GedankenraumPaul Ricœur — DenkerVita
Paul Ricœur ging durch Freud, Strukturalismus und Erzähltheorie und kam verändert zurück. Wer die Kritik hinter sich hat, kann dem Symbol wieder zuhören: in zweiter Naivität.
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Alberto Giacometti / Bleistiftskizze — Giacometti zeichnete seinen Bruder Diego hundertfach am Tisch, mit suchenden Linien, die nie ganz schließen und immer wieder neu ansetzen: das Sehen als Umweg, der nie ankommt und darum nicht aufhört. Ricœur, der Mann, der Husserl fünf Jahre lang in die Ränder eines Buches übersetzte, sitzt hier als alter Mann über einem aufgeschlagenen Band und schreibt in die Ränder. Viel leeres Papier, ein einziger Farbfleck auf dem Buch.
Prompt: A drawing in the manner of Alberto Giacometti's pencil and ink sketches: an old man seated at a plain table, seen from the side, bent over an open book, writing tiny lines into its margins. Thin, searching, repeatedly redrawn lines that never quite close, the figure emerging from a web of grey strokes, much white paper left empty. Around him faint suggestions of stacked books and a tall window with pale light. Monochrome graphite grey and warm ivory paper, with one faint wash of ochre on the book. Wide banner composition, intimate, unfinished, no realistic facial detail, no text.
Biographischer Snapshot
Jean Paul Gustave Ricœur (27. Februar 1913, Valence – †20. Mai 2005, Châtenay-Malabry) — französischer Philosoph aus einer hugenottischen Familie; Phänomenologe, Hermeneutiker, Ethiker. Mit zwei Jahren Vollwaise, fünf Jahre Kriegsgefangener in Pommern, Professor in Straßburg, an der Sorbonne, in Nanterre und Chicago.
Der Philosoph des langen Umwegs: Er ist durch Psychoanalyse, Strukturalismus, analytische Sprachphilosophie, Erzähltheorie und Geschichtswissenschaft gegangen und jedes Mal mit etwas zurückgekommen, das ihn verändert hatte — ohne je eine Schule zu gründen und ohne je die Mode zu bedienen. Zwischen den Lagern stand er auch buchstäblich: von den Sartreanern für zu christlich gehalten, von den Strukturalisten für zu subjektphilosophisch, von den Theologen für zu agnostisch.
Wichtigste Werke: Die Symbolik des Bösen (1960), Die Interpretation. Ein Versuch über Freud (1965), Die lebendige Metapher (1975), Zeit und Erzählung I–III (1983–85), Das Selbst als ein Anderer (1990), Gedächtnis, Geschichte, Vergessen (2000), Wege der Anerkennung (2004)
Kernkonzepte: zweite Naivität · Hermeneutik des Verdachts und des Vertrauens · narrative Identität (idem und ipse) · der lange Umweg · die kleine Ethik (Selbst · Nächster · Dritter) · das Tragische des Handelns
Auszeichnungen u. a.: Hegel-Preis (1985), Karl-Jaspers-Preis (1989), Balzan-Preis (1999), Kyoto-Preis (2000), Kluge-Preis (2004)
Biografie
Valence 1913, Rennes 1915 — ein Kind, das in den Büchern geboren wurde
Die Mutter, Florentine Favre, stirbt im Oktober 1913, wenige Monate nach der Geburt des Sohnes. Der Vater, Jules Ricœur, Sergeant im 75. Infanterieregiment, gilt ab dem 26. September 1915 in der Champagne als vermisst; seine Leiche wird erst 1932 gefunden, als ein Bauer das Feld pflügt, und an den Erkennungsmarken identifiziert. Der Junge wächst mit seiner Schwester Alice in Rennes bei den Großeltern und einer Tante auf, von einer kleinen Kriegswaisenrente. Die beiden Toten stehen sehr verschieden im Haus: Der Vater wird als Held erinnert, „fordernd durch seine Abwesenheit"; von der Mutter wird nie gesprochen — ein „großes Weiß", das Ricœur erst als alter Mann überhaupt als Drama erkennt.
Was den Platz einnimmt, sind Bücher. Eine protestantische Familie, in der Bibellektüre selbstverständlich ist, ein Kind, das früh und ohne Maß liest, abwesend von den Spielen der anderen. Achtzig Jahre später fasst er es in einem Satz zusammen: „Ich bin in den Büchern geboren."
