
Adam Tooze und Maja Göpel — Die Polykrise
Wachstum hat nicht nur eine Höhe, sondern eine Richtung — zwei Ökonomen vermessen eine Krise, in der ein digital-finanziell-militärischer Komplex die Macht übernimmt zu definieren, was Wirtschaft überhaupt heißen soll.
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Künstlerhand: Dada-Fotomontage in der Tradition von Hannah Höch und Raoul Hausmann — die Technik, die aus dem Zerschnittenen ein Bild macht, das nicht aufgeht.
Warum: Die Polykrise ist eine Collage. Kein Motiv erklärt das Ganze, aber alle greifen ineinander: Zahlenkolonnen, die messen, was sich messen lässt; ein gesprungenes Barometer; Kühltürme und Serverschränke im selben Ausschnitt; ein rissiges Flussbett; der VOID-Stempel der Versicherung, die nicht mehr zeichnet; das Auge aus Leiterbahnen; das Glas braunen Wassers, das AOC in den Kongress trug. Und mittendrin ein Pfeil, der steil nach oben zeigt und dabei in die falsche Richtung geknickt ist — Wachstum hat eine Höhe und eine Richtung.
Prompt: Dada photomontage collage in the tradition of Hannah Hoech and Raoul Hausmann, wide banner. Heterogeneous cut-out fragments jammed together and visibly feeding into each other: columns of stock numbers and ledger tables, a cracked barometer, rows of server racks and cooling towers spewing steam, a dry cracked riverbed, a glass of brown water held up, a burning arrow pointing steeply upward but bent sideways into the wrong direction, an insurance stamp marked VOID, coins and a giant eye made of circuitry watching over it, torn newspaper strips with unreadable headlines. Hand-cut paper edges, halftone print texture, ochre and oxblood red and slate grey with sharp cyan accents, aggressive asymmetric composition. No photorealistic faces, no legible text.
In Dänemark versichern erste Regionen ihre Infrastruktur nicht mehr. Die Trump-Administration sperrt missliebigen Richterinnen die Zahlungsdienstleister. Palantir wird mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von knapp 400 bewertet. Für Maja Göpel sind das keine drei Meldungen, sondern ein Zustand: eine Polykrise, in der ein digital-finanziell-militärischer Komplex die Definitionsmacht darüber übernimmt, was Wirtschaft in Zukunft heißen soll. Adam Tooze antwortet als Historiker — und stellt die unbequeme Frage, ob die westliche Standardantwort auf diese Krise, die grüne Modernisierung, überhaupt noch trägt. Ein Abend darüber, dass Wachstum nicht nur eine Höhe hat, sondern eine Richtung.
Quelle: Die Polykrise | mit Adam Tooze und Maja Göpel — New Economy Talk des Surplus Magazins, 23.07.2026
Diese Note ersetzt nicht das Original — sie macht Lust darauf. Der öffentliche Mitschnitt bricht mitten in Toozes Impuls ab; die vollständige Diskussion gibt es nur im Abo. Surplus ist eines der wenigen Wirtschaftsmagazine, das sich um die Interessen der Mehrheit dreht: surplusmagazin.de
Maja Göpel (*1976) — Politische Ökonomin und Transformationsforscherin, 2009–2020 Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), Mitgründerin von Scientists for Future. Sie hält an diesem Abend die Keynote.
Adam Tooze (*1967) — britischer Wirtschaftshistoriker, Professor an der Columbia University, Herausgeber von Surplus, Autor von Crashed und Welt im Lockdown, Verfasser des Newsletters Chartbook. Er hat den Begriff der Polykrise nicht erfunden, aber im Diskurs verankert.
Die Richtung, nicht die Höhe
0:00 Der Abend beginnt mit einem Satz, der wie eine These klingt und eigentlich eine Anklage ist:
„Wachstum hat nicht nur eine Höhe, sondern eine Richtung."
Hören — 0:00
Zwanzig Jahre lang, sagt Göpel später, sei mühsam erkämpft worden, dass man Wachstum nicht per se für gut hält — dass links und rechts der Zahl ökologische und soziale Folgen mitgedacht werden. Und dieser Zugewinn rutsche gerade weg. 20:29 Nicht durch Widerlegung, sondern durch Sprachverschiebung: Wer Wachstum wieder als reine Größe sprechen darf, hat die legitimierende Sprache zurück — „und damit natürlich auch die Macht der Definition, was die Wirtschaft der Zukunft sein sollte, bei denen lässt, denen im Grunde genommen wir Mitmenschen und auch der Planet ziemlich egal sind."
Das ist der Kern ihrer Keynote, und man kann ihn leicht überhören, weil er so unspektakulär daherkommt. Es geht ihr nicht darum, wer welche Politik durchsetzt. Es geht ihr um die Ebene darunter: wer bestimmt, was überhaupt als ökonomisch zählt. Wer die Metrik hat, braucht das Argument nicht mehr.
Was der Risikobericht verrät
1:31 Bevor Göpel argumentiert, zeigt sie eine Rangliste — und benennt zugleich deren Schwäche. Sie nehme gern die Global-Risks-Rankings des World Economic Forum, sagt sie, das sei „eine rein umfragebasierte Erhebung". Kein Messwert also, sondern ein Stimmungsbild. Aber genau darin liegt ihr Wert: Es zeigt, „was eben in der sogenannten Führungsetage weltweit diskutiert wird".
Zwei Bewegungen liest sie daraus ab. Über die letzten acht bis zehn Jahre ist das grüne Thema — im Bericht praktischerweise farbcodiert — auf der Zehn-Jahres-Skala immer weiter nach oben gerutscht. Auf kurze Sicht steht dagegen inzwischen Geoökonomie auf Platz eins.
Das ist die Diagnose selbst, und sie erklärt den Rest des Abends. Dieselben Führungsetagen halten die ökologische Verwerfung langfristig für das größte Risiko — und richten ihr kurzfristiges Handeln an einem Begriff aus, der genau in die Gegenrichtung zieht. Was auf zehn Jahre bedrohlich ist, verliert gegen das, was diese Woche zählt. Göpels ganze Keynote ist der Versuch, diese Schere zu schließen, indem sie das Langfristige in die Sprache des Kurzfristigen übersetzt: Sicherheitspolitik, Kreditwürdigkeit, Bilanz.
Geoökonomie — ein Begriff mit zwei Vätern
2:16 Göpel beginnt bei einem Wort, das derzeit durch alle Konferenzen getragen wird: Geoökonomie. Es sei nichts Neues, sondern eine erdverbundene Lesart der Ökonomie — vor rund hundert Jahren von zwei Denkern gleichzeitig geprägt, mit identischer Beobachtung und entgegengesetzter Konsequenz.
Die Beobachtung: Ressourcen sind begrenzt, Territorien aufgeteilt. Die eine Schlussfolgerung, die des nationalkonservativen Publizisten Arthur Dix, der den Begriff 1925 setzte: also territorial denken und imperial handeln. Die andere, die von Wilhelm Röpke: also kooperieren, damit möglichst viele mit begrenzten Ressourcen tauschen und vorankommen können. Die erste Lesart hat sich durchgesetzt, mit den bekannten Folgen — bis hinein in die Sprache. Göpel gesteht eine kleine Trauer ein: Sie möge den Begriff Lebensraum eigentlich, er beschreibe genau, worum es bei Infrastruktur gehe, aber er sei versaut. Und sie fragt sich, „ab wann dürfen wir uns Begriffe zurückholen?"
Diese Frage ist mehr als eine Fußnote. Sie ist dieselbe Frage wie die nach dem Wachstum — nur historisch weiter zurück. Wer ein Wort besetzt, besetzt den Denkraum.
