Quelle: Welche Freiheit wollen wir? Christoph Möllers trifft Ulf Poschardt
Wer spricht?
Christoph Möllers (*1969, Bochum) — Professor für Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Humboldt-Universität Berlin. Leibniz-Preisträger, Träger des Traktatuspreises für Freiheitsgrade (2020). Ab 2026 Rektor des Wissenschaftskollegs Berlin. Möllers denkt Freiheit institutionell: nicht als Naturzustand, sondern als politisch ausgehandeltes Arrangement — immer plural, immer unter Bedingungen. → DenkerVita
Ulf Poschardt (*1967, Nürnberg) — Journalist, Publizist, Herausgeber der Welt. Promotion bei Friedrich Kittler über die Kulturgeschichte des DJ. Bekannt durch das polemische Buch Schitbürgertum (2024), in dem er dem linksliberalen Milieu vorwirft, die Freiheitsliebe gegen Staatsnähe und moralische Bevormundung eingetauscht zu haben. → DenkerVita
Moderation: Svenja Flaßpöhler — Philosophin und Chefredakteurin des Philosophie Magazin. Das Gespräch fand am 24. Juni 2025 auf der phil.COLOGNE statt.
Das Schitbürgertum und seine Freiheitsdiagnose
Posschardts Diagnose beginnt biographisch: Er sei in einem linksliberalen Milieu großgeworden, das ihm Freiheitsliebe mitgegeben habe — doch genau diese sei verschwunden. Das Schitbürgertum bezeichne kein feindseliges Lager, sondern ein ehemals freiheitliches Milieu, das sich in Staatsnähe und moralische Kontrolle geflüchtet hat: „Was ist mit der Linken passiert, dass sie genau diese freiheitlichen Aspekte so vergessen hat?”
Die historische Spur führt für Poschardt zu Rudi Dutschkes Marsch durch die Institutionen — der Versuch, emanzipatorische Werte durch Verbeamtung zu verwirklichen, habe das Milieu in eine Paradoxie getrieben: Die einstigen Rebellen wurden Verwalter. Die Ampel sei das politische Dokument dieses Scheiterns, aber die kulturelle Dominanz des Milieus — in Medien, Universitäten, öffentlichem Dienst — halte noch lange an.
Möllers lässt die Beobachtung teilweise gelten: Ja, Parteien, die als Bewegungen beginnen, institutionalisieren sich. Ja, die Grünen wandelten sich von staatskritisch zu staatsfroh. Aber: „Das ist irgendwie so, so gehen die Dinge halt.” Die eigentliche Lücke sieht er anderswo — nicht im Milieu, sondern in der konservativen Seite, die keine lebendige Kulturpraxis entwickelt hat. Wer klagt, dass das linksliberale Milieu kulturell dominiert, sollte fragen: Wo ist die konservative Kultur?
Weitergedacht
Wenn das linksliberale Milieu die Freiheitsliebe aufgegeben hat — warum hat das rechts-liberale keine überzeugende Alternative formuliert? Ist Schitbürgertum Diagnose oder Ablenkung?
Staat als Ergebnis der Freiheit
Hier liegt der philosophische Kern des Abends. Poschardt setzt Freiheit gegen den Staat: Der große Staatsapparat, die durchregulierte Gesellschaft, die Bürokratie — das ist das Problem. Möllers dreht die Argumentation um:
„Man kann nicht schwer leugnen, dass das ein Produkt von Freiheit ist, selbst wenn es dann im Ergebnis vielleicht auch freiheitsbeschränkend ist, weil wir es halt ausgehandelt haben.”
Was demokratische Mehrheiten beschlossen haben — auch wenn man es ablehnt — ist nicht das Gegenteil von Freiheit, sondern ihr Resultat. Den Staat als das ganz andere zu behandeln, als etwas, das einem von fremden Kräften aufgezwungen wurde, sei selbst eine obrigkeitsstaatliche Geste: „Der deutsche Michel sagt, der Staat ist der andere — mal bewundert er ihn, mal lehnt er ihn ab, aber er ist nicht er selbst.”
Das trifft Posschardts Buch an einem wunden Punkt. Wer gegen Bürokratie und Staatsnähe polemisiert, aber nie fragt, welche konkreten Strukturen abgebaut werden sollen — und welche Kosten das für wen hat —, betreibt, so Möllers, eine „leere Bürokratiekritik”: „Es gibt nichts Leereres als Bürokratiekritik — außer vielleicht Disruption.”