Zwei Lehrer, die sich widersprechen
Am Lycée in Rennes unterrichtet ihn Roland Dalbiez, ein strenger, begrifflich harter Philosophielehrer und einer der ersten französischen Leser Freuds. Von ihm stammt der Satz, den Ricœur nach eigener Auskunft nie verraten hat: Wenn du auf eine Schwierigkeit stößt, umgehe sie nicht — geh frontal auf das Hindernis zu.
1933/34 kommt er an die Sorbonne und in die Freitagsgespräche Gabriel Marcels, zwanzig Studenten im Salon, unter ihnen zeitweise Merleau-Ponty, Levinas, Berdjajew, Sartre. Dort gelten zwei Regeln, die dem Gelernten genau entgegenstehen: Keine Autoren zitieren — nicht „Platon hat gesagt", nicht „Kant hat gesagt" —, sondern nur, was man selbst denkt; und immer von einem Knotenpunkt der eigenen Erfahrung ausgehen. Marcel führt ihn zugleich zu Husserl, also zur Methode.
Zwischen diesen beiden Polen — dem Konkreten und der Methode, Marcel und Husserl, dem Protestantismus Karl Barths und der laizistischen Schule der Republik — wird er sein Leben lang stehen. Er hat das selbst kommentiert: „Immer zwischen zwei Einflüssen platziert, wenn nicht Gegensätzen — das ist ein Rhythmus, ein Stil, den manche an mir beobachtet haben. Ich habe später ein Buch geschrieben, das Der Konflikt der Interpretationen heißt. Im Grunde war das mein Los."
1935 besteht er die Agrégation als Zweitbester des Landes und heiratet Simone Lejas; aus der Ehe gehen fünf Kinder hervor. Im selben Jahr stirbt seine Schwester Alice an Tuberkulose, kaum älter als zwanzig — ein Verlust, der sechzig Jahre später zurückkommt.
Fünf Jahre Pommern — Husserl in den Buchrändern
1939 eingezogen, 1940 mit seiner Einheit gefangen genommen, verbringt er den Krieg in deutschen Offizierslagern in Pommern, zuletzt Oflag II-D. Offiziere müssen nicht arbeiten; was bleibt, ist Lesen. Zusammen mit Mikel Dufrenne organisiert er Kurse, die so ernsthaft betrieben werden, dass das Lager Prüfungen abnehmen darf. Er liest das Gesamtwerk von Karl Jaspers — daraus wird 1947 sein erstes Buch, gemeinsam mit Dufrenne. Und er übersetzt Husserls Ideen I, Zeile für Zeile in die Ränder des Buches, weil es kein Papier gibt.
Dieses eine Buch bringt er 1945 mit nach Hause; „das ist ein bisschen die Reliquie bei mir". Die Ränder werden zur ersten französischen Husserl-Übersetzung und später zum historischen Teil seiner Doktorarbeit. Man kann darin sein ganzes Denken vorgezeichnet sehen: Man kommt nicht direkt zu sich, man kommt über den Text, über den anderen, über die Arbeit.
Über die Gefangenschaft hat er eine unbequeme Selbstauskunft hinterlassen: „Für uns waren die Deutschen in den Büchern — nicht die Wachen." Die deutsche Philosophie sei ihm immer „die Tochter der Aufklärung" gewesen, von Kant bis Habermas, und er räumt ein, dass ihn das den „schrecklichen Charakter der deutschen Geschichte dieser Zeit" habe unterschätzen lassen.
Chambon-sur-Lignon, Straßburg, Sorbonne
Der Heimkehrer kennt Vichy nicht, die Besatzung nicht, die Résistance nicht — „ein Zurückkehrender ist ein Verblüffter". Er geht für drei Jahre an ein kleines protestantisches Collège in Le Chambon-sur-Lignon, jenes Bergdorf im Massif Central, das während der Besatzung jüdische Kinder versteckt hatte, arbeitet im Umfeld amerikanischer Quäker und schreibt an seiner Thèse.
1948 bis 1956 lehrt er in Straßburg Geschichte der Philosophie — der einzigen französischen Universität mit protestantischer theologischer Fakultät. 1950 wird er an der Sorbonne promoviert: Nebenthese die kommentierte Husserl-Übersetzung, Hauptthese Das Willentliche und das Unwillentliche, eine Phänomenologie des Wollens, ausdrücklich als Gegenstück zu Merleau-Pontys Phänomenologie der Wahrnehmung konzipiert — der eine die Wahrnehmung, der andere das Handeln.
