GedankenraumArdalan Ibrahim — Die Partei für Losdemokratie
Ein Parteigründer will die Macht dem Los anvertrauen, das Eigentum soll bleiben, wo es ist. Vier Stunden Jung & Naiv über Aristokratie, Hinterzimmer und eine Demokratie, die es seiner Meinung nach nie gab.
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Honoré Daumier — Lithografie: ein halbrunder Parlamentssaal, auf den dunklen oberen Bänken dösen, tuscheln und schielen die Notabeln in Gehrock und Zylinder. Unten auf dem hellen Boden steht ein schlichter Holztisch mit einer gläsernen Lostrommel, um sie herum Wäscherin, Arbeiter, Großmutter, Kinder, und ein junger Arbeiter hält ein einzelnes weißes Los ins Licht. Daumier, weil er mit Le Ventre législatif (1834) die Abgeordneten der Julimonarchie als satte Kaste gezeichnet hat, das Parlament als Aristokratie mit freundlichem Gesicht. Genau das ist Ibrahims These, und seine Antwort steht unten im Licht. Die Note malt Daumier, die Vita Gabriele Münter.
Prompt: Wide 1200x500 panoramic lithograph in the manner of Honoré Daumier's political caricatures (Le Ventre législatif): black and grey crayon lithography on warm cream paper, strong expressive lines, soft tonal shading, gentle satire. A semicircular parliament hall: on the high dark tiers of benches, rows of well-fed notables in frock coats and top hats doze, whisper or peer down skeptically. In the bright foreground on the plain floor, a simple wooden table with a large round glass lottery drum full of small white paper tokens; ordinary citizens stand around it in a loose circle — a washerwoman with rolled-up sleeves, a young worker in a cap, an old woman in a shawl, a schoolboy, a woman carrying a child — and a young worker lifts a single white token into a beam of light. Dim crowded benches above, a lively light-filled circle of ordinary people below. Absolutely no signature anywhere, no handwriting, no artist name, no monogram, no initials, no scribble, no text, no letters, no caption, no stamp, no flags. The four corners and the whole bottom strip are clean, plain, empty cream paper. Not photorealistic.
Ein Parteigründer will die Macht im Staat dem Los anvertrauen, das Eigentum soll bleiben, wo es ist. Ardalan Ibrahim, Philosoph, Coach und Bundesvorsitzender der „Losdemokratie“, sitzt vier Stunden bei Tilo Jung und Hans Jessen und stellt sich als „letzte Hoffnung Deutschlands“ vor. Seine These: Wir leben in einer Aristokratie mit freundlichem Gesicht, und erst das Los, das für jedes Thema neue Bürger zusammenwürfelt, würde Demokratie im Wortsinn herstellen. Man bekommt ein Modell, das konkreter ist, als seine Ausweichmanöver vermuten lassen, und eine Biografie, die vieles davon erklärt. Man bekommt auch einen Gast, der Artikel 1 des Grundgesetzes für Augenwischerei hält und die unbequemste Frage des Abends „idiotisch“ nennt.
Quelle: Partei für Losdemokratie | Gründer Ardalan Ibrahim — Jung & Naiv: Folge 850 — Livestream vom 08.09.2026, 4:11 Stunden, ab der vierten Stunde mit Publikumsfragen via Hans Jessen
Ardalan Ibrahim (1976, München) ist Philosoph, Coach und Organisationsberater, Gründer und Bundesvorsitzender der Kleinpartei „Losdemokratie – Für eine starke Bürgerschaft“ (gegründet im August 2025). Er wuchs in einem irakisch-kurdisch geprägten Münchner Haushalt auf, studierte Philosophie (Magisterarbeit über Hegels Rechtsphilosophie) und brach eine Promotion ab. Seit 2008 begleitet er als selbständiger Coach Menschen in beruflichen Umbrüchen, nach eigener Angabe über 5.000. Auf YouTube tritt er als „Nut Los“ auf, mit einem Archiv, das nach seiner Zählung über 13.000 Videos umfasst. Seine Partei vertritt kein Programm außer einem: Geloste Bürgerversammlungen sollen verbindlich in die Verfassung, danach will sie sich auflösen.
Tilo Jung fragt bis zur vierten Stunde, hartnäckig und von links, vor allem nach Eigentum und Grundgesetz. → DenkerVita Hans Jessen übernimmt die Publikumsfragen und streitet als Kenner von Adorno und Habermas. → DenkerVita
Die letzte Hoffnung Deutschlands
0:00 — „Wer bist du?“, fragt Tilo Jung. „Die letzte Hoffnung Deutschlands natürlich.“ Und nicht nur Deutschlands, legt Ibrahim nach, der ganzen Welt, denn das Modell lasse sich skalieren. So beginnt ein Gespräch, in dem der Gast Fragen gern mit Gegenfragen beantwortet und die großen Worte mit einem Augenzwinkern setzt, ohne sie ganz zurückzunehmen.
Die Idee selbst ist schnell erzählt 1:30. Die Macht im Staat soll dem Los anvertraut werden. Einen ausgelosten Bundestag will er dabei ausdrücklich nicht, das Missverständnis räumt er gleich zu Beginn aus. Für jedes Thema soll eine eigene Versammlung gezogen werden, die berät „und etwas bestimmt manchmal auch“. Vorbilder gibt es: die Bürgerräte von Mehr Demokratie, die irische Verfassungsreform, Ostbelgien, Vorarlberg. Seine Partei versteht er als „dritte Welle“ nach Peter Dienels Planungszelle und den amerikanischen Bürgerjurys der Siebziger 3:01.
Der eigenwilligste Gedanke dieses Auftakts betrifft die Motivation. Die Ausgelosten, die eigentlich nur wieder nach Hause wollen, seien kein Mangel des Verfahrens, sie seien seine „Zauberzutat“:
„In gelosten Bürgerversammlungen sind Leute da, die haben keine Agenda, und die sind ganz, ganz wichtiger Bestandteil.“ 6:04
Im Gespräch — 6:04
In die Politik gingen heute die „Geladensten“, sagt er, ihn selbst eingeschlossen; er sieht sich als „Antibeispiel“ und will mit schlechtem Beispiel vorangehen 6:50. Ausgerechnet Platon, seinen liebsten Gegner und für ihn den Beginn des „großen antidemokratischen Backlash“, ruft er als Zeugen auf: Schon der habe gewusst, dass in die Politik gehört, wer sie am wenigsten will 7:36. Als Beleg dienen ihm Experimente der Neurowissenschaftler Mariano Sigman und Dan Ariely, in denen Agitatoren in zufälligen Fünfergruppen „ganz natürlich isoliert“ würden 8:22. (Faktencheck: falsch) Das sei so gut getestet, dass man es „als Fakt behandeln“ könne „und nicht als Meinung“ 10:39. (Faktencheck: vereinfacht)
Damit steht die erste Spannung des Abends im Raum. Ein Mann, der sich selbst als typischen Lautsprecher beschreibt, wirbt für ein Verfahren, das Lautsprecher leiser macht, und verkündet eine sozialwissenschaftliche Beobachtung als Tatsache, über die man nicht mehr streiten müsse. Die Experimente, auf die er sich beruft, zeigen etwas anderes: Ob Extreme eine Gruppe spalten, hing dort davon ab, wie sicher sie auftraten.
Vom Opfervolk zum Tätervolk in null Sekunden
15:13 — Ibrahim ist 1976 in München geboren; die acht Jahre Gymnasium in Augsburg nennt er sein „Exil“. Die Mutter ist Deutsche und hat ihr Leben lang im Sozialbereich gearbeitet. Der Mann, den er für seinen Vater hielt, ist ein geflohener irakischer Kurde, der vor der irakischen Botschaft Flugblätter verteilte und sich dort, so die Familienlegende, mit dem Botschafter prügelte 22:52. Das Kurdische stand im Vordergrund: „Wenn du mit einer kurdischen Identität aufwächst in Deutschland, kannst du nicht nicht politisch sein.“ Mit neunzehn, schon ausgezogen, erfährt er von seiner Mutter, dass sein leiblicher Vater ein bosnischer Serbe ist. Es ist die Zeit kurz nach dem Jugoslawienkrieg:
„Ich habe mal eben einen Wechsel von Opfervolk zu Tätervolk vorgenommen in null Sekunden.“ 23:37
Hören — 23:37
Zehn Jahre habe ihn das gekostet. Als er dem leiblichen Vater schreibt, antwortet eine Halbschwester, von der er nichts wusste, heute Soziologieprofessorin 24:23.
Der Rest ist die Geschichte eines Bildungsaufsteigers ohne Vorbilder. Den Plan, wie die Mutter in einen sozialen Beruf zu gehen, treibt ihm der Zivildienst an einer inklusiven Montessori-Schule aus. Dort leitet er mit neunzehn eine Klasse mit und soll die Regeln einer autoritären Lehrerin durchsetzen, hinter denen er nicht steht 28:58. Er studiert „so ziemlich alles an, was nicht bei drei auf den Bäumen war“, und bleibt wegen eines Lehrers bei der Philosophie hängen 32:00. Es folgen sechzehn Semester mit bis zu drei Jobs, eine Magisterarbeit über Hegels Rechtsphilosophie und eine Promotion über islamistischen Terrorismus, die er nach anderthalb Jahren abbricht 40:22. Seit 2008 arbeitet er als selbständiger Coach, nach eigener Zählung für über 5.000 Menschen, viele davon vom Jobcenter geschickt 42:38. Aus dem, was er dort hörte, wird ein YouTube-Kanal mit, wieder nach eigener Zählung, über 13.000 Videos 26:41. Heute hat er einen „Downshift“ hinter sich. Er arbeitet an einer Realschule mit Förderschulkindern, seine Kollegen sind schlecht bezahlt und haben fast alle einen Migrationshintergrund, und erst dort, mit vierzig, habe er Diskriminierung erlebt. „Ist eher ein Klassenphänomen.“ 18:16 Den letzten Anstoß zur Partei gab, so erzählt er, ein Gespräch, das Tilo Jung Jahre zuvor mit dem Historiker Philipp Blom geführt hatte 50:10.
