Quelle: NEU DENKEN Folge 1 — YouTube

Wer spricht?

Maja Göpel (1976) — Politische Ökonomin, Transformationsforscherin, Host des Podcasts NEU DENKEN. Sie hat jahrelang als Generalsekretärin des WBGU (Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung) an der Schnittstelle von Wissenschaft und Klimapolitik gearbeitet.

Achim Truger (1969) — Professor für Sozioökonomie an der Universität Duisburg-Essen. Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (regierungsberatungsorgan). Spezialist für Fiskalpolitik, Schuldenbremsen-Kritik und alternative ökonomische Paradigmen.

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Das Wachstums-Paradigma in der politischen Debatte

Maja Göpel öffnet das Gespräch mit einer Beobachtung: Politische Debatten sind zu oberflächlich und vorhersehbar geworden. Ein Schlagwort dominiert dabei besonders: Wachstum. Die politische Formel ist simpel: „Wenn das Wirtschaftswachstum wieder läuft, wird alles gut.” Aber ist das wirklich richtig?

Göpel und Truger hinterfragen diese vermeintliche Wahrheit. Sie stellen nicht infrage, dass Wachstum wichtig sein kann — aber als Selbstzweck ist es fatal. Das zentrale Problem: Wir verwechseln Wirtschaftswachstum (BIP) mit Wohlstand. Das BIP misst nicht, was sie wirklich misst:

  • Umweltschäden werden nicht berücksichtigt
  • Ungleichverteilung wird ignoriert
  • Unbezahlte Arbeit (Sorgearbeit, Gemeinschaftswesen) ist unsichtbar
  • Verdächtige Wirtschaftsaktivitäten (Reparaturen von Unfallschäden, etc.) erhöhen das BIP

Die zentrale These: Es geht nicht um „Wachstum ja oder nein”, sondern um die Frage: „Wachstum — wozu?”


Achim Truger: Die Schuldenbremse als Falle

Truger, der als linker Ökonom im Sachverständigenrat sitzt, bringt die entscheidende ökonomische Perspektive ein: Die deutsche Schuldenbremse ist wirtschaftspolitisch kontraproduktiv.

Die Schuldenbremse zwingt den Staat zu rigoroser Sparsamkeit. Das klingt vernünftig — „Der Staat sollte nicht über seine Verhältnisse leben!” — ist aber in der Makroökonomie verheerend. Grund: In Krisenzeiten (Rezession, Pandemie, Inflation) ist expansive Fiskalpolitik heilsam. Der Staat muss investieren, um die Wirtschaft zu stabilisieren.

Das Paradoxon der Austerität:

  • Sparpolitik in Krisen verschärft die Krise
  • Sie bremst private Nachfrage statt sie zu stimulieren
  • Arbeitslosigkeit und Verarmung entstehen — gerade wenn Investitionen nötig wären

Truger betont: Das ist nicht ideologisch, sondern keynesianische Grundökonomie. Die USA und China ignorieren diese Schuldenbremse-Logik und fahren wirtschaftlich besser — auch langfristig.


Wohlstand neu denken

Ein zentrales Thema: Was ist Wohlstand wirklich?

Nicht das Bruttoinlandsprodukt, sondern:

  • Gesundheit
  • Bildung
  • Sicherheit und Stabilität
  • Gute Arbeitsbedingungen (nicht Bullshit-Jobs)
  • Intakte Umwelt
  • Sinnstiftung und Gemeinschaft
  • Gerechtigkeit in der Verteilung

Die Economist Intelligence Unit misst solche Dinge in ihrem „Global Wellbeing Index”. Länder wie Finnland, Neuseeland und Australien schneiden dort besser ab als wirtschaftliche Wachstums-Superstars. Wachstum hilft, diese Faktoren zu finanzieren — aber es ist nicht dasselbe wie Wohlstand.


Das Narrativ des „es geht nicht anders”

Beide spannen den Bogen zu einer größeren Einsicht: Viele ökonomische Grenzen sind nicht natürlich, sondern politisch konstruiert.

Die Schuldenbremse ist nicht „gezwungen” — Deutschland hätte sie ändern können. Die Eurozone ist nicht „natürlich” austriftig — Italien und Griechenland wurden zu Austerität gezwungen.

Das Problem ist nicht Wirtschaft, sondern Narrative:

  • „Schulden sind immer schlecht”
  • „Der Staat kann nicht wirtschaften”
  • „Die Märkte sind weise”

Diese Narrative sind politisch, nicht wissenschaftlich. Ökonomen wie Truger zeigen Alternative auf — nicht utopisch, sondern pragmatisch bewährt.


Transformation statt Schrumpfung

Ein wichtiger Punkt: Göpel und Truger diskutieren nicht, ob die Wirtschaft „wachsen oder schrumpfen” soll. Sie sagen: Transformation ist die Antwort.

