Götz Aly — Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945

Quelle: Vortrag Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945 — DHI Heidelberg / Literarisches Zentrum, 03.12.2025

Zur Person

Götz Aly (* 1947) ist einer der bedeutendsten deutschen Zeithistoriker. Er hat sein Forscherleben dem Nationalsozialismus gewidmet — immer unter neuen Fragestellungen. Sein neues Buch Wie konnte das geschehen? gilt als sein Opus Magnum, eine Quintessenz seines Lebenswerkes. Persönlicher Bezug: Sein Vater war als Reserveoffizier 1943 in Warschau verletzt worden — direkt neben dem Ghetto, das gerade liquidiert wurde. Aly selbst ist Jahrgang 1947, der Generation der Kriegskinder.

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„Wie hat man Menschen, die so intelligent waren wie wir heute, die bisschen öfters in die Kirche gegangen sind, die nicht krimineller waren als ihre französischen Nachbarn vorher und hinterher auch nicht krimineller als ihre polnischen Nachbarn — wie hat man die dazu gekriegt, diesen Krieg mitzutragen?” — Götz Aly


Die Kernfrage — und warum sie uns heute betrifft

Alys zentrale Frage: Wie war das möglich? Wie wurde eine ganze Gesellschaft aus normalen, nicht besonders bösen Menschen zur Verbrechensgemeinschaft?

Die Antwort ist nicht: Weltanschauung und Fanatismus. Die Mehrheit der Deutschen glaubte Hitler nicht. Sie waren nicht begeistert. Sie hatten Angst vor dem Krieg. Und trotzdem haben 18 Millionen Männer diesen Kontinent verwüstet — und bis zum letzten Tag gekämpft.

Aly zeigt: Es waren Mechanismen. Strukturen. Materielle Interessen. Und die gezielte Einbeziehung der Bevölkerung in die Verbrechen.


1. Die Menschen wussten es

Herbst 1941. 900.000 Juden sind im ersten halben Jahr des Russlandfeldzuges erschossen worden. Täglich 12.000 Nichtkombattanten. Jeder Soldat hatte es mitgekriegt.

Anna Hag (Stuttgarter Pazifistin und Sozialdemokratin, Tagebuch 1941):

  • Ein Erbhofbauer träumt davon, auf dem Boden ermordeter Polen und Russen zu siedeln. Auf den Vorhalt, was wenn wir verlieren, sagt er: „Die Dinge sind schon viel zu weit gegangen. Wir müssen ihn gewinnen.”
  • Antinazis in privater Runde sagen dasselbe: Die Vorstellung einer deutschen Niederlage erschreckt sie. „Wie, wenn die Juden gerecht würden, wenn die Polen auf Strafe bestünden, wenn die Angehörigen der verhungernden russischen Kriegsgefangenen Vergeltung verlangen.”

Fritz Hartnagel (Freund von Sophie Scholl, Ostfront 1941):

„Es ist erschreckend, mit welcher zynischen Kaltschnäuzigkeit mein Kommandeur von der Abschlachtung sämtlicher Juden des besetzten Russland erzählt hat und dabei von der Gerechtigkeit dieser Handlungsweise vollkommen überzeugt ist.”

Thomas Mann (BBC, November 1941 — aus den USA):

„Das Unaussprechliche, das in Russland, das mit den Polen und Juden geschehen ist und geschieht, wisst ihr, wollt es aber lieber nicht wissen — aus berechtigtem Grauen vor dem ins Riesenhafte gewachsenen Hass, der eines Tages über euren Köpfen zusammenschlagen muss.”

Und dann das entscheidende Satz:

„Eure Führer sagen euch: Nun habt ihr sie begangen. Nun seid ihr unauflöslich an uns gekettet. Nun müsst ihr durchhalten, bis aufs Letzte, sonst kommt die Hölle über euch.”

Das war nicht nur Propaganda. Das war auch die Wahrheit.


2. Das Prinzip der Verstrickung — Mitschuld durch Nutznießen

Goebbels’ Strategie war genial und erschreckend: Die Bevölkerung bewusst in die Verbrechen einbeziehen.

