Worum es geht

Die Moderne glaubt, es werde besser — und hat darum keine Sprache für das, was verloren geht. Andreas Reckwitz zeigt zunächst, wie ungewöhnlich dieser Glaube historisch ist: Vormoderne Gesellschaften dachten Zeit zyklisch oder als Niedergang, nie als Verbesserungssequenz. Dann legt er den blinden Fleck offen. Eine Ordnung, die Fortschritt zur Norm macht, erlebt jeden Verlust als Skandal — und wer einen Skandal erlebt, sucht einen Schuldigen. Genau dort setzen die Populisten an.

Reckwitz’ Gegenvorschlag hat drei Teile: Resilienz statt Steigerung, Verlustausgleich für die Verletzlichsten, und Fortschritt nicht als Versprechen, sondern als Erbe — etwas Erarbeitetes, das man verspielen kann. Maja Göpel widerspricht an entscheidenden Stellen: Resilienz sei politisch schon als Ausrede fürs Nichtstun benutzt worden, und wer Verluste zumutet, während sich oben jemand freikauft, bekommt keine Zustimmung. Am Ende steht ein Wort, das sie ihm anbietet und er annimmt: ein geerdeter Fortschrittsbegriff.

Quelle: Fortschritt NEU DENKEN mit Andreas Reckwitz — Podcast NEU DENKEN (Mission Wertvoll), 21.07.2026, 67 Min. Im Gespräch mit Maja Göpel.

Wer spricht?

Andreas Reckwitz (18. März 1970, Witten) — Professor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin, Leibniz-Preisträger 2019, einer der einflussreichsten deutschsprachigen Soziologen der Gegenwart.

Er kam von der Geschichte zur Soziologie. Was ihn seit der Schulzeit umtrieb, waren die langen Entwicklungen — wie sich Gesellschaften über Jahrhunderte umbauen und wie wir dorthin gekommen sind, wo wir stehen. Aufgewachsen im Ruhrgebiet der achtziger Jahre, in einer Landschaft, die gerade ihren industriellen Abschied nahm. Vier Jahrzehnte später wird daraus Verlust (2024), sein bislang persönlichstes Buch, für das er 2025 den Preis Das politische Buch erhielt.

Wichtigste Werke: Die Erfindung der Kreativität (2012), Die Gesellschaft der Singularitäten (2017), Das Ende der Illusionen (2019), Verlust (2024) Kernkonzepte: Singularisierung · Spätmoderne · Praxeologie · Modernitätsregime · Verlustparadoxie · Fortschrittserbe

DenkerVita

Maja Göpel (1976, Bielefeld) — Politökonomin und Transformationsforscherin, Mitgründerin von Scientists for Future, Autorin von Unsere Welt neu denken. Sie führt hier kein Interview, sondern denkt mit: Ihre Einwürfe zur Ungleichheit und zur politischen Karriere des Resilienzbegriffs verschieben das Gespräch mehrfach.

DenkerVita


Inhalt

Kultur ist ein Tun

▶ 4:42 — Bevor Reckwitz über Fortschritt spricht, erklärt er, warum ein Soziologe über Fortschritt überhaupt sprechen kann. Sein Fach ist für ihn eine Kulturwissenschaft, und der Grund dafür steht bei Charles Taylor: der Mensch als self-interpreting animal, als Wesen, das sich selbst deutet. Gesellschaftliche Verhältnisse hängen davon ab, wie Menschen sie lesen — welche Weltbilder sie mitbringen, wie sie sich darin verorten.

„Wir können eigentlich Gesellschaft gar nicht verstehen ohne die Art und Weise, wie sich Individuen, soziale Gruppen, Institutionen darin verstehen.”

Das ist der Bruch mit der älteren Soziologie, die solche Deutungen als Überbau abgetan hätte, während die eigentliche Basis woanders lag. Reckwitz dreht das um, ohne die Basis zu leugnen: Weltbilder treiben moderne Gesellschaften an, auch die, die sich für rein technisch und rational halten.

▶ 7:43 — Die zweite Zutat kommt von Bourdieu und heißt Praxeologie, eine Theorie der Praxis. Kultur besteht nicht aus Sätzen in Büchern, sondern aus implizitem Wissen, das in Alltagshandlungen eingeht. Sein Beispiel ist Geschlecht: nichts Natürliches, sondern etwas, das in Praktiken aufgeführt wird, in denen Modelle von Männlichkeit und Weiblichkeit stecken. Praktiken neigen zur Selbstwiederholung — ein Habitus reproduziert sich, weil niemand einen Grund hat, ihn zu ändern. Sedimentiertes Wissen. Aber in derselben Praxis liegt der Bruch: ▶ 9:59 auf einmal wird etwas anders gemacht, zufällig oder reflektiert, und etwas Neues beginnt.

Eigene Einschätzung

Diese methodische Vorrede ist keine Pflichtübung. Sie entscheidet über alles, was danach kommt. Wenn Fortschritt ein Weltbild ist, das in Praktiken sitzt — im Kreditvertrag, im Investitionsplan, in der Erwartung an die Kinder —, dann kann man ihn nicht durch bessere Argumente ersetzen. Man müsste die Praktiken ändern. Das erklärt, warum Reckwitz später so wenig Geduld hat mit der Frage nach dem „neuen Fortschrittsnarrativ”: Ein Narrativ wechselt man aus. Ein Habitus nicht.

Der ungewöhnlichste Glaube der Welt

▶ 13:46 — Was ist die Moderne? Marx sagt Kapitalismus, Weber sagt Rationalisierung. Reckwitz hält beides für richtig und legt eine dritte Antwort daneben: Die Moderne glaubt an den Fortschritt. Ihre Institutionen sind so gebaut, dass sie eine Zukunft voraussetzen, die besser sein wird als die Gegenwart, und eine Gegenwart, die besser ist als das, was war. Man denkt in Verbesserungssequenzen.

Dann kommt der Satz, der die Sache kippt. ▶ 14:31 Vormoderne Gesellschaften dachten Geschichte zyklisch — es geht auf und ab —, oder als Gleichbleiben, oder als schleichenden Niedergang von einem goldenen Zeitalter her, das hinter einem lag. Der Optimismus der Moderne ist historisch die Ausnahme:

„Diese Fortschrittsorientierung ist wirklich außergewöhnlich. Könnte auch sagen ungeheuer naiv in einer Weise. Also wie kommt man auf diese Idee? Warum soll es denn überhaupt morgen besser sein als heute?”

