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Gedankenraum
Geistesblitz·26.09.2026·0:52 h·21 Belegstellen

Torsten Wilholt — Wahrheit und Wissen

Wer richtig liegt, weiß deshalb noch nichts: Wissen ist wahre Überzeugung, die nicht vom Zufall lebt — und wer Irrtum für möglich hält, ist darum noch lange kein Skeptiker.

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Johannes Vermeer — Eine Gelehrte in Blau steht im Delfter Morgenlicht und schaut zu einer Wanduhr hinauf, deren Pendel still hängt. Auf dem Tisch liegen die Brille aus der Vorlesung, ein Buch, ein Himmelsglobus und eine einzelne Tarotkarte. Im Fensterglas steht ihr Spiegelbild und schaut zurück, als könnte die ganze Szene auch geträumt sein. Vermeer, weil seine Gelehrten am Fenster das stille, genaue Hinsehen malen, um das es in der Erkenntnistheorie geht, und weil bei ihm das Licht selbst die Frage stellt, was man eigentlich sieht.

Prompt: Wide 1200x500 painting in the manner of Johannes Vermeer, 1660s Delft interior, oil on canvas with soft pearly daylight from a leaded-glass window at the left, cool whitewashed wall, ultramarine robe and lead-tin yellow accents, tranquil and intimate, visible craquelure. A young woman scholar in a blue robe stands in profile at a small table, her face turned toward a simple wooden wall clock hanging on the whitewashed wall — the clock has clearly stopped, its pendulum hanging motionless. On the table, lit by the window: round spectacles on an open folio, one tarot card lying face up, a small brass celestial globe. The wall otherwise bare except the soft shadow of the window frame. The window pane faintly mirrors her face. Still, contemplative, the moment of wondering whether what one sees is true. No maps, no calendar, no text, no letters, no modern objects.

Worum es geht

Wer richtig liegt, weiß deshalb noch nichts. Torsten Wilholt eröffnet seine Hannoveraner Vorlesungsreihe mit der Frage, was Erkenntnistheorie überhaupt tut, und antwortet mit vier Projekten: verstehen, was Wissen ist; seine Quellen prüfen; den Zweifel ernst nehmen, ohne ihm zu verfallen; und fragen, welche Wege zum Wissen die besseren sind. Eine Stunde Grundlagen mit Tarotkarten, einer stehengebliebenen Uhr und Macron, der die Hauptstadt nach Marseille verlegt. Für einen Vault, der täglich Behauptungen prüft, ist das der Boden unter jedem Faktencheck.

Quelle: Einführung in die Erkenntnistheorie (Torsten Wilholt: „Wahrheit und Wissen“, 1. Vorlesung) (InstPhil, Leibniz Universität Hannover, März 2023, 55 Min)

Wer spricht?

Prof. Dr. Torsten Wilholt (*1973, Georgsmarienhütte) — seit 2011 Professor für Philosophie und Geschichte der Naturwissenschaften an der Leibniz Universität Hannover. Er kommt von der Mathematik her: Seine Dissertation fragte, warum sich reines Denken so erfolgreich auf die Welt anwenden lässt (Zahl und Wirklichkeit, 2004), seine Habilitation galt der Freiheit der Forschung (Suhrkamp 2012).

Sein Feld ist die soziale Erkenntnistheorie der Wissenschaft: Wann vertrauen wir der Forschung zu Recht, und was machen Auftraggeber, Interessen und Werturteile mit ihrer Verlässlichkeit? Seit 2023 leitet er mit Mathias Frisch die DFG-Kollegforschungsgruppe SOCRATES zur Glaubwürdigkeit von Expertenwissen; im selben Jahr erhielt er den Wissenschaftspreis Niedersachsen.

→ DenkerVita


Was kann ich wissen? — die erste von Kants drei Fragen

0:48 — Wilholt beginnt bei einer der berühmtesten Stellen der Philosophie. In der Kritik der reinen Vernunft bündelt Kant „alles Interesse meiner Vernunft“ in drei Fragen:

„Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?“

Im Gespräch — 0:48

Die erste davon gehört der Erkenntnistheorie, und sie steht nicht zufällig vorn. Das Fach heißt im Englischen und Französischen epistemology bzw. épistémologie, vom griechischen epistēmē, Wissen, manchmal auch Wissenschaft. Gemeint ist überall dasselbe: 3:09 „die philosophische Untersuchung von Bedingungen, Möglichkeiten und Grenzen des Wissens“.