1956 erhält er an der Sorbonne den Lehrstuhl für Allgemeine Philosophie. Dort entstehen die drei Bücher, die ihn international bekannt machen: Die Fehlbarkeit des Menschen und Die Symbolik des Bösen (beide 1960) und Die Interpretation. Ein Versuch über Freud (1965). Für das Freud-Buch besucht er jahrelang Lacans Seminare — und behandelt ihn dann im Buch nicht, was ihm Lacans dauerhafte Verstimmung und die Feindschaft von dessen Schülern einträgt. Sein Assistent in diesen Jahren ist ein junger Mann namens Jacques Derrida.
Nanterre 1969/70 — der Dekan zwischen den Fronten
Im Oktober 1965 wechselt er an die 1964 gegründete Faculté des lettres in Nanterre, die als Experiment einer offeneren Hochschule gedacht war und stattdessen zum Epizentrum des Mai 68 wird. Im April 1969 wird er zum Dekan gewählt — von Studenten und Professoren, wie er sagt, „wegen einer gewissen Fähigkeit zum Dialog nach beiden Seiten". Es endet im März 1970. Am 23. Januar 1970 dringt eine Gruppe Maoisten in sein Büro ein; drei Tage später wird er im Gebäude C beschimpft, geschlagen, angespuckt, und man stülpt dem Dekan einen Mülleimer über den Kopf. Als Innenminister Raymond Marcellin ohne sein Wissen Polizei auf den Campus schickt, tritt er am 9. März 1970 zurück — „die Verteidigung der universitären Institution war für mich vorrangig, und darum führte mich das zum Rücktritt, als man mir die Polizei auf dem Campus aufzwang". Die Studenten, deren Anliegen er im Kern teilte, hatten ihn als vieux clown verhöhnt; er selbst nannte seine Gegner von 1969/70 später „ziemlich mittelmäßige Leute, die nur ein Ziel hatten: zu verhindern, dass es funktioniert".
Es ist die Situation, die sein späteres Denken konkret vorwegnimmt: ein Konflikt, in dem beide Seiten einer wirklichen Größe dienen und beide in der Enge ihres Standpunkts stecken — Kreon und Antigone auf einem Campus.
Chicago 1970–1985 — die produktivsten Jahre
Desillusioniert von der französischen Universität lehrt er kurz an der Katholischen Universität Löwen und übernimmt dann an der Divinity School der University of Chicago den Lehrstuhl Paul Tillichs. Fünfzehn Jahre pendelt er zwischen Chicago und Paris, wo er das phänomenologisch-hermeneutische Forschungszentrum des CNRS leitet.
In Chicago trifft er auf die angelsächsische analytische Philosophie — und tut wieder, was er immer tut: Er geht hinein. Daraus entstehen Die lebendige Metapher (1975) über die sinnstiftende Kraft der Sprache und, an Aristoteles' Poetik anschließend, das dreibändige Zeit und Erzählung (1983–85), in dem Historiographie und Dichtung eine gemeinsame Zeitlichkeit bekommen. Die Gifford Lectures von 1985/86 werden zu seinem Hauptwerk Das Selbst als ein Anderer (1990).
In Frankreich ist er in diesen Jahren fast vergessen; erst Zeit und Erzählung bringt ihn 1985 als Intellektuellen von Rang zurück.
Der Sohn, 1986
Am 22. März 1986 nimmt sich sein Sohn Olivier das Leben, Ende dreißig. Ricœur hat darüber in seinen Büchern kaum geschrieben und in den Radiogesprächen von 1993 nur einen Satz gesagt, der neben der früh gestorbenen Schwester steht: „Ich habe einen Sohn verloren. Ich hatte meine Schwester verloren. Und diese ungleiche Verteilung lastet zunehmend auf mir." Er glaube, sagt er dort, alles, was seine Schwester nicht hatte, „ein wenig usurpiert" zu haben.
Die späten Bücher — Gedächtnis, Gerechtigkeit, Anerkennung
Nach den Emeritierungen 1987 (Paris) und 1990 (Chicago) hört er nicht auf. Er liest John Rawls und zieht aus dessen Differenzprinzip einen Maßstab, der biblischer klingt als das Original: Der Bezugspunkt ungleicher Verteilungen ist der kleinste Anteil — wie wird der Kleinste unter uns behandelt? Und er sieht früh das Problem, das jeden Gesellschaftsvertrag sprengt: Menschen, die aus dem System herausgefallen sind und über die deshalb gar nicht mehr verteilt wird.
