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Gedankenraum
Denker·08.10.2026·1:27 h·70 Belegstellen

Susanne Boshammer — Was heißt verzeihen?

Wer verzeiht, wischt die Tafel nicht ab. Er lässt stehen, was geschah, und gibt dem anderen das Einzige zurück, das nur er geben kann: den ruhigen Schlaf.

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Künstlerhand: Félix Vallotton — Holzschnitt in Schwarz auf gebrochenem Weiß, in der Art der Folge Intimités (1897–98): große schwarze Massen mit sichtbaren Hohleisen-Spuren, Japanpapier mit gerissenem Rand.

Warum: Vallotton hat in Intimités das kleine Unrecht zwischen zwei Menschen geschnitten, die Lüge, den Verrat, das Zimmer danach. Genau dort setzt Boshammer an, beim Unrecht in Beziehungen, und sie trennt so scharf wie ein Schnitzmesser: Verzeihen löscht nichts. Darum bleibt die Tafel beschrieben, der Schwamm liegt unbenutzt auf der Leiste. Die Frau lässt einen weißen Faden aus der offenen Hand gleiten, den Anspruch auf das schlechte Gewissen des anderen; er liegt lose auf den Dielen. Der Mann geht ins Licht hinaus, und ob er wiederkommt, ist eine andere Geschichte.

Prompt: Hand-carved black and white woodcut print by Félix Vallotton, from his 1898 series Intimités, 1200x500 wide banner. Printed in black oil ink on slightly textured off-white Japanese paper, visible gouge marks and wood-grain texture in the black areas, irregular hand-cut edges, large flat masses of solid black. A sparse bourgeois interior around 1900. On the left wall a dark blackboard with one long white chalk line written across it, not wiped; a felt sponge lies unused on its ledge. In the centre a woman in a long black dress stands in an open doorway, her open hand turned upward, letting a thin white thread slip loose from her fingers to the floor. On the right a man in a heavy dark overcoat leaves through a second door into white light, back turned, the slack thread trailing on the floorboards behind him. Strong carved diagonal shadows, figures as flat black silhouettes, faces hidden. Grave, quiet mood. No realistic faces, no text, no letters, no signature, no monogram, no initials, no photorealism, no vector graphics.

Worum es geht

Wer verzeiht, wischt die Tafel nicht ab. Er lässt stehen, was geschah, und gibt dem anderen das Einzige zurück, das nur er geben kann: den ruhigen Schlaf. Die Osnabrücker Philosophin Susanne Boshammer zerlegt mit Barbara Bleisch einen Begriff, den alle zu kennen glauben. Verzeihen ist etwas anderes als „Schwamm drüber“, es heißt nicht versöhnen und nicht vergessen, und es ist nicht immer gut. Dazwischen sitzt eine Frau aus einem Film, die der Nonne verzeiht, die ihr den Sohn genommen hat, und die beiden Philosophinnen sehen in derselben Szene Verschiedenes. Am Ende fragt der Saal nach Ruanda, nach dem Nachkriegsdeutschland, nach der AfD und nach dem, was man sich selbst nicht vergibt.

Quelle: Susanne Boshammer & Barbara Bleisch: Verzeihen? | Utopie-Konferenz 2026 — Abendgespräch auf der Utopie-Konferenz 2026 „Großzügigkeit, eine Utopie?“, Leuphana Universität Lüneburg (26.–28.08.2026), moderiert von Barbara Bleisch, 88 Minuten mit ausführlicher Fragerunde

Wer spricht?

Susanne Boshammer — Professorin für Praktische Philosophie an der Universität Osnabrück, regelmäßiger Gast im Philosophischen Radio auf WDR 5. Studium der Philosophie, Geschichte und Politikwissenschaft in Mainz und Münster, 2002 Promotion über die moralische Begründung von Minderheitenrechten (Gruppen, Rechte, Gerechtigkeit). Danach Oberassistentin am Ethik-Zentrum der Universität Zürich (2002–2009), Assistenzprofessorin in Bern (2009–2013), seither in Osnabrück. Seit Jahren arbeitet sie über Schuld, Vorwurf und Verzeihen; ihr Buch dazu richtet sich ausdrücklich an ein Publikum jenseits des Fachs und versteht sich als philosophische Untersuchung, nicht als Ratgeber.

Wichtigstes Werk: Die zweite Chance. Warum wir (nicht) alles verzeihen sollten (2020) Kernkonzepte: Verzeihen als Verzicht auf den Vorwurf · Nachsicht und Vergessen („Schwamm drüber“) · Verzeihen vs. Versöhnen · Opferprivileg · moralische Verjährung · Tat und Person

→ DenkerVita

Barbara Bleisch (1973, Basel) — Schweizer Philosophin und Ethikerin, seit 2010 Gastgeberin der Sternstunde Philosophie (SRF), Autorin von Warum wir unseren Eltern nichts schulden (2018) und Mitte des Lebens (2024). Auf der Utopie-Konferenz 2026 zum ersten Mal Host. Sie kommt aus demselben Haus wie ihr Gast: Als Boshammer am Zürcher Ethik-Zentrum Oberassistentin war, arbeitete Bleisch dort als Assistentin. Hier ist sie die Fragende, die sich als Versuchsperson anbietet, und an zwei Stellen die Widersprechende.

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Gabe und Verzicht

1:32 — Bleisch beginnt beim Thema der Konferenz, und Boshammer zieht sofort eine Linie, die das ganze Gespräch trägt. Gerechtigkeit regelt, worauf jemand einen Anspruch hat. Großzügigkeit beginnt dort, wo der Anspruch endet, oder bei Dingen, auf die niemand überhaupt Anspruch erheben kann. Darum ersetzt das eine das andere nie: Auch in einer vollkommen gerechten Welt bräuchte es großzügige Menschen 3:03. Und Großzügigkeit hat zwei Gesten. Man kann etwas gewähren, und man kann auf etwas verzichten, etwa darauf, auf seinem Recht zu bestehen.

Ihr erstes Beispiel ist klein und ehrlich. Nach einem Restaurantbesuch fragte sie nach, ob ihr Trinkgeld übertrieben gewesen sei, weil die Bedienung so seltsam reagiert hatte 4:34. Die Antwort, „nur sehr großzügig“, beruhigte sie nicht ganz. Zu viel Großzügigkeit kann beschämen, sie kann nach „dicker Hose“ aussehen und den anderen in eine Schuld setzen, die er nie begleichen kann. Wie jede aristotelische Tugend hat sie ihr Maß. Einen Satz schreibt Boshammer Adorno zu: In der Welt des Tausches hat der Unrecht, der mehr gibt 6:06. Echte Großzügigkeit verlässt diese Welt, sie führt keine neue Währung ein.

Von hier aus ist der Weg zum Verzeihen kurz, und er führt über die Sprache:

„… dass im Begriff des Vergebens die Gabe liegt, das Geschenk, und im Begriff des Verzeihens der Verzicht, also etwas nicht einfordern, worauf ich vielleicht einen Anspruch habe.“8:24

Im Gespräch — 8:24

Die Etymologie ist in der Fachliteratur geläufig, auch Fabian Bernhardt arbeitet mit ihr. Boshammer benutzt die beiden Wörter danach weitgehend gleichbedeutend, erst in der Fragerunde trennt sie sie wieder. Wichtig ist der Verzicht. Wer verzeiht, gibt etwas auf, das ihm zusteht. Was genau das ist, macht den Rest des Abends aus.

Schwamm drüber ist kein Verzeihen

9:56 — Bleisch bietet die Alltagsformel an: „Schwamm drüber“, das klinge doch großzügig. Boshammer denkt bei dem Wort an eine Kreidetafel, an etwas, das ausgelöscht wird, damit niemand mehr darauf starrt 10:41. Was da geschieht, ist für sie eine Mischung aus Nachsicht und Vergessen. Man drückt ein Auge zu, lässt fünfe gerade sein und sieht über das Unrecht hinweg.

