Quelle: Strom: Merit Order abschaffen, chinesischen Strommarkt kopieren – Geladen Podcast

Wer spricht?

Dirk Specht — Aufsichtsrat und Unternehmer im Digital- und Energiesektor, Dozent für Medienökonomie an der DHBW. Ehemaliger Redakteur bei FAZ und Capital. Schreibt auf Substack und LinkedIn über Strommarktdesign, Batteriespeicher und Dekarbonisierung — stets datengestützt, nie moralisierend.

Sein Markenzeichen: Er widerspricht dem deutschen Energieestablishment auf Basis internationaler Vergleichsdaten. Nicht parteigebunden, wirtschafts-pragmatisch, kritisch gegenüber Kraftwerksbetreiber-Interessen.

DenkerVita


Der Primärenergieirrtum — wie falsche Statistiken politisch instrumentalisiert werden

▶ 1:30

Der Einstieg ins Gespräch ist symptomatisch für die gesamte Energiedebatte: Nicht die Technologie versagt zuerst, sondern die Begrifflichkeit. Specht beginnt mit einer präzisen Zergliederung von Primärenergie, Endenergie und Nutzenergie — drei Konzepte, die in der öffentlichen Debatte regelmäßig in einen Topf geworfen werden.

Primärenergie ist die in einem Fass Rohöl oder einer Tonne Kohle steckende Energiemenge — bevor irgendwelche Verluste abgezogen werden. Endenergie ist das, was nach Raffination, Transport und Umwandlung beim Verbraucher ankommt: der Liter Diesel, das Erdgas an der Heizung. Nutzenergie ist das, was tatsächlich als Wärme, Bewegung oder Licht wirkt. Im fossilen Sektor gehen dabei schon zwei Drittel verloren — bevor das Auto oder die Heizung überhaupt eingeschaltet wird.

Der Fehler, den Specht bei Hans-Werner Sinn und anderen identifiziert: Sie nehmen Primärenergiestatistiken als Grundlage und schließen, der Stromsektor müsse — wenn er alles andere ersetzen soll — verdreifacht werden. Das klingt unüberwindbar. Es ist aber falsch.

„Elektrifizierte Systeme sind wesentlich effizienter. Ich habe im fossilen Sektor insgesamt ungefähr zwei Drittel nur Energieverluste und ein Drittel wirklich Nutzen.” ▶ 4:37

Der Wechsel zu Elektroantrieben, Wärmepumpen oder direkter erneuerbarer Versorgung bedeutet nicht, mehr Energie zu brauchen — sondern weniger. Eine Wärmepumpe hat einen Wirkungsgrad über 1, weil sie Umweltwärme nutzt. Ein Elektromotor verliert keine zwei Drittel als Abwärme. Strom aus Wind und PV ist ab Erzeugung effizient — der Wirkungsgrad der gesamten Kette ist incomparably höher als bei fossilen Trägern.

„Die Aussage ist grob falsch — nicht nur irgendwo im Rundungsbereich, sondern ganz grob falsch.” ▶ 4:37

Was Specht besonders irritiert: Der Primärenergieirrtum verfängt. Er klingt technisch, wirkt seriös und lässt sich sofort politisieren: Wenn man dreifachen Strom braucht, ist die Energiewende unerschwinglich — und wer das trotzdem will, will offensichtlich Deindustrialisierung. Das ist das Ziel von Spekulationen, nicht von Analyse.

Weitergedacht

Wenn Primärenergie als Maßstab für Wohlstand gilt, aber systematisch die Verluste mitrechnet — wessen Interessen werden dabei bedient? Cui bono, wenn die Energiewende als technisch unmöglich erscheint?


Netzausbau ist nie zu teuer — er ist nur falsch berechnet

▶ 6:55

Wenn der Chef eines Netzbetreibers sagt, die Ausbauziele müssten zurückgeschraubt werden, um Fehlinvestitionen zu vermeiden — dann hat er betriebswirtschaftlich sogar Recht. Das Problem liegt im Maßstab.

Specht trennt scharf zwischen zwei Perspektiven, die in der Debatte permanent vermischt werden: der betriebswirtschaftlichen und der volkswirtschaftlichen.

