GedankenraumRaúl Krauthausen — Teilgabe statt Teilhabe
Wer schenkt, kann zurücknehmen, und wer beschenkt wird, schuldet Dank. Raúl Krauthausen fragt, wie eine Gesellschaft aussähe, in der Behinderte selbst großzügig sein können.
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Oskar Schlemmer — Öl in weich modulierten Farbflächen, in der Art der Bauhaustreppe (1932): ein heller Hörsaal, Schieferblau, Ocker, Rosé und Gebrochenweiß, Figuren mit glatten, ovalen Köpfen ohne Gesichtszüge.
Warum: Schlemmer hat sein Leben lang Bühnen, Treppen und Menschen im Raum gemalt, die Architektur als Ordnung, in die der Körper sich fügen muss. Hier passt einer nicht hinein, und die Architektur hat nachgegeben: An die grauen Stufen der Bühne ist eine Rampe aus rohem, hellem Holz gestellt, das zu nichts im Saal passt. Oben am Pult spricht ein Mann im Rollstuhl in den Saal, die Hand ausgestreckt, als reiche er etwas hinüber. Unten, vor der ersten Reihe, bleiben zwei aufgemalte Rollstuhlplätze leer. Das ist der Abend in einem Bild: Teilhabe ist der Platz im Publikum, Teilgabe die Bühne, und wie spät sie mitgedacht wurde, sieht man am Holz.
Prompt: Oskar Schlemmer oil painting in the manner of his Bauhaus Stairway (Bauhaustreppe, 1932), 1200x500 wide banner, softly modulated colour planes, matte surface. A bright modern lecture hall seen from the side. On the right a raised dark wooden stage with a lectern, reached by a short flight of grey steps, and pushed against the steps a narrow ramp clearly added later, made of raw pale yellow planks that do not match the dark stage. On the stage, beside the lectern, a man sits in a compact black power wheelchair, leaning forward, speaking, one open hand stretched toward the hall as if passing something on. On the left, curved rows of slate-blue seats rise in steps; a few listeners sit scattered and turn toward the stage, seen from behind and in profile. In the front row two floor spaces marked only with painted wheelchair symbols stay empty. All figures are Schlemmer's stylized human figures with smooth oval heads and simplified bodies, painted people, not wooden mannequins, not dummies. Muted palette of slate blue, warm ochre, soft rose, grey and off-white, calm architectural light. No realistic faces, no text, no letters, no signature, no monogram, no photorealism.
Wer schenkt, kann zurücknehmen, und wer beschenkt wird, schuldet Dank. Darum antwortet Raúl Krauthausen auf die Frage, ob eine inklusive Gesellschaft großzügig sein müsse, mit einem „klassischen Jain“ und dreht sie um: Wie sähe eine Gesellschaft aus, in der behinderte Menschen selbst großzügig sein können? Sein Wort dafür ist Teilgabe, die Bühne statt des Rollstuhlplatzes im Publikum. Aladin El-Mafaalani, Gastgeber und Freund, hält dagegen, wo es wehtut: Ist es nicht großzügig, wenn jemand Behinderte auf die Bühne holt, ohne dass ein Gesetz es verlangt? Das stärkste Stück des Abends ist aber Krauthausens Kritik an der eigenen Bewegung. „Wir werden behindert“ sei nur die halbe Wahrheit, denn gegen Schmerzen hilft kein Aufzug.
Quelle: Raúl Krauthausen & Aladin El-Mafaalani: Wie inklusiv ist Großzügigkeit? — Utopie-Konferenz 2026 „Großzügigkeit, eine Utopie?“, Leuphana Universität Lüneburg (26.–28.08.2026), Gespräch mit Moderation durch Aladin El-Mafaalani, 50 Minuten, veröffentlicht 11.09.2026
Raúl Krauthausen (1980, Lima) — Aktivist für Inklusion und Barrierefreiheit, aufgewachsen in Berlin. Er lebt mit Osteogenesis imperfecta, der sogenannten Glasknochenkrankheit, und fährt Rollstuhl. Nach dem Studium der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der UdK Berlin gründete er mit seinem Cousin den Verein Sozialhelden, aus dem die Wheelmap (2010) und Leidmedien.de (2012) hervorgingen, eine Plattform für Journalistinnen, die ohne Klischees über Behinderung berichten wollen. Bücher: Dachdecker wollte ich eh nicht werden (2014), Wie kann ich was bewegen? (2021), Wer Inklusion will, findet einen Weg. Wer sie nicht will, findet Ausreden (2023). Podcast Im Aufzug, Bundesverdienstkreuz 2013. In den Gedankenwelten war er bisher nur kurz Gast in Gilda con Arne.
Aladin El-Mafaalani (1978, Datteln) — Migrations- und Bildungssoziologe an der TU Dortmund, Autor von Das Integrationsparadox (2018) und Misstrauensgemeinschaften (2025), bei der Utopie-Konferenz 2026 erstmals Gastgeber. Hier fragt er mehr, als er sagt. Die beiden sind befreundet, und man hört es.
Die Frage, die nicht lockerlässt
0:49 — Die Vorstellung gerät El-Mafaalani zum Geständnis. El-Mafaalani erzählt, wie ihn Krauthausen öffentlich, in dessen Podcast, über Kinder, Kinderrechte und das Bildungssystem reden ließ, und dann kam statt der nächsten Frage eine kurze: „Warum schreibst du nicht über behinderte Kinder?“ El-Mafaalani gab die Antwort, die Wissenschaftler immer geben, es sei nicht sein Schwerpunkt. Krauthausen fragte: Warum? Und dann noch einmal. Zurück im Institut fragte El-Mafaalani sein Team, wer Lust habe, das Thema aufzugreifen. 2:20 Alle wollten. „Sag mal, bin ich schuld daran, dass wir das vorher nicht gemacht haben?“
Diese Anekdote ist das halbe Argument des Abends, bevor es ausgesprochen wird. Niemand hatte das Thema verboten. Es lag nur nicht auf dem Tisch, weil keiner, der am Tisch saß, es hinlegte.
5:21 — Krauthausen nennt das Muster beim Namen. Im Diversitätsdiskurs sei Behinderung die Dimension, „die als letzte genannt oder als erste vergessen wird“, obwohl rund zehn Prozent der Gesellschaft behindert sind. Er will die Gruppen nicht gegeneinander ausspielen, aber er zählt mit, wie oft über queere Menschen und People of Color gesprochen wird und wie selten über Behinderung. Seine Vermutung zur Ursache ist leise und unbequem: Scham. Wer behindert ist, zeigt es nicht gern als politisches Merkmal vor, und wer es nicht ist, schaut lieber weg, als falsch hinzusehen.
6:54 — Dann die Frage des Abends: Sollte man behinderten Menschen gegenüber großzügiger sein? Krauthausens Antwort beginnt mit einem Lacher.
„Jain, ein ganz klassisches Jain.“
Im Gespräch — 6:54
Großzügigkeit als Haltung, mit mehr Wohlwollen, Empathie und Achtsamkeit, unterschreibt er sofort. Großzügigkeit als Struktur nicht. Wenn Menschen mit Behinderung darauf angewiesen sind, dass andere ihnen gnädig ein wenig Platz machen, und diese anderen den Platz jederzeit zurückholen können, mit einem schlichten „aber heute nicht“, dann bleibt die Macht, wo sie war. 7:39 „… dann ist der behinderte Mensch immer dieser Dankbarkeit verpflichtet.“
Am Morgen desselben Konferenztags hatte Barbara Bleisch mit Marcel Mauss vor der dunklen Seite der Gabe gewarnt: Jede Gabe stiftet eine Schuld (→ Verhärten. Überall. Und nun?). Krauthausen liefert dazu den Alltag. Bei ihm hat die Schuld ein Gesicht: das Lächeln, das man dem Hausmeister schenkt, der den Seiteneingang aufschließt.
