Quelle: Prof. Dr. Maja Göpel - Mut zur Zukunft | Sustainable Economy Summit 2026
Wer spricht?
Maja Göpel (1976) — Politische Ökonomin, Transformationsforscherin und Wissenschaftskommunikatorin. Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) 2009–2020. Mitgründerin von Scientists for Future. Heute Professorin und Gastgeberin des Podcasts NEU DENKEN (Mission Wertvoll).
Wichtigste Werke: Unsere Welt neu denken (2020), Wir können auch anders (2022) Kernkonzepte: Wirtschaftstransformation, planetare Grenzen, Narrative des Wandels, Gestaltungsmacht → DenkerVita
Inhalt
Kipppunktphase — Wo kippen wir hin?
▶ 0:55 — Göpel eröffnet mit einer ehrlichen Diagnose: Noch vor drei Jahren sah die sozialökologische Transformation vielversprechend aus. Dann kamen drei Jahre, in denen andere Kräfte daran arbeiteten, den Kipppunkt in eine andere Richtung zu drücken. In der Transformationsforschung ist das die entscheidende Phase — die S-Kurve, in der sich entscheidet, ob Erneuerung oder Backlash gewinnt.
▶ 2:27 — Dabei betont sie die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft: Wissenschaft kann vordenken, Möglichkeitsräume skizzieren. Aber Vertrauen entsteht erst, wenn Wirtschaft die Alternativen real in die Welt bringt. Kipppunkte haben immer mit Loslassen und Neuaufbauen zu tun — und in diesem Aufbauen ist die Wirtschaft gefragt.
Die vier blinden Flecken des BIP
▶ 7:01 — Göpel bringt die vier systematischen Verzerrungen auf den Punkt, die das Bruttoinlandsprodukt unsichtbar macht — und die der Anti-Woke-Backlash gezielt wieder verdunkeln will:
- Unbezahlte Wertschöpfung — Care-Arbeit, Pflege von Angehörigen (zu 90% zuerst zuhause), politisches Engagement. Alles, wofür kein Preis existiert, existiert im BIP nicht.
- Verteilung — Wer profitiert vom Wachstum? Seit der Coronapandemie rasant gewachsen für Finanzkapitalbesitzer. Trickle-up statt Trickle-down. Eine ehrliche Steuerdebatte wird als „Neiddebatte” delegitimiert.
- Umweltzerstörung — Der CO₂-Preis sollte das Instrument sein, das Preissignale an die ökologische Wahrheit annähert. Ihn zurückzudrehen, während man Dienstwagen-Privilegien beibehält, ist das „unmarktwirtschaftlichste Instrument ever”.
- Wohlbefinden — Wie fühlt es sich an, diesem Wachstum hinterherzujagen? Die Frage, wofür Wirtschaft eigentlich da ist, fehlt komplett.
„Wirtschaft dient einer gesellschaftlichen Wohlstandsentwicklung — nicht Menschen und Umwelt dienen einem Bruttoinlandsprodukt steigern, wo wir nicht mal drüber diskutieren dürfen, wo es eigentlich anlandend.” (Faktencheck: bestätigt)
„Woke” als Kampfbegriff — Der konzertierte Backlash
▶ 13:49 — Göpel rekonstruiert den Begriff: „Woke” kam aus der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung — wach werden für strukturelle Ungleichheiten. Was als sachliches Hinschauen begann, wird jetzt als Kampfbegriff instrumentalisiert. Ihre Kernthese: „Woke” ist nur ein Codewort für „wir wollen wieder blind schalten.”
Der Green Deal war das erste Mal ein „Whole of Institution Approach” — auf jeder Regierungsebene prüfen, ob Lenkungswirkung Nachhaltigkeit fördert oder bremst. Diesen Ansatz jetzt aufzugeben bedeutet, den Status quo sich nicht rechtfertigen lassen — während Alternativen sich an KPIs messen müssen, die das Alte sich ausgedacht hat.
Tyrannische Zahlen — Die Sprache erden
▶ 22:13 — Göpel zitiert Randall Berry („tyrannisch”): Wenn Zahlen und Erzählungen jeden Rückbezug auf das verlieren, was sie beschreiben, geht die Wertschätzung verloren. Wenn „Leistung” heißt, wissentlich die Umwelt zu zerstören, und „sich das nicht mehr leisten können” heißt, keine Pflegearbeit zu bezahlen, dann spricht die Sprache nur noch die Privilegien derer ab, die sie definieren.