Betriebswirtschaftlich werden Infrastrukturen nach Abschreibungsfristen berechnet, nicht nach Nutzungsdauer. Ein Stromkabel, das 100 Jahre hält, wird in 30 abgeschrieben. Danach ist es eine Gelddruckmaschine — weil keine Kapitalkosten mehr anfallen. Das erzeugt aber einen fatalen Anreiz: Unternehmen haben in der Erntephase kein Interesse mehr an Neuinvestitionen. Sie melken die alte Infrastruktur, bis nichts mehr geht. Genau das sehen wir in Deutschland.

„Eine Infrastruktur, die genutzt wird, ist nie teuer. Eine teure Infrastruktur ist vor allen Dingen die, die nicht da ist oder zu klein ist.” ▶ 7:40

Volkswirtschaftlich ist das Risiko des Underinvestments das größere — nicht das des Overinvestments. Das ist in der VWL gut belegt, wird aber im deutschen Diskurs nicht mal als Begriff geführt. Unterinvestition existiert sprachlich kaum, Überinvestition ist jedem geläufig. Das ist kein Zufall.

Specht macht einen einfachen Gegencheck: Wenn man 400 Milliarden Euro Netzkosten auf 100 Jahre Nutzungsdauer und die transportierte Strommenge umlegt — was kostet dann eine Kilowattstunde Transport? Die Antwort: zu vernachlässigen. Teure Stromnetze gibt es nicht.

Weitergedacht

Die betriebswirtschaftliche Logik zwingt Infrastrukturbetreiber dazu, gegen das Allgemeinwohl zu handeln — obwohl kein Manager dabei böse Absichten hat. Welche institutionellen Arrangements könnten volkswirtschaftliche Anreize in betriebswirtschaftliche übersetzen?


Kraftwerke vs. Speicher — der eigentliche Wettbewerb

▶ 12:59

Hier formuliert Specht die vielleicht schärfste Korrektur des gesamten Gesprächs. Die dominante Erzählung lautet: Erneuerbare Energien konkurrieren mit Kraftwerken. Das ist falsch.

„Was tatsächlich stattfindet, ist ein Wettbewerb zwischen Kraftwerken und Speichern, um die bessere Reservetechnologie.” ▶ 12:59

Das klingt wie eine technische Fußnote, hat aber weitreichende politische Konsequenzen. Die Ausschreibung von 8 GW neuer Gaskraftwerke bis 2031 ist demnach eine Wette auf den Ausgang eines Wettbewerbs, der gerade erst beginnt. Und Energieentscheidungen wirken 40–60 Jahre. Niemand weiß heute, wo Batteriespeicher in 20 Jahren stehen.

Spechts Schlussfolgerung ist pragmatisch: Nichts bauen, nichts abschalten — den bestehenden Kraftwerkspark einfach weiterlaufen lassen, aber die Betriebsstunden reduzieren. Das spart CO2 und lässt den Wettbewerb Kraftwerke vs. Speicher ohne politische Vorentscheidung ablaufen.

Dass die Politik es trotzdem anders macht, erklärt sich marktwirtschaftlich: Gaskraftwerksbetreiber fordern Subventionen, weil sie selbst wissen, dass die Betriebsstunden sinken werden. Ohne staatliche Garantien bauen sie nicht. In den USA finanziert keine Bank mehr ein Gaskraftwerk, weil das Geschäftsmodell fehlt.

„Dann hat man natürlich ein Kraftwerk, das möglicherweise in 20 Jahren auch noch weggenommen werden muss.” ▶ 14:30

Die Dunkelflaute — das deutsche Lieblingsproblem — hält Specht für ein importiertes Angstphantom. International wird die Frage gestellt, warum die Deutschen sich damit so intensiv beschäftigen, während sie täglich gelöst wird, weil die alten Kraftwerke noch laufen.


Merit Order — ein Preissystem am Ende seiner Haltbarkeit

▶ 19:51

Das Merit-Order-Prinzip — das teuerste noch benötigte Kraftwerk setzt den Preis für alle — hat in der Vergangenheit funktioniert. Specht erkennt das an. Es hatte seine Berechtigung, als alle Anbieter ähnliche Grenzkosten hatten und der Markt ausgewogen war.