Es ist eine bemerkenswerte Bewegung: Ein Soziologe nennt die Grundüberzeugung seiner eigenen Zivilisation naiv, ohne sie zu verachten. Denn der Glaube funktionierte. ▶ 15:17 Er wirkte wie eine Self-fulfilling Prophecy — wer erwartet, dass es besser wird, arbeitet daran, und manchmal wurde es dann besser. Kapitalismus und Sozialismus setzen beide auf Wachstum, Wissenschaft auf Akkumulation, Politik auf Verbesserung, das Individuum auf Aufstieg und Selbstverwirklichung. Fortschritt auf der Ebene des Subjekts.

Weitergedacht

Wenn der Fortschrittsglaube sich selbst erfüllte, weil Menschen an ihn glaubten — was erfüllt sich dann, wenn genug Menschen aufhören, an ihn zu glauben?

Woher der Glaube kommt: das Labor und das Reich Gottes

▶ 19:51 — Reckwitz nennt zwei Herkünfte. Die erste ist die Keimzelle im Labor: In der frühen Neuzeit wurde experimentiert, es gab technologische Entwicklung, und dort dachte man erstmals einen kontinuierlichen Fortschritt. Danach übertrug die Aufklärungsphilosophie die Figur auf die Gesellschaft — und schließlich auf den Menschen selbst, der ein moralisch höheres Wesen werden sollte.

Die zweite Herkunft ist unbequemer. ▶ 20:36 Sie liegt in der Religion, an die man beim Wort „modern” zuletzt denkt. Das Christentum kennt das Reich Gottes, eine Zukunft, die radikal anders und radikal besser ist. Reckwitz verweist auf Karl Löwiths schmales Buch Weltgeschichte und Heilsgeschehen (englisch 1949, deutsch 1953): Was die Christen von der Religion erhofften, erhoffen die säkularen Modernen von der Geschichte.

▶ 22:07 — Göpel bringt die Kehrseite ins Spiel: den Überheblichkeitskomplex des Kolonialismus, White Man’s Burden, die protestantische Arbeitsethik als Maßstab, an dem andere Kulturen defizitär erschienen — auch solche, die einfach zufrieden waren, wie sie waren. Reckwitz nimmt das auf:

„Die Durchsetzung des Fortschrittsimperativs war ja nicht nur friedlich, sondern es war auch etwas, was sowohl nach innen als auch nach außen mit Eroberung, mit Kolonialisierung zu tun hatte.”

Und der Imperativ ist nicht Vergangenheit. Er sitzt noch im Vokabular der internationalen Beziehungen — Entwicklungsländer und Industrieländer, als wüsste man, wohin die Weltgeschichte läuft. ▶ 22:53 Zugleich sitzt er im Banalsten: Jeder Kredit setzt voraus, dass er zurückgezahlt wird, jede Investition, dass sie sich realisiert. Heruntergebrochen auf den Alltag bedeutet Fortschritt schlicht positive Zukunftserwartung.

Überfluss und Freiheit — und die Grenzen des Doppelhorizonts

▶ 25:11 — Was heißt eigentlich „besser”? Reckwitz zieht Reinhart Kosellecks Unterscheidung heran: Erfahrungsraum und Erwartungshorizont fallen in der Moderne auseinander. Von der Zukunft wird etwas erwartet, was in der Vergangenheit nie vorkam. Sie ist offen, kontingent, gestaltbar.

Aber woran messen wir die Verbesserung? Freiheit, Gleichheit, Wohlstand, Emanzipation, Lebensstandard, Lebensqualität — die Maßstäbe konkurrieren seit dem Anfang. ▶ 26:42 Reckwitz findet Pierre Charbonniers Vorschlag überzeugend, den er nach dem Titel dessen Buchs benennt: Überfluss und Freiheit. Zwei Versprechen, ein Doppelhorizont. Mehr Komfort und Wohlstand einerseits, Befreiung aus Feudalgesellschaft und Patriarchat andererseits — beide dasselbe im Kern: Emanzipation vom Zwang, sei er repressiv oder materiell.

Reckwitz besteht darauf, dass die materielle Hälfte kein Beiwerk ist:

„Es gibt ja heute auch mal so eine Neigung, ich würde sagen auch teilweise so eine intellektuelle Neigung zu sagen, na ja, das ist eigentlich nur sekundär dieser Wohlstand … aber es ging auch immer um diese Frage Komfort, Wohlstand.”

▶ 28:15 — Und beide Hälften stoßen an Grenzen. Überfluss an ökologische, Freiheit an die Freiheit der anderen. Das ist der Punkt, an dem die üblichen Debatten ansetzen: Rekalibrierung des Maßstabs, neue Kennzahlen, Lebensqualität statt Wachstum. Reckwitz hält das für richtig und für nicht genug.

Der blinde Fleck: Verlust

▶ 29:00 — Hier verlässt das Gespräch die vertraute Wachstumskritik. Reckwitz sagt: Die Fortschrittsorientierung hat einen blinden Fleck, und er liegt nicht beim Maßstab, sondern beim Gegenteil. Sie kann mit Verlusterfahrung nicht umgehen. Verluste gab es in allen Gesellschaften. In das moderne Skript passen sie nicht hinein.

Sein Beispiel ist kein gesellschaftliches. ▶ 29:45 Es ist der Tod — Angehörige, Freunde, die im mittleren Alter schwer krank werden und sterben. Dass das Thema unangenehm ist, ist für ihn selbst schon der Befund. Und dann, ungeschützt, aus eigener Erfahrung:

„Die moderne Kultur in dieser Fortschrittsorientierung hat nicht wirklich kulturelle Werkzeuge oder nicht gute, um mit diesen Verlusterfahrungen umzugehen. Also häufig ist, das habe ich ja auch persönlich so erlebt, auch so eine Sprachlosigkeit.”

Das ist der stärkste Moment des Gesprächs, weil die Diagnose auf den Diagnostiker zurückfällt. Die Sprachlosigkeit am Sterbebett und die Sprachlosigkeit vor dem Zusammenbruch der europäischen Sicherheitsordnung sind für Reckwitz derselbe Mangel. ▶ 30:30 Auch der Klimawandel gehört dazu: teilweise geschehen, teilweise nicht mehr rückgängig zu machen — eine Unverfügbarkeit, mit der umgegangen werden muss.

