Quelle: Offline per Gesetz – Brauchen wir ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche?
Wer spricht?
Dr. Kerstin Paschke — Privatdozentin und Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie; seit Juni 2025 ärztliche Leiterin des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) am UKE Hamburg. 50+ Publikationen zur Medienabhängigkeit bei Jugendlichen. Klinische Stimme in der Debatte. → DenkerVita
Dr. Kristian Kunow — Stellvertretender Direktor der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB), leitet Förderung, Projektbeteiligungen und digitalen Jugendschutz. Regulierungspragmatiker, der zwischen politischen Forderungen und Umsetzbarkeit vermittelt. → DenkerVita
Sanya Lehmann — Mitglied des MABB Jugendrats seit 2023 (dem ersten Jugendrat einer deutschen Medienaufsichtsbehörde). Bringt die Perspektive junger Nutzer in politische Prozesse ein — war auch in der Expertenkommission des Bundesbildungsministeriums. → DenkerVita
Ninia LaGrande (Moderation) — Moderatorin, Autorin, Slam-Poetin (geb. 1983); Mitgründerin des Hashtags ausnahmslos (2016), Clara-Zetkin-Frauenpreis. Moderiert u.a. für Bundespräsidialamt und Bundesministerien. → DenkerVita
Lizenz: CC BY-SA 4.0 — re:publica 26, 19.05.2026
Die Framing-Frage: Nicht Verbot, sondern Aufwachsen
Kerstin Paschke setzt gleich zu Beginn einen wichtigen Akzent: Das Panel solle eigentlich gar nicht die Frage beantworten, ob ein Social-Media-Verbot nötig ist.
„Es geht viel mehr um die Frage: Wie können wir Kindern und Jugendlichen ein gesundes Aufwachsen in der digitalisierten Welt ermöglichen? Ganz im Sinne ihres Rechtes auf eine offene Zukunft.”
Diese Reframung ist programmatisch. Sie entzieht dem medialen Streit — Verbot ja/nein — den Boden und stellt ihn auf ein breiteres Fundament: Kinderrechte, Entwicklungspsychologie, gesellschaftliche Verantwortung. Was folgt, ist kein politisches Pamphlet, sondern eine Art klinischer Lagebericht.
Weitergedacht
Wenn wir von “Recht auf eine offene Zukunft” sprechen — wessen Definition gilt? Und: Wer darf im Namen dieser Zukunft handeln, wenn die Jugendlichen selbst anderer Meinung sind?
Die Psycho-Gesundheitskrise der Jugend
Paschkes erster Impuls ist ernüchternd. Führende internationale Expertinnen sprechen von einer Youth Mental Health Crisis — und benennen soziale Medien nicht als Ursache, sondern als Katalysator einer multikausalen Entwicklung. In Deutschland: Pro Schulklasse gibt es heute fünf bis sechs Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten oder emotionalen Schwierigkeiten. Und in den letzten zehn Jahren ist pro Klasse noch ein Kind dazugekommen.
Die Kosten sind immens:
„Psychische Erkrankungen kosten gesunde Lebensjahre, sie kosten Teilhabe, sie kosten Schulabschlüsse, Berufsfähigkeit, sie kosten Chancengleichheit — und letztendlich kosten sie auch Volkswirtschaft. 2015 schätzungsweise waren das 140 Milliarden Euro oder 4,8% des Bruttoinlandsproduktes.”
Die Zahl klingt abstrakt, bis man sie konkretisiert: 140 Milliarden — das ist mehr als das gesamte Bundesverteidigungsbudget. Was wir als “Jugendproblem” rahmen, ist ein gesellschaftliches Finanzierungsproblem in Milliardenhöhe. Und die Kosten steigen, weil psychische Erkrankungen, die im Kindesalter entstehen, im Erwachsenenalter häufig bestehen bleiben.
Weitergedacht
Wenn psychische Erkrankungen 4,8% des BIP kosten — wäre eine Präventionsinvestition von z.B. 1% BIP ökonomisch rational? Warum diskutieren wir das als “Jugendschutz” und nicht als Wirtschaftspolitik?
Das neurobiologische Argument: Porsche mit VW-Käfer-Bremsen
Paschkes zweiter Impuls ist der konzeptuell stärkste: Jugendliche sind neurobiologisch besonders verletzlich — und das ist kein Defizit, sondern normale Entwicklung. Das Gehirn wächst von evolutionär alten Tiefenstrukturen (Belohnungszentren, Impulse) hin zu jüngeren, oberflächlicheren Strukturen (Impulskontrolle, Planung). In der Adoleszenz sind die Belohnungssysteme voll aktiv, die Bremsen aber noch nicht fertig ausgebaut.
