GedankenraumMaja Göpel & Achim Truger — Wachstum NEU DENKEN
Zwei Ökonomen über die Zahl, die alles regiert: Das BIP misst weder die zerstörte Natur noch die unbezahlte Arbeit noch die Verteilung — und der Sachverständigenrat hat ein besseres Instrument, das er selbst nicht benutzt.
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Künstlerhand: Fernand Léger — Maschinen-Moderne (tubistische Formen, Primärfarben, schwarze Konturen).
Warum: Die Wirtschaft als Maschine — aber statt des ewig steigenden Pfeils biegt sich das Rohr zum Baum, an dem Menschen stehen. Légers Fortschritts-Ästhetik, gegen ihren eigenen Wachstumsglauben gewendet: Wachstum neu gedacht.
Prompt: Fernand Léger machine-age modernism: an economy as a great machine, but instead of an ever-rising arrow a rainbow tube arcs into a tree with human figures; gears, factory, green sprout intertwined. Rethinking growth.
Ein Ökonom, der die Bundesregierung berät, rechnet mit der Zahl ab, für die er beraten wird. Achim Truger sitzt seit 2019 im Sachverständigenrat, und er erzählt Maja Göpel, was das Bruttoinlandsprodukt alles nicht sieht: die zerstörte Natur, die unbezahlte Arbeit, die Verteilung. Dann kommt die eigentliche Geschichte. Sein Rat hat vor Jahren ein besseres Instrument gebaut, mit Verteilungsmaßen und vorzeitigen Todesfällen darin — und sechs Wochen später ein Jahresgutachten vorgelegt, das die USA wegen ihres Pro-Kopf-Einkommens zum Vorbild erklärte. Truger schrieb ein Minderheitsvotum. Es blieb dabei. Ein Gespräch über Maße, die niemand benutzt, über Krisen, die zuverlässig jede Wohlstandsdebatte abwürgen, und über die Frage, die unter allem liegt: Wachstum — wozu?
Quelle: Wachstum NEU DENKEN mit Achim Truger — Folge 1 des Podcasts NEU DENKEN von Mission Wertvoll, veröffentlicht am 14. Oktober 2025 (1:05 h)
Transkript: Gedankenwelten/Transkripte/Truger_Wachstum_Transkript.txt · Volltext beim Herausgeber
Maja Göpel (1976) — Politökonomin und Transformationsforscherin, Gründerin von Mission Wertvoll und Gastgeberin des Podcasts NEU DENKEN. Von 2017 bis 2020 Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU).
Achim Truger (1969) — Professor für Sozioökonomie an der Universität Duisburg-Essen, Mitglied des Instituts für Sozioökonomie. Seit März 2019 Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, der sogenannten Wirtschaftsweisen. Er gilt dort als die heterodoxe, keynesianisch geprägte Stimme.
Die ungeglaubte Geschichte
0:37 Göpel beginnt mit einem Befund über die Debattenlage: Man weiß vorher, aus welchem Lager welche Position kommt und welche Schlagworte aufgefahren werden, um eine differenzierte Diskussion plattzumachen. Eines dieser Schlagworte heißt Wachstum. Wenn das Wirtschaftswachstum erst wieder läuft, wird alles gut.
Für alle, die sich mit den Voraussetzungen und Folgen beschäftigt haben, nennt sie es „eine der ungeglaubtesten Geschichten der Nation". Umweltzerstörung, ungleiche Verteilung, das schlechte Abbilden unentgeltlicher Leistungen, die die Gesellschaft zusammenhalten — die Kritikpunkte am Bruttoinlandsprodukt stehen seit Jahrzehnten fest, und gemessen wird der Erfolg weiter damit.
1:01 Ihre Frage ist nicht, ob Wachstum gut oder schlecht sei. Sie lautet: Wachstum — wozu? Ein Mittel zu welchem Zweck?
Vier Ziele, und eines frisst die anderen
3:03 Truger nennt zuerst das Offizielle. Der Sachverständigenrat hat vier gesetzliche Ziele: Preisniveaustabilität, hoher Beschäftigungsstand, außenwirtschaftliches Gleichgewicht — und stetiges und angemessenes Wirtschaftswachstum. Vier gleichrangige Ziele, und in den letzten Jahren dominiere eines. Zwingend sei das nicht, es ergebe sich im Prozess. Dann kommt der Satz, der die Sache erklärt: „Und das ist auch die ganze Aufmerksamkeit, die von der Öffentlichkeit kommt." Einmal im Jahr eine Zahl, meistens die Prognose fürs kommende Jahr, und danach richtet sich, worüber geredet wird.
4:24 Wie er zu diesem Fach kam, war der reine Zufall. Nach dem Abitur wusste er nicht wohin; der Vater eines Freundes, Privatdozent für Volkswirtschaftslehre in Köln, erzählte ihm, er werde dort etwas über Marx lernen. „Das stimmte alles gar nicht." Köln war konservativ und neoliberal. Er blieb trotzdem, aus dem naheliegenden Grund: Die Aufmerksamkeit, die das Fach bekommt, ist groß. Göpel nennt das Deutungshoheit. Truger ergänzt, vielleicht eine, die dem Fach gar nicht zukomme.
Die sterile Übung
6:51 Was ihn schon als Student abschreckte, war der Anfang der Lehre. Die Haushaltstheorie erklärt das Verhalten privater Haushalte über den Nutzen, und was in diesen Nutzenfunktionen steckt, welche Bedürfnisse da befriedigt werden, bleibt leer. „Das ist also eine völlig sterile Übung." Mathematisch lässt sie sich bis zur Spitze treiben. 7:08 Am Ende kann sie nicht einmal zweifelsfrei ableiten, dass die Nachfrage zurückgeht, wenn ein Preis steigt.
8:22 Der Widerspruch steckt schon im einfachsten Modell. Der Mensch darin will unendlich viele Güter und zugleich unendlich viel Freizeit, und weil beides nicht geht, muss er abwägen. Wer also findet, er habe genug, und lieber weniger arbeiten will, verhält sich exakt nach der Theorie — „und wäre auch aus einer liberalen Weltsicht ja eigentlich überhaupt nicht zu beanstanden". Dieser Schluss wird nur nie gezogen. Am Ende steht wieder das Bruttoinlandsprodukt, und je mehr, desto besser.
