GedankenraumHanna Notte — DenkerVita
Hanna Notte erklärt, warum Russland nie isoliert war: Moskau verkauft seinen Krieg im Globalen Süden als antikolonial und zahlt dafür mit wachsender Abhängigkeit von China.
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Künstlerhand: Johannes Vermeer
Warum: Vermeers Frauen lesen Briefe am Fenster, und an der Wand hinter ihnen hängt oft eine Landkarte — die Welt kommt als Papier ins Zimmer. Das ist Nottes Arbeitsweise: Sie liest die Weltpolitik aus vielen kleinen Dokumenten, Gesprächen, Reisenotizen, geduldig und im Seitenlicht. Ein stilles Bild für eine Analystin, die lieber genau hinsieht, als laut urteilt. Die Note trägt Kentridge.
Prompt: Wide 1200x500 panoramic banner painted in the manner of Johannes Vermeer — oil painting, soft northern daylight falling through a leaded window on the left, quiet interior, ultramarine and lead-tin yellow, pearl-like highlights. A young woman scholar in a simple dark contemporary blouse stands at a table by the window, reading a letter, absorbed and calm, seen in three-quarter profile from the side, face partly turned away. On the table: unfolded letters, a small notebook, a pair of reading glasses, an old travel bag. On the wall behind her hangs a large old hand-coloured world map in the Vermeer style, Africa, Eurasia and the Middle East visible as soft coloured shapes with fine lines connecting distant places. Mood: patient attention, the world read through many small documents. No legible text, no letters on map, no flags, no logos, painterly, not photorealistic, no likeness of a real person.
Biographischer Snapshot
Hanna Notte (geb. 1987 in Trier) ist promovierte Politikwissenschaftlerin und leitet von Berlin aus das Eurasia Nonproliferation Program am James Martin Center for Nonproliferation Studies (CNS) des Middlebury Institute in Monterey; zugleich ist sie Senior Associate am Center for Strategic and International Studies (CSIS) und Associate Fellow am Kennan Institute in Washington. Ihre Themen sind Russlands Außen- und Sicherheitspolitik, seine Beziehungen zum Nahen Osten und zum Globalen Süden sowie Rüstungskontrolle. Sie studierte in Cambridge, promovierte in Oxford über russisch-amerikanische Zusammenarbeit im Nahen Osten, forschte in Moskau und spricht Russisch und Arabisch. 2026 erschien ihr Buch We Shall Outlast Them über Putins weltweiten Feldzug gegen den Westen.
Biografie
Hanna Notte wird am 19. September 1987 in Trier geboren. Sie studiert Sozial- und Politikwissenschaften in Cambridge (BA) und geht dann nach Oxford, wo sie am St Antony's College 2014 den MPhil und 2017 die Promotion in Internationalen Beziehungen ablegt, betreut von S. Neil MacFarlane. Ihre Dissertation, Russian-American cooperation in the Middle East, verbindet schon früh die beiden Räume, die ihr Werk bis heute tragen: Russland und den Nahen Osten. Während der Promotion forscht sie als Gast am Institut für Orientstudien der Russischen Akademie der Wissenschaften und am Carnegie Moscow Center, jener Moskauer Carnegie-Filiale, die 2022 schließen musste. Sie lernt Russland also nicht nur aus Akten kennen, sondern aus Moskauer Fluren, und den Nahen Osten auf Arabisch.
Danach arbeitet sie für die Shaikh Group, eine von dem Diplomaten Salman Shaikh gegründete Nichtregierungsorganisation für informelle Diplomatie, die Konfliktparteien abseits der offiziellen Kanäle an einen Tisch bringt. Es ist die Schule des Hinterzimmers: Was Staaten sagen, und was sie meinen, wenn niemand protokolliert.
Heute leitet sie das Eurasien-Programm des James Martin Center for Nonproliferation Studies (CNS) in Monterey, eines der wichtigsten akademischen Zentren für Nichtverbreitung und Rüstungskontrolle, und arbeitet dafür von Berlin aus. Zugleich ist sie nicht-residenter Senior Associate im Europa-Russland-Eurasien-Programm des CSIS und Associate Fellow am Kennan Institute. Mit William C. Potter, Sarah Bidgood und Samuel Meyer schreibt sie Death Dust (Stanford University Press, 2023), die erste Gesamtgeschichte radiologischer Waffenprogramme: der Versuche von Staaten, Strahlung selbst zur Waffe zu machen, und warum sie fast alle wieder aufgaben.