„Denken Sie an einen Porsche mit den Bremsen eines VW Käfers. Das bringt enormes Potenzial für eine rasante Entwicklung, aber auch große Risiken.”
Diese Metapher ist mehr als eine nette Bildsprache — sie formuliert ein strukturelles Missverhältnis. Social-Media-Algorithmen wurden für Erwachsenengehirne entwickelt (oder eher: für Aufmerksamkeitsmaximierung aller Altersgruppen), treffen aber auf Gehirne, die besonders empfänglich für variable Belohnungsreize sind — und gleichzeitig noch keine ausgereiften Kontrollmechanismen haben.
Die Hälfte aller psychischen Erkrankungen über das Leben hinweg beginnt in Kindheit oder Jugend. Das Gehirn, das jetzt geformt wird, trägt diese Prägungen Jahrzehnte weiter.
Weitergedacht
Wenn die neurobiologische Unreife kein Defizit, sondern normales Entwicklungsmerkmal ist — müssten dann Plattformen, die genau diese Unreife ausnutzen, nicht als inhärent schädlich gelten, unabhängig von einzelnen Inhalten?
Suchtmechanismen: Die Aufmerksamkeitsökonomie seziert
Paschke erklärt das Geschäftsmodell klar: Plattformen sind gebaut, um Aufmerksamkeit zu maximieren. Dafür nutzen sie gezielt zwei psychologische Mechanismen:
1. Variables Belohnungslernen — Nicht jeder Scroll bringt etwas Tolles. Aber vielleicht das nächste. Und das 21. TikTok-Video könnte dasjenige sein, das alle Freunde teilen wollen. Diese Unvorhersagbarkeit ist kein Bug, sondern Feature: Konditionierung durch intermittierende Verstärkung, bekannt seit den Kasino-Studien der 60er Jahre.
„Man ist besonders verhalten, verfestigt sich besonders dann gut, wenn Belohnung nicht gut vorhersagbar ist.”
2. KI-Personalisierung — Die Plattformen wissen inzwischen systematisch, welche Präferenzen Nutzerinnen haben — auch Kinder und Jugendliche. Gezielt werden “Trampelpfade” angelegt, die in Richtung gefährdender Inhalte führen: Drogendealern, Verherrlichung riskanter Verhaltensweisen, Suizid-Content.
„Das ist das Geschäftsmodell, weil das die Aufmerksamkeit bindet.”
Das ist die eigentliche Sprengkraft der Aussage: Jugendgefährdung ist kein unerwünschter Nebeneffekt, sondern Konsequenz eines Geschäftsmodells, das Aufmerksamkeit auf die spitzenste aller Emotionen — Schock, Ekel, Lust, Angst — zielt. Und Kinder sind dabei besonders profitable Opfer.
Etwa einer von vier 10- bis 17-Jährigen in Deutschland zeigt Symptome suchtartigen Social-Media-Verhaltens. In sechs Jahren hat sich dieser Anteil mehr als verdoppelt. Hochgerechnet: 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche.
Die Jugend-Perspektive: Nicht über uns, sondern mit uns
Sanya Lehmann, 19 Jahre, Mitglied des MABB Jugendrats, bringt eine Perspektive ein, die im politischen Diskurs oft fehlt: die der Betroffenen selbst. Jugendliche seien mehrheitlich gegen ein Verbot — nicht primär weil sie es nicht verstehen, sondern weil sie die Logik hinter der Frage für falsch halten.
„Vielleicht ist es ja auch mal wichtig, nicht dieses Verbot als eine Lösung zu sehen, sondern eben die einzelnen Probleme anzugehen und dafür Lösungen zu finden.”
Ihr Argument: Die bestehenden Plattform-Regeln (Mindestalter 13) werden schon jetzt nicht durchgesetzt. Bevor man neue Regeln einführt, sollten die bestehenden gelten. Und der Hinweis auf Australien ist konkret: Dort sind trotz Verbot noch 70% der Jugendlichen auf Social Media — das Verbot wird umgangen.