Teilhabe, Teilgabe und die Rampe aus anderem Holz
7:39 — Krauthausen stellt die Frage um, und darin liegt der Gedanke, den man aus dem Saal mitnimmt: Wie gestalten wir eine Gesellschaft, in der auch Menschen mit Behinderung großzügig sein können? Großzügig sein kann nur, wer etwas zu geben hat und in einer Position ist, es zu geben.
Das Wort, an dem er das festmacht, ist Teilhabe. Politikerinnen benutzen es gern, Teilhabe sei wichtig, auch im Ehrenamt. 8:25 Krauthausen übersetzt es in den Raum, in dem er sitzt. Im Hörsaal gibt es Rollstuhlplätze für das Publikum, im Kino buchbare Plätze, beim Konzert eine Tribüne für Rollstuhlfahrer. Das ist gut, und es ist passiv: Man konsumiert, man schaut zu. Was fehlt, ist Teilgabe, der behinderte Mensch auf der Bühne, als Dozent, als Schauspielerin, als der, der etwas gibt. Und dann zeigt er auf das, was alle sehen können:
„Die Rampe sieht nicht so aus wie die Bühne. Das heißt, sie wurde rangebaut.“
Im Gespräch — 8:25
Das ist Reportage in einem Satz, und Krauthausen meint sie nicht als Vorwurf an die Veranstalter. In Gebäuden wie diesem, sagt er, wurde der behinderte Dozent gar nicht mitgedacht, allenfalls der behinderte Student, und auch der nur, wenn man Glück hat.
9:11 — Wie weit der Weg ist, prüft er mit einer Instagram-Umfrage. Die Talkgäste ließ er absichtlich weg und fragte nur, ob jemand im Publikum einer Fernsehsendung je einen Menschen mit Behinderung gesehen habe. Die meisten verneinten. Dasselbe bei den Straßenumfragen, den Vox Pops, bei denen er ohnehin nicht versteht, wozu sie gut sind: Behinderte Passanten werden fast nie gefragt. 9:58 Er erklärt es mit Studien, nach denen Reporter am liebsten Leute ansprechen, die ihnen ähneln, im Alter, in der Klasse, im Aussehen.
Das ist Michael Hartmanns Prinzip der Ähnlichkeit auf dem Bürgersteig (→ Hartmann). Bei Hartmann wählen Vorstände ihre Nachfolger nach dem eigenen Bild. Bei Krauthausen tut es die Reporterin mit dem Mikrofon in der Fußgängerzone, ohne Absicht, und mit demselben Ergebnis. Wer nie gefragt wird, gilt bald als einer, der nichts zu sagen hat.
Ist das nicht großzügig? Der Einwand und die Quote
11:31 — Hier wird El-Mafaalani zum Gegenspieler, und er macht es gut. Angenommen, die Veranstalter dieser Konferenz sagen: An jedem Tag steht jemand mit Behinderung auf der Bühne. Kein Gesetz verlangt das. Kein zahlender Gast hätte sich beschwert, wenn es niemanden gegeben hätte. Man hätte es ohne jede Sanktion lassen können.
„Ist das dann nicht erstmal großzügig?“
Im Gespräch — 11:31
Der Einwand trifft. Er beschreibt, wie Normen in der Regel entstehen: Erst tun es einige freiwillig, dann wird es Erwartung, irgendwann Regel. Die Rampe, auf die Krauthausen gerade gezeigt hat, hat jemand bestellt, der es nicht musste.
12:20 — Krauthausen räumt ein, dass er ungeduldig ist. Er hat die Jahre erlebt, in denen Vielfalt Konjunktur hatte und Unternehmen Regenbogenflaggen auf ihre Parkplätze hängten, und er sieht, wie die Welle gerade abläuft. Damals fragte er sich, warum erst jetzt. Es werde getan, „als werden behinderte Menschen jetzt plötzlich aus ihren Erdlöchern aufgetaucht“, dabei gab es sie immer, so wie es queere Menschen und Frauen immer gab. Warum ging es bei manchen Gruppen schneller? 13:05 Seine Antwort ist ein unbeliebtes Wort, und er weiß es:
„Und ich will auch nicht gern der Quotenbehinderte.“
Im Gespräch — 13:05
Aber ihm sei weltweit kein besseres Mittel begegnet, „um einigermaßen Gerechtigkeit herzustellen, um auch mal Macht zu teilen“13:51. Gleich danach nimmt er sich selbst zurück, mit einer Merkel-Anekdote. Ob er der ultimative Behindertenrechtler sei, müssten andere beurteilen, er habe oft genug danebengelegen. Das Kompetenzargument gegen die Quote kennt er von den Frauen. 14:37 „Ich stell jetzt mal die Frage, ob Kompetenz wirklich immer oben ist.“ Wer wolle, dass Kompetenz nach oben kommt, müsse ausbilden, auch jenseits von Sozial- und Inklusionspädagogik. Behinderte Studierende hätten auch das Recht, Quantenphysik zu studieren. 15:22 „Und wenn wir merken, die Behinderten können alle nichts, dann müsst ihr sie halt ausbilden.“
Die Gegenseite verdient hier mehr als einen Nebensatz. Für die Arbeit gibt es in Deutschland längst eine Quote: Arbeitgeber mit mindestens zwanzig Arbeitsplätzen müssen fünf Prozent davon mit schwerbehinderten Menschen besetzen (§ 154 SGB IX). Wer das nicht tut, zahlt eine Ausgleichsabgabe, und viele zahlen lieber; seit 2024 ist sie für Betriebe, die gar niemanden beschäftigen, deutlich teurer. Eine Quote, die sich freikaufen lässt, teilt Macht nur auf Raten. Die Forschung zu Quoten fällt gemischt aus: Norwegens Aufsichtsratsquote brachte mehr Frauen in die Gremien, aber kaum Wirkung für die Frauen darunter (Bertrand et al. 2019, doi:10.1093/restud/rdy032). Hartmann fand, dass die Frauenquote vor allem bürgerlichen Akademikerinnen nützte, die Arbeitersöhne verdrängten (→ Hartmann). Und Steffen Mau beschreibt, wie leicht jede Sonderregel als Vordrängeln gelesen wird. Krauthausens „Quotenbehinderter“ zeigt, dass er diesen Preis kennt. Er hält ihn für den kleineren.
El-Mafaalani nennt das freiwillige Einladen großzügig, Krauthausen will es zur Pflicht machen. Wenn die Pflicht kommt, verschwindet dann die Dankbarkeit, die Krauthausen stört, oder wandert sie nur weiter, zum „Quotenbehinderten“, dem man vorhält, er sei nur wegen der Regel da?