Die Biografie erklärt mehr als die Theorie. Zweimal hat er erfahren, dass eine Zugehörigkeit, auf die er baute, auf Sand stand. Danach misstraut er allem, was Zugehörigkeit und Rang verteilt: der Universität, von der er sich „im zweiten Semester entliebt“ hat, den Coaching-Zertifikaten, später den Parteien. Er fasst es selbst in einem Satz, lange bevor das Wort Losdemokratie fällt: Es gebe „Systeme, die Kompetenz behaupten, aber auf den Mühen der Ebene nicht wirklich einlösen“ 47:55.
Wir leben in der Aristokratie
58:31 — Die Kernthese des Abends ist eine Umbenennung. „Wir leben gar nicht in der Demokratie, wir leben in der Aristokratie.“ Daraus folgt für Ibrahim ein Paradox, mit dem er seine Parteigründung rechtfertigt: Wenn noch keine Demokratie da ist, kann sie nicht auf demokratischem Weg eingeführt werden, „denn dazu müsste sie ja schon da sein“. Also spiele man nach den alten Regeln und suche die Lücken im System.
Den Beleg sucht er in der Geschichte 60:46. Die Erfinder der Demokratie hätten keine Parteien gekannt, und bis ins späte 18. Jahrhundert hätte niemand ein Wahlsystem Demokratie genannt. Die Väter der amerikanischen und der französischen Verfassung hätten ausdrücklich keine Demokratie gewollt. Er beruft sich auf David Van Reybroucks Gegen Wahlen von 2013, „für die Losdemokraten so ein Meilenstein“. Tilo Jung erinnert an Jörg Baberowski, der im selben Studio Ähnliches erzählt hatte. Ibrahim geht noch weiter zurück, ins England des 17. Jahrhunderts, zu den Levellers und der Angst der Besitzenden vor dem Wahlrecht:
„Ich glaube, die große Entdeckung im 19. Jahrhundert war, dass man wählen lassen kann, ohne dass die Macht der Vermögenden dadurch in Gefahr kommt.“ 68:21
Hören — 68:21
Für die Gegenwart führt er die Responsivitätsstudie von Lea Elsässer, Svenja Hense und Armin Schäfer an, entstanden für den Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Die politischen Entscheidungen, so gibt er sie wieder, deckten sich „fast vollständig“ mit den Einstellungen der reichsten zehn Prozent, egal wer regiere 64:33. Daraus baut er, was er den „doppelten Feedback-Loop der Macht“ nennt: Vermögen schafft politischen Einfluss, Einfluss schafft Vermögen, und so sammle sich die Macht in den Händen weniger Familien 66:49. Später reicht er eine zweite Zahl nach, vom Publizisten Mathias Greffrath: Das „Rückgrat“ der aktiven Politik bestehe aus rund 200.000 Menschen, weniger als 0,4 Prozent der Erwachsenen. „Wenn das eine Demokratie ist, dann weiß ich nicht, wie wir zu dieser Annahme kommen.“ 158:44
Die historische Linie steht auf festem Grund. Dass die Wahl bis ins 18. Jahrhundert als aristokratisches Verfahren galt und das Los als demokratisches, ist seit Bernard Manins Principles of Representative Government (1997) Lehrbuchwissen, und schon Aristoteles und Montesquieu sahen es so. Ibrahim macht daraus eine Totaldiagnose: Wer es anders sieht, sei „unterinformiert“ 59:16. Damit hat er sich eines Arguments entledigt, das Tilo Jung ihm gleich darauf anbietet: dass eine Ordnung mit freien Wahlen, Volksentscheiden und unabhängigen Gerichten auch dann mehr ist als die Herrschaft weniger, wenn sie die Reichen bevorzugt. Die Zahl mit den reichsten zehn Prozent ist zugespitzt: Die Studie findet eine deutliche Schieflage, aber keine Deckung (Faktencheck: vereinfacht). Als messbare Verzerrung ist sie ernst genug, nur lässt sie dann die Frage offen, ob man sie auch innerhalb der gewählten Demokratie korrigieren könnte.
Aristoteles nannte die Wahl aristokratisch und das Los demokratisch. Seine beste Verfassung verwarf deshalb keins von beiden, sie mischte sie. Ist diese gemischte Verfassung, Wahl und Los, Wenige und Viele nebeneinander, das Ziel, zu dem Ibrahim unterwegs ist, oder genau das, was er abschaffen will?
Das Ende von „It's the economy, stupid“
74:25 — Die hellsten Minuten des Abends gehören seiner Zeitdiagnose. Das Wirtschaftswachstum, so seine Hypothese, komme zum Erliegen, „da können Lars und Friedrich so viel kurbeln, wie sie wollen“. Damit zerbreche das Versprechen der Bonner Republik, dass der Kuchen wächst und es auch den Kindern der Arbeiter besser gehen wird. Was unterstützt ein Reicher, wenn dieses Versprechen nicht mehr trägt? Keine linke Partei, sagt Ibrahim, eher „ein Narrativ, das kann religiös aufgeladen sein, das kann nationalistisch aufgeladen sein“, eine Erzählung vom einen Volk, die den Unterschied zwischen Arm und Reich verwischt 75:55.
Am Vortag hat er die Pressekonferenz der AfD gesehen, mit Ulrich Siegmund, Alice Weidel und Tino Chrupalla, und er ist beeindruckt. „Das machen die echt gut. Also rein technisch.“ 78:13 Es fühle sich an wie bei einer Sekte: Man tritt bei und fühlt sich sofort besser. Er erinnert an die Kognitionslinguistin Elisabeth Wehling, die vor Trumps erstem Sieg bemerkt habe, wie oft der Mann von love spricht 79:00. Seine These: Die Rechtspopulisten hätten sich unter der Hand vom Grundsatz der Neuzeit gelöst, dass es am Ende um die Wirtschaft geht. Ihr Versprechen sei „die happy Volksgemeinschaft, zu der halt nicht jeder dazugehört“ 82:02.
Dann stellt er die Frage an sich selbst. Doppelter Migrationshintergrund, deutscher Pass, in München geboren, kein anderes Heimatland: „Gehöre ich jetzt eigentlich dazu oder nicht? Und unter welchen Bedingungen?“ 82:47 Er erzählt von seinem kurdischen Ziehvater, preußischer als die meisten Deutschen, die er kennt, und heute „lost between“. Von einer Baustelle vor dem Studio, auf der zwei weiße Baggerfahrer zuschauen, wie ein Schwarzer unten gräbt. Von einem Supermarkt mit 24 Kassen in den Neunzigern, in dem nach Kassenschluss nur schwarze Frauen putzten. Er schließt daraus auf ein „Vierklassensystem auch unter Migranten“ 85:04, und in München, wo gut die Hälfte einen Migrationshintergrund hat, sehe man, wer die harte Arbeit macht.
Das ist der stärkste Teil des Gesprächs, weil er hier von unten beobachtet, statt abzuleiten. Er reicht auch weiter als die Pointe, außer der AfD habe nur seine Partei eine Antwort auf die Lage 81:16. Hans Jessen wird ihm später widersprechen: Die AfD argumentiere durch und durch ökonomisch. Ob die AfD aus materieller Not oder aus kultureller Sorge gewählt wird, ist in der Forschung selbst umstritten und hat inzwischen ein eigenes Panorama: Warum wählen Menschen Autoritäre?
Wenn die AfD Zugehörigkeit statt Wohlstand verspricht, was verspricht dann das Los? Ibrahims spätere Antwort heißt „Bürgerfreundschaft“: Zugehörigkeit durch gemeinsames Entscheiden statt durch Herkunft. Kommt ein Wochenende im Bürgerrat gegen das Gefühl an, zu einer Volksgemeinschaft zu gehören?
Der Streit um den Kapitalismus
86:35 — Hier verhakt sich das Gespräch, und es lohnt, genau hinzusehen, woran. Tilo Jung will wissen, warum der Staat das Geld nicht bei den Reichen holt. Keine Vermögensteuer, eine zahme Erbschaftsteuer: Das seien politische Entscheidungen, keine Sachzwänge. Ibrahim verweigert die Kategorie. Wer vom Eigennutz der Reichen rede, stecke in Platons Begriff der Pleonexia, des Mehr-haben-Wollens: „Du bist voll in einem platonischen antidemokratischen Frame drin, wenn du das glaubst.“ 91:10 Er schlägt eine andere Erzählung vor. Es habe die ganze Zeit Aristokratie gegeben, zuletzt eine „Aristokratie with a friendly face“, und der eigentliche Gegensatz der Gegenwart heiße Aristokratie gegen Demokratie 94:12. Der Kapitalismus kommt darin nicht mehr vor. „Links ist tot“ unterschreibe er, er sei weder links noch rechts, „ich bin für neues Paradigma“ 94:58.
Ob er Arm und Reich auflösen wolle? „Ich will den gar nicht auflösen.“ Er würde gern, sagt er gleich darauf, aber es gehe nicht 97:15. Würde man die Vermögen einmal neu verteilen, „nach ganz kurzer Zeit haben wir wieder genau die gleiche Scheiße, die wir jetzt haben“ 106:22. Die Pyramide baue sich immer wieder auf, seit zehntausend Jahren und nicht erst seit 1760.
