Gedankenraum
DenkerVita·4. Oktober 2026

Sergey Lagodinsky — DenkerVita

Sergey Lagodinsky kam 1993 als jüdischer Flüchtling aus Russland, verließ die SPD wegen Sarrazin und streitet als grüner Europaabgeordneter für eine „hirngeleitete“ Außenpolitik.

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Künstlerhand: Edward Hopper

Warum: Hopper malt Menschen in Zimmern, die auf etwas warten, das draußen liegt — Licht, das schräg über eine leere Wand fällt, ein Fenster als einzige Richtung. 1993 saß Lagodinsky als Siebzehnjähriger in einem Flüchtlingsheim in Norderstedt: ein Koffer, Schulbücher, ein norddeutscher Himmel, ein Kirchturm, eine Zukunft ohne Umriss. Kein Pathos, nur Ankunft. Die Note trägt Kentridge.

Prompt: Wide 1200x500 panoramic banner painted in the manner of Edward Hopper — oil painting, flat planes of colour, long raking evening light, stillness, sharp geometric shadows. Interior of a plain early-1990s hostel room in a north German town near Hamburg: a metal bunk bed, a small table with a cardboard suitcase and a stack of school books, a single bare window. A teenage boy of about seventeen in a simple jacket sits on the edge of the bed, looking out of the window at a wide pale northern sky with brick houses and a distant church spire. Warm low sunlight cuts a bright rectangle across the floor and wall. Mood: arrival, solitude and an open future, quiet hope without sentimentality. No text, no signs, no flags, no logos, painterly, not photorealistic, no likeness of a real person.

Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Dr. Sergey Lagodinsky (1. Dezember 1975 in Astrachan, Sowjetunion) — Jurist, Publizist und seit 2019 Mitglied des Europäischen Parlaments für Bündnis 90/Die Grünen. In der laufenden Wahlperiode (2024–2029) stellvertretender Vorsitzender der Fraktion Grüne/EFA, deren rechtspolitischer Sprecher und Sprecher für Russland und die transatlantischen Beziehungen; Vorsitzender der EP-Delegation zur Parlamentarischen Versammlung Euronest (östliche Nachbarschaft), Mitglied im Auswärtigen Ausschuss und im Rechtsausschuss.

1993 kam er mit seiner russisch-jüdischen Familie als Kontingentflüchtling nach Deutschland, machte zweieinhalb Jahre später in Norderstedt Abitur, studierte Jura in Göttingen und Public Administration in Harvard und promovierte an der Humboldt-Universität über Meinungsfreiheit und antisemitische Äußerungen. Stationen davor: American Jewish Committee, Heinrich-Böll-Stiftung, Yale World Fellow im selben Jahrgang wie Alexej Nawalny.

Kernbegriffe: Multipolarität ist nicht Multilateralismus, hirngeleitete statt wertegeleitete Außenpolitik, Geschichten statt Argumente gegen Desinformation, ein Europäischer Sicherheitsrat.


Biografie

Astrachan, an der Wolga kurz vor dem Kaspischen Meer, einst Handelsstadt zwischen Europa, Orient und Fernem Osten. Lagodinsky wächst dort in den Siebzigern und Achtzigern in einer russisch-jüdischen Familie auf und erlebt, wie er selbst schreibt, die Sowjetunion als Ort der Unfreiheit und der Dominanz des Kollektiven. Schon als Jugendlicher sei er „überzeugter Demokrat“ gewesen, trotz der Stimmen, die ihn mahnten, im eigenen Interesse ein junger Kommunist zu werden. Die Öffnung des Landes begeistert ihn, die Stagnation und später der Zerfall der post-sowjetischen Strukturen treiben ihn fort.

Sechzehn, in Amerika. Nach dem Schulabschluss 1990 geht er für einen Austausch in die USA. Im Körber-Gespräch 2026 erzählt er, was ihn dort wirklich überwältigte: nicht die vollen Regale, sondern dass man an der Highschool Freud und die Psychoanalyse behandelte. Dass eine Gesellschaft sich selbst zum Gegenstand macht, gilt ihm seither als Unterschied ums Ganze; in Russland sei diese Reflexionsebene tabuisiert, als Zeichen von Schwäche. Er erinnert sich auch, wie warmherzig man ihn als russischen Schüler empfing, und hält das gegen die Erzählung vom triumphierenden Westen, der Russland in den Neunzigern gedemütigt habe.

