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Gedankenraum
Zeitgeist·30. September 2026·1:13 h·66 Belegstellen

Philipp Blom — Die strauchelnde Welt

Wie aus dem Jubel der Jahrtausendwende in einer Generation die Zeit der Monster wurde: Philipp Blom über Entwürdigung, gesichtslose Gegner, den falschen Liberalismus und die Unterschrift, mit der Diktaturen beginnen.

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Ludwig Meidner — Meidner malte 1912 und 1913 seine Apokalyptischen Landschaften: Städte, deren Häuser kippen, Himmel, die reißen, Menschen, die vor etwas fliehen, das noch keinen Namen hat. Es sind die Bilder genau jener Jahre, die Blom in Der taumelnde Kontinent beschrieben hat, als den Menschen „die Welt um die Ohren flog“. Darum seine Hand für eine Note, deren These lautet, wir seien „die Weiterführung derselben Geschichte“. Eine Wiener Straße in der Dämmerung, die Häuser neigen sich, über allem ein Gewirr aus Straßenbahnleitungen und Kabeln, im Himmel ein Kometenstreif. In der Mitte ein bronzener Bürgermeister auf dem Sockel, an Lueger erinnernd, dessen Denkmal Blom auf dem Weg ins Studio passierte. Ein Mann stolpert nach vorn, und auf dem Pflaster liegt ein zersprungener, leuchtender Bildschirm: die Beschleunigung von 1913 und die von heute auf einem Platz.

Prompt: Wide panoramic banner painted in the manner of Ludwig Meidner's Apocalyptic Landscapes (1912-1913), German Expressionism: thick agitated brushstrokes, jagged tilting perspective, a city street at dusk whose tall apartment houses lean and buckle toward each other as if the ground itself were stumbling. Overhead a dense tangle of tram wires, telegraph lines and modern cables crisscrosses a sulphur-yellow and bruised violet sky split by a pale comet-like streak of white light. In the middle of a small square stands an old bronze statue of a bearded mayor on a stone plinth, visibly tilted at an angle. Small hurried figures in dark coats lean into the wind, one man in the foreground stumbling forward with an arm raised; on the pavement lies a shattered glowing rectangle of light like a broken screen. Palette of ochre, Prussian blue, crimson and acid yellow, nervous energy, prophetic unease, no readable text, no letters, no signature.

Worum es geht

Wie aus dem Jubel der Jahrtausendwende in einer Generation die Zeit der Monster wurde. Der Historiker Philipp Blom hat ein Buch über die Jahre 2001 bis 2014 geschrieben, Die strauchelnde Welt, und sitzt dafür eine gute Stunde im Nachrichtenpodcast des STANDARD. Auf die Eröffnungsfrage, ob die Welt verrückt geworden sei, antwortet er mit Ja. Dann erklärt er es: mit Technologien, die schneller kommen, als Gesellschaften sie verdauen, mit dem Schuster neben der Schuhfabrik, mit Gegnern, die kein Gesicht haben, und mit einem Liberalismus, bei dem man „am falschen hängen geblieben“ ist. Am Ende steht die leiseste These des Gesprächs: Diktaturen beginnen mit Leuten, die einen Job machen. Wer das Gespräch liest, bekommt keine Prognose, sondern eine Haltung, die Blom von Edgar Morin borgt: weder Optimist noch Pessimist, entschlossen.

Quelle: Ist die Welt verrückt geworden? | Philipp Blom — DER STANDARD, Thema des Tages, veröffentlicht am 15.09.2026, 1:14 Stunden, moderiert von Daniel Retschitzegger

Wer spricht?

Philipp Blom (1970, Hamburg) — Historiker, Philosoph und Schriftsteller, der Epochenumbrüche erzählt: die Aufklärung, Europa vor 1914, die Zwischenkriegszeit, die Kleine Eiszeit, und seit einigen Jahren die Gegenwart. Studium in Wien und Oxford, Promotion 1996, danach Verlag und Journalismus, seit 2007 in Wien, Moderator bei Ö1, Podcaster (Blomcast). 2026 Lessing-Preis für Kritik. Sein neues Buch Die strauchelnde Welt (Hanser, 2026) erzählt die Jahre 2001 bis 2014 als Globalgeschichte und beginnt im Kongo.

Mit Der taumelnde Kontinent (2009) hat er das Europa vor 1914 als Zeit rasender Beschleunigung beschrieben. Genau diese Parallele trägt ihm der Moderator hier an, und Blom greift sie auf. Zu Die Unterwerfung und seinem Auftritt bei Jung & Naiv → Philipp Blom — Die Unterwerfung.

→ DenkerVita


Schneller, als eine Gesellschaft verdauen kann

0:46 — Der Moderator zählt auf: ein Diktator, der die Ukraine erobern will, ein „selbsterklärter König“ im Weißen Haus, Kräfte in Europa, die die Demokratie lieber gestern als heute los wären. Ist die ganze Welt verrückt geworden? „Ich glaube ehrlich gesagt, ja.“ Gelächter, der Moderator hatte mit dieser Antwort nicht gerechnet.

Blom beginnt die Begründung bei der Kraft, die er für die meistübersehene hält. Der Buchdruck brauchte Jahrhunderte, bis er in die Welt eingewachsen war, die Dampfmaschine und die Elektrifizierung immerhin mehrere Generationen. Internet, Smartphone, soziale Medien und jetzt künstliche Intelligenz kamen innerhalb einer Generation, die KI für den Endnutzer in den letzten drei Jahren. Jede verändert, wie Menschen miteinander umgehen und wie sie ihren eigenen Körper wahrnehmen, und bevor eine Gesellschaft die eine eingeordnet hat, steht die nächste da.

3:02 — Die Frage, ob soziale Medien und Demokratie koexistieren können, beantwortet er „privat“ mit Nein, genauer: nicht solche Medien, die auf Verweildauer und Profit getrimmt sind, „deswegen mit der Wahrheit machen, was sie wollen und Menschen letztendlich abhängig machen“. Dagegen verteidigt er die „unglaublich altmodischen und längst überholten“ öffentlich-rechtlichen Medien, für die er selbst arbeitet. Die Ironie ist gewollt, und die Befangenheit legt er offen.

„Wir wissen überhaupt nicht mehr, was ein Fakt ist und was nicht. Wir können uns auf kein Foto, auf keinen Film mehr verlassen.“ 3:47

Hören — 3:47

Sein Schlusssatz zu diesem Punkt klingt wie ein Scherz und ist keiner: „Ich glaube, wir werden langsam alle ein bisschen wahnsinnig.“ 4:34 Damit ist die Eröffnungsfrage ernst genommen. Verrückt heißt hier: eine Umgebung, in der die Orientierung schneller veraltet, als man sie erwerben kann. Das ist eine strukturelle Diagnose, keine über den Charakter der Leute. Blom hat den Satz über Social Media und Demokratie schon 2023 bei Tilo Jung gesagt, damals mit einem „ich weiß echt nicht“ (→ Philipp Blom — Die Unterwerfung). Inzwischen hat er sich entschieden.

Der taumelnde Kontinent, noch einmal

5:20 — Findige Historiker, sagt der Moderator, zögen gerade gern den Vergleich mit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. „Ich war einer dieser findigen Historiker“, antwortet Blom. Der taumelnde Kontinent vertrat 2009 die These, die Jahre vor 1914 seien „nicht der goldene Herbst eines schönen harmonischen 19. Jahrhunderts“ gewesen, „sondern eine Zeit, in der den Menschen die Welt um die Ohren flog“: Elektrifizierung, neue Informationstechnik, Massenzeitungen mit Millionenauflage, Massensport. Eine Wiederholung sieht er heute nicht. „Wir sind einfach die Weiterführung derselben Geschichte.“ 6:05

Die frappierendste Parallele ist die Männlichkeit. Heute Mannosphäre und Incels, damals eine „gigantische Krise der Männlichkeit“, Bodybuilding, immer größere Schnurrbärte, Säbel auf der Straße. Viele meldeten sich 1914 freiwillig, um sich Mut und Männlichkeit zu beweisen, Auge in Auge mit dem Feind. Dann saßen sie am Isonzo oder an der Westfront, beschossen aus zwanzig Kilometern Entfernung, und es war gleich, ob einer Jude, Katholik, Kommunist oder Konservativer war:

„Sie wurden alle von derselben Granate zerrissen und Männlichkeit war da auf einmal kein Faktor mehr.“ 7:36

Hören — 7:36

Aus dieser systematischen Negation erklärt Blom viel von der Nachkriegskultur. Der Moderator zieht die Linie weiter bis zum Nationalsozialismus und fragt, ob die große Katastrophe erst bevorstehe. „Na ja, die große Katastrophe steht immer erst bevor. Vielleicht sind wir schon drin.“ 8:21 Was mit der Ukraine und dem Iran geschehe, nenne man höflich einen globalen Konflikt, und zwischen globalem Konflikt und Weltkrieg sei der Unterschied eine Definitionsfrage. Er will nicht schwarzmalen, sagt er dann, und zeigt stattdessen auf den Mechanismus: Zentrifugalkräfte, die eine Gesellschaft nicht mehr meistert, und eine atavistische Sehnsucht nach dem Eigentlichen, dem eigenen Volk, der Frau am Herd, dem Mann mit Muskeln, einem Land, in dem alle weiß und katholisch sind. Wer dabei stört, waren damals die Juden, heute „vielleicht“ die Migranten. „Und diese schöne alte Zeit hat es natürlich nie gegeben.“ 9:07

Wichtiger als die Nostalgie ist ihm ihr zweites Gesicht. Wer sich in seiner Zeit nicht gesehen und nicht fair behandelt fühlt, will am Ende nicht zurück, er will „vielleicht auch eine Abrissbirne“ 9:55. Das trennt die Rückwärtsgewandten von den Zerstörern, und die zweiten sind gefährlicher, weil ihnen das Ziel gleichgültig ist.

Weitergedacht

Wenn die Sehnsucht nach der „schönen alten Zeit“ zuletzt in die Abrissbirne kippt: Hilft es überhaupt, den Menschen zu zeigen, dass es diese Zeit nie gab, oder trifft das an ihrem eigentlichen Motiv vorbei, dem Gefühl, in der Gegenwart keinen Platz zu haben?