Tilo Jung versucht es mit einem Gedankenspiel. Ein geloster Bürgerrat beschließt, die Eigentumsverhältnisse anzutasten. Wie wird das gegen die Mächtigen durchgesetzt? Ibrahim nennt das „eine völlig idiotische Frage“, das Szenario sei „extrem unwahrscheinlich“ 100:20, und aus diesem Karussell kommen beide eine Viertelstunde lang nicht heraus. Seine Definition von Demokratie liefert er schließlich doch: gleicher Einfluss aller auf die Gesetze, die gemeinsamen Mittel und die Staatsgewalt, „aber nicht Eigentum“ 107:53.
An dieser Stelle ist Ibrahim am schwächsten und am interessantesten zugleich. Am schwächsten, weil eine Partei ohne Inhalte mit jedem Ergebnis ihres Verfahrens leben können muss, auch mit dem unbequemsten. Wer es für unwahrscheinlich erklärt, statt zu sagen, was dann geschähe, weicht genau der Frage aus, an der sich sein Modell bewähren müsste. Am interessantesten, weil sein Pessimismus nicht aus der Luft gegriffen ist. Der Historiker Walter Scheidel hat in The Great Leveler (2017) gezeigt, dass große Ungleichheit über Jahrtausende fast nur durch Katastrophen gesunken ist: durch Massenkriege, Revolutionen, Staatszerfall und Seuchen. Ibrahims „Naturprozess“ hat also einen Befund hinter sich. Daraus folgt aber nicht, dass man die Frage nicht stellen darf.
Ein Fürst gegen die Aristokratie
51:41 — Die Partei, im August 2025 gegründet, hat kein Programm im üblichen Sinn, nur ein Ziel: die Verfassung zu ändern. Alles andere sei ein „Kategorienfehler“. Ob er Populist sei? „Ich versuche einer zu sein, aber ich bin schlechter Populist, aber ich arbeite dran.“ Anders könne man heute nicht mehr erfolgreich sein. Umfragen unter einem Prozent kontert er mit „wir sind mega erfolgreich“; man warte noch auf den Schweizer Milliardär 55:29.
Die Gründung erzählt er als Stolpern 113:11. Nach einem Vortrag bei Mehr Demokratie ruft ihn der heutige Berliner Landesvorsitzende an und fragt, ob man nicht eine Partei gründen wolle. Ibrahim ruft zurück, um ihm zu erklären, warum das eine dumme Idee ist. Der erste Name war „Anti-Parteien-Partei Deutschlands“. Zur Gründungsversammlung in München kommen zwanzig Leute aus dem ganzen Land, die Satzung ist der der PARTEI nachempfunden, weil die die kürzeste hatte.
Nach innen ist die Losdemokratie bewusst hierarchisch. Frühere basisdemokratische Parteien seien an der Wirklichkeit gescheitert, also mache man es gleich „top down“ und sage das offen 118:31. Den Parteitag habe man losen wollen, die Bundeswahlleiterin habe es gestrichen. Dann fällt der Satz, der hängen bleibt:
„Ich bin der Fürst meiner Partei. Deswegen steht auf meinem Hals tätowiert auch Fürst.“ 122:17
Hören — 122:17
Auf Tilo Jungs Einwand, das sei paradox, antwortet er mit Adorno: Es gebe kein richtiges Leben im falschen.
Zwei Details zeigen, wie weit das Paradox reicht. In der Satzung steht, wer für das Schiedsgericht gelost wird und ohne Grund nicht teilnimmt, könne ausgeschlossen werden 123:48. Im Staat dagegen soll es keinen Teilnahmezwang geben 167:11. Und das Programm verspricht die Beteiligung „aller erwachsenen Menschen“, einen Absatz später aller Staatsbürger. Ibrahim bestreitet den Widerspruch nicht: „Wir fangen, wie du ja auch selber gut rausgearbeitet hast, mit tausend Widersprüchen an.“ 126:52 Er selbst hätte nichts gegen alle Erwachsenen, aber er bestimme nicht allein 128:24. Zur Berlin-Wahl tritt die Partei mit Bezirkslisten in Treptow-Köpenick und Steglitz-Zehlendorf an 120:47. Am 20. September bekam sie dort zusammen 574 Stimmen, jeweils 0,2 Prozent.
Das offene Eingeständnis entwaffnet, und es ist ehrlicher als die Selbstbilder mancher größeren Partei. Es hat aber eine Rückseite. Wer die eigene Ordnung zum notwendigen Übel des Übergangs erklärt, kann jeden Einwand gegen sie in den Übergang verschieben.
In der eigenen Satzung verpflichtet die Losdemokratie ihre Mitglieder zum Dienst, im Staat will sie niemanden verpflichten. Welche der beiden Regeln verrät mehr darüber, was sie dem Los wirklich zutraut?
„Mit Verlaub scheißegal, was da steht“
131:24 — Sein Ideal nennt er auf Nachfrage, ausdrücklich als Privatperson: kein gewählter Bundestag mehr, kein Bundeskanzler, kein Bundespräsident und auch keine Volksabstimmungen, denn „das ist keine Demokratie“. Das gelte allerdings nur, wenn die Bevölkerung so viel Vertrauen in die Verfahren gewinne, dass sie von sich aus frage, wozu man den Rest noch braucht. Ob die Partei geprüft habe, wie das mit dem Grundgesetz vereinbar ist? Nein. „Ich nehme zur Kenntnis, dass sehr privilegierte Leute den Reflex haben, so vorzugehen.“ 133:42 Zu Artikel 38, der Wahl des Bundestags, sagt er erst „abschaffen“, dann „lass uns doch die Bürger fragen“ und schließlich: „Vielleicht wollen wir es auch nicht ändern. Mal schauen.“ 135:12
Dann fragt Tilo Jung nach Artikel 1, der Würde des Menschen, und was geschieht, wenn ein Bürgerrat sie einschränken will.
„Deswegen mit Verlaub ist es mir scheißegal, was da steht, wenn die Realität eine andere ist.“ 137:30
Im Gespräch — 137:30
Er habe den Glauben an geschriebene Rechte „vor langer, langer Zeit verloren“. Er erzählt vom Selbstbestimmungsrecht der Völker, das Woodrow Wilson verkündete und das den Kurden, der größten Ethnie ohne eigenen Staat, nie galt: „Ich fühle mich da verarscht.“ 139:45 Menschenrechte brauche man, aber sie entstünden nicht dadurch, dass man einen Zettel Papier beschreibt. Strittig sei nicht das Ziel, strittig sei der Weg 141:16. Tilo Jung fragt, ob ein Losgremium dann auch beschließen könne, Ausländer auszuweisen und den Sozialstaat abzubauen. Das halte er für sehr unwahrscheinlich, „aber wenn das deine Sorge ist, darfst du nicht für Losdemokratie sein“ 142:02.
Die Wut ist biografisch verständlich; wer als Kurde aufgewachsen ist, hat gelernt, dass verbriefte Rechte für andere gelten. Politisch ist die Passage das eigentliche Problem des Abends. Artikel 1 und die Ewigkeitsklausel stehen im Grundgesetz, um einer Mehrheit Grenzen zu setzen, und das gälte auch für eine geloste. Ein Verfahren, das alles beschließen darf und keine geschriebene Schranke anerkennt, ist so gut wie die Menschen, die gerade gezogen werden. Ibrahims Antwort, das Los selbst sei der beste Minderheitenschutz, kommt erst Stunden später, in der Runde mit Hans Jessen.
Ibrahim misstraut dem geschriebenen Recht, weil es nie für alle galt. Vertraut er dem Los dann nicht aus demselben Grund zu sehr, weil es im Großen noch nie versagen konnte?
Die Pyramide im Kreis
150:23 — Wer am Ende der vier Stunden zusammenträgt, was Ibrahim über sein Modell sagt, findet mehr Substanz, als seine Ausflüchte vermuten lassen. Gelost wird aus dem Wählerverzeichnis, für einen Zweck und meist über einige Wochenenden, in Gremien von heute oft 120 oder 250 Menschen 175:30. Beraten wird in kleinen Gruppen, die immer wieder neu gelost werden, damit sich keine Lager bilden und die Akademiker die anderen nicht „zutexten“ 176:16. Worüber beraten wird und welche Experten, Betroffenen und Lobbyisten geladen werden, entscheidet ein zweites gelostes Gremium; die Lobbyisten würden so „aus den Hinterzimmern auf die Vorderbühne gezerrt“ 154:57. Wer nicht kommt, soll zu Hause besucht werden, im „aufsuchenden Losverfahren“, eine Art „Losverfahrenszeugen Jehovas“ 168:42. Quoten hält er privat für „Kacke“. Eine Entschädigung nach dem Vorbild des athenischen Misthos soll auch Ärmeren die Teilnahme erlauben 177:02.
Die Regierung bleibt, verkleinert zur Aufsicht über die Verwaltung. Minister werden weiter gewählt, müssen sich aber alle drei bis sechs Monate vor einem neu gelosten Gremium rechtfertigen, das „Daumen hoch, Daumen runter“ entscheidet 148:06. Kanzler und Bundespräsident braucht es nicht mehr 237:54. Sollte das Vertrauen nicht reichen, schaltet er nach Van Reybrouck ein „Präferendum“ nach, in dem die Allgemeinheit in fünf Stufen über die Vorschläge des Gremiums abstimmt 190:40. Die Beratungen selbst sollen geheim bleiben: Man erfährt das Ergebnis, aber nicht, wer was vertreten hat.