▶ 31:16 — Daraus zieht er eine Pointe, die er selbst paradox nennt: Klüger mit Verlusten umzugehen wäre auf einer Meta-Ebene selbst ein Fortschritt. Ein Lernprozess, individuell und kollektiv — nur nicht der, den die Fortschrittsidee gemeint hat.

Eigene Einschätzung

Reckwitz landet damit ein Stück weiter, als er sagt. Wenn eine Kultur keine Werkzeuge für den Verlust hat, ist das kein Wissensdefizit, das man mit einem Buch schließt. Andere Traditionen haben solche Werkzeuge über Jahrhunderte ausgearbeitet — Trauerrituale, Vergänglichkeitslehren, Praktiken des Loslassens —, und die Moderne hat sie nicht widerlegt, sondern für unmodern erklärt. Was Reckwitz als Innovationsaufgabe formuliert, wäre auch als Rückholung zu denken. Sein eigenes Praxis-Argument spricht dafür: Werkzeuge, die niemand mehr benutzt, verschwinden nicht, weil sie falsch waren.

Warum Verlust nach einem Schuldigen ruft

▶ 35:06 — Der politische Kern der These liegt in einer Verkettung. Verlust ist für alle Menschen etwas Negatives. In modernen Gesellschaften ist er besonders negativ, weil er dem Versprechen widerspricht, unter dem man angetreten ist. Verlust erscheint als etwas Skandalöses. Und wo ein Skandal ist, ist ein Verantwortlicher: Neben dem, der verliert, steht die Frage nach dem Dritten, der schuld sein soll.

Damit ist die Brücke zum Populismus gebaut, ohne ihn zu dämonisieren. Modernisierungsverlierer gibt es wirklich — Deindustrialisierung, Postindustrialisierung, Gleichberechtigung haben reale Verluste erzeugt. Reckwitz sagt ausdrücklich, dass die Frage nach Verantwortung legitim sein kann und dass er nicht verlangt, jeden Verlust zu ertragen.

▶ 35:51 — Was die Lage verschärft, ist die Bauform der Spätmoderne selbst. Sie kennt Gewinner-Verlierer-Konstellationen stärker als die Jahrzehnte davor: Wissensökonomie gegen Deindustrialisierung, prosperierende gegen schrumpfende Regionen. Wer verliert, kann das als persönliches Scheitern lesen oder projizieren. Die offene Frage lautet für Reckwitz nicht, ob man Verluste anerkennt, sondern:

„Wie kann man jetzt also eine nichtpopulistische Verlustpolitik betreiben?”

▶ 40:25 — Göpel legt eine Bedingung dazu, die Reckwitz’ Begriffsarbeit ergänzt: Ohne Fairness ist kein Verlust zumutbar. Wenn die Oberen sich freikaufen und in der Krise Übergewinne abfallen, kippt das Loslassen in einen absoluten Verteilungskampf. Ihre drei Fragen, die sie offen auf den Tisch legen will: Werden wir genug haben? Werden wir teilen? Und wer ist „wir”?

Resilienz und Verlustausgleich

▶ 37:22 — Reckwitz’ erster Baustein ist die Resilienz, und er behandelt sie mit Vorsicht. Der Begriff lässt sich ideologisch verbrauchen. Interessant findet er ihn trotzdem, weil er ein anderes Zeitverhältnis mitbringt: Er rechnet mit negativen Einbrüchen statt sie wegzudenken. Kein Verstecken vor dem Ereignis, sondern Wappnung.

„Das finde ich schon eine interessante neue Begrifflichkeit, die ja sehr viel skeptischer ist als das klassische Fortschrittsverständnis … aber trotzdem schon weiterhin sowas wie eine, sagen wir mal, abgespeckte Fortschrittsidee enthält.”

▶ 38:54 — Das Beispiel liefert der Raum, in dem er sitzt: Berlin, mitten in einer Hitzewelle. Eine Million neue Bäume, Aufforstung, Beschattung. (Faktencheck: vereinfacht — die Million ist der Zielbestand des BäumePlus-Gesetzes bis 2040, nicht die Zahl der Neupflanzungen.) Man rechnet damit, dass die nächste Welle kommt, und puffert ab. Resilienz ist damit selbst ein Transformationsprogramm, nicht bloß Widerständigkeit.

▶ 39:40 — Göpel widerspricht sofort und genau: Es gab eine Zeit, da versprach Resilienz vor allem, der Schock werde ausgestanden und danach sei alles wie vorher. Politisch getragen und nicht ehrlich — damit wurden strukturelle Veränderungen hinausgezögert, die jetzt fällig werden. Der Einwand trifft, und Reckwitz weicht ihm nicht aus.

▶ 41:10 — Der zweite Baustein heißt Verlustausgleich und hängt am Begriff der Vulnerabilität. Verluste sind gesellschaftlich ungleich verteilt: Manche Gruppen sind für alle Formen anfällig, sozial, gesundheitlich, andere kaum. Also fängt man dort an. Zurück zur Hitze: Es sind die sozial belasteten Stadtviertel, die am stärksten überhitzen — dort beginnt Klimaresilienz, nicht in Zehlendorf. Übertragbar auf Bildung, Gesundheit, überall wo soziale Infrastruktur Verluste abfedert.

Weitergedacht

Wenn Resilienz eine „abgespeckte Fortschrittsidee” ist, die mit Einbrüchen rechnet — woran erkennt man von außen, ob eine Regierung sich wappnet oder bloß aufschiebt?

Das Fortschrittserbe — und warum Progressive konservativ sein müssen

▶ 42:41 — Der dritte Baustein ist der originellste, und Reckwitz führt ihn als Perspektivwechsel ein. Fortschritt muss nicht das sein, was noch kommt. Obamas the best years are yet to come gehört zu der alten Figur, die mögliche Welten in die Zukunft verlegt. Man kann die Blickrichtung drehen und fragen, welche Fortschritte in 250 Jahren schon errungen wurden. Fortschritt als Erbe.