Weitergedacht
Möllers’ Argument ist stark, aber hat er eine Antwort auf Posschardts Befund, dass die Staatsquote 51,6% erreicht und der öffentliche Dienst wächst, während die Privatwirtschaft schrumpft? Ist Wachstum des Staates auch dann ein Produkt der Freiheit, wenn politische Anreize strukturell zugunsten des Ausgabens verzerrt sind?
Die leere Kulturkritik und die soziale Frage
Möllers benennt das strukturelle Problem an Posschardts Ansatz: Kulturkritik übersetzt sich nicht in Politik. Selbst wenn man dem Milieu kulturelle Dominanz bescheinigt — was folgt daraus? Welche Sozialpolitik, welche Klimapolitik ergibt sich aus der Diagnose?
„Deine Kulturkritik übersetzt sich nicht wirklich in Politik. Wir haben jetzt keine Antwort darauf, wie wir die soziale Frage oder die Klimafrage lösen, weil wir sehen, wie vermiest die Grünen sind.”
Poschardt sieht das anders: Die moralische Überschüttung aller Politikbereiche durch das Milieu verhindere genau die sachliche Diskussion über Wirtschaft, Bürokratie, KI. Wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk politisch homogen sei, wenn Medienwissenschaftler Milieu-Kritik nicht untersuchen wollen — dann werde die Realitätswahrnehmung selbst verzerrt. Sein Buch verstehe sich als „Freischießen von Raum” für ökonomische und strukturelle Debatten.
Einig werden sich beide an einem Punkt: Die eigentliche blinde Stelle ist die Generationengerechtigkeit. Der Staat privilegiert Ältere massiv gegenüber Jüngeren — durch Rentensystem, durch Bildungsunterfinanzierung, durch Corona-Politik. „Das scheint mir eine viel plausiblere Beschreibung,” sagt Möllers — und dann: „ist natürlich diese ganze Sache mit dem Milieu so verduftet dann.”
Freiheit von Furcht — Judith Shklar und die Migrationsfrage
Svenja Flaßpöhler führt Judith Shklar ins Gespräch ein: Freiheit von Furcht — Freiheit nicht als Anspruchsrecht des Subjekts, sondern als Abwesenheit von Bedrohung, die Solidarität mit den Bedrohten impliziert. Das Konzept hat politische Sprengkraft: Es begründet eine liberale Migrationspolitik nicht aus Menschenwürde abstrakt, sondern aus dem Freiheitsbegriff selbst.
Poschardt nennt das „rührend” — und damit meint er: unrealistisch. „Wir können nicht mehr.” Er sieht durch unkontrollierte Migration die liberale Gesellschaft selbst bedroht: antisemitische Kundgebungen auf Universitäten, Lehrer die wegen ihrer sexuellen Orientierung gemobbt werden, das Verschwinden jüdischer Gemeinden aus europäischen Städten. Die Freiheit von Furcht gilt ihm als Argument — nur für andere Gruppen als Shklar es meinte.
Möllers widerspricht dem direkten Link zwischen Migration und Antisemitismus als zu schnell: Universitäten werden von außen besetzt, nicht von Studierenden. Und der Leidensdruck in ostdeutschen Regionen mit wenig Migration zeige, dass das Phänomen komplex ist. Sein Plädoyer: Offene Institutionen als Foren verteidigen — auch wenn sie missbrauchbar sind — statt sie zu schließen.
Weitergedacht
Shklar schrieb Freiheit von Furcht im Kontext des Totalitarismus. Lässt sich ihr Konzept auf Migration anwenden, ohne die Seiten zu wechseln — von den Flüchtenden zu den Aufnahmegesellschaften? Oder sind das unverträgliche Erweiterungen desselben Begriffs?
Corona: Freiheit und die Herrschaft der Alten
Poschardt nennt die Corona-Lockdowns „einen Sündenfall”. Die Metapher des Buches Gekränkte Freiheit (Amlinger/Nachtwey) lehnt er als „richtigen Schrott” ab — aber er macht aus der Corona-Kritik einen linken Move: Die Lockdowns haben die Sozial-Schwächsten am härtesten getroffen. Kinder aus engen Wohnungen ohne Garten, aus Unterschichtsmilieus ohne Rückzugsräume. „Wir in Zehlendorf haben unsere Kinder in den Garten schicken können” — sie nicht.
