Quelle: Gilda con Arne — Der Politik-Podcast, Folge #20 Produziert von Gilda Sahebi & Arne Semsrott, unabhängig/werbefrei über Steady finanziert

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Gilda Sahebi und Arne Semsrott machen mit Gilda con Arne einen der informiertesten deutschsprachigen Politik-Podcasts — spendenfinanziert und werbefrei. Unterstützenswert: YouTube · Apple Podcasts

Wer spricht?

Gilda Sahebi — Moderatorin und Co-Hosterin; Journalistin und Iran-Expertin mit iranischem Vater; kennt die Zivilgesellschaft von innen, hat aktive Kontakte in den Iran. Kai Ambos — Völkerrechtler und Völkerstrafrechtler, Universität Göttingen; Richter am Kosovo-Sondertribunal in Den Haag; auch in der MONITOR-Note zu Irankieg und Völkerrecht vertreten. Juristische Präzision ohne ideologische Färbung. Jean-Philipp Kindler — Autor und Satiriker; Podcast „Studio Kindler” (politische Sprache und öffentlicher Raum); vertritt Arne Semsrott in dieser Folge.

Arne Semsrott (krank, nicht dabei) — Co-Host, Journalist und Aktivist (FragdenStaat.de); Arne ist normalerweise die zweite Stimme.

Das Format: Unabhängiger Politikpodcast, wöchentlich — kein öffentlich-rechtlicher Auftrag, keine Werbung. Linksliberal, kritisch-investigativ. Diese Folge wurde vor dem tatsächlichen US-israelischen Angriff auf den Iran (28. Februar 2026, Operation Epic Fury) aufgezeichnet — die Intervention war zu diesem Zeitpunkt noch hypothetisch.

Kernthese

„Das Völkerrecht ist nicht das Problem. Die Regeln, die Staaten sich gegeben haben, machen Sinn. Das Problem ist die Durchsetzung — und Regierungen, die selektiv auf das Völkerrecht zeigen, je nachdem ob es ihnen gerade passt.” — Kai Ambos


Teil 1: Humanitäre Intervention im Iran — Kai Ambos

Ausgangslage (zum Zeitpunkt der Aufnahme)

Die USA und der Iran verhandeln über das Nuklearprogramm. Trump hat Interventionsdrohungen gegenüber dem Iran geäußert. Im Iran gab es Massentötungen nach Protesten im Januar. Die Frage: Wäre eine US-Militärintervention völkerrechtlich gedeckt?


Was erlaubt das Völkerrecht?

Grundnorm: UN-Charta Art. 2 (4) — Gewaltverbot. Verboten ist nicht nur Gewaltanwendung, sondern auch ernsthafte Drohung. Bei Trump, der seinen Worten Taten folgen lässt, sei das Ernsthaftigkeitskriterium erfüllt.

Zwei anerkannte Rechtfertigungsgründe für Gewalt:

  1. Selbstverteidigung (Art. 51 UN-Charta) — nur bei bewaffnetem Angriff
  2. Autorisierung durch den UN-Sicherheitsrat — de facto blockiert durch Russland/China-Veto

Nicht anerkannte Rechtfertigungsgründe:

  • Humanitäre Intervention — in der Staatenpraxis nie allein verwendet. Selbst beim Präzedenzfall Kosovo 1999 hat nur Belgien diesen Begriff benutzt. Deutschland berief sich auf Selbstverteidigung. Der globale Süden (G77, ~130 Staaten) lehnt sie ab.
  • Präventivschlag — bei bloßem Verdacht nicht gedeckt

Responsibility to Protect (R2P) — was sie wirklich bedeutet

Oft missverstanden: R2P besagt, dass die primäre Verantwortung zum Schutz der Bevölkerung beim Staat selbst liegt. Wenn dieser versagt, kann die internationale Gemeinschaft subsidiär eingreifen — aber nicht militärisch und nicht ohne UN-Sicherheitsrat.

Die UN-Generalversammlung hat R2P 2005 verabschiedet und explizit auf multilaterale Mechanismen verwiesen. Eine unilaterale humanitäre Intervention folgt daraus nicht.


Das normative Dilemma

„Wir haben einen Normenkonflikt: einerseits das Gewaltverbot, andererseits die Pflicht, Menschenrechte zu schützen. Der Iraner hat genauso ein Recht zu leben wie der Deutsche.”