Das Wort ist mit Bedacht gewählt. ▶ 43:27 Ein Erbe kann man verspielen. Es ist keine feste Struktur, sondern etwas Weitergegebenes, das bei Pech oder Unklugheit verschwindet. Damit fällt eine bequeme Annahme:

„Habermas hat ja mal so vom Sperrklinkeneffekt gesprochen … wir haben das jetzt erreicht und das ist irgendwie mechanisch gar nicht möglich, dass es zurückgeht. Es geht nur immer weiter. Ja, und das ist ja eigentlich eine unglaublich naive Vorstellung.”

(Faktencheck: vereinfacht — Habermas’ Sperrklinke betrifft die Irreversibilität von Einsichten, nicht von Institutionen; er hat den Imperativ der Nicht-Regression gerade deshalb formuliert, weil Rückschritt möglich ist. Siehe unten.)

Liberale Demokratie als Erbe statt als Errungenschaft hinter einer Sperrklinke — das verschiebt die politische Grammatik. ▶ 44:57 Reckwitz’ Beispiel ist Kamala Harris, die im Wahlkampf 2024 das Recht auf Schwangerschaftsabbruch ins Zentrum stellte: eine progressive Kandidatin, die einen bereits erkämpften Fortschritt verteidigt. Man könnte spotten, die Progressiven würden konservativ. Er sieht es anders:

„Als Progressiver muss man da jeweils teilweise auch konservativ sein, weil es ja auch darum geht, die erreichten Fortschritte zu verteidigen.”

▶ 45:43 — Zum Erbe zählt er neben der Demokratie die ökonomische Prosperität, eine Bildungskultur und — mit einem trockenen Einschub, dass es leider nicht mehr überall stimmt — funktionierende öffentliche Infrastrukturen. Hundert Jahre Arbeit, seit einiger Zeit vernachlässigt.

Eigene Einschätzung

Das Fortschrittserbe ist der Teil dieses Gesprächs, der politisch am meisten Sprengkraft hat, weil er die Lagerlogik durchschneidet. Wer bewahren will, ist nicht automatisch rückwärtsgewandt; wer Zukunft verspricht, nicht automatisch fortschrittlich. Man sieht in Reckwitz’ eigener Aufzählung, wie ungleich die Erbstücke verteilt sind: Das Wahlrecht hat jeder, das funktionierende Schwimmbad nicht. Wer über das Erbe spricht, muss also mitsprechen, wer es je geerbt hat — sonst wird der schöne Begriff zur Verteidigung eines Besitzstands, der nie allen gehörte.

KI ist kein Naturereignis

▶ 50:16 — Am Fall der künstlichen Intelligenz prüft Reckwitz, wie es dem technischen Fortschrittsversprechen heute geht. Sein Vergleich ist das Internet: Vor Jahrzehnten war kaum jemand dagegen, man sah Kommunikation, Recherche, Erleichterung. Bei KI zeigen Umfragen in den USA mehr Skeptiker als Optimisten. ▶ 51:02 Die Sorgen sind konkret: wirtschaftliche Verdrängung, und Deskilling — Kompetenzen, die man sich abtrainiert oder nie erwirbt.

Reckwitz liest die Skepsis nicht als Technikfeindlichkeit, sondern als Vernunft: nicht mehr auf jedes Heilsversprechen hereinfallen, die Kehrseite von vornherein mitsehen. Die positiven Möglichkeiten bestreitet er nicht, bis hin zum Gesprächspartner. Große Technikoptimisten, die glauben, KI löse alle Probleme, hält er für eine Minderheit.

▶ 52:33 — Damit kehrt das Gespräch zu seinem Anfang zurück, zur Praxeologie. Technik setzt sich nicht durch wie eine Naturgewalt:

„Technologie ist ja selber etwas, was in bestimmten sozialen Praktiken angeeignet werden muss, was in bestimmten institutionellen Ordnungen auf eine bestimmte Art und Weise gestaltet und reguliert wird oder auch eben nicht reguliert wird.”

Von der Kontrolle der KI-Unternehmen bis zur Frage, wie ich morgens damit umgehe — eine Gestaltungsaufgabe. Und die ist, an dieser Stelle, ein legitimer Anschluss an die Fortschrittsidee: Wir sind dem nicht ausgeliefert.

▶ 54:04 — Göpel verschärft ins Politische. Europäische Regulierung stehe unter Druck US-amerikanischer Konzerne; ein gesellschaftsweites Realexperiment werde ohne Vorsorgeprinzip in die Welt gelassen; Europa solle vor allem Markt sein, der mitfinanziert. ▶ 55:35 Und die einflussreiche Fraktion sei inzwischen autoritär unterwegs, mit engen Bindungen an Pentagon und Trump. Reckwitz gibt ihr recht, hält aber daran fest, dass es in den USA parteiübergreifende Gegenkräfte gibt.

▶ 47:59 — Zuvor hatte Göpel schon die Groteske benannt: Milliardäre auf Treppchen, die zum Mars aufbrechen wollen, während Kollateralschäden verteilt werden. Ihr Beispiel ist Jeff Bezos auf einer Konferenz in Indien, der Wasser für die Entwicklung einer Superintelligenz reklamiert, weil diese dann Abundance für alle bringe. (Faktencheck: falsch — dieses Zitat existiert nicht, es stammt aus einem Satire-Account und wurde von einem indischen Portal irrtümlich übernommen. Siehe unten.) Der Punkt, den sie damit macht, bleibt: ein wildes Zukunftsversprechen von jemandem, der keine erste Wegstrecke zeigen will.

Weitergedacht

Reckwitz nennt die Skepsis gegenüber KI eine Form von Vernunft. Aber wie unterscheidet man abgeklärte Vernunft von der Ermüdung einer Gesellschaft, die sich nichts mehr zutraut?

Unverfügbarkeit — und der geerdete Fortschritt

▶ 57:51 — Göpel setzt eine systemische Hoffnung: Die Zukunft ist nie zu, jeder Trend kann einen Gegentrend hervorbringen. Reckwitz stimmt zu und gießt Wasser in den Wein. Es gibt Unverfügbarkeiten — die Zukunft ist nicht völlig zu, aber auch nicht völlig offen.

