Quelle: Vortrag der Neuen Akropolis — Schule der Philosophie
Zur Quelle
Neue Akropolis ist eine internationale philosophische Organisation mit dem Ziel, Philosophie als praktische Lebenshaltung zu vermitteln — nicht als akademisches Fach, sondern als Werkzeug der persönlichen Entwicklung. Der Vortrag stellt eine These auf und begründet sie aus Krisenforschung, Biologie, Entwicklungspsychologie und Philosophie.
These des Vortrags
„Der Mensch ist ein altruistisches und solidarisches Wesen. Neid, Habgier und Konkurrenz liegen nicht in unserer Natur — sie sind erlernt.”
1. Die Ausgangsfrage — was halten wir von uns selbst?
Das Menschenbild, das jeder von uns trägt, prägt wie wir denken, sprechen und handeln. Und es gibt zwei Schichten:
- Wie ist der Mensch wirklich?
- Wie sehen wir uns — und was wird uns eingeredet?
Wenn diese beiden Schichten auseinanderfallen, ist das eine Quelle konstanten Unrechts. Die Philosophie stellt die Frage Erkenne dich selbst seit Jahrtausenden — und jede Epoche ist aufgerufen, sie neu zu beantworten.
„Vielleicht stehen wir am Anfang einer neuen Renaissance — wo es notwendig ist, unser Menschenbild neu zu definieren.”
2. Drei Mythen — was Krisensituationen wirklich zeigen
Universität Delaware: 700 Fallstudien über menschliches Verhalten in Katastrophen. Ergebnis: Drei verbreitete Mythen wurden gestrichen:
| Mythos | Wirklichkeit |
|---|---|
| Panikverhalten | Randerscheinung, wird kaum beobachtet |
| Ohnmacht | Menschen versuchen sofort, die Situation zu verbessern |
| Egoismus / Kriminalität | Das Gegenteil ist der Fall |
Hurrikan Katrina — was die Medien nicht berichteten
30.000 Menschen im Superdome von New Orleans. Medien berichteten täglich: Morde, Vergewaltigungen, Banden. Was der Abschlussbericht tatsächlich ergab:
- 8 Tote insgesamt — die meisten natürliche Ursachen, ein Selbstmord, einige Drogenüberdosis
- Keine der erwarteten Leichen
- Medien, Polizei und Politiker mussten eingestehen: Hörensagen, aufgebauscht
Was nie in die Medien kam: ein ganzes Buch über die zivile Selbstorganisation — wie Menschen ihr Leben riskierten, Krankenhäuser sich selbst organisierten, Nachbarn füreinander da waren.
„Was bleibt, wenn man an Hurrikan Katrina zurückdenkt? Das diffuse Gefühl: da war doch was im Superdome. An dieser Diskrepanz sieht man, wie stark Menschenbilder wirken.”
3. Wie das heutige Menschenbild entstand — drei Väter
Das kapitalistische Menschenbild hat eine geografische Herkunft: Mitteleuropa (Niederlande, Frankreich, Großbritannien). In den letzten 150–200 Jahren wurde es auf den gesamten Globus missioniert.
Die drei Gründerväter
1. Descartes (1637): „Der Mensch ist Herr und Meister der Natur.” → Riss zwischen Mensch und Natur. Der Mensch ist durch Vernunft und Technik dazu auserwählt, die Natur zu benutzen.
2. Hobbes: „Der Mensch ist des Menschen Wolf.” → Der natürliche Zustand ist Krieg — jeder gegen jeden, gegen die Natur, gegen den Menschen. → Riss zwischen Mensch und Menschheitsfamilie: der Mensch als isoliertes, angstgetriebenes Wesen.
3. Locke: → Übertragung dieses Menschenbildes auf die Wirtschaft. Der Mensch darf und muss sich egoistisch auf dem Markt durchsetzen. Das nennt man Liberalismus — heute in allen demokratischen Verfassungen verankert.
Die Verstärker im 20. Jahrhundert
- Milton Friedman: „Eine Gesellschaft kann nur über Habgier funktionieren.”
- Friedrich Hayek: „Altruismus hat in der Gesellschaft keinen Platz.”
