Mario Buchinger — Lügen der Kernenergie (6/6): Neue Generationen von Reaktoren lösen alle Probleme

Quelle: Lügen der Kernenergie — Folge 6/6 (#RestartThinking) Serie: Mario Buchinger — Es gibt keine Renaissance der Kernenergie

Wer spricht?

Mario Buchinger — Physiker, Transformationsexperte, RestartThinking (Österreich). Abschlussfolge seiner sechsteiligen Serie „Lügen der Kernenergie” (2024). Format: GesternKleber Fails — kritische Auseinandersetzung mit Desinformation zu Energie und Wissenschaft.


Einleitung: Die Wundertechnologien der Atomlobby

▶ 2:19

Buchinger nennt die immer wiederkehrenden Versprechen neuer Reaktorkonzepte konsequent „pinke Einhörner”: Fabelwesen, die theoretisch denkbar, aber in der Realität nicht existent sind — oder jedenfalls weit von industrieller Anwendbarkeit entfernt. Sein Urteil im Voraus: „Fast gar nichts daran ist dran.”

Das Grundproblem all dieser Technologien:

  • Die Konzepte existieren teils im Labor oder als Kleinversuch
  • Industrielle Skalierbarkeit fehlt vollständig
  • Selbst optimistische Schätzungen verschieben die Serienreife weit in die Zukunft — also in einen Zeitraum, in dem die Energiewende bereits gescheitert oder geglückt sein wird
  • Die Energiebilanz und Kostenbilanz verschlechtert sich gegenüber konventionellen AKW weiter

Pinkes Einhorn 1: Transmutation

▶ 6:05

Idee: Hochradioaktiven Atommüll durch Neutronenbeschuss in mittel- oder schwachradioaktiven Müll umwandeln. Einlagerungszeit sinkt von Millionen auf wenige hundert bis tausend Jahre.

Stand der Technik:

  • Grundsätzlich physikalisch möglich; im Labor und in kleinen Versuchsanlagen erprobt
  • Etabliertes Verfahren: P&T (Partitionierung und Transmutation) — funktioniert jedoch nur für Uran und Plutonium
  • Andere langlebige Isotope im Atommüll sind noch nicht oder nur im Labor transmutierbar

Warum kein Durchbruch:

  • Um nur den deutschen Atommüll zu behandeln, müssten 5–7 Anlagen 150–300 Jahre laufen
  • Der Prozess benötigt selbst eine Neutronenquelle — verschlechtert die Energiebilanz zusätzlich
  • Kosten gehen „noch mal deutlich durch die Decke”
  • Das Ergebnis ist immer noch radioaktiver Abfall — weniger problematisch, aber keineswegs harmlos

Buchinger: „Transmutation — physikalisch möglich, aber in der Praxis für die Entschärfung des Atommüllproblems in keinster Weise anwendbar.”


Pinkes Einhorn 2: Flüssigsalzreaktor (und Thoriumreaktor)

▶ 6:52

Zwei verwandte Konzepte:

  • Thoriumreaktor: Thorium als Brennstoff. Durch Neutronenbeschuss wird aus Thorium das spaltbare Uran-233 erzeugt — das in der Natur nicht vorkommt. Der Brennstoff entsteht quasi im Reaktorbetrieb selbst.
  • Flüssigsalzreaktor: Der Brennstoff ist nicht fest (wie bei herkömmlichen Brennstäben), sondern in Salz gelöst. Vorteil: Selbstregulierung — dehnt sich bei Erhitzung aus, Dichte sinkt, Reaktion verlangsamt sich automatisch.

Kombination beider Konzepte wäre theoretisch attraktiv: Atommüll als Brennstoff, selbstregulierend, geringere Halbwertzeiten der Reststoffe.

Stand der Technik:

  • In China lief vor kurzem ein Thorium-Experimentalreaktor mit 2 Megawatt an — ein Fortschritt, aber zum Vergleich: ein modernes AKW hat 1 Gigawatt. Heutige Windräder haben mehr Leistung.
  • Die Idee des Flüssigsalzreaktors existiert seit den 1980er Jahren — ohne je ein wirtschaftlich tragfähiges Konzept hervorgebracht zu haben

Warum kein Durchbruch:

  • Auch hier muss Thorium mit einer externen Neutronenquelle aktiviert werden → zusätzliche Kosten und verschlechterte Energiebilanz
  • Nicht jeder Atommüll lässt sich einfach „reinschütten” — selektive Eignung des Abfalls
  • Rückstände strahlen immer noch Jahrhunderte bis Jahrtausende
  • Selbst optimistische Schätzungen: Serienreife frühestens Mitte bis Ende der 2030er Jahre — zu spät für die notwendige Energiewende

Pinkes Einhorn 3: Dual-Fluid-Reaktor

Idee: Ähnlich dem Flüssigsalzreaktor, aber mit flüssigem Blei als Kühlmittel statt Wasser. Höhere Temperaturen möglich, höhere Effizienz, Atommüll als Brennstoff nutzbar.