Eine Woche im Rollstuhl
15:22 — Mit Leidmedien beraten Krauthausen und seine Kolleginnen Redaktionen, Theater und Filmproduktionen. Welche Floskeln man besser lässt, ob die Diagnose wirklich die Geschichte ist oder das, was die Person tut. 16:08 Dabei hören sie immer wieder denselben Satz von Regisseurinnen und Produzenten: Man würde ja gern jemanden mit Behinderung besetzen, aber man finde keine guten. Also nimmt man Tom Schilling, und Schilling spielt in Die Goldfische einen Mann im Rollstuhl. „Hat er okay gemacht“, sagt Krauthausen, und meint es nicht gegen Schilling.
„… hat in dem Moment ein nicht behinderter Schauspieler einer Person mit Behinderung, die auch Schauspiel studiert, … nicht einen Arbeitsplatz weggenommen?“16:54
Hören — 16:54
Wenn es heißt, man finde keine guten Schauspielerinnen, kann er mindestens fünf nennen. Dann hat man nicht gesucht, und die Ausbildung beginnt an Schauspielschulen, die nicht barrierefrei sind. 17:39 Er erinnert an Dieter Hallervorden, der vor Jahren in seinem Theater einen weißen Schauspieler schwarz schminken ließ, und an den Konsens, der seither gilt: Das tut man nicht. Bei Behinderung aber scheint es niemanden zu stören. 18:26 Jeder aktuelle Kinofilm über Behinderung habe mindestens einen nichtbehinderten Darsteller in der Rolle, und dafür gebe es Preise (→ Faktencheck). Schilling habe auf die Frage, wie er sich vorbereitet habe, erzählt, er habe eine Woche lang im Rollstuhl gesessen und habe gelernt, „wie scheiße das ist“, etwa als er in den Straßenbahnschienen hängen blieb. Krauthausen trocken: Anfängerfehler.
Hier lohnt die Gegenprobe. Schauspiel ist Verwandlung, niemand verlangt, dass nur Mörder Mörder spielen. Krauthausens Argument zielt aber auf den Arbeitsmarkt, nicht auf die Kunst. Solange behinderte Schauspieler auch keine Rollen ohne Behinderung bekommen, bleibt ihnen nicht einmal die eigene.
19:12 — Schillings Woche ist die Profiversion eines Rituals, das viele aus Schule, Zivildienst oder Freiwilligem Jahr kennen: einmal im Rollstuhl durch den Ort, gut gemeint, beinahe großzügig. 19:59 Was man dabei lernt? Bordsteine, Kopfsteinpflaster, Treppen, alles schwer. Und man lernt es im Krankenhausrollstuhl, dem „AOK-Chopper“, mit dem niemand gut fährt. Wer den Rollstuhl sein Leben lang nutzt, hat einen, der auf seinen Körper angepasst ist, mit dem er kippeln und Bordsteine hinunterfahren kann, und der Spaß macht: schnell fahren, bergab. El-Mafaalani wirft lachend ein, wie Krauthausen ihn in Berlin stehen ließ, als beide es eilig hatten: „Ich kann nicht auf dich warten.“ 22:17 Am Ende des Experiments, sagt Krauthausen, stehe man auf und denke: „Oh, gut, dass ich laufen kann.“ Eine negative Erfahrung, sonst nichts.
Die Forschung gibt ihm recht, und das schon lange. Sally French kritisierte Simulationsübungen schon 1992, weil sie weder die Strategien noch die Fertigkeiten zeigen, die behinderte Menschen entwickeln (French 1992, doi:10.1080/02674649266780261). In Experimenten schätzten Teilnehmende behinderte Menschen nach einer Simulation sogar als weniger fähig ein (Silverman, Gwinn & Van Boven 2015, doi:10.1177/1948550614559650). Wer eine Stunde lang erlebt, wie es ist, anzufangen, hält das für das ganze Leben.
23:03 — Krauthausens Gegenvorschlag: Simulationen nur angeleitet von Leuten, die den Rollstuhl wirklich nutzen, und dann die Dinge des Alltags. In eine Disco gehen und flirten. Fremde bitten, etwas aus dem obersten Regal zu holen. Die Reaktion von Kindern aushalten, die einen zum ersten Mal sehen. Dazu ein englisches Wort, to adapt. Er lädt sein Smartphone am Rollstuhl, hat immer einen Becherhalter dabei, und hinten sind zwei Werkzeugkisten aus dem Handwerksbedarf montiert, weil er aus Berlin kommt und morgen nach Lübeck weiterfährt. Und er benennt die Grenze ohne Umschweife: 23:48 Allein auf die Toilette kann er nicht, da hilft auch kein Cyberrollstuhl.
Behindert sein und behindert werden
24:34 — El-Mafaalani holt einen Satz hervor, mit dem Krauthausen viele zum Nachdenken gebracht hat: Bin ich behindert, oder werde ich behindert? 25:19 Krauthausen erklärt die zwei Blicke. Der medizinische sieht eine Person, die repariert, therapiert, operiert werden muss; viele behinderte Menschen kennen das aus ihrer Kindheit, aus Krankenhäusern und Therapien. Seit Jahrzehnten setzt die Behindertenbewegung das soziale Modell dagegen: Behindert wird man durch Treppen ohne Rampe und Gebäude ohne Aufzug. Dann erweitert er das Modell, bis es alle erfasst:
„Jeder von uns stirbt behindert, und jeder von uns war auch mal behindert.“26:04
Im Gespräch — 26:04
26:50 — Als Kinder entschieden Eltern für uns, erklärten, konnten vieles besser, behindert ohne Ausweis. Ab vierzehn, achtzehn können wir es allein, vielleicht bis fünfundvierzig. Dann melden sich Knie, Augen, Ohren, und wir erwerben nach und nach eine Behinderung. 27:36 Wir nennen es Alter. Fragt man alte Menschen, ob sie behindert sind, sagen sie: „Nee, ich bin alt.“ Die Zahl dahinter ist nüchtern: Nach Angaben des Statistischen Bundesamts ist nur ein kleiner Teil der schweren Behinderungen angeboren, die große Mehrheit entsteht durch Krankheit im Lauf des Lebens. In der Behindertenbewegung kursiert dafür seit Jahrzehnten das Kürzel TAB, temporarily able-bodied, vorübergehend nichtbehindert.
27:36 — Dann wird es persönlich. Bis ins Erwachsenenalter pflegten ihn seine Eltern, mit allen peinlichen Momenten, die das hat, wenn man mit siebzehn von Mama und Papa von der Party abgeholt wird. 28:21 Irgendwann konnten und wollten sie nicht mehr, und er wollte auch nicht mehr von ihnen gepflegt werden. Seitdem hat er Assistenz, vom Staat bezahlte Menschen, die ihm beim Aufstehen helfen, auf der Toilette, beim Aufklappen des Laptops im Zug. Fremde an sich heranzulassen sei schwer gewesen. 29:06 Aber er habe dabei zum ersten Mal gemerkt, was Freiheit heißt: sich nachts um drei Spaghetti Bolognese zu kochen, weil er es will, ohne die Eltern zu wecken.
