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Gedankenraum
Denker·27. September 2026·3:34 h·105 Belegstellen

Philipp Blom — Die Unterwerfung

Ein Satz aus der Bronzezeit regiert noch den Weltmarkt: Philipp Blom über die Idee, der Mensch stehe über der Natur, und warum Siegen dumm macht.

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Albrecht Altdorfer — ein Zedernwald, der das ganze Bild füllt, riesige Stämme, Vorhänge aus dunkelgrünem Nadelwerk, Flechten. Durch das Dach fällt ein Schacht goldenen Lichts auf eine leere Stelle neben einem frisch gefällten Stamm, als wäre dort gerade jemand gegangen. Unten rechts, winzig, ein König aus Uruk mit Bronzeaxt; ein Weg aus gefällten Stämmen führt hinaus zur Stadtmauer. Altdorfer, weil er als Erster den Wald selbst zur Hauptfigur machte und den Menschen darin klein ließ, den Heiligen Georg fast verschluckt vom Laub. Hier ist es umgekehrt: Der Mensch hat gerade gesiegt, und das Licht gehört dem, was er erschlagen hat. Gilgamesch nach dem Waldgeist Humbaba, die erste Entzauberung.

Prompt: Wide panoramic banner painted in the manner of Albrecht Altdorfer's forest landscapes (Danube School, 'Saint George in the Forest', 1510) — oil on panel, a vast ancient cedar forest filling the whole picture, colossal trunks and cascading curtains of feathery dark-green foliage, hanging lichen, a shaft of warm golden light falling through the canopy onto the mossy ground like a presence. No faces anywhere in the trees. In the lower right foreground, tiny against the giants, a single ancient Mesopotamian king with long curled black beard, bare chest and a simple white kilt, holding a bronze axe, standing beside one freshly felled cedar lying on the ground; the pale fresh-cut stump glows. A thin path of cut logs leads out of the forest toward a small distant clay-brick city wall under a pale sky at the far right edge. Rich greens, umber, gold. Northern Renaissance detail, quiet, solemn, no text, no signature.

Worum es geht

Ein Satz aus der Bronzezeit regiert noch den Weltmarkt: Macht euch die Erde untertan. Philipp Blom verfolgt diese Idee vom Zedernwald des Gilgamesch über die Bibel, Augustinus und die Aufklärung bis in die Gleichungen der Ökonomen. Dort heißen saubere Luft und sauberes Wasser „Externalitäten“. Dreieinhalb Stunden bei Tilo Jung, im Oktober 2023, drei Wochen nach dem 7. Oktober: ein Historiker, der inzwischen mehr über die Zukunft schreibt, über Wachstum, einen neuen Adel, die Kulissen der Demokratie und die Frage, ob wir unseren Stoffwechsel ändern können wie die Hefe, die ihren eigenen Kollaps überlebt. Seine Antwort passt in drei Wörter: Wir sind Natur.

Quelle: Philosoph & Historiker Philipp Blom – Jung & Naiv: Folge 670 — Jung & Naiv, Livestream vom 31.10.2023, 3:35 h, mit Zuschauerfragen via Hans Jessen

Wer spricht?

Philipp Blom (1970, Hamburg) — Historiker, Philosoph und Schriftsteller, der Epochenumbrüche erzählt: die Aufklärung, Europa vor 1914, die Kleine Eiszeit, und inzwischen die Gegenwart.

Aufgewachsen in Detmold als Sohn einer Sängerin und eines Dirigenten, auf einer Waldorfschule, die er als eng empfand. Seine Revolte ging nach innen, in die Bücher. Mit sechzehn begriff er, dass er kein Geiger werden würde; die Geige spielt er bis heute. Studium der Philosophie, Geschichte und Judaistik in Wien und Oxford, Promotion 1996 über die Nietzsche-Rezeption und das Rassendenken im Kulturzionismus. Statt Universitätslaufbahn: Verlag, Journalismus für englische und deutsche Zeitungen, Radio (Ö1). Stationen in London und Paris, seit 2007 in Wien, verheiratet mit der neuseeländischen Historikerin Veronica Buckley, die ihn nach eigenem Bekunden erst politisiert hat.

Wichtigste Werke: Der taumelnde Kontinent (2009), Böse Philosophen (2011), Die Welt aus den Angeln (2017), Was auf dem Spiel steht (2017), Die Unterwerfung (2022), Hoffnung (2024), Die strauchelnde Welt (2026) Kernkonzepte: Unterwerfung der Natur, Aufklärung als umetikettierte Theologie, Rauchende-Trümmer-Theorie, neuer Adel, Wir sind Natur

Dieses Gespräch nennt der Losdemokratie-Gründer Ardalan Ibrahim drei Jahre später als einen der Anstöße für seine Parteigründung. Blom war nur dieses eine Mal bei Jung & Naiv.

→ DenkerVita


Der Vierjährige mit der Kalaschnikow

0:49 — Blom stellt sich als Historiker vor, der „fast mehr über die Zukunft als über die Vergangenheit“ schreibt. Geschichte heißt für ihn: die Strukturen der Zeit verstehen, nicht wissen, wer wann auf welchem Thron saß. Deshalb interessiert ihn die Gegenwart. Sie sei der größte Wendepunkt, den Homo sapiens erlebt hat. Als Historiker findet er das „absolut fantastisch“, als Mensch, der mit der eigenen Haut drinsteckt, „ein bisschen weniger“.

Neu sei dabei nicht die menschliche Natur, sondern ihr Hebel:

„Dass Menschen dumm und brutal und gierig sind, das wissen wir schon länger. Aber wir haben heute eine viel größere technologische Reichweite … Das ist ein bisschen, als würde man einem Vierjährigen eine Kalaschnikow geben.“ 2:20

Im Gespräch — 2:20

Das Bild kehrt im Gespräch mehrfach wieder, und es trägt die ganze These. Die Katastrophe kommt nicht aus einer neuen Bosheit. Alte Instinkte haben neue Werkzeuge bekommen. Den Westen der Nachkriegszeit beschreibt er als „Ferien von der Geschichte“ 5:24. Das Böse geschah woanders, in Nicaragua, Vietnam, Afghanistan, und die Europäer hielten ihren Wohlstand für den Lohn ihrer Pünktlichkeit und Ehrlichkeit. Die Zerstörung war nur ausgelagert. Jetzt ist die Geschichte zurück: Die Ukraine beginnt 400 Kilometer von seiner Wiener Haustür.