  • Deportationen fanden am hellichten Tag statt, durch die Städte, sichtbar für alle
  • Anschließend wurden die Wohnungen versteigert — für ausgebombte Familien, kinderreiche Haushalte, öffentliche Einrichtungen
  • Das Inventar deportierter Juden aus Belgien, Niederlanden, Nordfrankreich wurde per Frachtschiff nach Hamburg gebracht
  • 400.000 Hamburger beteiligten sich an diesen Versteigerungen — überwiegend Frauen, da die Männer an der Front waren
  • In den Zeitungsanzeigen stand ausdrücklich: „aus nichtarischem Besitz”. Die Leute sollten es wissen.

„Wer da einmal mitmacht — egal ob es um einen Kochtopf geht oder um eine Gesamtausgabe Goethe — der hat kein Interesse mehr, dass die Leute zurückkommen. Der will das nicht mehr. Der schirmt das von sich fern.”

Die Leute sahen die Umrisse — „wie in einem Schattenspiel” — ohne sich genaue Gedanken machen zu müssen. Und der Staat signalisierte: Belastet eure Gewissen damit nicht. Das macht der Staat. Aber er ließ sie teilhaben.


3. Die Propagandamaschine — Kraft durch Furcht

Das Kerninstrument: Sieg oder Untergang.

Nicht: kämpft für Hitler. Sondern: kämpft, weil ihr keine Wahl mehr habt.

Göring im Februar 1943 zu Goebbels:

„Dieser sei sich vollkommen im Klaren darüber, was uns allen drohen würde, wenn wir in diesem Krieg schwach würden. Vor allem in der Judenfrage sind wir so festgelegt, dass es dafür gar kein Entrinnen mehr gibt.”

Gleichzeitig öffentliche Kommunikation: „Das ganze deutsche Volk weiß, dass es um sein oder Nicht-Sein geht. Die Brücken seien hinter ihm abgebrochen.”

Und in seiner Ernteernteankrede 1942 verspricht Göring: „Wenn jemand in Europa hungert, dann nicht die Deutschen.”

Die Botschaft lief immer in dieselbe Richtung: Der Jude wird Rache nehmen — an allen Deutschen, egal ob Demokrat, Kommunist oder Nazi. Das wussten die Deutschen, die wussten, was im Osten geschah.

Das Ergebnis: Die Todesanzeigen nannten Hitler in der Parteizetung zu Kriegsbeginn bei 90% der Fälle. Im Juni 1944, nach 70% der Bombenschäden: noch 16%. Die Leute glaubten Hitler nicht. Aber sie kämpften weiter — weil sie Angst vor den Konsequenzen einer Niederlage hatten.


4. Soziale Integration durch Raub — der materielle Kitt

Wie schaffte Hitler es, die Deutschen bei sich zu halten? Nicht durch Ideologie. Durch materielle Maßnahmen:

Sofortmaßnahmen 1933:

  • Zwangsvollstreckungen und Räumungen werden gestoppt, egal ob Gerichtsurteil
  • Bierpreis zum Oktoberfest um 10% gesenkt
  • Kündigungsschutz eingeführt
  • Erster bezahlter Feiertag in Deutschland (1. Mai 1934)
  • Gesetzlicher Urlaub bis 14 Tage

Soziale Umverteilung — propagandistisch inszeniert:

  • Aktionärsdividenden zwangsweise in Staatsanleihen anlegen, dann Zinsen für Anleihen gesenkt: faktische Enteignung
  • Körperschaftssteuer unter Hitler von 20% auf 40%, im Krieg auf 50%
  • Die Botschaft: „Der Führer belastet die mit starken Schultern mehr als die Schwachen — das hätte das liberale System nie geschafft.”
  • Schwerarbeiter (Maurer, Grubenarbeiter) erhielten doppelt so viel Fleisch und Brot wie Regierungsräte

Finanziert durch Raub:

  • Berufsverbote für Juden eröffneten Tausende Stellen: allein in Berlin 1.200 Lehrerstellen über Nacht frei
  • Einsatzfamilienunterhalt: 90% des letzten Nettolohns für Frauen von Soldaten — Lohnersatz, keine Sozialleistung
  • Finanziert durch: doppelte Sozialversicherungsbeiträge von Arbeitgebern für Zwangsarbeiter (4+ Millionen), die selbst nie Ansprüche hatten
  • Rentenerhöhungen finanziert aus demselben Fonds

„Wenn die Leute dieses Geld kriegen, fragen sie nicht, woher es kommt und zu wessen Lasten es geht.”