Und dann sagt er den Satz, den man von einem Aktivisten auf einer Bühne selten hört, gegen die Formel der eigenen Bewegung:
„Aber wenn ich Schmerzen habe aufgrund meiner Behinderung, dann hilft mir halt auch kein Aufzug.“29:51
Im Gespräch — 29:51
Die Bewegung habe sich manchmal zu sehr in die eine Richtung bewegt, „wir sind nicht behindert, wir werden behindert“. Behindert werden sei ein Teil der Wahrheit, behindert sein der andere. „Es stimmt beides, und wir müssen das immer wieder neu verhandeln.“
Das ist eine Selbstkorrektur mit Rang, und sie hat eine Geschichte. Der britische Soziologe Tom Shakespeare, selbst kleinwüchsig, hat dem strikten sozialen Modell 2006 in Disability Rights and Wrongs genau das vorgeworfen: Es erklärt den Körper für politisch irrelevant und lässt die Menschen mit Schmerz, Erschöpfung und fortschreitender Krankheit allein, weil keine Rampe ihr Problem löst. Krauthausen kommt aus der Praxis zum selben Schluss. Und er schließt mit einem Gegengewicht, damit der Schmerz nicht das Bild beherrscht: Wenn er aus sich herausschaue, denke er nicht dauernd „ich kann nicht laufen“. Er denke: cooles Gebäude, schöne Atmosphäre, viele Starstruck-Momente heute.
„Jeder von uns stirbt behindert“ soll Nichtbehinderte ins Boot holen. Aber verdünnt der Satz nicht auch, was er verteidigen will? Wer alle für künftig behindert erklärt, macht die Lage derer, die es jetzt sind, zum Sonderfall eines allgemeinen Schicksals, und Krauthausens Schmerz ist gerade kein allgemeines Schicksal.
Sorgenkind, Superkrüppel und die einarmige Busfahrerin
30:37 — El-Mafaalani greift die Teilgabe noch einmal auf: Wie bringt man behinderte Menschen in Positionen, aus denen heraus sie selbst Neues anstoßen? Krauthausen antwortet zuerst mit Selbstkritik am eigenen Milieu. Auch die Behindertenbewegung lebe in Blasen und habe etwa bei der Intersektionalität einiges zu lernen. 31:24 Über Migration und Behinderung zusammen hätten weder die Bewegung noch die Migrationsforschung viel gearbeitet, dabei lägen dort Bündnisse bereit.
32:09 — Dann dreht er die Rechte-Frage herum, wie vorher die Großzügigkeit. Haben nichtbehinderte Menschen nicht auch ein Recht, mit behinderten Menschen befreundet zu sein, mit ihnen zu leben, von ihnen zu lernen, wie man kocht, Auto fährt oder Quantenphysik versteht? Die Öffentlichkeit kennt Stephen Hawking und Samuel Koch, man bewundert sie und applaudiert. Was fehlt, ist der Mittelbau.
32:56 — Für seine Diplomarbeit hat Krauthausen einen Monat lang alle Abendmagazine aller Sender ab 20 Uhr ausgewertet, Monitor, Akte und die anderen. Kommt Behinderung vor, und wenn ja, wie? Der Befund bestätigte für Deutschland, was andere anderswo schon gefunden hatten. 33:43 Es gibt zwei Figuren. Das Sorgenkind, das leidet, Schmerzen hat, dem Staat auf der Tasche liegt, um das sich die Familie sorgt. Und den Superkrüppel, im Englischen supercrip, ein Begriff der Disability Studies: den Paralympioniken, der ohne Arme und Beine den Mount Everest bestiegen hat.
„… und es gibt eben nicht die einarmige Busfahrerin oder es gibt nicht die Nachbarin, die blind ist …“
Im Gespräch — 33:43
Das Sorgenkind war in Deutschland einmal mehr als ein Klischee. Die größte Soziallotterie des Landes hieß bis zum Jahr 2000 Aktion Sorgenkind, bevor sie sich in Aktion Mensch umbenannte. Ein Bild, das so lange auf Losen und im Samstagabendfernsehen stand, verschwindet nicht mit dem Namen.
34:30 — Krauthausen gibt die Frage an den Saal weiter: Wie viele Menschen mit Behinderung kennen Sie mit Vor- und Nachnamen? Es werde dünn. Behinderte sehe man meist als Gruppe, Reisegruppe, Wohngruppe, Theatergruppe, selten als Einzelne. Darauf läuft sein Medienargument hinaus. Das Sorgenkind und der Superkrüppel haben gemeinsam, dass die Behinderung die Geschichte ist. Die Busfahrerin wäre die erste Figur, bei der sie es nicht ist.
Schicksalsgemeinschaft und das Recht auf Niederlagen
34:30 — Hier kommt El-Mafaalani mit seinem eigenen Feld. Deutschland hat eine Besonderheit, die es von den meisten Vergleichsländern trennt: Die wenigsten nichtbehinderten Kinder begegnen in der Schule behinderten Mitschülern, weil es die Tradition der Sonderschulen gibt, später Förderschulen genannt. 35:15 Jetzt gebe es ein bisschen Inklusion, und schon, bevor sie richtig eingeführt war, rede man vor allem darüber, was daran nicht geht.
36:00 — Krauthausen antwortet mit einem Begriff, der auf El-Mafaalanis letztes Buch antwortet. Wo jener Misstrauensgemeinschaften beschreibt, nennt er Schulen und Kitas Schicksalsgemeinschaften:
„Ich habe als Kind nicht die Wahl, welches andere Kind mit mir in der Kita oder in der Schule ist.“
Im Gespräch — 36:00
Es ist einer der wenigen Orte im Leben, an dem man mit Menschen zusammengewürfelt wird, die anders sind, und das in einem Alter, in dem man noch am meisten lernt. 36:47 Wer diese Begegnung nie hat, entwickelt Vorurteile, unfreiwillig, und je älter er wird, desto schwerer lassen sie sich abbauen. Die Misstrauensgemeinschaft findet sich im Netz zusammen, die Schicksalsgemeinschaft wird einem zugeteilt. Nur die zweite zwingt einen, den anderen zu kennen.
Dann erinnert er El-Mafaalani daran, was der selbst einmal über Superdiversität gesagt hat: Die Antwort seien mehr Pädagogen und kleinere Klassen. Das sage die Inklusionsforschung seit zwanzig Jahren. 37:34 Es gebe sogar einen Schlüssel: 25 Kinder, davon fünf mit Behinderung, zwei Lehrkräfte (→ Faktencheck). Kleinere Gruppen begünstigten Grüppchen und neues Othering, größere ließen Kinder zurück. Kleine Klassen und mehr Pädagogen nützten vor allem den nichtbehinderten Kindern, weil sie die meisten sind, „das ist einfach Mathematik“. 38:20 Er wundert sich, warum Inklusions- und Migrationsbewegung das nicht gemeinsam fordern. Hier sind sich die beiden auf der Bühne ganz einig, und die Forschung steht dabei: Nach zwei Meta-Analysen schadet Inklusion den Mitschülern nicht, und Kinder mit Lernschwierigkeiten lernen in inklusiven Klassen kognitiv mehr (Szumski et al. 2017, doi:10.1016/j.edurev.2017.02.004; Krämer et al. 2021, doi:10.3102/0034654321998072; → Was macht Schule mit uns?).