Für die Klimakrise wählt er ein zweites Bild 10:45: Man fährt mit 180 auf eine Wand aus Glas zu. Wissenschaftler sagen, dass sie da ist, man sieht Blätter daran abprallen, aber die Wand selbst sieht man nicht. Also gibt man weiter Gas. Hochwasser weckt uns sofort. Eine kriechende Krise weckt uns nicht. Dabei, sagt Blom, wäre der nötige Schritt gar nicht so dramatisch: im Westen zurück zum individuellen Energieverbrauch von 1960, mit heutiger Effizienz. „Ich kenne Leute, die 1960 gelebt haben, und die haben nicht in Höhlen gelebt.“ 19:09 Anfangen würde das mit einer CO₂-Steuer von 700 bis 800 Euro pro Tonne. Die Zahl klingt utopisch und entspricht ziemlich genau den Klimaschäden, die das Umweltbundesamt ansetzt. Dann sprängen die Märkte an, „denn darin sind Märkte wirklich gut“.

Eigene Einschätzung

Die Glaswand ist das stärkste Bild des Abends, weil sie das Problem von der Moral in die Wahrnehmung verlegt. Wer nicht bremst, muss dann kein schlechter Mensch sein. Er hat nur keinen Sinn für das, was ihn tötet. Das passt zu Bloms späterer Forderung, die Debatte zu entmoralisieren. Eine Lücke bleibt allerdings. Die 1960er-Rechnung klingt beruhigend, und sie stimmt als Größenordnung. Sie verschweigt aber, wer 1960 wie viel verbrauchte: Der Mittelwert ist freundlicher als die Verteilung. Wer für die Rückkehr zu 1960 wirbt, muss auch sagen, ob der Zahnarzt oder die Pflegekraft den Schritt zurück macht. Blom liefert die Antwort später selbst, mit dem Überreichtum.

Meinungen sind wie Kleider

7:42 — Warum handeln wir nicht, obwohl wir es besser wissen? Tilo Jung wirft ein, wir seien doch rationale Wesen. Blom widerspricht trocken: Wären wir rational, gäbe es keine Werbeindustrie.

„Meinungen sind ein bisschen wie Kleider. Die haben wir nicht an, weil sie wahr sind, sondern weil wir gut aussehen wollen vor unseren Freunden und nicht nass werden wollen.“ 7:42

Im Gespräch — 7:42

Dazu kommen zwei Kränkungen. Erstens ist unsere Normalität aus Zufällen entstanden und kann nicht bleiben. Zweitens hält sich jeder für redlich, lebt aber in einem Lebensmodell, das „im höchsten Maße zerstörerisch“ ist 9:14. Darum schlägt die Klimadebatte sofort in Kränkung um. Man ist Komplize, ob man will oder nicht.

Den Kleider-Satz wendet Blom auch auf sich selbst an, und das macht ihn glaubwürdig. Politisiert habe ihn erst seine Frau, die er in Oxford beim ersten Abendessen kennenlernte, eine Feministin, die „mich einfach fürchterlich auf den Topf gesetzt hat mit meinen Meinungen“ 103:01. Er redete gut, andere waren meist beeindruckt, sie nicht: „Sie hat mich völlig auseinandergenommen, und das fand ich eigentlich super.“ Was er für seine Überzeugungen gehalten hatte, waren Kleider aus dem Milieu seiner Eltern. Sein Rezept dagegen ist handfest: die eigenen Meinungen ab und zu „auf die Veranda nehmen und mit dem großen Tennisschläger hauen und sehen, was davon übrig bleibt“ 107:33. Und weil er keine Kinder hat, die ihn ständig herausfordern, muss er es bewusst tun, sonst altert man „mit den Vorurteilen seiner eigenen Generation“.

Das erklärt auch sein Verhältnis zur Wissenschaft. Er glaubt ihr, obwohl sie nie Wahrheit produziert:

„Wissenschaft macht nützliche Modelle, die uns erlauben, Voraussagen zu treffen und Erklärungen zu machen. Irgendwann stößt das Modell dann an seine Grenzen.“ 15:22

Im Gespräch — 15:22

Newton wird zum Sonderfall Einsteins, Einstein reibt sich an der Quantenphysik. Das Vertrauen in Eliten ist erodiert, und zu diesen Eliten zählen inzwischen auch die Leute im weißen Kittel. Für eine Frage wie das Klima ist das fatal: Wem soll man glauben, wenn nicht dem akkumulierten nützlichen Wissen?

Weitergedacht

Blom sagt, Wissenschaft produziere keine Wahrheit, nur nützliche Modelle. Genau diesen Satz, so räumt er selbst ein, zitieren die, die sich um jede Klimastudie „herumlavieren“. Wie verteidigt man die Vorläufigkeit des Wissens, ohne dem Zweifler das Brecheisen zu reichen?

Siegen macht dumm — Wachstum, Kapital und ein neuer Adel

21:27 — Blom rechnet mit dem, was alle in der Pandemie gelernt haben: exponentielles Wachstum. Drei Prozent im Jahr, „moderat“, verdoppeln eine Wirtschaft in 24 Jahren. Mit ihr verdoppeln sich Ressourcenverbrauch und Schadstoffausstoß. Unendliches Wachstum in einem endlichen System geht nicht, und doch hängen die Sozialstaaten, auf die wir stolz sind, genau daran.

Woher der Wachstumszwang kommt, erzählt er historisch. Europa war nach Rom ein Flickenteppich kleiner Fürstentümer, die einander Land und Untertanen abluchsten. Vor der Kohle war Produktivität Muskelkraft, also brauchte man Menschen, also musste man schneller wachsen als der Nachbar, „denn man wollte ja dem Nachbarn eins auf den Schädel geben“ 23:45. Die mittelalterliche Ökonomie selbst wollte nicht wachsen. Der Schuster gehörte zur Innung, die Form, Material und Preis seiner Schuhe vorschrieb. Sein Ehrgeiz war ein guter Schuh, keine Ladenkette.

Blom hasst den Kapitalismus nicht, „auch wenn das manche Leute enttäuscht“ 27:31. Frauenemanzipation, Minderheitenrechte, die Gleichstellung Homosexueller seien „huckepack geritten auf dem Wirtschaftswunder“. Arme Gesellschaften könnten sich solche Debatten selten leisten. Aber ein Kredit über 100, der mit 110 zurückgezahlt werden muss, baut den Wachstumszwang ins System ein. Und der Kapitalismus ist nicht krisenfest. Er braucht nach dem Boom den Bust, und im Bust „spricht man über menschliche Existenzen“ und über das Bestehen von Demokratien 29:49.