Verzeihen tut das Gegenteil. Es legt die Aufmerksamkeit genau darauf, dass der andere etwas getan hat, was er nicht hätte tun dürfen 11:27. Wer „ich verzeihe dir“ sagt, sagt zuerst: Das war Unrecht. Boshammer spielt es an einem Beispiel durch, in dem sie Bleisch zur Schuldigen macht, beide als Kolleginnen an einer Hotelrezeption, die eine schwärzt die andere beim Chef an. Die Schwamm-drüber-Haltung erspart allen das Unangenehme, das Ansprechen, die Aufforderung zur Entschuldigung. Darin liegt eine gewisse Großzügigkeit, oft auch bloße Konfliktvermeidung. Verzeihen verlangt, dass man gemeinsam hinsieht. Und dann verzichtet man auf etwas sehr Bestimmtes:

„Ich verzichte nämlich darauf, dass du dir selber Vorwürfe machst. […] Das heißt, du musst kein schlechtes Gewissen mir gegenüber mehr haben. Darauf verzichte ich und darauf habe ich eigentlich einen Anspruch.“13:44

Im Gespräch — 13:44

Das ist der Kern ihrer Theorie, und er ist ungewöhnlich präzise. Verzeihen heißt für Boshammer weder, den Groll loszuwerden, noch, den anderen wieder zu mögen. Es ist ein Verzicht auf einen moralischen Anspruch, den Anspruch auf das schlechte Gewissen des Täters. Der Groll darf noch eine Weile bleiben, die Tat bleibt an der Tafel stehen. Was erlischt, ist die offene Rechnung.

Eigene Einschätzung

Die Unterscheidung hat eine politische Pointe, die an diesem Abend erst in der Fragerunde aufscheint. Der Westfälische Friede, ausgehandelt in Osnabrück und Münster, den beiden Städten von Boshammers Laufbahn, verordnete 1648 im zweiten Artikel „immerwährendes Vergessen und Amnestie“ für alles, was im Krieg geschehen war. Das ist Schwamm drüber als Vertragsrecht, und es hat Europa einen Frieden gebracht. Boshammers Begriff erklärt, warum solche Frieden halten können und doch etwas schuldig bleiben: Sie stellen die Ordnung her, ohne das Unrecht je ausgesprochen zu haben. Wer so verzeiht, hat streng genommen nicht verziehen, er hat beschlossen, nicht mehr hinzusehen. Manchmal ist das klug. Es ist aber eine andere Tat.

„Was genau willst du mir verzeihen?“

15:16 — Weil Verzeihen ein Unrecht voraussetzt, kann es empören. Bleisch spitzt zu: eine Affäre mit dem Partner der anderen, die nie stattfand, und dann der Satz „ich verzeihe dir“. Die Antwort wäre: Was genau willst du mir verzeihen? Boshammer findet daran etwas Erhellendes. Die Geste zwingt zur Klärung, und zwar über zwei Dinge, über das, was passiert ist, und darüber, ob es überhaupt Unrecht war.

Ihr Beispiel ist eines, das viele Familien kennen. Die Eltern werden pflegebedürftig, die Tochter übernimmt fast alles, der Bruder nichts. Nach dem Tod der Eltern sagt die Schwester, sie verzeihe ihm. Und er wehrt sich, er habe immer gesagt, er halte ein Heim für besser und mache das nicht mit 16:48. Er ist sich keiner Schuld bewusst. Wer hat recht? Boshammer weicht der Frage nicht aus, sie verschiebt sie. Die Moral ist nicht kodifiziert, man kann in keinem Grundgesetz nachschlagen und keinen Moralexperten fragen. Es gibt echte moralische Irrtümer, sagt sie, und es lohnt sich, sie aufzudecken. Aber der Streit hat einen anderen Ertrag:

„Über Moral zu streiten ist eine Form, uns miteinander zu verständigen. Nicht, weil wir am Ende festlegen, was richtig ist, sondern weil wir einander kenntlich werden.“18:19

Im Gespräch — 18:19

Wer weiß, was der andere von ihm erwarten darf, kann seine Erwartungen anpassen und friedlicher leben. Darum fürchtet sie die Uneinigkeit nicht: „Wir müssen uns vor Uneinigkeit nicht fürchten, aber wir müssen lernen, mit ihr zu leben“19:04. Bleisch fasst zusammen, Verzeihen könne der Anfang eines guten Weitergehens sein oder der Anfang von Streit. Boshammer ergänzt, dass auch „das verzeihe ich dir nie“ ein Einstieg in diesen Streit ist.

Das ist die stillste und vielleicht nützlichste These des Abends. Ein ausgesprochenes Verzeihen ist eine Behauptung über die Welt, und Behauptungen kann man bestreiten. Die Szene am Sterbebett der Eltern wird so lesbar, sie wird nicht leichter.

Philomena — Selbstachtung oder Souveränität?

22:52 — Boshammer beginnt bei den Gründen gegen das Verzeihen, weil sie ein Klima beobachtet, in dem man beim Verzeihen „gar nichts falsch machen“ kann. Es gibt Kurse, die es lehren, und sie verkaufen es als Geschenk an sich selbst, der Täter kommt darin kaum vor 23:38. Gegen diese therapeutische Lesart hält sie fest, dass Verzeihen eine Botschaft an den anderen ist, und manche Botschaften sollte man nicht senden. Wer immer wieder verzeiht, lehrt den anderen womöglich, dass man so mit ihm umgehen kann. Das ist der Selbstschutz. Der zweite Grund wiegt schwerer, die Selbstachtung: Es gibt Unrecht, nach dem man sich sagt, wer dem noch entgegenkommt, „kann morgen nicht mehr in den Spiegel gucken“24:23.

Hier bringt Bleisch den Film Philomena ins Spiel, den Boshammer in ihrem Buch erzählt. Eine junge Irin wird schwanger, die Nonnen ihres Heims zwingen sie, das Kind zur Adoption freizugeben; Jahrzehnte später sucht sie mit einem Journalisten den Sohn und erfährt, dass er tot ist. Am Ende steht sie vor der alten Nonne, der Journalist drängt, sie solle endlich etwas sagen, und Judi Dench sagt nur: Ich verzeihe Ihnen. Bleisch bekommt Gänsehaut, aber vor Abwehr: „Wo bleibt jetzt hier die Selbstachtung?“25:54 Boshammer sieht dieselbe Szene anders:

„Ich habe gedacht, es ist unglaublich souverän. […] Du kannst mir nichts mehr tun. Ich erwarte von dir nichts mehr. Ich erwarte nicht mehr, dass du dich bei mir entschuldigst.“26:39

Im Gespräch — 26:39

Ihr Argument: Wer verzeiht, nimmt das Heft des Handelns in die Hand. Auch die Vergeltung bleibt reaktiv, sie versteht sich vom erlittenen Unrecht her. Philomena dagegen knickt keine Sekunde ein.

Die Reibung ist echt, und keine der beiden löst sie. Boshammers eigene Gründe gegen das Verzeihen, Selbstachtung und Selbstschutz, passen auf diesen Fall genau, ein Unrecht, das sich nicht wiedergutmachen lässt, gegenüber einer Täterin, die nie um Verzeihung bat. Dass sie hier trotzdem Souveränität sieht, zeigt, wie stark ihre Theorie vom Opfer her gedacht ist. Verzeihen ist dessen Macht, und wer Macht ausübt, beugt sich nicht.

Weitergedacht

Woran erkennt man von außen, ob eine Verzeihung souverän ist oder ein Einknicken, wenn die Worte dieselben sind? Und wer darf das beurteilen, wenn nicht die, die verzeiht?

Verzeihen heißt nicht versöhnen

27:26 — Bleisch hält dagegen: Auch „ich verzeihe dir nie“ schließe doch ab, man haue die Tür zu. Boshammer dreht das Bild um. Wer sagt „ich verzeihe dir nie“, hält die Beziehung offen, denn er hält eine Forderung aufrecht, der andere schuldet ihm noch etwas 28:13. Wer verzeiht, schließt. Daraus folgt die zweite große Trennung des Abends. Verzeihen schaut zurück, es bringt Verhältnisse in Ordnung, die eine Tat in Unordnung gebracht hat. Versöhnung schaut nach vorn, sie will, dass etwas weitergeht. Boshammer zitiert ein Wort, das sie Jack Kornfield zuschreibt:

„Verzeihen bedeutet, jede Hoffnung auf eine bessere Vergangenheit aufzugeben.“28:58

Im Gespräch — 28:58

Wer am nächsten Tag klingelt und auf einen Kaffee will, weil ihm verziehen wurde, kann eine Antwort bekommen, die sich nicht widerspricht: „Diese Geschichte zwischen uns ist abgeschlossen. Eine neue möchte ich nicht beginnen“29:44.