Wilholt misstraut dieser Lexikondefinition sofort selbst. Über die Grenzen menschlichen Wissens forschen auch Psychologinnen, Informatiker und Bibliothekswissenschaftlerinnen. Was die Philosophie davon unterscheidet, lässt sich schlecht definieren und besser zeigen. Deshalb zeigt er es, an vier Projekten, die er in Anlehnung an Stephen Stichs The Fragmentation of Reason (1990) sortiert: das analytische Projekt (was ist Wissen?), das Quellenprojekt (woher kommt es?), das antiskeptische Projekt (haben wir überhaupt welches?) und das evaluative Projekt (welche Methoden sind die besseren?). Er betont, dass die vier ineinandergreifen: Wer dem Skeptiker widersprechen will, muss vorher sagen können, was Wissen ist, und landet dabei schnell bei der Frage, was die Sinne leisten.

Die Wahrheit allein reicht nicht — Tarotkarten und die Zahl 13

10:06 — Auf die Frage, was Wissen ist, gibt es eine Antwort, die Platon zugeschrieben wird und lange als erledigt galt (Faktencheck: vereinfacht): Wissen ist gerechtfertigte wahre Meinung. Eine Person P weiß, dass q, wenn drei Bedingungen erfüllt sind: P ist überzeugt, dass q; q ist wahr; und P ist in dieser Überzeugung gerechtfertigt.

Die ersten beiden Bedingungen leuchten schnell ein. Wer nicht glaubt, dass Paris die Hauptstadt Frankreichs ist, weiß es auch nicht. Und niemand kann sagen, Petra wisse, dass Paris die Hauptstadt Belgiens ist, weil eine Wissenszuschreibung immer schon eine Wahrheitszuschreibung ist. Die dritte Bedingung erklärt Wilholt mit zwei Figuren. Petra glaubt, dass Paris die Hauptstadt Frankreichs ist, weil sie es in ihren Tarotkarten gelesen hat. Und ein Freund kündigt an, morgen werde im Lotto ganz bestimmt die 13 gezogen, er habe es aus den Maßen der ägyptischen Pyramiden errechnet. Die 13 kommt tatsächlich. 13:54

„Aber würden Sie dann sagen, Ihr Freund wusste, dass die Zahl 13 gezogen werden würde? Nein, Sie würden sagen, das war nur zufällig so. Das war kein Wissen.“

Im Gespräch — 13:54

Diesen Unterschied fasst die Philosophie im Begriff der Rechtfertigung: gute Gründe, ein verlässlicher Weg zur Überzeugung. Die Pointe ist unbequem, und sie trifft jeden Faktencheck. Ein Treffer beweist nichts über den, der ihn gelandet hat. Wer aus Pyramiden Lottozahlen liest, liegt manchmal richtig, und kein richtiges Ergebnis macht seine Methode nachträglich gut.

Weitergedacht

Wenn eine richtige Vorhersage aus schlechten Gründen kein Wissen ist, wie viele „Ich hab's ja gesagt“ in unseren Debatten wären dann bloß Glück, das sich im Nachhinein für Einsicht hält?

Die stehengebliebene Uhr — Gettier und das Problem mit dem Glück

16:10 — Mitte des 20. Jahrhunderts bekommt die alte Definition einen Riss. Er ist verbunden mit dem Namen Edmund Gettier und einem Aufsatz von gerade drei Seiten, 1963: Is Justified True Belief Knowledge? Gettier zeigt Fälle, in denen jemand eine wahre und gerechtfertigte Überzeugung hat und trotzdem nichts weiß. Wilholt erzählt das schönste Beispiel dafür, das schon Bertrand Russell in Human Knowledge beiläufig notiert hatte.

Helmut schaut auf eine Uhr, liest 14:31 ab, und es ist 14:31. Er hat die besten Gründe, der Uhr zu trauen: Er kennt sie seit Jahren, hat sie immer wieder geprüft und vorgestern sogar zerlegt und wieder zusammengebaut. Nur ist die Uhr heute durch einen verrückten Zufall genau um 2:31 Uhr nachts stehen geblieben, und Helmut schaut exakt zwölf Stunden später hin. 19:14 Weiß er, wie spät es ist? Gettier und fast alle nach ihm sagen nein. Helmut liegt so zufällig richtig wie der Freund mit den Pyramiden, nur mit besseren Gründen.