Die Grafik, die ihn „begeistert“ hat, ist die Entkopplung von Produktivität und Löhnen 34:26. Bis etwa 1980 steigen beide gemeinsam, dann wächst die Produktivität weiter und die Löhne kaum noch (Faktencheck: vereinfacht — die Grafik zeigt die USA). Die Schere geht „buchstäblich in die Taschen von Aktionären“. Seine Erklärung ist originell: Kohle band die Industrie an den Ort (das Ruhrgebiet), und das gab Arbeitern Verhandlungsmacht. Öl lässt sich überallhin verschiffen, und mit ihm wandert die Fabrik nach Bangladesch. Das demokratische Versprechen der Nachkriegszeit, deinen Kindern wird es besser gehen, ist gebrochen. Stattdessen:

„Wir haben uns eine neue Aristokratie gebastelt. Wir haben heute wieder einen Adel, der nach anderen Gesetzen lebt, der weniger Steuern zahlt als der Rest, der sich eine Staatsbürgerschaft kaufen kann.“ 37:28

Im Gespräch — 37:28

Das schönste Detail des Abends steht hier. Ein Freund erzählt von einem Mädchen an einer Privatschule, das ein Pony zu Weihnachten bekommt. Der Lehrer wittert einen teachable moment und fragt, ob sie sich vorstellen kann, dass andere Mädchen sich auch ein Pony wünschen. Sie denkt nach und sagt: „Ja, aber ich glaube, die haben sich ihr Pony nicht genug gewünscht.“ 120:35 Für Blom ist das die Leistungsgesellschaft auf dem Niveau einer Zehnjährigen. Mit Piketty erinnert er daran, dass Kapitaleinkommen schneller wächst als Arbeitseinkommen und Erbe darum zur Klassengrenze wird. Ausgerechnet die Liberalen, die einst gegen den Adel antraten, stützen heute den neuen.

Die Tragödie fasst er in einem Satz, der den ganzen Abend überschreibt: „Unsere Tragödie ist im Prinzip, dass Siegen dumm macht.“ 162:37 Der Westen hat Lebenserwartung, Gesundheit und Wohlstand erobert. Jetzt zu sagen, das alles habe einen Haken, fällt dem Sieger am schwersten. Jeder Fehler ließ sich bisher durch Wachstum überspielen.

Eigene Einschätzung

Hier ist Blom am stärksten, weil er zwei Lager zugleich enttäuscht. Die Wachstumskritiker bekommen zu hören, dass Emanzipation auf dem Wohlstand ritt und dass Degrowth nach Putins Überfall wie eine Idylle klingt. Die Marktliberalen bekommen den neuen Adel und das Pony. Beide Seiten stehen ohne Harmoniesoße nebeneinander: Der Kapitalismus hat Freiheiten ermöglicht und frisst zugleich ihren Boden. Offen bleibt, und Blom sagt das selbst, wie man das eine erhält, ohne das andere fortzusetzen. „Ich weiß es ehrlich gesagt nicht“ 32:07 ist in dieser Sendung kein Ausweichen. Hier sitzt einer, der den Befund aushält, ohne ihn mit einer Lösung zuzukleistern.

Die Kulissen der Demokratie

39:49 — Christian Wulff, erinnert Jung, würde sagen: Auch der Milliardär hat nur eine Stimme. Am Sonntag ja, antwortet Blom, aber vorher hatte er Stiftungen, Thinktanks, Parteispenden, „alles wunderbar dokumentiert“. Wer das sieht, fühlt sich um seine Stimme betrogen, und daraus nährt sich das undifferenzierte Misstrauen gegen „die Eliten“.

„Die Kulissen stehen noch von der Demokratie, aber es wird längst ein anderes Stück gespielt.“ 40:35

Im Gespräch — 40:35

Ungarn und die Türkei wählen alle paar Jahre, einigermaßen frei, aber mit gleichgeschalteten Gerichten und Medien in Freundeshand. Mit Hemingway sagt Blom: Große Veränderungen passieren erst ganz langsam und dann ganz schnell. Demokratie im vollen Sinn sei „die absolute Ausnahme“ der Menschheitsgeschichte, praktisch erst hundert Jahre alt, „und die kann auch bald wieder weg sein“ 42:06. Mit dem Böckenförde-Diktum erinnert er daran, dass sie auf Voraussetzungen ruht, die sie nicht selbst garantieren kann: Vertrauen, zivilisiertes Verhalten, ein gemeinsames Das tut man nicht.

Eine dieser Voraussetzungen war, so sieht er es heute, die langweilige Tagesschau seiner Kindheit, eine Viertelprozentrunde nach der anderen. Sie hatte einen Nutzen: Am nächsten Morgen stritten Menschen mit verschiedenen Meinungen über dieselben Fakten 64:54. Social Media liefert 50.000 Faktenlagen, sortiert von Algorithmen, die gelernt haben, dass Wut die Verweildauer verlängert. „Ich weiß echt nicht, ob Social Media und Demokratie miteinander leben können.“

Am beunruhigendsten ist sein Bild vom Vakuum. Wenn eine Meistererzählung zerbricht, etwa die vom ewigen Wachstum, stoßen alle Kräfte in die Lücke: Klimaaktivistinnen „und das sind aber auch Faschisten … und wer gewinnt, das ist noch eine offene Frage“ 61:50. In instabilen Zeiten machen Einzelne den Unterschied, und das kann Greta Thunberg sein oder Donald Trump.

Weitergedacht

Wenn die Tagesschau vor allem deshalb wertvoll war, weil alle sie sahen: Lässt sich ein gemeinsamer Faktenboden überhaupt wiederherstellen, ohne dass er von oben verordnet wirkt, und damit genau das Misstrauen nährt, das er heilen soll?

Rauchende Trümmer und die Suffragetten

55:01 — Blom will die Klimadebatte entmoralisieren. Die Schuldfrage lässt er beiseite, von ein paar „ganz großen Bösewichten“ der fossilen Industrie abgesehen, und beschreibt kühl die Folgen: Was wir tun, verändert physikalische Systeme, in denen wir dann schlechter leben. Das senke die Abwehr. Dahinter steht eine Lerntheorie:

„Ich glaube, wir lernen nicht durch kluge Argumente. Wir lernen durch dissonante Erfahrungen. Wir lernen, wenn das, was wir zu wissen glauben, auf einmal nicht mehr funktioniert.“ 55:01

Im Gespräch — 55:01

Historiker nennen das, sagt er, die „Rauchende-Trümmer-Theorie“ 49:41: Erst vor den Trümmern begreift man die Fehler. Sein Beleg sind die Suffragetten 58:03. Ein Jahrhundert lang informierten die Frauenrechtlerinnen die Männer höflich, dass Frauen gleichwertige Menschen sind, und es brachte nichts. Um 1900 wurden sie lauter: Sie störten Versammlungen, warfen Scheiben ein und griffen Gemälde an, „allerdings nicht mit Erbsensuppe, sondern mit Äxten“. Im Gefängnis traten sie in den Hungerstreik und wurden zwangsernährt. Das Wahlrecht brachte ihnen trotzdem erst der Erste Weltkrieg, als Frauen in Männerberufe mussten und es danach kein Zurück gab.