Der Schuster neben der Schuhfabrik

11:26 — Auf dem Weg ins Studio ist Blom mit seinem Sohn am schiefgestellten Lueger-Denkmal vorbeigekommen, und was er dem Sohn erklärt hat, ist ein Stück Methode. Karl Lueger war „ein widerlicher Antisemit, aber er war auch ein sehr wichtiger Bürgermeister für diese Stadt“, der Wien sein modernes Gesicht gab. Geschichte ist widersprüchlich, und Lueger verstand es, die Ressentiments gegen die Moderne zu ernten.

Wie dieses Ressentiment entsteht, erzählt Blom als Kleinbürgergeschichte 12:12. Ein Schuster, und nebenan macht eine Schuhfabrik auf. Seine Lebensweise ist erledigt, sein Sohn wird nicht mehr Schuster. Und die Chance, dass der Prokurist dieser Fabrik Jude war, war nicht klein, weil Juden in diesen Berufen überrepräsentiert waren. So wurden sie für viele die sichtbaren Vertreter der kapitalistischen Moderne. Blom spricht hier von einer „statistischen Rechtfertigung“ und meint die Wahrnehmung, keine Billigung. Aus der Angst vor der Veränderung wurde Antisemitismus, aus ihm eine Rebellion gegen die Moderne, und am Ende der Faschismus.

Die Angst gibt es noch, sagt er, weil die Moderne heute genauso rabiat arbeitet. 13:43 In national organisierten Industriegesellschaften hatte die Arbeiterklasse Macht. Wenn Bergwerk und Stahlwerk streikten, stand das Land still. Mit der Globalisierung wanderten Kapital und Produktion ab, die Menschen blieben. Sie haben ihre Gewerkschaften verloren, ihr Druckmittel, ihre Repräsentation, und fühlen sich „nicht ganz zu Unrecht abgehängt“.

„Sie sind jetzt nur noch Konsumenten und sie sind jetzt nur noch dafür da, Zeug zu kaufen. Das ist eine Entwürdigung, mit der man erstmal umgehen muss.“ 15:13

Im Gespräch — 15:13

Das Wort Entwürdigung ist der Schlüssel dieses Abschnitts. Materiell geht es fast allen im Westen besser als vor einer Generation, sagt Blom ausdrücklich. Verloren ist das Selbstverständnis, das die Eltern noch hatten. Dass Menschen darauf stark reagieren, findet er verständlich. Der „Kurzschluss“ ist der Feind, den Populisten anbieten, den man moralisch verdammen und bekämpfen kann, bis alles wieder gut ist. Blom trennt damit sauber zwischen dem berechtigten Befund und der falschen Adresse. Das ist die Haltung, mit der sich über AfD- und FPÖ-Wähler reden lässt, ohne sie zu verachten oder ihnen nach dem Mund zu reden.

Feinde ohne Gesicht

15:59 — Der Moderator stellt die naheliegende Frage: Wie lenkt man diese gerechte Wut so, dass sie nicht die syrische Familie im Ort trifft, sondern die, die einem „diese Scheißsituation eingebrockt“ haben? Blom antwortet mit zwei Beobachtungen. Wo eine syrische Familie im Ort lebt, geht es meistens gut, weil man die Leute von Angesicht kennt. Die Feindbilder stammen aus dem Fernsehen. Und die Verursacher der Deindustrialisierung taugen nicht zum Feind, „weil das Feindbild fehlt“ 16:45.

Es sind erstens dieselben, die uns den billigen Flachbildfernseher verkauft haben, den alle wollen. Und zweitens gesichtslose Leute auf Führungsetagen, ohne ideologische Agenda, die für ihre Aktionäre das Beste herausholen, „und die im übrigen höfliche und reizende Menschen sind, wenn man sie trifft“. Aus solchen Leuten lässt sich kein anständiges Feindbild bauen. Der Moderator hält Elon Musk dagegen, einen Unternehmer, der sich politisch einmischt. Musk gebe ein sehr gutes Feindbild ab, räumt Blom ein, aber ein konkreter Feind, der sichtbar anders ist und eine andere Sprache spricht, bleibe leichter zu hassen.

Noch weniger Gesicht hat der Wandel, den Blom als „zum Teil sehr katastrophal“ beschreibt: der demografische Kollaps. 17:31 „Wir bekommen einfach viel zu wenige Kinder und das sind Lifestyle-Entscheidungen von uns allen.“ In Osteuropa kam die Abwanderung nach der Öffnung hinzu. Manche Länder hätten 20 bis 30 Prozent ihrer Bevölkerung verloren, gerade die Jungen und besser Gebildeten. Der Moderator wirft „Sachsen-Anhalt“ ein, Blom stimmt zu. Die Zurückgebliebenen fühlen sich ein zweites Mal gedemütigt, und es gibt einen instinktiven Rest: „Wenn man kaum noch Kinder auf der Straße sieht, es ist schwierig, auch an eine Zukunft zu glauben.“ 18:16 Nicht einmal die AfD oder die FPÖ könne jemanden benennen, der uns befiehlt, weniger Kinder zu bekommen.

Dann kehrt er nach Wien zurück 19:48, zu den Zahlen der jüdischen Zuwanderung nach der Verfassung von 1867 (Faktencheck: vereinfacht), zu einer Minderheit, die an Gymnasien, Universitäten und im Journalismus weit überrepräsentiert war. Man erinnert heute die großen assimilierten Dichter und Denker, aber in der Leopoldstadt lebten die, die „anders aussahen und anders rochen und anders sprachen“. Blom nennt das „ein Beispiel von misslungener Integration“, ein Satz, der schief verstanden werden kann: Er meint eine Mehrheit, die die Sichtbaren zum Ziel machte. Der Gedanke dahinter trägt weit. Feindbilder entstehen dort, wo das Unbehagen ein Gesicht findet, und nicht dort, wo die Ursache liegt. Die Fabrik zog nach Indonesien, der Hass blieb im Ort.

Am falschen Liberalismus hängen geblieben

22:04 — Um die Jahrtausendwende, sagt Blom, war der Konsens der klügsten Köpfe, dass die Welt sich der „großen Orgie der liberalen Demokratien und der liberalen Märkte“ ergeben werde. Alles werde freier, Wissen durch das Internet demokratisiert, Klassen unwichtig. „So genau das Gegenteil ist passiert“ 22:49. Das Buch fragt, wohin dieser Sieg zwischen 2001 und 2014 verschwunden ist.

Seine Antwort beginnt mit einer Unterscheidung. 23:35 Der klassische Liberalismus will Macht begrenzen und kontrollieren: durch Gewaltenteilung, Wahlen, einen Journalismus, der die Mächtigen zur Rechenschaft zieht. Daneben steht die wirtschaftliche Inkarnation, und „wir sind am falschen hängen geblieben“. Es sei „historisches Pech“ gewesen, dass der Neoliberalismus gerade auf seinem Höhepunkt stand, als der Eiserne Vorhang fiel und „Schwärme von Consultants“ über Moskau niedergingen, die predigten, außerhalb des Marktes gebe es keine Gesellschaft, wie Margaret Thatcher gesagt hatte (Faktencheck: vereinfacht), und wertvoll sei nur, was sich quantifizieren lässt. „Das ist eine sehr arme Definition eines liberalen Denkens“ 25:05.

Hier hält der Moderator gut dagegen. Ist das nicht eurozentrisch und bequem? Siebzig Jahre Planwirtschaft, Militarisierung, der niedrige Ölpreis, und Russland habe den Übergang selbst beschlossen, die Duma, sagt er, Gorbatschow, ergänzt Blom (Faktencheck: falsch). Die Opfererzählung der „fürchterlichen Neunziger“ sei Putins Erzählung. Blom gibt ihm in der Sache recht: Die Sowjetunion sei am billigen Öl zusammengebrochen (Faktencheck: vereinfacht), und die Russen hätten ihre Anteile an Staatsbetrieben selbst schnell und billig verkauft. Aus dem Vorwurf macht er dann aber das Programm des Buches. Er sei Europäer, spreche europäische Sprachen, und über ein Land, dessen Sprache man nicht beherrscht, lasse sich schwer schreiben. Trotzdem versuche das Buch, Europa aus der Mitte zu rücken 27:23. Es beginnt 2001, und zwar mit dem Mord an Laurent Kabila im Kongo; 9/11, den Paukenschlag des Westens, lässt es zunächst liegen. Der Kongo ist ein Land, das nicht Staat werden kann, weil es reich ist an Bodenschätzen und alle „ihre dreckigen Finger“ darauf legen wollen.

Das Jahr 1989 hat nach Blom mehrere Geschichten 28:57. Für uns war es der Mauerfall. Für China war es Tian'anmen, für Russland die Niederlage in Afghanistan, und für viele Muslime der Triumph über die kommunistische Supermacht, aus dem später Osama bin Laden hervorging. Der taumelnde Kontinent konnte um 1900 noch von Europa aus erzählt werden. „Den Anfang des 21. Jahrhunderts kann man nicht mehr von Europa aus oder vom sogenannten Westen aus verstehen.“ 29:42 Das ist die stärkste Selbstkorrektur des Gesprächs, und sie steht dem Neoliberalismus-Befund nicht entgegen. Wer den Westen aus der Mitte nimmt, sieht auch, dass der „liberale Sieg“ schon 1989 nur einer von mehreren Ausgängen war.

Weitergedacht

Blom trennt den Liberalismus, der Macht begrenzt, von dem, der alles dem Markt unterstellt. Lassen sich die beiden historisch überhaupt so sauber trennen, oder war die Machtbegrenzung durch Märkte (gegen König, Kirche, Zunft) von Anfang an Teil derselben Idee?