Dass die imperiale Lesart wieder Gegenwart ist, muss sie kaum belegen: annektierte Territorien, Verhandlungen mit Putin darüber, wer die Rohstoffe der Ukraine bekommt. Ihr Gegenzug ist bemerkenswert unromantisch. Planetare Grenzen, sagt sie, seien „nicht irgendein Schnickschnack und Bäume umarmen, sondern das ist Sicherheitspolitik". Der Green Deal sei im Kern ein Angebot zur Konfliktreduktion gewesen: Wer weniger Ressourcendruck erzeugt, muss sich weniger darum prügeln, wer sie bekommt.
Wenn ökologische Politik als Sicherheitspolitik überzeugender ist denn als Moralpolitik — was verliert man, wenn man sie so begründet? Gewinnt man Verbündete, oder liefert man das Klima nur einer anderen Verwertungslogik aus?
Die Erpressung
5:17 Der schärfste Moment der Keynote ist der nüchternste. Göpel beschreibt, in welcher Form der Druck auf die europäische Regulierung ankommt — Lieferkettengesetz, Nachhaltigkeitsberichterstattung, Digitalregulierung. Nicht als Argument. Als Drohung: Ihr habt uns euer LNG abgenommen, als ihr euch von Putins Gas löstet; wenn ihr an dieser Regulierung festhaltet, sind wir uns nicht sicher, ob die Lieferungen nicht woanders hinmüssten.
„Also es ist Erpressung."
Im Gespräch — 5:17
Und sie rechnet dagegen, statt zu appellieren: Was dort geschehe, bringe weder Wachstum noch Produktivität noch Wettbewerbsfähigkeit — 6:03 es sei „ein Wettrennen in den Abgrund". Sie beruft sich auf die Green-Deal-Kommissarin Teresa Ribera, die sinngemäß dasselbe sagt: Ein Rennen nach unten ist für Europa nicht zu gewinnen.
Hier liegt eine Härte, die man bei Göpel oft unterschätzt. Sie argumentiert nicht, Europa solle standhaft bleiben, weil es das Richtige sei. Sie argumentiert, ein Rennen nach unten sei nicht zu gewinnen — man kann nur aussteigen oder verlieren.
Wo die Natur in die Bilanz einbricht
6:48 Die wichtigsten Akteure für dieses Thema, sagt sie, seien inzwischen nicht die Umweltverbände, sondern die Rückversicherer und die Banken, die langfristige Kredite vergeben. In Dänemark gebe es erste Regionen, in denen Infrastruktur und Immobilien nicht mehr abgesichert werden, weil absehbar ist, dass die Hitzeentwicklung die Wasserversorgung in einen Engpass treibt.
Das ist der Punkt, an dem die Abstraktion aufhört. Ein Haus, das man nicht mehr versichern kann, ist ein Haus, das man nicht mehr beleihen kann — und damit ein Vermögenswert, der sich in Luft auflöst, lange bevor das Wasser knapp wird. „Diese Idee des Finanzkapitals, sich durch Rückversicherung in Kredite bewegen zu können, hat etwas mit Natur und der Verfasstheit dieser Natur zu tun."
7:33 Dazu ihre Lieblingsfrage ans Publikum: Wie viel Prozent der Wirtschaftsleistung hängen ziemlich direkt von Biodiversität und Ökosystemleistungen ab? Und ihr Nachsatz, der die eigentliche Pointe trägt: „Das sind eben nicht die Zahlen von Greenpeace, sondern die UBS oder zwischenzeitlich auch die EZB" — die zu dem Ergebnis kam, dass rund 72 Prozent der Unternehmen im Euroraum kritisch von mindestens einer Ökosystemleistung abhängen. (Faktencheck: Die Zahl stimmt, die Grundgesamtheit ist größer als im Vortrag genannt — 4,2 Millionen Unternehmen, nicht 4.200.)
Sofort baut sie den Gegeneinwand selbst ein: Wenn Ökologie ökonomisch übersetzbar wird, lädt man das Finanzkapital ein, sie als short assets zu begreifen. Wer knapper werdende Bestände besitzt — Öl, Land, Getreide —, verdient am Schrumpfen. 9:05 Sie nennt das Muster beim Namen: Munitionshersteller, die aus Steuergeldern finanziert werden und Margen von 28 Prozent aufschlagen; der Tankrabatt, der laut Greenpeace-Rechnung mit 700 Millionen an der Zapfsäule vorbei in die Dividende lief. Die Frage sei nicht, ob man Knappheit bepreist, sondern wem der knappe Bestand gehört.
Unökonomisches Wachstum
9:50 Von dort führt eine gerade Linie zur Ungleichheit. In der deutschen Debatte gehe es derzeit nur darum, dass man nicht mehr so viel umverteilen könne — „ohne zu fragen, warum die Verteilung überhaupt so in diese Richtung gelaufen ist". Wer sein Geld aus Investitionen in begrenzte Güter mehrt statt aus Arbeit oder Produktion, setzt sich ab: weil Finanzkapital anders besteuert wird und weil es mit anderer Wucht darauf einwirken kann, was politisch überhaupt noch durchsetzbar ist.
Ihr Beispiel ist unangenehm nah: Alle sollen jetzt Rentenvorsorge mit ETFs machen. Zugleich setzen Index-Anbieter wie MSCI die Bedingungen, unter denen ein Land als Schwellenland gilt und welcher Investorenschutz gegeben sein muss, um in den Index zu kommen. „Das Steuern von Geld stellt Bedingungen" — und zwar durch Akteure, die keinerlei demokratische Legitimation haben und denen bislang keine Gegenmacht gegenübersteht.
11:21 Was daraus folge, sei „hoch unökonomisches Wachstum" — ein Begriff, den sie Herman Daly zuschreibt: Irgendwann kippt es, das Bruttoinlandsprodukt wächst weiter, aber die aufgelaufene Schadschöpfung ist bereits teurer als der Zugewinn. „Wir bilanzieren es nur nicht." Bei Klimagasen komme hinzu, dass man sie nicht sieht, hört, fühlt, riecht — weshalb es einen CO₂-Preis brauche, um sie überhaupt fassbar zu machen.
Und in dem Moment, wo das geschehen soll, werde plötzlich die Ungleichheit entdeckt: Das können wir uns nicht leisten, die Geringverdiener. Dieselben Geringverdiener, „die vorher nie so richtig auf dem Radar der Akteure waren, die sie dann plötzlich entdecken". 12:52 Göpels Antwort auf den angeblichen Zielkonflikt zwischen Sozialem und Ökologischem ist der schärfste Satz des Abends:
„Nein, es ist ein Designversagen" — sowohl der ökonomischen Instrumente als auch der Art, wie Infrastruktur und öffentliche Daseinsvorsorge organisiert sind.
Hören — 12:52
Ein Zielkonflikt legitimiert Nichtstun, ein Designversagen verpflichtet zum Umbauen. Wer profitiert davon, dass wir das eine für das andere halten?
Was neu ist: das Digitale, utopisch und dystopisch
13:38 Hier kommt Göpel zu dem, was sie als eigentlich Neues an dieser Polykrise begreift — und man hört ihr an, dass sie darüber ehrlich verärgert ist. 2019, noch als WBGU-Generalsekretärin, legte sie einen Report zur Digitalisierung vor, gegen den Widerstand von beiden Seiten („was wollt ihr Ökos denn damit?"). Der Punkt war: Sensorik, Monitoring in großem Maßstab, Simulation und Extrapolation könnten helfen, Sollbruchstellen der Nachhaltigkeit endlich zu bearbeiten — Kipppunkte in Ökosystemen voraussehen, Bodenfeuchte messen, Smart Grids so kalibrieren, dass Strompreise sinken.