Mit dem russischen Großangriff auf die Ukraine 2022 verschiebt sich ihr Blick vom Nahen Osten auf die ganze nichtwestliche Welt. Für ihr zweites Buch reist sie in mehr als ein Dutzend Länder und spricht mit Diplomaten, Veteranen und Journalisten, auch mit dem ehemaligen ukrainischen Außenminister Dmytro Kuleba über dessen Afrika-Reisen. We Shall Outlast Them: Putin's Global Campaign to Defeat the West erscheint im August 2026 bei W. W. Norton. Der Titel zitiert Chruschtschows Drohung von 1956, der Kommunismus werde den Kapitalismus überdauern; Nottes These ist, dass Moskau diese Haltung wiederbelebt hat, nur ohne Ideologie.
Sie schreibt für die Financial Times, Foreign Affairs, die New York Times, The Atlantic, War on the Rocks und die ZEIT, spricht auf der Münchner Sicherheitskonferenz (2025 über Russlands Bindungen an China, Iran und Nordkorea und seine Haltung in Nuklearfragen) und war als Sachverständige vor dem US-Kongress. In Deutschland ist sie seit 2026 eine gefragte Stimme in Talkshows und Podcasts, am 30. August 2026 etwa bei Caren Miosga zur hybriden Bedrohung durch Russland. Am 29. September 2026 stellt sie ihre Thesen im Körber Forum in Berlin vor, im Gespräch mit dem Grünen-Europaabgeordneten Sergey Lagodinsky.
Bücher & Publikationen
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| We Shall Outlast Them: Putin's Global Campaign to Defeat the West | 2026 | W. W. Norton, ISBN 978-1-324-11701-8. Wie Russland nach 2022 die nichtwestliche Welt mobilisierte: neue Ölkunden, Dual-Use-Güter aus China, Nordkorea und Iran, BRICS als Bühne, und vor allem Erzählungen: der Krieg als antikolonialer Abwehrkampf, der Westen als Heuchler. Zugleich eine Bilanz der Kosten: schwindender Einfluss in Nahost und Kaukasus, Abhängigkeit von China. Bislang nur auf Englisch. |
| Death Dust: The Rise, Decline, and Future of Radiological Weapons Programs | 2023 | Mit William C. Potter, Sarah Bidgood und Samuel Meyer, Stanford University Press, ISBN 978-1-5036-3765-8. Geschichte der staatlichen Programme für radiologische Waffen, von den USA und der Sowjetunion bis zum Irak, und die Frage, warum sie scheiterten und ob ein Verbot heute möglich wäre. |
| Russian-American cooperation in the Middle East | 2017 | Dissertation, University of Oxford. Wann Moskau und Washington in Nahost zusammenarbeiten konnten, und warum es so selten trägt. |
| The New Authoritarian Axis: Russian Relations with North Korea and Iran | — | CNS-Beitrag zu Russlands Annäherung an Pjöngjang und Teheran. |
| Russland und die Nato: Wenn Putin nur noch die Eskalation bleibt | 2026 | ZEIT, 15. Mai 2026. Wie Moskau seine Druckmittel gegen Europa ausreizt. |
Weitere Arbeit: Texte für die New York Times und die ZEIT; Beiträge im Carnegie Moscow Center aus ihrer Moskauer Zeit; Interview „Russia and Iran are partners. They share a common goal“ (Ukrajinska Prawda, April 2026). Profile: hannanotte.com · CNS · CSIS · Middlebury Institute.
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Globales Kräftemessen: Russland und Europa — Körber-Stiftung, Körber Forum Berlin, 29.09.2026 (90 Min.). Mit Sergey Lagodinsky, Moderation Leslie Schübel. Warum Russland nie isoliert war, was im Globalen Süden verfängt, was der Krieg Moskau kostet und wie Europa auf hybride Angriffe antworten kann.
- Russlands hybrider Krieg – wie groß ist die Gefahr für Deutschland? — Caren Miosga, ARD, 30.08.2026 (60 Min.).