Möllers stimmt zu, dass es massive Probleme gab, besonders für Kinder. Er widerspricht jedoch der Erzählung, alles sei falsch gewesen: „Hinterher ist man immer klüger.” Was er aber teilt: Corona zeigte eine Altenherrschaft. Die politischen Entscheidungen bevorzugten die Ängste der Alten über die Interessen der Jungen — ein Freiheitsproblem, das über die Pandemie hinaus strukturell wirkt.
Das Gekränkte-Freiheit-Argument treffe auch für Möllers einen echten Punkt: Ein rein individualistisch verstandener Freiheitsbegriff — „ich will, Punkt” — sei am Ende eine Kostenexternalisierung: Man beansprucht etwas, lässt andere zahlen, ohne es begründen zu müssen. Das habe „etwas Autoritäres”.
Der gekaperte Freiheitsbegriff
Flaßpöhler stellt die vielleicht schärfste Frage des Abends: Hat die Linke den Freiheitsbegriff preisgegeben? Wurde er von Rechts gekapert — sichtbar in Corona, wo die lautesten Freiheitsverteidiger Querdenker und Verschwörungstheoretiker waren?
Möllers ordnet ein: Rollentausche im politischen Spektrum seien historisch normal. Die Demokraten in den USA waren lange nicht die Linken, die Konservativen nicht die Freiheitsideologen. Was er beobachtet: Der Freiheitsbegriff werde heute von rechts aktiver benutzt als vor 20 Jahren. Zugleich gebe es eine „massive Krise der Linken” — aber interessanterweise profitierten die Linken davon nicht, dass der Kapitalismus selbst in der Krise steckt.
Poschardt sieht es präziser: Die Linke hat die Freiheitsliebe durch Staatsnähe ersetzt — das sei nicht unvermeidbar, sondern eine historische Entscheidung. Die biographische Folie: Er sei links sozialisiert worden im Sinne von Freiheit. Was er heute im linksliberalen Milieu sieht, ist das Gegenteil.
Weitergedacht
Wenn der Freiheitsbegriff von Rechts besetzt wird — liegt das an einem intellektuellen Versagen der Linken, oder an einer strukturellen Logik: Wer gegen etwas kämpft (gegen Ungleichheit, Klimawandel, Diskriminierung), braucht staatliche Instrumente und landet zwangsläufig auf der staatsbejahenden Seite?
Faktencheck
Vereinfacht — Staatsquote 51,6% für 2026
Poschardt nennt 51,6% Staatsquote für 2026. Für 2025 liegt der Wert laut Destatis bei ca. 50,3%. Eine Prognose von 51,6% für 2026 ist angesichts steigender Verteidigungs- und Infrastrukturausgaben plausibel, aber der exakte Wert ließ sich nicht verifizieren. Quelle: Statsquote — Statista
Vereinfacht — Deutschland OECD-Spitze bei Abgabenquote
Deutschland liegt bei der Abgabenquote mit ca. 38–39% des BIP im oberen Mittelfeld, nicht an der absoluten Spitze. Frankreich, Österreich, Belgien und Skandinavien liegen höher. Beim Steuer- und Abgabenkeil auf Arbeitseinkommen belegt Deutschland Rang 2 hinter Belgien — das ist vermutlich Posschardts Referenzpunkt. Quelle: BMF — Abgabenquoten im internationalen Vergleich
Bestätigt — Sinkende Lebenserwartung weißer Unterschichten USA
Case und Deaton haben empirisch belegt, dass die Lebenserwartung weißer Amerikaner ohne Hochschulabschluss seit Mitte der 1990er sinkt — durch “deaths of despair” (Suizid, Drogen, Alkohol). Die USA verzeichneten als einzige reiche Nation drei Jahre in Folge sinkende Lebenserwartung. Quelle: Deaths of Despair and the Future of Capitalism — Princeton UP
Bestätigt — Deutschland relativ niedrige Schuldenquote in Europa
Deutschlands Schuldenquote liegt bei ca. 62–63% des BIP — deutlich unter dem EU-Schnitt von ~82% und weit unter Griechenland (152%), Italien (138%) oder Frankreich (114%). Quelle: Destatis — Schuldenstandquoten EU-Mitgliedstaaten
Bestätigt — Judith Shklar (1928–1992), The Liberalism of Fear
Judith Nisse Shklar, lettisch-amerikanische Politikphilosophin, Harvard. The Liberalism of Fear (1989) ist ihr zentraler Essay — Freiheit als Abwesenheit von Furcht und Grausamkeit. Quelle: Wikipedia — Judith N. Shklar
Bestätigt — Möllers wird 2026 Rektor des Wissenschaftskollegs Berlin