Der Report skizzierte eine utopische und eine dystopische Bahn. Die utopische: planetare Grenzen im Fokus, ein neuer Humanismus, Zugang zu Wissen über alle Grenzen hinweg, eine Kultur der Kooperation — Couchsurfing und Mitfahrgelegenheiten, „bevor es dann Airbnb geworden ist". Die dystopische: 15:54 das Digitale als Brandbeschleuniger. Datencenter mit unfassbarem Energiehunger. Konzentrierte Kontrolle über knappe Ressourcen durch bessere Beobachtung — wo sind die fruchtbarsten Böden, wo die dicksten Wälder? Manipulation von Information. Und Abhängigkeit von Zahlungssystemen.
16:39 Genau da schlägt die Prognose in Gegenwart um: Die Trump-Administration sanktioniere Richterinnen und Aktivistinnen — Göpel nennt HateAid — persönlich, indem ihnen der Zahlungsdienstleister entzogen wird. Nicht Verhaftung, nicht Verfahren. Kontosperrung.
Dass sieben Jahre alte Szenarien so schnell zur Nachricht werden, ist das eigentliche Argument dieses Abschnitts. Die dystopische Bahn brauchte keine neue Technologie — nur die Bereitschaft, die vorhandene anders zu benutzen.
Die Jungs vom Mars
17:24 Wer treibt diese Agenda? Göpel zählt auf: Transhumanismus, Thiels Antichrist-Meditationen, Musks Mars, die Superintelligenz mit ihrer Cyborg-Verschmelzung. Und fasst es in einen Satz, der lacht und ernst ist zugleich:
„Ich habe manchmal das Gefühl, gelangweilte Jungs im Wettbewerbskomplex mit viel zu viel Geld sind nicht gut im Driving Seat der Infrastrukturgestaltung der Zukunft."
Im Gespräch — 17:24
Man kann das für einen Gag halten. Es ist aber eine präzise Machtbeschreibung: Die Infrastruktur, auf der die nächsten fünfzig Jahre laufen werden, wird gerade von Leuten gebaut, deren Zeithorizont der nächste Quartalsbericht und deren Fluchtplan ein anderer Planet ist. 19:43 „Ich weiß nicht, ob die Jungs vom Mars da überhaupt noch drauf warten. Ich glaube, bei denen geht's primär drum, kurzfristig das meiste Geld in ihre Tasche zu holen."
Bemerkenswert ist, dass sie an genau dieser Stelle Hoffnung findet, und zwar an unerwarteter Adresse. 18:11 Um die Datencenter herum entstehe in den USA eine parteiübergreifende Bewegung — Republikaner und Demokraten —, die sich gegen megalomanische Anlagen wehrt, die meist in prekären Communities errichtet werden: Wasserverbrauch, Energieverbrauch, Luftverschmutzung, oft ohne abgewartete Genehmigung, als vollendete Tatsache hingestellt. Dazu die Finanzarchitektur dahinter: feindliche Übernahmen, Börsengänge in Billionenhöhe, immer weitere Konzentration und „nur noch durch Schulden und sich gegenseitig stützende Kredite voranrasende KI-Systeme".
Sie stellt die Frage, die in der KI-Euphorie selten gestellt wird: Wenn möglichst viele Menschen ersetzt werden — „wer soll dann das ganze Zeug kaufen, was dann so megalomanisch produktiv aus diesen Unternehmen rauskommt?"
Daten zerstören, Sprache entkernen
21:15 Ihr wichtigstes Beispiel für die Definitionsmacht ist ein Löschvorgang. Die Trump-Administration habe nicht nur Daten abgezogen — DOGE habe dafür gesorgt, dass sie auf Privatrechnern landeten —, sondern auch Daten zerstört, die planetare Grenzen anzeigen könnten. Der Grund ist juristisch: Wer ökologische Gerechtigkeit vor Gericht verteidigen will, braucht Beweise, dass der Schaden stattgefunden hat. Keine Daten, kein Beweis, kein Verfahren.
Dass die Strategie nicht aufging, liegt an etwas, das man nicht löschen kann: an der unmittelbaren Erfahrung. Göpel erinnert an AOC, die im Kongress schlicht ein Glas mitbrachte und zeigte, wie braun das vermeintliche Trinkwasser in den Datencenter-Regionen inzwischen ist.
22:00 Dasselbe Muster erkennt sie in Europa, nur milder: Kennzahlen sollen aus der Bilanzierung raus, aus den Berichten raus, „weil wir uns das gerade nicht leisten können". Ihre Antwort wäre die selbstbewusste: Wenn ihr zurück ins Mittelalter wollt — gut, dann ist Europa eben die Hochburg des Informationszeitalters. 22:46 Sie beruft sich auf Enrico Lettas Binnenmarkt-Bericht, der den freien Verkehr von Wissen und Daten als fünfte Freiheit vorschlug. Das zu verteidigen sei doppelt wichtig: um ökonomische Metriken zu verbessern — und um Widerspruch überhaupt legitimierbar zu halten. Menschen, die verstehen, warum eine Innovation sinnvoll ist, erleben sie nicht als Zumutung, und kommen selbst auf bessere Lösungen.
Fast beiläufig kippt sie hier zwei Degradationen ineinander: die Berichte darüber, wie neuronale Netzwerke schrumpfen, je mehr schon Kinder ChatGPT als Antwortmaschine benutzen — und die Degradation der Natur. „Es gibt einfach bestimmte Logiken von lebenden Systemen, die mit Nutzung, aber auch einem Rhythmus der Nutzung zu tun haben, die sie gesund bleiben lässt." Der Boden und das Gehirn stehen plötzlich im selben Satz, und der Satz trägt.
Regrettables — bedauerliche Ausgaben
24:16 Der nützlichste Begriff des Abends ist der leiseste. Regrettables: Ausgaben, die ins Bruttoinlandsprodukt einfließen, obwohl niemand sie sich wünscht. Das Aufräumen nach einer Flutkatastrophe. Ein großer Unfall. Und, ausdrücklich: eine wachsende Rüstungsindustrie.
Göpel argumentiert nicht gegen deren Notwendigkeit. Sie argumentiert gegen ihre Umdeutung — dagegen, sie „als neuen Wachstumsmotor abzufeiern" oder an den Taxonomien so lange zu schrauben, bis Rüstung als nachhaltiges Investment gilt.
„Nein, es bleiben Regrettables, bedauerliche Ausgaben, die vielleicht heute kurzfristig notwendig sind und wo wir uns trotzdem alle einig bleiben sollten, dass es bestmöglich wäre, wenn sie so schnell wie möglich nicht mehr nötig wären."
Im Gespräch — 24:16
Das ist eine bemerkenswert erwachsene Position: die Notwendigkeit anerkennen, ohne sie zur Tugend zu erklären. Sie schützt vor beidem — vor der Naivität, die Aufrüstung leugnet, und vor dem Zynismus, der aus ihr ein Geschäftsmodell macht.
25:03 Was an die Stelle träte, benennt sie konkret: Energie, Investitionen und Ressourcen ließen sich in etwas stecken, das ziviles Wohlergehen voranbringt — „anstatt in Dinge, die hoffentlich immer nur rumstehen müssen und, wenn wir sie benutzen müssen, sehr viel Schaden anrichten". Ein Panzer ist im besten Fall totes Kapital — eine buchhalterische Feststellung. Daraus zieht sie die Regel, die den Abschnitt trägt: „Wir müssen klar bleiben in den Zahlen und in den Erzählungen, worum es wirklich geht."