9:27 Göpel liest vor, was sie am Morgen im Wirtschaftslexikon gefunden hat: Das Grundproblem der Wirtschaft sei, dass die Ressourcen begrenzt und die Bedürfnisse der Menschen unendlich seien. Wir kriegen den Hals nicht voll. Trugers Antwort ist kurz: „Also ich glaube, das stimmt eben überhaupt nicht."
Wenn die Lehrbücher Wachstum ausdrücklich als Mittel führen und die Praxis es als Zweck behandelt — wo genau geht der Unterschied verloren? Im Hörsaal, in der Redaktion oder im Jahresgutachten?
Was der Tacho nicht anzeigt
10:34 Göpel bringt Herman Dalys Begriff ins Spiel: unökonomisches Wachstum, das, bei dem die verursachten Kosten höher sind als der gewonnene Nutzen. Dann kippt die Sache aus der Balance.
11:43 Truger ordnet historisch ein, bevor er kritisiert. Dass man mit demselben Ressourceneinsatz mehr produzieren kann, hat die Versorgung und damit das Überleben vieler Menschen erst gesichert; in der Landwirtschaft, dann in der Industrie, heute in den Dienstleistungen. Bis zu einem gewissen Niveau war das elementar. Die Nebenwirkung war, dass es fossiles Wachstum war.
Was das Bruttoinlandsprodukt nicht zeigt, zählt er in einem Zug auf. 12:30 Die Haushaltsproduktion, die gesamte Care-Ökonomie — alles, was unbezahlt ist und wovon abhängt, dass Menschen überhaupt auf die Welt kommen und Menschen werden, steckt nicht darin. 13:04 Die Verteilung ist vollkommen irrelevant: Man betrachtet das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf und tut damit so, als werde der Zuwachs gleichmäßig verteilt, während beim Wachstum fast automatisch Ungleichheit entsteht, weil manche mehr bekommen, manche weniger und manche verlieren.
14:10 Dahinter liegt eine normative Annahme, die man stillschweigend mittrifft: Die Menschen können alles wollen, sie wissen selbst am besten, was gut für sie ist, und man darf ihnen nicht hineinreden. Damit ist jede Debatte darüber geschlossen, was ein gutes Leben ist und welche Bedürfnisse legitim sind — und mit ihr all das, was Philosophie, Psychologie und Medizin dazu zu sagen hätten.
14:53 Göpel findet dafür das Bild des Abends: Wir starren auf den Tacho und fragen nicht mehr, wo wir hinwollen und ob noch genug im Tank ist. Truger, ehrlich: „Das sind jetzt die schönen Bilder, die du bringst, die ich nicht gebracht habe."
15:33 Und er benennt den Ausweichschritt seiner Zunft. Kommt die Kritik, heißt es: Das lernen wir doch in den ersten Semestern, das BIP ist unvollkommen, haben wir alles schon gemacht. In der öffentlichen Debatte sagen sie es nur nicht. 15:56 Man habe tausend Feigenblätter produziert, und fair bleibe man, wenn man zugebe: Ja, es gibt das alles. Dominierend ist es nicht, und in die Deutungshoheit kommt es nicht.
Das Buch, das niemand aufschlägt
18:48 Truger hält es in die Kamera: die ganzheitliche Wohlfahrtsberichterstattung, ein Indikatorensystem, das die Entwicklung Deutschlands seit dem Mauerfall abbildet. 19:05 Angestoßen hatte es der französische Präsident Sarkozy; eine Kommission um Joseph Stiglitz, Amartya Sen und Jean-Paul Fitoussi arbeitete daran, der deutsche Sachverständigenrat und sein französisches Gegenstück bekamen den Auftrag, im Bundestag gab es eine Enquete zu Wachstum und Wohlstand. Tausend Seiten, viele Minderheitsvoten, Uneinigkeit. Ein richtiges Thema.
20:13 Darin steht das Pro-Kopf-Einkommen, das Produktivitätswachstum, und daneben ökologische und finanzielle Nachhaltigkeit, Verteilungsmaße und Fragen, die aus dem üblichen Rahmen fallen: ob die Menschen jemanden haben, an den sie sich wenden können, wenn es ihnen schlecht geht. 20:31 Und die geschätzten vorzeitigen Todesfälle, als Hinweis darauf, dass es den Menschen offenbar nicht gut geht, wenn viele früh sterben.
21:17 Dann die Pointe. Erschienen war das im September 2019, Trugers erstem Jahr im Rat. Keine sechs Wochen später legte derselbe Rat sein Jahresgutachten vor, und darin standen Vergleiche von Produktivität und Wachstum zwischen den USA und Europa, bei denen die USA wegen ihres hohen Pro-Kopf-Wachstums implizit zum Vorbild wurden. 21:49 Dabei sind die Amerikaner pro Kopf nicht deutlich produktiver. Es wird einfach mehr gearbeitet, und das ist verlorene Freizeit und womöglich verlorene Lebensqualität. Man hätte auch sagen können, in Deutschland werde weniger geschuftet und das sei der bessere Weg. 22:13 Truger schrieb ein Minderheitsvotum, dass das eigentlich komisch sei.
„Also mit anderen Worten, es bestimmt dann gar nicht das eigene Handeln." Macht das Indikatorensystem. Dann hakt man es ab und geht zum Tagesgeschäft über.
22:39 Göpel hält dagegen, was es heute heißt, ausgerechnet das amerikanische Bruttoinlandsprodukt als Maßstab zu nehmen — von einem Land, das gerade in ein faschistisches Regime kippe. 22:49 Die Lebenserwartung gehe dort zurück (Faktencheck: überholt — siehe unten), Urlaub gebe es kaum, und die Infrastruktur sehe auch nicht besser aus als hier. Welche Gestalt einer gelungenen Gesellschaft wird da eigentlich gezeichnet?
23:57 Truger widerspricht nicht. Dass man das Regime, das Trump dort errichte, so nennen müsse, sei unter Politikwissenschaftlern inzwischen akzeptiert. 24:11 Und dann der Satz, der die beiden Stränge zusammenzieht: Demokratische Teilhabe und Partizipationsmöglichkeiten stehen als Indikatoren in eben jenem System, das sein Rat gebaut hat. „Und das sieht natürlich übel aus."
24:46 Der zweite Anlauf ging ähnlich aus. Robert Habeck ließ als Wirtschaftsminister Wohlstandsindikatoren erarbeiten, man plante, auf Arbeitsebene zusammenzukommen, vielleicht einen gemeinsamen Bericht. Dann kam die Energiekrise, anderes war dringend, und die Sache schlief ein.
