GedankenraumRaúl Krauthausen — DenkerVita
Rampen allein machen keine Teilhabe: Raúl Krauthausen, Aktivist und Gründer der Sozialhelden, fordert Teilgabe, behinderte Menschen auf der Bühne statt nur im Publikum.
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Henri de Toulouse-Lautrec — peinture à l'essence, der Mensch in Bewegung; Lautrec war selbst kleinwüchsig nach einer Knochenkrankheit. Krauthausen rast im E-Rollstuhl mit zwei roten Werkzeugkisten durch eine Berliner Abendstraße, der Freund im Mantel fällt zurück, am Rand eine Kneipentür mit zwei Stufen — die stille Barriere.
Prompt: Henri de Toulouse-Lautrec painting in peinture a l'essence, thinned oil on raw brown cardboard, loose visible hatched brushstrokes, the bare cardboard showing through, 1200x500 wide banner, painterly, not a comic, not ligne claire. A Berlin street at dusk with cobblestones and a yellow tram far behind: a small man with a grey cap, round glasses and a short beard sits in a low black electric power wheelchair with four small wheels and a joystick on the armrest, and speeds forward along the pavement, leaning into the motion, two stacked red craftsman toolboxes strapped behind the backrest. Far behind him a tall friend in a long coat runs, one arm raised, falling back. To the side a shop door with two steps and the warm lit window of a corner pub. Lautrec palette of olive green, mustard yellow, vermilion, violet shadows and cardboard brown. Stylized faces seen from the side, no realistic faces, no text, no letters, no words on signs, no signature, no monogram, no initials, no photorealism.
Biographischer Snapshot
Raúl Aguayo-Krauthausen (1980, Lima) — deutscher Aktivist für Inklusion und Barrierefreiheit, Autor, Moderator und Podcaster aus Berlin-Kreuzberg. Gründer der Sozialhelden, Initiator der Wheelmap, der weltweiten Karte rollstuhlgerechter Orte. Er lebt mit Osteogenesis imperfecta (Glasknochenkrankheit), ist kleinwüchsig und fährt einen Elektrorollstuhl. Einer der bekanntesten Stimmen für die Rechte behinderter Menschen in Deutschland, ausgezeichnet unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Grimme Online Award.
Wichtigste Werke: Dachdecker wollte ich eh nicht werden (2014), Wie kann ich was bewegen? (2021, mit Benjamin Schwarz), Wer Inklusion will, findet einen Weg. Wer sie nicht will, findet Ausreden (2023) Kernkonzepte: Teilgabe statt bloßer Teilhabe, behindert sein und behindert werden, konstruktiver Aktivismus, Quoten als Machtteilung, Barrierefreiheit als Gewinn für alle
Biografie
Lima, Berlin (1980–2004): Raúl Aguayo-Krauthausen kommt am 15. Juli 1980 in Lima zur Welt und wächst in Berlin auf, wo er die Fläming-Grundschule besucht. Seine Knochen brechen leicht, er bleibt klein, der Rollstuhl gehört früh zum Alltag. Kindheit und Jugend sind geprägt von Ärzten, Krankenhausaufenthalten und Eltern, die ihn pflegen, mit allen peinlichen Momenten, die das für einen Siebzehnjährigen hat, den die Eltern von der Party abholen. An der Universität der Künste Berlin studiert er Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation; in seiner Diplomarbeit wertet er einen Monat lang alle Abendmagazine des deutschen Fernsehens aus und findet behinderte Menschen nur in zwei Rollen, als Sorgenkind oder als sogenannten Supercrip, der Übermenschliches leistet. Später studiert er Design Thinking an der HPI School of Design Thinking. Er ist ausgebildeter Telefonseelsorger und arbeitet beim Berliner Radiosender Fritz.