1993: Ankunft in Norderstedt. Mit Eltern, Großeltern und dem jüngeren Bruder siedelt er als jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland über; Hamburg wird, wie er sagt, sein „Fenster in dieses Land“, die erste Unterkunft ein Flüchtlingsheim in Norderstedt. Deutsch lernt er im Selbststudium aus Lehrbüchern, Zeitungen und Fernsehen, dann der Sprung ins Gymnasium. Sein Lebenssatz aus dieser Zeit: „Wenn man später springt, wird das Wasser auch nicht wärmer.“ Abitur 1996, zweieinhalb Jahre nach der Einreise, danach Jura in Göttingen. 1998 erhält er den Theodor-Fontane-Preis der Studienstiftung des deutschen Volkes „für seinen Einsatz in der deutsch-jüdischen Aussöhnung“.

11. September 2001. Mit einem Stipendium beginnt er in Harvard ein Studium der öffentlichen Verwaltung, sein erster Tag an der Universität ist der 11. September. Er erlebt ein Land in Angst, das über Freiheit und Sicherheit streitet und in den Afghanistan-Krieg zieht. In einem Kurs bei Ash Carter, dem späteren US-Verteidigungsminister, lesen die Studierenden die Geheimdienstberichte über Saddam Husseins angebliche Massenvernichtungswaffen. „Da war nichts“, sagt er heute. Der Irakkrieg ist für ihn seither der Sündenfall, mit dem die Glaubwürdigkeit des Westens zu bröckeln begann. In Amerika, schreibt er, habe er verstanden, was ihn als Deutschen ausmache.

Berlin, Rot-Grün, die jüdische Gemeinde. Von 2003 bis 2006 leitet er das Berliner Büro des American Jewish Committee, danach berät er es. Er schreibt für Tagesspiegel, Süddeutsche, Welt, Handelsblatt und Financial Times Deutschland, kommentiert für Deutschlandfunk, Deutsche Welle, BBC World Service und Radio Liberty. 2001 tritt er in die SPD ein und gründet den Arbeitskreis jüdischer Sozialdemokrat*innen. In der Jüdischen Gemeinde zu Berlin sitzt er ab 2008 in der Repräsentantenversammlung und bis 2012 im Präsidium, leitet den Integrations-, später den Kulturausschuss und führt nach eigener Darstellung jahrelang die Opposition gegen Intransparenz und Korruption in der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands. 2009 promoviert er an der Humboldt-Universität, 2010 ist er Greenberg World Fellow in Yale, im selben Jahrgang wie Alexej Nawalny, mit dem ihn bis zu dessen Tod eine Freundschaft verbindet.

2011: der Bruch mit der SPD. Als die Partei das Ausschlussverfahren gegen Thilo Sarrazin einstellt, gibt Lagodinsky sein Parteibuch zurück und tritt als Sprecher des Arbeitskreises zurück. In einem offenen Brief an Generalsekretärin Andrea Nahles wirft er der Partei Ängstlichkeit und Unentschlossenheit vor; die SPD habe „grundlegende Werte verraten“. Wenige Wochen später wird er Mitglied bei den Grünen: Kreisvorsitzender in Pankow, Mitglied der Kommission „Staat und Religion“ beim Bundesvorstand, 2013 Kandidat auf der Berliner Bundestagsliste. Ab 2012 leitet er das Referat EU/Nordamerika der Heinrich-Böll-Stiftung, arbeitet weiter als Anwalt und lehrt Verfassungsrecht und Politik am Bard College Berlin (2017) und an der Leuphana-Universität Lüneburg (2018).

Europa. 2019 zieht er auf Listenplatz 12 ins Europäische Parlament ein. In der ersten Wahlperiode leitet er die Delegation im Gemeinsamen Parlamentarischen Ausschuss EU-Türkei, beobachtet den Prozess gegen den Kulturmäzen Osman Kavala und besucht politische Gefangene; er ist stellvertretender Vorsitzender des Rechtsausschusses. Er übernimmt die Patenschaft für den inhaftierten belarussischen Anwalt Maksim Znak, setzt als Berichterstatter das Statut für grenzüberschreitende europäische Vereine und gemeinnützige Organisationen durch (2022 mit großer Mehrheit angenommen) und verhandelt als Schattenberichterstatter den AI Act und den Data Governance Act mit. Nach dem russischen Überfall 2022 gehört er zu den ersten Grünen, die Waffenlieferungen an die Ukraine fordern. 2024 wählt ihn die Bundesdelegiertenkonferenz auf Platz 2 der Europaliste. Zuständig ist er seither auch für Berlin und Brandenburg, wo er zu Beginn des Krieges über die Ukraine sprach, nicht immer vor freundlichem Publikum.