Ein Gremium baut ein besseres Maß und benutzt es sechs Wochen später selbst nicht. Liegt das an der Öffentlichkeit, die nur nach der einen Zahl fragt — oder ist ein Maß, das niemand einfordert, von vornherein ein Feigenblatt?
Die Krise als Gelegenheit
26:19 Truger nimmt sich dabei nicht aus. Es kam Corona, die Lieferketten rissen, die Energiekrise folgte, Rohstoffe und Arbeitskräfte wurden knapp — und dann musste dieses Rad sich unbedingt weiterdrehen. „Das war wirklich so ein richtig so ein Tunnelblick, in den man da geraten ist." Er hat es mitgetragen, sagt er, man habe diskutiert, aber er habe es mitgetragen.
26:41 Daraus zieht er eine Regel: Was solche horizonterweiternden Debatten zuverlässig abwürgt, sind Wirtschaftskrisen. In der Krise haben die Menschen Angst um ihren Arbeitsplatz, und dann klingt Wohlstand plötzlich wie eine Luxusdebatte — jetzt gehe es ums Überleben. 27:02 Und er glaubt, dass es in Teilen der Eliten Bestrebungen gibt, genau solche Krisen zu nutzen, damit die Leute nicht aus der Reihe tanzen und das alte Modell, das sie reich gemacht hat, weiterlaufen kann.
28:31 Göpel führt das an der Sozialkürzungsdebatte vor. Die Wirtschaft lahmt, also sollen die Ausgaben sinken — dabei braucht eine Wirtschaft, die anspringen soll, Konsumausgaben. Wer den Menschen weniger in die Tasche gibt, senkt die Nachfrage, und wegbrechende Exportmärkte lassen sich schlecht kompensieren, indem man zusätzlich das Geld im Inland streicht. 29:36 Ihre Rechnung: fünf Milliarden bei den Sozialausgaben, bei einer Lücke von 172 Milliarden, die gesucht wird (Faktencheck: vereinfacht — Jahreswert gegen Dreijahreslücke) — und dafür bei allen Panik auslösen. Steuererhöhungen bei denen, die viel zu viel haben, kommen zur Haushaltskonsolidierung nicht in Frage.
30:23 Truger: nicht nur unfair, auch ökonomisch unvernünftig. Die Krise wird genutzt, um die Vorstellung vom geschrumpften Sozialstaat durchzusetzen. 30:37 Man sehe es an der Zahl der drei Millionen Arbeitslosen: schlimm, aber absehbar, und nach fünf Jahren Krise vergleichsweise niedrig. Trotzdem wird die Signalzahl genommen, um Angst zu machen, und in dieser Lage soll man zustimmen, dass beim Sozialstaat gekürzt wird. 31:23 Wobei genau diese Verunsicherung dafür sorgt, dass die Menschen ihr Geld erst recht nicht ausgeben.
Fünf Zutaten
31:54 Göpel hat Robert Shillers Narrative Economics wieder gelesen, das Buch über den Zusammenhang zwischen der Art, wie wir die Lage beschreiben, und dem, was die Menschen dann erwarten und tun. Shiller zählt fünf Zutaten auf, die sie dem Crash von 1929 zuordnet (Faktencheck: falsch — sie gehören bei Shiller zur Depression von 1920/21; siehe unten), und geht sie durch: existenzielle Unsicherheit nach dem Weltkrieg — bei uns Corona-Lockdowns und der Krieg an der Haustür. Die Spanische Grippe mit fünfzig Millionen Toten — bei uns die Pandemie und für viele die Angst vor dem, was der Klimawandel an Menschenleben kostet. Die Angst vor einem anderen Regime, damals dem Kommunismus — heute Autoritarismus und die rechte Agenda. Steigende Ölpreise und Ressourcenengpässe — heute die seltenen Erden, ohne die es die Erneuerbaren nicht gibt. Und die Erwartung, es werde wieder billiger, weshalb man Käufe aufschiebt.
34:25 Ihr Fazit: „Oh, da haben wir aber alle fünf Punkte gerade mit dabei."
35:00 Trugers Antwort ist der ehrlichste Moment des Gesprächs: „Ich habe das Buch ehrlich gesagt nicht gelesen. Und mit den historischen Parallelen ist so eine Sache, weiß man nicht." Dann nimmt er den brauchbaren Teil und lässt den Rest liegen. Es gehe darum, worauf man die Aufmerksamkeit lege. Man könnte vieles auch anders erzählen.
Was diese Gesellschaft kann
35:56 Und er erzählt es anders. Die Pandemie hat er selbst nicht für möglich gehalten, verkraftet hat sie niemand ganz, vieles lief nicht optimal. Aber ganze Wirtschaftsbereiche wurden eingefroren, über Wasser gehalten und schrittweise wieder zum Leben erweckt. In der Energiekrise ist das Gas nicht ausgegangen. Der Impfstoff war da, als man ihn brauchte.
36:53 Daraus folgt für ihn etwas, das in keiner Krisenerzählung vorkommt: Wenn sich alle einigermaßen einig sind, und in Großkrisen ist das der Fall, ist diese Gesellschaft zu unglaublichen Steuerungsleistungen fähig.
37:15 Dazu passt Keynes, den er im Radio verortet — eine Einlassung über die öffentlichen Finanzen aus dem Jahr 1942: Alles, was wir tatsächlich tun und herstellen können, können wir uns auch leisten; es ist dann da, und wegnehmen kann es uns niemand mehr. 38:05 Truger hält den Zeitpunkt dagegen. Vieles war zerstört, der Krieg nicht vorüber, die Opfer waren ungeheuer, und dieser Mann stellte sich hin und sprach von Naherholungsgebieten und neuen Stadtzentren. Es hat funktioniert.
39:14 Gemessen daran sei die Gegenwartsaufgabe bescheiden: „Das sind echt keine Rocket Science, über viele Jahre schrittweise den Häuserbestand zu sanieren und die Heizungssysteme vernünftig zu machen."
Planvoll, gemeinsam, schrittweise
41:59 Diese drei Wörter sind Trugers Antwort, vorgetragen als Festrede zum Tag der Deutschen Einheit im Duisburger Lehmbruck-Museum. Zwei stammen von Keynes, das gemeinsam hat er hinzugefügt.