Warum das Ozonloch leichter war

35:50 — Der Moderator bringt ein Beispiel aus dem ORF-Sommergespräch: FPÖ-Chef Herbert Kickl nannte das Waldsterben und das Ozonloch als Beweise, dass Umweltpanik übertrieben sei. Gerade diese beiden Fälle zeigten doch, entgegnet der Moderator, dass es geht, wenn alle an einem Strang ziehen: Filter und Katalysatoren gegen den sauren Regen, das weltweite FCKW-Verbot gegen das Ozonloch. Kann das beim Klima noch einmal gelingen? „Na ja, kann ist was anderes als wird.“ 36:35

Bloms Antwort unterscheidet Problemtypen. Die alten waren isoliert: eine Technologie, ein guter Ersatz, große Filter an die Braunkohlekraftwerke, ein anderes Kühlmittel, erledigt. Die fossilen Brennstoffe dagegen stecken in jedem Produktionsschritt, jedem Transportweg, jedem Konsumgut. „Versuchen Sie mal die fossilen Brennstoffe aus der Landwirtschaft rauszunehmen. Das ist nicht so einfach.“ 37:23 Dazu ist es global: Die Rodung des Regenwaldes, nach Blom „20 Fußballfelder pro Tag“ (Faktencheck: falsch — 2025 waren es rund elf pro Minute), verändert einen österreichischen Sommer. Technisch sei die Wende selbstverständlich möglich, nur nicht ohne weniger Verbrauch, und das sei in einer Welt, in der mehr automatisch besser ist, schwer zu vermitteln. Einen Ausweg nach oben schließt er aus: „Ich glaube selbst nicht an gute Klimadiktatoren.“ 38:55

Seine Verbündeten sind darum Sommer wie dieser, mit Übersterblichkeit und Milliardenschäden, und die Leute mit dem längsten Zeithorizont im Kapitalismus. Vor zehn Jahren habe ihm ein Rückversicherer gesagt, gewisse fossile und umweltzerstörende Geschäfte versichere man nicht mehr, aus nüchterner Risikorechnung und ohne jede Moral 39:41. Wenn die Straße von Hormus den Preis an der Tankstelle treibt, werden Windräder attraktiver, weil sie nicht von einer Meerenge abhängen, über die man keine Macht hat.

Der Moderator liest daraus eine „Revolution von oben“. Blom hält den Gegensatz für künstlich 42:44:

„Menschen lernen nicht durch kluge Argumente, sondern nur durch Erfahrungen.“

Im Gespräch — 42:44

Neben die Erfahrung stellt er die gesetzte Tatsache. Beim Rauchverbot war „das Geschrei groß“, das Ende der Freiheit, der Kultur, der Wirte. Kurz darauf hielten sich alle daran, und heute stört sich fast jeder an einer Zigarette im Restaurant 44:15. Dasselbe erzählen Paris unter Anne Hidalgo und die Wiener Mariahilfer Straße, deren Umbau zur Begegnungszone erst „das Ende der Zivilisation“ war. Blom rechnet das nicht zum Triumph hoch. Nicht alles, was oben verordnet wird, kommt unten gut an, und Politik könne sich heute auf internationale Vergleiche stützen, statt „ins Blaue hinein“ zu handeln. „Es muss beides geben.“ 45:46

Der Einwand liegt auf der Hand, und der Moderator bringt ihn: Für die Revolution von oben braucht es Mut, und Maria Vassilakou, die die Mariahilfer Straße durchsetzte, wurde „verbal geprügelt“. Blom bestätigt, bei Frauen sei es schlimmer, und er kennt die Feeds einer Freundin in der Politik. Die Lehre aus dem Rauchverbot gilt also nur für den, der die Zeit zwischen Beschluss und Gewöhnung übersteht.

Die Demokratie umbauen, bevor andere es tun

47:17 — Das Hindernis sieht Blom weniger bei den Wählern als im „allmächtigen Parteiapparat“, der Menschen mit starken Überzeugungen gar nicht erst aufstellt. Daraus folgt sein bekanntes Plädoyer für Bürgerräte, die „in der ganzen Welt immer erstaunlich gute Entscheidungen bringen oder zumindest oft“. Sein Beispiel ist konkret: Solaranlagen auf die flachen Dächer der Wiener Innenstadt, als Frage für einen gelosten Rat. Zwei Vorzüge nennt er. Wer wie ein Geschworener per Zufall ausgewählt wird, „kann keine Seilschaft bilden und keine Karriere draus machen“ 48:49. Und er muss mit den Folgen leben, denn er wohnt dort, seine Kinder auch. Wie weit diese Hoffnungen durch die Forschung tragen, hat die Nachbesprechung der Jung-&-Naiv-Note schon durchgearbeitet (→ Philipp Blom — Die Unterwerfung).

Neu ist hier die Konsequenz, die er für Europa zieht. 49:34 Die Demokratie von heute ist für die Nachkriegszeit entworfen, auch die EU, „ein bisschen konstruiert aus Misstrauen gegen die eigene Bevölkerung“: keine direkten Wahlen (Faktencheck: vereinfacht), Entscheidungen zwischen Staaten statt zwischen Bevölkerungen, ein Parlament, das viel reden und wenig entscheiden kann. In einer neoimperialen Welt, in der große Mächte ihre Kolonien sichern, stellt sich für Europa eine einzige Frage:

„Sitzen wir am Tisch oder sind wir am Menü?“ 50:21

Im Gespräch — 50:21

Die Formel stammt aus Mark Carneys Davos-Rede vom Januar 2026 („if we're not at the table, we're on the menu“), Blom nennt sie hier ohne Quelle und kommt später auf Carney zurück.

Kein einzelner europäischer Staat könne sich gegen Cyberangriffe, Sanktionen, Desinformation und hybride Kriegsführung wehren. Europa als Ganzes hätte das Gewicht, aber dafür brauche es eine handlungsfähige, direkt gewählte Regierung, „die auch ja und nein sagen kann und nicht erstmal zwölf Jahre in Konsultationsprozessen verschwindet“, also wohl einen föderalen Staat, „und das ist für viele Menschen was ganz Schreckliches“. Blom verlangt „ganz radikale Änderungen“, weil die Parteien, auf denen das alte Modell ruht, überall abgestürzt seien (Faktencheck: vereinfacht).

Dann kommt der Aspekt, der ihm vorher gefehlt hat: das Geld. 51:51 Seit Mitte der Achtziger verdienten Menschen in normalen Jobs nicht mehr, eher weniger (Faktencheck: vereinfacht), während die größten Vermögen „unglaublich viel reicher“ und damit mächtiger wurden, über Parteispenden, Stiftungen, andere Konstruktionen. Journalisten und Autoren kann man entlassen oder nicht mehr lesen, „das kann man mit diesen Menschen nicht“. „Wo ist dann das Prinzip ein Mensch, eine Stimme geblieben?“ 52:36 Strafen will er die Reichen nicht, das sei „eine ziemlich dumme Idee“, er glaube nicht an Kommunismus. Es geht ihm um die Möglichkeit von Demokratie, und dann fällt der trockenste Satz des Abends: „Ich finde, ehrlich gesagt, 100 Millionen sind wahrscheinlich genug pro Nase.“ 53:21 Überreichtum wirke auf die Demokratie genauso zersetzend wie die sozialen Medien, „und leider hängen die beiden auch noch zusammen“.

Weitergedacht

Blom will die EU direkter und föderaler machen, damit Europa „am Tisch“ sitzt, und zugleich mehr Macht in geloste Räte vor Ort geben. Ziehen diese beiden Reformen nicht in entgegengesetzte Richtungen, die eine zur Zentrale, die andere an den Küchentisch, und welche wäre bereit, der anderen zu weichen?

Europas Lehre aus fünfhundert Jahren Massaker

30:28 — Früher im Gespräch hat Blom die Gegenwart als Gramsci'sche Zwischenzeit beschrieben: Die alte Welt ist tot, die neue noch nicht geboren, es ist die Zeit der Monster (Faktencheck: vereinfacht), „und wir wissen noch nicht, welches Monster wirklich wichtig wird“. China ist mächtig und hat eine Demografie- und Schuldenkrise vor sich, die USA scheinen in sich zusammenzubrechen. „Viele große Mächte gehen ja nicht an ihren Schwächen zugrunde, sondern an ihrer Stärke“ 31:15, an Überdehnung und an der Überzeugung von der eigenen Großartigkeit. Nach dem, was Washington mit seinen Verbündeten gemacht habe, werde keine seriöse Politikerin die USA eine Generation lang für einen verlässlichen Partner halten, auch wenn Trump morgen weg wäre: „dass das passieren konnte“, bleibe. Die „sehr blauäugige absolute Loyalität“ der Europäer sei vorbei, und mit ihr das deutsche Modell aus amerikanischer Sicherheit, russischem Gas und chinesischem Absatzmarkt, das „sehr lange und sehr gedankenlos“ weitergeführt wurde 34:18.

56:23 — Auf den Gedanken, was Europa stattdessen sein könnte, habe ihn „komischerweise“ Mark Carney gebracht. Der kanadische Premier sprach im Januar in Davos von „a rupture, not a transition“ und sagte im Mai in Jerewan, beim Gipfel der Europäischen Politischen Gemeinschaft, die internationale Ordnung werde „out of Europe“ neu gebaut. Blom legt beide Reden zu einer zusammen. Blom fiel erst die Kinnlade herunter: Kennt der Mann die EU? Dann fand er die Idee klug. Europa habe sich seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch eines ausgezeichnet, das Bestehen auf starken Institutionen, Machtkontrolle und eingehaltenen Verträgen. In einer Welt diktatorisch handelnder Großmächte werden verlässliche Mittelmächte wertvoll.

Warum gerade Europa? Weil es eine Erfahrung hat, die sonst niemand in dieser Dichte hat:

„500 Jahre Massaker, 500 Jahre Religionskriege, Weltkriege, 500 Jahre von fessellosen Eliten, die ihr Unwesen getrieben haben.“ 58:41

Im Gespräch — 58:41

Europa hat das Blutvergießen exportiert, weil es nichts anderes kannte. Die Antwort darauf war die Einhegung von Macht, Menschenrechte, bürgerliche Freiheiten. Blom erzählt die europäische Einigung darum als liberalen Vorgang, und als der Moderator einwendet, Frankreich und Deutschland hätten die Montanunion nur geschlossen, um einander zu kontrollieren, antwortet er knapp: „Das ist liberaler Gedanke.“ 54:52 Nicht weil man bessere Menschen geworden sei, sondern weil Macht, die man laufen lässt, selten den Interessen der Vielen dient.

Das Hindernis sieht er in der Haltung 60:58. Europa redet sich klein: die bösen Amerikaner, die bösen Chinesen, und wir, an unsere Regeln gebunden, können ja nichts tun. „Ein Opfer ist bekanntlicherweise für nichts verantwortlich“, und genau das infantilisiere. In Deutschland und Österreich sei die Zurückhaltung als Nachfahren der Täter des Holocaust verständlich, Frankreich und Großbritannien dagegen lebten noch im Schatten ihrer Imperien. Die EU hält er trotz allem Dysfunktionalen für ein „unglaublich erfolgreiches historisches Experiment“: In dem „Schlachthaus Westeuropa“ sei nie eine längere Friedenszeit gewesen als nach 1945 64:05. Die Kriege in Jugoslawien ordnet er dabei als postsowjetisch ein, eine Einordnung, die man nicht teilen muss.