- Hanna Notte: Wie blickt man nüchtern auf Russland? — Tomorrow Thinking Podcast, 07.04.2026 (46 Min.). Das ruhigste Porträt ihres Denkens: Analyse ohne Alarmismus und ohne Beschwichtigung.
- The Long View 024 – Putin's Campaign to Defeat the West — Kennan Institute, 22.09.2026 (68 Min., englisch). Das ausführlichste Gespräch über das Buch.
- Some people in the non-Western world don't think of Russia as imperialist — Public Sphere, 15.08.2026 (31 Min., englisch). Über die blinden Flecken des Westens beim Blick auf Afrika, Lateinamerika und Nahost.
- Putin's obsession with Ukraine is costing Russia influence elsewhere — TVP World, 22.09.2026 (11 Min., englisch). Kompakt: der Preis des Krieges für Russlands Weltstellung.
- Hanna Notte analysiert den russischen Angriffskrieg in der Ukraine — Körber-Stiftung, 08.02.2024 (28 Min.). Der Stand zwei Jahre nach Kriegsbeginn.
- Russia and the Global South with Hanna Notte — CSIS-Podcast Russian Roulette, mit Max Bergmann und Michael Kimmage (englisch).
- Putins Plan gegen Deutschland — Podcast Ronzheimer (BILD), 07.08.2026 (45 Min.).
Kernthesen
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Das isolierte Russland war ein westliches Bild. Russland war nie wirklich isoliert. Nachdem der geplante kurze Krieg 2022 scheiterte, stellte Moskau seinen Staatsapparat um: neue Abnehmer für Öl (allen voran Indien), Konsum- und Dual-Use-Güter vor allem aus China, Nordkorea und Iran, eine massiv ausgebaute Präsenz von Staatsmedien und „Russischen Häusern“ in Afrika, Lateinamerika und Nahost, BRICS als Bühne (Vorsitz 2024, Erweiterung). Dabei konnte es auf dem sowjetischen Erbe aufbauen und musste nicht bei null anfangen.
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Konfrontation als Ordnungsprinzip. Seit 2022 hat Russland seine gesamte Außenpolitik den Bedürfnissen des Krieges untergeordnet; es geht um mehr als ukrainisches Territorium, nämlich um die Rückkehr als Großmacht mit Vetorecht über Europas Sicherheitsordnung und einer eigenen Einflusssphäre. Putin braucht dafür nicht zwingend einen heißen Krieg, wohl aber das Feindbild Westen: Aus ihm leitet er eine Zukunft für Russland ab, weil er keine positive Vision anzubieten hat. Ein Sieg in diesem Kampf lässt sich darum nicht definieren.
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Warum Moskaus Erzählung verfängt. Drei Pfeiler: westliche Doppelmoral (Irak, und besonders Gaza, das Russland im Sicherheitsrat und in Kampagnen ausschlachtete), die Pose des Beschützers konservativer Werte und eine historische Dankbarkeit für die sowjetische Hilfe im antikolonialen Kampf, die Russland für sich allein beansprucht, obwohl ANC-Kämpfer einst in Odessa und Kiew ausgebildet wurden. Hinzu kommt, dass die Ukraine im Süden oft gar nicht als eigene Nation wahrgenommen wird; Kolonialismus, sagt sie, gilt nicht als etwas, „das Weiße anderen Weißen in Europa antun“. Belehrende Westdiplomaten verstärken das eher; überzeugender sind Ukrainer, die selbst sprechen.
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Der Preis des Krieges. Gemessen am Januar 2022 hat Russlands globaler Einfluss abgenommen: Mit Assad ging der wichtigste Verbündete in Nahost verloren, im Südkaukasus haben die Türkei und Aserbaidschan Hebel gewonnen, Partnern wie Iran und Venezuela half Moskau kaum, als sie angegriffen wurden. Vor allem wird die Beziehung zu China asymmetrisch, mit rund 40 Prozent der Importe und 35 Prozent der Exporterlöse. Russland steht nicht vor dem Kollaps, aber vor demografischer und struktureller Krise, einer teilmilitarisierten Wirtschaft und der ungelösten Frage der Kriegsheimkehrer.