Was Sanya fordert, ist subtiler als ein Pro oder Contra: Jugendliche auf Augenhöhe einbinden, nicht von oben verwalten. Sie berichtet, dass der Jugendrat in die Expertenkommission des Bundesbildungsministeriums eingeladen wurde — das ist gut. Aber die Grundhaltung sollte sein:
„Wirklich Jugendlichen Möglichkeit geben, Argumente vorzubringen, ihre Sichtweisen vorzubringen — und zu zeigen, okay, das ist Jugendlichen an sozialen Medien auch wichtig, weil es gibt ja Gründe, warum wir soziale Medien nutzen.”
Social Media ist für viele Jugendliche nicht Suchtgefahr, sondern auch Informationsraum, Identitätsfindung, Vernetzung, Wissensaneignung. Diese Ambivalenz ernst nehmen bedeutet, nicht in moralische Panik zu verfallen.
Weitergedacht
Wenn Jugendliche gegen das Verbot sind — ist das ein valides demokratisches Argument? Oder ist es, wie bei anderen Suchtfragen (Tabak, Alkohol), irrelevant, weil die Neurobiologie gegen die Selbstauskunft spricht?
Das Containerschiff-Bild: Regulierung auf Zeit
Paschkes stärkstes Bild ist eine Metapher über Regulierungsgeschwindigkeit. Ein Kind sitzt in einem kleinen Boot im Fahrwasser der großen Tech-Plattformen. Man kann das Kind mit einer Rettungsweste ausstatten, ihm einen Außenborder geben, die Eltern an Bord holen. Gleichzeitig sucht auf dem riesigen Containerschiff — dem DSA (Digital Services Act), der gute Grundlagen bietet — eine Crew nach gefährlichen Mechanismen.
„So ein modernes Containerschiff fasst ungefähr 20.000 Container. Das heißt, das dauert. Der Abstand zwischen dem kleinen Boot und dem Containerschiff wird immer geringer — und letztendlich kann es nicht mehr ausweichen.”
Was ist also naheliegend? Das kleine Boot aus diesem Fahrwasser nehmen — also: eine zeitlich befristete Herausnahme der Kinder aus den Plattformen, während die Regulierung aufholt. Das ist Paschkes pragmatisches Argument für zumindest temporäre Schutzmaßnahmen.
Die Schwäche des Bildes ist, dass es verschweigt: Wohin geht das kleine Boot dann? Welches ruhige Fahrwasser? Die Offline-Welt hat ihre eigenen Gefahren — und Jugendliche ohne digitale Kompetenz sind nicht geschützt, sondern nur verzögert exponiert.
Smarte Lösungen statt Verbots-Debatte
Christian Kunow fasst die MABB-Position pragmatisch zusammen: kein Verbot, aber massiv erhöhtes Schutzniveau bei gleichzeitiger Wahrung der Teilhabe. Er nennt konkrete Ansätze:
- Teen-Konten (Instagram): Möglicherweise ein Teil der Lösung — mit Ruhemodus-Funktion nachts, eingeschränkten Empfehlungs-Algorithmen
- US-Bundesstaaten: Einzelne Staaten untersagen Plattformen bereits, Pushnachrichten nachts an Minderjährige zu senden — kleine Maßnahme, direkte Wirkung auf Schlafstörungen
- KI-gestützte Inhaltsmoderation: MABB nutzt ein KI-System, das fortlaufend Inhalte scannt — aber jede KI-Markierung geht danach durch menschliche Prüfung
- Mediennutzungsvertrag für Familien: Ein Instrument, das Eltern Orientierung gibt und Kommunikation innerhalb der Familie erzwingt
Das Ziel ist das, was Kunow “altersgerechte Versionen der Plattformen” nennt — und er sagt mit einer gewissen Ironie, er würde sie am Ende selbst nutzen wollen.
Weitergedacht
Teen-Konten werden von denselben Unternehmen entwickelt, die das Problem verursacht haben. Ist das strukturell ähnlich wie Tabakkonzerne, die “Raucherentwöhnung” finanzieren — ein PR-Move ohne echten Wandel?