Wie eine Diktatur anfängt

64:50 — Der Moderator erzählt von einem jungen Bekannten, unter achtzehn, der im Urlaub erst auf einem Plakat erfuhr, was an diesem schönen Ort vor über hundert Jahren geschehen war. Wie geschichtsvergessen, dachte er zuerst, und dann: auch großartig, dass sich der Junge mit diesem Wahnsinn nicht mehr beschäftigen muss. Blom widerspricht. Es sei trotzdem gut, sich damit zu beschäftigen, weil man sehen muss, „wie möglich dieser Wahnsinn ist“. Und dann kommt die Passage, für die man das ganze Gespräch hören sollte 65:35. Er habe sich viel mit dem Anfang des Dritten Reichs beschäftigt, und wie das gehe, sehe man jetzt in den Vereinigten Staaten. Hinter jeder Festnahme der Einwanderungsbehörde ICE stehe eine Kette von Unterschriften: jemand, der ein Team zusammenstellt, ein Auto reserviert, eine Person identifiziert, eine Telefonnummer weitergibt.

„Das sind alles keine fanatischen Sadisten, das sind alles Leute, die einen Job machen.“ 65:35

Im Gespräch — 65:35

Für die eine Unterschrift wirft niemand den Job hin und riskiert die Hypothek, „und das braucht's, um eine Diktatur anzufangen“ 66:22. Blom verweist auf den Eichmann-Prozess, und das Echo von Hannah Arendts Banalität des Bösen ist unüberhörbar. Er sagt es aber ohne Anklage gegen den Einzelnen. Das Gedenken seiner Jugend sei ritualistisch gewesen, und wenn für Schüler ein KZ nicht mehr anders aussieht als ein Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs oder des Dreißigjährigen Krieges, braucht es eine andere Form der Erinnerung: die lebendige Lehre, dass dieser Wahnsinn „jederzeit und überall“ passieren kann.

67:54 — Danach das Böckenförde-Diktum, das Blom schon bei Tilo Jung zitierte: Der liberale säkulare Staat beruht auf Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. „Eine Demokratie ist ja eigentlich nur ein Buch mit Spielregeln.“ Das Vertrauen, dass die anderen die Regeln beachten, kann kein Gesetz schaffen. Sein Bild dafür bleibt hängen:

„Wenn Sie mit mir Schach spielen wollen und Sie haben zwar Weiß, aber ich habe eine Pistole, dann hilft die sizilianische Verteidigung auch nicht mehr.“ 68:41

Im Gespräch — 68:41

Wer sich auf die Regeln nicht mehr verlässt, tut, was Menschen in schwachen Staaten tun 69:28: den eigenen Stamm begünstigen, die eigene Familie, jemanden im Hintergrund haben, „der doch eine Kalaschnikow hat“. Damit schließt sich der Kreis zu allem, was vorher kam. Fairness oder wenigstens das Gefühl von Fairness, soziale Medien, die Menschen dazu bringen, sich so zu verhalten, wie sie es von Angesicht nie täten, Überreichtum, der das eine Stimme pro Kopf zur Fiktion macht: Das alles zehrt an genau der Voraussetzung, die Böckenförde meinte. Die Massaker von Butscha zeigen, 400 Kilometer von Österreich entfernt, dass es wieder möglich ist. Und in den eigenen Familien waren es „ganz normale Typen“, die „ausreichend oft weggeguckt“ haben 70:13.

71:44 — Auf die Schlussfrage, mit welcher Haltung man hineingehen solle, antwortet Blom mit Edgar Morin, der in diesem Jahr gestorben ist, Jude, wirklich im Widerstand gewesen: „Ich bin weder Optimist noch Pessimist. Ich bin entschlossen.“ Den Klimawandel bewältigen werden wir „eh nicht“, aber uns ausreichend anpassen und ihn nicht noch schlimmer machen, das sei möglich. Offen bleibt das gesellschaftliche Klima: der Hass auf die da oben, der Populismus, und die bürgerliche Selbstzufriedenheit, die sagt, es müsse sich etwas ändern, „aber nicht heute und nicht für mich“. „Die Möglichkeit stirbt erst mit uns.“ 72:29 Blom hat diese Haltung 2024 in seinem Buch Hoffnung ausgeführt. Hier steht sie am Ende eines Gesprächs, das mit dem Satz begann, die Welt sei verrückt geworden, und Blom nimmt davon nichts zurück.

Weitergedacht

Wenn Diktaturen mit Menschen beginnen, die einen Job machen: An welcher Stelle meines eigenen Arbeitsalltags läge die eine Unterschrift, die ich nicht leisten würde, und weiß ich das vorher, oder erst, wenn das Formular auf dem Tisch liegt?


Nachbesprechung

Drei Sätze, die Blom nebenbei sagt und die länger tragen als das Gespräch: dass die syrische Familie im Ort hilft, dass Menschen sich an das Verordnete gewöhnen und dass 100 Millionen genug sind.

Hilft die syrische Familie im Ort?

Blom sagt es beiläufig, als Antwort auf eine Frage nach der Wut 15:59: Wo eine syrische Familie im Ort lebt, „geht's ja meistens relativ gut“, man kennt die Leute, sie schicken ihre Kinder in dieselbe Schule, und die Feindbilder sind „die, die man im Fernsehen sieht“. Das ist die Kontakthypothese von Gordon Allport in einem Halbsatz, und kaum eine sozialpsychologische These ist so oft geprüft worden. Im Durchschnitt über 515 Studien senkt Kontakt Vorurteile, stärker, wenn man sich auf Augenhöhe begegnet (Pettigrew & Tropp 2006, doi:10.1037/0022-3514.90.5.751, Meta-Analyse, überwiegend korrelativ). Wer nur die randomisierten Studien nimmt, findet bei ethnischen Vorurteilen deutlich schwächere Effekte und für Erwachsene gar keinen sauberen Test (Paluck, Green & Green 2019, doi:10.1017/bpp.2018.25).

Für die Wahlurne gibt es inzwischen bessere Daten, und Bloms Heimatland liefert das schönste Stück. In Oberösterreich kamen 2015 Asylwerber teils in Quartiere, die zufällig gerade leer standen. Wo sie blieben, sank die FPÖ bei der Landtagswahl um etwa vier Prozentpunkte, auch in den Nachbargemeinden. In den Grenzorten, durch die die Menschen nur Richtung Bayern zogen, stieg sie um anderthalb (Steinmayr 2021, doi:10.1162/rest_a_00922, Quasi-Experiment). In Frankreich wuchs der Front National in Orten, die nach der Räumung des Lagers von Calais kleine Gruppen aufnahmen, um rund zwölf Punkte langsamer (Vertier, Viskanic & Gamalerio 2023, doi:10.1017/psrm.2022.26). In Italien blieben Gemeinden mit kommunal geführten Aufnahmezentren der extremen Rechten deutlich fern, und der Mechanismus klingt nach Blom: Die Schule blieb offen, der Ort wuchs wieder (Gamalerio et al. 2023, doi:10.1016/j.regsciurbeco.2023.103892). In Schweden wirkt Kontakt am Arbeitsplatz, aber nur in kleinen Betrieben und unter Kollegen auf gleicher Stufe (Andersson & Dehdari 2021, doi:10.1017/s0003055421000599).

Für Deutschland stützt ein Panel über 2015 hinweg Bloms Fernseh-Satz fast wörtlich. Als die Zahl der Geflüchteten im Land stieg, wuchsen Sorge und Zustimmung zur extremen Rechten; wo sie im eigenen Kreis stieg, sank beides (Gießelmann, Brady & Naujoks 2024, doi:10.1086/731833). Das DIW fand bei der Bundestagswahl 2025, dass Ausländeranteil und Zuzug von Schutzsuchenden für die AfD „entweder irrelevant“ sind oder in die Gegenrichtung zeigen: Im Osten war sie gerade dort stärker, wo der Ausländeranteil ungewöhnlich gering war (DIW aktuell 121, 24.07.2026). Das Bild entsteht dort, wo die Begegnung fehlt. Wie sehr die Medien daran mitmalen, zeigt ein Fall aus Dresden: Seit die Sächsische Zeitung 2016 begann, die Herkunft aller Tatverdächtigen zu nennen, auch der deutschen, sanken in ihrem Verbreitungsgebiet die Sorgen über Migration (Keita, Renault & Valette 2024, doi:10.1093/ej/uead059).

Als Regel trägt Bloms Satz trotzdem nicht. Auf den griechischen Inseln, über die 2015 Hunderttausende nur hinwegzogen, wuchs die Feindseligkeit dauerhaft (Hangartner et al. 2019, doi:10.1017/s0003055418000813), die Goldene Morgenröte gewann dort rund zwei Prozentpunkte, gut zwei Fünftel ihres bisherigen Anteils (Dinas et al. 2019, doi:10.1017/pan.2018.48). In Dänemark, wo Geflüchtete quasi zufällig verteilt wurden, stiegen die Stimmen für Anti-Migrationsparteien überall außer in den großen Städten (Dustmann, Vasiljeva & Damm 2019, doi:10.1093/restud/rdy047). In österreichischen Gemeinden mit Asylquartier, aber ohne echte Begegnung, stieg die FPÖ-Neigung (Rudolph & Wagner 2022, doi:10.1111/1475-6765.12455). Im ländlichen Osten Deutschlands änderte die Familie im Ort an der Ablehnung gar nichts, weil sich das Urteil auf das Land richtet, nicht auf den Nachbarn (Schaub, Gereke & Baldassarri 2021, doi:10.1177/0010414020957675). Eine Meta-Analyse der kausalen Studien kommt darum im Mittel auf fast nichts, bei großen Unterschieden zwischen den Orten (Cools, Finseraas & Rogeberg 2021, doi:10.1111/ajps.12613).

Blom hat also recht mit dem Fernsehen und recht mit der Begegnung. Sein eigenes Wiener Beispiel zeigt die Grenze: Die Juden der Leopoldstadt wohnten nebenan und hatten ein Gesicht, und es half ihnen nichts. Nähe allein schützt nicht. Was schützt, ist die kleine, dauerhafte Begegnung auf Augenhöhe, eine Familie, die bleibt und deren Kinder man kennt, und dafür lässt sich etwas tun: klein unterbringen, auf Dauer, kommunal getragen.