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Vom Atomschatten zum hybriden Krieg. Die nukleare Drohkulisse der ersten Kriegsjahre nutzte sich ab; nach einem Versuch, sie durch Taten zu untermauern (Abkehr von New START, neue Nukleardoktrin), wich Moskau auf hybride Mittel aus. Neu ist, dass Russland Europa offen zum „strategischen Hinterland“ der Ukraine und damit zum legitimen Ziel erklärt. Europas Antwort hat zwei Wege: Resilienz nach finnischem Vorbild, die in offenen Gesellschaften nie vollständig sein kann, und Abschreckung durch Bestrafung, die Spielraum nach oben lassen muss. Die Schließung des Russischen Hauses in Berlin hält sie für Symbolpolitik.
Politische Einordnung
Notte ist eine Analystin aus dem transatlantischen Sicherheitsmilieu: Ihre Institute (CNS, CSIS, Kennan Institute) sind amerikanisch, ihr Befund ist eindeutig. Russland führt einen Angriffskrieg, will Europas Sicherheitsordnung abwickeln, und die Unterstützung der Ukraine hält sie für richtig. Ihr Markenzeichen ist aber die Nüchternheit, nicht der Alarm. Sie widerspricht dem westlichen Wunschbild vom isolierten Russland ebenso wie Prognosen eines baldigen Zusammenbruchs, sie widerspricht auch dem Bild eines Trump, der nur Russlands Spiel spielt: Seine Disruption, sagt sie, sei für Moskau gemischt, da er zwei russische Partner angegriffen hat. Und sie nimmt die Beschwerden des Globalen Südens ernst: Die westliche Doppelmoral in Gaza und im Irak ist für sie keine russische Erfindung, sondern ein realer Riss, den Moskau nur geschickt nutzt.
Die andere Seite, fair geprüft:
- Der Rahmen der Institute. Wer aus Washingtoner Think-Tanks heraus analysiert, teilt deren Grundannahmen: dass die westliche Ordnung verteidigenswert ist und Russlands Sicherheitsinteressen ein Vorwand. Kritiker aus der Friedens- und Verhandlungsbewegung werden in ihr eher eine Stimme des Konsenses sehen. CSIS etwa wird von Regierungen und Rüstungsunternehmen mitfinanziert, was der Verweis auf ihre Unabhängigkeit nicht ganz auflöst; ihr Hauptarbeitgeber CNS ist allerdings ein akademisches Institut mit Fokus auf Abrüstung.
- Die Grenze des Nüchternen. Ihr Blick auf Russland ist analytisch, nicht moralisch, und das macht ihn stark. Er hat aber eine Kehrseite: Wo sie Russlands Sicht beschreibt („aus russischer Sicht eine völlig legitime Antwort“), ist das Rekonstruktion, keine Zustimmung, und im Talkshow-Zitat geht diese Unterscheidung leicht verloren.
- Zahlen im freien Gespräch. Auf dem Podium nennt sie Größenordnungen (Verlustverhältnisse, Handelsanteile), die je nach Quelle stark schwanken; was sie als Spannweite von Expertenschätzungen kennzeichnet, ist keine gesicherte Zahl.
Verbindungen zu anderen Denkern
- Vijay Prashad — DenkerVita — Beide nehmen den Globalen Süden ernst: Notte zeigt, wie Moskau sein Ressentiment gegen den Westen nutzt; Prashad erklärt es von innen als begründete Erfahrung.
- Susanne Weigelin-Schwiedrzik — DenkerVita — Zwei nüchterne Analystinnen der eurasischen Achse: Notte die wachsende russische Abhängigkeit von China, Weigelin-Schwiedrzik die chinesische Architektur aus SCO und BRICS.
- Herfried Münkler — DenkerVita — Notte beschreibt Russlands Übergang vom Atomschatten zum hybriden Krieg, Münkler die Theorie dazu: die aufgelöste Grenze zwischen Krieg und Frieden, Russland als Katechon.
- Sham Jaff — DenkerVita — Beide drehen den europäischen Blick um: „Russland war nur aus westlicher Sicht isoliert“ trifft auf „für 85 Prozent der Menschheit war die Welt nie in Ordnung“.
Cortex-Notes
Im Bestand
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