Ambos benennt die Bedingungen, unter denen eine humanitäre Intervention theoretisch vertretbar wäre:

  • Just Cause: extreme Menschenrechtsverletzungen
  • Richtiges Motiv: humanitäre Absicht, kein Ressourceninteresse, keine Geostrategie
  • Verhältnismäßigkeit: keine Totalzerstörung
  • Exit-Strategie: klarer Plan für demokratische Transition

Bei Trump: Das Motiv ist zweifelhaft (er hat gesagt, ihm geht es nicht um Demokratie). Der Schaden an der Zivilbevölkerung ist real. Und: Wer repräsentiert die Opposition? Reza Pahlavi?


Was Gilda aus dem Iran hört

Gilda hat direkte Kontakte im Iran (kurz vor der Aufnahme Gespräche geführt):

„Da wurde einhellig gesagt: Wir müssen weitermachen, wir müssen uns bewaffnen. Ein Uniprofessor meinte, er hatte diese Ansicht nie — aber wie soll man ohne Waffen mit Mördern reden, die nur die Sprache der Gewalt sprechen?”

Eine junge Frau aus Teheran:

„Egal wie stark die Amerikaner angreifen und wie viele Menschen sie töten — sie werden nie so viele töten wie das Regime. Selbst wenn wir alle untergehen, soll die Islamische Republik ausgelöscht werden.”

Ambos betont: Das ist emotional nachvollziehbar, aber kein völkerrechtliches Argument. Die Nobelpreisträgerin Narges Mohammadi ist gegen eine Intervention — es gibt keine einheitliche Stimme der iranischen Zivilgesellschaft.


Ist der UN-Sicherheitsrat noch etwas wert?

Ambos’ Antwort: Ja — aber mit realistischem Blick auf seine Grenzen.

Alternativer Weg via Generalversammlung: Der Mechanismus „United for Peace” (seit 1950) erlaubt der Vollversammlung zu handeln, wenn der Sicherheitsrat blockiert ist. Russland hatte 1950 den Sicherheitsrat durch Leerstand boykottiert.

Das Problem 2026: Wegen der Gaza/Israel-Polarisierung ist auch in der Generalversammlung keine breite Resolution gegen das iranische Regime mehr realistisch. Für viele Länder des Globalen Südens ist die Islamische Republik gleichgesetzt mit pro-palästinensisch.


Völkerrecht als Durchsetzungsproblem, nicht als Normenproblem

„Die Leute, die sagen, das Völkerrecht ist nichts mehr wert, sagen letztendlich, es gibt Durchsetzungsprobleme. Das gibt es auch im nationalen Recht.”

Ambos’ Analogie: Als Vermieter eine Kündigung durchzusetzen oder als Gläubiger einen Titel einzutreiben, ist auch oft schwer. Trotzdem würde niemand sagen, es gibt kein nationales Recht.

Der internationale Gerichtshof (IGH) hat laut amerikanischen Studien eine Durchsetzungsrate von 70–80% seiner Urteile. Das internationale Recht funktioniert in vielen Bereichen — es wird nur medial unsichtbar, weil Konfliktfälle mehr Aufmerksamkeit bekommen als gelöste.

Schuld tragen die Staaten, nicht die Normen: Putin-Haftbefehl nicht vollstreckt? Das liegt an den Staaten, nicht am ICC. IGH-Urteil zu Israel/Palästina ignoriert? Auch das liegt an den Staaten.

Neue Qualität unter Trump: Frühere US-Regierungen haben zumindest versucht, Interventionen im Sicherheitsrat zu legitimieren (Irak 2003). Trump versucht das erst gar nicht.


Teil 2: Boris Palmer — ein Facebook-Post und seine Folgen

Was passiert ist

Boris Palmer (OB Tübingen) saß in einem Zug und beobachtete eine Gruppe Jugendlicher, die darüber diskutierten, ob sie sich in die erste Klasse setzen sollten. Als einer es tat, sprach Palmer ihn an. Der Jugendliche antwortete: „Halt die Fresse.”

Palmer machte daraus einen Facebook-Post — und belastete darin eine namentlich erkennbare Lehrerin, die mit der Gruppe unterwegs war. Die Lehrerin meldete sich daraufhin bei Gilda con Arne.