→ Weiter im Panorama: Warum im Osten doppelt so viel?, mit Hochschild, Oetting, Staiy und Tekkal.

Gewöhnen sich Menschen an das Verordnete?

Auf die Frage, ob er an eine Revolution von oben glaube, antwortet Blom mit dem Rauchverbot, mit Paris und der Mariahilfer Straße 44:15: erst das Geschrei, dann die Gewöhnung, dann will niemand zurück. Das ist messbar, und der beste Fall ist eine Stadt, die er nicht nennt. Die Stockholmer City-Maut wurde vor ihrem Start 2006 immer unbeliebter, kurz vorher wollten nur noch 36 Prozent zustimmen. Während der Probephase waren es 52, im Referendum im September 53, ein Jahr später 66, nach drei Jahren über 70 (Börjesson et al. 2012, doi:10.1016/j.tranpol.2011.11.001, Fallstudie mit Umfragereihen). Das Merkwürdige steht in einer Folgestudie: Drei Viertel der Leute bemerkten gar nicht, dass sie selbst weniger fuhren, und Eigeninteresse erklärt nur einen kleinen Teil des Meinungswandels (Eliasson 2014, doi:10.1016/j.tra.2014.06.007). Vorher urteilten sie nach den befürchteten Kosten, nachher nach dem erlebten Nutzen, freien Straßen, besserer Luft (Schuitema, Steg & Forward 2010, doi:10.1016/j.tra.2009.11.005). Die CO₂-Steuer von British Columbia ging denselben Weg, anfangs mehrheitlich abgelehnt, drei Jahre später mehrheitlich getragen (Murray & Rivers 2015, doi:10.1016/j.enpol.2015.08.011).

Beim Rauchen ist der Befund noch klarer. In Irland stieg nach dem Verbot von 2004 die Zustimmung unter Rauchern zum Pub-Verbot von 13 auf 46 Prozent (Fong et al. 2006, doi:10.1136/tc.2005.013649, Kohorte mit Kontrollland). Das Wirtesterben blieb aus: Ein Review von 97 Studien fand, dass alle, die einen Schaden für die Gastronomie meldeten, von der Tabakindustrie bezahlt waren (Scollo et al. 2003, doi:10.1136/tc.12.1.13), für Deutschland zeigt sich kein messbarer Umsatzeffekt (Ahlfeldt & Maennig 2010, doi:10.1515/jbnst-2010-0502). Und es gilt eine Bedingung: Die Gewöhnung braucht Konsequenz. In Frankreich mit einem umfassenden Verbot stieg die Zustimmung deutlich, in Deutschland und den Niederlanden mit löchrigen Regeln kaum (Mons et al. 2012, doi:10.1093/eurpub/ckr202).

Nur passen Bloms eigene Beispiele schlechter zu seiner „Revolution von oben“, als er meint. In Österreich war die Bevölkerung schon vor dem Verbot mehrheitlich dafür, 70 Prozent im Januar 2018, sogar knapp die Hälfte der regelmäßigen Raucher (science.ORF). Das Geschrei kam von Wirten und von der Regierung aus ÖVP und FPÖ, die das Gesetz kippte. In Deutschland stieg die Zustimmung zu rauchfreien Gaststätten schon zwischen 2005 und 2007, bevor die Landesgesetze kamen (DKFZ 2010). Die Mariahilfer Straße wurde 2013 erst ohne Umbau zur Fußgängerzone, dann stimmten die Anrainer ab, 53,2 Prozent dafür, die Geschäftsleute mehrheitlich dagegen (nachrichten.at). Zum Zehnjährigen 2025 meldete der ORF, die Kritik sei „verstummt“ (wien.ORF). Das ist derselbe Ablauf wie in Stockholm: probieren, abstimmen, bleiben. Zwischen „von oben“ und „von unten“ liegt ein dritter Weg, und auf dem kamen Bloms Erfolge zustande. Paris ging ähnlich vor, mit Bürgerabstimmungen über SUV-Parkgebühren und verkehrsberuhigte Straßen, allerdings bei sehr geringer Beteiligung (Le Monde). Im März 2026 gewann Hidalgos früherer Stellvertreter Emmanuel Grégoire die Nachfolge mit 50,5 Prozent (France24).

Und manchmal kommt der Backlash vor der Gewöhnung. Göteborg führte 2013 eine Maut ein, die Einstellungen wurden danach sogar freundlicher, und trotzdem stimmten die Bürger mit eigener Erfahrung dagegen. Den Ausschlag gaben Werte, die Verwendung des Geldes und die Frage, ob das Verfahren als legitim galt (Hansla et al. 2017, doi:10.1016/j.tranpol.2016.10.003). In Frankreich überschätzten die Menschen nach den Gelbwesten ihre Verluste durch die CO₂-Steuer und verwarfen Informationen, die sie hätten beruhigen können (Douenne & Fabre 2022, doi:10.1257/pol.20200092). Windräder kosteten die Regierungspartei in Ontario vier bis zehn Prozent, noch drei Kilometer entfernt, weil der Nutzen sich verteilt und die Last an einem Ort sitzt (Stokes 2016, doi:10.1111/ajps.12220). Das Heizungsgesetz von 2023 wurde entschärft, bevor irgendjemand es erleben konnte. Was Gewöhnung vom Backlash trennt, lässt sich aus diesen Fällen ziemlich genau sagen: Der Nutzen muss schnell sichtbar werden, die befürchteten Kosten müssen ausbleiben, die Last darf nicht an einem Ort oder einer Gruppe hängen, das Geld muss sichtbar zurückfließen, und eine Probephase hilft (Carattini, Carvalho & Fankhauser 2018, doi:10.1002/wcc.531, Review). Vor allem darf niemand die Deutung besetzen, bevor die Erfahrung da ist.

Damit trägt Bloms Satz „Menschen lernen nicht durch kluge Argumente, sondern nur durch Erfahrungen“ weiter, als er ihn selbst trägt, und zugleich weniger weit. Erfahrung schlägt Argument, das zeigt Stockholm. Aber ein Wort wie „Heizungshammer“ schlägt beide, wenn es früher kommt. Der Moderator hatte die richtige Frage gestellt, wer den Mut hat. Die Forschung antwortet: wer die Zeit bis zur Erfahrung überbrückt, mit einer Probe, einem Rückweg und einem Termin, der nicht kurz vor der Wahl liegt.

→ Weiter im Panorama: Gründlich oder schnell?, mit Truger, Göpel, Mau und dem Heizungshammer.

Zersetzt Überreichtum die Demokratie?

Blom legt zwei Dinge nebeneinander, die er für gleich gefährlich hält, die sozialen Medien und den Überreichtum, „und leider hängen die beiden auch noch zusammen“ 53:21. Seine Frage lautet, wo das Prinzip ein Mensch, eine Stimme geblieben sei, wenn wenige über Spenden, Stiftungen und Medien so viel mehr Gewicht haben. Die Forschung dazu beginnt in den USA mit einem Paukenschlag. Über 1.779 Politikfragen hinweg hatten Wirtschaftseliten und organisierte Unternehmensinteressen deutlichen eigenen Einfluss, Durchschnittsbürger „little or no independent influence“ (Gilens & Page 2014, doi:10.1017/S1537592714001595). Die Studie wurde sofort angegriffen. Meistens wollen Mitte und Reiche dasselbe, und dann bekommt die Mitte ihre Politik, ob sie Einfluss hat oder nicht (Enns 2015, doi:10.1017/S1537592715002315); wo sie auseinandergehen, gewinnen die Reichen öfter, aber nicht immer (Branham, Soroka & Wlezien 2017, doi:10.1002/polq.12577). Dass die Superreichen politisch sehr aktiv sind und bei Steuern und Sozialstaat deutlich anders denken als die Bevölkerung, zeigt eine kleine Pilotstudie unter dem obersten Prozent in Chicago (Page, Bartels & Seawright 2013, doi:10.1017/S153759271200360X).

Für Europa ist der Befund leiser, aber stabil. In Deutschland neigten die Entscheidungen des Bundestags zwischen 1980 und 2013 bei 746 Reformfragen den Wünschen der oberen Berufs- und Bildungsgruppen zu, gleich welche Koalition regierte (Elsässer, Hense & Schäfer 2021, doi:10.1080/13501763.2020.1801804). Der Titel der Studie ist die eigentliche Pointe: Not just money. Die Schieflage entsteht auch dort, wo wenig Geld im Spiel ist, weil im Parlament vor allem Akademiker sitzen. In den Niederlanden erklärt eher die höhere Beteiligung der Wohlhabenden den Abstand (Schakel 2021, doi:10.1093/ser/mwz018). Über dreißig europäische Länder und fast vierzig Jahre werden Vorschläge, die die Reichen wollen, häufiger umgesetzt als solche, die die Armen wollen, die Autoren nennen es im Titel einen „slight edge“, einen knappen Vorsprung (Persson & Sundell 2024, doi:10.1017/s0007123423000066). Bloms „Wo ist ein Mensch, eine Stimme geblieben?“ ist für Europa darum zu groß. Die Stimme gilt noch, sie wiegt nur ungleich, und das Gewicht kommt mindestens so sehr aus dem Hörsaal wie aus dem Tresor.

Beim Zusammenhang von Geld und Öffentlichkeit hat er dagegen die Daten auf seiner Seite. Als die Sinclair-Gruppe in den USA Lokalsender kaufte, rückte deren Berichterstattung messbar nach rechts, obwohl die Zuschauer das nicht verlangten (Martin & McCrain 2019, doi:10.1017/S0003055418000965). Auf X verschob der Algorithmus-Feed in einem Feldexperiment mit rund 6.000 Nutzern im Sommer 2023 die Themenwahl und die Haltung zu den Ermittlungen gegen Trump nach rechts, und die Wirkung blieb über die neuen Follows bestehen (Gauthier et al. 2026, Nature, doi:10.1038/s41586-026-10098-2, randomisiert). Die Schlagseite des Feeds gab es allerdings schon vor Musk (Huszár et al. 2022, doi:10.1073/pnas.2025334119). Musk selbst gab im Wahljahr 2024 mehr als 290 Millionen Dollar aus (CNN). In Deutschland flossen 2024/25 rund 42 Millionen Euro an Großspenden an Parteien, sieben davon über eine Million, und einen Spendendeckel, wie ihn 19 der 27 EU-Staaten haben, gibt es nicht (LobbyControl). Bloms Österreich hat ihn seit 2019, 7.500 Euro pro Spender und Jahr (Parlament). Dass Geld allein keine Wahlen kauft, zeigte 2025 die FDP, die viel einnahm und an der Fünfprozenthürde scheiterte.