5. Die Euthanasie als Testlauf

60–70.000 Deutsche wurden im Euthanasie-Programm ermordet — bevor der Russlandkrieg begann.

Das Bürokratieverfahren:

  • Fragebogen fragte nicht nach Erbkrankheit, sondern: mehr als 5 Jahre Aufenthalt, Arbeitsfähigkeit, wie oft und von wem Besuch?
  • Anstaltspersonal bekam Listen mit 120 Namen, aber nur 90 wurden abgeholt. 30 konnten gestrichen werden
  • Damit wurden Ärzte und Pflegekräfte zu Rettern und gleichzeitig zu Tätern

Das Ergebnis:

  • Patienten mit regelmäßigem Besuch: 40% Überlebenschance
  • Ohne regelmäßigen Besuch: 20%
  • 1.200 Vormundschaftsrichter im Reich. Einer protestierte: Lothar Kreyssig. Er wurde bei vollem Gehalt suspendiert.

Was das für die NS-Führung bedeutete:

„Das hat sie ermutigt: Wenn die das mit sich selber machen lassen, die Familien, und das so reibungslos geht — dann können wir noch mehr machen. Zumal mit einer Minderheit von Juden, die als Feind, als bösartig, als gefährlich hingestellt worden waren.”


6. Der Antisemitismus des Neides

Der deutsche Antisemitismus war äußerlich milder als in Rumänien, Polen oder Russland — keine Progrome im 19. Jahrhundert. Aber er war weit verbreitet in einer dezenten Form: dem Antisemitismus des Neides.

Die Datenlage 1900:

  • Juden: 1% der Bevölkerung, 10% der Studierenden
  • Abschlüsse ein Jahr früher, deutlich bessere Noten
  • Berlin 1933: 50% der Rechtsanwälte jüdisch, 30% der Ärzte

Warum? Juden waren seit Jahrhunderten mehrsprachig, früh urbanisiert, durch Religion zum Lesen und Schreiben verpflichtet. Sie durften nicht in den öffentlichen Dienst — also gingen sie in freie Berufe.

Die Zündung:

  • Weimarer Republik verdreifacht die Zahl der Abiturienten und Studierenden in kurzer Zeit
  • Diese erste Aufstiegsgeneration — Kinder von Schumachermeistern, ohne Bücher im Rücken — trifft in Bibliotheken und Hörsälen auf jüdische Kommilitonen, die sich scheinbar mühelos bewegen
  • Felix Hartlaub 1936 (Tagebuch): „Neben dem bekannten Platonforscher nimmt ein hochgewachsener SS-Student Platz, arbeitet eine halbe Stunde zackig, bekommt Gedankenentzündung, es folgen grausiges Gähnen und der baldige Aufbruch zum Mittagessen. Der Jude hat unterdessen drei Zeitschriftenaufsätze verarbeitet.”

Statusunsicherheit trifft auf wahrgenommene Konkurrenz: Das war der soziale Brennstoff.


7. Die positiven Wurzeln des Nationalsozialismus

Aly benennt etwas Unbequemes: Man darf nicht so tun, als käme der Nationalsozialismus aus der schmutzigsten Ecke der Geschichte.

Die Voraussetzungen:

  • 1900–1915: Höchster Bevölkerungszuwachs der deutschen Geschichte (11 Millionen Überschuss)
  • Medizinischer Fortschritt, staatliche Bildungsoffensive unter Kaiser Wilhelm II.
  • 20 Millionen junge Menschen, die aufsteigen wollen
  • Weimarer Republik: weitere Bildungsexpansion, erste junge Frauen an Universitäten

Die NS-Bewegung war jung:

  • Goebbels als Minister: 34 Jahre
  • Göring war der Älteste: 40 Jahre
  • Eichmann, Mengele, Heydrich: alle 27
  • Der NS-Studentenbund gewann 1927 sämtliche Asta-Wahlen im Reich — Jahre bevor die breite Bevölkerung Hitler wählte

Die Zerstörung durch die Weltwirtschaftskrise:

  • 1929: 6 Millionen Arbeitslose, 4 Millionen Kurzarbeiter — bei 21 Millionen Erwerbstätigen
  • Die Aufstiegshoffnungen einer ganzen Generation wurden mit einem Schlag vernichtet
  • Hitler fing das auf

„Es ist eine zufällige Konstellation, dass medizinischer und bildungsmäßiger Fortschritt, Aufstiegswille in bestimmten Bedingungen auch das absolut Böse befördern kann.”