Drei nennt er. ▶ 58:36 Der Klimawandel: Emissionen seit der Industrialisierung haben strukturelle Folgen, die bleiben und nicht rückgängig zu machen sind. ▶ 59:22 Die Demografie: eine Altersstruktur mit großem hochbetagtem Segment in Europa und Ostasien, kein Rad, das man zurückdreht. ▶ 60:08 Die Sicherheitslage: Russland ändern wir nicht, die Bedrohung ist ein Faktum. Aus einem emphatischen Fortschrittsverständnis heraus, sagt er, darf das eigentlich alles nicht sein — daher die Verzweiflung mancher Leute.

„Und das ist, glaube ich, auch eine gewisse Ernüchterung, aber glaube ich eine Ernüchterung, die nötig ist.”

▶ 60:54 — Göpel hält das Wort fest, auf das es ankommt: umgehen. Keine Kontrolle über das Unverfügbare, aber Aushandlung der Reaktion. Kein Fatalismus. Ihr Beispiel aus eigener Arbeit ist ehrlich: Man habe ein ganzes Buch darüber geschrieben, wie die digitale Revolution die Nachhaltigkeitsprobleme lösen könne — mit dem korrekten Nebensatz, sie könne auch zum Brandbeschleuniger bisheriger Trends werden. Momentan sei man auf dem zweiten Weg.

▶ 61:40 — Dann fällt das Wort, das dem Gespräch seinen Namen gibt. Reckwitz beschreibt einen zurückhaltenderen, skeptischeren Fortschrittsbegriff, nicht mehr den euphorischen der totalen Machbarkeit. Göpel antwortet: „Ich würde den geerdet nennen.” Er nimmt es an.

▶ 63:11 — Auf die Schlussfrage, wie Europa über Fortschritt sprechen solle, antwortet er mit einer Weigerung. Gegen die Frage nach dem neuen Fortschrittsnarrativ habe er nichts. Aber wenn sie so daherkommt, als müsste man mit Verlusten nicht umgehen, sei sie zu wenig ehrlich — und dann auch gesellschaftlich nicht verankerbar, weil viele nicht mehr daran glauben, aus guten Gründen: Sie erleben Verluste.

▶ 64:42 — Sein politisches Argument dafür ist das Skandalisierungsrisiko. Wo etablierte Parteien Verluste ignorieren, spießen die Populisten sie genüsslich auf und pressen sie in Täter-Opfer-Narrative. Offen sagen: Die Sicherheitslage ist so, der Klimawandel ist so, und hier sind unsere Gestaltungsmöglichkeiten.

▶ 65:29 — Göpel legt die Gegenkraft daneben. Sie hat Umfragedaten zur Zufriedenheit mit öffentlichem Raum, Bildung, Nahverkehr, Ärzteversorgung angesehen; durchweg waren AfD-Anhänger unzufriedener mit demselben öffentlichen Raum. Wenn mir dauernd erzählt wird, dass alles schlecht ist und jemand mir etwas nimmt, habe ich es schwerer. Reckwitz zieht daraus nicht die bequeme Konsequenz:

„Das Verlustthema ist kontaminiert … auch von Populisten. Das kann jetzt aber umgekehrt nicht bedeuten, Verlust ist halt die Frage der Populisten und wir leugnen das jetzt einfach.”

▶ 66:15 — Göpels Schlusssatz: Die westliche Zivilisation muss nicht auf Treppchen zum Mars, sie kann sich auch auf dieser Erde noch etwas ausdenken.

Eigene Einschätzung

Reckwitz’ Weigerung ist der ehrlichste Punkt des Gesprächs und zugleich seine Grenze. Er sagt nichts darüber, wer ein solches Gespräch führen soll. Ein Politiker, der im Wahlkampf von Verlustakzeptanz spricht, verliert — und Reckwitz weiß es, er sagt selbst, ob es überhaupt gehört werde, sei eine andere Frage. Damit bleibt die Diagnose scharf und der Adressat unbestimmt. Es könnte sein, dass die Instanzen, die Verlust sprechbar machen, keine politischen sind: Nachbarschaften, Vereine, Gemeinden, Familien — Orte, an denen man Verluste teilt, ohne sie zu jemandes Schuld zu machen. Das wäre keine Verlustpolitik, sondern deren Voraussetzung.


Faktencheck

Falsch — Bezos in Indien über Wasser für die Superintelligenz

Jeff Bezos habe auf einer Konferenz in Indien gesagt, man könne weiter gegen Rechenzentren protestieren, oder das Wasser für die Entwicklung einer Superintelligenz nutzen, die dann Abundance für alle bringe. Diesen Auftritt gab es nicht. Das Zitat stammt von BPD News, einem als Satire deklarierten Instagram-Konto (Post vom 18.06.2026, BBC-Logo nachgeahmt); es zirkulierte in zwei Varianten — einmal verortet auf der VivaTech in Paris (17.06.2026), einmal auf einer „tech conference in New Delhi”. Lead Stories hat das AP-Transkript des tatsächlichen VivaTech-Auftritts geprüft: Weder das Zitat noch Schlüsselwörter wie „biological”, „cooling resources” oder „human comfort” kommen darin vor. Auf die Frage nach der Kühlung von Rechenzentren antwortete Bezos mit „orbital compute” — Rechenzentren im Weltraum, ohne Süßwasserverbrauch auf der Erde. Das indische Portal ThePrint übernahm das Falschzitat am 19.06. und korrigierte es später („The previous version wrongly quoted Jeff Bezos”) — das erklärt die Verortung „in Indien”. Göpels Kritik hat reale Anker (Bezos’ tatsächliche Abundance-Rhetorik, die Verlagerung von Schwerindustrie ins All), aber genau die Geschichte, die sie „die schlimmste Story” nennt, ist erfunden. Eine Anekdote, die zu gut ins Argument passte, um geprüft zu werden. Quellen: Snopes · AAP FactCheck · Lead Stories via Yahoo · ThePrint (mit Korrekturhinweis)