2000 erscheint Gedächtnis, Geschichte, Vergessen, sein Beitrag zur Erinnerungsdebatte — geschrieben mit einem wissenschaftlichen Assistenten, der von 1999 bis 2001 für ihn arbeitete und später Staatspräsident wurde: Emmanuel Macron. 2004, im Jahr vor seinem Tod, folgt Wege der Anerkennung.
Er stirbt am 20. Mai 2005 mit 92 Jahren zu Hause in Châtenay-Malabry. Aus dem Nachlass erscheint ein dünnes Heft, Lebendig bis in den Tod — Notizen eines Sterbenden, die den Titel halten.
Bücher & Publikationen
Deutsche Ausgaben, chronologisch nach französischer Erstveröffentlichung.
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Das Willentliche und das Unwillentliche (Le volontaire et l'involontaire) | 1950, dt. 2016 | Die Doktorarbeit: eine Phänomenologie des Wollens als Gegenstück zu Merleau-Pontys Phänomenologie der Wahrnehmung. Wo endet, was ich will, und wo beginnt, was mit mir geschieht? |
| Geschichte und Wahrheit (Histoire et vérité) | 1955, dt. 1974 | Aufsätze aus dem Esprit-Umfeld: Geschichtsschreibung, Gewalt, politische Verantwortung, das Verhältnis von christlichem Glauben und säkularer Vernunft. |
| Die Fehlbarkeit des Menschen (Phänomenologie der Schuld I) | 1960 | Der Mensch als Wesen der Unverhältnismäßigkeit — „die Freude des Ja in der Traurigkeit des Endlichen". Die Fehlbarkeit ist keine Schwäche, sondern die Verfassung eines Wesens, das zwischen Endlichem und Unendlichem steht. |
| Symbolik des Bösen (Phänomenologie der Schuld II) | 1960 | Das Buch der zweiten Naivität. Die Bilder, in denen Menschen vom Bösen sprechen — Befleckung, Sünde, Schuld —, wissen mehr als die Begriffe der Philosophie. Grundsatz: Das Symbol gibt zu denken. |
| Die Interpretation. Ein Versuch über Freud | 1965, dt. 1974 | Hier fällt der Begriff, den heute alle benutzen: die Hermeneutik des Verdachts — Marx, Nietzsche, Freud als die drei „Meister des Verdachts" — und ihr Gegenstück, die Hermeneutik des Vertrauens. |
| Der Konflikt der Interpretationen (dt. auch als Hermeneutik und Strukturalismus / Hermeneutik und Psychoanalyse*)* | 1969 | Die Auseinandersetzung mit Psychoanalyse, Strukturalismus und der Hermeneutik Heideggers und Bultmanns. Strukturanalyse ja — Strukturalismus als Weltformel nein: „ein Kantianismus ohne transzendentales Subjekt". |
| Die lebendige Metapher (La métaphore vive) | 1975, dt. 1986 | Die Metapher ist kein Schmuck, sondern ein Erkenntnisereignis: Sprache erzeugt neue Bedeutung, indem sie Unvereinbares nebeneinanderstellt. |
| Zeit und Erzählung, 3 Bände | 1983–85, dt. 1988–91 | Das Werk, aus dem die narrative Identität hervorgeht: Geschichtsschreibung und Dichtung formen dieselbe menschliche Zeit. Wir verstehen unser Leben, indem wir es erzählen — und erzählen es jedes Mal anders. |
| Das Selbst als ein Anderer (Soi-même comme un autre) | 1990, dt. 1996 | Das Hauptwerk, gebaut um vier Fragen: Wer spricht? Wer handelt? Wer erzählt? Wer ist verantwortlich? Darin die Unterscheidung idem (das Gleichbleibende) und ipse (die Selbstheit, die sich im Versprechen zeigt) — und in den Abhandlungen 7–9 die kleine Ethik. |
| Liebe und Gerechtigkeit | 1990 | Zweisprachiger Vortrag über die Spannung zwischen der Logik des Übermaßes (Liebe) und der Logik der Äquivalenz (Gerechtigkeit) — keine Synthese, ein Aushalten. |
| Das Rätsel der Vergangenheit: Erinnern – Vergessen – Verzeihen | 1998 | Drei Essener Vorträge, die kompakte Vorform des großen Gedächtnisbuches — und der Ort, an dem Vergebung als schwierige, nicht als billige Kategorie eingeführt wird. |