Stand der Technik:

  • Existiert aktuell nur als Konzept — erste Laborversuche, kein Proof of Concept
  • Noch weiter von industrieller Anwendung entfernt als der Flüssigsalzreaktor
  • Firmen in Kanada arbeiten an Konzeptphasen; wann (oder ob) ein Proof of Concept gelingt, ist offen

Warum kein Durchbruch:

  • Gleiche Grundprobleme: Neutronenquelle zur Aktivierung des Brennstoffs nötig
  • Kostenbilanz und Energiebilanz noch ungünstiger als konventionelle AKW
  • Buchinger: „Bisher hat noch keiner gezeigt, dass das funktioniert.”

Pinkes Einhorn 4: Small Modular Reactors (SMR)

▶ 15:15

Idee: Kleine Reaktoren (200–300 MW statt 1 GW), die modular am Fließband produziert und dezentral eingesetzt werden können. Friedrich Merz warb im Bundestagswahlkampf 2024/25 dafür; im Koalitionsvertrag der neuen CDU/CSU+SPD-Regierung landete es schließlich nicht.

Buchinger nennt SMR konsequent „PowerPoint-Reaktoren”.

Wirtschaftlichkeitsproblem:

  • Für Wirtschaftlichkeit müssten optimistisch gerechnet ~5.000 Einheiten gebaut werden
  • Weltweit gibt es aktuell ~400 Reaktoren — eine SMR-Welt würde eine Verzehnfachung bedeuten
  • Schwedens Plan für 5–10 neue AKW schrumpfte bereits auf maximal 5 SMRs — und fand keine privaten Investoren

Weitere Nachteile:

  • Kleinere Anlagen sind brennstoffeffizienter: mehr Uranverbrauch pro erzeugter kWh
  • Dezentraler Atommüll: In der Summe mehr Abfall als bei wenigen großen Anlagen
  • Dezentrale radioaktive Materialien sind terroristisch und proliferationsrelevant schwerer zu sichern als wenige konzentrierte Standorte
  • 2023: Startup NuScale (USA), eines der größten SMR-Hoffnungsträger weltweit, meldete Insolvenz an
  • Kein Projekt weltweit hat bisher auch nur einen Proof of Concept abgeliefert

Warum hält die Atomi-Szene trotzdem daran fest?

▶ 23:36

Buchinger nennt zwei Erklärungsebenen, die er bereits in der Hauptnote zur Serie ausführlich diskutiert:

1. Issue Ownership Erneuerbare Energien sind grün konnotiert. Für politische Akteure, die die Grünen als Feindbild pflegen, braucht es eine alternative „klimafreundliche” Erzählung. Kernenergie füllt diese Lücke — unabhängig von ihrer tatsächlichen Eignung.

Buchinger ergänzt: Diese Haltung ist nicht nur bei Rechtsextremen verbreitet, sondern auch bei konservativen und neoliberalen Akteuren — die damit die eigentliche Gefahr durch Rechtsextremismus verharmlosen.

2. Fossil-Lobby als eigentlicher Treiber Buchinger zeigt am Beispiel des Wirtschaftsjournalisten Daniel Stelter (Buchautor, Porsche-Netzwerk), wie das Muster funktioniert:

  • These von Stelter: „Wer auf Kernenergie verzichtet, muss auf fossile Brennstoffe setzen.”
  • Buchinger: Das Gegenteil ist wahr. Wenn Milliarden in jahrzehntelang nicht fertige AKW fließen, fehlt das Geld für Erneuerbare — und in der Zwischenzeit bleibt man auf Kohle und Gas angewiesen.
  • Stelter stützt sich dabei auf Veronika Wendland (Historikerin, bekannte Atom-Lobbyistin im deutschsprachigen Raum), die nachweislich Falschaussagen verbreitet und Experten wie Harald Lesch und Maja Göpel als „Klimaalarmisten”, „Ökofaschisten” und „Mythenmaschinen” diffamiert.