42:49 Auf den absehbaren Einwand hat er die beste Antwort des Abends. In einem Zeitungsinterview sagte er, man brauche einen Plan. Ob er Planwirtschaft wolle, fragte der Interviewer. „Dann habe ich gesagt, nee, wollen Sie planlos agieren?" Was der Staat tut, ist am Ende falsch: Hat er keinen Plan, ist er planlos; hat er einen, ist es Planwirtschaft. Göpel erkennt den Mechanismus wieder und dreht ihn weiter: Soll sie ein Gutmensch sein? Sie fände es besser als ein Schlechtmensch.
40:34 Der zweite Einwand ist die Ungeduld, die Göpel Sofortismus nennt. Man habe doch das Infrastrukturpaket geschnürt und die Schuldenbremse geöffnet, warum springe das Wachstum nicht ab Tag zwei? 40:45 Weil Menschen dazwischen etwas tun müssen: „Geld arbeitet nicht, das müssen Personen tun." Truger buchstabiert es nach: Maßnahmen, die im Haushalt noch nicht beschlossen sind, kann man nicht umsetzen, für nicht umgesetzte Maßnahmen gibt man kein Geld aus, und nicht ausgegebenes Geld kann nicht wirken. Wer trotzdem behaupte, die Wirtschaftswende komme nicht in Gang, wolle verunsichern.
44:30 Für das schrittweise nimmt er einen Beleg aus dem Alltag. Der Strukturwandel seit den fünfziger Jahren war gewaltig, und wie sehr sich das Leben geändert hat, merkt man erst, wenn man sich fragt, wie es vor zwanzig Jahren aussah. Das iPhone gab es nicht. 45:00 Schrittweise hat zwei Vorteile: Was schiefgeht, lässt sich korrigieren, und was gelingt, schafft die Erfahrung, dass es nicht weh tut. 45:36 Eine autofreie Innenstadt kann schön sein, ein funktionierender Nahverkehr auch, und wer das an der eigenen Lebenswelt merkt, trägt den nächsten Schritt mit.
46:26 Göpel bringt die Bedingung dazu aus der Resilienzforschung: Ungefähr siebzig Prozent sind bereit, deutlich mehr zu tun, wenn sie wissen, dass die anderen mitmachen. Was logisch ist, wenn man seinen kleinen Beitrag nur dann für sinnvoll hält, wenn viele kleine Beiträge zusammenkommen — und was zusammenbricht, sobald einige sich freikaufen.
47:49 Woran es scheitern kann, weiß Truger am Heizungsgesetz. Abgesehen davon, dass es geleakt und verhetzt wurde, war der Fehler, dass die soziale Komponente nicht von Anfang an mitgedacht war und darum zunächst nicht drinstand. Genau das machte es angreifbar. Es muss im Erleben der Menschen gerecht zugehen, und das betrifft Einkommen, Versorgung und auch die Regionen.
Die Minderwertsteuer
48:44 Göpel fragt nach der Pigou-Steuer, und Truger erklärt sie ohne Umweg: Verursacht eine wirtschaftliche Aktivität Schäden bei anderen, die im Preis nicht auftauchen, kann der Staat im Umfang dieser Schäden eine Steuer erheben und die Aktivität verteuern. Ökosteuer, nationaler CO₂-Preis, europäischer Zertifikatehandel — es passiert bereits.
50:10 Gerecht ist es damit nicht automatisch. Fossile Energie zu verteuern trifft untere und mittlere Einkommen relativ stärker, also braucht es eine Kompensation. Ein Klimageld wäre eine, womöglich sozial gestaffelt. 50:32 Truger neigt inzwischen zu einer anderen: die öffentlichen Güter so umzubauen, Nahverkehr und Energieversorgung, dass der Wechsel weg vom Schädlichen überhaupt möglich wird. Das bemerken die Menschen unmittelbar, und es bringt Unterstützung.
52:13 Warum das so zäh ist, liegt an einer Beobachtung der Verhaltensökonomik: Verlustaversion. Was man verliert, wiegt schwerer als ein gleich großer Gewinn. 52:29 Göpel zieht daraus den analytisch stärksten Schluss des Gesprächs — genau darum ist das Wachstumsparadigma so stark. Solange der Kuchen wächst, bekommt jeder etwas dazu und niemand muss etwas abgeben. Und dann muss man über Verteilung nicht reden: „Da muss ich mich nicht so aufregen darüber, wenn das Stück von jemand anderem gerade sehr groß ist, weil meins kann ja auch noch anwachsen."
53:16 Ihr Vorschlag ist eine Umkehrung. Mehrwert entsteht durch Arbeit — warum besteuern wir ihn? Sie hätte lieber eine Minderwertsteuer auf ressourcenintensive Tätigkeiten, und sie fragt nebenbei, warum pflanzliche Lebensmittel höher besteuert werden als die subventionierten tierischen.
53:49 Truger findet den Begriff klasse und hat einen Einwand, der die ganze Logik der Lenkungssteuer trifft: Das Aufkommen ist Steuersatz mal Menge. Wirkt die Lenkung, sinkt die Menge, und mit ihr das Geld. Beim Klima sagen wir sogar ausdrücklich, dass es in zwanzig Jahren bei null sein soll. Man muss also jetzt überlegen, woraus der Staat sich finanziert, wenn er es geschafft hat. 55:07 Seine Antwort: Einkommen-, Kapital- und Unternehmensteuern, vor allem aber die Erbschaftsteuer, wo noch einige Ungerechtigkeiten zu beseitigen wären.
Eine Lenkungssteuer wirkt, indem sie ihre eigene Einnahmequelle abschafft. Kann ein Staat ein Instrument ernst meinen, das bei Erfolg seine Kasse leert — oder erklärt das, warum der CO₂-Preis so oft zu niedrig angesetzt wird?
Drei Stellschrauben
55:46 Auf die Frage nach den wichtigsten Hebeln antwortet Truger zuerst mit dem, was man lassen soll: sich nicht um Wachstum, Nullwachstum und Degrowth streiten. 56:06 Wenn der Wohlstand steigt, die Verteilung stimmt und niemand arbeitslos ist, dann ist vollkommen sekundär, ob am Ende noch etwas wächst. „Also raus aus diesen Grabenkämpfen, die eigentlich überhaupt nichts bringen."
Zweitens die Indikatoren, die es längst gibt, endlich ernst zu nehmen. 56:46 Göpel erinnert an eine Empfehlung der Enquete: eine Projektion aufs Kanzleramt, ein Herz in den Landesfarben mit je einem Leitindikator für Ökologisches, Soziales und Ökonomisches. Man kann das kitschig finden. Es wäre ein Minimum an Balance in der Darstellung gewesen.