Die naheliegende Reparatur wäre, die Gründe strenger zu machen: vorgestern geprüft reicht eben nicht. Wilholt warnt davor, 20:52 „diesen Weg zu beschreiten, das ist der Königsweg zum Skeptizismus“. Denn dann weiß niemand im Hörsaal, wie spät es ist, weil keiner in den letzten Stunden eine Uhr zerlegt hat. Die Latte lässt sich nicht beliebig hochlegen. Solange gute Gründe und Irrtum zusammen möglich sind, gibt es Gettier-Fälle.

Seitdem ist das analytische Projekt wieder lebendig. Man sucht nach Ergänzungen oder Ersatzbegriffen für die Rechtfertigung und hält an den drei Bausteinen fest: Überzeugung, Wahrheit, Rechtfertigung. Und an einer Einsicht, die Wilholt als Kern stehen lässt: 23:10 „dass Wissen etwas mit der Nicht-Zufälligkeit unserer Überzeugungen zu tun hat“.

Eigene Einschätzung

Die Uhr ist ein unterschätztes Bild für die Arbeit mit Quellen. Eine Quelle, die jahrelang verlässlich war, kann an genau dem Tag stehen bleiben, an dem man sie braucht, und man merkt es nicht, weil sie zufällig die richtige Zeit zeigt. Der Faktencheck prüft die Aussage, selten den Mechanismus, der sie hervorgebracht hat. Gettier erinnert daran, dass beides verschieden ist.

Woher Wissen kommt — Sinne, Erinnerung, Vernunft und die anderen

24:42 — Das zweite Projekt prüft die Quellen einzeln: wie verlässlich sie sind und wie sie zusammenwirken. Vier Kandidaten stellt Wilholt vor.

Die Sinneswahrnehmung ist das Naheliegende: Da liegt eine Brille auf dem Schreibtisch, ich sehe sie. Die Erinnerung ist schon anders gebaut. Sie erzeugt kein neues Wissen, sie hält fest, was ich vorher auf anderem Weg erfahren habe. Wilholt unterscheidet darum zwischen Ursprungsquellen und weitergebenden Quellen, und merkt an, dass „Quelle“ selbst eine Metapher ist, eine vom Ursprung her gedachte.

Umstrittener ist die Vernunft. Sie kann aus Wissen weiteres Wissen erschließen, aber gibt es reines Vernunftwissen, das ohne jede Wahrnehmung auskommt? Der beste Kandidat ist die Mathematik: 27:47 Dass es keine größte Primzahl gibt, lässt sich mit geschlossenen Augen beweisen. Ob es solches Wissen jenseits der Mathematik gibt, ist offen.

Am wichtigsten für unsere Gegenwart ist die vierte Quelle, die Mitteilung anderer, im Englischen testimony. Dass sie zählt, bestreitet niemand. Wilholt nennt eigene Beispiele: dass in Indien Elefanten leben, dass Brüssel die Hauptstadt Belgiens ist, dass er in Georgsmarienhütte geboren wurde. Das alles hat er nie selbst geprüft. „Ein Riesenanteil meines Wissens stammt aus Mitteilung anderer.“ 29:25 Strittig ist, ob sie eine eigene Quelle ist oder sich auf die anderen zurückführen lässt: Ich höre jemanden reden (Wahrnehmung), erinnere mich, wie verlässlich er bisher war (Erinnerung), und schließe daraus, dass ich ihm glauben kann (Vernunft). Die Gegenthese hält den Menschen für ein von Grund auf soziales Erkenntniswesen, das Wissen immer schon in Gemeinschaft entwickelt. Wer diese These ernst nimmt, betreibt soziale Erkenntnistheorie, das Feld, in dem Wilholt selbst arbeitet. Dazu kommt eine offene Stelle der Liste: die Introspektion, das Wissen über die eigenen Gedanken und Gefühle.

Weitergedacht

Fast alles, was wir über die Welt wissen, wissen wir von anderen. Wenn Vertrauen damit eine Erkenntnisquelle ist, wird dann die Frage, wem wir trauen, zur wichtigsten erkenntnistheoretischen Frage unserer Zeit?