Bücher & Publikationen

TitelJahrWorum es geht
Kontexte des Antisemitismus. Rechtliche und gesellschaftliche Aspekte der Meinungsfreiheit und ihrer Schranken2013Die Dissertation (HU Berlin 2009, Metropol, 423 S.): Wo endet die Meinungsfreiheit, wo beginnt der Schutz vor antisemitischen Äußerungen, im deutschen wie im internationalen Recht?
Jüdischer Almanach: Identitäten (Beitrag; hg. von Gisela Dachs für das Leo Baeck Institut)2009Autobiografischer Essay über die Identität eines jüdischen Zuwanderers aus der ehemaligen Sowjetunion
Islamfeindschaft und ihr Kontext (Beitrag; hg. von Wolfgang Benz)2009Konferenzband „Feindbild Muslim – Feindbild Jude“: Lagodinsky verteidigt den analytischen Vergleich von Antisemitismus und Islamfeindschaft

Essays und Gastbeiträge (Auswahl): Israel — ein progressiver Traum (Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, 2008) · Israel und die Deutschen (ebd., 2009, Streit mit Klaus Harpprecht über die deutsch-israelischen Beziehungen) · Vom Liliputaner zur Mittelmacht (mit Thorsten Benner, Handelsblatt 2007) · Die Arroganz der Altvorderen (Süddeutsche Zeitung 2006, über die Vielfalt jüdischen Lebens und den Zentralrat) · der Lagodinsky-Bericht zum Statut europäischer Vereine (2022).

Kanäle: lagodinsky.de · Abgeordnetenprofil im Europäischen Parlament


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Kernthesen

  1. Multipolarität ist das Gegenteil von Multilateralismus. Russland und China sprechen von einer multipolaren Welt, und viele im Globalen Süden hören darin Gerechtigkeit. Lagodinsky liest es als „Narrativ der Verlierer des Kalten Krieges“: Multilateralismus heißt Normen, auf die sich alle einigen; Multipolarität heißt Pole, also Herrscher, von denen jeder in seiner Sphäre tun darf, was er will. Dazu kommen zwei ältere Bausteine aus der UN-Diplomatie Moskaus und Pekings, die „traditionellen Werte“ als Gegenentwurf zu individuellen Menschenrechten und die zum Grundsatz überhöhte Nichteinmischung. Aus diesem Gemisch, sagt er, entstehen Kriege, und jede Solidarität mit der Ukraine wird darin zur Täterschaft umgedeutet.

  2. Der Westen ist nicht unschuldig, aber nicht der Täter. Die Doktrin Jewgeni Primakows, die Kosyrews Westintegration ablöste, nährte sich aus dem Kosovo-Krieg; der eigentliche Sündenfall war für ihn der konstruierte Irakkrieg. Die Zerbröselung der Regeln habe nicht mit Trump und nicht mit Putin begonnen, Putin nutze sie nur rücksichtslos. Zugleich widerspricht er der These, der Westen habe Russland in den Neunzigern gedemütigt: Die Erniedrigung sei aus der zeitlichen Verschränkung von Öffnung und Verarmung entstanden, und aus einer Gesellschaft, die nicht gewohnt sei, sich selbst kritisch zu befragen.

  3. Nicht werte- und nicht interessengeleitet, sondern „hirngeleitet“. Die „wertegeleitete Außenpolitik“ der Grünen nennt er eine Floskel, die man ihnen zuschreibe. Klug sei, die eigenen Prinzipien nicht preiszugeben und trotzdem nicht ständig zu predigen. Sein Beispiel aus fünf Jahren Türkei-Delegation: erst mit AKP-Leuten über gemeinsame Interessen reden, dann ins Gefängnis fahren zu den politischen Gefangenen. Werte erweisen sich oft rasch als Sicherheitsinteressen, beim AI Act etwa, dessen Warnungen man lange belächelte. Daraus folgt sein Wunsch nach einem KI-Kontrollvertrag mit den USA und China, nach dem Vorbild der Abrüstungsverträge für Massenvernichtungswaffen.