39:06 — Um die Schwere aus dem Thema zu nehmen, sagt Krauthausen etwas, das Inklusionsdebatten oft verschweigen. Eine inklusive Schule heißt nicht, dass behinderte Menschen alles können sollen. Dass er nicht Astronaut wird, ist ihm klar. Wer Astronautin werden will, für den kann das Planetarium gut genug sein, aber man soll ihm auch keine Ausbildung zur Bürokauffrau einreden, in der er todunglücklich wird. Es geht um die Träume der Person und darum, sie zu begleiten. Und dann:
„… behinderte Menschen haben natürlich auch ein Recht auf Niederlagen.“39:51
Im Gespräch — 39:51
40:36 — Er trennt zwei Arten von Niederlage. Die eine heißt: Herr Krauthausen darf wegen Brandschutzauflagen nicht in diesen Saal. Das ist eine Scheißniederlage, gemacht von anderen. Die andere heißt: Ich bin nicht stark genug, das Glas allein zu heben. Das gehört zu ihm, und er wird es aushalten müssen. „Ist besser, wenn ich das mit drei lerne, als wenn ich es mit dreißig lerne, weil mir bis dahin immer jemand das Glas gehalten hat.“ Die eigenen Grenzen kennenlernen, austesten, verschieben, das gehe am besten unter Kindern, die alle anders sind. Er selbst habe gelernt, dass er in Mathe nicht gut ist und in Deutsch ganz okay. Mit seiner Behinderung habe beides nichts zu tun.
Hier liegt die schärfste Kritik am gut gemeinten Helfen, schärfer als jede Quote. Das gehaltene Glas ist die Großzügigkeit vom Anfang des Abends im Kleinen, freundlich, jederzeit, und am Ende eine Entmündigung.
Das Recht auf Niederlagen verlangt Erwachsene, die zusehen können, wie ein Kind scheitert. Wer in der Schule entscheidet, welche Niederlage zum Kind gehört und welche ihm die Umgebung zufügt, und was geschieht, wenn Lehrerin, Eltern und Kind die Grenze an verschiedenen Stellen ziehen?
Analyseparalyse und der Bus mit der Klapprampe
41:24 — Die Zeit wird knapp, die geplante Fragerunde fällt aus, weil der Saal lieber weiter zuhört. El-Mafaalani nutzt das, um seinen Einwand zu schärfen. 42:10 Sich an Krauthausen auszurichten, an einem Rollstuhlfahrer, kriege man relativ schnell hin. Aber Kinder sprechen viele Sprachen, haben viele Religionen, es kommt die Neurodiversität dazu, und „die Gruppe der Menschen mit Behinderung“ umfasst so verschiedene Lebenslagen, dass viele Behinderungen mit einer Rampe gar nichts zu tun haben. 42:55 Diese Komplexität hält er inzwischen für das eigentliche Problem. Man könne Pädagoginnen nicht sagen, orientiert euch an allen. Und weil die Gesellschaft altert, werde die Zahl derer, die irgendeine Beeinträchtigung haben, stark wachsen. Damit fragt er, ob es ohne ein freiwilliges Mehr, ohne Großzügigkeit, überhaupt geht.
44:26 — Krauthausen hat dafür ein Wort: Analyseparalyse. Weil alles so viel ist, tut man gar nichts. 45:11 Seine Antwort sind Strukturen, die sich anpassen können. Inklusion in der Schule meint nicht standardmäßig den Aufzug. Sie kann, in seinem Beispiel, bedeuten, dass ein Kind mit schwerer Allergie im Notfall eine Badewanne braucht — medizinisch ist das fragwürdig, bei einer Anaphylaxie hilft der Adrenalin-Pen, aber das Prinzip trägt. Das weiß man erst, wenn das Kind da ist, und dann braucht es eine Schule, die reagieren kann. 45:57 Die neuen ICEs haben vier Rollstuhlplätze statt einem, weil ein Zug dreißig Jahre fährt und jemand hochgerechnet hat. Die Berliner Doppeldecker hatten früher drei Stufen am Eingang, dann elektrische Rampen, heute Klapprampen und weniger Sitzplätze, weil Kinderwagen, Rollatoren und Rollstühle hinein müssen. 46:42 Das nennt man Universal Design. Dazu kommen Ansagen für Blinde und Bildschirme für Hörbehinderte.
Seine Faustregel macht die Komplexität handlich. Bei Gebäuden geht es vor allem um Mobilität, bei Information um die Sinne und um Lernbehinderung, und dafür gibt es das Zwei-Sinne-Prinzip: Was man hört, soll man auch lesen können. 47:27 Dieser Vortrag müsste transkribiert oder gedolmetscht werden. Wer beides beachtet, habe neunzig Prozent abgedeckt, „keine Rocket Science“. Und vieles werde erst nutzbar, wenn es für den Mainstream cool wird. 48:14 Sprachassistenten, sagt er, gingen auf Sprachcomputer der Behindertenbewegung zurück, E-Books auf den Zugang blinder Menschen zur Literatur, und selbst die Schallplatte habe den Nutzen für Blinde im Patent stehen (→ Faktencheck).
„Es gibt keine Barrierefreiheit, die nichtbehinderte Menschen einschränkt.“
Im Gespräch — 48:14
Niemand beschwert sich über den Aufzug am Hauptbahnhof, und die meisten, die ihn benutzen, sind nicht behindert. In der Stadtplanung heißt das der Curb-Cut-Effekt, nach den abgesenkten Bordsteinen, die für Rollstühle gebaut wurden und von denen heute Koffer, Kinderwagen und Fahrräder profitieren.
El-Mafaalanis Einwand ist damit nicht ganz erledigt. Die Badewanne für das Allergiekind ist eben kein Universal Design, sie ist die Einzelfallhilfe, die er meint, und sie hängt an einer Schule, die bereit ist, mehr zu tun als vorgeschrieben. Krauthausen nennt das Resilienz, El-Mafaalani würde es vielleicht Großzügigkeit nennen. Sie streiten hier über ein Wort für dieselbe Sache. 48:59 Am Ende gibt Krauthausen dem Saal eine Hausaufgabe, die nichts kostet: Folgt Menschen mit Behinderung auf Instagram, lest ihre Bücher, hört ihre Podcasts. Es sei nicht alles Leid und Schmerz, es seien auch awkward moments, lustige Situationen, und es sei „einfach bereichernd“.
Nachbesprechung
Zwei Fragen nahm man aus dem Hörsaal mit, auf die der Abend nur die halbe Antwort hatte: was die gemeinsame Schule mit Kindern macht, mit und ohne Behinderung, und was eine Quote außer Zahlen bewirkt.
Gehören alle Kinder in dieselbe Klasse?
El-Mafaalanis Befund, dass die meisten Kinder in Deutschland nie neben einem behinderten Mitschüler sitzen 34:30, hat sich seit der Behindertenrechtskonvention kaum bewegt. Im Schuljahr 2022/23 hatten 7,6 Prozent aller Schülerinnen und Schüler einen festgestellten Förderbedarf, 4,2 Prozent lernten an einer Förderschule, 2008/09 waren es 4,8 (Bertelsmann Stiftung / Klemm, Mai 2024). Gut die Hälfte der Kinder mit Förderbedarf, 55,6 Prozent, besucht also weiter eine eigene Schule. Gewachsen ist die Inklusion vor allem dadurch, dass mehr Förderbedarf festgestellt wird. Leerer sind die Förderschulen kaum geworden.