57:44 Göpel setzt noch eine Wortkorrektur dagegen. Man rede immer vom Entkoppeln des Wachstums vom Ressourcenverbrauch — schon diese Formulierung mache Wachstum wieder zur Zielgeraden. Eigentlich müsse es rückkoppeln heißen: wie die Mehrwerte entstehen, die eine Gesellschaft braucht. Und wenn dagegen eingewandt wird, dass es in der Vergangenheit nicht funktioniert habe, aber theoretisch möglich sei, wird die Diskussion für beendet erklärt, wo sie anfangen müsste. Warum hat es nicht funktioniert? Beim CO₂ gebe es Erfolge, beim Materialverbrauch nichts dergleichen.
58:59 Drittens, sagt Truger, sei die Sache zu groß für eine Wissenschaft. Kommissionen müssten interdisziplinär besetzt sein, mit Sozial-, Natur- und Ingenieurwissenschaften, und dass Diversität in Gremien bessere Ergebnisse bringt als lauter Leute aus derselben Box, halte er für ausgemacht. 62:34 Weiter unten fängt das an: In Duisburg gehört er zum Institut für Sozioökonomie, das plural, interdisziplinär und anwendungsorientiert lehrt, und es gibt inzwischen vielerorts Studiengänge, die Politik, Philosophie und Ökonomie mischen.
63:35 Göpel hält am Schluss fest, was ihr regelmäßig gesagt wird: Frau Göpel, Sie müssen das einfacher machen, das ist eine Zumutung für die Leute. Ihre Antwort: „Aus Zumutung entsteht ja Selbstwirksamkeit."
64:00 Und Trugers letztes Wort, adressiert an die Wirtschaftsredaktionen der Republik: „Wachstum ist kein Selbstzweck. Wachstum ist ein Mittel zum Zweck und der Zweck ist Wohlstand. Wir müssen eigentlich über Wohlstand sprechen und darüber, was die Gesellschaft und die Menschen tatsächlich reicher macht."
Weiterführende Quellen
Aus der Videobeschreibung:
- Robert & Edward Skidelsky: Wie viel ist genug? (2013) — der Klassiker zur Frage, wann es reicht; Robert Skidelsky ist auch Keynes' Biograf, die historische Tiefe hinter Trugers Position
- Achim Truger im taz-Interview: „Das hat noch niemand versucht" (2024)
- Achim Truger: „Die Herausforderungen bewältigen — gemeinsam und schrittweise" — die Duisburger Festrede zum Tag der Deutschen Einheit, aus der planvoll, gemeinsam, schrittweise stammt
- Mission Wertvoll — Volltext der Folge
- Wertvolles Wirtschaften — das Projekt hinter dem Podcast
Im Gespräch genannt:
- Robert J. Shiller: Narrative Economics (AER 2017, PDF) — die Aufsatzfassung; Kapitel VIII behandelt 1920/21, Kapitel IX den Crash von 1929
- Herman E. Daly — der Begriff des unökonomischen Wachstums
- SVR: Ganzheitliche Wohlfahrtsberichterstattung (2019) — das Buch, das Truger in die Kamera hält, mit allen Daten
- SVR & CAE: Wirtschaftsleistung, Lebensqualität und Nachhaltigkeit (2010, PDF) — die deutsch-französische Ur-Expertise, Antwort auf Stiglitz, Sen und Fitoussi
- Schlussbericht der Enquete „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" (BT-Drs. 17/13300, 844 S.) — darin die Empfehlung einer Wohlstands-Ampel, die Göpel am Schluss erwähnt
Faktencheck
Die Sendung gibt es: BBC, 2. April 1942, „How Much Does Finance Matter?", später im Listener und in den Collected Writings Bd. XXVII. Der Satz, den Truger sinngemäß wiedergibt, steht dort wörtlich: „Assuredly we can afford this and much more. Anything we can actually do we can afford." Auch die Beispiele stimmen — Keynes spricht vom Wiederaufbau Londons, von Schulen, Verkehr, Theatern und Konzertsälen, und er verlangt ausdrücklich, das über Jahre planvoll zu tun. → Adam Tooze über Keynes' BBC-Rede, mit den Originalpassagen
Alle vier Bausteine existieren und sind richtig datiert. Die Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission setzte Sarkozy 2008 ein; auf ihrer Grundlage beauftragte der Deutsch-Französische Ministerrat am 4. Februar 2010 den Sachverständigenrat und den Conseil d'Analyse Économique gemeinsam — Ergebnis: „Wirtschaftsleistung, Lebensqualität und Nachhaltigkeit" (Dezember 2010, 25 Indikatoren). Die Bundestags-Enquete „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" legte am 4. Juni 2013 ihren Schlussbericht vor, 844 Seiten mit Sondervoten — Trugers „tausend Seiten" ist gerundet, nicht geschönt. Und das Buch, das er in die Kamera hält, heißt tatsächlich „Ganzheitliche Wohlfahrtsberichterstattung: Die Entwicklung Deutschlands seit dem Mauerfall", erschienen am 23. September 2019. → SVR/CAE-Expertise 2010 (PDF) · SVR, Ganzheitliche Wohlfahrtsberichterstattung · Schlussbericht der Enquete, BT-Drs. 17/13300
Truger erinnert sich fast wörtlich richtig. Im Jahresgutachten 2019/20 steht unter „Eine andere Meinung" (Ziffer 243) sein Votum: „Deshalb ist es problematisch, wenn die USA aufgrund ihres im internationalen Vergleich sehr hohen Pro-Kopf-Einkommens als Maßstab für andere Volkswirtschaften verwendet und so implizit zum Vorbild erhoben werden. Das hohe Pro-Kopf-Einkommen dortzulande basiert […] nicht auf einem nennenswerten Vorsprung bei der Produktivität je Erwerbstätigenstunde, sondern vor allem auf längeren Arbeitszeiten je Erwerbstätigen." Die Daten stützen ihn: 2019 lag die Stundenproduktivität in Deutschland (81,1 Int.-$) über der amerikanischen (77,7); bis 2023 zog die USA knapp vorbei (83,5 zu 82,5), rund ein Prozent Vorsprung — bei gut 400 Jahresarbeitsstunden mehr je Erwerbstätigem. Deutschland hat mit unter 1.400 Stunden den niedrigsten Wert im gesamten OECD-Raum. Formal heißt das Votum beim Rat nicht Minderheitsvotum, sondern „Eine andere Meinung". → SVR, Jahresgutachten 2019/20 (PDF, S. 127–131) · Penn World Table 11.0, Produktivität je Arbeitsstunde · OECD Compendium of Productivity Indicators 2024 (PDF)