„Ich nenne das die Inflationierung der Hinterzimmer.“ 180:50
Im Gespräch — 180:50
Auf die Frage, wer die Wächter bewacht, antwortet er als Philosoph. Es gebe nur Dogmatik, unendlichen Regress oder Zirkelschluss, und er wähle den Zirkel, an dessen Ende man wieder bei den Bürgern ankommt 166:26. Warum die übrigen 99,9 Prozent sich dann noch für Politik interessieren sollen? „Der Deal ist: Mal bist du ausgelost, mal ich.“ 189:55 Jeder solle zwei- bis dreimal im Jahr in einem Gremium sitzen. Tilo Jung rechnet nach: Bei 65 Millionen Wahlberechtigten wären das rund eine Million Gremien im Jahr. Ibrahim bietet dafür eine eigene Sendung an 192:11. Sein Bild für das Ganze fällt ganz am Ende:
„Die Idee der Losdemokratie ist, um die Pyramiden einen Kreis zu bauen.“ 244:41
Im Gespräch — 244:41
Vieles davon ist erprobt, und das spricht für ihn. Die rotierenden Kleingruppen, die Pflicht des Parlaments, eine Ablehnung zu begründen, und die aufsuchende Einladung stammen aus der Praxis in Irland, Ostbelgien und deutschen Kommunen. Neu und strittig sind zwei Dinge: dass die Gelosten entscheiden sollen statt zu empfehlen, und dass sie es im Verborgenen tun. Dort setzt die Nachbesprechung an.
Publikumsfragen
Ab der vierten Stunde bringt Hans Jessen die Fragen aus dem Chat mit, der „sehr munter und extrem kontrovers“ war, von überzeugten Losfreunden bis zu Leuten, die das Ganze für komplett unrealistisch halten 192:56. Jessen streut eigene Einwände dazwischen, und aus dem Interview wird ein Streitgespräch unter Philosophen. Wo ein Einwand von ihm selbst stammt und nicht aus dem Chat, steht es dabei.
Sind die Gelosten nicht auch nur ein paar? 187:37 — Tilo stellt die Frage, bevor er übergibt, und der Chat stellt sie später noch einmal 206:42: Entweder machen alle die Gesetze oder ein paar, und auch Geloste sind am Ende nur ein paar. Tilo spitzt zu. Wer nicht mehr wählen darf, verliert sogar die Illusion, Macht auszuüben. Warum sollten sich dann die 99,9 Prozent, die nie im Gremium sitzen, überhaupt noch für Politik interessieren? Ibrahim antwortet mit einem Tausch: „Der Deal ist: mal bist du ausgelost, mal ich.“ 189:55 Jeder soll zwei- bis dreimal im Jahr in einem gelosten Gremium sitzen. Die Akzeptanz wachse dann aus eigener Erfahrung und müsse nicht als Vertrauen in Fremde entstehen. Wer die Zeit mitrechnet, sieht nach Ibrahim den Widerspruch zwischen „alle“ und „ein paar“ verschwinden. Trägt der Deal nicht, hat er einen Notausschalter, den er von David Van Reybrouck übernimmt, das Präferendum. Ein geloster Rat erarbeitet etwa zwanzig Vorschläge, und alle stimmen darüber in fünf Stufen ab, ähnlich wie beim Wahl-O-Mat 190:40. Tilo rechnet dagegen: 65 Millionen Wahlberechtigte, jeder zwei- bis dreimal im Jahr, das wären rund eine Million Gremien, und da komme niemand mehr hinterher 192:11. Ibrahim bietet dafür eine eigene Sendung an. Tilo hält es für „die entscheidende Frage“, und genau sie bleibt liegen.
Habermas, „ein völlig überschätzter Vollidiot“? (Jessens eigener Einwand) 193:44 — Jessen erinnert daran, dass der idiotes in Athen derjenige war, der sich aus den öffentlichen Dingen heraushielt, und gerade das habe Habermas nie getan. Ibrahim antwortet mit seiner steilsten These. Die Neuzeit halte die Öffentlichkeit irrtümlich für einen politischen Raum, dabei sei sie „einer der privatesten Räume“, weil dort nie alle gleich viel Zugang und Einfluss hätten. Politik im strengen Sinn gebe es noch gar nicht, „Politik is yet to come“ 196:46. Jessen wirft ihm vor, sich „zum fünften Mal“ selbst zu widersprechen. In den gelosten Räten arbeiteten sich Menschen ein und tauschten sich aus, und das sei doch selbst eine diskursive Öffentlichkeit 201:21. Für Ibrahim sind die Räte „Politik, die in einer zusammengelosten öffentlichen Form realisiert wird“. Jessen denkt als Dialektiker und hält das für Willkür, denn der Gegenbegriff zum Privaten sei nun einmal das Öffentliche 202:54. Am Ende steht Ibrahims Formel: „Wo Politik, da keine Herrschaft. Wo Herrschaft, da keine Politik.“ 205:10 Jessen nennt das einen archimedischen Punkt, den es nicht gibt, einen Münchhausen, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht 205:56.
Und die alleinerziehende Mutter? 207:27 — Die Frage steht für alle, deren Alltag keinen Platz für Gremien lässt. Beschließe das Gemeinwesen, dass ihre Stimme wichtig ist, dann bezahle es auch Betreuung und Hilfe. Heute sei sie „performativ ausgeschlossen“ von einem System, das Vollzeitpolitiker mit Sechzig-Stunden-Wochen verlangt 208:13.
Entkoppelt das Los vom Kapitalismus? 208:58 — Mehrere Chatfragen greifen Tilos Einwand auf: Wie löst ein Verfahren die Menschen aus den Zwängen kapitalistischer Produktion? Ibrahim fragt zurück: „Muss ich das?“ Marx sei „ein großes Unglück“ gewesen, weil er das Denken seit 150 Jahren in eine Richtung lenke, und von den Resultaten dieser Schiene sei er „zutiefst frustriert“. Dann bringt er seine eigene Glaubwürdigkeit ins Spiel. Er arbeite derzeit selbst in dem Milieu, über das hier geredet werde, und betreue die Familien unmittelbar 210:29. (Ab hier Jessens eigener Einwand.) Jessen hält die Dampfmaschine dagegen. Sie wurde gebaut, weil sich damit Kapital vermehren ließ, und die Krise von VW zeige ein Weltsystem, das bestens funktioniert, nur gerade nicht zu Deutschlands Gunsten 215:03. Ibrahim verweist auf Ulrike Herrmann und Vaclav Smil und sagt die Rückkehr des Feudalismus voraus. Er beruft sich auf Historiker, die das England des 17. Jahrhunderts „ohne Ideologie“ beschrieben. Jessen erinnert trocken an „einen gewissen Friedrich Engels“ 218:55. Sein Urteil: Ibrahim lege Wert auf die B-Note und blende die A-Note aus 220:27.
Wählen die Leute die AfD wegen der Wirtschaft? (Jessens eigener Einwand) 221:58 — Jessen war am Vortag auf der Wahlparty der AfD, und deren Erzählung sei durch und durch ökonomisch, so wie Trumps Versprechen an die Autoarbeiter. Ibrahim kennt Studien, die das Gegenteil zeigen, und sieht in der AfD einen „Kotau vor dem Alten“, von dem sie sich innerlich längst verabschiedet habe. Ihr eigentliches Versprechen laute: egal, wie es der Wirtschaft geht, wir machen eine „Happy Volksgemeinschaft“ 224:17. Als Beleg nennt er Reporter, die nach Trumps zweiter Wahl nach Kentucky fuhren und dort keine Trump-Skepsis fanden, obwohl die ersten Maßnahmen niemanden wirtschaftlich besserstellten. Jessens Argument erkläre ihm, „warum die Linken so erfolglos sind“ 225:49. Jessen nennt das eine Flucht aus der Realität, Ibrahim einen „mit Gründen vollzogenen Paradigmenwechsel“. Seine Prognose lautet: Auch wenn MAGA zusammenbricht, kehrt das Primat der Ökonomie nicht zurück 228:05.
Wie schützt das Los die Minderheit? 228:50 — Macht verderbe den Charakter, „absolut zuverlässig, bei uns allen“. Gerade darum sei das Los der beste Minderheitenschutz: Es gebe Gruppen Macht, die nie welche hatten, und Menschen gewöhnten sich schnell daran. In Athen hätten die Bürger die neue Ordnung verteidigt, als ihre Gründer schon verbannt waren. Dazu komme, was der Althistoriker Christian Meier „Bürgerfreundschaft“ und die Politologin Hélène Landemore civic love nennt, eine Bindung zwischen Bürgern als Bürgern, quer über Macht und Ohnmacht hinweg, „eine Art gesamtgesellschaftlicher Versöhnungsprozess“ 231:51. Jessen erkennt darin Habermas' herrschaftsfreien Diskurs, und in Ibrahim jemanden, der in jeder Debatte zu den obersten fünf Prozent gehört. Ibrahim widerspricht: Die härtesten und klügsten Fragen bekomme er von Menschen ohne akademische Bildung, die Gespräche mit Akademikern seien oft die unproduktivsten 233:22. Jessen stammt selbst aus einer Familie, die zur Hälfte Bildungsbürgertum war und zur anderen Hälfte am Fließband und im Bergbau arbeitete. Er glaubt ihm das und bleibt trotzdem dabei, dass sich durchsetzt, wer flüssig reden und abstrahieren kann. Ibrahim antwortet: „Deswegen brauchen wir geloste Bürgerversammlungen, um das zu ändern.“ 235:38
Eine Million Sitze? 235:38 — Ein Sympathisant rechnet vor: Athen hatte 500 Ratsherren bei rund 30.000 Bürgern, übertragen auf Deutschland wären das eine Million. Ibrahim nutzt die Frage, um die Vielfalt der Bewegung zu zeigen, bis hin zu Van Reybroucks Zweikammermodell, das er „übelst gedisst“ habe, und empfiehlt dem Fragesteller, eine eigene Losdemokratie-Partei zu gründen 236:24.