Was die Förderschule ihren eigenen Kindern bringt, ist besser untersucht, als die Debatte vermuten lässt, und der Befund ist für beide Lager unbequem. Im IQB-Ländervergleich 2011 schnitten Grundschulkinder mit Förderbedarf an Regelschulen im Lesen, Zuhören und in Mathematik deutlich besser ab als vergleichbare Kinder an Förderschulen, am stärksten im Förderschwerpunkt Lernen (Kocaj et al. 2014, doi:10.1007/s11577-014-0253-x, Matching-Studie). In sechs Ländern erreichten sie an allgemeinen Schulen häufiger einen qualifizierten Abschluss (Kemper & Goldan 2020, doi:10.25656/01:15803, amtliche Statistik). Eine internationale Campbell-Übersicht findet dagegen im Mittel weder Gewinn noch Schaden, bei durchweg schwachen Studien ohne Zufallszuteilung (Dalgaard et al. 2022, doi:10.1002/cl2.1291). Und dieselbe IQB-Gruppe hat den Preis gemessen, den Krauthausen Niederlage nennt: Kinder mit Förderbedarf trauen sich in Regelklassen weniger zu und lernen mit weniger Freude, weil sie sich mit Stärkeren vergleichen; rechnet man das heraus, verschwindet der Unterschied (Kocaj et al. 2018, doi:10.1016/j.cedpsych.2018.09.004). Die Förderschule schont das Selbstbild und kostet Abschlüsse. Sein Satz, die eigene Grenze lerne man besser mit drei als mit dreißig 40:36, ist eine Wette auf den längeren Atem, und die deutschen Daten sprechen eher für ihn. In der Behindertenbewegung heißt dieses Recht seit Robert Perske (1972) dignity of risk, die Würde des Risikos.
Seine Schicksalsgemeinschaft 36:00 verspricht vor allem den anderen Kindern etwas. In 22 von 35 Beobachtungsstudien ging Kontakt mit freundlicheren Einstellungen zu Behinderung einher, in zwei mit schlechteren (MacMillan et al. 2014, doi:10.1111/dmcn.12326, Review); angeleitete Begegnungen verbessern sie nachweislich (Armstrong et al. 2017, doi:10.1016/j.dhjo.2016.10.003, Meta-Analyse). Den saubersten Beleg für das Zusammenwürfeln liefert ein Fall ohne Behinderung. Als Delhi 2007 Privatschulen verpflichtete, arme Kinder aufzunehmen, wurden ihre reichen Mitschüler großzügiger und gerechter und diskriminierten weniger, getragen von persönlichen Begegnungen (Rao 2019, doi:10.1257/aer.20180044, natürliches Experiment). Das ist Großzügigkeit, die von unten wächst: Die Klasse bringt bei, was der Abend sonst als Haltung verlangt.
Nebeneinander sitzen ist aber noch nicht dazugehören. Kinder mit Förderbedarf haben in Regelklassen im Schnitt weniger Freunde, mehr Kontakt zur Lehrerin als zu Mitschülern und werden seltener angenommen (Koster et al. 2010, doi:10.1080/10349120903537905, Einzelstudie, Niederlande). Wie auf dem Fußballplatz von Eichis FC Pio hilft die Begegnung, wenn man etwas zusammen tut, auf gleicher Höhe, und wenig, wenn man nur denselben Raum teilt. Die Rampe allein macht noch keine Klasse.
→ Weiter im Panorama: Wozu ist Schule da?, mit Zimpel, Spitzer und Malala Yousafzai.
Wirken Quoten?
Krauthausen will nicht „der Quotenbehinderte“ sein und kennt trotzdem kein besseres Mittel 13:05. Ob Beschäftigungsquoten Stellen schaffen, prüft der Faktencheck: ja, mit Nebenwirkungen. Offen bleibt, was sie in Betrieben und Köpfen tut, und ob der Preis, den er fürchtet, tatsächlich anfällt.
Zuerst die Betriebe. Von der deutschen Quote kann man sich freikaufen, und der Preis ist gerade gestiegen. Seit 2024 gibt es eine vierte Stufe für Arbeitgeber, die keinen einzigen schwerbehinderten Menschen beschäftigen, seit 2025 sind das 815 Euro im Monat je unbesetztem Pflichtplatz (§ 160 SGB IX). Betroffen war nach Angaben der Bundesagentur 2024 rund ein Viertel der pflichtigen Betriebe, etwa 40.000 (BA, November 2024). Ob die teure Stufe wirkt, zeigen erst die Anzeigen für 2025, fällig im März 2026; ausgewertet ist das noch nicht. Österreich mit demselben Modell gibt einen Vorgeschmack: Betriebe knapp über der Pflichtschwelle beschäftigten rund zwölf Prozent mehr behinderte Menschen, je höher die Abgabe, desto mehr, und manche hielten sich knapp unter der Schwelle (Lalive, Wuellrich & Zweimüller 2013, doi:10.1111/j.1542-4774.2012.01109.x, Regressionsdiskontinuität). Eine Quote mit Preisschild wirkt, und zwar im Maß ihres Preises.
Dann die Köpfe. Das beste Experiment stammt aus Indien, wo in Westbengalen ein Drittel der Dorfratsvorsitze per Los Frauen vorbehalten wurde. Wo zweimal eine Frau regiert hatte, wurden danach auch ohne Quote häufiger Frauen gewählt, und die Leute beurteilten die Leistung von Frauen weniger voreingenommen, während die Vorliebe für Männer blieb (Beaman et al. 2009, doi:10.1162/qjec.2009.124.4.1497, natürliches Experiment). Bei den Töchtern schrumpfte die Lücke in Berufswünschen und Schulbildung, ohne dass sich ihr Arbeitsmarkt verändert hatte, ein reiner Vorbild-Effekt (Beaman et al. 2012, doi:10.1126/science.1212382). Das ist Krauthausens Bühne statt Zuschauerplatz, gemessen. Die einarmige Busfahrerin, die er im Fernsehen vermisst, entsteht dort, wo jemand sie einmal in der Rolle gesehen hat. Die Grenze zeigt Norwegen (Bertrand et al., oben im Inhalt): Vorbilder wirken auf die, die ihnen begegnen, und kaum auf die Etagen darunter.
Und der Preis, den er fürchtet. Eine Meta-Analyse über 78 Studien bestätigt ihn, aber kleiner als befürchtet. Bevorzugung löst kleine bis mittlere Abwehr aus, am stärksten beim Urteil über Fairness und bei denen, die nicht profitieren, und in neueren Studien schwächer. Entscheidet eine Regel nur bei gleicher Eignung, zeigte sich kein Nachteil (Greig et al. 2023, doi:10.1002/ejsp.2991). Genau so steht es in vielen Stellenanzeigen des öffentlichen Dienstes: Schwerbehinderte werden bei gleicher Eignung bevorzugt. Der Quotenbehinderte, dem man vorhält, er sei nur wegen der Regel da, ist vor allem eine Figur der harten Quote. Für Krauthausens eigentliches Feld, Besetzungslisten und Bühnen, fehlt vergleichbare Forschung; dort bleibt seine Forderung eine Wette.
Im Bestand berührt die Frage Hartmanns Quote nach Herkunft, die reservierten Sitze in Yengdes Kastenkritik, Malalas Tisch, an dem entschieden wird und die französische Aufsichtsratsquote in den Good News vom Mai 2026; ein eigenes Panorama hat sie noch nicht.
→ Weiter im Panorama: Stigma oder Vorbild?, wo Krauthausens Quotenbehinderter neben Hartmanns Quote nach Herkunft und dem Streit über eine Ost-Quote steht.