Göpel sagt im Präsens, die Lebenserwartung gehe in den USA zurück. Der Rückgang war real, ist aber vorbei: von 78,4 Jahren (2019) auf den Tiefpunkt 2021, dann 77,5 (2022), 78,4 (2023) und 79,0 (2024) — wieder über dem Stand vor der Pandemie. Schon bei der Aufnahme im September 2025 lagen die Zahlen für 2023 mit deutlichem Plus vor. Was bleibt, ist die lange Stagnation der 2010er Jahre und der weiterhin große Abstand zu vergleichbar reichen Ländern; ihr eigentliches Argument — das Pro-Kopf-BIP sagt nichts über die Lebensqualität — trägt also, die Momentaufnahme nicht. → NCHS Data Brief 521, Mortality in the United States 2023 (PDF) · NCHS Data Brief 548, Mortality in the United States 2024
Im August 2025 zählte die Bundesagentur für Arbeit 3.025.000 Arbeitslose bei einer Quote von 6,4 Prozent, der höchste Stand seit Februar 2015. Trugers Einordnung hält stand: Auf dem Höhepunkt 2005 waren es im Jahresmittel 4,86 Millionen bei 11,7 Prozent. Die drei Millionen sind eine runde Marke, kein historischer Bruch. → Bundesagentur für Arbeit, August 2025 · bpb, Arbeitslose und Arbeitslosenquote
Beide Zahlen stimmen für sich. Die Finanzplanung wies im Juli 2025 für die Jahre 2027 bis 2029 zusammen eine Lücke von rund 172 Milliarden Euro aus, und für das Bürgergeld nannte Merz ein Sparziel von etwa fünf Milliarden — pro Jahr. Nebeneinandergestellt sind sie nicht vergleichbar: Annualisiert geht es um rund 57 Milliarden jährlich, die fünf Milliarden wären also etwa neun Prozent und nicht die suggerierten knapp drei. Das Missverhältnis bleibt bestehen, die Verkürzung macht es doppelt so groß, wie es ist — und arbeitet damit für ihr Argument. → Tagesspiegel zur Finanzplanung · ZDFheute zum Bürgergeld-Sparziel
Göpel schreibt die fünf Zutaten dem Crash von 1929 zu. Bei Shiller stehen sie alle — aber in seiner Analyse der Depression von 1920/21. In der Aufsatzfassung, der Grundlage des Buches, fasst er sie selbst zusammen: „All of these events — World War, the influenza epidemic, the race riots, the Big Red Scare, the oil shock", dazu die Erwartung fallender Preise, die Käufe aufschieben ließ. Den Crash von 1929 behandelt er getrennt und mit ganz anderen Erzählungen: Börsensturz als moralisches Strafgericht, Überproduktion, technologische Arbeitslosigkeit. Ein Motiv ist hier nicht zu erkennen, und die Parallelen zur Gegenwart, die sie zieht, funktionieren mit dem richtigen Datum genauso gut. → Robert J. Shiller, Narrative Economics, American Economic Review 107(4), 2017, S. 983–987 (PDF) · doi:10.1257/aer.107.4.967
Göpels Zahl trifft die beste vorliegende Evidenz. Andre, Boneva, Chopra und Falk befragten rund 130.000 Menschen in 125 Ländern, global repräsentativ: 69 Prozent wären bereit, ein Prozent ihres Einkommens für Klimaschutz zu geben, 89 Prozent fordern mehr politisches Handeln. Und ihr zweiter Punkt ist der eigentliche Kern der Studie: Die Befragten unterschätzen einander systematisch — sie schätzen die Bereitschaft ihrer Mitbürger auf 43 Prozent statt der tatsächlichen 69. Solide Grundlage, Nature Climate Change, stark rezipiert; genau genommen sind die 69 Prozent die unbedingte Zahlungsbereitschaft, die Göpel mit dem Konditionalitätsbefund verschmilzt. → Andre, Boneva, Chopra & Falk, Nature Climate Change 2024, doi:10.1038/s41558-024-01925-3
Der Forschungsstand gibt Göpel recht, und zwar auf der stärkeren Ebene: Der Review von Volker und Handy über 23 Studien aus den USA und Kanada findet für neue Rad- und Fußverkehrsanlagen „generally positive or non-significant economic impacts" auf Einzelhandel und Gastronomie — auch dort, wo dafür Parkplätze oder Fahrspuren wegfielen. Negativ betroffen sind nur ausgesprochen autozentrierte Betriebe wie Tankstellen und Autohäuser. Für Deutschland passt eine Berliner Erhebung unter rund 2.000 Kundinnen und Kunden und 145 Händlern: Die Händler schätzten den Autoanteil ihrer Kundschaft auf 22 Prozent, tatsächlich waren es 7. Der Irrtum wächst mit der eigenen Autonutzung. → Volker & Handy, Transport Reviews 2021, doi:10.1080/01441647.2021.1912849 · von Schneidemesser & Betzien, Transport Findings 2021
Trugers ökonomischer Punkt hält, und die Grundlage ist gut: Die Meta-Analyse von Ohlendorf und anderen über 53 Studien und 183 Einzeleffekte aus 39 Ländern findet progressive Verteilungswirkungen vor allem in ärmeren Ländern und im Verkehr — in Hocheinkommensländern wie Deutschland wirkt CO₂-Bepreisung typischerweise regressiv, besonders beim Heizen. Seine Forderung nach Kompensation trifft damit genau. Sein Zeitplan ist inzwischen überholt: Die EU-Umweltminister haben den Start des zweiten Emissionshandels im November 2025 auf 2028 verschoben, seit April 2026 ist das geltendes Recht. Zum Aufnahmezeitpunkt war „ab 2027" richtig. → Ohlendorf et al., Environmental and Resource Economics 2020, doi:10.1007/s10640-020-00521-1 · Feindt et al., Energy Economics 2021 · BDEW zur ETS-2-Verschiebung
Verbindungen
→ Sigl-Glöckner & Kaczmarczyk — Geld ist genug da?