„Das höfliche Informieren hilft nicht so viel, wenn das System stabil ist. Erst wenn das System instabil wird, dann kann man wirklich was ändern.“ 60:18

Im Gespräch — 60:18

Die Pointe: Die Aktionen der Suffragetten hatten die Argumente vorher in die Zeitungen gebracht. Als die Instabilität kam, lagen sie bereit. Genau das, meint Blom, leisten Letzte Generation und Fridays for Future nach fünfzig Jahren höflicher Club-of-Rome-Information. Sie polarisieren, viele hassen sie, aber man redet darüber.

Eigene Einschätzung

Das ist die vielleicht nützlichste Denkfigur der Sendung, gerade weil sie ernüchtert. Sie erklärt, warum Aufklärung allein so wenig bewirkt, und gibt dem Protest trotzdem einen Sinn: Er sät Argumente für einen Moment, den er selbst nicht herbeiführen kann. Die Schattenseite spricht Blom gleich mit an, und ohne sie wäre die Figur gefährlich. Die Instabilität, auf die die Aktivisten warten, ist dieselbe, auf die Faschisten warten. Wer sich auf die Trümmer verlässt, verlässt sich auf einen Münzwurf.

Macht euch die Erde untertan

136:37 — Wie sind wir hierher gekommen? Jung erwartet 150 Jahre Industrialisierung. Blom geht zurück bis zur ersten aufgeschriebenen Geschichte der Menschheit, dem Gilgamesch-Epos aus Mesopotamien. Der König von Uruk, zu zwei Dritteln Gott und zu einem Drittel Mensch, hat alle besiegt und langweilt sich. Also zieht er in den Zedernwald, erschlägt den Waldgeist Humbaba und fällt die Bäume für Tempeltüren. Im baumarmen Zweistromland war Zedernholz so kostbar wie Gold.

„Wenn er den Waldgeist erschlägt und dann die Bäume fällt, dann entzaubert er den Wald und macht den zur ökonomischen Ressource. Und da haben wir schon einen Teil der Geschichte des Westens.“ 138:55

Im Gespräch — 138:55

Dann stirbt sein Freund, Gilgamesch will den Tod besiegen und scheitert. Am Ende steht er auf der Stadtmauer von Uruk und begreift, dass seine Unsterblichkeit diese Mauer ist. Er behält recht, Archäologen fanden sie. Dass wir das Epos kennen, verdanken wir einem Brand. Die Tontafelbibliothek Assurbanipals im heutigen Mossul wurde beim Untergang des Palastes gebrannt und damit haltbar. Als man sie im 19. Jahrhundert las, war es „fürchterlich peinlich“: Die Sintflut samt Arche stand dort, Jahrhunderte älter als die Bibel 140:28.

Über das babylonische Exil wandert die Herrschaftsidee in die Bibel, schreibt Blom. Dort wird sie zu etwas Neuem, weil sie auf eine animistische Welt trifft. Wer Animist ist, betritt mit jedem Schritt das Gebiet einer anderen Macht. Vor der Seefahrt opfert er Poseidon, vor dem Pflügen gießt er den Geistern Wein aus. Und jetzt kommt ein Buch und sagt:

„Unsinn. Die Erde ist totes Territorium, das ist nur Staub, die will nichts, die sagt nichts, sie hat doch keine Rechte.“ 145:02

Im Gespräch — 145:02

Das sei „eine Art Atombombe“ in die mythologische Welt gewesen: aktiv und passiv, männlich und weiblich, der Bauer pflügt, sät, kauft, verkauft, und die Erde hat keine Handlungsmacht mehr. In der Bronzezeit blieb der Auftrag folgenlos, es fehlte die Technik. Also, so Blom, deutete Augustinus ihn nach innen: Beherrsche deine eigene Natur, das Tierische, das Instinktive. Wer aber einmal fragt, was sonst noch „Erde“ ist, findet Antworten, und zwar tödliche 154:58. Frauen menstruieren und gebären, sie sind der Erde näher und brauchen Beherrschung. Menschen mit dunkler Haut seien näher an den Tieren, das „bewiesen“ im 18. und 19. Jahrhundert Schädelmessungen. Dann kommt die Aufklärung, die alles neu denken will, und findet: Frauen und Afrikaner sind weniger rational. Das Argument wechselt von der Seele zur Vernunft, die Machtstruktur bleibt „exakt dieselbe“.

Eigene Einschätzung

Die These ist groß und in ihrer Wucht verführerisch. Sie hat bekannte Vorläufer, am berühmtesten Lynn Whites Aufsatz The Historical Roots of Our Ecologic Crisis von 1967, der die Umweltkrise ebenfalls auf die jüdisch-christliche Herrschaftsformel zurückführte. Ebenso bekannt ist der Einwand: Rom rodete, China leitete Flüsse um, Naturvölker rotteten Tierarten aus. Blom sagt das selbst 143:30. Er behauptet also nicht, dass nur die Bibel zerstört. Er behauptet, dass sie die Zerstörung mit gutem Gewissen möglich machte, weil sie den Widerstand der Welt für nichtig erklärte. Das ist eine vorsichtigere und haltbarere These. Beweisen lässt sie sich kaum, aber als Denkwerkzeug ist sie scharf.

Die Aufklärung als umetikettierte Theologie

127:27 — Die Aufklärung, über die Blom mehrere Bücher geschrieben hat, verstand sich als radikaler Bruch mit Religion und Aberglauben. Aber fast alle Aufklärer außer Spinoza und Moses Mendelssohn waren christlich erzogen, oft von Jesuiten. Auch wer gegen einen Referenzrahmen kämpft, orientiert sich an ihm.

„Ganz viele der Ideen, die wir heute als aufgeklärte Ideen nehmen, sind eigentlich umetikettierte theologische Ideen.“ 128:59

Im Gespräch — 128:59

Er zählt sie auf: Der Mensch steht über der Natur, in der Bibel wie in der Aufklärung. Aus Naturbeherrschung wird wissenschaftliche Naturbeherrschung. Aus der Heilsgeschichte, die ein Ziel hat und nach oben führt, wird der Fortschritt. Die Seele, um deretwillen man den Körper bekämpft, heißt jetzt Vernunft.