Faktencheck
Bestätigt — Fünf bis sechs Kinder pro Klasse mit psychischen Auffälligkeiten
Etwa 10–20% aller Kinder und Jugendlichen weisen eine psychische Störung auf. Bei einer durchschnittlichen Klassengröße von 25–30 Schülerinnen ergibt das rechnerisch 2,5–6 Betroffene — die obere Grenze von “fünf bis sechs” ist plausibel, wenn man leichtere Verhaltensauffälligkeiten einschließt. Der Anstieg “ein Kind mehr in 10 Jahren” entspricht dem dokumentierten Post-Pandemie-Trend, ist aber nicht unabhängig als exakte Zahl verifizierbar. Quelle: Psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen — BPtK
Vereinfacht — 140 Milliarden Euro / 4,8% BIP (2015)
Der Wert von 4,8% des BIP entstammt einem gemeinsamen OECD/EU-Bericht — für das Jahr 2016, nicht 2015, und umfasst direkte und indirekte gesamtwirtschaftliche Kosten. Das Statistische Bundesamt weist für 2015 nur 44,4 Milliarden Euro direkte Behandlungskosten aus. Die 140 Mrd. sind eine Hochrechnung des Gesamteffekts, die im Panel nicht erklärt wird — was den Eindruck einer höheren direkten Kostenlast erzeugt. Quelle: Ärzteblatt — Psychische Erkrankungen: Hohe ökonomische Kosten · Ärzteblatt — 44 Milliarden direkte Kosten
Bestätigt — Hälfte aller psychischen Erkrankungen beginnt in Kindheit oder Jugend
Die BPtK bestätigt: Mehr als die Hälfte aller psychischen Erkrankungen entsteht vor dem 19. Lebensjahr; weitere Studien sprechen von drei Vierteln bis zum frühen Erwachsenenalter. Quelle: BPtK — Fast 20 Prozent erkranken an einer psychischen Störung
Bestätigt — Einer von vier 10- bis 17-Jährigen zeigt suchtartiges Social-Media-Verhalten
Die DAK-Mediensucht-Studie 2024 weist für 10- bis 17-Jährige einen Anteil von 25,5% mit problematischer oder suchtartiger Social-Media-Nutzung aus. “Einer von vier” trifft das exakt. Quelle: DAK-Mediensucht-Studie 2024
Vereinfacht — In sechs Jahren hat sich der Anteil mehr als verdoppelt
Die DAK-Daten zeigen einen Anstieg von 11,4% (2019) auf 25,5% (2024) — eine Steigerung von 126%, also mehr als eine Verdoppelung, aber in fünf, nicht sechs Jahren. “Mehr als verdoppelt” stimmt; “sechs Jahre” ist um ein Jahr unscharf. Kein strategisches Motiv erkennbar — eher Ungenauigkeit im gesprochenen Wort. Quelle: DAK-Studie 2025 — Schau Hin
Vereinfacht — 70% der Jugendlichen in Australien trotz Verbot auf Social Media
Die Zahl wird im Panel ohne Quellenangabe zitiert (“auf dem Panel gestern”). ZDF berichtet von “knapp 70%” der unter 16-Jährigen mit noch aktivem Zugang; Heise nennt 61% für 12- bis 15-Jährige. Der Kern — das Verbot ist leicht umgehbar und ein Großteil hat weiter Zugang — ist durch beide Erhebungen bestätigt. Die Prozentzahl variiert je nach Studie. Quelle: ZDF — Australien: Social-Media-Verbot und Auswirkungen · Heise — Australia: Social media ban has little effect
Weiterführende Quellen
Aus der Video-Beschreibung:
Studien & Berichte (Sherlock):
- BPtK — Faktenblatt Psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen
- DAK-Mediensucht-Studie 2024 — Primärquelle für 25,5% / Verdoppelung seit 2019
- Ärzteblatt — Psychische Erkrankungen: Hohe ökonomische Kosten (OECD/EU)
- ZDF — Australien: Social-Media-Verbot und Auswirkungen
- Heise — Australia: Social media ban has little effect
Weiteres:
- Jonathan Haidt: The Anxious Generation (2024) — Standardwerk zur Smartphone-Kindheit
Verbindungen
→ Markus Gabriel — Was die sozialen Netzwerke mit uns machen
Gabriel analysiert Social Media als Aufmerksamkeitsfalle und philosophisches Problem. Paschkes neurobiologisches Argument über Belohnungslernen ergänzt Gabriels medienphilosophische Kritik: Was Gabriel als kulturelles Problem beschreibt (die Verflachung von Realität), ist bei Paschke ein klinisch messbares Symptom mit Suchwert.
→ Aladin El-Mafaalani — Kinder als diskriminierte Minderheit (taz lab 2025)
El-Mafaalani argumentiert, Kinder seien strukturell die am wenigsten gehörte Gruppe im politischen Diskurs. Sanya Lehmanns Forderung — “auf Augenhöhe, nicht von oben herab” — ist eine direkte Praxis-Version dieser These. Das Panel selbst ist ein seltenes Experiment: Eine Jugendliche spricht mit Regulierern, nicht nur über sie.