Die Pointe liegt im Wörtchen bleiben. Ein Regrettable wird nicht dadurch zum Guten, dass es unvermeidlich ist — es bleibt eine Rechnung, die man lieber nicht hätte. Wer eine Taxonomie so lange umbaut, bis Munition als nachhaltiges Investment gilt, hat die Buchhaltung verändert, die Welt nicht. Und genau darin liegt die Brücke zurück zu Göpels Hauptthese: Wer die Kategorien verschiebt, muss den Streit über die Sache nicht mehr führen.
Tech for Earth
25:48 Auch beim Produktivitätsbegriff dreht sie die Perspektive. In den US-Tech-Konzernen gebe es Tokenization-Vorgaben: Du musst so viel KI in deinem eigenen Job verwenden wie irgend möglich — erstens, um dich ersetzbar zu machen, zweitens, um die Modelle zu trainieren, die dann deinen Job übernehmen. Was KI verbrauche, sei etwas ganz anderes als das, was IT vorher verbrauchte; für viele Anwendungen reiche shallow AI, eine flache, nicht besonders tiefe KI — und Europa könne Souveränität auch durch die Reduktion von Ressourcenabhängigkeit gewinnen statt allein durch Aufholen.
27:20 Ihr Schlussbild ist die Palantir-Bewertung. Ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 400 — ein Vielfaches dessen, was Nvidia trägt. „Das kann ich nur haben, wenn alle Leute darauf vertrauen, dass das größte Militär der Welt die Zweifel raushaut oder eben Kunde bleibt." Was hier bewertet wird, ist kein Produkt, sondern eine Staatsgarantie. Deshalb ihr Begriff für das Neue an dieser Polykrise: ein digital-finanziell-militärischer Komplex, in den USA staatskapitalistisch gestützt.
28:05 Die europäische Antwort darauf hieße bei ihr Tech for Earth — mit Verweis auf den Techforscher W. Brian Arthur die Frage stellen, mit welchen Beobachtungen, welchem Wissen und welchen Phänomenen wir die Zahlen und Erzählungen prägen, auf die hin wir dann Technologien erfinden. Denn Geld, sagt sie, ist auch eine Technologie. Ihr letzter Satz ist unakademisch und sitzt:
„Mir bleibt es wirklich ein ganz zentrales Anliegen, dass wir uns nicht durch eine Entkernung der Sprache und auch der Zahlenwerke zunehmend verarschen lassen."
Im Gespräch — 28:05
Wer bietet den USA die Stirn?
28:50 Nach der Keynote stellt der Moderator die Frage, die alles Vorherige auf den Boden holt: Wie stehen die Chancen, dass Tech for Earth von europäischen Akteuren tatsächlich standhaft vertreten wird — und wer sind diese Akteure überhaupt? Wer bietet den USA die Stirn?
29:35 Göpels erste Reaktion ist ein Lachen: „Diese Suche ist gerade voll im Laufen." Dann wird sie präzise. In jedem Sektor gebe es einflussreiche Unternehmen, die es „voll verstanden haben" und nicht zurückwollen — und daneben die, denen es „so ein bisschen total egal" ist, die nur auf Geldwerte schauen und darauf, was auf dem eigenen Konto liegen bleibt. Ihr Problem ist kein Mehrheitsproblem:
„Das Problem ist, dass die mit dem ‚ist mir total egal' lauter sind und aggressiver sind."
Im Gespräch — 29:35
30:22 Und sie sind strukturell im Vorteil. Es sind immer noch die etablierten Indikatoren, die gelten; die Modelle der Konjunkturprognosen zeigen ökologische Verwerfungen schlicht nicht an — sie leiten künftige Produktionskapazitäten aus Kapitalbeständen ab, in denen Natur nicht vorkommt. Wer den Status quo will, muss also gar nichts gewinnen. Er muss nur verhindern, dass gerechnet wird.
Daraus folgt für Göpel die Antwort auf die Wer-Frage: Allianzen quer durch die Sektoren und zwischen Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Politik. Und ein Warnhinweis, welche Rhetorik man dabei nicht mitspielen darf — Staat gegen Markt, Europa gegen nationale Stärke. Beides sei „genau die Rhetorik, die im Grunde genommen verhindern soll, dass hier eine Größenordnung an Antwort kommen kann, die einen US-Markt beeindrucken würde". Die Lagerbildung ist nicht das Hindernis auf dem Weg zur Antwort; sie ist der Zweck.
31:07 Dann kommt der Satz, der den ganzen Abend unbequemer macht als jede Analyse davor — und Göpel sagt ihn sichtlich ungern:
„Und das ist das Fiese: Wenn du weißt, dass Systemtrends eskalieren, dann braucht es irgendwann den Moment, wo die Friktion tatsächlich so groß wird, dass die Eskalation aufgehalten wird. Das möchte keine politische Figur notwendigerweise herbeiführen — und dann haben wir das Risiko, dass wir immer weitermachen, bis dann eben die Märkte knallen."
Im Gespräch — 31:07
Das ist das Eingeständnis, das ihre eigene Gestaltungshoffnung untergräbt. Wenn Veränderung erst einsetzt, wenn die Reibung groß genug ist, dann arbeitet die Vernunft gegen die Zeit — und niemand mit Amt hat ein Interesse daran, den Bruch zu beschleunigen, der ihn möglich machen würde. Es ist derselbe Riss, den Tooze gleich darauf historisch aufmachen wird, nur von der anderen Seite: Er fragt, warum die richtige Antwort seit dreißig Jahren nicht durchdringt. Sie antwortet, ohne die Frage gehört zu haben — weil erst der Schaden überzeugt.
Wenn Umsteuern erst gelingt, wenn die Friktion groß genug ist — ist es dann verantwortlich, den Bruch abzumildern? Jede Krisenlinderung kauft Zeit und nimmt zugleich den Druck, der die Korrektur erzwingen würde.
Ihr Schluss ist trotzdem kein resignierter. In den USA fange es „auf vielen dieser Ebenen gerade an zu ruckeln" — Europa könne einen Beitrag leisten, indem es sich „nicht zum unterjochten Vasall machen" lässt und jenen Akteuren in den USA hilft, die Teil dieser Allianz bleiben wollen. Ihr letztes Wort dazu ist nüchtern: „Aber es wird hochpolitisch sein."
31:53 Der Moderator fragt ins Publikum, ob noch eine kurze Frage komme. Es kommt keine. „Dann dürft ihr euch gerne noch weiter Gedanken machen."
Toozes Einwand: Wir wiederholen uns
33:25 Adam Tooze wirft beim Zuhören seinen vorbereiteten Beitrag über Inflation weg und improvisiert. Er beginnt mit einer Korrektur in eigener Sache: Er habe den Polykrisen-Begriff „in keiner Weise erfunden, sondern übernommen", und zwar „von einer, sagen wir mal, schmutzigen Quelle" — 34:11 von Jean-Claude Juncker, dem der Begriff um 2015/16 zupass kam, als Eurokrise, Brexit, Krim und Fluchtbewegungen zusammenliefen.
Der Begriff habe eine Leerstelle: Er sei „eine Problembezeichnung und nicht unmittelbar der Begriff, mit dem man dieses Problem entziffert". Genau so habe er ihn 2022 aufgenommen — nicht als neues systematisches Modell, sondern als Eingeständnis: „Hier haben unsere bisherigen Begriffe der Krise gewissermaßen einen Endpunkt erreicht, und jetzt müssen wir auf etwas anderes hindeuten."