Wer führt die Außenpolitik, wer entscheidet über das Geld? 237:09 — Die letzte Chatfrage ist die praktischste: Bleibt überhaupt eine Regierung? „Wir regieren alle“, antwortet Ibrahim, denn die Losdemokratie stelle die Identität von Regierenden und Regierten her 237:54. Gewählte „Executives“ gebe es weiter, auch einen Außenminister. Kanzler und Bundespräsident dagegen seien überflüssig, weil die Richtlinienkompetenz bei den Bürgern liege, und über jedem Executive wache eine geloste Versammlung. Jessen antwortet mit der BBC-Serie Yes Minister 239:25. Je kürzer und unerfahrener die Politiker, desto mächtiger die Beamten, und geloste Räte wären die schwächsten denkbaren Gegenüber einer geballten Verwaltung. Ibrahim dreht das Argument um: Gute Minister, die Gremium um Gremium überzeugen, könnten sogar zwanzig Jahre bleiben 243:10. Jessen sieht darin mehr Machtkonzentration als heute. Die Kündigung, auf die Ibrahim setzt, gebe es außerdem schon, durch die Wähler und durch den Kanzler 245:27. Ibrahim zeigt sich „etwas schockiert“, dass Jessen das bestehende System verteidige. Jessen stellt klar, er verteidige nicht das System, er zeige die Schwäche eines Arguments 246:14. Ibrahims letzte Linie: Neu sei, wer kündigen darf, nämlich die Allgemeinheit statt einiger Privilegierter. Jessen: Auch 65 Millionen Wahlbürger nenne er eine Allgemeinheit 247:01.
Das richtige Leben im falschen (Jessens eigener Einwand) 247:01 — Zum Schluss nimmt sich Jessen Ibrahims Adorno-Zitat vor. Der Satz stamme aus den Minima Moralia, aus dem Stück „Asyl für Obdachlose“ über das Wohnen im Exil, und werde heute gegen seinen Sinn gebraucht. Ibrahim: „Es gibt auch produktive Missverständnisse.“ Jessen: „Aber nicht jedes Missverständnis ist produktiv.“ 248:35
Nachbesprechung
Zwei Fragen, die in den vier Stunden liegen blieben, und was die Forschung dazu weiß. Beide führen weiter in das Panorama Wie handelt eine Demokratie?.
Beraten oder entscheiden?
Ibrahims Modell steht und fällt mit einem Wort. Seine Losgremien sollen entscheiden, nicht empfehlen, und genau darin unterscheidet er sich von fast allem, was es heute gibt. Die Bürgerräte in Irland, im Bundestag oder in Aachen beraten, und über die Empfehlungen entscheidet ein Parlament oder ein Referendum. Was dann aus ihnen wird, hat eine Studie über 571 Vorschläge aus spanischen Beteiligungsverfahren gezählt: Umgesetzt wird selektiv, bevorzugt das Billige und das, was der bestehenden Politik nicht wehtut (Font et al. 2018, doi:10.1111/1475-6765.12248, große Mehrebenenanalyse). Das ist das stärkste empirische Argument auf Ibrahims Seite: Wer nur berät, bekommt Rosinenpickerei.
Gremien, die wirklich binden, gibt es wenige, und sie sind lehrreich. In Michigan zieht seit 2018 ein Losverfahren aus über 9.000 Bewerbern die dreizehn Mitglieder der Kommission, die die Wahlkreise zuschneidet, und ihre Karten gelten ohne Zustimmung des Parlaments (Michigan Secretary of State). Als ein Bundesgericht im Dezember 2023 die Karten für Detroit als rassische Wahlkreismanipulation verwarf, musste die Kommission neu zeichnen (Agee v. Benson). Kontrolliert hat das geloste Gremium also ein Gericht, nicht die Wähler. In der Mongolei muss seit 2017 vor jeder Verfassungsänderung eine geloste Deliberative Poll beraten; entscheiden tut danach das Parlament (Stanford Deliberative Democracy Lab, Bericht der Durchführenden). In Paris schreibt eine geloste Versammlung aus hundert Menschen, darunter Nicht-EU-Bürger und Minderjährige, Beschlussvorlagen, die der Stadtrat annehmen muss, bevor die Stadt sie umsetzt (Stadt Paris). Und Marlene Engelhorns Guter Rat verteilte 25 Millionen Euro an 77 Organisationen, bindend nur durch das Wort der Stifterin. Die gelosten Menschen forderten dabei Erbschafts- und Vermögensteuern (Ergebnisse). Das ist die Antwort, die Ibrahim Tilo Jung schuldig blieb, als der fragte, was geschieht, wenn Geloste ans Eigentum gehen. Ein unverzerrter Test ist es nicht, das Thema hatte die Erbin vorgegeben.
Wer will überhaupt, dass Geloste entscheiden? In Umfragen aus fünfzehn Ländern unterstützen Bürgerräte am stärksten die weniger Gebildeten und die, die den Eliten misstrauen, und die Zustimmung hängt am erwarteten Ergebnis (Pilet et al. 2023, doi:10.1111/1475-6765.12541). Wer politisch unzufrieden und zugleich selbstbewusst ist, geht am weitesten, bis zum Ersatz der Gewählten (Bedock & Pilet 2020, doi:10.1080/00344893.2020.1778511). Das beschreibt Ibrahim recht genau, und es beschreibt auch sein Problem: Zustimmung, die am Ergebnis hängt, trägt ein Verfahren nur, solange das Ergebnis gefällt. Dass die Deutschen Bürgerräte beratend wollen, steht schon im Panorama zur Bauweise der Demokratie.
Normativ ist der Streit offen. Alexander Guerrero hält Wahlen für das Problem und das Los für die Lösung (Guerrero 2014, doi:10.1111/papa.12029); Cristina Lafont und Nadia Urbinati nennen das die „lottokratische Mentalität“, die das Volk durch eine Stichprobe ersetzt (Lafont & Urbinati 2024, doi:10.1093/9780191982903.001.0001). Am nächsten an Ibrahims Minister-Bestätigung kommt ein Vorschlag von Leipold: geloste Wahlkreis-Jurys, die ihren Abgeordneten regelmäßig zur Rechenschaft ziehen und sanktionieren dürfen, als Ergänzung der Wahl, nicht als Ersatz (Leipold 2025, doi:10.1017/S1537592725000805, Theorie). Wo Ibrahim die Wahl abschaffen will, lässt Leipold beide stehen, und erprobt ist bisher keins von beidem.
→ Weiter im Panorama: Beraten oder entscheiden — wer tut was?, mit Münkler, El-Mafaalanis Zukunftsrat, Löschel und der Frage, wie viel Macht die Verwaltung hat.
Vor der Kamera oder dahinter?
„Inflationierung der Hinterzimmer“, sagt Ibrahim, und Hans Jessen hält ihm Habermas entgegen. Die Frage, ob Öffentlichkeit eine Beratung besser oder schlechter macht, ist älter als beide. Jon Elster hat die Verfassungsgebung von Philadelphia 1787 und Paris 1789 verglichen: Die geheime Konvention konnte umdenken, die öffentliche Nationalversammlung neigte zum Schaufenster. Doch Öffentlichkeit hat eine „zivilisierende Kraft der Heuchelei“, weil man Eigennutz als Gemeinwohl begründen muss und sich damit selbst bindet (Elster 1998, doi:10.1017/cbo9781139175005.006). Simone Chambers fasst es als Waage: Öffentlichkeit fördert die öffentliche Begründung und droht zur Rhetorik fürs Publikum zu werden; Geheimhaltung erlaubt sokratisches Umdenken und droht ins Feilschen um Eigeninteressen zu kippen (Chambers 2004, doi:10.1111/j.1467-9760.2004.00206.x).
Die härteste Evidenz kommt aus einer Zentralbank. Seit die US-Notenbank 1993 beschloss, die Protokolle ihres Offenmarktausschusses zu veröffentlichen, widersprachen die Mitglieder seltener (Meade & Stasavage 2008, doi:10.1111/j.1468-0297.2008.02138.x). Eine Textanalyse derselben Sitzungen findet aber zwei Effekte: weniger Abweichung und bessere Vorbereitung, mehr Daten, mehr Disziplin, und nach ihrem Maß überwiegt die Disziplin (Hansen, McMahon & Prat 2018, doi:10.1093/qje/qjx045, stärkste Einzelstudie zur Frage). Ibrahim hat also einen Punkt, nur nicht den ganzen. Die Psychologie erklärt, warum: Rechenschaft vor einem Publikum, dessen Meinung man nicht kennt, macht Menschen gründlicher; Rechenschaft vor einem Publikum, dessen Meinung man kennt, macht sie gefällig (Lerner & Tetlock 1999, doi:10.1037/0033-2909.125.2.255, Review). Ibrahims Sorge, die Gelosten würden vor den Augen ihrer Freunde nicht mehr umdenken, ist genau der zweite Fall.
Der am besten gestützte Mittelweg lautet: den Prozess schützen, die Gründe offenlegen. In Experimenten entsteht Legitimität auch dann, wenn hinter verschlossenen Türen beraten und danach sorgfältig begründet wird (de Fine Licht et al. 2014, doi:10.1111/gove.12021). Die irische Bürgerversammlung hat es ungefähr so gemacht, das Plenum im Livestream, die Tischgespräche geschützt. Was Ibrahim will, geht weiter: Man soll nicht erfahren, wer was vertreten hat. Genau dort, wo Laien echte Macht bekommen und Lobbyisten an die Tür klopfen, wäre die Gefahr der Vereinnahmung am größten, und genau dazu gibt es kaum Daten. Der Einwand stammt übrigens nicht von Habermas, sondern von der Theorie, auf die sich Ibrahim beim Hinterzimmer beruft: Auch Stasavage, der zeigt, dass Öffentlichkeit zum Posieren verleitet, warnt, dass Geheimhaltung dem Eigennutz die Tür öffnet (Stasavage 2007, doi:10.1111/j.1468-2508.2007.00494.x).
→ Weiter im Panorama: Wer bewacht die Handelnden?, mit Nico Semsrotts Transparenz als Verhaltenssteuerung, Luhmanns Überforderungsmaschine und Poppers Abwahl.
