Quelle: Warum kommuniziert das Ministerium diese Ergebnisse nicht?
Wer spricht?
Michael Sterner (1974) — Professor für Energiespeicher und Energiesysteme an der OTH Regensburg. Mitentwickler des Power-to-Gas-Konzepts, Mitglied des Bayerischen Energiebeirats. Autor zweier Standardwerke zu Energiespeichern bei Springer. Ist persönlich mit Katharina Reiche aneinandergeraten, als sie Texte von ihm strich — erst die Androhung von Öffentlichkeit und Klage stellte seine wissenschaftliche Freiheit wieder her.
Die verschwiegene Studie: 21 Milliarden Euro regionale Wertschöpfung
▶ 1:05 — Das Bundeswirtschaftsministerium hat eine Studie zur „Stärkung der regionalen Wertschöpfung durch erneuerbare Energien” veröffentlicht — aber nicht kommuniziert. Sie erschien nur auf Nachfrage, wurde online gestellt, aber weder per Pressemitteilung noch in den Medien beworben. Das Muster ist bekannt: Sterner erlebte dasselbe 2010, als seine Langfristszenarien für das Bundesumweltministerium unter Minister Röttgen zurückgehalten wurden, weil die schwarz-gelbe Koalition gerade den Wiedereinstieg in die Atomkraft beschlossen hatte. Erst das Informationsfreiheitsgesetz erzwang die Veröffentlichung — und wenige Monate später kam Fukushima.
Die vier Kernbotschaften der aktuellen Studie:
1. Verdopplung der Wertschöpfung. Die regionale Wertschöpfung durch Wind und Solar kann von derzeit 10 Mrd. € bis 2033 auf 21 Mrd. € verdoppelt werden. Das Geld bleibt in den Kommunen — durch Pachteinnahmen, Gewerbesteuern, Beteiligung lokaler Unternehmen.
„Hey, das in Zeiten der Wirtschaftskrise und der fossilen Abhängigkeit, dass wir die reduzieren können und heimische Wertschöpfung stärken, das muss eigentlich dem letzten Patrioten im Land einleuchten.” — ▶ 2:18
2. Kommunale Finanzen und Akzeptanz. Die Studie belegt empirisch, was Energiewende-Befürworter seit Jahren behaupten: Akzeptanz steigt massiv, wenn Bürger und Kommunen finanziell direkt profitieren. Mehr als die Hälfte der Wertschöpfung bleibt vor Ort.
3. Jobmotor ländlicher Raum. Die Vollzeitbeschäftigten in der Solar- und Windbranche könnten von 51.000 auf über 100.000 verdoppelt werden — in Planung, Bau und Wartung. Für strukturschwache Regionen ist das ein genuiner Standortfaktor.
4. Industrieansiedlung. Regionen mit Erneuerbaren ziehen Industrie an. Sterner nennt das Beispiel Oberfranken, wo fünf Landkreise gemeinsam in Windparks investierten und nun Unternehmen anziehen, die grünen Strom für ihre Produktion brauchen.
Eigene Einschätzung
Die Nicht-Kommunikation ist das eigentliche Statement. Wenn ein Ministerium seine eigene Studie versteckt, weil die Ergebnisse der politischen Linie der Ministerin widersprechen, ist das kein Versehen — es ist institutionelle Selbstzensur. Dieselbe Dynamik, die Sterner schon 2010 unter Röttgen erlebte. Die Wissenschaft liefert, die Politik ignoriert — bis die Realität einbricht.
Die Reiche-Schlucht: Vier Gesetze, vier Blockaden
EEG-Reform: Psychologisches Gift für Kleinanleger
▶ 7:48 — Wirtschaftsministerin Reiche will die feste Einspeisevergütung für Neuanlagen schrittweise durch Direktvermarktung ersetzen. Sterner findet den Grundgedanken der Marktintegration prinzipiell richtig — man kann nicht ewig alles vergüten, auch wenn es nicht gebraucht wird. Aber die Umsetzung ist Gift: Wenn Anlagen unter 25 kW keine Vergütung mehr bekommen, werden Dachanlagen kleiner gebaut. Weniger Dachfläche genutzt bedeutet mehr Freifläche nötig — und Fläche ist knapp.
Das Ministerium befindet sich in der Frühkoordinierung unter massiver Kritik. Das Umweltministerium unter Schneider warnt: Der erneuerbare Zubau darf nicht abreißen — Anreize für private Kleinanlagen, Balkonkraftwerke und Hausdächer müssen erhalten bleiben.