Bleiben die 100 Millionen. Die Philosophin Ingrid Robeyns begründet eine Obergrenze für Vermögen mit genau Bloms Argument, der Demokratie, nicht mit Neid oder Moral (Robeyns 2022, doi:10.1111/jopp.12275). Ihre politische Grenze liegt bei zehn Millionen, Bloms Zahl ist das Zehnfache. In den Niederlanden ziehen Befragte eine „Reichtumslinie“ schon zwischen einer und drei Millionen, lehnen eine staatlich erzwungene Obergrenze aber mehrheitlich ab und befürworten eine höhere Besteuerung (Robeyns et al. 2021, doi:10.1007/s11205-020-02552-z). Kritiker halten dagegen, das Demokratie-Argument begründe keinen Vorrang der Obergrenze vor anderer Umverteilung (Halldenius 2022, doi:10.1007/s10677-022-10337-1). Bloms Schwelle ist exakt die der Zucman-Steuer, zwei Prozent jährlich auf Vermögen ab 100 Millionen. Die französische Nationalversammlung beschloss sie im Februar 2025, der Senat lehnte sie ab, im Haushalt 2026 fiel sie mit 228 zu 172 Stimmen (nosparlementaires.fr). Das Hauptargument dagegen ist die Flucht. In der Schweiz führt ein Prozentpunkt weniger Vermögensteuer nach sechs Jahren zu mindestens 43 Prozent mehr deklariertem Vermögen, zu einem Viertel durch Umzüge, zum größeren Teil wohl durch Hinterziehung (Brülhart et al. 2022, doi:10.1257/pol.20200258). Norwegen dagegen erhöhte 2022 die Vermögensteuer, der angekündigte Exodus blieb bei unter hundert Personen, fast alle aus dem obersten Promille, und die Einnahmen stiegen trotzdem (Ring 2026, doi:10.2139/ssrn.7534880, Preprint). Ob eine solche Steuer trägt, hängt an der Ausgestaltung und an der Durchsetzung, weniger an der Idee (Scheuer & Slemrod 2021, doi:10.1257/jep.35.1.207, Review).

Blom trägt also beim Befund und beim Zusammenhang, den er am Ende zieht: Wer Plattformen und Sender besitzt, verschiebt, was viele sehen. Er überzieht beim Ausmaß, weil in Europa die ungleiche Stimme weniger am Geld hängt als an der sozialen Zusammensetzung der Parlamente. Und die 100 Millionen bleiben eine Setzung. Sie liegen, ob er das weiß oder nicht, genau dort, wo Frankreich gerade gescheitert ist.

→ Weiter im Panorama: Wiegt jede Stimme gleich?, mit Linartas, Kühnert, Laschyk, Osnos, Ibrahim und Deißner als Gegenstimme.


Faktencheck

Geprüft gegen das Transkript, Forschung mit DOI und Primärquellen, Stand 30.09.2026. Bloms Erzählung trägt im Kern. Die Fehler betreffen vor allem Zahlen aus dem Gedächtnis und zwei Zuschreibungen. Eine gezielte Verdrehung zu seinen Gunsten war nirgends zu erkennen.

Falsch — „pro Tag 20 Fußballfelder Regenwald“

38:08 Blom liegt um rund das 800-Fache zu niedrig. Laut Global Forest Watch (UMD/WRI, veröffentlicht am 29.04.2026) gingen 2025 weltweit 4,3 Millionen Hektar tropischer Primärwald verloren. Das sind elf Fußballfelder pro Minute, gut 15.000 am Tag. Im Rekordjahr 2024 (6,7 Mio. ha) waren es 18 pro Minute, wahrscheinlich meinte er „pro Minute“. Ein Motiv gibt es nicht, die falsche Zahl schwächt sein eigenes Argument. Auch die Länder stimmen nur teilweise: 2025 lagen Brasilien und Bolivien vorn, Indonesien hat den Verlust weitgehend unter Kontrolle. Quelle: WRI — Tropical Rainforest Loss Drops 36% in 2025

Falsch — Voucher-Privatisierung „von der Duma“ bzw. „von Gorbatschow“ beschlossen

25:51 Der Moderator nennt die Duma, Blom ergänzt Gorbatschow, und beide bleiben dabei. Beides stimmt nicht. Die Rechtsgrundlage war das Privatisierungsgesetz des Obersten Sowjets der RSFSR vom 3. Juli 1991, umgesetzt per Dekret von Präsident Jelzin (14. August 1992, Vouchers ab 1. Oktober 1992) nach dem Programm von Anatoli Tschubais. Die Duma gab es erst ab Dezember 1993, Gorbatschows Amt nur bis Dezember 1991. Richtig ist, dass jeder Bürger einen Voucher über 10.000 Rubel bekam und viele ihn schnell und billig verkauften. Die großen Oligarchenvermögen entstanden aber vor allem 1995/96 durch die Pfandauktionen („loans for shares“), wieder per Dekret. Die Rahmung des Moderators, der Übergang sei „selbst gemacht“ und „nicht von westlichen Consultants“, lässt aus, dass das Harvard Institute for International Development mit USAID-Geld direkt in Tschubais' Behörde beriet; Harvard zahlte später wegen der Interessenkonflikte seiner Berater einen Vergleich. Beide Gesprächspartner vereinfachen, jeder in die Richtung seines Arguments. Quelle: Voucher Privatization in Russia (ETH Zürich, PDF) · NPR Planet Money — How shock therapy created Russian oligarchs · Harvard Institute for International Development

Vereinfacht — Wiens jüdische Bevölkerung 1867–1918

19:48 „Etwas mehr als 2000 Juden“ 1867 stimmt nicht. Die Volkszählung von 1857 zählte 2.617 (andere Quellen nennen für dasselbe Jahr 6.217), 1869 waren es schon 40.277 (6,6 %), 1880 rund 73.000, 1910 rund 175.000, 1923 der Höchststand mit 201.513 (10,8 %). Endniveau und „10 %“ stimmen, das Hundertfache in zwei Generationen gab es aber nicht: Ein Teil des Wachstums lag vor 1867. Die Bildungsanteile untertreibt Blom eher. Nach Steven Beller stellten jüdische Schüler in den oberen Gymnasialklassen mindestens 30 % (in den Innenbezirken fast 40 %), an der Universität Wien in den 1880ern ein Drittel, in der Medizin 1890 fast die Hälfte. Quelle: History of the Jews in Vienna (Zensusreihe) · ANU Museum — Education in Vienna (nach Beller) · Rezension zu Beller, Vienna and the Jews 1867–1938, doi:10.1017/s0364009400003275

Vereinfacht — „Leopold II. hat 10 Millionen Menschen ermordet“

29:42 Die 10 Millionen gehen auf Vansina und Hochschild zurück: Die Bevölkerung soll zwischen etwa 1880 und 1920/24 um die Hälfte geschrumpft sein. Das ist eine nachträgliche demografische Schätzung, keine Zählung von Toten. Der Zeitraum reicht über Leopolds Herrschaft (1885–1908) hinaus, die Ausgangsbevölkerung ist unsicher, Vansina hat seine Zahl selbst revidiert. Die Ursachen hingen zusammen: Gewalt der Force Publique, Hunger durch Zwangsarbeit, eingebrochene Geburtenraten unter dem Geiselsystem, Seuchen wie die Schlafkrankheit. Das Massenverbrechen mit Millionen Toten ist gut belegt, „ermordet“ macht aus einer unsicheren Übersterblichkeit eine genaue Mordzahl. Quelle: Roes (2010), Towards a History of Mass Violence in the État Indépendant du Congo, South African Historical Journal (Forschungsüberblick), doi:10.1080/02582473.2010.519937

Vereinfacht — „Die Sowjetunion ist letztlich am billigen Ölpreis zusammengebrochen“

26:36 Die These kommt vom Moderator, Blom stimmt zu. Der Ölpreisverfall von 1986 traf die Sowjetunion schwer, Jegor Gaidar erzählt den Zusammenbruch als Geschichte von „Getreide und Öl“: Mit den Öldevisen wurden die Getreideimporte bezahlt. Andere Arbeiten halten den Ölschock für zweitrangig, er habe den Spielraum der Führung verengt, den Einbruch aber nicht allein verursacht. Die Forschung erklärt den Zusammenbruch mit mehreren Ursachen: ineffiziente Planwirtschaft, halbe Reformen, Nationalitätenfrage, Afghanistan, Legitimitätsverlust der Partei. Quelle: Gaidar, The Soviet Collapse: Grain and Oil (AEI 2007) · Did an Oil Shock Cause the Collapse of the Soviet Economy?