Die Sozialhelden (seit 2004): Mit seinem Cousin startet er ein Casting für einen Zivildienstleistenden, Die Suche nach dem SuperZivi. Die Resonanz ist so groß, dass beide 2004 den gemeinnützigen Verein Sozialhelden gründen, zunächst eine Denkfabrik für soziale Projekte. Es folgen das Spendenprojekt Pfandtastisch helfen (Preis von startsocial 2008), 2010 die Wheelmap, auf der Nutzer auf Basis von OpenStreetMap die Rollstuhlgängigkeit von Orten weltweit eintragen, 2012 Leidmedien.de, ein Ratgeber für Journalisten, die über behinderte Menschen berichten wollen, ohne in Klischees zu fallen, und 2013 die Auskunftsplattform Selfpedia. 2014 entwirft er Rollstuhlrampen aus dem 3D-Drucker und stellt die Bauanleitung frei ins Netz.
Die öffentliche Stimme (seit 2010): Krauthausen wird Ashoka-Fellow (2010), erhält mit den Sozialhelden den Deutschen Engagementpreis (2009) und den Deutschen Bürgerpreis (2010), 2013 das Bundesverdienstkreuz am Bande. Seit 2015 moderiert er die Talkshow Krauthausen – Face to Face (Sport1, später Sat.1 Gold), 2017 zeigt ihn Team Wallraff in einer Folge über Einrichtungen für behinderte Menschen, 2018 spielt er sich selbst in der Comedyserie jerks. Auf Vorschlag der Piratenpartei Nordrhein-Westfalen ist er 2017 Mitglied der 16. Bundesversammlung. 2018 folgen der Grimme Online Award und der Silvio-Meier-Preis, 2023 der Bildungspreis der Hochschule Ansbach. Seit Mai 2021 schreibt er eine Kolumne für MDR Selbstbestimmt, seit Mai 2022 führt er den Interview-Podcast Im Aufzug. Ein Wendepunkt im eigenen Leben war der Wechsel von der elterlichen Pflege zur bezahlten Assistenz: schwer, weil er fremde Menschen an sich heranlassen musste, und befreiend, weil er sich zum ersten Mal nachts um drei Spaghetti machen lassen konnte, ohne jemanden zu wecken.
Lüneburg (2026): Auf der Utopie-Konferenz der Leuphana Universität „Großzügigkeit, eine Utopie?“ (26.–28. August 2026) streitet er mit seinem Freund Aladin El-Mafaalani darüber, ob eine inklusive Gesellschaft großzügig sein muss. Seine Antwort: „ein ganz klassisches Jain“.
Bücher & Publikationen
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Als Ela das All eroberte | 2024 | Mit Adina Hermann: ein Bilderbuch zum Vorlesen ab fünf Jahren über ein Mädchen im Rollstuhl, das ins All will, über Träume und Selbstvertrauen. |
| Wer Inklusion will, findet einen Weg. Wer sie nicht will, findet Ausreden | 2023 | Bestandsaufnahme der deutschen Inklusionspolitik mit ihren Sonderwelten und Ausreden, und was es bräuchte, damit Inklusion mehr wird als ein Versprechen. |
| Wie kann ich was bewegen? Die Kraft des konstruktiven Aktivismus | 2021 | Mit Benjamin Schwarz: Gespräche mit sechzehn Aktivistinnen und Aktivisten, darunter Luisa Neubauer, Carola Rackete und Philipp Ruch, über Engagement, das konkrete Veränderung erreichen will. Auch in leicht verständlicher Sprache erschienen. |
| Dachdecker wollte ich eh nicht werden. Das Leben aus der Rollstuhlperspektive | 2014 | Mit Marion Appelt: die Autobiografie, ein Leben mit Glasknochen, erzählt mit Witz und ohne Mitleidsregister. 2015 als Kurzfassung in Einfacher Sprache. |
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Projekte & Kanäle: raul.de (Website, Blog, Transkripte) · Sozialhelden · Wheelmap · Leidmedien.de · Podcast Im Aufzug
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Raúl Krauthausen & Aladin El-Mafaalani: Wie inklusiv ist Großzügigkeit? — Leuphana Universität Lüneburg, Utopie-Konferenz 2026 (50 Min.). Teilgabe statt Teilhabe, das Supercrip-Klischee, Schule als Schicksalsgemeinschaft und das Recht auf Niederlagen.