Bleisch bohrt weiter, und das ist die Frage, die später aus dem Publikum wiederkommt: Ist „ich verzeihe dir“ nicht bloß ein Sprechakt, wenn das Gefühl nicht hinterherkommt? Boshammer gibt zu, dass Gefühle wacklig bleiben und dass man am Verzeihen scheitern kann. Aber im Moment der Mitteilung ändert sich etwas in den Erwartungen. Wem verziehen wurde, der darf sich beklagen, wenn die alte Geschichte bei jeder Gelegenheit aufgewärmt wird, und umgekehrt darf die Verzeihende einer Mutter, die sich weiter zerknirscht, sagen: Hör auf, ich habe dir verziehen 31:14. „Das ist meine Macht, indem ich dir verzeihe, dass ich dich von dieser Pflicht entbinde“32:00.

Diese Trennung räumt mit einem verbreiteten Missverständnis auf, dass Verzeihen Nähe verlange. Man kann einem Menschen verzeihen und ihn nie wiedersehen wollen. Gerade Opfern schwerer Gewalt, die sich zum Verzeihen gedrängt fühlen, weil sie die Rückkehr des Täters fürchten, nimmt das eine Last ab.

Wann Nichtverzeihen hartherzig ist — und wann Gras genügt

32:45 — Nun das andere Extrem. Wer grundsätzlich nie verzeiht, ist für Boshammer hartherzig und, wie sie trocken sagt, „auch einfach blöd“. Dahinter steht ein Fairnessgedanke: „Du solltest prinzipiell vergebungsbereit sein, weil du vergebungsbedürftig sein wirst.“ Besonders hartherzig ist die Verweigerung in einem bestimmten Fall, wenn die Tat kein genuiner Ausdruck der Person war und diese aufrichtig um Verzeihung bittet. Aufrichtig heißt dreierlei: Ich habe es getan, es war falsch, und ich tue, was ich kann, damit es nicht wieder geschieht 34:15. Eine solche Bitte räumt alle Gründe gegen das Verzeihen ab, die Angst vor Wiederholung, die Missachtung, den Spiegel. Wer dann nicht einmal darüber nachdenkt, zeigt ein „Desinteresse am Funktionieren sozialer Beziehung“.

Bleisch bringt die Erfahrung des Saals ein. Sie habe sich beim Vorbereiten kaum an ein ausgesprochenes Verzeihen erinnert, viel öfter an Wut, an „so ein Vollidiot“, und dann sei Zeit ins Land gegangen. Wächst nicht meistens einfach Gras drüber 35:47? Boshammer gibt ihr recht, für die moralischen Alltagsschäden. Gras wachsen lassen, die Stelle eine Weile nicht betreten, die Zeit arbeiten lassen, das sei bei Kleinem eine gute Haltung. Bei gravierendem Unrecht nicht: Die Seelenruhe, die sich mit der Zeit einstellt, mit dem Befund zu verwechseln, es sei nichts passiert, sei „keine gute Empfehlung“37:18.

Dann wird es persönlich. Boshammer hat einige Zeit in einem Hospiz verbracht, als Begleiterin, und erfuhr dort, wie viele Menschen am Ende noch einmal mit jemandem sprechen wollen, um zu verzeihen oder um Verzeihung zu bitten 38:04. Bleisch erzählt von einem Mädchen, zu dem sie mit neun oder zehn nicht freundlich war, und dessen Nachnamen sie nicht mehr weiß. Boshammer: Sie habe auch so ein Mädchen, sie kenne den Namen noch, sie sage ihn nicht. Um Verzeihung zu bitten, sei das Ersuchen einer Gunst. Nach vielen Jahren könne es egoistisch sein, „jetzt komme ich als Kamel daher und knabber das ab“40:23, das Gras, das der andere hat wachsen lassen.

Eigene Einschätzung

An dieser Stelle hat Bleisch ihre Gesprächspartnerin stärker getroffen, als das Gespräch es zugibt. Wenn die meisten Menschen die meisten Kränkungen mit Gras und Zeit erledigen, dann ist das ausdrückliche Verzeihen, das Boshammer so genau beschreibt, der Ausnahmefall, und es wird vor allem dort gebraucht, wo jemand ernsthaft um Verzeihung bittet oder ein schweres Unrecht nicht vergehen will. Für die Praxis heißt das: Die Theorie taugt weniger als Ideal für jeden Tag, mehr als Werkzeug für die wenigen Momente, in denen Gras nicht wächst. Und das Kamel trifft einen Punkt, den Versöhnungsrhetorik gern übersieht: Auch die Bitte um Verzeihung kann übergriffig sein.

Strafe, Mediation und die moralische Verjährung

41:08 — Bleisch wechselt ins Strafrecht: Was hieße es, dort großzügiger zu sein? Boshammer erinnert daran, dass der Rechtsstaat offiziell straft, damit der Täter es nicht wieder tut und andere es nicht nachmachen. Bleisch setzt eine Klammer: Gefühlt strafen wir aus Vergeltung, wer sich über ein mildes Urteil empört, denkt „geht’s noch?“ und selten an Resozialisierung. Boshammer gibt ihr recht und will auf etwas anderes hinaus. Der Präventionsgedanke funktioniere nach den Studien schlecht, bei manchen Delikten sei der Anteil der Wiederholungstäter extrem hoch (→ Faktencheck). Liegt es dann nicht nahe, auf Strafe zu verzichten, fragt Bleisch, den Tätern zu verzeihen? Diese Folgenlosigkeit wäre „erwartbar nicht die bessere Idee“42:38. Boshammer zeigt auf etwas anderes, auf Täter-Opfer-Mediation im Strafverfahren, deren Ziel meist gar nicht die Vergebung ist.

„Das Großzügige besteht nämlich darin, dass ich dich überhaupt noch anhöre.“43:23

Im Gespräch — 43:23

Viele Täter empfänden genau das so, die bloße Gelegenheit zu sagen, es tut mir furchtbar leid. Großzügigkeit zeigt sich hier im Verfahren, nicht im Strafmaß. Ob Deutschland zu wenig großzügig straft, will Boshammer nicht beurteilen, da kenne sie sich zu wenig aus.

Woran sie gerade arbeitet, ist eine Übertragung aus dem Recht in die Moral: die Verjährung 44:56. Gibt es eine Zeit, nach der Vorwurf und Abstand nicht mehr gerechtfertigt sind? Ein Gedanke spricht dafür, dass Menschen sich ändern. Das Mädchen von damals ist heute eine andere Frau, und die, die damals gemein war, auch. Darin sieht Boshammer eine Geste, die schwerfällt und gerade darum großzügig ist:

„… dass man nämlich sagt, ich erlaube dir, eine andere zu werden.“45:43

Im Gespräch — 45:43

Hier verläuft die Grenze zu Fabian Bernhardt. Für ihn schließt Verzeihen den Verzicht auf Strafe ein; Boshammer trennt beides. Man kann verzeihen und die Strafe trotzdem für richtig halten, weil der Staat im Namen aller eine Regel verteidigt und den Vorwurf des Opfers gar nicht zu vergeben hat. Ihre Linie ist die sauberere, weil sie das Verzeihen dort lässt, wo es hingehört, beim Verletzten. Der Preis ist, dass das Strafrecht von der Großzügigkeit fast unberührt bleibt, bis auf die Form des Verfahrens.

Eigene Einschätzung

Die moralische Verjährung ist der kühnste Gedanke des Abends, und sie hat einen prominenten Gegner, der in der Fragerunde nur kurz auftaucht. Vladimir Jankélévitch schrieb 1965 den Text, der später unter dem Titel L’Imprescriptible, „Das Unverjährbare“, erschien, mitten in der deutschen Debatte über die Verjährung von NS-Morden, die der Bundestag erst 1979 endgültig aufhob. Sein Einwand trifft Boshammers Formel genau: Bei manchen Taten verändert die Zeit nur das Gedächtnis der anderen, den Täter lässt sie, wie er war. Man muss Jankélévitch nicht folgen, um die Grenze zu sehen. „Ich erlaube dir, eine andere zu werden“ setzt voraus, dass jemand eine andere werden will. Die Verjährung im Recht fragt danach nicht; die moralische sollte es tun.