Faktencheck
Ibrahim sagt, Mariano Sigman und Dan Ariely hätten weltweit zufällig gebildete Fünfergruppen gefilmt und beobachtet, dass Leute mit extremer Agenda „ganz natürlich isoliert“ werden und die anderen merken, „wer wirklich Ahnung hat“ (8:22, 9:08). Das zeigen die Studien nicht. Die gemeinsame Arbeit mit Ariely (Navajas et al. 2019) arbeitete mit Dreiergruppen aus Live-Publikum in zwei Ländern und mit Moraldilemmata. Einigung kam vor allem dann zustande, wenn die Extremen in der Gruppe unsicher waren und eine gemäßigte Person mit hoher Zuversicht vermittelte („confident grays“). Wie die Extremen wirken, hängt also von ihrer Zuversicht ab; treten sie selbstsicher auf, bleibt die Einigung eher aus. Von einer natürlichen Isolation steht dort nichts. Die Fünfergruppen stammen aus einer anderen Studie ohne Ariely (Navajas et al. 2018): Diskutierende Kleingruppen schätzten Wissensfragen genauer als die Masse der Einzelurteile. Das stützt „Beratung kann klüger machen“, sagt aber nichts über Agitatoren. Eine Laborbeobachtung klingt hier wie ein Naturgesetz, und das an genau der Stelle, an der Ibrahim den stärksten Einwand gegen sein Modell abwehren will: dass die Lautesten den Raum übernehmen. Quelle: Navajas et al. 2019, Reaching Consensus in Polarized Moral Debates, Current Biology, doi:10.1016/j.cub.2019.10.018 (Einzelstudie, N = 3.288 + 582) · Navajas et al. 2018, Aggregated knowledge from a small number of debates outperforms the wisdom of large crowds, Nature Human Behaviour, doi:10.1038/s41562-017-0273-4 (Einzelstudie)
Ibrahim sagt, laut Elsässer/Hense/Schäfer „bestimmen die reichsten 10 %“, deren Einstellungen und die tatsächliche Politik stimmten „fast vollständig“ überein65:19; danach habe man die Studie „unter den Tisch fallen lassen“, protestiert habe „eigentlich nur LobbyControl“. Die Richtung stimmt, die Stärke nicht. In der Studie steigt die Wahrscheinlichkeit, dass eine Reform kommt, von 39 auf knapp 65 Prozent, wenn die Zustimmung in der obersten Einkommensgruppe von 20 auf 80 Prozent wächst. Das ist eine deutliche Schieflage, aber weit entfernt von einer fast vollständigen Deckung. Für die unterste Gruppe fanden die Autoren über alle Fragen einen leicht negativen, nicht signifikanten Zusammenhang; signifikant negativ wird er erst dort, wo Arm und Reich um mehr als 15 Prozentpunkte auseinanderliegen. Auch „unter den Tisch gefallen“ trägt nicht: Das Kanzleramt ließ im Dezember 2016 Passagen im 5. Armuts- und Reichtumsbericht kürzen und ein Lobbyismus-Kapitel streichen, worüber SZ, Tagesspiegel und Spiegel breit berichteten; Ministerin Nahles stellte sich öffentlich hinter die Studie, die online blieb und danach zweimal begutachtet erschien. Ibrahim baut ein „bitte nachschauen“ ein, aber die Zuspitzung trägt sein Hauptargument: Ohne „fast vollständig“ wird aus der Oligarchie eine messbare Verzerrung, gegen die auch Wahlen etwas ausrichten könnten. Quelle: Elsässer/Hense/Schäfer 2017, „Dem Deutschen Volke“? Die ungleiche Responsivität des Bundestags, ZPol, doi:10.1007/s41358-017-0097-9 (Einzelstudie, peer-reviewed) · Tagesspiegel: Bundesregierung strich heikle Passagen aus Armutsbericht · LobbyControl: Machtkampf um heikle Passagen
Der Befund einer ungleichen Responsivität in Deutschland, erhoben mit Martin Gilens' Methode und unabhängig von der Koalition (64:33, 66:04), hält. Die Studie teilt den Zeitraum 1998–2015 in Schröder- und Merkel-Jahre und findet in beiden dasselbe Muster. Ein Vergleich von Deutschland, den Niederlanden, Norwegen und Schweden zeigt in allen vier Ländern einen Vorsprung der Wohlhabenden; linke Regierungen waren vor 1998 in der Wirtschafts- und Sozialpolitik etwas responsiver gegenüber unteren und mittleren Einkommen, seither nicht mehr. Die US-Vorlage stammt von Gilens (damals Princeton, nicht Yale) und Gilens & Page 2014. Zum Gegenlager gehört: Enns (2015) und Bashir (2015) zeigen, dass die Präferenzen der Einkommensgruppen sich oft decken und die Mitte dann „zufällig“ mitbedient wird. Deshalb werten die deutschen Autoren die Fälle gesondert aus, in denen die Gruppen auseinanderliegen. Quelle: Elsässer/Hense/Schäfer 2021, Not just money, JEPP, doi:10.1080/13501763.2020.1801804 (Einzelstudie, peer-reviewed) · Mathisen et al. 2023, Unequal Responsiveness and Government Partisanship in Northwest Europe, doi:10.1017/9781009428682.003 (Vierländervergleich) · Gilens & Page 2014, doi:10.1017/s1537592714001595 · Kritik: Enns 2015, doi:10.1017/s1537592715002315; Bashir 2015, doi:10.1177/2053168015608896
Ibrahim nennt es „so gut getestet …, dass wir das als Fakt behandeln können“ (10:39, 153:25). Gut belegt ist, dass Teilnehmende deliberativer Verfahren messbar Wissen gewinnen und ihre Urteile ändern; die OECD zählt Hunderte solcher Verfahren. Einen Vergleich mit Berufsabgeordneten hat niemand gemessen. Fair ist: Ibrahim trennt selbst zwischen dem, was er als Fakt ansieht (Beobachter sind überrascht), und seiner „Privathypothese“ zum Grund, dem fehlenden Machtkampf151:08. Dass anfangs Stille mit der Zeit mehr reden und Vielredner leiser werden, sei „nachgewiesen“176:16; eine Studie, die diesen Verlauf misst, fand sich nicht. Die Gegenevidenz ist konkret: In der europäischen Deliberationsstudie EuroPolis waren die deliberativen Fähigkeiten ungleich verteilt, Angehörige der Arbeiterschicht trugen seltener zu hoher Diskursqualität bei. Rotierende Kleingruppen und Moderation sollen das ausgleichen; dass es gelingt, ist ein Ziel des Designs, kein gesicherter Befund. Quelle: Luskin, Fishkin & Jowell 2002, Considered Opinions, BJPolS, doi:10.1017/s0007123402000194 (Einzelstudie) · Gerber et al. 2018, Deliberative Abilities and Influence in a Transnational Deliberative Poll (EuroPolis), BJPolS, doi:10.1017/s0007123416000144 (Einzelstudie) · OECD 2020, Innovative Citizen Participation and New Democratic Institutions, doi:10.1787/339306da-en (Überblicksbericht)
Ibrahim beruft sich auf Van Reybrouck und sagt, bis ins späte 18. Jahrhundert hätte niemand ein System wie unseres Demokratie genannt, die Verfassungsgeber in den USA und Frankreich hätten „ausdrücklich keine Demokratie“ gewollt (60:46, 68:21). Das entspricht Bernard Manins Standardwerk: Die Wahl galt seit Aristoteles als aristokratisches, das Los als demokratisches Verfahren. Madison grenzt die „Republik“ in Federalist No. 10 ausdrücklich von der „reinen Demokratie“ ab, Sieyès erklärte 1789, Frankreich dürfe keine Demokratie sein. Das „niemand“ ist leicht überzogen: Alexander Hamilton schrieb schon 1777 von einer „representative democracy“, ab den 1790ern verwendeten Paine, Condorcet und Sieyès den Begriff. Auch die Levellers stimmen (Putney-Debatten 1647: Die Gegner fürchteten, ein breites Wahlrecht gefährde das Eigentum). Dass das 19. Jahrhundert „entdeckte“, man könne wählen lassen, ohne die Macht der Vermögenden zu gefährden, ist eine vertretbare Deutung, als Befund aber nicht belegt. Quelle: Books & Ideas: Is representative democracy really democratic? Interview mit Bernard Manin und Nadia Urbinati · Founders Online: Hamilton an Gouverneur Morris, 19. Mai 1777
Ibrahim sagt, es sei „tragisch, dass er tot ist“, Bülow sei 19 Jahre im Bundestag gewesen152:39. Beides stimmt. Der frühere SPD- und spätere PARTEI-Abgeordnete aus Dortmund (MdB 2002–2021) starb im Januar 2026 mit 54 Jahren nach langer Krankheit; 2025 war sein Buch „Korrumpiert“ über Lobbyismus erschienen. Quelle: taz: Zum Tod von Marco Bülow · nd: Ex-SPD-Politiker Marco Bülow gestorben · dortmund.de: Trauer um Marco Bülow
Ibrahim sagt, die Partei habe einen gelosten Parteitag in die Satzung geschrieben, die Bundeswahlleiterin habe ihn gestrichen, „dürfen wir nicht“119:16. Das ist rechtlich schlüssig. Nach § 8 Abs. 1 PartG ist der Parteitag eine Mitgliederversammlung oder besteht aus Vertretern, die von den nachgeordneten Verbänden gewählt werden; einen Parteitag per Los sieht das Gesetz nicht vor. Die Bundeswahlleiterin unterzieht eingereichte Satzungen einer „Evidenzprüfung“; streichen kann sie nicht selbst, aber die Aufnahme in die Unterlagensammlung verweigern, was im Ergebnis gleich wirkt. Die geltende Satzung passt dazu: Der Bundesparteitag „tagt als Mitgliederversammlung“, einen gelosten Parteitag will die Partei künftig „vor dem Bundesverfassungsgericht“ einklagen, und innerhalb des Parteitags wird in gelosten Fünfergruppen nach Dienel beraten. Quelle: § 8 PartG · Bundeswahlleiterin, WISTA 2/2026: Die Unterlagensammlung nach dem Parteiengesetz · Satzung Losdemokratie, § 10b