Von dort ist es nicht weit zur Ökonomie. In der neoklassischen Firmengleichung kommen Rohstoffe, Transport, Angestellte, Marketing vor. Biodiversität, sauberes Wasser und saubere Luft heißen „Externalitäten“ 130:32: „Das ist ja sowieso da, umsonst.“ Und der Mensch der Lehrbücher, rational, frei, vollständig informiert, auf den eigenen Vorteil bedacht? „Wenn du mal so jemanden triffst, lauf weg, das ist ein Psychopath.“ 131:17 Das Modell funktioniert in Gleichungen und hat nichts mit menschlichem Leben zu tun, für Blom eine „rein theologische Idee“. Selbst der Markt hat seine Totemtiere, Bulle und Bär, und wenn die Götter verstimmt sind, bringen Demokratien Opfer, um sie zu beruhigen.

In der Publikumsrunde hält Hans Jessen ihm entgegen: War es nicht der Kapitalismus, der die Natur vergewaltigt hat? Blom verweist auf Stalins Plan zur Umgestaltung der Natur und auf Trotzki, nach dem sich Berge und Flüsse nicht einbilden dürften, ewig zu sein 174:04. Beide Systeme wurzeln für ihn in derselben Heilsgeschichte. Marx sei ein messianischer Denker gewesen, das Paradies der Arbeiter und Bauern ein himmlisches Jerusalem mit anderem Namen. Dazu passt seine Erklärung für die Konjunktur der Verschwörungsmythen: Das Bedürfnis zu glauben ist geblieben, nur die Kirche fehlt. Der Verschwörungsmythos macht einen zum Wissenden in einer Welt, die sonst unerklärlich scheint.

Weitergedacht

Wenn Fortschritt umetikettierte Heilsgeschichte ist: Ist dann auch Bloms eigene Hoffnung, wir könnten „unseren Metabolismus ändern“, noch ein Stück dieser Heilsgeschichte, nur mit Hefe statt Erlöser? Und gibt es überhaupt ein Denken über die Zukunft, das ohne Erlösungsfigur auskommt?

Wir sind Natur

145:49 — Die Pointe der Unterwerfungsgeschichte ist versöhnlich. Wir beginnen gerade zu begreifen, sagt Blom, dass die Animisten eine richtige Intuition hatten. Die Seifenoper von Zeus und Hera braucht es dafür nicht mehr, die Sprache der Wissenschaft genügt: Wir leben in Systemen, und alles, was wir tun, verändert sie und uns in ihnen. Das beginnt im eigenen Körper. Mikroben im Darm hat man lange gezüchtet, angeschaut, als uninteressant verworfen. Inzwischen weiß man, dass rund 40 Billionen nichtmenschliche Zellen in und auf unseren etwa 30 Billionen eigenen leben, und dass dieses Mikrobiom an Stimmung, Krankheit und Bewusstsein mitwirkt 147:21. „Wir sind nicht ein rationales, isoliertes Individuum, das in der Welt steht. Wir sind bereits eine Symbiose.“

Den Gegengedanken fand Blom bei Spinoza 148:52. Der wollte nur zeigen, wie vollkommen Gott ist, und kam dabei zu dem Schluss, dass ein vollkommener Gott seine vollkommenen Gesetze nicht ändern kann. Die Naturgesetze sind Gott, beten hat keinen Sinn: Deus sive natura. Damit gibt es nichts außerhalb der Natur, also auch keinen Platz, von dem aus man sie beherrschen könnte.

Für die Frage, ob wir entkommen können, erzählt Blom von einem Gespräch mit der Biologin Renée Schroeder 160:20. Hefe, ein einzelliger Pilz, frisst in einer Zuckerlösung alles auf, vermehrt sich explosionsartig und erstickt an sich selbst. Einige hundert Millionen Jahre Evolution, Platon, Marie Curie und Mozart später tun wir als Art dasselbe, nur mit Wissenschaft, die uns zusieht. Schroeder hatte ihm geantwortet:

„Das ist schon richtig, aber Sie kennen den zweiten Teil der Geschichte noch nicht. Die Hefezellen, die den großen Kollaps überleben, die ändern ihren Metabolismus, um in der neuen chemischen Umgebung bestehen zu können.“ 161:52

Im Gespräch — 161:52

Die Frage an uns lautet also, ob wir unseren wirtschaftlichen und „philosophischen Metabolismus“ ändern können, bevor die Katastrophe eintritt. Blom hält es für möglich. Wo die Grenze verläuft, zeigt er an der Sonne. Solarenergie einzusammeln sei keine Unterwerfung: „Wir tun ja der Sonne keine Gewalt an, wenn ich die Energie, die sie gratis in die Welt raussendet, einsammle.“ 203:56 Musk und Bezos, die den Mars besiedeln wollen, führen dagegen „dieselbe zerstörerische Logik“ weiter, ein Spiel kleiner Jungs auf dem Schulhof. Die Unsterblichkeit durch Hochladen des Bewusstseins lehnt er gelassen ab. Irgendwann komme der Zeitpunkt, „wo niemand mehr über meine Witze lacht“ 167:11.

Am Schluss dreht sich die Geschichte noch einmal um. Mit der künstlichen Intelligenz könnte der Mensch selbst zum Unterworfenen werden: Goethes Zauberlehrling. Schon heute lernen wir, so zu reden und zu gestikulieren, dass Maschinen uns verstehen 167:56. Vielleicht sei kohlenstoffbasiertes Leben nur eine Übergangsform. Gefragt, was er dem Bibelsatz als Slogan entgegensetzen würde, antwortet er mit drei Wörtern:

„Ich glaube ganz einfach: Wir sind Natur. Wenn man das in seinen Konsequenzen durchdenkt, ist da alles drin, was man braucht.“ 203:10

Im Gespräch — 203:10
Eigene Einschätzung

Die Hefe-Geschichte ist das Herz des Buches, und Blom erzählt sie mit der richtigen Mischung aus Demut und Trotz. Die Grenze der Sonnen-Unterscheidung sollte man aber sehen. Die Energie der Sonne ist unerschöpflich, die Paneele, das Lithium und die Leitungen sind es nicht. Auch die Energiewende reißt etwas aus dem Boden. Seine Grenze verläuft darum weniger zwischen Energieformen als zwischen Haltungen: nehmen, was da ist, oder unterwerfen, was sich wehrt. Das ist eine Unterscheidung im Kopf, nicht in der Materie. Vielleicht meint er genau das, wenn er vom „philosophischen Metabolismus“ spricht.