Faktencheck
5:21. Eher vorsichtig: Ende 2025 waren 7,8 Mio. Menschen amtlich schwerbehindert, 9,4 % der Bevölkerung; mit leichteren Behinderungen deutlich mehr (Teilhabebericht 2013: knapp 16 %). Rund 91 % der schweren Behinderungen sind durch Krankheit erworben — das stützt „jeder von uns stirbt behindert“. Quelle: Destatis, 13.07.2026
13:05. Beschäftigungsquoten mit Ausgleichsabgabe wirken: in Japan (Mori & Sakamoto 2017, doi:10.1016/j.jjie.2017.02.001), in Chile +15–20 % nach einer 1-%-Quote (Duryea et al. 2024, doi:10.18235/0005522). Es gibt Nebenwirkungen, in Brasilien etwa schrumpfende Betriebe (de Souza 2023, Working Paper). In Deutschland liegt die Quote bei rund 4,6 % statt der vorgeschriebenen 5 %, nur rund 39 % der pflichtigen Arbeitgeber erfüllen sie. Für Quoten beim Casting gibt es keine vergleichbare Evidenz.
Die Goldfische und „Cripping up“ 16:54. Der Kern trägt: In den Top-TV-Serien 2015/16 wurden rund 95 % der Figuren mit Behinderung von nicht behinderten Schauspielern gespielt (Ruderman White Paper 2016). Die Details halten nicht: Für Die Goldfische fand sich keine Auszeichnung für Schilling (der Film erhielt den Bayerischen Filmpreis 2020 für die Nachwuchsregie), das Interview zur Rollstuhl-Woche ließ sich nicht finden — und ausgerechnet dieser Film hat mit Luisa Wöllisch eine Darstellerin mit Down-Syndrom in einer Hauptrolle. „Jeder Film“ ist Aktivisten-Rhetorik, das Muster ist richtig. Quelle: Ruderman White Paper 2016
17:39. Für Ich bin nicht Rappaport am Berliner Schlosspark Theater (Januar 2012) wurde ein weißer Schauspieler schwarz geschminkt; es folgte breite Kritik, u. a. von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland. „Vor ein paar Jahren“ heißt hier 14 Jahre. Quelle: derStandard: „Hallo Taka-Tuka-Land“
19:59. Nach Simulationen steigen Unbehagen, Angst und Verletzlichkeitsgefühl, die Haltung wird nicht besser (Nario-Redmond, Gospodinov & Cobb 2017, doi:10.1037/rep0000127); eine Meta-Analyse über zwölf Studien findet einen starken Anstieg von Angst und eine kleine Verbesserung bei Vorstellungen zur Inklusion, insgesamt „gegenläufig und nicht schlüssig“ (Ma & Mak 2022, doi:10.1371/journal.pone.0269357). Sein Vorschlag, Simulationen von Rollstuhlnutzern anleiten zu lassen, ist plausibel, aber nicht belegt.
33:43. „Supercrip“ ist ein etablierter Begriff der Disability Studies und der Medienforschung. Quelle: Harnett 2000
35:15. 2017 besuchten noch 4,3 % aller Schüler eine Förderschule; der UN-Fachausschuss rügte Deutschland 2023 ausdrücklich dafür. Die Kontakthypothese ist meta-analytisch gut gestützt (Pettigrew & Tropp 2006, 515 Studien, doi:10.1037/0022-3514.90.5.751). Quelle: news4teachers: UN besorgt über Sonderschulen (2023)
36:47. Ein Forschungsoptimum gibt es nicht; die Größenordnung entspricht verbreiteten Verwaltungsregeln für Integrationsklassen. Die Effekte sind real, aber klein: Co-Teaching g = 0,11 (Vembye, Weiss & Bhat 2023, doi:10.3102/00346543231186588), kleinere Klassen bestenfalls ein kleiner Lese-Effekt (Filges et al. 2018, Campbell, doi:10.4073/csr.2018.10). Nicht behinderten Mitschülern schadet Inklusion nicht, der Effekt ist schwach positiv (Szumski et al. 2017, Meta-Analyse, doi:10.1016/j.edurev.2017.02.004). Die Richtung stimmt, „einfach Mathematik“ überverkauft sie.
43:40. Die aktuelle Vorausberechnung erwartet für 2050 knapp 8,5 Mio. Menschen über 80 (Ende 2024: knapp 6 Mio.); die 10 Mio. stammen aus der Vorausberechnung von 2006. Das häufigste Alter dürfte in 20 Jahren nach einer Überschlagsrechnung aus Eurostat-Daten eher bei Mitte 50 liegen als bei 82. Er sagt selbst „könnte“. Quelle: bpb — Bevölkerung ab 80 Jahren
48:14. Der Curb-Cut-Effekt ist real, die Belege sind verbogen: Siri stammt aus dem Militärprojekt CALO (DARPA/SRI); als erstes E-Book gilt Michael Harts Project Gutenberg (1971), ohne Bezug zur Blindheit; Edison nannte 1878 „Phonographic books“ für Blinde in einem Artikel, nicht im Patent, und meinte den Walzen-Phonographen. Was zutrifft: Die Sprachsynthese bekam durch Lesemaschinen für Blinde einen echten Schub (Kurzweil 1976). Quelle: SRI — Siri · historyofinformation — Edison 1878 · Kurzweil Reading Machine
13:51. So antwortete sie beim W20-Gipfel 2017; im September 2021 revidierte sie das im Gespräch mit Chimamanda Ngozi Adichie selbst: „Ja, ich bin Feministin.“ Quelle: Fortune 2021
Weiterführende Quellen
Aus der Video-Beschreibung:
- Utopie-Konferenz der Leuphana Universität Lüneburg — Programm, Gäste und Mitschnitte der Konferenz 2026 „Großzügigkeit, eine Utopie?“ (26.–28.08.2026, mehr als 1.500 Teilnehmende, über 80 Gäste)
Von Raúl Krauthausen und seinen Projekten:
- Leidmedien.de — Hinweise für Journalistinnen, die ohne Klischees über Menschen mit Behinderung berichten wollen
- Wheelmap.org — weltweite Karte rollstuhlgerechter Orte, gegründet 2010 von den Sozialhelden
- raul.de — Website, Podcast Im Aufzug
- Raúl Krauthausen: Wer Inklusion will, findet einen Weg. Wer sie nicht will, findet Ausreden (2023)
- Raúl Krauthausen & Benjamin Schwarz: Wie kann ich was bewegen? Die Kraft des konstruktiven Aktivismus (2021)
- Raúl Krauthausen & Marion Appelt: Dachdecker wollte ich eh nicht werden (2014)
- Interview „Auch Nichtbehinderte haben ein Recht darauf, mit behinderten Menschen zusammenzuleben“ (Politik & Kultur) — der Gedanke von 32:09 ausführlich
Im Gespräch erwähnt:
- Aladin El-Mafaalani: Misstrauensgemeinschaften (2025) — Krauthausens Gegenbegriff ist die Schicksalsgemeinschaft
- Die Goldfische (2019, Regie Alireza Golafshan) — Tom Schilling als Mann im Rollstuhl
- Krauthausens Diplomarbeit zur Darstellung behinderter Menschen in deutschen Fernsehmagazinen (UdK Berlin)
Zur Einordnung (Forschung und Hintergrund):
- Sally French 1992: Simulation Exercises in Disability Awareness Training. A Critique — Disability & Society
- Silverman, Gwinn & Van Boven 2015: Stumbling in Their Shoes — Simulationen senken die eingeschätzte Fähigkeit behinderter Menschen
- Bertrand et al. 2019: Breaking the Glass Ceiling? The Effect of Board Quotas on Female Labour Market Outcomes in Norway
- Szumski, Smogorzewska & Karwowski 2017 und Krämer, Möller & Zimmermann 2021 — Meta-Analysen zu Inklusion und Leistung
- Tom Shakespeare: Disability Rights and Wrongs (2006) — Kritik am strikten sozialen Modell von Behinderung
- § 154 SGB IX — Pflicht der Arbeitgeber zur Beschäftigung schwerbehinderter Menschen
- Angela Glover Blackwell: The Curb-Cut Effect (Stanford Social Innovation Review, 2017)
Aus dem Faktencheck
- Ma & Mak 2022, Meta-Analyse zu Mobilitäts-Simulationen — die vorsichtigste Gesamtbilanz
- Dalgaard et al. 2022, Campbell Review — Wirkung von Inklusion auf Kinder mit Förderbedarf
- Pettigrew & Tropp 2006 — Kontakthypothese, Meta-Analyse
- Ruderman White Paper 2016 — „Cripping up“ in Zahlen
Verbindungen
→ Göpel, Bleisch, El-Mafaalani, Schmitt — Verhärten. Überall. Und nun?