| Gedächtnis, Geschichte, Vergessen (La mémoire, l'histoire, l'oubli) | 2000, dt. 2004 | Sein Alterswerk zur Erinnerungskultur: zu viel Gedächtnis hier, zu viel Vergessen dort. Wie erinnert eine Gesellschaft gerecht, ohne die Vergangenheit zu instrumentalisieren? |
| Wege der Anerkennung (Parcours de la reconnaissance) | 2004, dt. 2006 | Das letzte Buch: Erkennen, Wiedererkennen, Anerkanntsein — und am Ende die „Zustände des Friedens", in denen Anerkennung einmal nicht erkämpft werden muss. |
| Lebendig bis in den Tod. Fragmente aus dem Nachlass | dt. 2010 | Notizen der letzten Jahre, teils im Wissen um den eigenen Tod geschrieben. Dünn, karg, ohne Trost von der Stange. |
| Kritik und Glaube. Ein Gespräch mit François Azouvi und Marc de Launay | 1995, dt. 2009 | Die zugänglichste Selbstauskunft: Ricœur erklärt im Gespräch, warum er lebenslang „Philosoph und Protestant" war und nie „protestantischer Philosoph". |
| An den Grenzen der Hermeneutik | dt. 2008 | Philosophische Reflexionen über die Religion — der Ort, an dem er die Grenze zwischen Argument und Glauben selbst markiert. |
Einführungen: Jens Mattern, Ricœur zur Einführung (Junius) — der kürzeste Weg hinein.
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- À voix nue — fünf Gespräche mit Katharina von Bülow (France Culture, 1993, frz., ~2,5 h) — die beste Quelle überhaupt: Ricœur mit 80 Jahren über Kindheit, Gefangenschaft, Sartre, den Strukturalismus, das Selbst, Politik und seine Toten. Ungewöhnlich offen, auch in den Eingeständnissen.
- La philosophie morale (Forum Universitaire de l'Ouest parisien, 25. Oktober 1994, frz., ~80 min, CC-BY, Fonds Ricœur) — die „kleine Ethik" aus erster Hand, vorgetragen mit 81 Jahren: Ethik, Moral, praktische Weisheit; das Tragische des Handelns; Antigone; die Beratungszelle.
- Une Vie, une œuvre: Paul Ricœur (France Culture, 2013, frz.) — die Werkbiographie zum 100. Geburtstag, mit Archivstimmen und Weggefährten. Der beste Einstieg, wenn man ihn noch nicht kennt.
- Paul Ricœur bei Radio-Canada (1974, frz.) — der Mittfünfziger in den Chicagoer Jahren, deutlich kämpferischer als der alte Mann von 1993.
- Warfield Lectures, Princeton 1973 (engl.) — sechs Vorlesungen zur Hermeneutik, Ricœur auf Englisch; die systematischste frei zugängliche Darstellung seiner Textphilosophie.
Frei zugängliche Archive:
- Fonds Ricœur (EHESS Paris) — Nachlass, digitalisierte Vorlesungen und Manuskripte, Biographie, dazu ein YouTube-Kanal mit CC-lizenzierten Aufnahmen.
- Digital Ricœur — Portal zu den Open-Access-Texten, durchsuchbar.
- Études Ricœuriennes / Ricœur Studies — offene, peer-reviewte Fachzeitschrift (University of Pittsburgh), mehrsprachig.
Kernthesen
- Die zweite Naivität. Wer durch die Kritik gegangen ist — Religionskritik, Psychoanalyse, Ideologiekritik —, kann nicht zurück zum Kind, das den Mythos für wahr hält. Aber er kann wieder hinhören. Die zweite Naivität ist nachkritisch, nicht vorkritisch: eine gelehrte Naivität. Nicht: Das Symbol ist wahr. Nicht: Das Symbol ist überholt. Sondern: Das Symbol gibt zu denken.
- Verdacht und Vertrauen gehören zusammen. Marx, Nietzsche und Freud haben recht, und ihre Kritik ist unumgänglich — aber wer nur entlarvt, hört irgendwann nichts mehr. Die Brille, die überall Maschinerie sieht, sieht sie auch dort, wo keine ist.