8. Die Volksgemeinschaft als Verbrechensgemeinschaft

Alys Fazit:

Die Volksgemeinschaft existierte. Aber sie verwandelte sich zur Verbrechensgemeinschaft — nicht durch Überzeugung, sondern durch strukturelle Einbeziehung, materielle Interessen und die Logik des Kein-Weg-Zurück.

Am Ende kämpften die Menschen nicht für Hitler. Seine Zustimmungsquoten in Todesanzeigen sanken von 90% auf 16%. Das VW-Sparen brach um 90% ein, als der Polenfeldzug begann — die Leute glaubten ihm kein Wort, wenn es um ihren Geldbeutel ging.

Aber sie kämpften weiter. Weil sie wussten, was sie getan hatten — und Angst hatten vor dem, was kommen würde.

„Die Volksgemeinschaft hat sich zur Verbrechensgemeinschaft entwickelt.”


9. Die Stunde Null — notwendige Verdrängung?

Nach dem Krieg erfanden die Deutschen den Begriff „Zusammenbruch” statt Niederlage. Und die Idee der Stunde Null: Alles davor abschneiden, neu beginnen.

Als junger Historiker ärgerte sich Aly darüber. Als älterer Mann:

„Wahrscheinlich hatten sie keine andere Wahl, als das erstmal wirklich zu verdrängen — sonst wäre es sehr schwierig gewesen für sie, neu anzufangen.”

Die Niederlage, von der sich die meisten Deutschen nicht befreit fühlten (sie mussten von sich selbst befreit werden durch harte militärische Gewalt) — war trotzdem das größte Glück, das den heutigen Deutschen geschehen ist.


Verbindungen in der Gedankenwelt

Gefangene des Systems — Elitenerziehung und die Verrohung der Macht

Beide Notes fragen nach den Ermöglichungsbedingungen von Systemverbrechen durch “normale” Akteure. Aly historisch-kollektiv für den Holocaust; diese Note strukturell-biographisch für gegenwärtige Machtfiguren. Die methodologische Grundfrage — Erklären ohne Entschuldigen — steht in beiden im Zentrum.

Dietrich Bonhoeffer — Theorie der Dummheit

Bonhoeffer schrieb seine Theorie der Dummheit genau in dieser Zeit — 1943, in Haft. Er sah dasselbe, was Aly historisch rekonstruiert: Normale Menschen, die ihr Urteil abgeben. Aber Bonhoeffer fragt warum es passiert (Propaganda, Angst, Gruppenlogik). Aly zeigt wie es funktionierte: durch materielle Einbeziehung, durch die Logik des gemeinsamen Kerbholzes, durch Angst vor den Konsequenzen des eigenen Handelns.

Hannah Arendts Ergänzung — auch sie benennt Bonhoeffer, ohne ihn zu zitieren: Eichmann war kein Monster. Er hatte aufgehört zu denken. Aly zeigt: Das System war darauf angelegt, dass Menschen aufhören zu denken. Der Gerichtsvollzieher, der die Regeln ändert. Der Arzt, der 30 Namen streicht. Der Hamburger, der Möbel kauft. Keiner musste eine große Entscheidung treffen.

Rainer Mausfeld — Warum schweigen die Lämmer

Mausfeld beschreibt moderne Techniken der Bewusstseinskontrolle — wie Bevölkerungen in Passivität gehalten werden. Alys NS-Studie zeigt die historische Grundform: Nicht Ideologie, sondern Interessenbindung. Nicht Überzeugung, sondern Verstrickung. Die Bevölkerung muss nicht glauben — sie muss nur einen materiellen Grund haben, nicht hinzuschauen.

Carlo Cipolla — Die fünf Gesetze der Dummheit

Der Erbhofbauer, der auf geraubtem polnischem Land träumen will und sagt: „Wir müssen ihn gewinnen” — das ist Cipollas Quadrant. Er schadet anderen (massiv) und sich selbst (letztlich: Niederlage, Zerstörung, Flucht). Weder Bandit noch Intelligent. Das kollektive Handeln von Millionen im Verbund des Nationalsozialismus fällt in Cipollas fünftes Gesetz: Die unbewusste kollektive Verstärkung.