Heute ist das anders. Strom ist kein Einheitsprodukt mehr:

  • Wetter­abhängiger Strom (Wind, PV)
  • Spitzenlastfähiger Strom (nur Gaskraftwerke)
  • Grundlaststrom

„Da kann Merit Order gar nicht funktionieren.” ▶ 25:11

Hinzu kommt: Merit Order war als deskriptives VWL-Modell gemeint — so können Preise entstehen. Es wurde regulatorisch vorgeschrieben und dadurch zum Käfig. Die Theorie sagt, Anbieter bieten zu Grenzkosten an. In der Realität haben die Spitzenpreise mit Grenzkosten der Gaskraftwerke nichts mehr zu tun. Das sind Mechanismen, die Specht mit Shortsqueeze an Börsen vergleicht — täglich, systemisch.

Die Konsequenz: Alle Marktteilnehmer verlangen staatliche Garantien und Fördermittel, weil Merit Order für niemanden mehr auskömmlich ist. Das Ergebnis ist ein System, das als marktwirtschaftlich gilt, aber vollständig politisch durchdrungen ist:

„Wenn ich alle wirklichen Kosten ausrechnen will, stehe ich ja völlig im Wald. Das ist ein vollkommen intransparentes System.” ▶ 22:07


Das chinesische Modell — Marktwirtschaft ohne Strombörse

▶ 22:53

Spechts Alternative klingt kontraintuitiv: China als Vorbild für Marktwirtschaft. Aber er meint es ernst.

Das chinesische Stromsystem arbeitet mit einer klaren Rollenverteilung: Netzbetreiber sind stark regulierte Monopole (wie hierzulande die Übertragungsnetzbetreiber). Erzeuger versteigern Flächennutzungsrechte und verpflichten sich, zu festen Preisen über 10–20 Jahre zu liefern. Der Netzbetreiber kauft zu diesen Festpreisen — keine Strombörse, keine tägliche Preisauktion.

Das Ergebnis: brutaler Wettbewerb bei der Auktion, stabile Preise danach. Die Produktionskosten sinken mit der Technologie — und das kommt tatsächlich bei den Preisen an. In China werden die Strompreise sinken. Das ist schon erkennbar.

„Unser Anspruch muss sein, dass die Strompreise sinken.” ▶ 23:38

Der Kontrast zu Europa ist deutlich: Hier werden sinkende Gestehungskosten durch Abgaben, Netzentgelte und staatliche Umverteilungsmechanismen neutralisiert. Günstiger Strom kommt beim Endkunden nicht an, weil das politisch nie gewollt war.

Weitergedacht

Das chinesische Modell funktioniert in einem anderen politischen Kontext. Wie viel davon ist auf demokratische Gesellschaften übertragbar — und welche Teile wären sogar wünschenswert?


Großbatterien — der internationale Boom, den Deutschland ignoriert

▶ 18:19

In Kalifornien, Texas, Südaustralien, China, Indien explodieren die Zubauraten von Großbatteriespeichern — laut Specht schneller als der PV-Ausbau je war. In Deutschland ist das Thema „noch gar nicht angekommen”.

Warum? Specht vermutet einen Zusammenhang: Batteriespeicher sind der direkte Konkurrent der Gaskraftwerke. Wer an Gaskraftwerken interessiert ist, hat kein Interesse am Speicherausbau. Das System schützt sich selbst.

Die regulatorischen Blockaden sind absurd:

  • Windstrom in Batterie einspeichern → Strom verliert seinen EEG-Status, wird zu Grausstrom, nicht mehr als CO2-neutral zertifizierbar. Ergebnis: niemand macht es.
  • Kombinierte Wind-Solar-Batterie-Anlage → verboten, weil theoretisch zu viel Spitzenlast am Netzknoten entstehen könnte — obwohl die Anlage intern abregeln könnte und den Knoten hochgradig auslasten würde.
  • BYD-Container im Verteilnetz → darf ein Netzbetreiber eine Batterie betreiben? Unklar. Kein Geschäftsmodell definiert. Ergebnis: nichts passiert.