→ Hartwin Maas — Bildung NEU DENKEN
Maas’ Kritik am Bildungssystem berührt denselben neurobiologischen Grundsatz: Lernen funktioniert anders als institutionell angenommen. Paschkes “Schutz als Voraussetzung für Befähigung” ist eine bildungstheoretische Aussage — ohne sicheren Entwicklungsraum keine echte Lernfähigkeit.
→ rp26 — KIs unsichtbare Arbeitskräfte
Beide Panels diskutieren Nebenwirkungen technologischer Systeme auf vulnerable Gruppen. Die KI-Personalisierung, die Paschke als Verstärker von Suchtmechanismen beschreibt, ist dieselbe KI, die in der anderen rp26-Session unsichtbare Arbeit unsichtbar macht.
→ Manfred Spitzer — Hirnforscher Feldbach
Spitzer hat seit Jahren vor digitalen Medien gewarnt — oft pauschal und wissenschaftlich überschießend. Paschkes Position ist nuancierter: nicht Technologie per se ist das Problem, sondern das Design der Plattformen. Trotzdem treffen sich beide im Ergebnis: Kindheit braucht analoge Schutzräume.
→ Wolfram Schultz — Dopamin mehr als ein Glueckshormon
Paschke beschreibt die Suchtmechanismen der Plattformen — variables Belohnungslernen, unvorhersagbare Gratifikation. Schultz liefert die neuronale Grammatik dafür: Reward Prediction Error (RPE). Nicht die Belohnung selbst, sondern ihre Unvorhersagbarkeit feuert das Dopaminsystem — genau das, was TikTok-Algorithmen maximieren. Paschkes klinische Beobachtung (“1,5 Mio. suchtgefährdete Jugendliche”) und Schultz’ Mechanismus (“positiver RPE eskaliert Erwartungswert”) beschreiben dieselbe Spirale von beiden Enden.
→ Rebecca Boehme — So trickst du dein Gehirn aus
Böhmes Predictive Processing (das Gehirn als Vorhersagemaschine, Aufmerksamkeitsextraktion durch Neuigkeit) erklärt neurobiologisch, was Paschke klinisch beobachtet: Jugendliche können die Kontrolle nicht zurückgewinnen, weil das Design der Plattformen aktiv gegen ihre Vorhersagemodelle arbeitet. Böhmes “Trick” — rote Eilmeldungen, Push-Notifications — ist bei Kindern durch den unreifen Präfrontalkortex noch wirksamer als bei Erwachsenen.
→ Renee DiResta — Invisible Rulers
DiResta zeigt, wie Plattformen Narrative verstärken und Crowds zu Propagandaapparaten werden. Paschkes klinische Beobachtung, dass Jugendliche durch KI-Personalisierung gezielt auf gefährdende Inhalte (Drogendealer, Suizid-Content, riskante Challenges) geleitet werden, ist DiRestas algorithmische Verstärkung angewandt auf eine vulnerablere Zielgruppe — mit direkten gesundheitlichen Folgen statt nur politischen.
Weiterdenken
Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
- Wenn Plattformen Suchtmechanismen bewusst einbauen und dabei Kinderpsychologie ausnutzen — ist das noch Unternehmertum oder organisierte Schädigung? Was unterscheidet das von einem Tabakkonzern, der Kinder als Zielgruppe wählt?
- Sanya Lehmann sagt: Jugendliche wollen nicht, dass man über sie entscheidet. Paschke sagt: Die Neurobiologie erlaubt kein selbstbestimmtes Urteil in dieser Phase. Wer hat recht — und wer darf in einer Demokratie für den anderen entscheiden?
- Das australische Verbot wird umgangen. Wenn Verbote nicht funktionieren und Selbstregulierung nicht funktioniert — welche dritte Option gibt es, die weder naiv noch autoritär ist?
- “Schutz ist die Voraussetzung für Befähigung” — stimmt das auch politisch? Schränkt zu viel Schutz die Fähigkeit zur Selbstregulation nicht langfristig ein, weil sie nie eingeübt wird?
- Sind wir als Gesellschaft bereit, Tech-Konzerne wirklich in die Pflicht zu nehmen — oder wählen wir den Weg des geringsten Widerstands und schulen stattdessen Kinder, mit Produkten umzugehen, die auf ihre Sucht optimiert sind?