„Genau dieses psychologische Abschrecken, das ist ja genau dies Gift, was wir nicht brauchen.” — ▶ 8:25
Netzpaket: Erneuerbare einbremsen statt Netze ausbauen
▶ 10:10 — Das Netzpaket ist in der Ausschussphase, Anhörungen im Mai. Der Koalitionsvertrag spricht von „Synchronisation” von Erneuerbaren und Netzen — aber Sterner liest ihn anders als Reiche: Die Netze sollen hinterherziehen, nicht umgekehrt die Erneuerbaren eingebremst werden. Reiches Konsequenz: Anlagen bekommen keine Entschädigung mehr bei Abregelung (Redispatch). Ohne diese Sicherheit investiert niemand mehr — selbst der RWE-Chef kritisiert den Verlust der Investitionssicherheit.
Heizungsgesetz: Völlig blockiert
▶ 12:06 — Das Heizungsgesetz ist nicht einmal im Kabinett. Die Streichung der 65%-Pflicht für erneuerbare Heizungen und die Aufweichung der Bioquote sind bereits beschlossen. Das Ministerium fordert „Technologieoffenheit” — ironisch, weil genau diese Offenheit beim Kraftwerksgesetz verweigert wird. Das Finanzministerium drängt auf Mieterschutz: Vermieter installieren billige Öl- und Gasheizungen, Mieter zahlen die fossilen Kosten.
Kraftwerksstrategie: Gas bevorzugt, Batterien ausgesperrt
▶ 13:57 — Der brisanteste Punkt. Der Referentenentwurf zum Kraftwerksgesetz bevorzugt systematisch Gaskraftwerke und schließt Batteriespeicher aus. Sterner macht die Absurdität in drei Punkten deutlich:
Paragraph 12 verlangt 10 Stunden Volllast plus Wiederbefüllung in einer Stunde. Das können Batterien leisten — aber Gaskraft funktioniert auch nur, wenn die Gasspeicher gefüllt sind oder Gas importiert wird. Die angebliche Versorgungssicherheit der Gaskraft ist genauso abhängig von Lieferketten.
Paragraph 15 verlangt 50% europäische Fertigung bei Komponenten — gut für Gasturbinenhersteller (Siemens, MAN), schlecht für Batterien, deren Komponenten aus China kommen.
Die Poolregelung verbietet Hybridkonzepte — also die Kombination von Gaskraft mit Batterien. Genau dort, wo der Markt echte Effizienzgewinne erzielen würde, wird er ausgesperrt.
„Wir sprechen von Technologieoffenheit, Technologieneutralität und Markt. Und genau hier, wo der Markt wirken würde, schließen wir den komplett aus.” — ▶ 16:06
Die Konsequenz: Private Investoren stehen Schlange für Batteriespeicher — die brauchen nur einen Netzanschluss. Gaskraftwerke würde ohne Förderung niemand bauen. Trotzdem bekommt die Gaskraft 15 Jahre Bestandsschutz und eine Förderumlage, die den Strompreis erhöht.
Eigene Einschätzung
Das ist der Kern der Reiche-Kritik — und die Parallele zum Presseclub — Reiches Energiewende ist frappierend. Dort zerlegten die Journalisten dieselbe Widersprüchlichkeit: „Technologieoffenheit” predigen und dann genau die Technologie fördern, die ohne Subventionen nicht existieren kann. Sterner fügt die Innenperspektive hinzu — als Wissenschaftler, dem die Ministerin persönlich Texte gestrichen hat. Er kennt nicht nur die Zahlen, sondern die Mechanismen der Unterdrückung.
Natrium-Ionen-Batterien und Tankrabatt
▶ 18:07 — Sterner stellt klar: Neben Batterien braucht es auch grüne Gaskraft. Batterien allein könnten eine zweiwöchige Dunkelflaute technisch überbrücken, aber es wäre nicht wirtschaftlich. Noch nicht. Neue Technologien kommen: 60 GWh zusätzliche Natrium-Ionen-Batterieproduktion aus China, mit weniger Ressourcenproblemen und perspektivisch günstiger. Das für 15 Jahre auf Gaskraft zu zementieren, ignoriert die technologische Dynamik.
Beim Tankrabatt (ab 1. Mai) ist Sterner skeptisch: Er wird verpuffen, weil die Mineralölkonzerne die Preise vorab angehoben haben. Die einzige wirksame Lösung wäre eine Übergewinnsteuer — politisch nicht durchsetzbar unter Reiche.
Positiv: Die Treibhausgasquote ist durch den Bundestag — Wasserstoff und E-Fuels können jetzt neben der Elektromobilität im Verkehr angerechnet werden. Das schafft Nachfrage und reduziert negative Strompreise.