Der Skeptiker als Anfänger — Wissen ist keine Gewissheit

32:30 — Das dritte Projekt antwortet dem Skeptiker, der sagt: Wirklich gerechtfertigt ist keine unserer Überzeugungen, also wissen wir nichts. Wilholt zitiert den Philosophen Johann Friedrich Herbart aus dem 19. Jahrhundert:

„Jeder Anfänger in der Philosophie ist ein Skeptiker, aber auch jeder Skeptiker ist ein Anfänger.“

Im Gespräch — 32:30

Der Satz richtet sich gegen den naiven Skeptizismus, und der entsteht nach Wilholt meist aus zwei Verwechslungen. Die erste verwechselt Wissen mit Gewissheit. Dass es keine größte Primzahl gibt, ist hundertprozentig sicher, darauf würde er sein Leben verwetten. Dass Paris die Hauptstadt Frankreichs ist, ist es nicht ganz. Er habe seit einer Weile keine Nachrichten gesehen: 34:47 Vielleicht hat Emmanuel Macron die Hauptstadt gerade nach Marseille verlegt. Sehr unwahrscheinlich, vermutlich nicht verfassungskonform, aber nicht unmöglich. Trotzdem weiß er, dass Paris die Hauptstadt ist. Wer nur Gewissheit als Wissen gelten lässt, behält ein paar mathematische Sätze und verliert den Rest.

Die zweite Verwechslung betrifft den Fallibilismus, die vernünftige Haltung, dass man sich bei allem irren kann, vielleicht sogar bei einem Beweis, den man durchschaut zu haben glaubt. Daraus folgt aber kein Skeptizismus. 37:52

„Der Schritt von ‚Es kann immer sein, dass ich mich irre‘ zu ‚Es kann sein, dass ich mich immer irre‘ ist kein gültiger Schluss.“

Im Gespräch — 37:52

Wer zugibt, dass manches, was er für Wissen hält, sich als Irrtum herausstellen wird, 38:40 „das macht mich noch nicht zum Skeptiker, das macht mich nur zum vernünftigen Menschen“. Skeptisch wäre erst die Behauptung, das meiste, was wir zu wissen glauben, sei kein Wissen.

Eigene Einschätzung

Die beiden Fehlschlüsse sind im öffentlichen Streit alltäglich. „Die Wissenschaft hat sich schon oft geirrt“ wird zu „also kann man ihr nicht trauen“, und „100-prozentig sicher ist das nicht“ zu „also ist es bloß eine Meinung“. Wilholts Unterscheidung taugt als Werkzeug gegen beide. Sie gibt der Vorläufigkeit ihr Recht, ohne dem Zweifel alles zu überlassen.

Traum, Dämon, Gehirn im Tank — der ernsthafte Zweifel

39:27 — Es gibt auch raffiniertere skeptische Argumente, die der Philosophie wirklich eine Nuss zu knacken geben. Sie greifen eine Stelle im Überzeugungssystem an, von der aus sich der Zweifel ins Ganze frisst. Das klassische Beispiel, schon in der klassischen chinesischen Philosophie diskutiert: Weiß ich, dass ich gerade nicht träume, oder dass ich nicht immer träume? Wenn nicht, weiß ich auch nicht, ob hier eine Brille liegt, ob draußen Regen fällt, ob ich verheiratet bin und zwei Kinder habe.

Descartes hat im frühen 17. Jahrhundert den Traum und den bösen Dämon ausführlich durchgespielt, der amerikanische Philosoph Hilary Putnam vor über vierzig Jahren das Gehirn im Tank, lange vor den Matrix-Filmen. 43:15 Von meinem Körper existiert nur das Gehirn in einer Nährlösung, und dass hier ein Philosophieprofessor ein Vorlesungsvideo aufzeichnet, ist eine Illusion, die ein Supercomputer einspeist.

Wilholt betont, dass weder Descartes noch Putnam Skeptiker waren. Sie machten den Zweifel so stark wie möglich, um prüfen zu können, was ihm standhält. Und er benennt offen die eigene Schlagseite: Er habe das antiskeptische Projekt „ein bisschen einseitig“ formuliert. Es gebe Philosophinnen und Philosophen, die die skeptischen Argumente für stark halten, aber 45:31 „der Skeptizismus ist in der Philosophie insgesamt ein Randphänomen“. Er fügt einen ehrlichen Grund hinzu: Hätte der Skeptiker recht, wäre der Rest der Erkenntnistheorie uninteressant, weil sie über etwas redete, das es nicht gibt.