- Der lange Umweg. Das Selbst ist nicht der Ausgangspunkt des Denkens, sondern sein Ankunftsort. Gegen Descartes: „Ich kenne mich nicht, solange ich nicht durch die Wissenschaften vom Menschen hindurchgegangen bin."
- Erklären und Verstehen sind keine Alternative. Nach dem naiven Verstehen kommt das Erklären — und über dieses Relais ein gelehrtes Verstehen. Wer den Text nur fühlt, bleibt naiv; wer ihn nur zerlegt, hat ihn amputiert.
- Narrative Identität. Wir haben keine Identität wie ein Ding, das gleich bleibt (idem), sondern die eines Erzählers, der dieselbe Geschichte immer neu fasst und darin derselbe bleibt und nicht derselbe (ipse — die Selbstheit, die sich im Versprechen zeigt).
- Handeln heißt immer auch Erleiden. Jede Handlung ist Handeln auf jemanden und führt damit eine ursprüngliche Asymmetrie ein. Deshalb braucht die Ethik eine zweite Ebene mit Verboten: weil die Gewalt uns zwingt, Grenzen zu setzen.
- Die kleine Ethik. „Das Streben nach persönlicher Vollendung, mit und für die anderen, unter dem Zeichen der Fürsorge, in gerechten Institutionen." Drei Terme: ich selbst, der Nächste mit seinem Gesicht, der Dritte, den ich nie sehen werde und mit dem mich nur Institutionen verbinden.
- Gerechtigkeit beginnt mit der Empörung. Über das offen Ungerechte sind wir uns leichter einig als über das Gerechte. Und der Maßstab ist der kleinste Anteil: Wie wird der Kleinste unter uns behandelt?
- Das Tragische des Handelns. Die schwersten Entscheidungen liegen nicht zwischen Gut und Böse und nicht zwischen zwei Gütern, sondern zwischen dem Übel und dem Schlimmeren. Dafür gibt es keine Regel, nur praktische Weisheit — und die wird „zu mehreren" gefunden, in einer Beratungszelle aus Betroffenen, Praktikern und Experten.
- Erbe statt Tradition. „Die Vergangenheit ist nicht vorbei. Sie ist selbst voll von nicht verwirklichten Entwürfen." Ein Erbe erzeugt eine Schuld, und diese Schuld bezahlt man, indem man es fruchtbar macht — nicht, indem man es bewacht.
- Die Geburt vor dem Tod. Mit Arendts Natalität gegen Heideggers Sein zum Tode: „Ich bin nicht der Ursprung. Ich komme immer nach dem Ursprung." Man hat mit mir gesprochen, bevor ich sprach.
Politische / ideologische Einordnung
Ricœur war kein Parteiphilosoph, aber auch nie unpolitisch. Der Einstieg kam früh und über einen Umweg: Als Elf- oder Zwölfjähriger begegnet er Pazifisten und kommt zu der Überzeugung, der Krieg, in dem sein Vater fiel, sei „ein Skandal, ein Verbrechen meines eigenen Landes" gewesen — Verdun ein Verbrechen, Versailles eine Demütigung, „in deren Folgen Hitler schon im Wasserzeichen stand". Das erschüttert die Heldenfigur des Vaters und bringt zugleich, wie er es nennt, „den Eintritt des Politischen als moralische Forderung" hervor.
Esprit und der Personalismus. Seit den 1930er Jahren gehört er zum Umfeld der von Emmanuel Mounier gegründeten Zeitschrift Esprit — ein linker, personalistischer, christlich geprägter Nichtkonformismus, der weder dem Kapitalismus noch dem sowjetischen Kommunismus folgen wollte. Politisch bleibt er zeitlebens ein nichtmarxistischer, protestantisch gefärbter Sozialist beziehungsweise Sozialdemokrat; 1993 nennt er den zusammengebrochenen Sozialismus „einen riesigen Baum, der herausgerissen wurde — aber der Wurzelballen enthielt jüngere Triebe, alle Formen der Sozialdemokratie".
Markt und Kapitalismus. Er unterscheidet scharf: Der Markt sei das allgemeine Gesetz des Tauschs; der Kapitalismus dagegen eine Ideologie, nach der der Markt seine eigenen Widersprüche selbst lösen könne. Die Probe darauf sind für ihn die nicht-marktförmigen Güter: „Es gibt Güter, die man nicht kaufen und verkaufen kann: Bildung, Gesundheit, Sicherheit, Staatsbürgerschaft."