Gewählt am 18. Juli 2025, Amtsantritt 1. September 2026, Nachfolge von Barbara Stollberg-Rilinger. Quelle: Wissenschaftskolleg zu Berlin — Pressemitteilung
Bestätigt — Poschardt promovierte bei Kittler über DJ-Kulturgeschichte
Poschardt promovierte 1995 an der HU Berlin bei Friedrich Kittler. Die Dissertation erschien als Buch: DJ Culture — Kulturgeschichte des DJ von 1904 bis in die 1990er. Quelle: Wikipedia — Ulf Poschardt
Weiterführende Quellen
Aus der Video-Beschreibung:
- phil.COLOGNE Festival — Veranstaltungskontext
Im Gespräch erwähnte Werke:
- Ulf Poschardt: Schitbürgertum (2024) — Genialokal
- Christoph Möllers: Freiheitsgrade (2020) — Genialokal
- Christoph Möllers: Die Möglichkeit der Normen — Genialokal
- Christoph Möllers: Demokratie und Gewaltengliederung (2025) — Genialokal
- Judith Shklar: The Liberalism of Fear (1989) — Grundlagentext zum Freiheitsbegriff
- Amlinger/Nachtwey: Gekränkte Freiheit (2022) — über libertären Autoritarismus nach Corona
- Alexis de Tocqueville: Über die Demokratie in Amerika — von Poschardt als Referenz genannt
- Georg Picht: Die deutsche Bildungskatastrophe (1964) — Bildungsdebatte als Langzeitproblem
Verbindungen
→ Ronen Steinke — Meinungsfreiheit Voelkermord und Verfassungsschutz
Möllers und Steinke analysieren denselben Grundkonflikt von zwei Seiten: Möllers fragt philosophisch, was Freiheit in der Demokratie bedeutet; Steinke zeigt empirisch, wie der freiheitliche Staat selbst (Verfassungsschutz, Strafparagraphen) Meinungsfreiheit einschränkt. Posschardts Diagnose, dass der Staat als Freiheitsfeind beschrieben wird, und Steinkes nüchterne Feststellung, dass liberale Parteien selbst die Einschränkungen vorangetrieben haben, bilden zusammen eine paradoxe Zange.
→ Nicholas Potter — Die neue autoritäre Linke (taz Talk)
Posschardts These vom Schitbürgertum — einem linksliberalen Milieu, das staatliche Eingriffe als Tugendausweis instrumentalisiert — findet in Potters Analyse ihr empirisches Fallbeispiel: Potter beschreibt eine Linke, die aus dem eigenen Milieu heraus gegen Meinungsfreiheit agiert und Differenzierung als Kapitulation begreift. Wo Poschardt das Phänomen kulturkritisch benennt, seziert Potter es journalistisch von innen.
→ Die Neuen Zwanziger — Rechtes Denken, Herr Hegemon, Let Them Theory
Der Begriff des „Herrn Hegemon” — wer bestimmt, wer Rechtfertigungspflichten hat — führt aus, was Möllers als Demokratie-Zumutung beschreibt: Im Aushandlungsprozess gibt es keine neutrale Position, und wer als linksliberal gilt, kann plötzlich in der Rechtfertigungsposition stehen. Das ist die direkte Folie zu Posschardts Staatsnähekritik: Wie der Staat zum Kampffeld wird statt zum Rahmen des Handelns.
→ Gesine Schwan — Macht NEU DENKEN
Schwan und Möllers teilen einen prozeduralen Freiheitsbegriff: Demokratie ist kein Zustand, sondern ein Aushandlungsverfahren, das kulturell getragen sein muss. Schwans Unterscheidung von Herrschaftsmacht und Gestaltungsmacht kartiert denselben Spannungsraum wie Möllers — der Staat als Ermöglichungsbedingung vs. als erzwingender Eingriff. Posschardts Staatsnähekritik würde Schwan als Fehldeutung lesen: Gestaltungsmacht durch demokratische Kultur ist das Gegenteil von Patronage.
→ Bundestalk — Meinungsfreiheit in Deutschland 2026
Das Bundestalk-Gespräch ist die praxisbezogene Verlängerung von Möllers’ philosophischer Freiheitsanalyse: Wo Möllers fragt, was Freiheit in der Demokratie bedeutet, fragen Reinecke, Rath, Jäckels und Gutmair, wie sie konkret eingeschränkt wird — §188, Hamas-Parolen, Demonstrationsverbote. Posschardts Staatsnähekritik findet in Jäckels Machtanalyse (Staatsräson als Instrument) ihre radikalste Bestätigung: Der Staat setzt, was als sagbar gilt. Rath liefert das balancierte Gegengewicht — Steinkes und Möllers’ institutionellem Optimismus näher als Poschardt.