Andreas Kemper — Faschismen im 21. Jahrhundert

Kemper schlägt die Brücke von Alys historischer Analyse in die Gegenwart: Er zeigt, dass faschistische Strukturen — Klerikalfaschismus (Beatrix von Storch, Edmund von Waldstein), völkischer Nationalismus (Höcke), Technofaschismus (Musk, Thiel) — heute wieder im Entstehen sind. Alys Frage „Wie konnte das geschehen?” erhält bei Kemper eine Antwort in Echtzeit.

Heiner Flassbeck — Krise und Rechtsruck

Aly zeigt: Die Weltwirtschaftskrise war der unmittelbare Nährboden des Nationalsozialismus. 6 Millionen Arbeitslose bei kaum sozialen Sicherungsnetzen. Der Vergleich zu heute ist explizit: Hätten wir heute dieselben Verhältnisse (proportional: 12 Millionen Arbeitslose, kein Kurzarbeitergeld, keine dicke Mittelschicht), würde auch heute ein System wie das NS entstehen. Flassbeck zeigt, wie ökonomische Fehler Rechtsruck erzeugen. Aly zeigt, wohin dieser Rechtsruck führen kann.

Neue Akropolis — Der Mensch ist besser als sein Ruf

Aly zeigt das Gegenteil und doch dasselbe: Der Mensch ist nicht schlechter als sein Ruf — er war auch 1933–45 nicht primär böse. Aber er ist formbar durch Strukturen, materielle Interessen und kollektiven Druck. Neue Akropolis sagt: Kooperation ist möglich und die Grundkonstante. Aly sagt: Unter bestimmten Bedingungen ist auch Verbrechensgemeinschaft möglich — aus ähnlichen kooperativen Mechanismen.

Claus-Christian Carbon — Wahrnehmung und Wirklichkeit

Carbon: Einmal kategorisiert, sehen wir nur noch Bestätigungen. Das verifikationistische Denken. Aly zeigt den historischen Mechanismus: Die Deutschen sahen die Deportationen — aber in einem Rahmen, der ihnen sagte: Das macht der Staat, das ist für alle gut, die anderen hätten uns das Gleiche angetan. Der Rahmen (Goebbels’ Propaganda) bestimmte, was ankommt. Carbon würde sagen: Das ist keine Ausnahme. Das ist, wie Wahrnehmung immer funktioniert.

Nico Lange — Hat Trump die Kontrolle über den Iran-Krieg verloren

Alys Frage nach kollektiver Mitschuld und dem Versagen von Institutionen hallt nach, wenn man Witkoffs Inkompetenz und das Schweigen der republikanischen Partei gegenüber Trumps strategischer Sackgasse betrachtet — normale Menschen, die offensichtliche Fehlentscheidungen nicht benennen.

Nicholas Potter — Die neue autoritäre Linke (taz Talk)

Alys historische Frage «Wie konnte das geschehen?» spiegelt sich in Potters Beobachtung, dass die linke Clubszene nach dem Massaker beim Nova Festival schwieg — kollektives Versagen angesichts von Antisemitismus in verschiedenen Epochen und Milieus.

Erich Fromm — Haben oder Sein

Fromm erklärt den psychologischen Mechanismus hinter Alys historischem Befund: das gesellschaftliche Unbewusste. Die Deutschen hätten es wissen können — aber kollektive Verdrängung organisiert das Nicht-Wissen. Fromm fragt: Was verdrängen wir selbst? Aly fragt: Was haben die Menschen verdrängt? Beide kommen zum selben Punkt: Schreckliches geschieht nicht, weil Menschen böse sind, sondern weil das kollektiv Gewusste systematisch unbewusst gehalten wird.

Erich Fromm — Im Namen des Lebens

Fromms Urfrage angesichts des Ersten Weltkriegs — „Wie ist das möglich?” — ist wortgleich mit Alys Leitfrage, nur eine Generation früher gestellt. Beide suchen die Destruktivität nicht im Monster, sondern im Normalen: Aly in der materiellen Teilhabe, Fromm im „Versagen der Kunst des Lebens”, das den Hass auf das Lebendige gebiert.