„Wir stehen uns da so dermaßen auf den Füßen. Das ist wirklich abenteuerlich.” ▶ 35:51

International ist das keine Frage. Ein Spannungsproblem → BYD-Container wird bestellt und hingestellt. Kein Regulierungsgespräch, keine Frage nach dem Geschäftsmodell. Es ist so offensichtlich sinnvoll, dass es passiert.


Direktversorgung als Industriestrompreis der Zukunft

▶ 31:17

Während die Politik über einen Industriestrompreis als staatliche Subvention diskutiert, zeigt Specht das eigentlich attraktivste Modell: Direktversorgung.

In China, Indien, dem Nahen Osten werden Industriezentren direkt mit eigenen Solar- oder Windparks versorgt — teils über lange Leitungen. Der abgerechnete Strom kommt zu Produktionskosten plus Aufschlag: 1 bis 3 Cent pro Kilowattstunde.

Nvidia, Tesla und andere Rechenzentren haben entsprechende Verträge geschlossen. Das BASF-Werk in Zhanjiang wird direkt aus Windparks in Zentralchina und PV aus der Gobi versorgt. Wacker Chemie wollte in Bayern einen eigenen Windpark bauen — scheiterte am Widerstand der Anwohner.

„Das ist ein Trend, den muss Europa entweder mitmachen oder sagen, dass diese Industrie abwandert.” ▶ 32:49

Der deutsche Industriestrompreis hingegen ist reine Umverteilung: Geld aus dem Klimatransformationsfonds fließt als Preissubvention. An den strukturellen Ursachen ändert sich nichts. Das ist — in Spechts nüchternem Urteil — ökonomisch beirre.


ETS — der unterschätzte Goldstandard

▶ 38:53

Zum Schluss verteidigt Specht das Europäische Emissionshandelssystem (ETS) gegen industrielle Forderungen nach dessen Abschaffung. Der Evonik-CEO hatte ETS als „volkswirtschaftlichen Irrsinn” bezeichnet.

Spechts Gegenpunkt: Emissionsbepreisung ist der internationale Goldstandard. China hat es, Kanada baut es auf, Australien ebenfalls. Die asiatischen Länder folgen — nicht aus Klimaideologie, sondern weil preisgetriebene Elektrifizierung wirtschaftlich attraktiv ist. Die Behauptung, das gäbe es woanders nicht, ist „genau das Gegenteil von richtig”.

Doch Specht räumt ein: Der Mechanismus muss effizient implementiert sein. Die Regulierung muss klar und verlässlich sein. Da gibt es berechtigte Zweifel — aber die zielen auf die Ausführung, nicht auf das Instrument.

Weitergedacht

Wenn ETS international Standard wird, aber jedes Land es unterschiedlich implementiert — entsteht dann ein Wettbewerb der Regulierungsqualität oder ein Wettbewerb der Abschwächung?


Faktencheck

Bestätigt — Zwei-Drittel-Verlust im fossilen Sektor

Fast zwei Drittel aller Primärenergie gehen verloren, bevor fossile Energie als Nutzenergie verfügbar ist. Das Rocky Mountain Institute quantifiziert auf Basis von IEA-Daten: Von 606 EJ Primärenergie kamen nur 227 EJ als Nutzenergie an — 63% Verlust, verteilt auf Produktion (33%), Transport (3%) und Nutzung (30%). Spechts Aussage ist korrekt. Quelle: The Incredible Inefficiency of the Fossil Energy System — RMI

Vereinfacht — Großbatteriespeicher wachsen schneller als PV

Batteriespeicher sind tatsächlich die aktuell am schnellsten wachsende Stromerzeugungstechnologie (IEA: 108 GW neu installiert 2025, +40% ggü. 2024). Die Wachstumsrate ist relativ schneller als bei PV — absolut wurden aber 593 GW PV vs. 63 GW Batteriespeicher installiert. Spechts Aussage trifft auf die prozentuale Rate zu, nicht auf absolute Zahlen. Quelle: IEA Global Energy Review 2026 — Battery Storage · PV Magazine Australia