36:30 Dann unterbricht er sich für einen Nachruf. Der Begriff gehe letztlich auf Edgar Morin zurück, dessen Lebenslauf er in wenigen Sätzen aufblättert: französischer Jude, Résistance im Zweiten Weltkrieg, danach unterwegs mit Sartre und Merleau-Ponty, in den Sechzigern Systemtheorie in Kalifornien, in den Achtzigern und Neunzigern die Prägung dieses Begriffs. Am 29. Mai 2026 gestorben, mit 104 Jahren, und wenige Tage später in Paris mit einem hommage national geehrt, den Macron persönlich hielt. (Faktencheck: Tooze sagt „vor zwei Wochen" — es waren knapp zwei Monate.) Morins Punkt in den Neunzigern, gegen Fukuyamas Ende der Geschichte gerichtet: Was er sehe, sei eine Konvergenz aus kapitalistischer Instabilität, geopolitischem Wettlauf und ökologischer Bedrohung — etwas, das die klassische marxistische Krisentheorie nicht mehr erfasste. Der Begriff wurde geprägt, „um diese Leerstelle in unserem kognitiven Apparat abzudenken".
38:06 Und dann kommt Toozes eigentlicher Einwand — leise vorgetragen, ausdrücklich nicht als Kritik an Göpel gemeint, und trotzdem der unbequemste Gedanke des Abends. Er habe, sagt er, an dem Moment festgehalten, als Göpel frustriert bemerkte: Das hatten wir 2011 schon alles aufbereitet, ich will mein altmodisch aussehendes Dashboard nicht noch einmal sehen.
Die grüne Modernisierung — entstanden in den frühen 2000ern in Europa, mitangetrieben von Rot-Grün, 2008 von Korea aufgegriffen, in den 2020ern durch die UN-Institutionen geisternd — versteht er als Gegenstück zum Polykrisen-Zweifel. Zwei Gedanken, die sich seit den Achtzigern durch die westliche Technokratie ziehen. Die Frage sei: „Ist unsere Antwort auf Polykrise gewissermaßen grüne Modernisierung, jetzt richtig gemacht?"
39:38 Seine Historisierung geht noch weiter zurück. Man könne sagen, die Polykrise sei zum ersten Mal in den Siebzigern entdeckt worden — Inflation, das letzte Aufbäumen der postkolonialen Bewegung, der Bericht des Club of Rome. „Und dann haben wir es mit Neoliberalismus zugedeckt. Und das war gewissermaßen die Funktion des Neoliberalismus, das zuzudecken." Als es in den Neunzigern wieder hervorsprudelte, war die grüne Modernisierung die postneoliberale Antwort.
Das ist eine Deutung mit Sprengkraft: Der Neoliberalismus erscheint hier als Verdrängungstechnik — ein Verfahren, ein unlösbares Bündel für dreißig Jahre unsichtbar zu machen.
Und Tooze nimmt sich selbst nicht aus. Man müsse sich, „fast biographisch sogar", als Menschen verstehen, die dieses grüne Modernisierungsprojekt ein Leben lang immer wieder aufgenommen haben — „und es gibt wirklich keine bessere Alternative, meiner Meinung nach". Kein Zynismus, keine Absage. Nur die Beobachtung, dass man seit dreißig Jahren vor derselben Antwort steht.
41:10 Dann setzt er zur eigentlichen Frage an — was hat sich verändert in diesem mittlerweile fast dreißigjährigen Versuch? — nennt „drei oder vier richtig große Dinge", und genau dort bricht der öffentliche Mitschnitt ab. Der Rest liegt hinter der Bezahlschranke. Man kann das ärgerlich finden. Man kann es auch als ungewollt passende Illustration lesen: Die Diagnose ist frei zugänglich, die Antwort kostet.
Wenn der Neoliberalismus die Funktion hatte, die Polykrise zuzudecken — welche Funktion hat dann die grüne Modernisierung? Ist sie die Lösung, oder ist sie die nächste, freundlichere Decke?
Zwei Stimmen, ein Riss
Es lohnt, die Differenz nicht zu glätten, weil beide zu höflich waren, sie auszusprechen. Dabei hatte Göpel den Riss schon eine Viertelstunde vorher selbst geöffnet, in der Antwort auf die Publikumsfrage — als sie einräumte, dass es wohl erst die Friktion braucht, bevor eine Eskalation aufhört.
Göpel argumentiert von der Gestaltung her: Die Instrumente sind falsch designt, die Metriken messen das Falsche, die Sprache ist entkernt — also müssen wir Bilanzierung, Eigentum und Definitionsmacht umbauen. Ihre Diagnose ist präzise, ihre Kampfzone ist die Zahl.
Tooze argumentiert von der Zeit her. Er stellt nicht in Frage, dass Göpel recht hat. Er fragt, warum dieselbe richtige Antwort seit dreißig Jahren nicht durchdringt — und ob die Beharrlichkeit, mit der sie wiederholt wird, nicht selbst zum Problem gehört. Die Frage nach dem Design bekommt eine historische Rückseite: Was, wenn nicht das Design das Problem ist, sondern die Machtverhältnisse, die jedes Design überleben?
Beide Antworten sind wahr, und sie sind nicht dieselbe Antwort. Wer nur Göpel hört, unterschätzt, wie oft dieser Plan schon vorlag. Wer nur Tooze hört, hat am Ende eine elegante Erschöpfung und keinen Hebel. Der Abend endet, bevor die beiden diesen Riss ausmessen — nicht aus Feigheit, sondern wegen der Bezahlschranke.
Faktencheck
Tooze sagt, Edgar Morin sei „vor zwei Wochen" gestorben und in Frankreich mit einem Staatsbegräbnis geehrt worden. Morin starb am 29. Mai 2026 im Alter von 104 Jahren — zum Zeitpunkt der Aufzeichnung also fast zwei Monate zuvor. Die Ehrung fand am 3. Juni 2026 statt: ein hommage national, den Macron persönlich abhielt („un destin exceptionnel dans le siècle"), mit „Aux morts", Schweigeminute und Marseillaise — eine staatliche Trauerfeier, nicht formal ein Staatsbegräbnis. Kein erkennbares Motiv, nur die Unschärfe des freien Vortrags; der Kern hält. Quelle: Hommage national à Edgar Morin — Élysée · France 24, 03.06.2026
„Polycrise" taucht 1993 bei Edgar Morin und Anne Brigitte Kern in Terre-Patrie (engl. Homeland Earth, 1999) auf — nicht als Summe einzelner Krisen, sondern als emergente Verflechtung mit sich verstärkenden Rückkopplungen. Vorbereitet hatte Morin das schon 1976 in Pour une crisologie. Quelle: Généalogie du concept de polycrise (SocArXiv) · Homeland Earth (polycrisis.org)
Jean-Claude Juncker griff „Polykrise" als Kommissionspräsident auf und machte ihn 2016 in seiner Athener Rede vor dem griechischen Unternehmerverband politisch geläufig — mit genau der Klammer aus Euro-/Griechenlandkrise, Syrienkrieg, Fluchtbewegung und Brexit. Er selbst berief sich dabei auf Morin. Toozes Selbstauskunft, den Begriff übernommen und nicht erfunden zu haben, deckt sich mit seiner eigenen öffentlichen Darstellung. Quelle: Juncker-Rede (polycrisis.org) · Adam Tooze zur Polykrise (WEF)
Arthur Dix (1875–1935), nationalkonservativer Publizist, setzte den Begriff 1925 in Geoökonomie. Einführung in die erdhafte Wirtschaftsbetrachtung — mit imperialer Konsequenz (Rohstoff- und Absatzsicherung gegen die USA). Wilhelm Röpke (1899–1966) entwickelte die liberale, auf wechselseitige Abhängigkeit und Kooperation zielende Lesart. Göpels Zuschreibung stimmt in beide Richtungen. Der von ihr genannte Buchautor heißt allerdings nicht „Christoph Hein": Die begriffsgeschichtliche Herleitung stammt von Christian Pfeiffer im SWP-Band zur geoökonomischen Zeitenwende. Quelle: SWP — Mehr Macht, weniger Markt · Arthur Dix
Die 72 % stimmen exakt — aber die Grundgesamtheit ist eine andere: Die EZB untersuchte 4,2 Millionen nichtfinanzielle Unternehmen im Euroraum, nicht 4.200. 72 % davon sind kritisch von mindestens einer Ökosystemleistung abhängig; 75 % aller Unternehmenskredite gehen an solche Firmen. Die Größenordnung im Vortrag ist damit eher unter- als übertrieben. Quelle: EZB, Economic Bulletin 6/2024 · EZB Occasional Paper 380 „Nature at risk"