Bestätigt — In den USA mehr KI-Skeptiker als Optimisten

Reckwitz’ Befund hält, und zwar deutlich: 50 % der US-Erwachsenen sind über die zunehmende Nutzung von KI im Alltag „more concerned than excited”, nur 10 % umgekehrt, 38 % beides gleichermaßen (Pew Research Center, Feldzeit 09.–15.06.2025, n = 5.023). 2021 lag der Skepsis-Wert noch bei 37 % — die Verschiebung um 13 Punkte in vier Jahren stützt auch seinen Internet-Vergleich. Die aktuellste Welle (17.–23.02.2026, n = 5.119) zeigt dasselbe Bild von anderer Seite: 63 % finden, KI entwickle sich zu schnell, 40 % erwarten negative gesellschaftliche Folgen. Auch das Deskilling-Argument ist gemessene Sorge, keine Interpretation: 53 % erwarten, KI werde die Fähigkeit zum kreativen Denken verschlechtern, 50 % die Fähigkeit, tragfähige Beziehungen zu bilden. Solidität: repräsentativer Umfrage-Snapshot (kein Kausalbefund), aber mehrfach unabhängig replizierter Trend. Quellen: Pew — How Americans View AI (2025) · Pew — Americans and AI 2026

Bestätigt — AfD-Anhänger sind mit demselben öffentlichen Raum unzufriedener

Der Befund existiert und ist besser belegt als die Erzählung im Gespräch. Das IW-Gutachten Geographien der Unzufriedenheit — Daseinsvorsorge (Diermeier u. a., 25.05.2026) verknüpft 17 objektive Versorgungsindikatoren aus Digitales, Gesundheit, Mobilität, Freizeit und Bildung für rund 11.000 Gemeinden mit einer geokodierten Befragung (n = 5.455). Ergebnis: 53,2 % der Bevölkerung sind mit der Daseinsvorsorge vor Ort zufrieden — allein unter AfD-Anhängern überwiegt die Ablehnung (39 % negativ zu 26 % positiv), und die Diskrepanz zur politischen Mitte bleibt bestehen, „wenn für die unterschiedlichen Lebensumfelder sowie sozio-demographische Charakteristika kontrolliert wird”. Genau Göpels Themenliste findet sich in der Nachwahlbefragung zur rheinland-pfälzischen Landtagswahl im März 2026 (Infratest dimap): AfD-Anhänger unzufrieden mit ärztlicher Versorgung 62 %, ÖPNV 59 %, Straßennetz 55 %, Schulen 53 %. Die von Göpel genannte Quelle (Rainer Faus, pollytix) ließ sich als publizierter Datensatz mit diesen Items nicht auffinden. Die Sache trägt trotzdem, nur über eine andere Quelle. (Provenienz-Hinweis: Auftraggeber des IW-Gutachtens ist die Philip Morris GmbH — der Befund deckt sich aber mit der FES-Analyse Heider u. a. 2025 und mit Stroppe 2023.) Quellen: IW-Gutachten (PDF) · iwd — „Manche haben die Pessimismus-Brille auf”

Vereinfacht — Die Kausalrichtung dieser Unzufriedenheit

Göpel liest den Befund in eine Richtung: Wem dauernd erzählt wird, alles sei schlecht, der bewertet dasselbe schlechter. Diese Richtung ist belegt — das IW findet, dass für Demokratiezufriedenheit, wahrgenommene Staatsleistung und AfD-Neigung „die subjektive Bewertung und nicht die objektive Versorgung” dominiert, und die politisch motivierte Wahrnehmung ist experimentell gut abgesichert (Bisgaard, AJPS 2019, DOI 10.1111/ajps.12432 — Primärstudie, ~150 Zitationen: selbst korrekt erkannte Fakten werden parteilich umgedeutet). Die Gegenrichtung ist aber genauso belegt und methodisch sogar sauberer: Cremaschi u. a. nutzen eine italienische Verwaltungsreform als quasi-experimentellen Schock und zeigen, dass real verschlechterter Zugang zu öffentlichen Leistungen die Rechtsaußen-Wahl treibt (AJPS 2024, DOI 10.1111/ajps.12936 — quasi-experimentelle Primärstudie); dasselbe Muster für Krankenhaus- und Schulschließungen in England und Dänemark. Beide Wirkungen existieren gleichzeitig — Erzählung und Substanzverlust. Wer nur die Wahrnehmung betont, landet beim bequemen Schluss, es sei vor allem ein Kommunikationsproblem — genau die Konsequenz, die Reckwitz zwei Sätze später ausdrücklich zurückweist. Quellen: Cremaschi u. a., AJPS 2024 · Bisgaard, AJPS 2019

Vereinfacht — Habermas und der „Sperrklinkeneffekt"

Den Begriff gibt es bei Habermas, und die Sache auch — nur nicht in der Form, in der Reckwitz ihn zitiert. Habermas verwendet „Sperrklinkeneffekt” gemeinsam mit Klaus Günther 2020 in der ZEIT, allerdings rechtsphilosophisch. Die gemeinte Figur ist älter und stammt aus seiner Theorie sozialer Evolution: „Die Irreversibilität von Lernprozessen ist der Aufklärung eigen, insofern Einsichten nicht nach Belieben vergessen, sondern nur verdrängt oder durch bessere Einsichten korrigiert werden können” (Die Moderne — ein unvollendetes Projekt, 1980). Das ist eine Aussage über Einsichten und moralische Lernniveaus, nicht über Institutionen, die mechanisch nicht zurückfallen könnten. Reckwitz’ Zuspitzung baut sich damit einen bequemeren Gegner: Habermas selbst hat den Imperativ der Nicht-Regression formuliert, gerade weil Regression möglich ist, und diagnostiziert demokratische Regression seit Jahrzehnten (vgl. Niesen in Leviathan-Sonderband 40, 2023). Die Begriffsverwendung ist legitim, die unterstellte Naivität ist Reckwitz’ eigene Rahmung. Quellen: Habermas/Günther, DIE ZEIT 20/2020 · Zur Diagnose demokratischer Regression, Leviathan Sonderband 40

Vereinfacht — Berlin und „eine Million neue Bäume"

Die Zahl ist keine Rhetorik, sie steht im Gesetz — aber sie bezeichnet nicht die Neupflanzungen. Das Berliner Abgeordnetenhaus beschloss am 03.11.2025 aus der Volksinitiative BaumEntscheid das BäumePlus-Gesetz (Klimaanpassungsgesetz Berlin), Deutschlands erstes kommunales Klimaanpassungsgesetz: Ziel ist ein Bestand von einer Million gesunden Straßenbäumen bis 2040, dazu 1.000 Kühlinseln, 100 neue Parks, drei Ersatzpflanzungen je gefälltem Baum. Bei derzeit rund 440.000 Straßenbäumen wären das etwa 560.000 neue Bäume in 15 Jahren, nicht eine Million. Reckwitz’ Beispiel stimmt in der Sache — Resilienz als Transformationsprogramm, das mit der nächsten Hitzewelle rechnet —, die Million ist die Zielgröße des Bestands. Quellen: BaumEntscheid · Stadt+Grün — Eine Million Bäume für Berlin