Nie wieder, für zwei bis drei Generationen

96:11 — Das Gespräch fand drei Wochen nach dem 7. Oktober 2023 statt, und Blom hat eine persönliche Geschichte mit Israel: Er studierte Judaistik, lernte Hebräisch, war im Kibbuz, lernte Talmud mit einem orthodoxen Rabbiner. Er fuhr nicht mehr hin, nachdem er in Ostjerusalem die „andere Seite der Medaille“ gesehen hatte. Auf die Frage, wie er als Historiker auf die Kontextualisierungs-Debatte reagiere, zieht er eine klare Reihenfolge: „Erstmal muss man dabei stillstehen: Das ist ein fürchterliches Verbrechen.“ 90:50 Erst danach gilt, dass kein Verbrechen im Vakuum entsteht. Die Nakba gehört dazu, ebenso eine Hamas, die Gaza mit Korruption und Gewalt ruiniert hat, und zwei Millionen Menschen, die „ein normales Leben leben wollen“. Mit David Grossman sagt er, dass die Besatzung auch die Besatzer korrumpiert. Mit Isaiah Berlin, mit dem er in Oxford sprach, sagt er, Israel wäre ein wunderbarer Ort, wenn es begriffe, dass es ungefähr so wichtig ist wie Zypern oder Malta. Sein einziger Hoffnungsfunke als Historiker: „Keine Besatzung ist ewig.“

Der tiefere Gedanke steckt in seiner Antwort auf die Frage, ob Deutschland aus der Geschichte gelernt habe. Gesellschaften reagieren auf Traumata wie Familien, mit Vermeidungshaltungen. Nach 1945 wurden Transnationalismus, soziale Umverteilung und Abrüstung zu Prioritäten, genau das Gegenteil dessen, was nach 1933 geführt hatte.

„Solche Vermeidungshaltungen dauern meistens zwei bis drei Generationen, wenn die lebende Erfahrung nicht mehr da ist.“ 97:41

Im Gespräch — 97:41

Die Rhetorik bleibt, weil niemand im öffentlichen Leben ohne sie auskommt. Aber für die nächsten Politikergenerationen ist das Nie wieder „eine Möglichkeit unter vielen“. Die deutsche Staatsräson gegenüber Israel begrüßt Blom, als besondere historische Verantwortung für einen Staat, zu dessen Fortbestehen es „kein sinnvolles Szenario“ ohne Katastrophe gebe 98:28. Später, in der Publikumsrunde, nennt er sie auch „ein großes politisches Wort“, bei dem er bezweifelt, dass Merkel die Konsequenzen bedacht hatte (→ Zuschauerfragen). Dass Deutschland dennoch nicht schlicht „gelernt“ hat, zeigt für ihn die Ukraine: Solange das Gas floss, war Putin „ziemlich egal“, und die Regierung brauchte lange bis über die 5000 Helme hinaus.

Eigene Einschätzung

Die These von den zwei bis drei Generationen ist unbequem, weil sie das Erinnern entzaubert. Gedenken ersetzt die gelebte Erfahrung nicht, und die Vermeidung hält nur so lange wie die Menschen, die den Schrecken trugen. Wer heute über den Aufstieg der AfD rätselt, findet hier eine nüchterne Erklärung ohne Schuldzuweisung an die Jüngeren: Ihnen fehlt die Narbe, nicht die Moral. Das ist kein Grund zum Fatalismus. Es heißt aber, dass Institutionen und Bildung leisten müssen, was früher das Gedächtnis der Großeltern leistete.


Zuschauerfragen

Nach knapp drei Stunden kommt Hans Jessen mit den Fragen aus dem Livechat, „eine in Teilen wüste Debatte“, in der die Meinungen heftig aufeinanderprallten 170:12. Er mischt sie mit eigenen Einwänden, und gegen Ende arbeitet er „drei, vier Punkte“ ab, die er sich selbst notiert hat. Wo eine Frage oder ein Einwand von ihm stammt, steht es dabei.

„Der personifizierte Mainstream?“ 170:58 — Einige im Chat hielten Blom für einen Lanz-Ersatz. Über Lanz und Precht, die eine Sendung über Indien machten, spottet er leise: Er beschränke sich auf Dinge, von denen er ein bisschen was wisse. Mainstream komme er sich nicht vor, sonst wäre er „wahrscheinlich auch reicher“. Was er sage, sei nicht die Wahrheit, sondern das beste Argument, das er gefunden habe: „Wenn du mir ein besseres bringst, muss ich meine Meinung wegwerfen.“ Die marxistischen Stimmen im Chat, bei denen er mit dem Satz, er sei kein Feind des Kapitalismus, „schon auf der falschen Seite“ steht, bekommen eine Antwort mit zwei Hälften 172:33. „Kapitalismus hat endloses Leid geschaffen“, und ohne ihn wären Frauen- und Minderheitenrechte doch viel langsamer durchgesetzt worden. Die sozialistischen Utopien scheiterten am Ende immer daran, „dass sie nie die Menschen finden, die auch drin leben können“ 173:18.

War es nicht der Kapitalismus? (Jessens eigener Einwand) 173:18 — Jessen lobt den dritten Teil des Buchs als den originellsten und fragt, ob die „Vergewaltigung mit Todesfolge“ der Natur nicht doch die Dynamik des Kapitalismus sei. Blom antwortet mit Stalin und Trotzki, und Jessen hakt nach: War der Kommunismus nicht bloß der Versuch, den Kapitalismus mit dessen eigenen Mitteln zu schlagen, „überholen ohne einzuholen“ 174:50? Blom formuliert es anders: Beide gingen auf dieselben christlichen Wurzeln zurück, beide begriffen den Menschen nicht als Teil der Natur 175:37. (→ Die Aufklärung als umetikettierte Theologie)

Meditiert er? 176:24 — Manchmal ein bisschen, vor allem aber spielt er Geige. Wer die Zerstörung des Planeten recherchiert und merkt, dass die Zahlen schlimmer sind als gedacht, schläft davon nicht besser und braucht ein „Gegengift“.