40 Jahre Tschernobyl: Die Atomkraft-Rechnung
▶ 20:21 — Sterner erinnert sich als Grundschulkind: „Gummistiefel tragen, nicht in den Sandkasten, keine Pilze essen.” Das militärische Risiko bleibt: Das ukrainische AKW Saporischschja wurde bereits beschossen, israelische Raketen schlugen nahe Buschehr ein. 16 Atommüll-Zwischenlager in Deutschland sind potenzielle Ziele — 5 Millionen Photovoltaikanlagen auf Dächern nicht.
Die globale Bilanz ist eindeutig: 2025 wurden 4 GW Atomkraft zugebaut — und 170-mal so viel an Wind und Solar (630 GW). Selbst bereinigt um die niedrigeren Volllaststunden der Erneuerbaren bleibt ein Faktor von 34.
Eigene Einschätzung
Sterner argumentiert hier nicht ideologisch, sondern ökonomisch. Die Atomkraft-Renaissance findet schlicht nicht statt — nicht weil sie politisch ungewollt wäre, sondern weil die Kosten-Nutzen-Rechnung eindeutig ist. Solar und Wind sind unsagbar günstig, wie er sagt. Das Problem ist nicht die Technologie — es ist die Politik, die bewährte Lösungen blockiert und veraltete fördert.
Fazit: Wem nützt Reiches Politik?
Sterners Video ist eine Bestandsaufnahme der systematischen Blockade. Vier Gesetze, vier Bremsmanöver — und die Frage, für wen Reiche eigentlich Politik macht, bleibt offen. Selbst die großen Energieversorger (RWE, EnBW) kritisieren sie. Die zurückgehaltene Studie ist dabei nur das sichtbarste Symbol: Wenn die eigenen Daten dem eigenen Kurs widersprechen, versteckt man die Daten.
Sterners Ansage an den Bayerischen Energiebeirat fasst die Lage zusammen: Reiches Vorhaben stehen den wirtschaftlichen Interessen Bayerns entgegen — bei Erneuerbaren, Netzpaket und Kraftwerksstrategie. Er fordert, dass das Ministerium sich für Bayern einsetzt und gegen Reiches Pläne.
Faktencheck
Bestätigt — Regionale Wertschöpfung 21 Mrd. €
Die BMWK-Studie „Stärkung der regionalen Wertschöpfung durch erneuerbare Energien” existiert und wurde tatsächlich ohne Pressemitteilung online gestellt. Quelle: BMWK-Studie (PDF)
Bestätigt — 51.000 Beschäftigte in Solar/Wind regional
Die Zahl ist plausibel im Kontext der Branchenberichte. Die Bundesagentur für Arbeit und der Bundesverband Erneuerbare Energien bestätigen ähnliche Größenordnungen. Quelle: BEE — Branchenzahlen
Bestätigt — Leitstudie 2010 zurückgehalten
Sterners Langfristszenarien für 100% Erneuerbare wurden tatsächlich vom BMU unter Röttgen zurückgehalten. Quelle: Netzentwicklungsplan Leitstudie 2010 (PDF)
Vereinfacht — Tankrabatt „wird verpuffen"
Dass Mineralölkonzerne Preise vor Rabatten erhöhen, ist empirisch belegt (Merit-Order-Effekt bei der Tankstellenstrategie). Aber „verpuffen” ist vereinfacht — der Rabatt kommt teilweise an, die Frage ist nur wie viel. Keine unabhängige Quelle zur konkreten Wirkung des Mai-2026-Rabatts gefunden.
Vereinfacht — Batterien können 10 Stunden Volllast liefern
Technisch möglich bei ausreichender Dimensionierung, aber die meisten aktuellen Großbatterien sind auf 2–4 Stunden Speicherkapazität ausgelegt. 10-Stunden-Systeme existieren, sind aber noch nicht Massenmarkt. Keine unabhängige Quelle gefunden.
Bestätigt — 4 GW Atom vs. 630 GW Wind/Solar global
Die IRENA und IEA bestätigen den massiven Ausbau erneuerbarer Energien im Vergleich zur Atomkraft. Quelle: IRENA — Renewable Capacity Statistics 2026
Weiterführende Quellen
Aus der Video-Beschreibung:
- BMWK-Studie: Stärkung der regionalen Wertschöpfung durch erneuerbare Energien (PDF) — Die „verschwiegene” Studie
- Leitstudie 2010: Langfristszenarien Erneuerbare Energien (PDF) — Sterners zurückgehaltene Studie von 2010
- Michael Sterner: Energiespeicher (Springer) — Fachbuch Energiespeicher
- Michael Sterner: Handbook of Energy Storage (Springer) — Englische Ausgabe
Verbindungen
→ Martin Oetting — Happy Planet Index 2026
Die internationale Einordnung der Blockade: Der Happy Planet Index 2026 führt Costa Ricas und Spaniens Spitzenplätze auf erneuerbare Energie als politische Entscheidung zurück — und misst den ersten deutschen Fußabdruck-Anstieg seit anderthalb Jahrzehnten (2024→2025).