Bekennen, nicht rechtfertigen

46:28 — Die Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika ist für Bleisch das große Beispiel einer Gesellschaft, die auf Gerechtigkeit im engeren Sinn verzichtete. Boshammer erklärt sie mit einer These über die Religionen. Dass Verzeihensgebote in allen Weltreligionen stehen, hänge damit zusammen, dass sie aus Zeiten stammen, in denen Menschen nicht wegziehen und sich nicht scheiden lassen konnten 47:14. Wer Tür an Tür mit dem leben muss, der ihm Unrecht getan hat, braucht eine Kultur, die erlaubt, morgen noch Nachbarn zu sein. Genau so lag es in Südafrika: unermessliches Unrecht, große Gruppen auf beiden Seiten und keine Möglichkeit, sich aus dem Weg zu gehen. Darum ging es um Versöhnung, um weiteres Zusammenleben.

Die Bedingung war das Bekenntnis, nicht die Reue. Die Täter mussten den anderen ins Gesicht sehen und sagen: Das habe ich getan 48:47. Verantwortung übernehmen und Verantwortung zuschreiben, durch Vorwurf, aber auch durch Verzeihen, statt durch Entschuldigen. Im privaten Verzeihen dagegen spielt Reue eine große Rolle, weil man aus dem Wunsch „ich hätte es nicht getan“ ableitet, dass es nicht wieder geschieht 50:18. Ins Herz eines Menschen sieht man nicht, es bleibt ein Vertrauensvorschuss.

Bleisch fragt nach den Fehlern beim Bitten um Verzeihung, und Boshammer greift auf einen Rat zurück, der Benjamin Franklin zugeschrieben wird: Ruiniere deine Entschuldigung nicht mit einer Ausrede. Die Neigung kennt jeder, noch bevor der andere reagieren kann, zu erklären, warum man es getan hat, den schlimmen Tag, den Stress, den Regen. Aber:

„Sich rechtfertigen heißt ja eigentlich zeigen wollen, dass das, was ich getan habe, okay war. Aber um Verzeihung bitten funktioniert nur, wenn du bekennst, es war nicht okay.“51:49

Im Gespräch — 51:49

Die Erklärung darf kommen, wenn der andere fragt: Warum behandelst du mich so? Vorher gehört der Moment ihm. Das ist der praktischste Satz des Abends, und er verbindet die Kommission mit dem Küchentisch. In beiden Fällen kommt das Bekenntnis zuerst, und erst danach dürfen die Gründe kommen.

Weitergedacht

Die Kommission verlangte Bekenntnis ohne Reue, das private Verzeihen hofft auf Reue. Ist ein Bekenntnis ohne Reue eine halbe Bitte um Verzeihung, oder ist es gerade das, was sich von einer ganzen Gesellschaft verlangen lässt?

Die Großzügigkeit, die man sich nicht leisten können muss

53:21 — Bleisch fragt, was Menschen eher verzeihend oder eher kleinlich macht. Boshammer kennt die empirische Antwort nicht und bietet eine Analogie an. Materielle Großzügigkeit muss man sich leisten können; wer auf den Cent schauen muss (Bleisch korrigiert lachend: auf den Rappen), gibt kein großes Trinkgeld. Etwas Ähnliches gibt es beim Verzeihen. Wer einem Menschen entgegenkommt, der ihn schwer verletzt hat, riskiert die nächste Verletzung. Ein stark verwundeter Mensch kann sich das vielleicht nicht leisten 54:06. Dann dreht sie den Gedanken. Jeder, der eine Weile auf diesem Planeten lebt, erfährt Unrecht in beiden Rollen, als Opfer und als Täter. Das Kapital dafür hat jeder:

„… dass wir nicht reich sein müssen, um verzeihen zu können.“54:51

Im Gespräch — 54:51

Bleisch zitiert den Satz aus Boshammers Buch, der ihr am meisten bedeutet: Für das Verzeihen spreche nicht, dass der andere auch nur ein Mensch sei, sondern dass er trotz allem, was er getan hat, immerhin ein Mensch ist 55:36. Boshammer macht daraus eine Diagnose. Wer jemandem verzeiht, der wirklich Unrecht getan hat, muss die Tat von der Person trennen, und das fällt schwer, weil unsere Sprache es verhindert. Wer gelogen hat, heißt Lügnerin, wer verraten hat, Verräter, und „das ist eine Krankheit, die ist weit verbreitet und an der leiden wir alle“56:21. Dagegen steht Augustinus’ Rat, die Sünde zu hassen und den Sünder zu lieben, der aus einem Brief von 423/424 stammt und meist auf Englisch zitiert wird, was Bleisch mit der Frage quittiert, ob Augustinus denn Englisch geschrieben habe.

Die Begründung reicht über die Moral ins Politische. Wer alle ausschließt, die einmal etwas falsch gemacht haben, schließt alle aus, und dann fehlen die Menschen, mit denen man an einer Welt bauen könnte, in der diese Dinge nicht mehr geschehen 57:52. Wer verzeiht, leistet die Anstrengung, „dich nicht mehr nur als Lügnerin zu sehen, sondern wieder als eine Person, die gelogen hat“. Darin liegt die stärkste Verbindung zum Thema der Konferenz. Die Großzügigkeit des Verzeihens kostet kein Geld, sie kostet Arbeit an der eigenen Wahrnehmung.

Eigene Einschätzung

Die Augustinus-Formel trägt Boshammers ganze Ethik, und sie hat eine Bruchstelle, die eine Zuhörerin eine halbe Stunde später benennt: Sie funktioniert nur, wo Tat und Person tatsächlich trennbar sind. Für Taten, in denen sich jemand ganz zeigt, etwa eine jahrzehntelang gepflegte Ideologie, hat die Formel weniger Halt. Boshammers Antwort in der Fragerunde, sie wolle die Fähigkeit behalten, in politischen Gegnern Menschen zu sehen, ist darum ehrlicher als die Formel selbst. Sie behauptet keine Trennbarkeit, sie beschreibt eine Übung.

Weitergedacht

Wenn Verzeihen die eine Großzügigkeit ist, die sich jeder leisten kann, warum ist sie dann ausgerechnet für die schwer Verwundeten am teuersten? Ist das „Kapital“, das alle haben, eine Ermutigung oder eine stille Zumutung an die, die am meisten erlitten haben?


Publikumsfragen

Bleisch öffnet die Mikrofone nach knapp einer Stunde; der Andrang ist groß, und am Ende muss sie abbrechen, weil der Saal freigegeben werden muss. Zehn Wortmeldungen, eine davon ihre eigene.

Verzeihen, ohne es zu sagen? 58:41 — Ein Zuhörer teilt das Verzeihen in zwei Schritte, den inneren Vorgang und die Mitteilung, und fragt nach der dritten Möglichkeit: verzeihen und es nie sagen. Boshammer nennt die Unterscheidung „extrem wichtig“, schon weil man auch Toten verzeihen kann. Unter Lebenden könne es ratsam sein, den inneren Akt zu vollziehen, zur eigenen Entlastung, und ihn nicht mitzuteilen. Ihr Beispiel ist Eva Mozes Kor, die mit ihrer Zwillingsschwester in Auschwitz für Mengeles Versuche gequält wurde, öffentlich „allen Nazis“ verzieh, im Lüneburger Prozess gegen einen früheren SS-Mann auftrat und dafür angefeindet wurde 59:27. Kor habe das Verzeihen empfohlen, das öffentliche Verzeihen aber nicht unbedingt. Die Philosophie spricht vom lauten und vom leisen Verzeihen; auch das leise kann großzügig und schwer sein.

Ist es hartherzig, eine aufrichtige Bitte abzulehnen? 60:57 — Ein sichtlich bewegter Zuhörer („mehrfach Gänsehaut“) lässt sich die These noch einmal erklären. Nicht immer, sagt Boshammer, es gibt gute Gründe gegen das Verzeihen. Aber wenn jemand alles tut, was er kann, sagt, ich war’s, es war falsch, ich würde es rückgängig machen und es nie wieder tun, und wenn das Unrecht nicht zu gravierend ist, dann fallen Selbstschutz und Selbstachtung als Gründe weg. Dann einfach „Daumen runter“ zu sagen, fühle sich an, „als würde jemand sein Herz nicht öffnen können“63:13.