Bestätigt — Löwith, „Ende der 40er Jahre"

Die Datierung stimmt für das Original: Karl Löwiths Buch erschien 1949 auf Englisch als Meaning in History. The Theological Implications of the Philosophy of History (University of Chicago Press). Die deutsche Fassung folgte 1953 bei Kohlhammer und trägt den Titel Weltgeschichte und Heilsgeschehen (nicht „als”). Inhaltlich trifft Reckwitz die These präzise: Löwith führt die modernen Geschichtsphilosophien auf christlich-theologische Voraussetzungen zurück. Quelle: Springer/Metzler — Weltgeschichte und Heilsgeschehen

Bestätigt — Charbonnier, Überfluss und Freiheit

Original Abondance et liberté. Une histoire environnementale des idées politiques (La Découverte, 2020), deutsch Überfluss und Freiheit. Eine ökologische Geschichte der politischen Ideen (S. Fischer, 2022) — und der Doppelhorizont ist tatsächlich sein Kernargument. Pierre Charbonnier ist Philosoph (promoviert in Philosophie, chargé de recherche am CNRS, lehrt an Sciences Po), nicht Politikwissenschaftler; im Gespräch fällt die falsche Berufsbezeichnung. Quellen: La Découverte · S. Fischer

Bestätigt — Harris und das Recht auf Schwangerschaftsabbruch 2024

„Reproductive freedom” war ein Kernpfeiler des Harris-Wahlkampfs 2024 — strategisch als Brücke zu moderaten Republikanerinnen, Frauen ohne College-Abschluss und jungen Wählern gedacht, und ausdrücklich als Verteidigung eines erkämpften, durch Dobbs verlorenen Rechts gerahmt. Reckwitz’ Deutung trägt. Zur Vollständigkeit ein Detail, das seine Erbe-These stützt: In sieben von zehn Bundesstaaten mit entsprechenden Volksabstimmungen gewannen die Abtreibungsrechts-Initiativen — mehr Stimmen als Harris selbst. Der verteidigte Fortschritt hielt an der Wahlurne besser als die Kandidatin, die ihn verteidigte. Quellen: The 19th · CBS News — Exit-Poll-Analyse

Bestätigt — Trebeck/Williams, The Economics of Arrival

Göpels „Arrival Economics” ist eine lose Wiedergabe des Titels. Das Buch heißt The Economics of Arrival. Ideas for a Grown-Up Economy von Katherine Trebeck und Jeremy Williams, 2019 bei Policy Press (Bristol University Press). Die referierte These stimmt: Es gibt einen Punkt der „Ankunft”, an dem die Arbeit des Wachsens getan ist und weiteres Wachstum mehr Schaden als Nutzen bringt — die Aufgabe verschiebt sich von enlarging zu improving. Quelle: Policy Press

Bestätigt — Alterung in Europa und Ostasien

Reckwitz’ Einschub, das sei „nicht nur ein europäisches Phänomen”, ist korrekt und untertreibt sogar. In der EU waren am 01.01.2025 rund 99 Millionen Menschen 65 Jahre oder älter — 22,0 % der Bevölkerung, davon 6,2 % über 80 (Eurostat); bis 2100 werden 32,5 % bzw. 15,3 % projiziert. Ostasien liegt vorn: Japan, Südkorea und Hongkong führen die globale Rangliste an, für 2050 werden dort Anteile von rund 40 % ab 65 erwartet. Die Unverfügbarkeit der Altersstruktur ist demografisch die belastbarste seiner drei Beispiele — Kohorten, die geboren sind, lassen sich nicht rückwirkend ändern. Quellen: Eurostat — Population structure and ageing · PRB — Countries With the Oldest Populations


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung:

Im Gespräch erwähnte Werke:

Belege und Gegenbelege (Sherlock):


Verbindungen

Panorama — Fortschritt

Diese Note ist die Wirbelsäule eines neuen Panoramas: 29 Notes im Bestand kreisen um das Fortschrittsversprechen, ohne bisher verbunden zu sein — Hegel gegen Schopenhauer, Mishra und Crenshaw zur Frage für wen und wie lange, der Befund, dass technischer Fortschritt nie Arbeit gespart hat. Reckwitz liefert den Begriffsapparat, der den Cluster zusammenhält.

Hartmut Rosa — Resonanz und Unverfügbarkeit

Dasselbe Wort, umgekehrtes Vorzeichen. Rosas Unverfügbarkeit ist die Bedingung gelingenden Lebens, die die Moderne im Verfügbarmachen zerstört; Reckwitz’ Unverfügbarkeit ist der harte Rest — Klima, Demografie, Russland —, an dem die Moderne ihre Ernüchterung lernt. Beide kommen von Charles Taylor her, beide erklären den Fortschrittsimperativ aus der Weltbeziehung statt aus der Ökonomie. Wo Rosa Steigerung als Struktur beschreibt, sitzt sie bei Reckwitz im Habitus: im Kreditvertrag, im Investitionsplan. Die Reibung: Rosa will das Unverfügbare zurückgewinnen, Reckwitz will lernen, es zu erleiden.

Barbara Schmitz und Giovanni Maio — Verletzlichkeit als Stärke

Die direkte Gegenposition zu Reckwitz’ erstem Baustein. Er rettet die Resilienz als „abgespeckte Fortschrittsidee”; Schmitz’ Kernkonzept ist die Resilienz-Kritik — der Begriff macht Verletzlichkeit zum Risikofaktor, den man in den Griff bekommt, also zur letzten Verfügbarkeitsfantasie. Maio setzt mit Heidegger die Endlichkeit als Ressource dagegen: Weil wir enden, sorgen wir. Sie liefern die Anthropologie, die Reckwitz’ Vulnerabilitätsbegriff noch fehlt — und Göpels politischer Einwand gegen die Resilienz bekommt hier sein philosophisches Pendant.

