in der Transformation, sondern im Nicht-Handeln — man muss nur das Unbezahlte einpreisen.
  • Die Natur ins Recht setzen. Tilo Wesche — Rechte der Natur als Rechtspraxis: Was ein Rechtssubjekt ist, kann nicht mehr als Null geführt werden.
  • Aus eigenen Quellen schöpfen. Felwine Sarr setzt der importierten Entwicklungslogik eine économie humaine entgegen — Wirtschaft als Dienst am Menschen, aus Ubuntu und Beziehung gedacht, nicht aus der Kennzahl.
  • Die Rechnung stellen, die nie gestellt wird. Frauke Fischer beziffert, was gratis geliefert wird: rund 150.000 Liter Wasser pro Auto — bei 50 Cent pro Liter wären das 75.000 Euro Aufschlag. Der schärfste Einzelbeleg dieses Panoramas dafür, dass ein Preis nur hält, solange eine Position auf null steht. Ihre Grenze zeigt sie selbst: Der Walhai wird geschützt, weil die Reederei am Schiffsschaden spart — wer kein Eigeninteresse auf seiner Seite hat, fällt aus der Rechnung.

⚠️ Umstritten / unvollständig

  • Armut neu vermessen. Christoph Butterwegge zeigt, wie schon die Definition von Armut ein politischer Akt ist — wer die Messlatte setzt, entscheidet, wer arm „zählt”. Aufklärend, aber es bleibt beim Messen; die Frage nach dem Unmessbaren stellt es nicht.

❌ Löst es nicht

  • Grünes Wachstum als Etikett. Wo „Nachhaltigkeit” nur eine neue Kennzahl neben das BIP stellt, ohne die Herrschaft der Zahl selbst anzutasten, bleibt die Logik dieselbe — das Leben wird weiter über den Preis vermittelt, nur mit besserem Gewissen.

Offene Fragen

  • Kann man das Unmessbare überhaupt „mitzählen”, ohne es zu zerstören — oder braucht eine menschliche Ökonomie neben der Zahl einen ganz anderen Zugang zur Welt (Rosas Resonanz, Fromms Sein)? Fischers Eimer Sand schiebt eine dritte Kategorie dazwischen: Fruchtbarer Boden ist nicht unmessbar, sondern unherstellbar.
  • Ist die Lösung ein besseres Maß (Wohlergehens-Indizes, Gemeinwohlbilanz) — oder die Entthronung des Maßes selbst als letzter Richter?
  • Wer verliert, wenn Fürsorge, Zeit und Natur plötzlich zählen? Die Herrschaft der Kennzahl hat Nutznießer — die Auseinandersetzung ist keine der besseren Argumente, sondern der Macht.
  • Wie viel „menschliche Ökonomie” verträgt ein globaler Markt, der genau die Länder am härtesten zählt, die am wenigsten Stimme haben (Shiva, Sarr)?

Notes in diesem Panorama

NoteRubrikSchwerpunkt
Vandana Shiva — Erd-Demokratie und die Freiheit des SaatgutsDenkerProblem (production boundary)
Maja Goepel und Achim Truger — Wachstum NEU DENKENZeitgeistProblem (BIP-Kritik)
NANO Talk — Arbeiten wir zu wenig oder voellig falschZeitgeistProblem (was gilt als Arbeit)
Teresa Buecker — Zeit NEU DENKENZeitgeistDas Unmessbare (Zeit)
Hartmut Rosa — Resonanz und UnverfügbarkeitDenkerDas Unmessbare (Resonanz)
Barbara Schmitz und Giovanni Maio — Verletzlichkeit als StärkeDenkerDas Unmessbare (Fürsorge)
Erich Fromm — Haben oder SeinDenkerWurzel (Haben vs. Sein)
Gerald Huether — Lebendigkeit und das Ende der HierarchienGeistesblitzWurzel (lebendig vs. mechanisch)
Tilo Wesche - Rechte der Natur Eigentum KolonialismusZeitgeistWurzel + Lösung (Natur als Subjekt)
Maja Goepel — Mut zur ZukunftZeitgeistLösung (anderes Maß)
Nicole Bendsen - Zirkulaerer Wert statt lineares RisikoZeitgeistLösung (Kosten sichtbar)
Felwine Sarr - Gehoert Afrika die ZukunftDenkerLösung (économie humaine)
Christoph Butterwegge — Armut NEU DENKENZeitgeistKontext (Armut vermessen)
Martin Oetting — Happy Planet Index 2026ZeitgeistLösung (das andere Maß, gemessen)
Adam Tooze und Maja Goepel — Die PolykriseZeitgeistProblem (Definitionsmacht, Regrettables, unökonomisches Wachstum)
Nicolaus und Winistoerfer — Warum wir die Welt vermessenZeitgeistProblem (die Kennzahl als Geschäftsmodell)
Frauke Fischer — Kann KI die Natur rettenGeistesblitzProblem (die fehlende Position)