Und wenn der andere nichts einsieht? 63:13 — Eine Zuhörerin erzählt von einer Verletzung in der Familie. Die Person übernimmt keine Verantwortung und sagt, sie würde jederzeit wieder so handeln. Sie sei nicht hartherzig, es tue einfach weh. Boshammer hört vor allem den Schmerz und trennt ihn vom Verzeihen: „Es gibt andere Möglichkeiten, schmerzlos zu werden als nur durch Vergebung“64:44. Der Satz „ich würde es wieder tun“ sei informativ; von so einem Menschen solle man sich emotional etwas entfernen. Und manchmal ändern Menschen mit den Jahren ihren Blick, wie Kinder, die selbst Eltern werden. Bis dahin müsse sie sich nicht schlecht fühlen, wenn sie nicht verzeiht; sie müsse nur die Entlastung, die Verzeihen brächte, auf anderem Weg finden.

Augustinus, Homosexualität und die zweite Chance bei der AfD 66:17 — Eine Zuhörerin benennt zwei Missbräuche. Mit „Liebe den Sünder, hasse die Sünde“ würden in evangelikalen Kreisen homosexuelle Menschen abgewertet. Und in Sachsen-Anhalt rechtfertige das Umfeld von Ulrich Siegmund Leute mit Vergangenheit in rechtsextremen Jugendorganisationen mit der „zweiten Chance“, als die eigentlich Gnädigen. Wie gibt man zweite Chancen, ohne dieses Framing zu bedienen? Boshammer zuerst zur Homosexualität: Das Zitat passe nicht, denn „Homosexualität ist keine Tätigkeit“, sie gehöre zur Person, und wer sie ablehnt, lehnt die Person ab 67:47. Zur AfD ist sie „zwiegespalten“. Den Satz von der zweiten Chance glaubt sie diesen Leuten nicht, entweder sei ihnen die Vergangenheit egal oder sie wüssten, dass die Geschichte weitergeht. Dann wird sie selbstkritisch. Bei rechtsorientierten Menschen falle es ihr schwer, Überzeugung und Person zu trennen, „und das ist mein Fehler“; das Land leide darunter, dass es allen so gehe. Politisch könne das, wenn „der Busch brennt“, eine gute Idee sein. Für sich selbst sagt sie:

„Ich möchte nichts verzeihen, darum geht’s gar nicht, sondern ich möchte die Fähigkeit behalten, zu sehen, dass das Menschen sind, weil ich Angst habe vor Leuten, die das nicht mehr sehen.“69:18

Im Gespräch — 69:18

Ruanda — und kann man sich selbst verzeihen? 70:05 — Ein Zuhörer ergänzt die Gacaca-Gerichte, mit denen Ruanda nach dem Genozid Nachbarn über Nachbarn richten ließ, und fragt, wie man mit Schuld umgeht, wenn das Gegenüber nicht mehr da ist. Boshammer weitet die Frage: Oft verzeiht der andere sogar, und man selbst bekommt es nicht hin. Von „sich selbst verzeihen“ will sie aus „technischen Gründen“ nicht sprechen 71:36; in ihrem Begriff verzichtet ja das Opfer auf den Vorwurf, und das kann man nicht für sich selbst. Was dahinter liegt, sei, dass man sich mit der Person, als die man sich kennengelernt hat, nicht anfreunden kann. Wir sollten mit uns so großzügig sein wie mit anderen, uns eine zweite Chance geben, anerkennen, dass wir andere geworden sind. Manches gelingt nicht. Dann gelte: „Ich verdamme nicht mich als Person, sondern ich bleibe einfach unversöhnt mit dem, was ich damals getan habe“72:22.

Was ist mit der deutschen Erinnerungskultur? 73:07 — Ein Zuhörer erinnert an die Nachkriegszeit, in der kaum ein Täter Verantwortung übernahm, an Kohls „Gnade der späten Geburt“, an NS-Belastete im ersten Bundestag, an der Spitze von Interpol und in der NATO. Die Gesellschaft habe „Schwamm drüber“ gesagt. Boshammer findet sich in der Beschreibung wieder, weist aber darauf hin, dass andere im Vergleich mit anderen Ländern eher einen „Fetisch mit dieser Schuld“ sähen. Dann zwei Klarstellungen 75:23. Die heutige Generation hat nichts zu verzeihen, sie hat Grund zu erinnern. Und Verzeihen heißt nicht vergessen. Gegen Vladimir Jankélévitch, der sagte, man dürfe nicht verzeihen, weil Verzeihen Vergessen hieße und man den Millionen Toten das Erinnern schulde, hält sie: Wer verziehen hat, kann sich womöglich besser erinnern, weil er nicht verdrängen muss. Erinnerung habe mit Unverzeihlichkeit nichts zu tun, sie sei Information „über die Möglichkeiten der menschlichen Grausamkeit“76:08, damit wir früh genug anfangen, uns und andere zu bremsen.

Verzeihen geschieht, man macht es nicht 76:54 — Eine Zuhörerin widerspricht dem Willensakt: Verzeihen geschehe, wenn man alles sieht und fühlt, vielleicht mit Mitgefühl, und mit Blick auf die Simone-Weil-Runde vom Vortag hätten Geben und Empfangen viel miteinander zu tun. Boshammer gibt ihr halb recht. Entscheiden lasse sich Verzeihen nicht einfach, es gebe immer einen Moment der Unverfügbarkeit. Aber man könne nachhelfen, indem man sich Informationen und Perspektiven öffnet. Automatisch geschehe es nicht, und dem Satz „alles verstehen heißt alles verzeihen“ glaubt sie nicht: „Manchmal wird der Groll sogar größer, wenn wir erfahren, was hinter bestimmten Dingen sich verbirgt“78:26. Zu Geben und Empfangen: Verzeihen ist eine soziale Geste, wer sie macht, empfängt zwangsläufig etwas mit.

Bleischs Nachtrag: Gnade 79:58 — (Bleischs eigener Einwand) Die Moderatorin knüpft an ihre frühere Frage nach dem Gefühl an. Das Verzichten auf den Vorwurf könne man sehr kognitiv tun. Das andere, mit Simone Weil, sei fast eine Idee der Gnade, dass man nicht mehr auf Distanz gehen muss, weil der andere keinen Schmerz mehr auslöst, und das gehöre eher zur Versöhnung. Boshammer stimmt zu: Mit der Mitteilung schafft man Fakten, danach muss ein Prozess in Gang kommen, der etwas Unwillkürliches hat.

Die Schuld bleibt beim anderen 80:44 — Eine Zuhörerin beschreibt, was ihr hilft: Wer Schuld auf sich lädt, schafft Gläubiger. Als Gläubigerin könne sie sich fragen, ob der andere etwas tun kann, damit es wieder gut wird, und die Antwort sei nein, es ist passiert. Die Schuld lasse sie beim anderen, und das mache sie handlungsfähig. Boshammer nimmt das zum Anlass, die Begriffe am Schluss doch noch zu trennen. Vergebung im strengen Sinn, die Aufhebung der Schuld, gebe es nur bei Gott; Menschen können verzeihen. Schuld ist Verantwortung für Unrecht. Wer sein Versprechen bricht, weil die Bahn Verspätung hat, hat Unrecht getan, trägt aber keine Schuld, er ist ent-schuldigt 83:05. Die Schuld selbst kann niemand rückgängig machen, aber ihre Konsequenzen schon:

„Es gibt ein Opferprivileg in Sachen Verzeihen. Ich bin die Einzige auf der Welt, die dir das nehmen kann. Ich kann sagen, du darfst wieder ruhig schlafen.“83:50

Hören — 83:50

Verweigert sie es, kann der Täter nicht zu einer Dritten gehen und dort um Erlass bitten. Das sei „eine Wahnsinnsmacht“, eine privilegierte Position derer, die Unrecht erlitten haben, zu schwach, um die Schuld zu beseitigen, stark genug, um die Selbstvorwürfe zu beenden.

Und die kleinen Dinge? 84:36 — Die letzte Frage, mit Bleischs Hinweis, sie habe die Macht, das Gespräch zu beenden, und wolle die Großzügigkeit haben, noch eine zuzulassen. Ein Zuhörer greift das Gras auf: Läge nicht gerade in den Kleinigkeiten, die man übergeht, die Chance zu einer Kultur der Verbundenheit, achtsamer und sensibler? Boshammer will den Gedanken „sacken lassen“ und stimmt dem Ziel zu. Ihr Zweifel: Warum ausgerechnet die schmerzhaften Kleinigkeiten? Dort sei die Gefahr groß, dass man sich über Empfindlichkeiten gar nicht einigt 85:22. Dann lässt sie ihm doch recht: Vielleicht nähere man sich gerade bei den kleinen Dingen an, wo noch kein großes schlechtes Gewissen im Raum steht. „Könnte ein guter Hinweis sein.“


Nachbesprechung

Zwei Fragen hat Boshammer an diesem Abend angestoßen und offen gelassen: ob ein Vorwurf verjähren kann, und ob man sich selbst verzeihen kann. Was man darüber hinaus weiß.