Beide erhielten Wirtschaftsnobelpreise in den 1980er Jahren. Ihre Ideen sind seitdem Leitdoktrin.
Der Homo oeconomicus (Christoph Gras: "rationaler Egoist")
Ein Mensch, der produktiv und effektiv ist, Profit erwirtschaftet, in ständigem Statuskampf steht und sich in permanenter Konkurrenz mit anderen sieht. Nicht von Werten geleitet — von Kalkulation.
4. Die Umkehrung der Werte
Was über Jahrtausende als Laster galt — Gier, Geiz, Eitelkeit, Stolz — wurde zur Tugend erhoben. Zeichen ökonomischer Intelligenz.
„Geiz ist geil.” „Ich bin doch nicht blöd — man hat doch nichts zu verschenken.”
Gleichzeitig wurden die überzeitlichen Werte — Solidarität, Güte, Mitgefühl, Großzügigkeit — als naiv, kindlich, wirtschaftlich unterlegen dargestellt.
„Ein Mensch, der großzügig, altruistisch, solidarisch, gütig ist — der kann keine wirtschaftliche Karriere machen. Das heißt: diese Werte sind den Menschen genommen worden.”
Das Ergebnis: eine große Leere und Sinnlosigkeit, weil die Orientierung nach oben verloren gegangen ist. Materielle Werte können eine Zeit lang befriedigen — aber nicht dauerhaft.
5. Was Philosophie und Religionen seit Jahrtausenden sagen
Alle großen Philosophien und Religionen sind durchdrungen von Konzepten der Solidarität und des Mitgefühls.
Aristoteles — Eudaimonia: Das Wesen des Menschen ist es, Glück zu suchen. Nicht das momentane Glück — sondern eudaimonia: innere Zufriedenheit, im Gleichgewicht mit dem eigenen Wesen. Dieses Gleichgewicht entsteht durch das Leben von Tugenden — Großzügigkeit, Ehrlichkeit, Güte, Mitgefühl, Respekt, Toleranz.
„Das macht glücklich. Und das ist etwas, das man üben kann.”
Buddhismus: Mitgefühl als zentrales Element. Innere Entwicklung ist ohne Mitgefühl nicht möglich. Und: die Vorstellung, wir seien getrennt von anderen Menschen und Wesen, ist eine Illusion — ein Irrtum, der uns von der Menschheitsfamilie isoliert.
Hinduismus (Bhagavad Gita) — rechte Handlung: Die höchste Entwicklung des Menschen: Handlungen setzen, unabhängig von Belohnung und eigenem Erfolg — einfach weil man erkennt, dass es richtig ist. Das ist die größte Handlung der Freiheit.
6. Biologie — drei Hinweise, die keine Meinung sind
Spiegelneuronen (entdeckt 1992, Italien)
Wenn ein Versuchsteilnehmer sich mit einer Nadel in den Finger sticht: bei den Zuschauern (die entsprechend verkabelt sind) feuern dieselben Gehirnareale wie beim Schmerzempfinden.
„Spiegelneuronen prädestinieren uns dazu, einfühlsam zu sein, uns auf andere Menschen einzustellen.”
Dopamin — das körpereigene Glückshormon
Dopamin wird ausgeschüttet bei: gutem Essen, einem attraktiven Partner, einer Belohnung in Aussicht — aber auch beim Geld verschenken, auch beim Beobachten wie jemand anderes Geld verschenkt.
Bei altruistischem Verhalten → Dopamin. Wenn man jemanden übers Ohr zieht → kein Dopamin.
„Wir haben aus der Biologie einen inneren Kompass mitbekommen, der uns zu Verhalten hinleiten will, das gut für uns ist.”
Oxytocin — das Bindungshormon
Baut sich auf in freundschaftlichen, fairen zwischenmenschlichen Beziehungen. Hilft Vertrauen aufzubauen, großzügiger zu sein, zu verzeihen, sich als Teil einer größeren Einheit zu fühlen.
7. Kooperation — die eigentliche Erfolgsgeschichte der Evolution
Darwin war fasziniert von Brutpflege und der Zusammenschluss von Gruppen. Seine Aussage: Gruppen mit Kooperation sind anderen überlegen.