Bestätigt — ETS als internationaler Standard

Laut ICAP-Statusbericht 2025 sind weltweit 38 ETS in Betrieb. China hat das weltweit größte nationale ETS (seit 2024 auf Stahl, Zement, Aluminium erweitert), Kanada provinzielle Systeme, Australiens Safeguard Mechanism, Südkoreas ETS, US-Bundesstaaten (Kalifornien, RGGI). ETS-Einnahmen 2024/2025: fast 80 Mrd. USD Rekord. Quelle: ICAP Emissions Trading Worldwide Status Report 2025

Vereinfacht — Deutsche Industriestrompreise 40% über Wettbewerbern

Die Grundrichtung stimmt, aber 40% unterschätzt tatsächlich: EU-Industriestrompreise lagen 2024/2025 mehr als doppelt so hoch wie in den USA und ~50% über China. Im Vergleich zu bestimmten europäischen Ländern kann 40% stimmen — gegenüber USA/China ist es mehr. Quelle: IEA Electricity 2026 — Prices

Falsch — US-Banken finanzieren keine Gaskraftwerke mehr

Diese Behauptung ist nicht haltbar. Laut Banking on Climate Chaos Report 2025 finanzierten Banken weltweit 2024 fossile Energieträger mit 869 Mrd. USD — Anstieg gegenüber Vorjahr. Mehrere US-Großbanken haben 2024 Klimaverpflichtungen zurückgezogen. Die sechs größten Wall-Street-Banken vergaben Mitte 2025 noch 73 Mrd. USD für fossile Energie. Einige europäische Banken schließen neue Gaskraftwerke aus — das gilt für US-Banken als Gruppe nicht. Quelle: Banks Fossil Fuel Finance Totals $869 Billion in 2024 — Oil Change International · CleanTechnica

Vereinfacht — Chinesisches Strommarktmodell

Specht skizziert das chinesische Modell als “brutalsten Wettbewerb” durch Festpreisauktionen. Das ist korrekt für den Auktionsmechanismus bei Erneuerbaren (seit 2019), aber das chinesische System hat auch parallele Spotmärkte, provinzielle Unterschiede und erhebliche staatliche Steuerung. Die Vereinfachung trifft den Kern, unterschlägt die Komplexität. Keine unabhängige Quelle für direkten Vergleich mit europäischem Merit Order.


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung: keine Quellen gelistet.

Faktencheck-Quellen (Sherlock):


Verbindungen

Felix Goldbach (MoneyForFuture) — Batteriespeicher und die ignorierte Lösung der Energiewende

Goldbach und Specht kommen unabhängig zu identischen Kernthesen: Batteriespeicher sind die unterschätzte Revolution der Energiewende, regulatorische Hemmnisse blockieren den Markt, und der internationale Vergleich zeigt, wie weit Deutschland hinterherhinkt. Specht ergänzt die systemische Perspektive: Wer am Gaskraftwerks-Lobby-Netz hängt, hat kein Interesse an Speichern.

Michael Sterner — Soeders Energie-Irrtum Faktencheck

Sterner und Specht bekämpfen denselben Feind: politisch instrumentalisierte Energiemythen. Sterners Fokus liegt auf Söder/CSU-Rhetorik, Spechts auf Hans-Werner Sinn. Methodisch identisch: präzise Begriffsdifferenzierung gegen populäre Vereinfachung.

MONITOR — Energiewende rückwärts? Katharina Reiche und der E.ON-Lobbyismus

Spechts These — Gaskraftwerksbetreiber blockieren den Speicherausbau, weil Speicher ihr Geschäftsmodell bedrohen — findet in der Reiche/E.ON-Geschichte ein konkretes Fallbeispiel systemischer Lobbyarbeit gegen strukturellen Wandel.

Energiesubventionen Deutschland — Atomkraft vs. Erneuerbare Energien

Specht demonstriert, wie Merit Order + staatliche Garantien für Gaskraftwerke ein System erzeugen, das als Markt gilt aber staatlich durchdrungen ist. Das spiegelt die Subventionslogik hinter Atomstrom — Technologien, die ohne staatliche Rückendeckung nicht wirtschaftlich wären.