Adriaan van Wagensveld — Ksitigarbha die Wunden als Schatz

Reckwitz diagnostiziert, der Moderne fehlten die kulturellen Werkzeuge für den Verlust. Hier liegt eines, ausgearbeitet und in Gebrauch: der Bodhisattva, der in die eigene Hölle absteigt, statt sie zu überwinden — die Wunde nicht als Skandal, sondern als Ort des Schatzes. Das prüft Reckwitz’ Rahmen an seiner Schwachstelle. Er denkt den Verlustumgang als Innovationsaufgabe und damit selbst noch als Fortschritt „auf einer Meta-Ebene”, während hier eine Tradition zeigt, dass die Antwort nicht erfunden, sondern zurückgeholt werden müsste.

Amlinger und Nachtwey — Zerstoerungslust demokratischer Faschismus

Die empirische Unterfütterung der Verlust-These, die sie gleichzeitig zerlegt. Amlingers Fallbeispiel lebt schon in der „Welt nach dem Fortschritt”, das Nullsummendenken ist Reckwitz’ Suche nach dem Dritten in Reinform. Aber sie zerlegen den Verlust in drei Quellen, und eine davon ist der Abbau von Privilegienschranken (die Ernährerrolle). Damit stolpert der Verlustausgleich: Man kann nicht kompensieren, was jemand nur verliert, weil andere gleichgestellt wurden. Reckwitz’ Vulnerabilitätskriterium müsste den einen Verlust anerkennen und den anderen verweigern — diese Unterscheidung liefert das Gespräch nicht.

Steffen Mau — Triggerpunkte Konsens und Konflikt

Zwei Soziologen derselben Universität, ein Widerspruch im Befund. Reckwitz sieht die Spätmoderne von Gewinner-Verlierer-Konstellationen durchzogen, deren Verlustseite politisch drängt; Mau zeigt die Oben-Unten-Arena als gesättigten, merkwürdig stillen Konflikt — die Klassenerfahrung strukturiert Lebenschancen, mobilisiert aber nicht. Wenn Mau recht hat, wird Verlust nicht dort politisch, wo er materiell stattfindet, sondern an den Triggerpunkten der ungesättigten Arenen. Reckwitz’ Verlustpolitik müsste erklären, warum ihr Angebot ausgerechnet die Arena adressiert, die schweigt.

Pankaj Mishra — Zeitalter des Zorns

Mishra nennt den Fortschritt die „unschlagbare Ersatzreligion”, die keinen Zweifel duldet — genau Reckwitz’ Löwith-Bewegung, nur global und ohne Rettungsversuch. Der echte Konflikt liegt beim Erbe: Was Reckwitz als Errungenschaft zum Verteidigen aufzählt, liest Mishra als Besitz einer Zivilisation der Minderheit, errungen durch die Entwurzelung derer, die nie geerbt haben. Das Fortschrittserbe braucht Mishras Frage, wem es je gehörte — sonst wird es zur Besitzstandswahrung.

Annette Kehnel — Vom Mittelalter für die Zukunft lernen

Kehnel beweist Reckwitz’ Anomalie-These von der anderen Seite. Das „finstere Mittelalter” wurde im 18. und 19. Jahrhundert erfunden, weil eine Epoche, die sich als Gipfel las, eine dunkle Vorzeit brauchte: Der Fortschrittsglaube schuf sich seine eigene Kontrastfolie, Self-fulfilling Prophecy also auch rückwärts. Und wo Reckwitz beim Diagnostischen bleibt, zeigt sie die vormodernen Praktiken — Commons, Kleinkredit, konsensuale Herrschaft —, an denen sein eigenes Praxis-Argument ansetzen könnte.

Maja Goepel und Achim Truger — Wachstum NEU DENKEN

Die Schwesterfolge, gegen die Reckwitz argumentiert. Dort wird der Maßstab rekalibriert (Wohlstand jenseits des BIP, Transformation statt Schrumpfung), hier heißt es: richtig und nicht genug — der blinde Fleck liege nicht beim Maßstab, sondern bei dessen Gegenteil. Göpel sitzt in beiden Gesprächen. Was sie mit Truger als Messproblem verhandelt, wird mit Reckwitz zur Frage, ob ein besserer Index einer Gesellschaft hilft, die etwas begraben muss.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte

  • Reckwitz sagt, die Moderne habe keine Werkzeuge für den Verlust. Aber sie hat Versicherungen erfunden, Sozialstaat, Rentensysteme, Arbeitsschutz, Palliativmedizin, Hospizbewegung — sämtlich Apparate zur Verwaltung von Verlust. Fehlen ihr die Werkzeuge, oder hat sie nur bürokratische statt kultureller gebaut — und wenn Letzteres: was genau kann ein Ritual, was eine Auszahlung nicht kann?
  • Steffen Mau hat empirisch gezeigt, dass die deutsche Gesellschaft in den meisten Fragen erstaunlich einig ist und Konflikt nur an wenigen Triggerpunkten aufflammt. Reckwitz beschreibt eine Spätmoderne, deren Gewinner-Verlierer-Konstellationen härter sind als je zuvor. Beschreiben die zwei dieselbe Gesellschaft — oder misst der eine Meinungen und der andere Lebenslagen, und was folgt daraus für die Frage, ob Verlust überhaupt der zentrale Riss ist?
  • „Fortschritt als Erbe” setzt voraus, dass es geerbt wurde. Das Wahlrecht hat jeder, das funktionierende Schwimmbad nicht. Wer soll ein Erbe verteidigen, an dem er nie beteiligt war — und wird der Begriff dann zum Argument für Besitzstand?
  • Reckwitz hält Verlustakzeptanz für nötig und ehrlich. Wem nützt es, wenn ein Verlust zur Unverfügbarkeit erklärt wird? Woran unterscheidet man die Grenze, die wirklich erreicht ist, von der, die jemand aus Interesse als erreicht ausgibt?
  • Er sagt selbst, ob das überhaupt gehört werde, sei eine andere Frage: Ein Politiker, der im Wahlkampf von Verlusten spricht, verliert. Wenn niemand mit Wahlchancen die ehrliche Rede führen kann — ist die Diagnose dann noch politisch, oder beschreibt sie nur, was Bürger untereinander leisten müssten, bevor Politik es sagen darf?