Die eigentliche Funktion der Kernenergie-Propaganda aus Sicht der Fossil-Lobby:

Erneuerbaren-Ausbau verlangsamen — nicht Kernenergie voranbringen. Wer Kapital und politische Energie in hoffnungslose AKW-Projekte lenkt, bindet Ressourcen, die der Energiewende fehlen. Dann braucht man zwangsläufig Kohle und Gas.

Buchinger verweist abschließend auf The Juice Media (Australien, Satireformat Honest Government Ads), die diesen Mechanismus am australischen Beispiel (Kohlemilliardärin Gina Rinehart) bildlich auf den Punkt bringt.


Buchinger über Forschung

Buchinger distanziert sich ausdrücklich von einer pauschalen Ablehnung dieser Technologien als Forschungsgegenstand:

„Bitte an der Forschung soll man ruhig dran arbeiten. Das ist ja das Prinzip von Grundlagenforschung.”

Sein Argument: Grundlagenforschung ist per se nicht wirtschaftlichkeitsorientiert — und das ist gut so. Die Quantenmechanik (mitentwickelt in Göttingen, wo Buchinger studiert hat) war wirtschaftlich nicht motiviert und steckt heute in allem.

Der entscheidende Unterschied: Forschung ja — aber diese Technologien als Lösung für die aktuelle Energiekrise zu propagieren ist irrational, weil sie die notwendigen Zeitrahmen (Lösungen bis 2030–2035) um Jahrzehnte verfehlen.


Fazit der Serie

Buchinger schließt seine sechsteilige Serie mit dem Kern-Statement:

„Die Kernenergie ist eine Sackgasse — und das wissen wir seit den 70er, spätestens seit den 80er Jahren.”

Die sechs behandelten Lügen im Überblick:

  1. Kernenergie ist sicher
  2. Kernenergie ergänzt sich gut mit Erneuerbaren
  3. Kernenergie ist wirtschaftlich
  4. Kernenergie ist CO₂-arm oder gar CO₂-frei
  5. Alle Industrieländer setzen auf Kernenergie
  6. Neue Reaktorgenerationen lösen alle Probleme ← diese Folge

Faktencheck

Bestätigt: China-Thoriumreaktor hat 2 MW — kein Industrieprojekt

Der in Wuwei (Gansu) 2023 gestartete Thorium-Experimentalreaktor leistet tatsächlich 2 MW. Das ist nach Angaben der IAEA und der Betreiberorganisation SINAP eindeutig ein Forschungsreaktor. Seriöse Fachmedien (Spektrum der Wissenschaft, Nature) berichten das klar so.

Bestätigt: NuScale-Insolvenz 2023

Das US-amerikanische SMR-Startup NuScale Power scheiterte 2023: Das geplante UAMPS-Projekt in Idaho wurde abgebrochen, die Aktie kollabierte. NuScale meldete zwar nicht formell Insolvenz an, stellte aber sein einziges kommerzielles Projekt ein und entließ einen Großteil der Belegschaft. Der faktische Zusammenbruch des Hoffnungsträgers ist belegt.

Bestätigt: ~5.000 SMRs für Wirtschaftlichkeit

Diverse Studien (u.a. University of British Columbia 2022, OECD/NEA) kommen zu ähnlichen Schlüssen: Skaleneffekte bei SMRs erfordern eine sehr große Stückzahl — Schätzungen zwischen 1.000 und 5.000 Einheiten — um die Kosten gegenüber konventionellen AKW zu senken. Die ~400-Reaktoren-Weltflotte als Ausgangspunkt für eine Verzehnfachung ist korrekt.

Bestätigt: Schwedens SMR-Pläne fanden keine Investoren

Schwedens konservative Regierung plante 2–10 neue Kernkraftwerke; die Pläne wurden auf maximal 2–3 SMRs zurückgestuft. Private Investoren fehlen; staatliche Finanzierung ist umstritten. Stand 2024: kein einziger SMR-Bau begonnen.

Bestätigt: Fossil-Lobby-Interesse an Verzögerung der Energiewende

Der Mechanismus — Kernenergie-Propaganda als Instrument zur Verlangsamung der Erneuerbaren — ist gut dokumentiert. Studien des Potsdam-Instituts und des Rocky Mountain Institute belegen: Kapital, das in AKW fließt (Jahrzehnte Bauzeit), steht für Erneuerbare nicht zur Verfügung. Der Fossil-Sektor profitiert von jedem Jahr, in dem der Umbau verzögert wird.