- Wie sähe ein kultureller Wendepunkt für echte Inklusion aus? — re:publica 2024 (32 Min.). Inklusion jenseits barrierefreier Zugänge, als kulturelle Veränderung.
- „Inklusion ist nicht Bullerbü“ — DW Deutsch, Juni 2023 (19 Min.). Interview zum Buch Wer Inklusion will, findet einen Weg.
- Warum Deutschland Menschen mit Behinderung behindert — Fun Facts, April 2026 (19 Min.). Barrieren im deutschen Alltag, im Gesprächsformat.
- Ist Inklusion eine Utopie? — Greator (Gedankentanken-Rednernacht), Juli 2015 (20 Min.). Der frühe Vortrag zur Frage, die ihn elf Jahre später nach Lüneburg führt.
Kernthesen
- Teilgabe statt bloßer Teilhabe. Teilhabe heißt meist: Es gibt Rollstuhlplätze im Publikum, im Kino, auf der Tribüne. Das ist passiv, man konsumiert. Krauthausen fragt nach der Teilgabe, nach behinderten Dozentinnen, Schauspielern, Talkgästen, nach Menschen mit Behinderung auf der Bühne. In Lüneburg zeigt er auf die Rampe zum Podium, die nachträglich angebaut aussieht: Der behinderte Redner war beim Bau nicht mitgedacht.
- Ein Recht ist kein Geschenk. Großzügigkeit gegenüber behinderten Menschen bejaht er, wo sie Wohlwollen und Aufmerksamkeit meint. Sie wird zum Problem, wo sie Machtstrukturen erhält: Wer großzügig Platz macht, kann ihn morgen zurückfordern, und der Beschenkte bleibt zur Dankbarkeit verpflichtet. Er dreht die Frage um, wie eine Gesellschaft aussehen müsste, in der behinderte Menschen selbst großzügig sein können.
- Behindert sein und behindert werden. Dem medizinischen Modell, das den Menschen reparieren will, setzt die Behindertenbewegung das soziale Modell entgegen: Man wird behindert, durch Treppen ohne Rampe und fehlende Aufzüge. Krauthausen hält beides für wahr, denn gegen Schmerzen hilft kein Aufzug. Und er erinnert daran, dass alle einmal behindert waren, als Kinder, und die meisten behindert sterben, nur heißt es dann Alter.
- Quoten teilen Macht. Ein unbeliebtes Instrument, er will auch nicht „der Quotenbehinderte“ sein, aber ein besseres sei ihm weltweit nicht begegnet. Wer sagt, es gebe keine guten behinderten Schauspieler, habe nicht gesucht oder nicht ausgebildet. Dass nichtbehinderte Schauspieler behinderte Figuren spielen und dafür Preise bekommen, vergleicht er mit dem Blackfacing, das man heute ablehnt.
- Medien kennen zwei Rollen. Das Sorgenkind, das leidet und der Allgemeinheit auf der Tasche liegt, und den „Supercrip“, der ohne Arme und Beine den Everest besteigt. Es fehlen die einarmige Busfahrerin und die blinde Nachbarin, die über Busfahren und Nachbarschaft spricht. Darum Leidmedien, darum der Rat, behinderten Menschen auf Instagram zu folgen und ihre Bücher zu lesen.
- Schule ist eine Schicksalsgemeinschaft. Kita und Schule sind die wenigen Orte, an denen man sich nicht aussucht, mit wem man zusammen ist. Das deutsche Sonderschulsystem nimmt vielen die Begegnung mit behinderten Gleichaltrigen und lässt Vorurteile wachsen, die später schwer abzubauen sind. Kleine Klassen und mehr Pädagogen nützen allen Kindern. Zur Inklusion gehört auch das Recht auf Niederlagen, besser mit drei als mit dreißig zu lernen, dass man das Glas nicht allein heben kann.
- Barrierefreiheit nützt allen. Sprachassistenten, E-Books, selbst die Schallplatte haben Wurzeln in Hilfsmitteln für behinderte Menschen, und die meisten, die den Aufzug am Hauptbahnhof nehmen, sind nicht behindert. Gegen die „Analyseparalyse“ empfiehlt er Muster wie das Zwei-Sinne-Prinzip und Universal Design. Konkret kämpft er dafür, dass der Mindestlohn auch in den Werkstätten für behinderte Menschen gilt (detektor.fm, 2026).