Warum ausgerechnet Europa? (Jessens eigene Frage) 177:10 — Die Chinesen waren mit doppelt so großen Schiffen hundert Jahre vor den Portugiesen unterwegs. Wer um 1400 um die Welt segelte, hätte von Europa wenig erwartet: klein, arm, dreckig, „ziemlich ignorant“, umgeben von hochzivilisierten Reichen. Blom erklärt es mit Geografie. Europa hat viel Küste mit Zugang zum offenen Meer, und es bestand aus vielen kleinen Gesellschaften, die dauernd gegeneinander Krieg führten. China und die Osmanen hatten im Wesentlichen einen Feind, die Reitervölker, dazu Rebellionen im Innern, und damit keinen Anreiz, weiterzugehen 177:57. „Da bist du Materialist in der Analyse“, stellt Jessen fest. Blom: „Ja, schon.“

„Ist die liberale Demokratie ein Auslaufmodell?“ 179:27 — „Ich kann mir das gut vorstellen. Ich sage das mit großem Bedauern.“ Er erzählt von einem Interview, das er als junger Journalist mit dem Labour-Politiker Tony Benn führte. Benn fragte zurück, warum Demokratie wichtig sei, und fegte das Geschwafel weg: Sie garantiere unblutige Machtwechsel, sonst nichts. Wenn Putin stirbt, droht Bürgerkrieg, in der Demokratie droht eine Wahl. Jessen hält England dagegen, das seit 1917 Arabern wie Juden dasselbe Land versprochen habe: Exportiert die Demokratie nicht ihre eigenen Probleme 180:59? Blom korrigiert, England sei damals eine Monarchie gewesen, und landet bei Churchill: die schlechteste Staatsform, außer allen anderen. Demokratie brauche Voraussetzungen, gegenseitiges Vertrauen und zivilisiertes Verhalten, und viele davon seien schon schwer beschädigt. „Ich kann mir gut vorstellen, dass Demokratien bald verschwinden werden. Ich hoffe das nicht … aber historisch wäre es überhaupt nicht überraschend.“ 183:18 Wir sähen Geschichte immer noch als Fortschritt, der immer liberaler und reicher wird, „aber so ist Geschichte noch nie gewesen“.

Gibt es ein Ende der Geschichte? 184:04 — Die Frage zielt auf Fukuyama. Blom trennt das Vergangene von der Geschichte. Vergangen ist alles, auch die genaue Zahl der Rothaarigen in Irland am 3. September 1593 und der gemähten Grashalme im Vorgarten von Herrn Müller. Geschichte ist erst die Erzählung davon, eine Auswahl, und darum endet sie, wenn es keine Menschen mehr gibt, die erzählen 185:36.

„Fördert Katastrophismus den Klimaschutz?“ 185:36 — Sowohl als auch. Einer im Chat schreibt, die Rede von der Katastrophe erzeuge ihm „ein ungutes Gefühl“. Das sei manchmal sinnvoll, antwortet Blom: Wer betrunken und unangeschnallt 180 fährt, sollte Angst haben. Fridays for Future habe auf Katastrophismus gesetzt, und das sei „richtig und effektiv“ gewesen, nur brauche es jetzt einen zweiten Schritt 186:23. Jessen erinnert an die Angststarre: Am zu steilen Skihang sagt der Lehrer „beugt die Beine“, und die Muskeln gehorchen nicht 187:53. Blom bleibt dabei, dass Angst vor etwas Schrecklichem rational ist, auf Dauer aber nicht motiviert. Er schlägt vor, die Unterhaltung umzukehren: Menschen fragen, wie ihr gutes 2050 aussieht, woher ihre Energie und ihr Essen kommen, was ihre Kinder lernen. Und erst dann, was man heute tun müsste, um dorthin zu kommen.

„Ist der Kapitalismus reformierbar?“ 188:38 — Die soziale Marktwirtschaft der Nachkriegszeit war ein gezähmter Kapitalismus, der funktionierte, wenn auch mit Wohlstand, der von außen zufloss. Deutschland war damals fairer, mit mehr sozialer Mobilität und weniger Superreichen. In den USA verdiente ein CEO um 1960 etwa das 30-Fache seiner Angestellten, heute das 360-Fache 189:24. Dass die unteren 90 Prozent fragen, „what's in it for me, was ist mein Interesse daran, dass Jeff Bezos noch reicher wird“, findet er rational 190:10. Die Antwort sei nicht, die Demokratie abzuschaffen, sondern ihre Voraussetzungen wiederherzustellen, etwa durch fairere Steuern.

Ersetzen Klimakatastrophen die Kriege? 190:10 — Die Frage meint die Zerstörung, auf die neues Wachstum folgt. Nach einer Flut könne man schön wieder aufbauen, sagt Blom, aber nicht, wenn Transportwege und Rohstoffe wegbrechen und Unruhen herrschen. Wir lebten mit der Möglichkeit einer Katastrophe, „die einfach komplexe Gesellschaften unmöglich macht“ 190:56. Jessen, Jahrgang 1950, ist als kleines Kind noch kilometerweit durch Trümmerwüsten gelaufen, und in zwei Jahrzehnten stand das Land wieder. Die Klimakatastrophe dagegen hört nicht auf. Sie wird uns und unsere Nachkommen über Jahrhunderte begleiten 191:43.

Taugt die deutsch-französische Aussöhnung als Modell für Nahost? 191:43 — Die Analogie hinkt, meint Blom. Deutschland und Frankreich waren zwei große Mächte, die konkurrierten, und Polen hat eine ganz andere, fragmentierte Geschichte. In Israel ist die Verteilung zwischen Mächtigen und Ohnmächtigen viel deutlicher. „Was wir alle unterschätzen, auch in unseren eigenen Gesellschaften, ist die unglaubliche Wichtigkeit von Demütigung als politischer Motivation“, und die Gedemütigten seien hier sehr deutlich die Palästinenser 193:14. Dann korrigiert Jessen eine Zahl, die Blom selbst im Hauptgespräch genannt hatte 90:04. Vertrieben wurden in der Nakba nicht 300.000, sondern rund 700.000 Menschen. Blom nimmt das an: „Vielleicht habe ich meine Zahl da falsch“, es seien jedenfalls Hunderttausende gewesen 193:59 (→ Faktencheck).

„Wie bekomme ich als Bürger mehr Macht?“ 193:59 — Blom hält die Demokratie für „wirklich reformbedürftig“, weil der Vierjahrestakt professioneller Politik kurzfristige Entscheidungen belohnt. Er wirbt für ausgeloste Bürgerversammlungen, die wie Geschworene über Tage beraten, begleitet von ebenfalls ausgelosten Expertinnen. Wer ausgelost ist, kann daraus keine Karriere machen, Korruption lohnt kaum, und er muss mit den Folgen leben, weil seine Familie dort lebt. Als Ersatz für das Parlament sieht er sie nicht, wohl aber als wichtige Ergänzung, und als Mittel gegen das Gefühl, dass „niemand auf mich hört“. (Vertiefung → Nachbesprechung.)