Weitergedacht

Wilholt räumt ein, dass die Disziplin ein Interesse daran hat, den Skeptiker zu widerlegen, weil sie sonst ihren Gegenstand verliert. Ist ein Konsens noch ein gutes Argument, wenn die, die ihn tragen, ohne ihn arbeitslos wären?

Die vergessene Frage — welche Methoden sind die besseren?

46:18 — Das vierte Projekt nennt Wilholt das evaluative: herauszufinden, welche Vorgehensweisen beim Gewinnen von Wissen die besten sind, und warum. Stich spricht von der evaluation of methods of inquiry, Philip Kitcher von meliorativer Erkenntnistheorie, einer, die das Erkennen verbessern will. Die Geschichte der Philosophie ist voll davon: Francis Bacons Novum Organum, das Plädoyer für eine experimentierende, induktive Wissenschaft, mit Bacon als Propagandist der wissenschaftlichen Revolution; Descartes' methodischer Zweifel und sein Vertrauen in die Vernunft; John Stuart Mills System of Logic, das untersucht, mit welchen Methoden man Kausalzusammenhänge findet.

Heute sei dieses Projekt 48:38 „ein bisschen in Vergessenheit geraten“. Die Einzelwissenschaften haben es übernommen, jede reflektiert ihre eigenen Methoden, die Psychologie seit über hundert Jahren. Was an Querschnittsfragen bleibt, ist in die Wissenschaftsphilosophie gewandert. Wilholt hält es trotzdem für einen Teil der Erkenntnistheorie, und für einen, ohne den man die historischen Autoren schlecht versteht: Sie fragten nicht nur, was Wissen ist, sondern ganz konkret, wie wichtig das Experiment ist und wie wichtig die Mathematisierung der Forschung.

Eigene Einschätzung

Das evaluative Projekt ist das, was im Cortex täglich läuft, ohne diesen Namen zu tragen: die Regel, dass eine Meta-Analyse schwerer wiegt als eine Einzelstudie und ein Preprint noch nicht begutachtet ist, Sherlocks Frage nach dem Interesse des Sprechers, die Stufen der Web-Recherche. Das sind alles Urteile darüber, welche Wege zum Wissen die besseren sind. Dass die Philosophie diese Frage an die Fächer abgegeben hat, erklärt vielleicht, warum sie in der Öffentlichkeit so selten mit Gründen verhandelt wird.

Der Plan einer Reihe

51:39 — Die ersten drei Projekte gliedern die ganze Vorlesung. Drei Sitzungen über die Wahrheit, eine über die Überzeugung, zwei über die Rechtfertigung samt Gettier-Problem, Reliabilismus und Tugenderkenntnistheorie. Dann die Quellen: Sinneserfahrung, Empirismus gegen Apriorismus, schlussfolgernde Verstandestätigkeit, soziale Erkenntnistheorie. Am Schluss eine Sitzung zum Skeptizismus. Diese erste Vorlesung ist die Landkarte, die Reihe ist das Gebiet. Wer nach dieser Stunde wissen will, wie tief der Boden trägt, findet in Folge 12 zur sozialen Erkenntnistheorie Wilholts eigenes Forschungsfeld.


Faktencheck

Vereinfacht — Platon und die „klassische“ Definition

Wilholt schreibt die Definition von Wissen als gerechtfertigte wahre Meinung Platon zu (Theaitetos, Menon) und sagt, sie habe lange als maßgebliche Antwort gegolten. Im Theaitetos wird die dritte Definition, „wahre Meinung mit logos“ (201c–d), am Ende aber verworfen (210a–b); der Dialog schließt ohne Ergebnis. Dass diese Analyse jahrhundertelang herrschende Lehre war, gilt in der Forschung inzwischen als „bequeme Fiktion“, die erst ihre Kritiker im 20. Jahrhundert ausformuliert haben; vor Gettier dominierte eher ein Ideal der Unfehlbarkeit. Wilholt formuliert selbst vorsichtig („schreiben wir zu“), die Verkürzung ist ein übliches Lehrbuch-Narrativ ohne erkennbares Eigeninteresse. Quelle: Julien Dutant, „The Legend of the Justified True Belief Analysis“, Philosophical Perspectives 29 (2015), 95–145 (Einzelstudie, breit rezipiert) · SEP: The Analysis of Knowledge · SEP: Plato on Knowledge in the Theaetetus