Am Morgen desselben Tages warnte Bleisch mit Mauss vor der Gabe, die eine Schuld stiftet, und vor dem Etikettenschwindel, der Ansprüche zu Geschenken macht. Krauthausen ist der Fall, an dem sich das prüfen lässt, und er geht einen Schritt weiter: Er will die Richtung der Gabe umkehren. Schmitt fragte dort, warum der Kollege mit Behinderung nicht einfach mehr bekommen dürfe, ohne dass jemand nachrechnet. Krauthausen würde antworten, dass er lieber selbst etwas gibt.
→ Barbara Schmitz und Giovanni Maio — Verletzlichkeit als Stärke
Schmitz und Maio kritisieren den Autonomiemythos und setzen eine Verletzbarkeit dagegen, die alle teilen und die verbindet. Krauthausens „Jeder von uns stirbt behindert“ sagt dasselbe in Alltagssprache. Er zieht aber eine Grenze, die bei ihnen weicher bleibt: Die allgemeine Verletzbarkeit darf den konkreten Schmerz nicht verschlucken, und die Assistenz, die ihm nachts Freiheit gibt, ist gerade ein Stück Autonomie, das man ihm gegen den Mythos nicht wegnehmen sollte.
→ Andreas Zimpel — Neurodiversität
Zimpel warnt vor der Inklusion, die alle immer überall dabeihaben will, und vor der Ausbeutung, die Autisten nur dort einsetzt, wo sie nützlich sind. Krauthausens Planetarium für die Astronautin und sein Recht auf Niederlagen sind die erste Warnung, sein Recht auf Quantenphysik statt Sozialpädagogik die zweite. Beide wollen Brücken statt Gleichmacherei.
→ Aladin El-Mafaalani — Kinder als diskriminierte Minderheit (taz lab 2025)
El-Mafaalani beschreibt Kinder als strukturelle Außenseiter, die den Betrieb stören, und nennt die unbenannte Diskriminierung Adultismus. Krauthausen erklärt im Lüneburger Gespräch die Kindheit zu einer Zeit, in der wir alle behindert waren, abhängig, ohne Ausweis. Zusammen gelesen ergibt das eine unbequeme Frage: ob die Gesellschaft Kinder und Behinderte aus demselben Grund an den Rand schiebt, weil beide langsamer sind als der Ablauf, den die Erwachsenen für normal halten.
→ Aladin El-Mafaalani — Misstrauensgemeinschaften
Krauthausens Schicksalsgemeinschaft ist das Gegenstück zu El-Mafaalanis Misstrauensgemeinschaft. Diese entsteht, weil das Netz Gleichgesinnte zusammenführt; jene, weil die Kita niemanden fragt, wer neben wem sitzen will. Wenn El-Mafaalani recht hat, dass sich Misstrauen ohne positives Projekt vernetzt, dann wäre die inklusive Schule eines der wenigen Projekte, die Vertrauen erzeugen, bevor jemand sich dagegen entscheiden kann.
→ Michael Hartmann — Herkunft schlägt Parteibuch
Hartmanns Prinzip der Ähnlichkeit erklärt Krauthausens Straßenumfrage: Wer auswählt, wählt sich selbst. Für die Quote liefert Hartmann aber auch den stärksten Einwand im Bestand. Die Frauenquote habe gewirkt und dabei vor allem Akademikerinnen nach oben gebracht. Eine Behindertenquote müsste sich fragen lassen, ob sie die Professorentochter mit Hörgerät oder den Sohn aus der Förderschule erreicht.
→ Steffen Mau — Triggerpunkte
Maus Gleichbehandlungs-Trigger beschreibt die Angst, andere drängelten sich vor. Genau dort sitzt der Widerstand gegen Krauthausens Quote, und genau darum fürchtet er selbst, der „Quotenbehinderte“ zu sein. Die Umkehrung, die Krauthausen anbietet, kleinere Klassen für alle, entschärft den Trigger, weil niemand etwas bekommt, was den anderen fehlt.
→ Was macht Schule mit uns?
Im Abschnitt Wozu ist Schule da? stehen die Meta-Analysen, auf die Krauthausens „das ist einfach Mathematik“ sich stützen kann. Seine Stimme fehlte dort bisher: eine, die Inklusion von innen kennt und trotzdem sagt, dass sie das Scheitern einschließen muss.
→ Was ist Großzügigkeit?
Das wachsende Panorama zur Großzügigkeit führt diese Note als Stimme unter „Beginnt Großzügigkeit, wo der Anspruch endet?“ und „Kann eine Gesellschaft großzügig sein?“.
Weiterdenken
- Krauthausen trennt Wohlwollen, das er begrüßt, von einer Großzügigkeit, die Macht erhält, weil sie zurückgenommen werden kann. Gilt das nicht für jede Freundschaft, jede Hilfe unter Nachbarn auch? Woran erkennt man im Einzelfall, ob eine Geste Raum schafft oder Dank einfordert, und wer darf das beurteilen, der Gebende oder der Empfangende?
- El-Mafaalani fragt, ob nicht gerade die Komplexität der Bedürfnisse ein freiwilliges Mehr verlangt, das kein Regelwerk vorhersieht. Wenn die Badewanne für das Allergiekind nur entsteht, weil eine Schulleiterin mehr tut als vorgeschrieben, ist dann Großzügigkeit nicht doch die Bedingung der Inklusion, und Krauthausens Struktur nur ihre spätere Form?
- Schmitz und Maio sagen, die geteilte Verletzbarkeit verbinde uns. Krauthausen sagt, die Bewegung habe mit „wir werden behindert“ den Schmerz verdrängt. Braucht eine politische Bewegung die vereinfachte Formel, um überhaupt etwas durchzusetzen, und wann wird die Formel zur Lüge gegenüber den eigenen Leuten?
- Wie viele Menschen mit Behinderung kennst du mit Vor- und Nachnamen? Und bei wie vielen von ihnen weißt du etwas, das nichts mit ihrer Behinderung zu tun hat?
- Kleinere Klassen und mehr Pädagogen, sagt Krauthausen, nützen allen Kindern, und trotzdem fordern Inklusions- und Migrationsbewegung sie nicht gemeinsam. Wem nützt es, dass Inklusion als Kostenfrage einer Minderheit verhandelt wird statt als Frage nach guter Schule für alle?
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Im Bestand
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