Vereinfacht — Seit Mitte der 80er verdienen Normalverdiener „nicht mehr als früher, eher weniger“

51:51 Für Österreich trifft es bei den Jahreseinkommen weitgehend zu: Laut Einkommensbericht des Rechnungshofs lag das mittlere Bruttojahreseinkommen 2023 real leicht unter 1998, das unterste Zehntel bei 78 % des damaligen Niveaus, während das oberste Zehntel nominal um 82 % zulegte. Ein Teil davon ist gewachsene Teilzeit, die Stundenlöhne entwickelten sich besser. Über die OECD hinweg sind die mittleren Reallöhne seit Mitte der 1990er meist gestiegen, nur langsamer als die Produktivität; in Deutschland und den USA liegen sie heute moderat über den 1980ern. Den Kern trifft Blom, die Abkopplung vom Wachstum und die explodierten Spitzenvermögen. „Eher weniger“ gilt für die unteren Einkommen. Quelle: ORF — Reallöhne kamen in 25 Jahren nicht vom Fleck · Rechnungshof — Allgemeiner Einkommensbericht 2024 · Schwellnus, Kappeler & Pionnier (2017), Decoupling of wages from productivity, OECD, doi:10.1787/d4764493-en

Vereinfacht — Österreich: „mehr Menschen am Land als in der Stadt“, „weniger industrialisiert“

12:58 Nach der Urbanisierungsgrad-Methode (Statistik Austria/Eurostat) leben je rund 31 % in dicht und mitteldicht besiedelten Gemeinden und rund 38 % im ländlichen Raum: die größte Gruppe, keine Mehrheit. Österreich ist deutlich ländlicher als der EU-Schnitt (24,5 %), eine „große Ausnahme“ aber nicht (Irland, Slowenien, Litauen, Rumänien, Lettland liegen darüber). „Weniger industrialisiert“ hält nicht: Die Sachgütererzeugung liegt mit rund 18 % der Bruttowertschöpfung über dem EU-Schnitt von 15,9 %. Ein Nebensatz ohne Nutzen für Bloms Argument. Quelle: Austrian Democracy Lab — Stadt und Land und alles dazwischen · Eurostat — Urban-rural Europe · Destatis — Industrieanteil, EU-Vergleich

Vereinfacht — Carney „auf der Sicherheitskonferenz in Jerewan“

56:23 Blom legt zwei Reden zusammen. „We are in the midst of a rupture, not a transition“ sagte Carney am 20. Januar 2026 in Davos, dort auch „if we're not at the table, we're on the menu“, die Formel, die Blom bei 50:21 ohne Quelle benutzt. Den Satz über Europa sagte er am 4. Mai 2026 in Jerewan beim 8. Gipfel der Europäischen Politischen Gemeinschaft, als erster nicht-europäischer Regierungschef: „The international order will be rebuilt, but it will be rebuilt out of Europe.“ Die Inhalte stimmen, Ort und Anlass sind vermischt. Quelle: PM Canada — Davos-Rede, 20.01.2026 · ABC News — World order could be „rebuilt out of Europe“

Vereinfacht — Zitate: Gramsci, Thatcher, Böckenförde

Gramsci 30:28: Von Monstern ist in den Gefängnisheften keine Rede. Im Original heißt es „il vecchio muore e il nuovo non può nascere: in questo interregno si verificano i fenomeni morbosi più svariati“, die verschiedensten Krankheitserscheinungen. Die „Zeit der Monster“ ist die populäre Fassung, die auf Slavoj Žižek (2010) zurückgeht. Thatcher 25:05: „There is no such thing as society“ stammt aus einem Interview mit Woman's Own (September 1987) und richtete sich gegen die Erwartung an den Staat („There are individual men and women and there are families“), vom Markt sprach sie dort nicht. „Außerhalb des Marktes keine Gesellschaft“ ist eine verbreitete, zugespitzte Lesart. Böckenförde 67:07: Der Wortlaut ist fast exakt, er stammt aus einem Vortrag von 1964, gedruckt 1967. Verfassungsrichter war Böckenförde erst 1983–1996. „Schrecklich konservativ“ ist eine eigenwillige Etikettierung für einen Katholiken, der seit 1967 SPD-Mitglied war und von der SPD ans Bundesverfassungsgericht geschickt wurde. Quelle: Guardian-Analyse via inkl — What did Gramsci actually say? · Margaret Thatcher Foundation — Interview Woman's Own · Böckenförde-Diktum

Vereinfacht — Europa: Parteien „in allen Ländern ins Bodenlose“, EU ohne direkte Wahlen, der längste Frieden

Parteien 51:06: Der Trend ist belegt. ÖVP und SPÖ fielen zusammen von über 90 % in den 1970ern auf rund 47 % (2024), Union und SPD auf rund 45 % (2025), in Frankreich brachen PS und LR 2017 ein, die Sozialdemokratie verlor über hundert Jahre in 31 Ländern deutlich. „In allen Ländern“ ist aber pauschal: PSOE und PP halten zusammen rund zwei Drittel, Labour gewann 2024. Die Forschung stützt auch Bloms Nebenthese 32:47, dass der Zug der linken Parteien in die Mitte mit ihrem Niedergang zusammenhängt. EU 49:34: Das Europäische Parlament wird seit 1979 direkt gewählt und ist seit Lissabon in den meisten Politikfeldern gleichberechtigter Gesetzgeber. Direkt gewählt wird keine Regierung. Die Verkürzung stützt Bloms Plädoyer für einen föderalen Staat. Frieden 64:05: Für West- und Mitteleuropa stimmt es, achtzig Jahre ohne zwischenstaatlichen Krieg sind einmalig, die längste frühere Phase war 1871–1914. Die Jugoslawienkriege „postsowjetisch“ zu nennen, passt nicht, und Russlands Krieg gegen die Ukraine ist ebenfalls Europa. Quelle: Benedetto, Hix & Mastrorocco (2020), The Rise and Fall of Social Democracy, 1918–2017, APSR, doi:10.1017/s0003055420000234 · Polacko (2021), West European Politics, doi:10.1080/01402382.2021.1916294

Bestätigt — Osteuropa: „einige Länder haben 20, 30 % ihrer Bevölkerung verloren“

17:31 Lettland hat seit 1990 rund 26–30 % verloren (2,66 → 1,86 Mio.), Litauen mehr als ein Fünftel, Bulgarien rund ein Viertel (Zensus 2021: 6,5 Mio.). Das vom Moderator eingeworfene Sachsen-Anhalt liegt mit etwa −24 % seit 1990 in derselben Größenordnung. Blom nennt beide Ursachen, Geburtendefizit und Abwanderung. Quelle: Hazans, Emigration from Latvia: A Brief History and Driving Forces (Springer 2019) · OSW — Lithuania is losing people

Bestätigt — Sommer 2026: erhebliche Übersterblichkeit, rund 160 Mrd. € Schaden

38:55 Erste Zahlen nennen mindestens 30.000 hitzebedingte Todesfälle über der Erwartung in Europa (Stand 22.08.), spätere Aufstellungen gut 38.000. Die Schadensschätzungen reichen von 113 Mrd. € (Allianz, 30 Länder, 24.09., nach der Aufzeichnung) bis 180 Mrd. € bzw. rund 1 % des EU-BIP (Triodos, 12.08.). Die exakten 160 Mrd. ließen sich keiner Quelle zuordnen, liegen aber in der Spanne. Es sind modellierte Produktionsverluste und Prognosen, keine abgerechneten Schäden. Quelle: Euronews — Scorching summer could cost EU economies €180 billion · Tagesschau — Hitze senkt Europas Wirtschaftsleistung · Phys.org — Europe records over 30,000 excess summer deaths

Bestätigt — ICE: „mehr als 70.000 Menschen in Gefangenenlager gesteckt“

65:35 Als Zahl der gleichzeitig Inhaftierten stimmt die Größenordnung: Höchststand laut TRAC am 24.01.2026 mit 70.766, am 11.07.2026 waren es 65.765, der Guardian schrieb am 12.09.2026 von „mehr als 70.000“. Seit Januar 2025 wurden insgesamt über 400.000 Menschen in ICE-Haft genommen. „Gefangenenlager“ ist Bloms Wertung im Rahmen seiner NS-Analogie, der Befund darunter ist belegt. Quelle: TRAC — Immigration Detention Quick Facts · TRAC — Detention down from early-2026 peak · Guardian, 12.09.2026

Bestätigt — Edgar Morin: in diesem Jahr gestorben, Jude, Résistance, „weder Optimist noch Pessimist“

70:58 Morin starb am 29. Mai 2026 mit 104 Jahren, geboren als Edgar Nahoum in eine sephardisch-jüdische Familie, ab 1942 in der Résistance („Morin“ war sein Deckname). Das Zitat ist sinngemäß belegt: Auf France Inter (06.09.2019) sagte er „Je suis tonique et volontaire, mais ni optimiste ni pessimiste“. „Je suis résolu“ ließ sich wörtlich nicht nachweisen, „entschlossen“ trifft seine Haltung aber genau. Quelle: RTS — Edgar Morin est décédé à 104 ans · France Inter 2019

Bestätigt — Kickl nannte Waldsterben und Ozonloch; beide Probleme wurden politisch eingedämmt

35:50 Das ORF-Sommergespräch mit Simone Stribl lief am 7. September 2026. Kickl sprach von „Panikmache und Alarmismus“, verwies auf Waldsterben und Ozonloch und nannte die Vorstellung eines menschengemachten Klimawandels „Gotteslästerung“. Der saure Regen ging durch Rauchgasentschwefelung und Katalysatoren deutlich zurück, das Montreal-Protokoll von 1987 verdrängte die FCKW. „Dann war das Problem gelöst“ ist etwas glatt: Die Ozonschicht erreicht laut UNEP-Bewertung 2023 die Werte von 1980 erst etwa 2040 bis 2066. Kickls Beispiele zeigen das Präventionsparadox, die Probleme blieben klein, weil gehandelt wurde. Quelle: Heute.at — „Gotteslästerung“: Kickl im ORF · ORF ON — Sommergespräch mit Herbert Kickl · UNEP — Ozone layer recovery on track · Fowler et al. (2020), A chronology of global air quality, Phil. Trans. R. Soc. A, doi:10.1098/rsta.2019.0314

Bestätigt — Rauchverbot, Mariahilfer Straße, Hidalgo

44:15 Das allgemeine Rauchverbot in der österreichischen Gastronomie gilt seit 1. November 2019, nachdem die ÖVP-FPÖ-Regierung das für 2018 geplante Verbot gekippt hatte; Deutschland war mit den Landesgesetzen 2007/08 früher. Die ITC-Umfragen in Irland und mehreren EU-Ländern zeigen, dass die Zustimmung nach Einführung umfassender Verbote steigt, auch unter Rauchenden. Hidalgo wurde 2020 wiedergewählt, die Umgestaltung der Mariahilfer Straße bestätigten die Anrainer 2014 mit knapp 53 %. Wie weit diese Gewöhnung trägt, prüft die Nachbesprechung. Quelle: Mons et al. (2012), Comprehensive smoke-free policies attract more support from smokers in Europe than partial policies, Eur. J. Public Health, doi:10.1093/eurpub/ckr202 · Fong et al. (2006), Tobacco Control, doi:10.1136/tc.2005.013649 · Mariahilfer Straße

Bestätigt — Kleineres: Lueger-Denkmal, Flachbildfernseher, deutsches Modell, Buch