→ Jonathan Haidt — Die moralischen Wurzeln von Liberalen und Konservativen
Haidts Moral-Foundations-Theorie ist der präziseste analytische Schlüssel zur Debatte: Was Poschardt als kulturellen Hegemonialanspruch des linksliberalen Milieus beschreibt, ist in Haidts Sprache eine Moral-Matrix, die nur zwei der sechs Foundations als legitim anerkennt und die anderen als rückständig abwertet. Möllers’ Demokratietheorie verlangt genau die moralische Demut, die Haidt fordert: verstehen, dass die andere Seite in einer anderen Moral-Sprache spricht.
→ Thomas Fricke — Wie die Wirtschaftskrise den Rechten nützt (Surplus)
Frickes Analyse der wirtschaftlichen Stagnation liefert den materiellen Unterbau zu Posschardts Kulturkritik: Die Bürokratisierungskritik ist bei Poschardt kulturell-ästhetisch gefärbt, bei Fricke empirisch-ökonomisch — beide beschreiben dieselbe Erschöpfung des Gegenwartsmodells, nur von verschiedenen Seiten. Frickes These, dass Marktliberalismus den Kontrollverlust erzeugte, wäre für Poschardt eine Zumutung, macht die Verbindung aber intellektuell produktiv.
→ Petersdorff und Seydack — Wie wir unsere Leichtigkeit retten
Petersdorffs Kulturgeschichte der Leichtigkeit seit den 70ern ist das direkte kulturelle Gedächtnis zur Poschardt-Diagnose: Der neoliberale Freiheitsbegriff war für eine Generation zunächst als Befreiung von großen Erzählungen erlebt — bevor er sich in Selbstoptimierungsdruck umwandelte. Die Frage, wer die Kosten dieser Freiheit trägt (Judith Shklars Freiheit von Furcht), verbindet beide Stränge.
→ Liya Yu — Neuropolitik und die Grenzen der Moral
Yu erklärt neurologisch, warum das linksliberale Menschenbild scheitert — dasselbe Modell, das Poschardt als moralisches Überlegenheitsgefühl angreift. Yus Befund, dass liberale und konservative Gehirne Ambiguität strukturell verschieden verarbeiten, unterfüttert Möllers’ Prämisse, dass Demokratie als Aushandlungsprozess den unauflösbaren Dissens institutionell anerkennen muss statt aufzulösen.
→ Steinke und Marinić — Quo vadis Meinungsfreiheit?
Steinkes Justiz-Aktivismus-These und Marinićs “Teilzeitliberalismus”-Begriff sind die empirischen Belege für den abstrakten Freiheitsdiskurs bei Möllers/Poschardt. Posschardts Diagnose des gekaperten Freiheitsbegriffs bekommt durch Steinkes konkreten Welt-Fall (Musk-Wahlaufruf als unpopuläre Meinung, aber Kriminalisierung pro-palästinensischer Filmemacher) seinen schärfsten Ausdruck. Möllers’ institutioneller Freiheitsbegriff wird durch Steinkes Befund bestätigt und provoziert: Auch der progressive Staat schränkt Meinungsfreiheit ein — nicht nur der konservative.
Weiterdenken
Was Aristoteles vielleicht gefragt hätte
- Wenn der Staat das Ergebnis von Freiheit ist — können dann demokratische Mehrheiten die Freiheit selbst abwählen? Wo ist die Grenze zwischen demokratisch legitimierter Einschränkung und Unfreiheit?
- Poschardt will „1 cm weiter in Richtung persönlicher Freiheit” — aber welcher konkrete institutionelle Schritt folgt daraus, der nicht nur Symbolpolitik ist?
- Möllers sagt, Bürokratiekritik sei leer, weil sie nicht sagt, was abgebaut werden soll. Ist das fair — oder ist die Richtungsangabe (weniger Staat) schon eine politische Aussage?
- Judith Shklar schützt die Schwachen vor Grausamkeit. Posschardt schützt die Freien vor Bevormundung. Können beide Konzepte in derselben politischen Ordnung koexistieren?
- Was wäre das stärkste Argument für Posschardts Milieu-These — das Möllers nicht bringen würde?