Der Sozialdarwinismus hat Darwin missbraucht. Darwin schrieb vom Wachstum immer größerer kooperierender Gruppen — bis hin zu dem Gedanken, dass nichts dagegen spricht, sich der gesamten Menschheitsfamilie zugehörig zu fühlen.
„Meine Leber steht nicht im Konkurrenzkampf mit meiner Lunge. Es ist ein symbiotisches Miteinander. Wenn ein Teil nicht mehr im Sinne des Ganzen arbeitet — bedeutet das Krankheit.”
8. Kinder — was die Forschung zeigt
Michael Tomasello (Max-Planck-Institut) und andere untersuchten 6 Monate alte Kleinkinder mit einem Puppenspiel: eine helfende Puppe, eine störende.
Die überwältigende Mehrheit wählt die helfende Puppe.
Der Korrumpierungseffekt
| Gruppe | Belohnung | Folge |
|---|---|---|
| Keine Reaktion auf Helfen | — | Sehr hohe Hilfsbereitschaft |
| Dankeschön | Verbales Lob | Leicht verringerte Hilfsbereitschaft wenn es wegfällt |
| Geschenk | Materiell | Hilfsbereitschaft bricht fast vollständig zusammen wenn Geschenk wegfällt |
Selber Effekt:
- Blutspender: Anzahl geht zurück, wenn man sie monetär belohnt
- Kinder die malen: Hören auf aus innerer Freude zu malen, wenn sie pro Zeichnung Geld bekommen
„Eine Hilfsbereitschaft, die aus hoher innerer Motivation funktioniert, droht gestört zu werden, wenn man sie durch äußere Motivation zu ersetzen versucht.”
9. Einsamkeit — das größte Gesundheitsproblem unserer Zeit
2018 gründete England das erste Ministerium für Einsamkeit weltweit.
Studien mit 3,4 Millionen Menschen:
- Einsamkeit ist doppelt so schädlich wie Fettsucht
- Genauso schädlich wie 15 Zigaretten am Tag
- Genauso schädlich wie Alkoholmissbrauch
Wir sind soziale Wesen. Alleine werden wir nicht glücklich.
10. Was jetzt — aktiver Prozess
„Bad news sells. Eine schlechte Schlagzeile aus dem Superdome bringt mehr Einschaltquoten als eine touristische Handlung. Deshalb müssen wir aktiv in diesen Prozess einschreiten.”
Das bedeutet nicht, durch eine rosa Brille zu sehen. Der Mensch ist fähig, Schlimmes zu tun. Aber auf der anderen Seite passieren die anderen Dinge — und diese Geschichte muss erzählt werden.
Konkrete Schritte:
- Eigenes Verhalten beobachten — im Straßenverkehr, in alltäglichen Situationen
- Welche Geschichten höre ich mir an? Welche erzähle ich weiter?
- Welches Menschenbild wähle ich — bewusst, aktiv, täglich neu?
„Wir müssen uns trauen: weicher, offener, empathischer zu werden. Und das nicht als Schwäche sehen, sondern als Stärke.”
Verbindungen in der Gedankenwelt
→ Carel van Schaik und Kai Michel — Die drei Naturen des Menschen
Dieselbe Grundthese — Kooperation als Erfolgsgeschichte der Evolution —, aber van Schaik und Michel schichten sie in drei Naturen und stellen die dunkle Kehrseite dazu: die Zivilisation als „Sündenfall”. Wo diese Note den Menschen bejaht, differenziert van Schaik: nicht der Mensch ist gut, sondern seine erste Natur.
→ Rutger Bregman — Ist der Mensch wirklich gut
Die Stimme hinter diesem Vortrag: Bregmans Im Grunde gut ist die populäre Gesamtdarstellung, aus der diese Synthese schöpft. Die Bregman-Note liefert das Denken im Original — survival of the friendliest, das Paradox des Welpen, das Menschenbild als selbsterfüllende Prophezeiung.