Dass in ersten dänischen Regionen Immobilien und Infrastruktur nicht mehr versichert würden, weil Hitze die Wasserversorgung gefährdet, ließ sich nicht belegen. Der allgemeine Befund — wachsende unversicherbare Zonen in Europa, Warnungen der Rückversicherer zur Versicherbarkeit von Vermögenswerten — ist gut dokumentiert, der konkrete dänische Fall mit Wasserversorgung als Auslöser nicht. Keine unabhängige Quelle gefunden. Quelle: How fires and floods are creating uninsurable areas across Europe (The Conversation) — belegt nur den allgemeinen Trend
„Knapp 400" trifft die Größenordnung: Palantirs nachlaufendes KGV wird je nach Stichtag mit rund 280 bis 428 angegeben. Der Vergleichsfaktor stimmt aber nicht — Nvidia liegt bei etwa 46, das ist ein Verhältnis von grob 6- bis 9-fach, nicht 10- bis 20-fach. Die Pointe (absurde Bewertungsprämie) trägt, die Verstärkung war überflüssig. Quelle: Palantir Fundamentalanalyse (finanzen.net) · Nvidia vs. Palantir 2026 (Motley Fool)
Das US-Außenministerium verhängte am 23.12.2025 lebenslange Einreiseverbote gegen die HateAid-Geschäftsführerinnen Anna-Lena von Hodenberg und Josephine Ballon (ebenso gegen Thierry Breton, Imran Ahmed, Clare Melford) — Begründung: der DSA sei „Zensur". Der Zugriff über Zahlungsdienstleister gehört bislang zur angedrohten, nicht zur vollzogenen Eskalationsstufe; HateAid selbst führt Kartensperren als mögliche Verschärfung auf und verweist auf die Praxis bei sanktionierten Richtern internationaler Gerichte, wo Finanzsanktionen tatsächlich griffen. Die Stoßrichtung stimmt, die Vermischung beider Fälle verkürzt. Quelle: HateAid — US-Sanktionen · WirtschaftsWoche
Der Begriff wird durchgängig dem Ökologieökonomen Herman Daly zugeschrieben: Wachstum, dessen Grenzkosten (Umweltschäden, Ressourcenzehrung) den Grenznutzen zusätzlicher Produktion übersteigen. Quelle: Herman Daly, „Uneconomic Growth: In Theory, in Fact, in History" · The Conversation zu Daly
Enrico Letta forderte in seinem Binnenmarktbericht Much More Than a Market (April 2024) als Top-Priorität eine fünfte Grundfreiheit für Forschung, Innovation, Wissen und Daten — neben Waren, Personen, Dienstleistungen, Kapital. Quelle: Bruegel — A fifth freedom in the EU single market? · Letta-Report (ERA Portal)
Die Position ist korrekt wiedergegeben: Teresa Ribera argumentiert öffentlich, Europa verliere ein Rennen nach unten und gewinne nichts, wenn es Standards eintauscht. Der exakte Wortlaut „We cannot win a race to the bottom" ließ sich als Zitat nicht belegen — in dieser Note deshalb sinngemäß statt in Anführungszeichen. Quelle: Ribera: No race to the bottom
Rheinmetalls Sparte Weapon and Ammunition erzielte 2024 bei 58,5 % Umsatzwachstum auf 2,78 Mrd. € eine operative Marge von 28,4 % — gegenüber 15,2 % im Konzern und 9,3 % im Schnitt der 100 größten deutschen AGs. Und Greenpeace beziffert die Übergewinne der Mineralölkonzerne im ersten Monat des Tankrabatts auf rund 702 Mio. € (Berechnung Steffen Bukold). Die Formulierung „in die Dividende" ist die Deutung, die Zahl selbst hält. Quelle: Surplus — Wie Rheinmetall sich bereichert · Greenpeace-Analyse
Der Widerstand ist tatsächlich bipartisan: Eine Gallup-Erhebung zeigt 71 % Ablehnung eines Datencenters in der eigenen Umgebung (75 % Demokraten, 63 % Republikaner); unter den Amtsträgern, die sich öffentlich gegen Projekte stellten, waren 55 % Republikaner. Allein im ersten Quartal 2026 wurden rund 75 Projekte im Wert von ~130 Mrd. $ blockiert oder verzögert. Und Alexandria Ocasio-Cortez hielt am 20. Mai in einer Anhörung des House-Energy-and-Commerce-Unterausschusses zwei Gläser trübbraunen Wassers aus einer Gemeinde bei Metas Datencenter in Morgan County, Georgia, hoch: „Neither one of these things are drinkable." Quelle: Grist — America's data center backlash is bipartisan · CBS Atlanta zur AOC-Anhörung
Katars Energieminister Saad al-Kaabi schickte einen Brief an die belgische Regierung und erklärte öffentlich, Katar werde kein LNG mehr nach Europa liefern, sollte die EU die Lieferkettenrichtlinie CSDDD (Strafen bis 5 % des Weltumsatzes) nicht entschärfen. Katar deckte 2024 mit rund 16 Mio. Tonnen etwa 14 % der EU-LNG-Importe. Auch die US-Seite warnte die EU vor Folgen für die LNG-Versorgung — allerdings in separaten Vorstößen, nicht als gemeinsamer Brief. Quelle: Forbes — Qatar Threatens Natural Gas Embargo Against The EU · S&P Global
Weiterführende Quellen
Aus der Video-Beschreibung:
- New Economy Talk: Polykrise — Adam Tooze & Maja Göpel — der vollständige Talk inklusive Toozes Impuls und der anschließenden Diskussion (nur für Abonnenten)
- Surplus Magazin — Probeabo — Wirtschaftsmagazin, das ökonomische Debatten aus der Perspektive der Mehrheit führt
Im Vortrag erwähnt:
- World Economic Forum — Global Risks Report — die von Göpel zitierte umfragebasierte Rangliste globaler Risiken, in der ökologische Themen über acht bis zehn Jahre nach oben rückten
- WBGU-Hauptgutachten „Unsere gemeinsame digitale Zukunft" (2019) — der Report zur Digitalisierung, den Göpel als WBGU-Generalsekretärin verantwortete; Grundlage ihrer utopisch/dystopisch-Unterscheidung
- Enrico Letta — Binnenmarkt-Bericht (2024) — Vorschlag einer „fünften Freiheit" für Wissen, Forschung und Daten
- Club of Rome — Die Grenzen des Wachstums (1972) — von Tooze als einer der drei Auslöser der ersten, in den Siebzigern entdeckten Polykrise genannt
- Edgar Morin — französischer Soziologe und Philosoph, auf den Tooze den Begriff der Polykrise zurückführt
- Herman Daly — Ökologischer Ökonom, von Göpel für den Begriff des „unökonomischen Wachstums" genannt
- W. Brian Arthur — evolutionärer Technologieforscher, Bezugspunkt für Göpels „Tech for Earth"
- Capitals Coalition — Initiative zur Bilanzierung von Natur-, Sozial- und Humankapital
Von Sherlock recherchiert:
- Élysée — Hommage national à Edgar Morin (03.06.2026) — Primärquelle zur staatlichen Ehrung, Macrons Rede
- De la crisologie à polycrisis — Généalogie du concept de polycrise — Begriffsgeschichte von Morin 1976 über Terre-Patrie 1993 bis Juncker und Tooze (Preprint, noch nicht begutachtet)
- EZB Occasional Paper 380 — Nature at risk — die Primärstudie hinter den 72 %
- European banks face significant vulnerability to ecosystem degradation — peer-reviewte Bestätigung der EZB-Linie (Communications Earth & Environment, 2025)
- SWP — Mehr Macht, weniger Markt — Dix gegen Röpke, die zwei Ahnenlinien der Geoökonomie
- Greenpeace-Report: Übergewinne im deutschen Tankstellenmarkt — die vollständige Bukold-Berechnung
- Data Center Watch — blockierte Projekte — Zahlenbasis zum US-Widerstand
- HateAid — US-Sanktionen — Selbstdarstellung der Betroffenen, inklusive angedrohter Eskalationsstufen
Verbindungen
→ Edgar Morin — Das komplexe Denken
Der Ursprung des Begriffs, an dem dieser Abend hängt. Tooze beklagt, Polykrise sei „eine Problembezeichnung und nicht unmittelbar der Begriff, mit dem man dieses Problem entziffert" — bei Morin ist genau diese Entzifferung mitgeliefert: Polykrise folgt aus der pensée complexe, dem Denken, das Widerspruch aushält, statt ihn wegzuschneiden. Wer Toozes Einwand ernst nimmt, dass wir seit dreißig Jahren dieselbe Antwort wiederholen, findet bei Morin die erkenntnistheoretische Begründung dafür: Eine einzelne Lösungsformel für ein verwobenes Problem muss strukturell scheitern.