Bestätigt — Gettier 1963, drei Seiten

Edmund L. Gettier, „Is Justified True Belief Knowledge?“, Analysis 23(6), 1963, S. 121–123. Quelle: doi:10.1093/analys/23.6.121

Bestätigt — Russells stehengebliebene Uhr

Das Beispiel steht in Russells Human Knowledge: Its Scope and Limits (1948), S. 170 f., fünfzehn Jahre vor Gettier. Russell erwähnt den Fall beiläufig als Beispiel für wahre Meinung ohne Wissen, nicht als systematischen Einwand, wie Wilholt richtig sagt. Quelle: SEP: The Analysis of Knowledge, §3

Bestätigt — Stich als Anstoß für die Gliederung

Stephen Stich, The Fragmentation of Reason (MIT Press, 1990), ordnet die Erkenntnistheorie in Kapitel 1 nach drei traditionellen Projekten: Methoden bewerten, Wissen verstehen, Skeptizismus widerlegen. Wilholt ergänzt als viertes die Quellen des Wissens. Quelle: PhilPapers: Stich 1990

Bestätigt — Herbarts Bonmot, mit einem fehlenden Wort

Das Zitat stammt aus Herbarts Lehrbuch zur Einleitung in die Philosophie (1813). Der Wortlaut: „Jeder tüchtige Anfänger in der Philosophie ist Skeptiker. Und umgekehrt: jeder Skeptiker, als solcher, ist Anfänger.“ Wilholt lässt das „tüchtige“ weg. Damit geht verloren, dass Herbart die Skepsis als würdigen Anfang des Philosophierens sah; das Bonmot ist weniger Geringschätzung, als die Vorlesung nahelegt. Quelle: Eisler, Wörterbuch der philosophischen Begriffe (1904), „Skepticismus“

Bestätigt — der Traum in der chinesischen Philosophie

Der Schmetterlingstraum des Zhuangzi (Kap. 2) ist das bekannteste Gegenstück zum Traum-Zweifel: Zhuangzi weiß nicht, ob er von einem Schmetterling geträumt hat oder ein Schmetterling von ihm. Ob die Stelle skeptisch gemeint ist, ist umstritten; Moeller liest sie daoistisch als Verwandlung der Dinge. Wilholts vorsichtiges „auch diskutiert“ trägt. Quelle: SEP: Zhuangzi · Moeller 1999, doi:10.2307/1399947

Bestätigt — Putnams Gehirn im Tank

Hilary Putnam, „Brains in a Vat“, Kapitel 1 von Reason, Truth and History (1981) — 42 Jahre vor der Vorlesung. Putnam war kein Skeptiker: Er hielt die Annahme, wir seien immer schon Gehirne im Tank, für selbstwiderlegend. Quelle: SEP: Skepticism and Content Externalism, §7

Bestätigt — Skeptizismus als Randphänomen

Im PhilPapers Survey 2020 (N = 1.764) sprechen sich 79,5 % der Philosophinnen und Philosophen für einen nicht-skeptischen Realismus in Bezug auf die Außenwelt aus, 5,4 % für Skeptizismus, 6,6 % für Idealismus. Die Frage ist enger als Wilholts Aussage, deckt aber ihren Kern. Quelle: Bourget & Chalmers, „Philosophers on Philosophy: The 2020 PhilPapers Survey“, Philosophers' Imprint 2023, doi:10.3998/phimp.2109 · Ergebnis „External world“

Bestätigt — Kitchers meliorative Erkenntnistheorie

Philip Kitcher prägt den Begriff „meliorative“ in „The Naturalists Return“ (Philosophical Review 101, 1992, S. 64) als Gegenbegriff zur analytischen Erkenntnistheorie: eine, die die Praxis des Erkennens verbessern will. Quelle: Kitcher 1992, doi:10.2307/2185044


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung — die ganze Vorlesungsreihe „Wahrheit und Wissen“:

In der Vorlesung genannte Werke:

  • Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft (1781/87) — die drei Fragen
  • Platon: Theaitetos und Menon — die Diskussion um Wissen als gerechtfertigte wahre Meinung
  • Edmund Gettier: Is Justified True Belief Knowledge? (1963)
  • Bertrand Russell: Human Knowledge. Its Scope and Limits (1948) — das Uhren-Beispiel
  • Stephen Stich: The Fragmentation of Reason (1990)
  • Hilary Putnam: Reason, Truth and History (1981) — das Gehirn im Tank
  • René Descartes: Meditationen über die Grundlagen der Philosophie (1641)

Aus dem Faktencheck (Sherlock):


Verbindungen

→ Walther Ziegler — Descartes in 60 Minuten

Ziegler erzählt die Meditationen als Abstieg in die völlige Haltlosigkeit und macht den methodischen Zweifel zur Medienkompetenz. Wilholt setzt einen Satz dagegen, der die Lektüre verschiebt: Descartes war kein Skeptiker, er trieb den Zweifel auf die Spitze, um zu sehen, was ihm standhält. Nebeneinander gelesen zeigen die beiden Notes auch die Falle im kartesischen Maßstab: Wer nur das Unbezweifelbare als Wissen gelten lässt, verwechselt Wissen mit Gewissheit und behält am Ende ein paar mathematische Sätze.

→ Walther Ziegler — Popper in 60 Minuten

Poppers „Es ist alles durchwebt von Vermutung“ ist der Fallibilismus in seiner schärfsten Form, und Wilholt liefert die Unterscheidung, die ihn vor dem Kippen bewahrt: Aus „ich kann mich immer irren“ folgt nicht „ich irre mich immer“. Reibung entsteht bei der Rechtfertigung. Popper hielt eine positive Begründung für unerreichbar und setzte auf Bewährung, Wilholt hält an ihr als drittem Baustein des Wissens fest. Die Logik der Forschung ist zugleich ein Musterfall dessen, was Wilholt das evaluative Projekt nennt.

→ Agnes Callard — Warum lohnt sich ein sokratisches Leben?

Callard und Wilholt ziehen dieselbe Linie aus zwei Richtungen. Bei Callard ist das sokratische Nichtwissen ein Antrieb, weil es Wissen gibt, an das man noch nicht heranreicht; bei Wilholt ist der Skeptiker ein Anfänger, weil die Möglichkeit des Irrtums kein Wissen aufhebt. Callard ergänzt, was bei Wilholt fehlt: eine Probe dafür, ob jemand seinen Fallibilismus ernst meint, nämlich ob er das Gespräch sucht, in dem er widerlegt werden könnte.

→ Albert Moukheiber — Mein Hirn und die anderen (2/2)

Was Wilholt als vierte Wissensquelle einführt, die Mitteilung anderer, beschreibt Moukheiber von der Kognitionsforschung her als epistemische Abhängigkeit, auf der Kultur und Wissenschaft ruhen. Bachelards Formel „gegen sein Gehirn denken, mit dem Gehirn der anderen“ ist die Kurzfassung einer sozialen Erkenntnistheorie. Moukheiber schärft den Punkt für die Gegenwart: Unsere Mechanismen, Vertrauen zu kalibrieren, sind für Menschen gebaut und versagen vor Maschinen, die wie verlässliche Gesprächspartner wirken.

→ Ken Ono — Wenn das Wissen billig wird

Onos Satz, Information sei billig geworden und ihre Verifikation teuer, bekommt durch Gettier eine genaue Begründung. Ein Sprachmodell kann wie Helmuts Uhr die richtige Antwort zeigen, ohne dass der Weg dorthin verlässlich war. Billig wird dann die wahre Überzeugung, knapp bleibt das Wissen, weil es an der Nicht-Zufälligkeit hängt, und Onos „außergewöhnlicher Bibliothekar“ wird zu einer Quelle im Sinne von Wilholts zweitem Projekt, deren Verlässlichkeit erst zu prüfen ist.

→ ARTE — Forschung, Fake und faule Tricks

Das Tabak-Memo „Wir setzen auf den Zweifel, denn er ist das beste Mittel gegen Fakten“ lebt von genau dem Fehlschluss, den Wilholt seziert: Weil die Forschung nicht hundertprozentig sicher ist, soll sie nichts wissen. Die Agnotologie zeigt, wie man den Schritt vom Fallibilismus zum Skeptizismus gezielt herstellt und verkauft. Milloys Umdeutung von „Sound Science“ und „Junk Science“ ist ein gekapertes evaluatives Projekt, in dem der Streit über die besseren Methoden von denen geführt wird, die am Ergebnis verdienen.