Ibrahim sagt, die Partei trete „zum ersten Mal in Berlin an“57:45 und sei „voll on track“56:14. Das Gespräch lief vor der Wahl. Die Losdemokratie trat nur zu den Bezirksverordnetenversammlungen an und erhielt vorläufig 288 Stimmen in Steglitz-Zehlendorf und 286 in Treptow-Köpenick, jeweils 0,2 Prozent, zusammen 574 Stimmen. Quelle: Wahlen Berlin: BVV-Ergebnisse 20.09.2026 · Bezirk 06 · Bezirk 09
Ibrahim sagt, die Demokratie sei „von oben eingeführt, top down von einer mächtigen Familie“ worden74:25. Später erzählt er, die Bürger hätten die neue Ordnung selbst verteidigt, nachdem die Einführenden verbannt waren230:20. Die zweite Aussage stimmt und widerspricht der ersten. 508/7 v. Chr. ließ der Spartaner Kleomenes den Alkmeoniden Kleisthenes und 700 Familien vertreiben; der Rat widersetzte sich, das Volk belagerte die Akropolis und zwang Kleomenes zum Abzug, erst danach wurde Kleisthenes zurückgerufen. Josiah Ober liest genau diese Episode als Aufstand des Demos, auf den Kleisthenes eher reagierte, als dass er ihn anführte. Die Deutung „von oben“ ist also umstritten, und Ibrahim braucht sie, weil sie seine Hoffnung auf den Milliardär stützt, der Macht abgibt. Quelle: Ober, The Athenian Revolution of 508/7 B.C., doi:10.1515/9780691217970-005
Ibrahim sagt, die gewählten Ämter (Strategen, „Kassenwarte“) seien „immer mit Leuten aus der obersten Zensusklasse besetzt“ worden148:51. In der Praxis stellten Wohlhabende lange die Strategen, was Manins These von der Wahl als aristokratischem Verfahren stützt. Eine formale Pflicht ist für die Strategen der klassischen Zeit nicht belegt. Formal an die oberste Klasse gebunden waren dagegen die Schatzmeister der Athena, und die wurden gelost; im 4. Jahrhundert amtierte laut der aristotelischen Athenaion Politeia (47.1), wen das Los traf, „auch wenn er ein ganz armer Mann ist“. Richtig sind die Rechenschaftsverfahren (euthynai) für Amtsträger, von denen die gelosten Geschworenengerichte ausgenommen waren183:52, und die Bedeutung des Misthos für die Teilnahme ärmerer Bürger. Quelle: Aristoteles, Athenaion Politeia (Project Gutenberg)
Ibrahim sagt, Peter Dienel, Ned Crosby und Jim Fishkin hätten das Verfahren in den Siebzigern „zufällig gleichzeitig“ erfunden, Vorarlberg habe es „mal in der Verfassung drin gehabt“, Irland habe seine Verfassung damit reformiert3:01. Für Dienel (Planungszelle, Januar 1971) und Crosby (Citizens Jury, April 1971) stimmt das, laut Crosby erfuhren beide erst 1985 voneinander. Fishkin gehört nicht dazu, er beschrieb die Deliberative Poll erst 1988. Vorarlberg hat den Passus bis heute: Seit 2013 fördert das Land laut Art. 1 Abs. 4 der Landesverfassung „andere Formen der partizipativen Demokratie“; das Los steht dort nicht ausdrücklich, die Bürgerräte laufen über eine Richtlinie. In Irland haben Verfassungskonvent (2012–14) und Citizens' Assembly (2016–18) die Referenden zur Ehe für alle und zur Abtreibung vorbereitet, entschieden haben Parlament und Volksabstimmung. Im März 2024 fielen zwei Verfassungsänderungen, die aus einer Bürgerversammlung zur Gleichstellung hervorgingen, im Referendum deutlich durch; das fehlt in Ibrahims Erfolgsgeschichte. Quelle: Wikipedia: Planungszelle (mit Crosby-Zitat) · Parlament Österreich: Partizipative Prozesse · Wikipedia: Citizens' Assembly (Ireland)
Ibrahim beschreibt das Ostbelgien-Modell so, dass Leute, die in einer Versammlung waren, auf die Seite der Organisatoren wechseln160:16. Das stimmt. Der Bürgerrat (24 Mitglieder, seit 2019 per Dekret) wird aus früheren Mitgliedern von Bürgerversammlungen gelost, nach jeder Versammlung rotiert ein Drittel, und der Rat legt Themen, Ablauf und Expertenliste der nächsten Versammlung fest. Unscharf ist nur „Zweikammersystem“: Neben dem gewählten Parlament stehen zwei beratende Gremien, keine zweite Parlamentskammer. Quelle: Bürgerdialog Ostbelgien: Häufige Fragen · buergerrat.de: Bürgerdialog in Ostbelgien zeigt Wirkung
Ibrahim nennt einen Akademikeranteil „über 90 %“, 21 Prozent Juristen und weniger als 4 Prozent mit Realschulabschluss, eingeleitet mit „wenn ich nicht falsch informiert bin“21:20. Im 21. Bundestag haben 81 Prozent ein Studium abgeschlossen, 15 Prozent kamen über eine Ausbildung. Die Juristenzahl passt: gut 21 Prozent aller Abgeordneten. Die Schieflage ist real und groß, die Akademikerzahl um rund zehn Punkte zu seinen Gunsten aufgerundet. Den Realschulwert konnten wir nicht prüfen. Quelle: University of Europe: Akademikeranteil im Bundestag (Juli 2025)
Ibrahim zitiert Mathias Greffrath: Das „Rückgrat“ des Systems seien etwa 200.000 Leute, unter 0,4 Prozent der Erwachsenen158:44. Bei Greffrath (Le Monde diplomatique, 2017) steht eine andere Zahl: rund 80.000 „ämterorientierte Aktive“ der SPD, die „das Rückgrat des Staates“ bilden. Die 200.000 für das ganze System sind so nicht belegt, und die Rechnung ist für Ibrahims Schluss zu eng: Allein die ehrenamtlichen Kommunalvertreter zählen laut Städte- und Gemeindebund über 225.000, mit Ortsbeiräten rund 300.000, die Parteien hatten Anfang 2026 etwa 1,3 Millionen Mitglieder. Die 0,4 Prozent messen den engsten Ämterkreis und werden als Beteiligung insgesamt ausgegeben. Quelle: Greffrath: Mit uns wird es nur langsam schlimmer (Le Monde diplomatique) · DStGB: Mehr als 225.000 Gemeindevertreter · Niedermayer: Parteimitglieder in Deutschland, Version 2025
Jessen sagt, „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ stamme aus den Minima Moralia, Aphorismus „Asyl für Obdachlose“, habe ursprünglich „Es lässt sich privat nicht mehr richtig leben“ gelautet, sei eine Klage über die fehlende gutbürgerliche Einrichtung im US-Exil gewesen, und Adorno habe sich, „glaube ich“, später von der Fehldeutung distanziert247:01. Fundort, Titel (Nr. 18) und Urfassung stimmen; die Urfassung hat Martin Mittelmeier 2009 nachgewiesen. Die Deutung als persönliche Möbelklage verkürzt: Der Aphorismus handelt vom Wohnen überhaupt und hält die bürgerliche Wohnung selbst für unmöglich geworden („Es gehört zur Moral, nicht bei sich selber zu Hause zu sein“). Eine Distanzierung ließ sich nicht finden. Belegt ist eher das Gegenteil: In der Vorlesung Probleme der Moralphilosophie (1963) macht Adorno den Satz zum Ausgangspunkt einer Moralphilosophie, die Individuum und Gesellschaft zusammen denkt, also gerade in die verallgemeinerte Richtung, die Jessen Ibrahim vorhält. Quelle: Wikipedia: Es gibt kein richtiges Leben im falschen · Mittelmeier: Es gibt kein richtiges Sich-Ausstrecken in der falschen Badewanne · literaturkritik.de zu „Probleme der Moralphilosophie“
Ibrahim stellt die britische Sortition-Bewegung um „Brett Hennig und andere“ als Sozialisten dar, die im Los den Weg zum Sozialismus sähen108:39. Die Sortition Foundation, die Hennig mitgegründet hat, tritt überparteilich auf; ihre Hauptkampagne ist ein „House of Citizens“ anstelle des House of Lords, also genau die Idee, die Ibrahim später ohne Namen als „breite Bewegung in UK“ ablehnt237:09. Das Etikett hilft ihm, seine Partei als „ganz neu“ jenseits von links und rechts abzugrenzen. Quelle: Sortition Foundation: Replace the House of Lords with a House of Citizens
Ibrahim erinnert sich, Elisabeth Wehling habe Trumps ersten Sieg vorhergesagt und „Love“ sei eines seiner meistbenutzten Wörter gewesen, „wenn ich mich richtig erinnere“79:00. Dass Wehling 2016 als eine der wenigen galt, die Trumps Sieg aus seiner Sprache ableiteten, wird mehrfach berichtet, stützt sich aber vor allem auf ihre eigenen Aussagen nach der Wahl. Eine Wortstatistik von ihr mit „Love“ weit oben fand sich nicht. Quelle: Tagesspiegel: „Wir gehen Trump immer noch auf den Leim“ (Februar 2017)
Ibrahims Anspielung „Hast du mal gesehen, was mit Nigel Farage gerade passiert?“55:29 war zum Aufnahmezeitpunkt aktuell: Nach einer verdeckten Recherche von Channel 4 ermittelt die Londoner Polizei seit Anfang September 2026 wegen mutmaßlich verschleierter Auslandsspenden an Reform UK. Zur Einordnung gehört, dass die Ermittlung zeigt: Die Regeln werden durchgesetzt. Quelle: Guardian: Met police launch inquiry into alleged overseas donations to Reform UK · ZEIT: Polizei ermittelt gegen Reform UK
Auf der Straße könnten Schweizer nicht sagen, wer in der Exekutive sitzt157:13. Eine Erhebung dazu fand sich nicht; das SRG-Wahlbarometer lässt die sieben Bundesräte regelmäßig nach Einfluss und Sympathie bewerten, sie sind also öffentlich präsent. Dass die Kollegialregierung weniger personalisiert ist als eine Kanzlerdemokratie, trifft zu, das absolute „können dir nicht sagen“ ist unbelegt. Quelle: SRF: SRG-Wahlbarometer 2025, Bundesrats-Ranking
Weiterführende Quellen
Aus der Video-Beschreibung: Kapitelliste und Unterstützungslinks für Jung & Naiv, keine weiteren Quellen.