→ Maja Göpel & Achim Truger — Wachstum NEU DENKEN
Dort ist „Wachstum hat eine Richtung, nicht nur eine Höhe" ausbuchstabiert, mit Truger als fiskalpolitischem Gegenpart. Die Polykrise-Keynote verschiebt die Tonart: Was dort noch als Debatte um bessere Metriken erscheint, ist hier ein Rückzugsgefecht. Der über zwanzig Jahre erkämpfte Zugewinn geht nicht durch Widerlegung verloren, sondern durch Sprachverschiebung.
→ Andreas Reckwitz — Fortschritt NEU DENKEN
Dieselbe Stimme, zwei sehr verschiedene Plätze im Raum: Hier hält Göpel die Keynote und hat den ökonomischen Apparat in der Hand, bei Reckwitz sitzt sie daneben und wendet ein — Resilienz sei politisch längst als Ausrede fürs Nichtstun benutzt worden, und wer Verluste zumutet, während sich oben jemand freikauft, bekommt keine Zustimmung. Was Reckwitz dieser Keynote entgegenhält, ist eine Sprache für das, was verloren geht. Ihre Diagnose lebt davon, dass alles gestaltet ist — Metriken, Bilanzierung, Instrumente —, weshalb der angebliche Zielkonflikt zwischen Sozialem und Ökologischem bei ihr „ein Designversagen" heißt, das zum Umbauen verpflichtet. Reckwitz nennt drei Dinge, an die kein Design heranreicht: den Klimawandel, die Altersstruktur, die Sicherheitslage. Er nennt das eine Ernüchterung, die nötig ist; sie würde darin die bequemste aller Ausreden wittern. Die beiden Sätze reiben sich präzise aneinander — ein Designversagen, das seit vierzig Jahren dasselbe produziert, sieht irgendwann aus wie eine Unverfügbarkeit, und eine Unverfügbarkeit ist das stärkste Argument, das je gegen Veränderung vorgebracht wurde. Am Ende treffen sie sich in derselben Ehrlichkeit: Sie räumt ein, dass es wohl erst die Friktion braucht, er, dass ein Politiker, der im Wahlkampf von Verlusten spricht, verliert.
→ Adam Tooze — Pentagon vs. Anthropic: Der Kampf um die KI-Kontrolle
Toozes eigene Vorgeschichte zum digital-finanziell-militärischen Komplex: Dort beschreibt er den Rechtsstaat als Kampffeld, auf dem der mit den meisten Milliarden gewinnt. Hier liefert Göpel die Bewertungslogik dahinter — Palantirs KGV preist kein Produkt ein, sondern eine Staatsgarantie. Zusammengelesen: Der Staat ist nicht Regulator der Tech-Macht, sondern ihr Kunde und ihr Sicherheitsversprechen.
→ Francesca Bria — The Authoritarian Stack
Brias „autoritärer Stack" und Göpels „digital-finanziell-militärischer Komplex" beschreiben dieselbe Architektur aus verschiedenen Richtungen — Bria von der Infrastruktur her, Göpel von der Finanzierung her. Göpels Zusatz ist der interessantere Teil: Souveränität muss nicht durch Aufholen entstehen, sie kann durch Reduktion von Ressourcenabhängigkeit gewonnen werden (shallow AI). Diesen Weg bietet die Stack-Logik so nicht an.
→ Herfried Münkler — Europas Platz in der neuen Weltordnung
Die geopolitische Oberseite desselben Komplexes, vorgetragen von jemandem, der die Rechnung annimmt. Münkler beschreibt ein Europa im Sandwich zwischen Putin und Trump und zieht daraus eine Liste, die er vor einem Industriekongress verliest: Führungsgruppe der fünf, Ende der Einstimmigkeit, eigene nukleare Abschreckung — und, direkt an den Saal gerichtet, „Die Herrschaft der Betriebswirte ist vorbei." Was bei ihm Redundanz und strategische Vorratshaltung heißt, ist genau das, was Göpel als bedauerliche Ausgabe in den Büchern stehen sehen will; sein Satz von der „Produktivität von Feindschaft" ist die These, gegen die ihr Regrettables-Argument geschrieben wurde. Ein Panzer, der im besten Fall totes Kapital bleibt, kann nicht produktiv sein — es sei denn, jemand hat ihn vorher als Wachstum verbucht. Die schärfste Reibung liegt aber im Wort Sicherheitspolitik, das beide für sich reklamieren. Göpel holt damit die planetaren Grenzen aus der Moralecke: Wer weniger Ressourcendruck erzeugt, muss sich weniger darum prügeln, wer die Ressourcen bekommt. Münkler antwortet auf denselben Ressourcenwettlauf mit Abschreckung und einem Portfolio der Machtsorten. Derselbe Befund, dasselbe Wort, entgegengesetztes Instrument — und Peter Thiel steht in beiden Analysen, hier als gelangweilter Junge mit zu viel Geld, dort als Beleg dafür, dass auch die USA ins Katechontische rücken.
→ Gehring & Gießmann — Digitale Unabhängigkeit und monetäre Souveränität
Dort die strukturelle Zahl — der überwiegende Teil grenzüberschreitender Zahlungen läuft über US-Anbieter. Hier der Ernstfall: Die Trump-Administration greift Richterinnen und Aktivistinnen an, indem sie ihnen den Zahlungsdienstleister entzieht. Die abstrakte Abhängigkeit erweist sich als anwendbare Waffe.
→ Yanis Varoufakis — Technofeudalism
Die produktivste Reibung im Bestand. Varoufakis liest dieselbe Konzentration als Technofeudalismus — Plattformrente statt Profit, Vasallen statt Wettbewerber. Göpel widerspricht implizit: Was sie beschreibt, ist keine Rückkehr zum Feudalen, sondern eine staatskapitalistische Variante, in der das Militär als Kunde die Bewertung trägt. Die Frage zwischen beiden lautet: Ist die neue Macht dem Staat entwachsen — oder ist sie sein Produkt?