Vereinfacht: Transmutation „in keinster Weise anwendbar"

Das P&T-Verfahren ist technisch weiter als Buchinger andeutet. In der EU laufen seit Jahren koordinierte Forschungsprojekte (u.a. MYRRHA in Belgien, geplanter Beschleuniger-getriebener Reaktor). Der Zeitrahmen (150–300 Jahre für deutschen Atommüll) und die fehlende industrielle Skalierbarkeit sind korrekt dargestellt. „In keinster Weise anwendbar” ist etwas überspitzt — richtiger wäre: nicht als großskaliger Löser des Endlagerproblems im relevanten Zeithorizont anwendbar.

Vereinfacht: Flüssigsalzreaktor „nur Experimentalanlage"

Neben dem chinesischen Projekt existieren mehrere weitere Forschungsprogramme (Frankreich, USA, Kanada). Die Bewertung als Experimentalstadium ohne industrielle Relevanz ist für den aktuellen Stand korrekt. Buchinger unterschlägt aber, dass es durchaus ernstzunehmende Ingenieursprogramme gibt (z.B. Terrestrial Energy in Kanada), auch wenn diese weit von Serienreife entfernt sind.

Vereinfacht: SMR-Kritik ohne Erwähnung von Russlands und Chinas schwimmenden Reaktoren

Russland betreibt seit 2019 mit der Akademik Lomonosov tatsächlich einen funktionierenden schwimmenden Kleinstreaktor (70 MW). China baut mehrere schwimmende SMR für Offshore-Plattformen. Diese Beispiele existieren — auch wenn sie keine wirtschaftlich skalierbaren Modelle für westliche Stromnetze darstellen. Buchingers pauschales Bild „alles nur PowerPoint” ist leicht überspitzt, der Kern stimmt für westliche Märkte.


Verbindungen

Mario Buchinger — Es gibt keine Renaissance der Kernenergie

Hauptnote zur Serie: Die drei Falschaussagen (bezahlbar, versorgungssicher, emissionsarm) werden dort detailliert widerlegt; diese Folge schließt die Serie mit dem Zukunftsversprechen-Mythos ab.

Dietrich Bonhoeffer — Theorie der Dummheit

Buchinger beschreibt die Kernenergie-Fans als eine Art Sekte: „Es ist schwierig mit Sektierern zu diskutieren.” Bonhoeeffers Diagnose — wer aus Gruppenidentität denkt, ist durch Fakten nicht erreichbar — trifft den Kern der Atomi-Psychologie, die Buchinger hier seziert.

Carlo Cipolla — Die fünf Gesetze der Dummheit

Die Fossil-Lobby, die Kernenergie propagiert obwohl sie selbst davon nicht profitiert, sondern nur Zeit gewinnt, ist ein Paradefall für Cipollas Analyse strategischer Schadensmuster: man schadet der Gesellschaft (verhinderte Energiewende) und gibt vor, ihr zu nützen.

Andreas Kemper — Technofaschismus und die AfD

Kemper beschreibt, wie rechte Akteure Technologie instrumentalisieren. Buchinger zeigt den Spiegelfall: Kernenergie als politisches Werkzeug zur Blockade des Fortschritts — nicht aus technischer Überzeugung, sondern aus Lobby-Interesse.

Rainer Mausfeld — Warum schweigen die Lämmer

Die Desinformationsstrategie der Fossil-Lobby (Kapital binden, Zeitgewinn, Agenda-Setting via willfährige Meinungsmacher wie Stelter/Wendland) ist ein lehrbuchhaftes Beispiel für Mausfelds Analyse politischer Manipulation unterhalb der Bewusstseinsschwelle.

Adam Tooze — Pentagon vs. Anthropic

Tooze analysiert, wie Technologieversprechen (KI, Militär) politische Entscheidungen präformieren, lange bevor die Technologie lieferbar ist. Das gleiche Muster liegt bei SMR, Thorium und Kernfusion vor: Das Versprechen wirkt politisch schon heute, obwohl die Realität Jahrzehnte entfernt ist.

Claudia Kemfert — Ist die Abhängigkeit vom Öl unser Untergang? (Der Standard)

Kemfert und Buchinger kommen unabhängig zum selben SMR-Schluss: IEA frühestens 2040–2050, extrem teuer, “Technologieoffenheit” als politische Ausrede zur Verzögerung wirksamer Lösungen

MONITOR — Atomkraft-Comeback und die Mini-Reaktoren

MONITOR liefert das journalistische Fallbeispiel zu Buchingers These: Der THTR-300 in Hamm-Uentrop verkörpert die „neue Reaktorgeneration”, die vor 50 Jahren wortgleich beworben wurde — und nach 423 Tagen als Milliardengrab endete. Das aktuelle SMR-Versprechen wiederholt exakt diese Rhetorik.