  • Dekarbonisierung erfordert massive Investitionen (grüner Wirtschaftswandel)
  • Das schafft neue Arbeitsplätze
  • Es erfordert aktive Staatspolitik, nicht Marktliberalismus
  • Es braucht progressive Umverteilung — sonst profitieren nur die Reichen

Ein Gedanke von Truger: Die „Schwarze Null” (Ausgeglichenes Bundesbudget) ist in diesem Kontext eine politische Wahl gegen Transformation. Wir könnten investieren — wir wollen nur nicht politisch.


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung:

Im Podcast genannte / empfehlenswerte Quellen:

  • Wertvolles Wirtschaften — Das Transformations-Projekt hinter Mission Wertvoll
  • Thema: Ein konsumkritisches Verständnis von Wirtschaft — besonders relevant zur Frage, was “Wollstand” mit weniger Über-Konsum bedeutet

Verbindungen

Martin Oetting — Happy Planet Index 2026

Der Happy Planet Index liefert die Messlatte, die Göpel und Truger fordern, gleich mit: An 134 Ländern gemessen waren Deutschlands BIP-schwache Jahre die besten der Bundesrepublik — Wachstum ist nicht Wohlstand, jetzt mit Zahlen.

Makroökonomie & Fiskalpolitik:

Heiner Flassbeck — Nachfragekrise und Schuldenlogik

Flassbeck zeigt keynesianisch präzise die Unmöglichkeit, in Nachfragekrisen sparen zu können — exakt das, was Trügers Schuldenbremsen-Kritik ökonomisch verlangt. Die mathematische Logik der sektoralen Finanzierungssalden bestätigt: Die „Schwarze Null” ist nicht nur falsch, sondern mathematisch unmöglich.

Heiner Flassbeck — Deutschlands groesstes Tabu

Das Tabu-Gespräch ergänzt Trugers institutionelle Schuldenbremsen-Analyse um die historische und globale Dimension: Wie das Sparparadox durch Schröders Lohnpolitik exportiert wurde, das China-Gegenmodell, und warum Maastricht kein deutsches Exportprodukt ist, sondern ein deutsch-französischer Kompromiss.

Heiner Flassbeck — Merz Rentenluege und globale Ungleichheit

Konkrete Policy-Versagen (Sparparadoxon bei Renten): Wenn die Schwarze Null heilig ist, scheitert auch Rentenreform an der Dogmatik. Goepel/Trüger: Das ist das Paradoxon des Spardogmas.

Soziale Folgen & Ungleichheit:

Christoph Butterwegge — Armut NEU DENKEN

Butterwegge dokumentiert die sozialen Folgen der Austeritätspolitik (Armutsgefährdung, Lebenserwartungslücke); Goepel/Trüger analysieren die ökonomische Logik dahinter. Wer nicht investiert, produziert strukturell Armut.

Martyna Linartas — Unverdiente Ungleichheit

Linartas belegt: Mit der Normalisierung des Neoliberalismus stieg der Erbschaftsanteil am Vermögen wieder über 50%. Das ist das Ergebnis von Jahrzehnten Nichtinvestition — genau die Politik, die Trüger kritisiert. Vermögenstheoretisch + Einkommensperspektive + Fiskalkritik = Anatomie der Ungleichheit.

Philosophie des Wirtschaftens:

Erich Fromm — Haben oder Sein

Fromm stellt die fundamentale Frage, die unter Trügers Wachstumskritik liegt: Ist der Lebenszweck Haben (Akkumulation, BIP) oder Sein (volle menschliche Entfaltung)? Göpel/Trüger formulieren diese alte humanistische Kritik des Kapitalismus in makroökonomischer Sprache.

NEU DENKEN-Formate:

Poerksen und Goepel — Debatte neu denken

Direkter Format-Partner: Pörksen diskutiert mit Goepel das Wie demokratischer Debatte; hier besprechen Goepel/Trüger das Was (Wachstum & Wohlstand). Beide sind zentrale Ausdrücke des Mindshift zur Transformation.

Maja Goepel — Mut zur Zukunft

Älteres Göpel-Langformat mit tieferer philosophischer Ausarbeitung ihrer Transformationsthesen.

Gesine Schwan — Macht NEU DENKEN

Ebenfalls NEU-DENKEN-Serie, fokussiert auf Macht und institutionelle Transformation statt direkt auf Wirtschaft — komplementäre Perspektive.

Geopolitische Realität:

Adam Tooze — Pentagon vs. Anthropic

Tooze zeigt die geopolitische Doppelmoral: Massive Staatsausgaben für Militär und KI-Monopole, während Sozialausgaben an die dogmatische Schuldenbremse scheitern. Das ist Goepels Transformationsproblem konkretisiert: Wachstum wofür?

Vertiefung:

Robert Skidelsky

Der Autor von „Wie viel ist genug?” (Klassisches Buch zur Wachstumskritik), Keynes-Biograf. Philosophische und historische Tiefung der keynesianischen Position, die Trüger vertritt.