  4. Gegen Desinformation helfen Geschichten, nicht Argumente. Die Kraft der Argumente könne „sehr schnell zerstört werden mit der Kraft der Emotionen“. Europa müsse entschlossener und erfinderischer erzählen, „nicht manipulativ, aber mehr mit menschlicher Psyche arbeiten“. Was bei Veranstaltungen in Brandenburg wirkte, seien Schicksale gewesen: Nawalny, dessen Witwe er am Todestag umarmte, Russen, die Deutschland aufnahm, weil sie gegen den Krieg waren, ukrainische Familien. Zuhören gehöre dazu, und die Einsicht, dass Menschen aus ihrer Biografie heraus zu anderen Schlüssen kommen.

  5. Isolierung ist keine Strategie. Sanktionen und technologische Abschottung Russlands trägt er mit, aber Brüssel glaube, damit sei alles getan. Er fordert Containment ohne Schwäche, also schnellere und strategischere Entscheidungen, und hat dafür gemeinsam mit Verteidigungskommissar Andrius Kubilius einen Europäischen Sicherheitsrat vorgeschlagen, ein kleines Gremium mehrerer Staaten, das über Bündnisfälle und die Aufteilung der Rüstungsindustrie rascher befinden könnte. Für die Ukraine hält er eine Zwischenstufe für geboten: den Luftraum über der Westukraine von außen schützen, ohne Bodentruppen. Bei der Konfiszierung eingefrorener russischer Vermögen bleibt er „als Völkerrechtler“ skeptisch, erwartet aber, dass die Frage kommen wird.


Politische Einordnung

Lagodinsky ist Parteipolitiker, und das prägt jede seiner Aussagen: Er spricht als grüner Abgeordneter, nicht als neutraler Analyst. Innerhalb seiner Partei steht er für einen transatlantischen, in der Russlandfrage harten Kurs. Er forderte früh Waffen für die Ukraine, warnte schon 2021 in der NZZ vor einem Russland auf dem Weg zum totalitären Staat und vor westlicher Naivität gegenüber wirtschaftlicher Verflechtung und erklärte 2023 in der FAZ, ein europäischer Nuklearschirm dürfe angesichts einer möglichen Wiederwahl Trumps „kein Tabu“ mehr sein. Wer Verhandlungsbereitschaft gegenüber Moskau für den vernünftigeren Weg hält, sieht in ihm einen Falken; er selbst begrüßt Gesprächskanäle zu Lawrow ausdrücklich und spricht von einem „Konflikt, den wir managen müssen“.

Seine Position ist erfahrungsgetragen und darin zugleich stark und angreifbar. Stark, weil er Russland von innen kennt und ohne Sentimentalität beschreibt („ich habe kein sentimentales Verhältnis zu meinem Herkunftsland“), angreifbar, wo er Kollektiven Urteile zuschreibt: Sein Mitgefühl mit der russischen Gesellschaft unter Sanktionen hält sich, wie er sagt, in Grenzen, weil viele sich arrangiert hätten. Er betont zugleich, er moralisiere darüber nicht. Dass er die Schuld des Westens am Irakkrieg offen benennt, unterscheidet ihn von manchem Mitstreiter.

Innenpolitisch hat er sich nie in ein Lager sortieren lassen. Er stellte sich im Streit um die Kölner Moschee gegen Ralph Giordano, hielt den Vergleich von Antisemitismus und Islamfeindschaft für erkenntnisfördernd, kritisierte den Zentralrat der Juden für seinen Umgang mit innerjüdischer Vielfalt und focht öffentliche Kontroversen mit Henryk M. Broder aus, etwa über die deutsche Teilnahme an der Durban-Folgekonferenz 2009. Im Körber-Gespräch ordnet er sich selbst ein als jemand, der „kein Freund von Wokeness“ und übertriebener Identitätspolitik sei, die Rechte von LGBTI und Frauen aber gegen Moskaus „traditionelle Werte“ verteidigt. Ein liberaler Bürgerrechtler mit Juristenblick, so ließe sich das fassen, dem Rechtsstaatlichkeit (Ungarn, Polen, die Konditionalität der EU-Mittel) mehr bedeutet als Parteifolklore.


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