Gibt es eine moralische Verjährung?

Boshammer arbeitet an dem Gedanken, wie sie sagt, gerade erst 44:56: Gibt es eine Zeit, nach der Vorwurf und Abstand nicht mehr gerechtfertigt sind? Ihr Grund ist, dass Menschen sich ändern, und ihre Formel heißt „ich erlaube dir, eine andere zu werden“ 45:43. Eine halbe Stunde später, gegen Jankélévitch, zieht sie die Grenze: Die heutige Generation hat nichts zu verzeihen, sie hat Grund zu erinnern, und Erinnerung ist Information über die Möglichkeiten menschlicher Grausamkeit 76:08. Beide Sätze passen zusammen, wenn man sie trennt wie sie: Verjähren kann der Vorwurf gegen die Person, das Gedächtnis der Tat nie.

Der Bundestag hat über die rechtliche Seite derselben Frage viermal gestritten. Am 10. März 1965 sollten NS-Morde nach zwanzig Jahren verjähren; ohne Fraktionszwang verschob das Parlament den Beginn der Frist, und Justizminister Bucher, der die Verjährung wollte, trat zurück. 1969 wurde Völkermord unverjährbar, die Frist für Mord stieg auf dreißig Jahre, und am 3. Juli 1979 hob der Bundestag sie für Mord ganz auf, mit 255 zu 222 Stimmen (bpb: Das Ende der Verjährungsdebatte). Dort ging es um den Anspruch des Staates, nicht um den des Opfers.

Wer genauer hinsieht, findet im Recht mehr moralische Verjährung, als die Eigene Einschätzung oben zugesteht. Nach Ablauf der Tilgungsfristen des Bundeszentralregisters, fünf bis zwanzig Jahre, dürfen Tat und Verurteilung „dem Betroffenen im Rechtsverkehr nicht mehr vorgehalten“ werden (§ 51 BZRG); nur lebenslange Strafen werden nie getilgt. Und das Bundesverfassungsgericht schrieb 2019 im Fall eines 1982 verurteilten Mörders, dessen Name über das Spiegel-Archiv auffindbar blieb: „Zur Zeitlichkeit der Freiheit gehört die Möglichkeit des Vergessens“; erst das Zurücktreten vergangener Sachverhalte eröffne die Chance zum Neubeginn (BVerfG, Recht auf Vergessen I, 1 BvR 16/13). Gelöscht wurde dabei nichts. Der Artikel blieb im Archiv, er sollte nur nicht mehr beim Namen obenauf liegen. Das ist Boshammers Trennung als Urteil: Die Tafel bleibt beschrieben, aber niemand hält sie dem Mann jeden Morgen vor.

Auch die Kriminologie kennt eine Verjährung, eine statistische. In einer amerikanischen Geburtskohorte glich sich das Risiko früher Verurteilter nach etwa sieben straffreien Jahren dem von Menschen ohne Vorstrafe an (Kurlychek, Brame & Bushway 2006, doi:10.1111/j.1745-9133.2006.00397.x); bei 88.000 Erstverhafteten in New York lag dieser Punkt je nach Delikt und Alter zwischen knapp vier und gut acht Jahren (Blumstein & Nakamura 2009, doi:10.1111/j.1745-9125.2009.00155.x). Das trägt Boshammers Grund: Menschen werden tatsächlich andere. Es misst aber nur das Risiko, nicht die Schuld, und Jankélévitchs Einwand bleibt stehen. Die Desistance-Forschung fügt hinzu, dass das Anderswerden die Erlaubnis braucht. Shadd Maruna beschreibt, wie ohne Rituale, in denen andere den Wandel anerkennen, die Rückkehr misslingt (Maruna 2011, doi:10.1177/1462474510385641); wer sich geändert hat und nicht als geändert gilt, vereinsamt (Nugent & Schinkel 2016). „Ich erlaube dir“ ist also mehr als eine Gnade, es gehört zum Wandel selbst.

Wo Nachbarn nach einem Massenverbrechen weiterleben müssen, hat diese Erlaubnis einen Preis, und ihn zahlen oft die Opfer. Ruandas Gacaca-Gerichte verhandelten von 2002 bis 2012 knapp zwei Millionen Fälle, Geständnisse senkten die Strafen; wer dort als Zeuge aussagte, litt danach häufiger an Depression und posttraumatischen Symptomen als andere (Brounéus 2010, doi:10.1177/0022002709360322). In Sierra Leone verglich ein Feldexperiment Dörfer mit und ohne Versöhnungsforen: Dort wurde mehr verziehen, das Vertrauen wuchs, und zugleich nahmen Angst, Depression und Traumasymptome zu (Cilliers, Dube & Siddiqi 2016, doi:10.1126/science.aad9682). Das Dorf gewinnt, was der Einzelne bezahlt. Boshammers Erlaubnis ist darum eine Gabe, die man niemandem abverlangen darf, wie sie es vom Verzeihen selbst sagt.

→ Weiter im Panorama: Mit wem fängt eine Demokratie neu an?, mit Safferling, Aly und Bude.

Kann man sich selbst verzeihen?

Der Zuhörer, der nach Ruanda fragt, will eigentlich wissen, wie man mit eigener Schuld lebt 70:05. Boshammer meidet das Wort „Selbstverzeihen“ aus „technischen Gründen“ 71:36: Verzeihen ist der Verzicht des Verletzten, und auf einen Anspruch gegen sich selbst kann man nicht verzichten. Was sie stattdessen anbietet, ist eine dritte Haltung zwischen Freispruch und Verdammung: „Ich verdamme nicht mich als Person, sondern ich bleibe einfach unversöhnt mit dem, was ich damals getan habe“ 72:22. Was die Psychologie über echte und Pseudo-Selbstvergebung und über Schuld und Scham weiß, steht in der Nachbesprechung zu Philip Schlaffer; hier geht es um die Frage, ob Boshammers Ausweg trägt.

In der Philosophie steht sie mit dem Zweifel nicht allein. Charles Griswold hält Selbstvergebung für möglich, aber für eine abgeleitete, unvollkommene Form, legitim erst, wenn der Täter alles getan hat, was das Opfer verlangen dürfte (Forgiveness. A Philosophical Exploration, 2007). Paul Vitz und Jennifer Meade halten den Begriff in der Therapie für schief und schlagen vor, was Boshammer beschreibt: sich selbst anzunehmen und die Vergebung bei denen zu suchen, die verletzt wurden (Vitz & Meade 2011, doi:10.1007/s10943-010-9343-x). Robin Dillon kommt von der anderen Seite zum selben Punkt. Selbstvergebung heißt bei ihr, dass der Selbstvorwurf aufhört, das Leben zu beherrschen; das Urteil über die Tat wird dabei nicht milder (Dillon 2001, doi:10.1086/339140). Das ist Boshammers „unversöhnt“ unter anderem Namen.

Die empirische Seite gibt ihr in einem Punkt recht, der überrascht. Wer nach einem eigenen moralischen Fehltritt angeleitet wurde, freundlich statt verurteilend über sich zu schreiben, wollte danach eher wiedergutmachen und den Fehler nicht wiederholen (Breines & Chen 2012, doi:10.1177/0146167212445599, Experimente). Die Person nicht zu verdammen macht also nicht bequem, es macht handlungsfähig. Echte Selbstvergebung geht mit Reue und übernommener Verantwortung einher, das bloße Entschuldigen nicht (Fisher & Exline 2006, doi:10.1080/15298860600586123), und über viele Studien hängt sie mit besserer psychischer und körperlicher Gesundheit zusammen, korrelativ (Davis et al. 2015, Meta-Analyse, doi:10.1037/cou0000063).