Markus Gabriel — Ethischer Kapitalismus

Gabriel positioniert sich Anti-Degrowth und liefert mit „true profit” das moralphilosophische Fundament für Goepels/Trugers qualitative Wachstumstransformation

Andreas Loeschel — Strom NEU DENKEN

Löschel überträgt Trugers methodischen Einwand auf die Energie: Energiestückkosten statt absoluter Strompreise — dieselbe Kritik an Messgrößen, die die relevante Frage verdecken. Sein Plädoyer für margenstarke Wertschöpfung wäre zugleich Trugers Prüfstein: Effizienzgewinn oder elegant beschriebene Deindustrialisierung?

Gabriel Yoran — Die Entkrempelung der Welt

Yorans „Kostenwahrheit erzwingen“ (das 5-Euro-Shirt bildet seine Folgekosten nicht ab) ist Göpels Externalitäten-Argument, heruntergebrochen auf den Küchenherd — die Alltags-Mikroskopie zur Makro-Ökonomie.

Nicole Bendsen — Zirkulärer Wert statt lineares Risiko

Bendsen seziert auf Unternehmensebene dieselbe Bewertungsblindheit, die Göpel/Truger am BIP zeigen: KPIs, die Externalisierung belohnen — „das Billige ist eine Fehlbuchung“ als Mikro-Fassung von „Wachstum — wozu?“.


Vandana Shiva — Erd-Demokratie und die Freiheit des Saatguts

Shivas Kritik an der production boundary, die Care-Arbeit und Subsistenz als „unproduktiv“ ausblendet, ist dieselbe Vermessungslücke des BIP, die Göpel/Truger freilegen — Ökofeminismus trifft Wachstumskritik.

Faktencheck

Bestätigt — Achim Truger ist Sachverständigenrats-Mitglied

Seit März 2019 Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Quelle: Website des Sachverständigenrats.

Bestätigt — Maja Göpel war WBGU-Generalsekretärin

2009–2020 als Generalsekretärin tätig. Quelle: WBGU.de

Vereinfacht — Der Zusammenhang zwischen Schuldenbremse und Wachstum

Die Schuldenbremse wird von ihren Befürwortern als Konjunkturstabilisator gesehen (verhindert Überinvestitionen in Boomphasen). Trugers Kritik, dass sie Krisenpolitik blockiert, ist ökonomisch legitim, aber umstritten. Keynesianische Schulen unterstützen ihn, neue Klassische Ökonomen nicht. Quelle: DIW-Analyse zur Schuldenbremse (2024), unterschiedliche Schulen.

Bestätigt — Das BIP misst Wohlstand nicht adäquat

Der UN-Report on Wellbeing (2024) und der Human Development Index bestätigen: BIP-Wachstum korreliert nicht 1:1 mit Lebensqualität. Quelle: UN Sustainable Development Report


Heiner Flassbeck — Die Wahrheit ueber Staatsschulden

Flassbeck liefert die makroökonomische Grundlage für Trugers Position: Wenn der private Sektor spart, muss der Staat die Zinslast tragen — das ist kein Problem, sondern logische Notwendigkeit.

Michael Sterner — Energiewende-Studie und Reiche-Blockade

Sterners BMWK-Studie liefert ein konkretes Beispiel für Göpels/Trugers These: 21 Mrd. € regionale Wertschöpfung durch Erneuerbare — Wohlstand, der nicht nur im BIP auftaucht, sondern durch kommunale Teilhabe, lokale Jobs und Akzeptanz echten Wohlstandszuwachs schafft.

Tim Meyer und Jan Hegenberg — China Energiewende

China liefert eine unbequeme Antwort auf Göpels Wachstumskritik: Das Land wächst und dekarbonisiert gleichzeitig — durch brutale Industriepolitik, nicht durch Suffizienz. Das stellt die Degrowth-These vor ein Dilemma: Ist Entkopplung doch möglich, wenn der politische Wille radikal genug ist? Oder erkauft China den grünen Wandel mit sozialen Kosten, die Göpel ablehnen würde?

Demokratische Wertschoepfung

Göpels These — BIP misst nicht Wohlstand — ist die ökonomische Begründung, warum Genossenschaftsleistung politisch unsichtbar bleibt. Das Panorama zeigt die institutionelle Antwort.

Stremlau und Goepel — Investieren NEU DENKEN

Stremlau schließt direkt an die Transformationslücke an, die Truger fiskalpolitisch beschreibt: Wo Truger das Scheitern staatlicher Investitionspolitik (Schuldenbremse) analysiert, benennt Stremlau das Scheitern privater Kapitalkoordination — Pensionskassenmilliarden finden keine bankfähigen Transformationsprojekte. Beide Seiten derselben Investitionslücke, zwei komplementäre Diagnosen.

Felwine Sarr — Gehört Afrika die Zukunft?

Dieselbe BIP-Kritik von der postkolonialen Seite: Sarrs „Wohlsein statt Wohlstand” trifft Göpels Wachstumskritik im selben blinden Fleck — die entscheidenden Reichtümer (Beziehung, Sinn, Gemeinschaft) tauchen im BIP nicht auf, ob man von Dakar oder von Berlin aus schaut.