Im Gespräch genannt:
- losdemokratie.de — Website, Satzung und Programm der Partei
- Wir müssen reden! #256 — Losdemokratie mit Ardalan Ibrahim — ein früheres Gespräch, über Populismus, Provokation und die alten Griechen
- David Van Reybrouck: Gegen Wahlen. Warum Abstimmen nicht demokratisch ist (2013, dt. 2016) — genialokal
- Bernard Manin: Principles of Representative Government (1997) — genialokal
- Walter Scheidel: Nach dem Krieg sind alle gleich. Eine Geschichte der Ungleichheit (dt. 2018) — genialokal
- Christian Meier: Die Entstehung des Politischen bei den Griechen (1980) — genialokal
- Ulrike Herrmann: Das Ende des Kapitalismus (2022) — → DenkerVita
- Theodor W. Adorno: Minima Moralia (1951), Aphorismus 18 „Asyl für Obdachlose“ — genialokal
Aus dem Faktencheck:
- Elsässer/Hense/Schäfer 2017, ZPol (Open Access) — die deutsche Responsivitätsstudie im Original, mit den konkreten Wahrscheinlichkeiten
- Mathisen et al. 2023, Unequal Democracies — Vierländervergleich: Macht die Regierungsfarbe noch einen Unterschied?
- LobbyControl: Die Originaldokumente zu Reichtum und Einfluss — was 2016/17 im Armuts- und Reichtumsbericht gestrichen wurde
- Navajas et al. 2019, Current Biology — die tatsächliche Sigman/Ariely-Studie mit den „confident grays“
- Gerber et al. 2018, BJPolS — Gegenstimme zur Gleichheitsannahme in gelosten Gremien
- OECD 2020, Catching the Deliberative Wave — Bestandsaufnahme von Hunderten Bürgerräten
- Lafont 2020, Democracy without Shortcuts — die prominenteste Kritik an entscheidenden Losgremien
- Ober, The Athenian Revolution of 508/7 B.C. — die Gegenlesart zu „Demokratie von oben“
- Satzung der Losdemokratie — § 10b zum Parteitag, mit dem geplanten Gang nach Karlsruhe
Verbindungen
→ Wie kann Demokratie funktionieren?
Ibrahim ist die radikalste Stimme, die das Panorama bekommen kann. Die Forschung dort zeigt, dass Bürgerräte fast überall nur beraten und die Deutschen das auch so wollen. Ibrahim will Gremien, die entscheiden, und das hinter verschlossenen Türen. Sein Minister-Modell, gewählte Minister vor wechselnden gelosten Gremien, ist ein Versuch, die dortige Reibung zwischen Bregman und Hartmann zu lösen, ohne Poppers Abwahl ganz zu opfern.
→ Herfried Münkler — Die Sehnsucht nach Ordnung
Münkler will das Los, damit die „Großmäuler kleiner“ werden, Ibrahim will es gegen die „Geladensten“. Beim Zwang scheiden sie sich: Münkler will Amtszwang im Staat, Ibrahim lehnt ihn dort ab und schreibt ihn in die eigene Satzung. Münklers Befund, dass der athenische Demos die Einbürgerung schloss, um unter sich zu bleiben, trifft Ibrahims Behauptung, das Los sei der beste Minderheitenschutz und Artikel 1 bloßes Papier.
→ Philip Manow — Autoritäre Zeiten: Die Macht der Wähler
Manows zwei Einwände zielen genau auf die beiden strittigen Punkte des Modells. Gegen die Eloquenten hat Ibrahim eine Antwort, die ständig neu gelosten Kleingruppen. Gegen die fehlende Abwahl hat er keine, im Gegenteil: Bindende und geheime Entscheidungen machen die Lücke in der Rechenschaft größer.
→ Jörg Baberowski — Putin, Herrschaft und die liberale Demokratie
Tilo Jung zieht die Parallele selbst. Beide erzählen die Wahl als Erfindung der Besitzenden, beide halten die Pyramide der Herrschaft für naturwüchsig. Getrennt sind sie beim Demos: Baberowski braucht ein umgrenztes Staatsvolk, Ibrahim fragt aus dessen Rand heraus: „Gehöre ich jetzt eigentlich dazu?“
→ Rutger Bregman — Ist der Mensch wirklich gut?
„Gewählte Aristokratie“ ist Bregmans Wort für Ibrahims Kernthese, und beide leiten das Los aus derselben Beobachtung ab: Macht korrumpiert, nach oben kommen die Schamlosen. Bregman warnt, Anarchisten könnten keine Institutionen bauen. Ibrahim hat daraus für seine Partei den Schluss „top down“ gezogen und nennt sich ihren Fürsten.
→ Michael Hartmann — Herkunft schlägt Parteibuch
Hartmanns Steuerabstimmungen liefern den Mechanismus hinter der Responsivitätsstudie, auf die Ibrahim sich stützt: Die Gewählten entscheiden nach ihrer Herkunft. Auch Ibrahims „eher ein Klassenphänomen“ steht Hartmann nahe. Bei der Kur trennen sie sich: Hartmann will eine Quote nach sozialer Position, Ibrahim nennt Quoten „Kacke“ und vertraut dem Los.
→ Martyna Linartas — Unverdiente Ungleichheit
Ibrahim beschreibt den Kreislauf von Vermögen und Einfluss und klammert dann das Eigentum aus seiner Demokratie aus, weil sich die Pyramide ohnehin wieder aufbaue. Linartas hält mit Piketty dagegen, dass Ungleichheit auch durch politischen Willen gesunken ist, und findet ihren Hebel gerade im Grundgesetz: „Eigentum verpflichtet.“ Beide kennen Engelhorns Guten Rat, das Losgremium, das tatsächlich über Vermögen entschied.
→ Walther Ziegler — Habermas in 60 Minuten
Ibrahim beschimpft Habermas und baut zugleich eine Maschine für dessen herrschaftsfreien Diskurs: Die rotierenden Kleingruppen stellen die Gleichheit per Verfahren her, die Habermas als „wirksame Fiktion“ voraussetzt. Der Bruch liegt bei der Öffentlichkeit. Bei Habermas legitimiert sie die Entscheidung, bei Ibrahim wird die Beratung ins Hinterzimmer verlegt.
→ Ardalan Ibrahim — DenkerVita
→ Philipp Blom — Die Unterwerfung
Das Gespräch, das Ibrahim als Anstoß nennt: In Jung & Naiv 670 (Oktober 2023) wirbt Blom für geloste Bürgerversammlungen als Ergänzung des Parlaments, beratend wie Geschworene, begleitet von gelosten Expertinnen. Das ist der gemäßigte Ursprung, von dem Ibrahims entscheidende Losgremien weit weggewandert sind. Bloms „neuer Adel“, der weniger Steuern zahlt und sich Staatsbürgerschaften kauft, ist die ökonomische Hälfte dessen, was Ibrahim Aristokratie nennt.
→ Marco Bülow — Korrumpiert
Der Vortrag, den Ibrahim bei 2:33:25 empfiehlt: neunzehn Jahre Bundestag von innen, Waschzettel, Fraktionszwang und Wohlfühllobbyismus. Bülow landet am Ende ebenfalls bei Bürgerräten, aber als Ergänzung des Parlaments, und er beruft sich dabei gerade auf das Grundgesetz, dem Ibrahim misstraut.
Weiterdenken
- Ibrahim will die Macht dem Los geben und das Eigentum lassen, wo es ist. Wenn sein doppelter Feedback-Loop stimmt, Vermögen schafft Einfluss und Einfluss Vermögen, wie lange bleibt ein Losgremium frei von dem Geld, das es beraten lässt?
- Die Gelosten sollen hinter verschlossenen Türen beraten, damit sie ihre Meinung ändern können, ohne dass ihre Freunde zusehen. Ist das Schutz der Beratung oder Schutz vor der Rechenschaft, und woran würde man den Unterschied erkennen?
- Er nennt Habermas einen Vollidioten und stützt sich dann auf Bürgerfreundschaft und die Kraft des besseren Arguments in der Kleingruppe. Wie viel Habermas steckt in der Losdemokratie, ohne dass ihr Gründer es zugeben mag?
- „Mal bist du ausgelost, mal ich.“ Würdest du einer Entscheidung folgen, an der du nicht beteiligt warst, nur weil du weißt, dass du beim nächsten Mal dran sein könntest, und würdest du das auch bei einer Wahl tun, die du verloren hast?
- Die stärksten Beobachtungen des Abends, der Kassierer, die Baustelle, das „Gehöre ich dazu?“, kommen aus seinem Leben, die schwächsten Sätze aus seiner Theorie. Was würde ein Bürgerrat aus Menschen wie seinen heutigen Kollegen über die Losdemokratie beschließen?
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