Eine eigene Reflexion

Alys Vortrag endet nicht mit Beruhigung. Er zeigt, dass die Deutschen von 1933–45 keine andere Species waren. Dieselben Mechanismen — materielle Interessenbindung, Angst vor Konsequenzen, kollektive Verstrickung, die Logik des Kein-Weg-Zurück — sind keine historische Ausnahme.

Was Aly hinzufügt, was oft vergessen wird: Es waren auch positive Kräfte — Aufstiegswille, Bildungsfreude, Zusammengehörigkeitsgefühl — die Hitler nutzte. Das macht es schwerer, aber auch wichtiger zu verstehen. Böse Strukturen brauchen keine bösen Menschen. Sie brauchen Menschen, die normal handeln — in einem durch und durch abnormalen System.

Das einzige wirksame Gegenmittel, das Aly zeigt, ist erschreckend einfach: Kümmern. Der einzige Vormund, der protestierte, schrieb eine Strafanzeige. Die Patienten, die regelmäßig besucht wurden, hatten doppelt so hohe Überlebenschancen. Nicht Heroismus. Nicht Widerstand. Nur Präsenz und Kümmern.


Götz Aly — Der Teufelspakt zwischen Volk und Führung (Jung & Naiv)

Dasselbe Buch, andere Form: fast fünf Stunden Interview bei Jung & Naiv (Folge 781), in dem Aly durch Tilos Nachhaken Nuancen entfaltet, die im Vortrag fehlen — das Chemie-Modell, die KPD-Kritik, die Geschichte seines Vaters am Warschauer Ghetto, die Warnung vor westlicher Überheblichkeit.


Weiterführend

  • Götz Aly: Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945 (2025) — das Opus Magnum, Primärquelle

  • Götz Aly: Hitlers Volksstaat (2005) — Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus; Vorarbeit zu den Finanzierungsmechanismen

  • Christopher Browning: Ordinary Men (1992) — Reserve-Polizeibataillon 101; empirische Bestätigung: normale Männer, die nicht mitmachen mussten, es aber taten

  • Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem — Bericht von der Banalität des Bösen (1963) — Gedankenlosigkeit als Voraussetzung

  • Victor Klemperer: LTI — Notizbuch eines Philologen (1947) — wie Sprache die Wahrnehmung formte; das NS-Sprachsystem als Wahrnehmungsmaschine

  • Thomas Fricke — Wie die Wirtschaftskrise den Rechten nützt (Surplus) — Frickes Brüning-Parallele (Austerität → NSDAP-Aufstieg) ist dieselbe historische Verbindung, die Aly im Detail analysiert. Fricke aktualisiert sie für die Gegenwart: Lindner → AfD

  • Max Blumenthal & Chris Hedges — Wie Israel Trump in den Krieg trieb — Alys historische Warnung vor Antisemitismus, der sich als Systemkritik tarnt, ist der Prüfstein für Blumenthals Epstein-Baal-Komplex: reale Kritik an Lobbyeinfluss kippt in antisemitisch codierte Symbolik.

  • Ibram X. Kendi — Great Replacement Theory und der Weg zur Wahlautokratie — Kendi zieht die direkte Linie von Alys historischer NS-Analyse in die Gegenwart: Great Replacement Theory als Wiederkehr derselben Ideologie mit neuen Opfern.

  • Erich Fromm — Psychoanalyse des Faschismus — Aly erklärt das materielle Interesse des Kleinbürgertums am NS-Regime; Fromm das psychische Bedürfnis dahinter. Beide zusammen machen das “Warum” vollständig: Klasse + Charakter

  • Steffen Mau — Spaltung der Gesellschaft — Mau zeigt eine modernisierte Variante von Alys NS-Mechanismus: statt materieller Teilhabe erkauft die Meritokratie-Ideologie Loyalität durch Selbstbindung — wer an Leistungsgerechtigkeit glaubt, hat keinen Grund zur Revolte

  • Liya Yu — Der neuropolitische Gesellschaftsvertrag — Yu liefert das neurowissenschaftliche Substrat zur historischen Mittäterschaft: Dehumanisierung als kognitive Fähigkeit, die unter bestimmten Bedingungen systematisch aktiviert wird