Die Grenze zeigt sich dort, wo „unversöhnt“ kippt. Soldaten, die im Krieg gegen ihr eigenes Gewissen gehandelt haben, tragen oft eine moralische Verletzung: Schuld und Scham, die sich zur Selbstverurteilung verhärten, mit Rückzug und Suizidgedanken. Die Behandlung, die Brett Litz und Kollegen vorschlagen, arbeitet gezielt an einer Form von Selbstvergebung (Litz et al. 2009, doi:10.1016/j.cpr.2009.07.003). Boshammers Satz hat zwei Hälften, und die zweite ist die schwere. Mit der Tat unversöhnt zu bleiben, gelingt fast jedem, der Gewissen hat. Die Person dabei nicht zu verdammen, gelingt vielen nicht allein, und dann braucht es jemanden, der hilft, beides auseinanderzuhalten.

→ Weiter im Panorama: Was hält einen draußen?, mit Schlaffer und seiner Zuhörerin, Bernhardt und Eichi.


Faktencheck

Vereinfacht — „Alle empirischen Studien zeigen: Prävention funktioniert nicht“

Boshammer im Strafrechtsteil, 42:38: „Alle empirischen Studien zeigen, auch in der Bundesrepublik Deutschland, dieser Präventionsgedanke funktioniert ja nicht. Bei bestimmten Delikten ist der Anteil der Wiederholungstäter extrem hoch.“ Der zweite Satz stimmt. Nach der bundesweiten Rückfalluntersuchung (Jehle u. a., Bundeszentralregister) wird rund ein Drittel aller Sanktionierten innerhalb von drei Jahren erneut verurteilt, bei Raub und schwerem Diebstahl über die Hälfte, bei Tötungsdelikten und Verkehrsstraftaten rund ein Fünftel. Das „alle Studien“ trägt dagegen nicht, und eine hohe Rückfallquote beweist für sich allein nicht, dass Prävention scheitert — das Kontrafaktum fehlt. Die Forschung zerlegt die Frage. Für die Spezialprävention durch Haft zeigt eine Meta-Analyse, dass Haft im Vergleich zu ambulanten Sanktionen keinen oder einen leicht kriminogenen Effekt hat (Petrich, Pratt, Jonson & Cullen 2021, Meta-Analyse, doi:10.1086/715100) — hier hat sie recht. Für die Generalprävention findet die Meta-Analyse von Dölling, Entorf, Hermann & Rupp über 700 Studien einen differenzierten Abschreckungseffekt, am stärksten bei leichter Kriminalität, bei Tötungsdelikten ohne Beleg (doi:10.1007/s10610-008-9097-0). Die Alternative, auf die Boshammer hinauswill, ist ihrerseits belegt: Restorative-Justice-Konferenzen senken die Häufigkeit erneuter Straftaten moderat und kosteneffizient (Strang, Sherman u. a. 2013, Campbell Systematic Review, doi:10.4073/csr.2013.12). Die These braucht das „alle“ also gar nicht. Quelle: Uni Göttingen: Einmal kriminell – immer kriminell? · Jehle/Hohmann-Fricke 2024, Rückfalluntersuchung 2016–2019 (OAPEN)

Vereinfacht — „Offiziell spielt Vergeltung keine Rolle“

42:38. Das deutsche Strafrecht folgt der sogenannten Vereinigungstheorie. Nach § 46 Abs. 1 StGB ist „die Schuld des Täters Grundlage für die Zumessung der Strafe“, und das Bundesverfassungsgericht nennt ausdrücklich „Schuldausgleich, Prävention, Resozialisierung, Sühne und Vergeltung für begangenes Unrecht“ als Aspekte einer angemessenen Strafe (BVerfGE 45, 187, 1977). Der Vergeltungsgedanke steckt also im offiziellen Recht, nicht nur im Bauchgefühl „der Menschen da draußen“. Kein Kalkül, aber die Verkürzung trennt Recht und Intuition sauberer, als sie getrennt sind. Quelle: § 46 StGB · BVerfGE 45, 187

Falsch — Philomena: „Sie wird vergewaltigt“

Bleisch, 24:23–25:54. Weder der Film noch die reale Philomena Lee erzählen von einer Vergewaltigung. Die 18-Jährige wurde nach einer Begegnung auf einem Jahrmarkt in Limerick schwanger (1951/52), ihre erste sexuelle Erfahrung; die Nonnen hatten sie ohne jede Aufklärung erzogen. Das Unrecht, das der Film zeigt, die erzwungene Freigabe des Sohnes zur Adoption in die USA, ist belegt. Fiktion ist ausgerechnet die Szene, um die das Gespräch kreist: Schwester Hildegarde McNulty starb 1995, Jahre bevor Martin Sixsmith zu recherchieren begann; die Produktionsfirma bestätigte dem Orden schriftlich, dass die Vergebungsbegegnung für den Film erfunden wurde. Für die Note heißt das: Philomenas Verzeihen ist ein Gedankenexperiment des Drehbuchs, kein dokumentierter Akt — als solches taugt es weiter zum Streit über Selbstachtung und Souveränität. Quelle: PBS Religion & Ethics: Journey to the Real Philomena · The Tablet: Nuns accuse Philomena film-makers

Falsch — Benjamin Franklin: „Ruiniere die Entschuldigung nicht mit einer Ausrede“

51:03–51:49. „Never ruin an apology with an excuse“ stammt nicht von Franklin (gestorben 1790). Die frühesten Belege sind Usenet-Beiträge von 1996, früheste namentliche Urheberin ist die Dichterin Kimberly Johnson (1997); der Franklin-Name kam später über Spruchbilder dazu. Der Gedanke, dass Rechtfertigung und Bitte um Verzeihung einander ausschließen, steht auch ohne ihn. Quelle: Barry Popik: „Never ruin an apology with an excuse“

Vereinfacht — Augustinus, „Kirchenvater aus dem dritten Jahrhundert“

56:21. Augustinus lebte 354–430. Der Satz geht auf Brief 211 zurück (um 423/424, an die Nonnen von Hippo): cum dilectione hominum et odio vitiorum, „mit Liebe zu den Menschen und Hass auf die Laster“. „Hate the sin, love the sinner“ ist eine moderne Verdichtung, als „Hate the sin and not the sinner“ auch in Gandhis Autobiografie (1929). Boshammers Deutung, Tat und Person zu trennen, trifft den Sinn des Briefes. Quelle: New Advent: Augustinus, Letter 211

Bestätigt — Eva Mozes Kor und der Lüneburger Prozess

59:27. Eva Mozes Kor überlebte mit ihrer Zwillingsschwester Miriam Mengeles Versuche in Auschwitz. Im April 2015 gab sie im Lüneburger Prozess gegen Oskar Gröning dem Angeklagten die Hand und erklärte: „Ich habe den Nazis vergeben.“ Mit-Nebenkläger, das Internationale Auschwitz Komitee und Dieter Graumann kritisierten sie scharf. Nicht belegt ist die Zuspitzung, Kor habe empfohlen, das Verzeihen nicht unbedingt öffentlich zu machen: Ihre eigene Praxis war das Gegenteil (öffentliche Vergebungserklärung in Auschwitz 1995, dann Lüneburg). Die Unterscheidung zwischen lautem und leisem Verzeihen ist Boshammers, nicht nachweislich Kors. Quelle: Jüdische Allgemeine: Umstrittene Geste · evangelisch.de: Graumann zu Kor

Bestätigt — Wahrheitskommission: Verantwortung statt Reue

48:47. § 20(1) des Promotion of National Unity and Reconciliation Act (1995) verlangte für eine Amnestie die vollständige Offenlegung (full disclosure); Reue oder Entschuldigung waren keine Voraussetzung. Ganz die „einzige Bedingung“ war das Bekennen nicht: Die Tat musste außerdem politisch motiviert sein. Und auf Gerechtigkeit wurde nicht pauschal verzichtet — es gab keine Generalamnestie; wer nicht beantragte oder abgelehnt wurde, blieb verfolgbar. Quelle: Promotion of National Unity and Reconciliation Act, s. 20

Bestätigt — „In der Welt des Tauschs hat der Unrecht, der mehr gibt“

6:06, von Boshammer vorsichtig Adorno zugeschrieben. Der Satz steht in Horkheimers und Adornos Dialektik der Aufklärung, also gemeinsam verfasst. Die Fortsetzung stützt ihren Punkt: „der Liebende aber ist allemal der mehr Liebende.“ Quelle: Philosophy News: In the world of exchange the one who gives more is in the wrong