→ Aladin El-Mafaalani — Misstrauensgemeinschaften und was die AfD wirklich stoppt

El-Mafaalanis vier Zustände (blindes Vertrauen, konstruktives Vertrauen, konstruktives Misstrauen, destruktives Misstrauen) lassen sich als politische Übersetzung von Wilholts Unterscheidung lesen: Konstruktives Misstrauen entspricht dem vernünftigen Fallibilismus, destruktives dem naiven Skeptizismus, der alles verwirft, weil nichts gewiss ist. Wenn die Mitteilung anderer eine Erkenntnisquelle ist, dann ist der Zerfall generalisierten Vertrauens mehr als ein soziales Problem. Er kappt einen der Kanäle, durch die eine Gesellschaft überhaupt etwas weiß.

→ Jürgen Kornmeier — Grenzgebiete der Psychologie

Kornmeiers „Ich glaube nichts, halte aber alles für möglich“ ist gelebter Fallibilismus, und die Dolly-Anekdote zeigt, was Wilholt mit Wissen ohne Gewissheit meint: Ein Genetikprofessor erklärt das Klonschaf für unmöglich und irrt, und das übrige Wissen seines Fachs wird dadurch nicht zu Unwissen. Zugleich ist die Note ein Fall für Wilholts Quellenprojekt. Ausgerechnet dort, wo das Erbe seines Instituts auf dem Spiel steht, rundet Kornmeier die Belege in die eigene Richtung; auch eine sonst verlässliche Quelle hat eine Stelle, an der ihr Mechanismus aussetzt.

→ Gert Scobel — Die Geister in der Maschine

Scobels Frage, ob eine KI weiß, ob sie etwas gefunden oder erfunden hat, ist das Gettier-Problem am Werkzeug. Die erfundenen Referenzen in der Medizinforschung zeigen, was geschieht, wenn niemand prüft, auf welchem Weg eine Quelle zustande kam.

→ Omar Yaghi — Die Welt retten mit Chemie?

Ein Chemiker beschreibt aus dem Labor, was Wilholt begrifflich fasst: wiederholen, bevor man etwas einen Fakt nennt, und ein Zweifel, der nicht in Skepsis kippt. Dazu der Fall eines Forschers, dessen Zahlen man mit Blick auf sein Firmeninteresse lesen muss.

→ Forschung

Das wachsende Panorama zur Forschung: Wilholts Fallibilismus steht dort bei der Frage, wie viel man der Wissenschaft glauben darf, seine Kernthesen zur Forschungsfreiheit bei der Verantwortung.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
  • Wenn Wissen „nicht zufällig“ wahr sein muss — wie viel von dem, was ich über die Welt zu wissen glaube, stammt aus Quellen, deren Mechanismus ich nie geprüft habe, und wäre im Gettier-Sinn bloß eine Uhr, die zufällig richtig geht?
  • Wilholt trennt Wissen scharf von Gewissheit. Aber wo genau liegt die Grenze, ab der eine kleine Irrtumsmöglichkeit mein Wissen doch aufhebt — und wer legt sie fest?
  • Das stärkste Gegenargument: Vielleicht ist die Mitteilung anderer keine eigene Quelle, und jedes Vertrauen muss sich am Ende auf eigene Wahrnehmung zurückführen lassen. Was bliebe dann vom Wissen einer Gesellschaft, in der kaum jemand etwas selbst prüfen kann?
  • Die Philosophie hat die Frage nach den besten Methoden an die Einzelwissenschaften abgegeben. Wer beantwortet sie heute für die Öffentlichkeit — und was folgt daraus, wenn es niemand tut?

Von hier einen Faden gehen7 Stationen, rückwärts durch den Bestand

Im Bestand

Torsten WilholtDenkerVitaWalther ZieglerDescartes in 60 MinutenWalther ZieglerPopper in 60 MinutenAgnes CallardWarum lohnt sich ein…Albert MoukheiberMein Hirn und die anderen (2/2)Ken OnoWenn das Wissen billig wirdARTEForschung, Fake und faule TricksAladin El-MafaalaniMisstrauensgemeinschaften und…Jürgen KornmeierGrenzgebiete der PsychologieGert ScobelDie Geister in der MaschineOmar YaghiDie Welt retten mit Chemie?Forschung

zwölf gedachte Verweise

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