→ Jan-Keno Janssen — Nvidia Tokenextremismus
Beide sehen dieselbe Zirkularität der KI-Ökonomie von entgegengesetzten Enden: Janssen von der Hardware her, Göpel von der Finanzierung her — „nur noch durch Schulden und sich gegenseitig stützende Kredite voranrasende KI-Systeme". Göpels Frage schließt den Kreis, den die Investitionslogik offen lässt: Wenn möglichst viele Menschen ersetzt werden, wer kauft dann noch das Produzierte?
→ Silke Stremlau & Maja Göpel — Investieren NEU DENKEN
Die natürliche Fortsetzung des Finanzmarkt-Strangs. Dort „Geld ist niemals neutral" als Prinzip, hier als Machtbefund: Index-Anbieter wie MSCI setzen die Bedingungen, unter denen ein Land als Schwellenland gilt und welcher Investorenschutz gegeben sein muss — Akteure ohne jede demokratische Legitimation, denen keine Gegenmacht gegenübersteht. Und wir alle sollen unsere Rente dort hineinlegen.
→ Konstantin Flemig — Deutschland als Rüstungs-Großmacht
Der Regrettables-Satz an dem Ort, an dem er sich entscheidet. Göpels Munitionshersteller mit 28 Prozent Marge heißt Rheinmetall, und Flemig führt vor, was aus dem Unternehmen in drei Jahren geworden ist: Artilleriemunition von 70.000 auf 1,1 Millionen Schuss im Jahr, ein Greenfield-Werk in Unterlüß, Standorte bis in die Ukraine hinein, dazu die Prognose, die Verteidigungsindustrie könne bis 2030 ein Drittel der wegfallenden Autoarbeitsplätze auffangen. Damit ist Göpels Bitte, man möge sich wenigstens einig bleiben, dass diese Ausgaben schnellstmöglich unnötig werden sollten, faktisch schon abgeräumt — eine Jobmaschine hofft nicht auf ihr Ende. Ihre Palantir-Pointe bekommt hier außerdem ein europäisches Gegenstück im Klartext: Rheinmetall verlangt ein Staatsfinanzierungsmodell nach dem Vorbild der fünfziger Jahre, bei dem der Staat die Fixkosten leerstehender Kapazitäten mitträgt. Was in Kalifornien in ein Kurs-Gewinn-Verhältnis eingepreist wird, wird in Niedersachsen beantragt. Und wo Göpel fragt, wem der knappe Bestand gehört, stellt sich hier die schlichtere Variante: Wem gehört eine Fabrik, die nur trägt, solange die Bedrohung anhält — und wer bezahlt sie, wenn sie nachlässt?
→ Neoliberalismus — Was zählt
Die Note steuert dem Panorama zwei Bausteine bei, die dort fehlten: Herman Dalys unökonomisches Wachstum und Göpels Regrettables. Toozes These, der Neoliberalismus sei weniger ein Wirtschaftsprogramm als eine Verdrängungstechnik, gibt der Herrschaft der Kennzahl eine historische Rückseite — sie hat nicht nur eine Logik, sie hatte eine Aufgabe.
→ Autoritärer Internationalismus — Die globale Rechte
Das Panorama liest die autoritäre Vernetzung politisch-ideologisch; Göpel liefert die ökonomische Unterseite — Erpressung als Regulierungspolitik (LNG gegen Lieferkettengesetz) und Datenzerstörung als Rechtsstrategie: keine Daten, kein Beweis, kein Verfahren. Autoritarismus erscheint hier nicht als Gesinnung, sondern als Geschäftsmodell mit Staatsgarantie.
→ Frauke Fischer — Kann KI die Natur retten?
Die Fortsetzung von Göpels Biodiversitäts-Frage in der Praxis. Wo Göpel die EZB-Zahl als Argument gegen den Greenpeace-Verdacht setzt, rechnet die Tropenökologin Fischer den Einzelfall durch: 150.000 Liter Wasser pro Auto, gratis geliefert — bei 50 Cent pro Liter würde jedes Auto 75.000 Euro teurer. Bemerkenswerter ist, wie genau Fischers Schlusskapitel Göpels dystopische Bahn einholt. „Konzentrierte Kontrolle über knappe Ressourcen durch bessere Beobachtung" ist bei Fischer kein Szenario mehr, sondern ein Modell, das vorhersagt, wo ein bestimmter Walhai in drei Tagen schwimmt — schützbar und bejagbar mit demselben Datensatz. Ihre Konsequenz, Naturschutzdaten in geschlossene Räume zu legen, ist die operative Antwort auf Göpels Befund, dass die dystopische Bahn keine neue Technologie brauchte, nur die Bereitschaft, die vorhandene anders zu benutzen.
→ Madlen Nicolaus und Martin Winistörfer — Warum wir die Welt vermessen
Was aus Göpels WBGU-Vorschlag geworden ist. Sie hatte Sensorik, großmaßstäbliches Monitoring und Simulation gefordert, um ökologische Sollbruchstellen bearbeitbar zu machen, und sich dafür von beiden Seiten Widerstand geholt. Jahre später steht ein Messtechnik-Konzern damit auf einer Bühne — und die Note zeigt, was der Weg dorthin mit dem Argument gemacht hat: Aus „wir müssen die Natur endlich bilanzieren" ist „unsere Sensoren retten sie" geworden, und der Vortrag endet beim Arbeitskräftemangel und humanoiden Robotern. Göpels härtester Satz — wer den Status quo will, muss nur verhindern, dass gerechnet wird — bekommt dort eine unbequeme Ergänzung: Es wird gerechnet, nur wächst das Geschäft des Rechnenden am stärksten in Rüstung und Bergbau, und beides kommt im Vortrag nicht vor.
→ Kapitalismus der Endlichkeit — und was, wenn es nicht für alle reicht?
Die unbequeme Ergänzung zur ökologischen Diagnose. Orain hält fest, dass „auch die zügellosesten Kapitalisten" die Knappheit längst verstanden haben — und daraus nicht Suffizienz ableiten, sondern den Griff nach dem Rest. Die Erkenntnis der Endlichkeit ist ein Befund ohne eingebaute Ethik. Damit bekommt Toozes Frage, ob die grüne Modernisierung als westliche Standardantwort noch trägt, eine schärfere Fassung, und Göpels digital-finanziell-militärischer Komplex eine fünfhundertjährige Vorgeschichte.
Weiterdenken
- Göpel sagt, der Zielkonflikt zwischen Sozialem und Ökologischem sei ein Designversagen. Aber jedes Design hat Auftraggeber — wenn das Design seit vierzig Jahren dasselbe Versagen produziert, ist es dann noch Versagen?
- Tooze nennt den Neoliberalismus eine Technik, die Polykrise zuzudecken. Was, wenn Zudecken manchmal die einzige Form ist, in der eine Gesellschaft mit einem unlösbaren Problem weiterleben kann — und was folgt daraus für den, der aufdeckt?
- Die Palantir-Bewertung setzt darauf, dass der Staat Kunde bleibt. Wenn Börsenkurse Erwartungen an staatliche Gewalt einpreisen — welchem Wähler gehört diese Entscheidung dann noch?
- Beide sprechen davon, dass Europa dagegenhalten müsse. Womit eigentlich — und wer in Europa hätte etwas zu verlieren, wenn es das täte?
- Göpel fragt, ab wann man sich Begriffe zurückholen darf. Gibt es Wörter, die man besser verloren gibt — und wer entscheidet das?
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