Die Konsequenz: eine menschenzentrierte Fortschrittsagenda entwickeln — mit Symbolen, Zahlen und Erzählungen, die wieder für die Menschen sprechen.
Agency gegen Ohnmacht
▶ 20:41 — Einer der stärksten Momente des Vortrags. Göpel verbindet dezentrale Energieversorgung mit dem Konzept der Agency — der Fähigkeit zum absichtsvollen, zielorientierten Handeln:
„Es könnte so etwas wie Agency freisetzen in einem Moment, wo sich viele Menschen sehr ohnmächtig fühlen, dass auch ich einen Teil einer Veränderung dieser Gesellschaft beitragen kann.”
Wenn mein Auto bidirektional laden kann, wenn ich Teil einer kommunalen Energieversorgung werde, wenn mein Heizungskeller nicht „mein privater Raum” bleibt, sondern Teil einer vernetzten Infrastruktur wird — dann bin ich nicht mehr passiver Konsument, sondern Teilhaber einer Transformation.
▶ 22:58 — Agency als Gegenangebot zur Ohnmacht: die Fähigkeit, zu handeln, strategisch zu wirken, Bedingungen zu schaffen. Das ist kein abstraktes Konzept — es ist die Bürgerenergiegenossenschaft, das bidirektionale Laden, der lokale Bürgerrat.
Wer kuratiert den Wirklichkeitsraum?
▶ 26:56 — Göpel wird konkret über die Infrastruktur der Wirklichkeitskuratierung: Elon Musk hat X nicht nur als „News-App” umgebaut, sondern den Algorithmus so geschaltet, dass er zum Super-Spreader wurde. Grok als „Anti-Woke-KI” und Gruppedia als nächste Ebene darunter kuratieren, was als Wirklichkeit gilt.
Sie zitiert Renée DiResta (Atlantik), die zeigt, wie rechte Plattformen Kampagnen — insbesondere gegen Frauen — über X in die Hauptstadtpresse schieben. Der Democracy Resilience Shield der EU-Kommission soll dem entgegenwirken: Europa als Standort freier Gesellschaft, die auf gute Daten zurückgreifen kann.
▶ 29:17 — Die systemische Einsicht: Wer den Wirklichkeitsraum kleiner macht und gleichzeitig die Technologie entwickelt, bestimmt, welche Zukunft denkbar erscheint. Das Erfinden von Lösungen hängt davon ab, wie wir die Welt beschreiben.
Mut als Praxis — Nicht Zuversicht, sondern Handeln
▶ 32:33 — Auf die Frage, was ihr Mut macht, differenziert Göpel den Begriff: Mut ist nicht „ich glaube, es geht gut aus” — sondern, wie Havel und Rebecca Solnit es definieren: Es ist das Richtige zu tun. Mutig ist es heute, „stumpf ehrlich hinzugucken”. Und die Rückmeldung, die man dafür bekommt — ohne in den Attacke-Modus hochzupitchen — ist enorm.
Drei Empfehlungen an Unternehmen
▶ 41:39 — Göpels konkrete Handlungsempfehlungen:
- Deutungshoheit zurückholen — Nicht die aggregierten Verbandspositionen des Minimalkonsenses das Narrativ bestimmen lassen, sondern progressive Unternehmer sichtbar machen.
- Strukturen hinterfragen — Aus Verbänden austreten, die nur noch Minimalkonsens vertreten. Populistische Plakatierung des „Instituts Neue Soziale Marktwirtschaft” nicht als Stimme der Wirtschaft akzeptieren.
- Trust Brokering — Unternehmen als Orte, wo Menschen sich begegnen, gemeinsam Dinge tun und Vertrauen wieder aufbauen. Zivilcourage als normale Form des Miteinander-Ausringens. „Das ist nicht links, das ist nicht woke — das ist einfach anständig.”
Faktencheck
Bestätigt — 67% der Deutschen wollen BIP-Alternative
Im Vortrag wird eine Umfrage zitiert, nach der 67% der deutschen Bevölkerung das BIP gerne durch einen Better Life Index oder ein Gemeinwohlprodukt ersetzt sehen würden. Diese Zahl stammt aus einer repräsentativen Umfrage des Umweltbundesamts (2022). Quelle: Umweltbewusstsein in Deutschland 2022 (UBA)
Bestätigt — Green Deal als Whole-of-Institution Approach
Der European Green Deal (2019) war tatsächlich als sektorübergreifender Ansatz konzipiert, der alle Politikbereiche auf Klimaneutralität bis 2050 ausrichten sollte. Quelle: European Green Deal (EU-Kommission)
Vereinfacht — „255 Milliarden Euro Chance" der Energiewende
Göpel zitiert die „New Energy Alliance” mit dieser Zahl. Die genaue Berechnungsgrundlage und der Zeithorizont werden im Vortrag nicht spezifiziert. Solche Schätzungen hängen stark von den einbezogenen Variablen ab (Zeitraum, geographischer Raum, vermiedene Schäden). Keine unabhängige Quelle gefunden, die exakt diese Zahl bestätigt.