Michael Sterner — Energiewende-Studie und Reiche-Blockade

Direkter Kontrapunkt: Sterners Studie belegt die Machbarkeit der Energiewende, Specht liefert die marktstrukturelle Erklärung, warum sie trotzdem blockiert bleibt — Investitionsanreize, Abschreibungslogik, regulatorische Käfige.

Akkudoktor — Lanz und die Energiewende

Akkudoktors “Primärenergie-Falle” ist die mediale Anwendung desselben Irrtums, den Specht als “Primärenergieirrtum” benennt: Je effizienter das System wird, desto kleiner erscheint sein Anteil in der Statistik — beide zeigen, wie diese Metrik die Energiewende systematisch unsichtbar macht.

Laura Zoeckler — Buergerenergie und die Demokratisierung der Energiewende

Zöcklers Bürgerenergiegenossenschaften sind das europäische Gegenstück zu Spechts chinesischem Direktversorgungsmodell: beide Modelle umgehen die Merit-Order-Strombörse und ermöglichen Strom zu Produktionskosten — einmal durch staatliche Festpreisauktionen, einmal durch demokratisch organisierte Eigenversorgung.

Claudia Kemfert — Ist die Abhängigkeit vom Öl unser Untergang? (Der Standard)

Kemferts Begriff der “Fossilokratie” — das fossil-industrielle Machtnetzwerk, das Rückfälle in fossile Muster erzeugt — ist die politökonomische Erklärung für das, was Specht marktstrukturell beschreibt: Gaskraftwerksbetreiber, die Batteriespeicher regulatorisch blockieren, weil sie ihr Geschäftsmodell bedrohen.

Tim Meyer und Jan Hegenberg — China Energiewende

Meyer und Hegenberg berichten live aus China, was Specht bereits im Geladen-Podcast als Vergleichsfolie nutzte: Chinas Modell (staatlicher Rahmen + brutaler Wettbewerb) produziert die günstigsten Batterien und PV der Welt. Spechts Frage „Was kauft man mit dem europäischen Regulierungschaos?” bekommt hier eine empirische Antwort: die Differenz kostet Europa den technologischen Anschluss.

erneuerbare tv — Bidirektionales Laden Vehicle-to-Grid

V2G ist der dezentrale Speicher in Spechts Kraftwerk-vs.-Speicher-These — das Utrechter Modell zeigt, was passiert, wenn man den Markt tatsächlich entscheiden lässt. Dass Deutschland diese Technologie durch Doppelbesteuerung hemmt, ist dieselbe Logik wie die regulatorische Knebelung stationärer Batterien.

Fichtner — Zehn Batteriemythen

Fichtner und Specht sind konzeptuelle Zwillinge im Geladen-Podcast: Fichtner dekonstruiert zehn Batterie-Mythen, Specht den Primärenergieirrtum — beide kommen zur selben Kernthese, dass Merit Order + Batteriespeicher + Erneuerbare die einzige kohärente Antwort auf fossile Preissetzung sind.


Weiterdenken

Was Aristoteles vielleicht gefragt hätte

  • Wenn Primärenergie als öffentlicher Benchmark gilt, aber systematisch eine fossile Verlustrate als Maßstab für Effizienz setzt — ist das Irrtum oder Kalkül? Und wie unterscheidet man das?
  • Specht sagt: den Markt arbeiten lassen, nichts bauen, nichts abschalten. Ist das eine konservative Position — oder eine radikal marktwirtschaftliche?
  • Das Chinesische Modell hat niedrigere Strompreise — aber auch einen Staat, der Dissens über Windparks nicht zulässt. Was kauft man mit dem europäischen Regulierungschaos ein, das man nicht aufgeben will?
  • Merit Order hat “immer positive Anreize gesetzt” und “lange gut funktioniert” — aber wie lange darf ein Instrument scheitern, bevor es abgeschafft wird? Wer zieht die Grenze?
  • Wenn Batterien den Gaskraftwerken Konkurrenz machen — wer lobbyt dann für Batterien? Wo ist die politische Kraft, die diese Technologie durchsetzt, wenn kein etablierter Player ein Interesse hat?