Politische Einordnung
Krauthausen ist Aktivist der Behindertenrechtsbewegung und argumentiert vom Recht her: Inklusion ist ein Anspruch, den Staat und Gesellschaft einlösen müssen, keine Gefälligkeit. Parteipolitisch ist er nicht gebunden, steht aber erkennbar im progressiven Lager; die Piratenpartei schickte ihn 2017 in die Bundesversammlung, und mit der SPD geht er hart ins Gericht, als Sozialkürzungen 2026 die Eingliederungshilfe treffen könnten („wofür steht das S in SPD?“).
Seine Schärfe ist Methode und Angriffsfläche zugleich. Er nennt sich selbst ungeduldig, und wer ihm widerspricht, etwa bei Quoten oder bei den Sonderwelten aus Förderschule und Werkstatt, findet in ihm einen hartnäckigen Gegner. Zugleich bleibt er selbstkritisch: Er sei nicht „der ultimative Behindertenrechtler“, habe oft danebengelegen, und die Behindertenbewegung habe sich manchmal zu sehr auf das „wir werden behindert“ zurückgezogen. Das Bild, das er von sich gibt, ist das Gegenteil des Leidensnarrativs, gegen das er anschreibt: ein Mann mit Werkzeugkisten am Rollstuhl, Cupholder und eigenem Ladestrom fürs Handy, der die Fun-Parts des Rollstuhlfahrens kennt.
Verbindungen zu anderen Denkern
→ Aladin El-Mafaalani
Erst Fan, dann Freund, dann Gesprächspartner in Lüneburg. Krauthausen hörte El-Mafaalani über Superdiversität in Schulen reden und erkannte darin fast eins zu eins die Lage behinderter Kinder; seine hartnäckige Frage „Warum schreibst du nicht über behinderte Kinder?“ führte dazu, dass El-Mafaalanis Team das Thema aufnahm. Der Migrationsforscher bringt die Demografie mit: Wenn bald zehn Millionen Hochaltrige im Land leben, wird Inklusion zur Mehrheitsfrage.
→ Barbara Bleisch
Bleisch zieht die Grenze, die Krauthausen aus Erfahrung kennt: Großzügigkeit beginnt dort, wo die Gerechtigkeit endet, und wer schenkt, wo er schuldet, zwingt den Empfänger in die Dankbarkeit. Was die Ethikerin am Beispiel von Schuldenerlass und Entwicklungshilfe entwickelt, beschreibt der Aktivist an der Rampe zum Podium.
→ André Zimpel
Beide greifen das deutsche Sonderschulsystem an. Zimpel zeigt aus der Förderpädagogik, wie viel Begabung eine Schule übersieht, die nur Sprach-Denken misst; Krauthausen nennt die Schule eine Schicksalsgemeinschaft, die Vorurteile verhindern könnte, wenn sie behinderte und nichtbehinderte Kinder zusammenließe.
→ Gilda Sahebi
Im Podcast Gilda con Arne war Krauthausen 2026 zu Gast, als ein geleaktes Kürzungspapier aus dem Kanzleramt Eingliederungshilfe und Leistungen für behinderte Menschen traf. Sahebi liest Polarisierung als Herrschaftsinstrument; Krauthausen beschreibt, wie Kürzungen bei den Schwächsten durchgehen, weil deren Stimme im Diskurs „als letzte genannt oder als erste vergessen“ wird.
Cortex-Notes
- Raúl Krauthausen — Teilgabe statt Teilhabe — im Gespräch mit Aladin El-Mafaalani, Leuphana Universität Lüneburg, Utopie-Konferenz 2026; Teilgabe, Quoten, Medienbilder, Schule als Schicksalsgemeinschaft
- Gilda con Arne — Wie rechte Milliardäre weltweit Medien aufkaufen — als Gast zum Widerstand gegen die Sozialkürzungen und das verschobene Behindertengleichstellungsgesetz
Im Bestand
sechs gedachte Verweise