Die Fortsetzung auf der Leuphana-Bühne, wieder mit Göpel: Sigl-Glöckner findet in den Maastricht-Protokollen die Fußnote, die die 60 Prozent selbst „puren Zufall“ nennt — ein Beleg aus dem Archiv für Trugers These, dass Schuldengrenzen politisch gesetzt sind. Und der Abend zeigt die Kehrseite: Seit dem Sondervermögen muss „Geld ist da“ beweisen, dass es nie „Geld ist egal“ hieß.
→ Andreas Reckwitz — Fortschritt NEU DENKEN
Die Schwesterfolge derselben Reihe, gegen die Reckwitz argumentiert. Hier wird der Maßstab rekalibriert — Wohlstand jenseits des BIP, Transformation statt Schrumpfung. Dort heißt es: richtig, und nicht genug. Der blinde Fleck liege nicht beim Maßstab, sondern bei dessen Gegenteil, dem Verlust, für den die Moderne keine Sprache hat. Bemerkenswert, dass Göpel in beiden Gesprächen sitzt: Was sie mit Truger als Messproblem verhandelt, wird mit Reckwitz zur Frage, ob ein besserer Index einer Gesellschaft hilft, die etwas begraben muss.
→ Adam Tooze und Maja Göpel — Die Polykrise
Dieselbe These in schärferer Lage: Göpel argumentiert dort für ein besseres Maß, hier für die Verteidigung dessen, was schon erreicht war. Ihr Befund — der Zugewinn von zwanzig Jahren rutscht weg, nicht widerlegt, sondern aus der Sprache gedrängt.
→ Martin Oetting — Happy Planet Index 2026: Was ist echter Wohlstand?
Der Happy Planet Index liefert die Messlatte, die Göpel und Truger fordern, gleich mit: An 134 Ländern gemessen waren Deutschlands BIP-schwache Jahre die besten der Bundesrepublik — Wachstum ist nicht Wohlstand, jetzt mit Zahlen.
Makroökonomie & Fiskalpolitik:
→ Heiner Flassbeck — Nachfragekrise und Schuldenlogik
Flassbeck zeigt keynesianisch präzise die Unmöglichkeit, in Nachfragekrisen sparen zu können — exakt das, was Trügers Schuldenbremsen-Kritik ökonomisch verlangt. Die mathematische Logik der sektoralen Finanzierungssalden bestätigt: Die „Schwarze Null" ist nicht nur falsch, sondern mathematisch unmöglich.
→ Heiner Flassbeck — Deutschlands größtes Tabu
Das Tabu-Gespräch ergänzt Trugers institutionelle Schuldenbremsen-Analyse um die historische und globale Dimension: Wie das Sparparadox durch Schröders Lohnpolitik exportiert wurde, das China-Gegenmodell, und warum Maastricht kein deutsches Exportprodukt ist, sondern ein deutsch-französischer Kompromiss.
→ Heiner Flassbeck — Merz' Rentenlüge und globale Ungleichheit
Konkrete Policy-Versagen (Sparparadoxon bei Renten): Wenn die Schwarze Null heilig ist, scheitert auch Rentenreform an der Dogmatik. Goepel/Trüger: Das ist das Paradoxon des Spardogmas.
Soziale Folgen & Ungleichheit:
→ Christoph Butterwegge — Armut NEU DENKEN
Butterwegge dokumentiert die sozialen Folgen der Austeritätspolitik (Armutsgefährdung, Lebenserwartungslücke); Goepel/Trüger analysieren die ökonomische Logik dahinter. Wer nicht investiert, produziert strukturell Armut.
→ Martyna Linartas — Unverdiente Ungleichheit
Linartas belegt: Mit der Normalisierung des Neoliberalismus stieg der Erbschaftsanteil am Vermögen wieder über 50%. Das ist das Ergebnis von Jahrzehnten Nichtinvestition — genau die Politik, die Trüger kritisiert. Vermögenstheoretisch + Einkommensperspektive + Fiskalkritik = Anatomie der Ungleichheit.
Philosophie des Wirtschaftens:
→ Erich Fromm — Haben oder Sein
Fromm stellt die fundamentale Frage, die unter Trügers Wachstumskritik liegt: Ist der Lebenszweck Haben (Akkumulation, BIP) oder Sein (volle menschliche Entfaltung)? Göpel/Trüger formulieren diese alte humanistische Kritik des Kapitalismus in makroökonomischer Sprache.
NEU DENKEN-Formate:
→ Bernhard Pörksen und Maja Göpel — Debatte NEU DENKEN
Direkter Format-Partner: Pörksen diskutiert mit Goepel das Wie demokratischer Debatte; hier besprechen Goepel/Trüger das Was (Wachstum & Wohlstand). Beide sind zentrale Ausdrücke des Mindshift zur Transformation.
→ Maja Göpel — Mut zur Zukunft
Älteres Göpel-Langformat mit tieferer philosophischer Ausarbeitung ihrer Transformationsthesen.
→ Gesine Schwan — Macht NEU DENKEN
Ebenfalls NEU-DENKEN-Serie, fokussiert auf Macht und institutionelle Transformation statt direkt auf Wirtschaft — komplementäre Perspektive.
Geopolitische Realität:
→ Adam Tooze — Pentagon vs. Anthropic: Der Kampf um die KI-Kontrolle
Tooze zeigt die geopolitische Doppelmoral: Massive Staatsausgaben für Militär und KI-Monopole, während Sozialausgaben an die dogmatische Schuldenbremse scheitern. Das ist Goepels Transformationsproblem konkretisiert: Wachstum wofür?
Vertiefung:
→ Markus Gabriel — Ethischer Kapitalismus: Modell der Zukunft?
Gabriel positioniert sich Anti-Degrowth und liefert mit „true profit" das moralphilosophische Fundament für Goepels/Trugers qualitative Wachstumstransformation
→ Andreas Löschel — Strom NEU DENKEN
Löschel überträgt Trugers methodischen Einwand auf die Energie: Energiestückkosten statt absoluter Strompreise — dieselbe Kritik an Messgrößen, die die relevante Frage verdecken. Sein Plädoyer für margenstarke Wertschöpfung wäre zugleich Trugers Prüfstein: Effizienzgewinn oder elegant beschriebene Deindustrialisierung?
→ Gabriel Yoran — Die Entkrempelung der Welt
Yorans „Kostenwahrheit erzwingen“ (das 5-Euro-Shirt bildet seine Folgekosten nicht ab) ist Göpels Externalitäten-Argument, heruntergebrochen auf den Küchenherd — die Alltags-Mikroskopie zur Makro-Ökonomie.