Lueger 11:26: Klemens Wihlidals „Schieflage (Karl Lueger 3,5°)“ wurde ab Januar 2026 umgesetzt und im Juni fertiggestellt, das Denkmal steht tatsächlich schief. Flachbildfernseher 16:45: Der US-Preisindex für Fernseher fiel seit 2000 um rund 97–98 %, qualitätsbereinigt. Deutsches Modell 34:18: Sicherheit aus den USA, Gas aus Russland, Absatzmarkt China, alle drei Säulen sind erodiert. „Die Autoindustrie bricht zusammen“ ist zugespitzt, mit Grundlage: Die Beschäftigung liegt auf dem tiefsten Stand seit 2005 (691.500), seit 2019 fiel fast jede sechste Stelle weg. Buch 27:23: Die strauchelnde Welt. Eine Globalgeschichte 2001–2014, Hanser, 400 Seiten, erschienen am 15.09.2026, beginnt mit dem Mord an Laurent-Désiré Kabila (16. Januar 2001). Das Hörbuch (Argon) liest Alexander Gamnitzer. Quelle: Stadt Wien — Vom Lueger-Denkmal zum Mahnmal · BLS — Long-term price trends for TVs · heise/Destatis — Autoindustrie verliert 42.300 Stellen · Hanser — Die strauchelnde Welt


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung:

  • Philipp Blom: Die strauchelnde Welt (Hanser, 2026) — das Buch zum Gespräch, Globalgeschichte 2001–2014 → genialokal
  • DER STANDARD — Thema des Tages — der Nachrichtenpodcast, in dem das Gespräch lief

Im Gespräch erwähnt:

Aus dem Faktencheck (Sherlock):


Verbindungen

→ Harald Welzer — Tötungsarbeit

Bloms Kette der Unterschriften ist Welzers Tötungsarbeit im Büroformat: Jeder Beteiligte kann sich seinen Anteil zurechtlegen — „ich habe ja nur den Lastwagen gefahren“.

→ Philipp Blom — Die Unterwerfung

Das Gespräch von 2023 bei Jung & Naiv ist der Vorläufer, und neben ihm sieht man, wohin Blom sich bewegt hat. Beim Satz über Social Media und Demokratie wird aus „ich weiß echt nicht“ ein Nein. Aus dem „neuen Adel“ wird eine Grenze, 100 Millionen pro Kopf. Das Böckenförde-Diktum bekommt ein Bild, Schach gegen die Pistole. Die Kohle-Öl-Mechanik, mit der er dort die Entkopplung der Löhne erklärt, setzt er hier bei der Entwürdigung der Arbeiterklasse an. Bürgerräte und die Frist des „Nie wieder“ sind dort in der Nachbesprechung schon durchgearbeitet.

→ Pankaj Mishra — Zeitalter des Zorns

Mishra liest die Zeit vor 1914 als Blaupause der globalen Gegenwart, Blom sagt: „Wir sind die Weiterführung derselben Geschichte.“ Beide erklären das Ressentiment aus der Moderne selbst, aus Menschen, die ihr Versprechen sehen und nicht eingelöst bekommen, und Mishras entfremdeter junger Mann steht neben Bloms Männlichkeitskrise vom Schnurrbart bis zum Incel. Zugleich ist Mishra der Prüfstein für Bloms Vorsatz, Europa aus der Mitte zu rücken: Er erzählt dieselbe Geschichte von Indien aus, und ein 1989 mit mehreren Ausgängen wäre bei ihm der Normalfall.

→ Arlie Hochschild — Stolen Pride: Scham, Verlust und der Aufstieg der Rechten

Hochschilds Weg vom Verlust zur Scham und Bloms „Entwürdigung“ beschreiben denselben Befund: Materiell geht es besser, verloren ist das Selbstverständnis. Auseinander gehen sie bei der Frage, wohin die Wut geht. Bei Hochschild dreht Trump die Scham nach außen. Blom erklärt, warum sie beim Nachbarn landet: Die Verursacher sind gesichtslos und „höfliche und reizende Menschen“, die syrische Familie im Ort hat ein Gesicht. Zusammen ergeben beide Notes den Weg vom Gefühl zur falschen Adresse.

→ Götz Aly — Wie konnte das geschehen?

Zweimal Schuhmacher, zwei Erklärungen für denselben Antisemitismus. Bei Blom sieht der Schuster im jüdischen Prokuristen der Fabrik die Moderne, die ihn überflüssig macht, also Angst vor dem Abstieg. Bei Aly treffen die Söhne von Schumachermeistern im Hörsaal auf jüdische Kommilitonen, also Neid beim Aufstieg. Beide stützen sich auf dieselbe Überrepräsentation in Bildung und freien Berufen, und je nach Lesart braucht es ein anderes Gegenmittel.

→ Ivan Krastev — Wie zukunftsfähig ist Europa?

Krastev liefert die Tiefe zu Bloms knappster Passage, dem demografischen Kollaps Osteuropas: die Bäuerin, der die EU „Enkel und Arzt genommen“ hat, Demografie als Lähmung ohne bekanntes Gegenmittel. Beide enden bei derselben Haltung aus verschiedenen Quellen, Havels Hoffnung ohne Optimismus und Morins „entschlossen“. Beim Entwurf für Europa trennen sie sich. Krastev beschreibt ein reaktives Verteidigungsprojekt mit nationalen Albträumen, Blom verlangt den föderalen Staat.

→ Herfried Münkler — Europas Platz in der neuen Weltordnung

Beide fragen, ob Europa am Tisch sitzt oder auf der Speisekarte steht, und beide greifen zum Schach. Bei Münkler wird Schnellschach gespielt, und wer 27 Vetos hat, kommt nicht zum Zug. Bei Blom sitzt der Gegner mit der Pistole am Brett. Aus derselben Diagnose ziehen sie entgegengesetzte Schlüsse: Münkler will Handlungsfähigkeit durch eine Führungsgruppe der Großen, Blom durch mehr Demokratie, eine direkt gewählte Regierung und geloste Räte.

→ Hannah Arendt — Die Banalität des Bösen

Bloms Schlusspassage überträgt Arendts „Herrschaft des Niemand“ auf die Gegenwart. Hinter jeder ICE-Festnahme steht eine Kette von Unterschriften, „alles keine fanatischen Sadisten“. Blom verschiebt dabei den Akzent. Bei ihm scheitert die Verweigerung am Preis, an Job und Hypothek, und weniger an der Gedankenlosigkeit. Das ist eine ökonomische Lesart von Arendts Befund und eine offene Frage an sie.

→ Edgar Morin — Das komplexe Denken

Blom beendet das Gespräch mit Morin, der im Mai 2026 gestorben ist. Die Verwandtschaft reicht weiter als das Zitat. Lueger als „widerlicher Antisemit“ und zugleich wichtiger Bürgermeister ist ein Stück dialogique, und die Wut der Abgehängten als berechtigt und doch fehlgeleitet zu sehen, entspricht Morins Einspruch gegen die Verachtung der Massen. „Weder Optimist noch Pessimist, entschlossen“ ist Morins Optimismus des Unwahrscheinlichen in nüchterner Fassung.

→ Philipp Blom — DenkerVita

→ Marcant und Eichi — Ausstieg aus der Neonazi-Szene

Ein Fall aus dem ländlichen Osten: Eichi, früher Neonazi, wurde durch seine Mannschaft aus Geflüchteten verändert, und dieselbe Mannschaft hört bei einem Dorfturnier „Geh mal zurück in dein Land“. Der Kontakt wirkte bei dem, der mitspielte, nicht bei denen, die am Rand standen.

→ Michael Moss — Salz, Zucker, Fett

Moss' Wende bei der Zuckersteuer ist ein Testfall für die Gewöhnung ans Verordnete: Er hielt sie erst für regressiv und ist inzwischen „umgeschwenkt", und selbst ein früherer Philip-Morris-Chef riet den Lebensmittelkonzernen, Regeln selbst vorzuschlagen.

→ Jutta Roosen — Wie wirksam sind Zuckersteuer & Co.?

Dänemarks schnell abgeschaffte Fettsteuer und die deutsche Zuckerabgabe 2026/27 sind frische Prüfsteine für die Bedingungen der Gewöhnung. Eine Steuer, die die Ärmeren stärker trifft und deren Geld im allgemeinen Haushalt verschwindet, steht dem Backlash näher als Stockholm.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
  • Blom sagt, Menschen lernen „nicht durch kluge Argumente, sondern nur durch Erfahrungen“. Was heißt das für ein Gespräch wie dieses, und für jede Note in diesem Vault?
  • Die Verursacher der Deindustrialisierung sind „höfliche und reizende Menschen, wenn man sie trifft“. Ist ein Gegner ohne Gesicht ein Glück, weil sich kein Hass an ihm festmacht, oder ein Unglück, weil die Wut sich dann den Nachbarn sucht?
  • Wenn Europa aus fünfhundert Jahren Massaker die Einhegung der Macht gelernt hat: Warum sollte diese Lehre ausgerechnet jetzt halten, wo die letzten, die sie am eigenen Leib gelernt haben, sterben? (→ Philipp Blom — Die Unterwerfung)
  • „100 Millionen sind wahrscheinlich genug pro Nase.“ Wer dürfte diese Grenze ziehen, und wäre eine Demokratie, die sie zieht, noch liberal im Sinne Bloms, der die Macht begrenzen will?
  • Das stärkste Gegenargument: Die Welt war um 2000 für die meisten Menschen außerhalb des Westens nicht liberal, sie wurde es auch nicht, und aus ihrer Sicht „strauchelt“ vor allem die Vorherrschaft des Westens. Wie viel von Bloms Untergangsstimmung ist Weltlage, und wie viel ist Perspektive?

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Im Bestand

Wie handelt eine Demokratie?Wie kann Demokratie…Marcant und EichiAusstieg aus der Neonazi-SzenePhilipp BlomDenkerVitaPhilipp BlomDie UnterwerfungWarum wählen Menschen…Vermögenssteuer gegen Fake…ICE setzt neue Rekordeder leise Vollzug und die vier…USA und ICEEinwanderungsvollzug im Schatten…Tom KrebsWege aus der Krise,…Holy KoolaidAmerikanische Propaganda: 7…Veronika GrimmDer Preis als Signal (Jung &…Ardalan IbrahimDie Partei für LosdemokratieAdam ToozeKrise und demokratische…Dirk von Petersdorff &…Wie wir unsere Leichtigkeit rettenBissenBlaBlaAfD-Behauptungen zur…Christian WalburgMigration, Flucht und KriminalitätRaúl KrauthausenTeilgabe statt TeilhabeDalai LamaDie säkulare EthikOschmann und KowalczukKränkung oder Freiheitsschock

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