Algerien, Gewalt, Résistance. Er gehörte zu den Intellektuellen des Esprit-Kreises, die sich gegen den Algerienkrieg und gegen die Folter durch französische Truppen stellten. Der Zwiespalt zwischen Pazifismus und legitimer Verteidigung blieb dabei offen, und er hat das offen zugegeben: „Pazifistische Impulse auf der einen Seite, auf der anderen der Sinn für die Verteidigung durch die Kraft des Rechts — ich habe dieses Problem nie klar gelöst." Dass er 1945 bis 1948 ausgerechnet in Le Chambon-sur-Lignon unterrichtete, dem Dorf der Judenretter, hat später die offizielle Erinnerung an ihn geprägt — Nicolas Sarkozy hob bei der Gründung der Paul-Ricœur-Stiftung 2010 genau diesen Bezug hervor.
1968. Ricœur teilte viele Anliegen der Studentenbewegung und wollte Nanterre zu einer anderen Universität machen — und wurde von derselben Bewegung als vieux clown verhöhnt und schließlich aus dem Amt getrieben. Er hat daraus keine Bitterkeit gegen die Jugend gezogen; noch 1993 lobt er ausdrücklich deren intakte Fähigkeit zur Empörung. Sein einziger Vorwurf: „Es ist immer der andere, der schuldig ist. Die Fähigkeit zur Selbstanklage ist vielleicht schwächer als die Fähigkeit zur öffentlichen Empörung."
Laizistischer Protestant. Er war gläubiger reformierter Christ und hat den Glauben trotzdem konsequent aus der philosophischen Argumentation herausgehalten — „philosophischer Agnostizismus": In der Philosophie spricht er nicht von Gott. Andere Bücher zum Denken (Platon, Spinoza, Hegel), andere zum Glauben (die Propheten, das Hohelied); er selbst nannte das „fast schizophren". Genau diese Trennung hat ihn für laizistische Leser anschlussfähig gemacht und ihm zugleich den Vorwurf eingetragen, ein verkappter Theologe zu sein.
Der Fleck. Zur Ehrlichkeit gehört ein Text vom 2. März 1939 in Terre nouvelle, Où va la France? Perte de vitesse (untersucht in Sens public — „Sur la passade pétainiste de Paul Ricœur"), in dem der 26-Jährige Frankreichs Erschlaffung gegen die „deutsche Tatkraft" stellt und sich — bei aller Skepsis gegenüber Hitlers Absichten — von der „schönen Härte und Reinheit" von dessen Sprache beeindruckt zeigt; von Rassismus, Antisemitismus und Verfolgung steht dort kein Wort. Weitergehende Vorwürfe (Begeisterung für das Münchner Abkommen, später für Pétain und Mao) stammen aus einer polemischen Passage des Schriftstellers Christophe Donner und sind nicht auf demselben Niveau belegt — hier ist Vorsicht geboten. Der 1939er Text selbst aber existiert, und er passt zu dem, was Ricœur fünfzig Jahre später über sich selbst sagte: dass ihm Deutschland immer „die Tochter der Aufklärung" war und er darüber den Schrecken unterschätzte.
Verbindungen zu anderen Denkern
(Wird von Montaigne über das RAG befüllt — Ansatzpunkte: Husserl, Gabriel Marcel, Jaspers, Merleau-Ponty, Sartre als Gegenpol, Freud, Lévi-Strauss, Arendt, Rawls, Levinas, Patočka, Derrida, Souleymane Bachir Diagne.)
Gedankenwelten-Notes
- Paul Ricœur — Die zweite Naivität — die Hauptnote: fünf Radiogespräche von 1993 durch sein Leben und die Vorlesung von 1994 in seine kleine Ethik.
- Souleymane Bachir Diagne — Der Philosoph als Übersetzer — Diagne nennt sich „Schüler von Ricœur" und überträgt die zweite Naivität auf das Übersetzen als Trauerarbeit.
- Fabian Bernhardt — Ist die Rache der Ursprung der Moral? — zitiert Ricœur zur Gerechtigkeit, die fehlt, und zum Unrecht, das herrscht.
Im Bestand
sechs gedachte Verweise