→ Nicole Bendsen — Zirkulärer Wert statt lineares Risiko
Bendsen seziert auf Unternehmensebene dieselbe Bewertungsblindheit, die Göpel/Truger am BIP zeigen: KPIs, die Externalisierung belohnen — „das Billige ist eine Fehlbuchung“ als Mikro-Fassung von „Wachstum — wozu?“.
→ Vandana Shiva — Erd-Demokratie und die Freiheit des Saatguts
Shivas Kritik an der production boundary, die Care-Arbeit und Subsistenz als „unproduktiv“ ausblendet, ist dieselbe Vermessungslücke des BIP, die Göpel/Truger freilegen — Ökofeminismus trifft Wachstumskritik.
→ Ulrike Herrmann — Technisch möglich, ökonomisch unbezahlbar
Der Einwand gegen die dritte Option. Wo Göpel und Truger die Frage wachsen-oder-schrumpfen mit „Transformation" überspringen, hält Herrmann dagegen, dass Transformation die Effizienz senkt und gesenkte Effizienz volkswirtschaftlich Schrumpfen heißt — die dritte Option sei die zweite unter freundlicherem Namen. Ihre Übereinstimmung liegt bei der Rolle des Staates, ihr Bruch bei der Frage, ob sich der Umbau finanzieren lässt oder nur verteilen.
→ Zehn Wirtschaftsmythen, zwei Widerlegungen
Truger und Fratzscher stehen auf derselben Position: heterodox in der Sache, reformerisch im Instrument — Ausgabenregel statt Abschaffung. Und Höfgen wiederholt dort die Warnung, die Göpel und Truger hier vorwegnehmen: Eine Kennzahl, die Wohlstand nicht messen kann, taugt auch als Ziel nach unten nichts, weshalb Degrowth den Fehler nur mit gekipptem Vorzeichen fortschreibt.
→ Heiner Flassbeck — Die Wahrheit über Staatsschulden
Flassbeck liefert die makroökonomische Grundlage für Trugers Position: Wenn der private Sektor spart, muss der Staat die Zinslast tragen — das ist kein Problem, sondern logische Notwendigkeit.
→ Michael Sterner — Energiewende-Studie und Reiche-Blockade
Sterners BMWK-Studie liefert ein konkretes Beispiel für Göpels/Trugers These: 21 Mrd. € regionale Wertschöpfung durch Erneuerbare — Wohlstand, der nicht nur im BIP auftaucht, sondern durch kommunale Teilhabe, lokale Jobs und Akzeptanz echten Wohlstandszuwachs schafft.
→ Tim Meyer und Jan Hegenberg — In China lachen sie über unsere Energiewende
China liefert eine unbequeme Antwort auf Göpels Wachstumskritik: Das Land wächst und dekarbonisiert gleichzeitig — durch brutale Industriepolitik, nicht durch Suffizienz. Das stellt die Degrowth-These vor ein Dilemma: Ist Entkopplung doch möglich, wenn der politische Wille radikal genug ist? Oder erkauft China den grünen Wandel mit sozialen Kosten, die Göpel ablehnen würde?
→ Demokratische Wertschöpfung
Göpels These — BIP misst nicht Wohlstand — ist die ökonomische Begründung, warum Genossenschaftsleistung politisch unsichtbar bleibt. Das Panorama zeigt die institutionelle Antwort.
→ Silke Stremlau & Maja Göpel — Investieren NEU DENKEN
Stremlau schließt direkt an die Transformationslücke an, die Truger fiskalpolitisch beschreibt: Wo Truger das Scheitern staatlicher Investitionspolitik (Schuldenbremse) analysiert, benennt Stremlau das Scheitern privater Kapitalkoordination — Pensionskassenmilliarden finden keine bankfähigen Transformationsprojekte. Beide Seiten derselben Investitionslücke, zwei komplementäre Diagnosen.
→ Felwine Sarr — Gehört Afrika die Zukunft?
Dieselbe BIP-Kritik von der postkolonialen Seite: Sarrs „Wohlsein statt Wohlstand" trifft Göpels Wachstumskritik im selben blinden Fleck — die entscheidenden Reichtümer (Beziehung, Sinn, Gemeinschaft) tauchen im BIP nicht auf, ob man von Dakar oder von Berlin aus schaut.
→ Tom Krebs — Wege aus der Krise, Vergesellschaftung und neoliberale Märchen
Krebs baut aus Trugers „planvoll“ ein Programm, die geplante Marktwirtschaft. Er verteidigt aber das BIP als Warnsignal und würde den Sachverständigenrat, in dem Truger Minderheitsvoten schreibt, lieber abschaffen als umbesetzen.
→ Jutta Roosen — Wie wirksam sind Zuckersteuer & Co.?
Roosens Zuckersteuer ist Trugers Pigou-Steuer auf dem Teller. Wo die Abgabe ab einer Zuckerschwelle greift, wirkt sie vor allem über den Hersteller, der sein Rezept darunter senkt: Die Kasse leert sich, weil die Lenkung gelingt.
→ Veronika Grimm — Der Preis als Signal (Jung & Naiv 612)
Zwei Weise, ein Gremium: Truger beschreibt, wie eines der vier gesetzlichen Ziele die anderen frisst, Grimm verteidigt 2022 genau dieses Wachstum als vereinbar mit dem Klima, wenn die Emissionen teuer genug sind.
Weiterdenken
- Truger sagt, die Öffentlichkeit frage nur nach der einen Zahl, und darum dominiere sie. Wer könnte diese Nachfrage ändern — und warum sollte ausgerechnet ein Gremium darauf warten, gefragt zu werden?
- Wenn Wirtschaftskrisen jede Wohlstandsdebatte zuverlässig abwürgen und Krisen dauerhaft werden — wann genau wäre je der richtige Zeitpunkt für diese Debatte?
- Göpel erklärt die Stärke des Wachstumsparadigmas mit der Verlustaversion: Solange der Kuchen wächst, muss niemand abgeben. Heißt das, dass eine ernsthafte Wohlstandsdebatte immer eine Verteilungsdebatte ist — und darum keine Mehrheit findet?
- Truger nennt drei Millionen Arbeitslose nach fünf Jahren Krise „vergleichsweise niedrig". Ab welcher Zahl wäre seine Gelassenheit zynisch — und wer entscheidet das?
- Beide setzen darauf, dass gelungene kleine Schritte den Konsens für die nächsten schaffen. Was, wenn die Erfahrung des Gelingens nicht schneller wächst als die Erzählung des Scheiterns?
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