→ Rainer Mausfeld — Warum schweigen die Lämmer
Mausfeld erklärt, wie Menschenbilder durch Eliten konstruiert und durch Medien verbreitet werden. Dieser Vortrag beschreibt genau das historische Konstruktionsprojekt: Descartes, Hobbes, Locke, Friedman, Hayek — alle zusammen bauten das Bild des rationalen Egoisten, das heute als Naturgesetz gilt. Das ist kein Naturgesetz. Es ist Geschichte.
→ Erich Fromm — Haben oder Sein
Fromm: Der Haben-Modus entfremdet den Menschen von sich selbst und erzeugt innere Leere. Dieser Vortrag: Die Umkehrung der Werte — Gier als Tugend — hat zu einer großen Leere und Sinnlosigkeit geführt, weil die Orientierung nach oben verloren gegangen ist. Dieselbe Diagnose, unterschiedliche Sprache.
→ Erwin Thoma — Strategien der Natur
Thoma: Kooperation ist die Erfolgsgeschichte des Lebens — im Wald, im Körper, in jedem Ökosystem. Dieser Vortrag: Kooperation ist die Erfolgsgeschichte der menschlichen Evolution. Darwin wollte das sagen. Die Natur zeigt es. Die Biologie bestätigt es. Das Gleiche aus zwei Richtungen.
→ Manfred Spitzer — KI, Gehirn und Lernen
Spitzer: Bildschirmzeit zerstört Empathie, weil man echte Gesichter braucht um Empathie zu lernen. Einsamkeit und soziale Isolation als Gesundheitsrisiko. Dieser Vortrag: Einsamkeit = 15 Zigaretten/Tag. Beide betonen: Soziale Verbindung ist biologische Notwendigkeit, keine Sentimentalität.
→ Vipassana — Zehn Tage
Die Bhagavad Gita taucht hier als “rechte Handlung” auf: handeln unabhängig von Belohnung, weil man erkennt dass es richtig ist. Das ist der Kern von Goenkas Praxis — handeln ohne Anhaftung an die Früchte der Handlung. Was die Gita lehrt und was der Korrumpierungseffekt empirisch zeigt, sind dasselbe: Intrinsische Motivation stirbt, wenn sie mit Belohnung kontaminiert wird.
→ Andreas Zimpel — Neurodiversität
Zimpels IQ-Kritik: Tests messen möglicherweise soziale Anpassung, nicht Intelligenz. Dieser Vortrag: Was als “ökonomische Intelligenz” gilt (Gier, Geiz, strategischer Egoismus), ist sozial erlerntes Verhalten — nicht Ausdruck von Stärke. Beide dekonstruieren die Bewertungsmaßstäbe des Systems.
- Walther Ziegler — Smith in 60 Minuten — Smith als Stammvater des homo oeconomicus, dessen Egoismus-These hier empirisch widerlegt wird
→ Wolfram Schultz — Dopamin mehr als ein Glueckshormon
Der “Korrumpierungseffekt” (äußere Belohnung zerstört intrinsische Motivation) in diesem Vortrag bekommt durch Schultz seinen biologischen Mechanismus: Wenn Belohnung erwartet wird, bleibt der Dopamin-RPE aus — das Belohnungssystem feuert nur bei Überraschung. Das erklärt neurobiologisch, warum angekündigte Belohnungen intrinsische Motivation aushöhlen: Sie machen das System unempfindlich, weil die Abweichung von der Erwartung verschwindet.
→ Vertrauen und das aufgeloeste Opfer
Der Dopamin-Befund dieser Note — Belohnung nicht nur beim Empfangen, sondern beim Geben selbst — ist der körperliche Beleg für die Kernthese des Vertrauensvorschusses: „Das Geben wirkt im Gebenden.” Was die Gedanken-Note als gelebte Erfahrung beschreibt, findet hier sein biologisches Fundament.
Weiterführend
- Frans de Waal: Das Prinzip Empathie — Altruismus und Mitgefühl als evolutionäre Basis
- Michael Tomasello: Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral — Kooperation bei Kleinkindern und Primaten
- Rutger Bregman: Im Grunde gut — populäre Gesamtdarstellung der Forschungslage
- Aristoteles: Nikomachische Ethik — Eudaimonia als Lehre vom guten Leben
- Bhagavad Gita — rechte Handlung und Nichtanhaftung