Bestätigt — Democracy Resilience Shield der EU
Die Europäische Kommission hat im März 2025 den „European Democracy Shield” vorgestellt — ein Maßnahmenpaket gegen ausländische Einflussnahme und Desinformation. Quelle: European Democracy Shield (EU-Kommission 2025)
Vereinfacht — Grok als „Anti-Woke-KI"
Elon Musk hat Grok tatsächlich als Alternative zu als „woke” empfundenen KI-Systemen positioniert. Ob Grok systematisch als „Anti-Woke” programmiert ist oder ob es um weniger restriktive Content-Filter geht, ist umstritten. Die Bezeichnung „Anti-Woke” vereinfacht eine komplexere technische und politische Debatte. Keine unabhängige Quelle gefunden.
Bestätigt — Renée DiResta und Desinformationsforschung
Renée DiResta ist tatsächlich eine führende Desinformationsforscherin, die am Stanford Internet Observatory arbeitete und für The Atlantic schreibt. Ihr Buch Invisible Rulers (2024) dokumentiert die Mechanismen von Online-Manipulation. Quelle: Invisible Rulers — Renée DiResta (Harper)
Weiterführende Quellen
Aus der Video-Beschreibung:
- Sustainable Economy Summit 2026 — Konferenz unter Schirmherrschaft des BMUV, getragen von progressiven Wirtschaftsverbänden (Bioland, BNW, DGNB, econgood u.a.)
- realtoutopien.de — Im Vortrag empfohlene Plattform mit Visualisierungen: heute Stadtbild vs. morgen Stadtbild
Im Vortrag zitierte Quellen:
- Renée DiResta: Invisible Rulers (2024) — Wie Desinformation und algorithmische Kuratierung den Wirklichkeitsraum formen
- Edelman Trust Barometer — Jährliche Studie zu Vertrauen in Institutionen, von Göpel als Referenz für „Trust Brokering” zitiert
- Brian Arthur — Systemischer Denker über Technologieentwicklung und deren Rückkopplung mit Narrativen
- Václav Havel / Rebecca Solnit — Mut- und Hoffnungsdefinition: nicht Zuversicht, sondern das Richtige tun
Verbindungen
→ Edgar Morin — Das komplexe Denken
Göpels „tyrannische Zahlen” — was zählt, lässt sich nicht zählen — sind fast wörtlich Morins Satz, wer in der Welt des BIP lebe, lebe in einer „völlig abstrakten Welt”, die kein Leid und keine Freude kennt. Beide führen die Reduktion der Politik auf Ökonomie auf denselben Denkfehler zurück: das Berechenbare für das Ganze zu halten.
→ Poerksen und Goepel — Debatte neu denken
Direkte Fortführung: Göpel entwickelt die Debattenkultur-Analyse weiter zur konkreten Agenda. „Deutungshoheit zurückholen” und „Wirklichkeitsraum kuratieren” sind die operative Antwort auf die dort diagnostizierte Konstruktionsmacht von Sprache.
→ Laura Zoeckler — Buergerenergie und die Demokratisierung der Energiewende
Göpels „dezentrale Energieversorgung als Ermächtigung” ist der theoretische Rahmen, Zöcklers 47% Erneuerbare in Bürgerhand der empirische Beweis. Energiewende als Demokratisierung.
→ Rainer Mausfeld — Warum schweigen die Lämmer
Dialektisches Paar: Mausfeld analysiert, wie Ohnmacht hergestellt wird; Göpel verschreibt Agency als Gegenmittel. Ihr „Wirklichkeitsraum kuratieren” ist die Antwort auf sein „Warum schweigen die Lämmer”.
→ Hartmut Rosa — Resonanz und Unverfügbarkeit
Rosas Resonanztheorie ist das philosophische Fundament für Göpels Kritik der „tyrannischen Zahlen”: Was zählt, lässt sich nicht zählen. BIP misst Weltbeziehung in der Entfremdungsachse.