Die Analyse (Kindler)

Jean-Philipp Kindler, Autor und Satiriker, analysiert Palmers Kommunikationsmuster:

  • Palmer sieht es als seine Aufgabe, öffentliche Regeln zu kommentieren und durchzusetzen — eine selbst gewählte Sheriffrolle
  • Der Post benennt Detailangaben, die eine Lehrerin in ihrem Umfeld identifizierbar machen — das ist kein Zufall, sondern Methode
  • Das Verhaltensmuster ist bekannt: Palmer provoziert, kassiert Reaktionen, inszeniert sich als Opfer der Empörung

„Das, was Boris Palmer mit diesen Posts macht, ist die Frage: Wie viel sollte man das eigentlich wiedergeben? Manchmal hilft es ja auch, so was zu ignorieren. Aber wenn Menschen zu Schaden kommen, kann man nicht ignorieren.”


Einordnung

Was diese Perspektive bietet

  • Völkerrechtliche Analyse vor dem Irankrieg — zeigt, wie die Experten die Rechtslage einschätzten, bevor es passierte; liest sich rückblickend als Voranalyse zu dem, was Ambos in MONITOR dann nach dem Krieg bestätigt hat
  • Gildas Direktkontakte im Iran geben eine Innenperspektive, die keine Nachrichtenredaktion hat
  • Kritische Diskussion des Völkerrechts als Durchsetzungsproblem (nicht Normproblem) — wichtige Differenzierung gegen Nihilismus

Offene Fragen

  • Ambos hielt eine US-Intervention für unwahrscheinlich — sie fand wenige Wochen später statt. Was hat seine Einschätzung der Akteurskonstellation (MBS, Netanyahu) falsch gemacht?
  • Wie hat sich die Stimmung in der iranischen Zivilgesellschaft nach dem tatsächlichen Angriff (1.300+ Tote, Schule in Minab) entwickelt?

Verbindungen

WDR Europaforum — Out of order Voelkerrecht

Beide zerlegen dieselbe Legitimationsfigur: Gilda con Arne die „humanitäre Intervention“, Ambos das Vermengen von Tatsache (wer begann den Krieg) und Rechtfertigungsfrage — zwei Ebenen, die im Diskurs absichtlich verschwimmen.

MONITOR — Irankrieg und das Ende des Völkerrechts

Derselbe Kai Ambos — einmal vor dem Krieg (hypothetisch), einmal danach (Analyse des Bruchs). Zusammen bilden die zwei Folgen eine vollständige Vor-/Nachher-Perspektive.

Rainer Mausfeld — Warum schweigen die Lämmer

Mausfeld: Eliten nutzen selektiv Normen. Ambos beschreibt genau das: Völkerrecht wird von deutschen Politikern zitiert, wenn es passt (Ukraine), und ignoriert, wenn es nicht passt (Gaza, Iran). „Die kennen im Iran das deutsche Wort Drecksarbeit.”

Hannah Arendt — Denken ohne Geländer

Arendts Frage: Wie urteilt man, wenn es keine stabilen Maßstäbe mehr gibt? Ambos steht vor dieser Frage konkret: Das Völkerrecht als Maßstab wird selektiv gebrochen. Was bleibt, wenn die Stärksten die Regeln ignorieren?

Nico Lange — Hat Trump die Kontrolle über den Iran-Krieg verloren

Lange liefert die militärisch-strategische Tiefenanalyse zur selben Phase des Iran-Kriegs: Area Denial, Kish-Insel-Plan, Ukraine-Risiken. GCA 20 fragt nach dem Warum (Völkerrecht, humanitäre Motive), Lange nach dem Wie (militärische Logik und Sackgassen).


Weiterführend

  • Gilda con Arne: steady.de/gildaconarne — unabhängiger Politikpodcast
  • Kai Ambos: Lehrbuch Völkerstrafrecht — Standardwerk
  • Narges Mohammadi: Nobelpreisträgerin 2023, Iran — Position: gegen militärische Intervention
  • „United for Peace”-Mechanismus (UN-Resolution 377, 1950) — Alternative zur Sicherheitsrat-Blockade

Sternstunde Philosophie — Der Iran-Krieg und die Geopolitik der Gegenwart

Sirus Schyek (Historiker, Genf) und Kamran Safiarian (ZDF-Journalist) — beide mit iranischen Wurzeln — analysieren denselben Konflikt aus persönlicher und historischer Perspektive: das ethisch-moralische Dilemma (böses Regime vs. Völkerrechtsbruch), die Sicherheitsdilemma-Spirale seit 2003, humanitäre Lage und Szenarien.