Vereinfacht — Kornfield: „jede Hoffnung auf eine bessere Vergangenheit aufgeben“

28:58, vorsichtig zugeschrieben. Kornfield benutzt den Satz, er stammt nicht von ihm. Quote Investigator findet ihn zuerst 1991 bei dem Pastor Don Felt (Maui); Anne Lamott machte ihn 1993 bekannt. Boshammers Vorbehalt war berechtigt. Quelle: Quote Investigator: Forgiveness Is Giving Up All Hope of a Better Past

Bestätigt — Jankélévitch: Verzeihen hieße Vergessen

75:23. Jankélévitch erklärte die NS-Verbrechen für unverjährbar und unverzeihlich, zuerst in Le Monde (Januar 1965), dann im Essay Pardonner? (1971, später in L'imprescriptible): „Le pardon est mort dans les camps de la mort.“ Sein zweites Argument — niemand habe je um Verzeihung gebeten — ist Boshammers Bedingung von der anderen Seite. In Le Pardon (1967) denkt er Verzeihung differenzierter. Quelle: Universalis: Jankélévitch, L'imprescriptible · LA Review of Books: Pardonne-Moi

Vereinfacht — Publikum: „Unser erstes Parlament — die Hälfte Nazis“

73:53. Für den ersten Bundestag 1949 gibt es keine belastbare Zahl; die Historikerin Marie-Luise Recker hält den Anteil früherer NSDAP-Mitglieder eher für gering, in späteren Wahlperioden stieg er. Die Einzelbeispiele stimmen: Paul Dickopf, früher SS-Mitglied, war 1968–1972 Interpol-Präsident, Wehrmachtsgeneral Adolf Heusinger 1961–1964 Vorsitzender des NATO-Militärausschusses. Die Kontinuität ist belegt, die „Hälfte“ für 1949 nicht. Quelle: bpb/APuZ: Anatomie und Arbeit des ersten Deutschen Bundestages

Bestätigt — Häusliche Pflege leisten überwiegend Frauen

16:48. Laut DIW (2025, SOEP) sind 64 Prozent der pflegenden Angehörigen Frauen. Quelle: DIW: Familien und Freundeskreise sind größter Pflegedienst Deutschlands


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung

Im Gespräch genannt

Aus dem Faktencheck


Verbindungen

→ Fabian Bernhardt — Ist die Rache der Ursprung der Moral?

Die wichtigste Reibung im Bestand. Bernhardt und Boshammer teilen die Etymologie, Gabe im Vergeben, Verzicht im Verzeihen, und Bernhardt zitiert sie ausdrücklich, um sich abzugrenzen: Bei ihm schließt Verzeihen den Verzicht auf Strafe ein. Boshammer hält in Lüneburg dagegen, Strafverzicht wäre „erwartbar nicht die bessere Idee“, die Großzügigkeit gehöre ins Verfahren. Und wo Bernhardt mit Derrida ein reines Vergeben denkt, das nicht einmal die Bitte voraussetzt, knüpft Boshammer das Verzeihen an Bekenntnis und Reue.

→ Philip Schlaffer — Kann man sich ändern?

Die Zuhörerin bei Schlaffer sagt, vergeben könne nur das Opfer, und Boshammer gibt ihr begrifflich recht: Weil Verzeihen der Verzicht des Verletzten ist, mag sie von „Selbstverzeihen“ nicht sprechen. Und sie beschreibt, was der Gefängnispsychologe Schlaffer riet, in eigenen Worten: die Person nicht verdammen, mit der Tat unversöhnt bleiben. Das ist die Unterscheidung von Schuld und Scham, die in Schlaffers Nachbesprechung mit Tangneys Rückfallstudie belegt ist.

→ Göpel, Bleisch, El-Mafaalani, Schmitt — Verhärten. Überall. Und nun?

Die Schwester-Note vom Morgen derselben Konferenz. Bleisch sagt dort, Großzügigkeit keime, wo wir aufhören, in Gerechtigkeit zu denken, und Boshammer sagt am Abend fast wortgleich, Großzügigkeit gehe über das hinaus, was wir beanspruchen können. Am Abend bekommt die These ihren schwierigsten Anwendungsfall: Was ist, wenn das, worauf man verzichtet, ein berechtigter Anspruch des Opfers ist?

→ Christoph Safferling — Nürnberg und die Ohnmacht des Völkerrechts

Safferling sagt über die Spruchkammern der Nachkriegszeit, man habe sich „wechselseitig unglaublich viel verziehen“. In Boshammers Begriffen war das Nachsicht und Vergessen, Schwamm drüber, denn verziehen werden kann nur, was zuvor als Unrecht ausgesprochen wurde. Ihre Antwort an den Zuhörer, der nach der Erinnerungskultur fragt, ist die Gegenrechnung: Verzeihen heißt nicht vergessen.

→ Liya Yu — Dehumanisierung und Rehumanisierung

Boshammers Geständnis in der Fragerunde, es falle ihr schwer, bei Rechten Überzeugung und Person zu trennen, ist Yus Meta-Dehumanisierung im Selbstversuch. Was Boshammer als Übung beschreibt, die Fähigkeit behalten, Menschen zu sehen, nennt Yu Rehumanisierung durch mehrere Kategorien: die Lügnerin wieder als Person sehen, die gelogen hat.

→ Hannah Arendt — Denken ohne Geländer

Arendts frühe Formel vom „unverzeihlichen, radikal Bösen“, das keine Freundschaft vergeben konnte, ist die stärkste Gegenposition zu Boshammers Satz, Verzeihen sei eine Großzügigkeit, die allen zur Verfügung steht. Zwischen beiden steht Eva Mozes Kor, die das Unverzeihliche verzieh und dafür angefeindet wurde.

→ Maoz Inon & Aziz Abu Sarah — The Future is Peace

Zwei Menschen, die auf Rache verzichten, ohne dass die Täter um Verzeihung gebeten hätten. In Boshammers Begriffen tun sie etwas anderes als Verzeihen: Sie wählen die Versöhnung, die nach vorn schaut, wie die Wahrheitskommission, die sie als Modell für Menschen nennt, die Tür an Tür weiterleben müssen.

→ Panorama — Wie kommt man aus der rechten Szene wieder heraus?

„Ich erlaube dir, eine andere zu werden“ ist die Moral, die der Ausstiegsforschung fehlt: Wer sich verändert hat, aber nicht als verändert anerkannt wird, rutscht in Einsamkeit (Nugent & Schinkel, im Abschnitt „Was hält einen draußen?“). Und Boshammers Misstrauen gegenüber der „zweiten Chance“ im Mund der AfD liefert das Kriterium, an dem echte von behaupteter Wandlung zu unterscheiden wäre: das Bekenntnis vor der Rechtfertigung.

→ Harald Welzer und Barbara Bleisch — Großzügigkeit und Gegenwärtigkeit

Welzer verweigert die Linie zwischen Anspruch und Großzügigkeit, die Boshammer am Abend sofort zieht, und erreicht sie erst über die Lehrerinnen seiner Kindheit.

→ Was ist Großzügigkeit?

Das wachsende Panorama zur Großzügigkeit führt diese Note als Stimme unter „Beginnt Großzügigkeit, wo der Anspruch endet?“ und „Kann eine Gesellschaft großzügig sein?“.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
  • Boshammer macht Verzeihen zur Macht des Opfers, die nur es selbst ausüben kann. Wenn das stimmt, was geschieht mit Tätern, deren Opfer tot sind — bleiben sie für immer ohne ruhigen Schlaf, oder braucht es dann doch etwas wie Vergebung, die von niemandem kommt?
  • Bernhardt sagt, Verzeihen schließe den Verzicht auf Strafe ein, Boshammer trennt beides. Wenn ein Opfer dem Täter verziehen hat und der Staat ihn trotzdem bestraft — in wessen Namen wird dann noch gestraft, und was genau wird ihm noch vorgeworfen?
  • „Ich erlaube dir, eine andere zu werden“: Wer entscheidet, ob jemand eine andere geworden ist — der Verletzte, die Zeit oder der, der behauptet, sich geändert zu haben?
  • Bleisch und die meisten im Saal lassen Gras drüber wachsen, statt ausdrücklich zu verzeihen. Ist das ein Mangel an Mut, oder ist das stille Vergessen die eigentliche Kulturleistung, und Boshammers Verzeihen der seltene Notfall?
  • Und du — gibt es ein Mädchen, dessen Namen du noch weißt? Was hält dich davon ab, um Verzeihung zu bitten: die Rücksicht auf ihr Gras oder die Angst vor deinem eigenen Bekenntnis?

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Im Bestand

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