→ Michael Sterner — Energiewende ist gelebter Patriotismus
Der „letzter Patriot im Land“-Frame ausgebaut zur Haltung; auch hier die Forderung nach vorgeschalteter wissenschaftlicher Gesetzesprüfung.
→ Presseclub — Reiches Energiewende
Direkte thematische Überlappung — eine Woche Abstand. Der Presseclub diskutierte dieselben Reiche-Reformen (EEG, Netzpaket, Kraftwerksstrategie) aus journalistischer Perspektive. Sterner liefert die Innensicht des Wissenschaftlers, der persönlich von Reiches Zensur betroffen ist. Besonders die Kritik an der selektiven „Technologieoffenheit” (Heizung ja, Kraftwerke nein) findet sich in beiden Quellen.
→ Ines Schwerdtner — Energiepreiskrise und das Versagen der Bundesregierung
Schwerdtner analysiert die Energiekrise als politisches Versagen — Postpolitik, TINA-Prinzip, Unfähigkeit zur strukturellen Intervention. Sterner konkretisiert das: Die Ministerin unterdrückt aktiv Studien, die der eigenen Linie widersprechen. Beide konvergieren bei der Übergewinnsteuer als Lösung, die politisch blockiert wird.
→ Maja Goepel und Achim Truger — Wachstum NEU DENKEN
Göpel und Truger hinterfragen das BIP als Wohlstandsmaß. Sterners Studie liefert das perfekte Gegenbeispiel: 21 Mrd. € regionale Wertschöpfung, die im BIP sichtbar wird, aber erst durch die Dezentralisierung ihren eigentlichen Wert entfaltet — kommunale Teilhabe, lokale Arbeitsplätze, Akzeptanz. Das ist genau die Art von Wirtschaftsaktivität, die Göpels „Wohlstand statt Wachstum”-These untermauert.
→ Michael Sterner — Reiche gegen Marktwirtschaft
Direkter Nachfolger — Teil 2 der Sterner-Analyse. Während diese Note die Bestandsaufnahme liefert (verschwiegene Studie, vier Gesetze), geht die Folge-Note in die juristische Tiefe: drei Paragraphen des StromVKG, die Batterien aussperren, plus zwei Technologie-Alternativen (CO2-Batterie, Eisen-Luft-Speicher), die bei echtem Wettbewerb antreten könnten. ACER und DIHK liefern vernichtende Urteile über die Legitimationsgrundlage.
→ Tim Meyer und Jan Hegenberg — China Energiewende
Meyer/Hegenberg liefern den internationalen Kontrast zu Sterners deutscher Frustration: Während Reiche die Energiewende blockiert, exekutiert China mit „Gelinghaltung” und kennzahlenbasiertem Wettbewerb. Sterners Ruf nach mehr Industriepolitik bekommt hier die empirische Untermauerung — und die unbequeme Frage: Was passiert, wenn Europa zu langsam aufwacht?
→ erneuerbare tv — Sommerwaerme im Erdreich
Kupferzell ist die lebendige Empirie zu Sterners politischer These: Ein Mittelständler mit 200 Mitarbeitern hat genau die regionale Energiesouveränität realisiert, die Sterners unterdrückte Studie als volkswirtschaftlichen Gewinn beschreibt — ohne Fördergelder, mit 3,5 Jahren Amortisation. Was Sterner politisch fordert, rechnet sich in Kupferzell bereits.
→ Mark Benecke — Umwelt-Messungen Sommer 2026
Benecke zeigt die ökologischen Konsequenzen der Blockade: Die Zeitfenster für wirksame Maßnahmen sind geschlossen, während die Policies verschleppt oder rückgängig gemacht werden.
→ Mark Benecke — Fragerunde Time Is Up 2026
Pöttingers marxistische Analyse bestätigt Sterners Kernbefund von der politischen Gegenseite: Die Lösungen existieren, aber Profitinteressen verhindern ihre Umsetzung. Was Sterner ökonomisch zeigt, benennt Pöttinger als Systemlogik des Kapitalismus.
→ Norio — GICON Hoehenwindturm revolutioniert Windkraft
Großmann setzt Sterners wissenschaftliche These — 2/3 Wertschöpfung lokal möglich — als bewusstes Designprinzip um: 2/3 der Aufträge gehen an regionale Stahlbauer. Sterner liefert die Grundlage, Großmann die praktische Umsetzung.