→ Hannah Arendt — Denken ohne Geländer
Göpels „Mut als Praxis — nicht Zuversicht sondern Handeln” wurzelt in Arendts politischem Handlungsbegriff: Handeln als Anfangen-Können unter Ungewissheit.
→ Thomas Fricke — Wie die Wirtschaftskrise den Rechten nützt (Surplus)
Fricke zeigt, wie Ohnmacht den Rechtsruck befeuert; Göpel liefert mit Agency-Agenda und Gemeinwohlprodukt die progressive Gegenerzählung. Beide fordern eine Anti-Ohnmacht-Agenda.
→ Ines Schwerdtner — Energiepreiskrise und das Versagen der Bundesregierung
Schwerdtner analysiert, wie Energiepolitik scheitert; Göpel zeigt, wie dezentrale Versorgung als Alternative Agency freisetzen kann.
→ Christoph Butterwegge — Armut NEU DENKEN
Butterwegges Vermögensungleichheit ist einer von Göpels vier BIP-Blindflecken (Verteilung). CO₂-Preis vs. Dienstwagenprivileg ist die Policy-Version des Matthäus-Prinzips.
→ Gesine Schwan — Macht NEU DENKEN
Schwans „Gestaltungsmacht” ist Göpels „Agency” in anderem Gewand. Beide setzen auf demokratische Innovation von unten gegen institutionelle Lähmung.
→ MONITOR — AfD-Erfolg trotz Skandalen
Die „Verherrlichung der Ohnmacht” ist exakt das Phänomen, das Göpels Agency-Agenda heilen will. Der Backlash auf der S-Kurve hat ein Gesicht.
→ Evan Osnos — Megayachten und die Seele der Ultrareichen
Die Ultrareichen fliehen in Bunker; Göpel zeigt den Gegenentwurf: Agency statt Flucht, Trust Brokering statt Isolation.
→ Architekten des Lebendigen — Systeme die dem Leben dienen
Göpels „menschenzentrierte Fortschrittsagenda” und Gemeinwohlprodukt sind die metrische Übersetzung der philosophischen These: Systeme müssen dem Leben dienen, nicht umgekehrt.
→ Mark Benecke — Fragerunde Time Is Up 2026
Göpels „Agency gegen Ohnmacht” ist die akademische Fassung von Beneckes pragmatischem „Was machst du in den nächsten 5 Minuten?“. Beide antworten auf Hoffnungslosigkeit nicht mit Trost, sondern mit Handlungsspielraum.
→ Matthias Quent und Maja Goepel — Extremismus NEU DENKEN
Göpel als Gastgeberin und Sparringspartnerin — ihr „Forwardlash”-Begriff verschärft Quents These: Die Klimakrise ist keine Nebensache für Rechtsextremismus, sondern sein Auslöser. Faschismus ist die Antwort der extremen Rechten auf die planetaren Grenzen
→ Christoph Hein — Geooekonomie NEU DENKEN
Göpel als Gastgeberin im NEU-DENKEN-Podcast. Ihre „hohe Lebensqualität bei geringstem Fußabdruck”-Formel wird hier zur geoökonomischen Befriedungsstrategie: Wer weniger Ressourcen braucht, muss weniger annexieren
→ NANO Talk — Arbeiten wir zu wenig oder voellig falsch
Göpels Donut-Ökonomie ist im NANO Talk der explizite Referenzrahmen: Schaupp und Redecker übersetzen Göpels Theorie in politische Forderungen — Arbeitszeitverkürzung als ökologischer Imperativ, nicht nur als Gerechtigkeitsfrage.
→ Urner — Radikal hoffnungsvoll
Göpels Agency-Konzept gegen Ohnmacht und Urners Hoffnung als neurobiologisch trainierbare Kapazität beschreiben denselben Befund von verschiedenen Disziplinen — Göpel aus der politischen Ökonomie, Urner aus der Kognitionswissenschaft. Beide benennen Positive Money als konkretes Gegenmodell zum Finanzsystem und teilen die Diagnose, dass Kommunikationskontrolle der eigentliche Schlüsselhebel der Machtsicherung ist.
→ Andreas Loeschel — Strom NEU DENKEN
Löschel präzisiert verhaltensökonomisch, was Göpel hier normativ formuliert: Der CO₂-Preis funktioniert nur, wenn Politik ihn im Ernstfall durchhält — der Tankrabatt als Beweis, wie Erwartungszerstörung in die fossile Pfadabhängigkeit führt.