Wer könnte in Nahost vermitteln? 196:16 — „Da muss man jemand Klügeren fragen als mich.“ Vermutlich werde es irgendein ehemaliges Staatsoberhaupt. Im Hin und Her mit Jessen fallen dann die USA und die arabisch-islamische Garantiemacht für Gaza, über die gerade gesprochen werde. Die Rolle der USA sei „immer ambivalent“, sie hätten mit „solidem Imperialismus“ selbst dafür gesorgt, dass man ihnen nicht traut 197:48. Wer von beiden was sagt, lässt sich im Mitschnitt nicht sauber trennen. Klar ist Bloms Schluss: Er wisse es nicht, aber vielleicht komme der Vermittler einmal ausnahmsweise nicht aus Europa oder Amerika, sondern aus einem anderen Teil der Welt, mit einem anderen Erfahrungshorizont.

Gibt es noch eine Zweistaatenlösung? 198:34 — „Da muss man echt jemand Klügeren fragen als mich.“ Jessen lässt es gelten: Die Grenzen des eigenen Wissens zu benennen, „ist ja auch nicht schlecht“.

Wer legt die deutsche Staatsräson fest? 198:34 — Jessen erklärt die Tragweite von Merkels Satz: Die Sicherheit Israels stünde damit im Rang der eigenen, fast wie der Bündnisfall nach Artikel 5 des NATO-Vertrags. Blom kommt das vor wie „ein großes politisches Wort“. Er wisse nicht, ob Merkel bereit gewesen wäre, das deutsche Volk in einen bewaffneten Kampf gegen die Bedroher Israels zu stürzen 199:20. Festgelegt habe es in diesem Fall sie, und sie habe damit ausgesprochen, was viele in Deutschland fühlen. Ob sie eine Ahnung hatte, was das in der Konsequenz bedeuten könnte? „Nein, nein.“ Diesen Krieg, der noch mit Iran, weiteren arabischen Staaten und den USA aufflammen könne, habe niemand vorausgesehen. Dass es mit dem Krieg in der Ukraine genauso war und dass das zeige, wie begrenzt der politische Entscheidungshorizont ist, lässt Blom gelten, mit einem Nachsatz: Rufer in der Wüste gebe es immer, aber für alles Mögliche, und die meisten vergesse man, weil ihre Warnungen nicht eintrafen 200:06.

Welche Ideologie vertritt das Buch? „Weltökologismus“? 200:06 — „Ich habe keine Ideologie, ich habe kein fertiges Gedankengebäude.“ Eine Ideologie ist für ihn ein geschlossenes Gebäude mit Wahrheitsanspruch. Dass der Mensch Teil der Natur ist, sehe man einfach aus Anatomie und Biologie, und es brauche enorme psychologische Energie, das nicht mehr zu glauben 200:52. Jessen legt die Latte tiefer: Ideologie im schwachen Sinn sei ein halbwegs stimmiges Ideengebäude, und das Netz aus Verknotungen und Abhängigkeiten, das Blom an die Stelle des theologischen Uhrwerks setzen will, wäre dann eben eine 201:39. Blom nennt es lieber „einen freundlichen Vorschlag“, von der Naturwissenschaft geborgt, die zunehmend in Systemen denkt. Wissenschaft sei Wahrheitssuche, und auch er suche, „aber ich bin noch nie am Ziel angekommen“ 202:24. Das starke Wort hebt er sich für später auf, für die Ökonomie.

Ein Slogan gegen „Macht euch die Erde untertan“? 203:10 — „Wir sind Natur.“ Wer das in seinen Konsequenzen durchdenke, habe alles, was man brauche. (→ Wir sind Natur)

„Vollkommener Blödsinn“: der Titel 203:56 — Ein Zuschauer hält das Wort „Unterwerfung“ für verfehlt: Die Natur zu beherrschen heiße doch gerade, ihre Regeln und Grenzen zu verstehen und sich mit ihnen zu arrangieren. Blom nennt das keine Beherrschung. Wer Sonnenenergie einsammelt, tut der Sonne keine Gewalt an. Etwas ganz anderes sei die Idee, als einzige Spezies von Gott auserwählt zu sein und alles andere „niederzuknüppeln“, eine Logik der Herrschaft, die „inhärent immer gewaltsam, inhärent immer hierarchisch“ ist 204:42. An Houellebecqs gleichnamigen Roman knüpft der Titel übrigens nicht an. Der habe ihn geärgert, man habe mit dem Verlag sogar über eine Umbenennung nachgedacht 205:28.

Gibt es den glaubensfreien Menschen? 204:42 — „Nee, glaube ich nicht“, und das gelte auch für ihn. Am Freitag, dem 13., sei ihm ein bisschen unwohl beim Rausgehen, so blödsinnig er das finde. „Wir sind keine rationalen Wesen. Wir brauchen diese Sachen, weil sie uns zwar falsche, aber doch Orientierung geben.“ 205:28

„Knapp am Unsinn“ 206:14 — Ein Zuschauer, nach eigener Angabe seit zehn Jahren in der Mikrobiomforschung, widerspricht: nicht zehntausend Bakterienarten, eher 500. Blom gibt nach: „Ich bin kein Biologe … wenn der Herr das selbst tut, dann weiß er offensichtlich mehr als ich.“ Er hätte nicht nachgeben müssen. Die „über 10.000 Arten“ stammen vom Human Microbiome Project der NIH, gezählt über alle Körperregionen; der Zuschauer zählte den Darm eines einzelnen Menschen (→ Faktencheck).

Lernen durch Fehler (Jessens eigene Frage) 207:02 — Jessen erinnert sich an einen norwegischen Kollegen, der jungen Journalisten aus Osteuropa sagte: Habt keine Angst vor Fehlern, macht welche. Blom sieht uns als Opfer des eigenen Erfolgs. Siegen macht dumm, und wir mussten so wenig aus Fehlern lernen, weil wir sie mit Wachstum überspielen konnten. Wird Wachstum knapp, müssen wir anders über unsere Fehler nachdenken 207:48. (→ Siegen macht dumm — Wachstum, Kapital und ein neuer Adel)

Der Ökonomenwitz (Jessens eigene Frage) 208:35 — In Oxford hörte Blom, wie ein Ökonom seinem Kollegen etwas vorstellt, und der antwortet: „Das funktioniert vielleicht in der Praxis, aber klappt das auch in der Theorie?“ Die Ökonomie des 20. Jahrhunderts sei theorieverliebt, gebaut auf freie, rationale Individuen, die es nicht gibt. Sie halte sich für empirisch und sei in vielem eine „sehr ideologisierte Wirtschaft, und hier würde ich das Wort Ideologie wirklich gebrauchen“ 209:20. Für das eigene Buch hatte er das Wort eben noch abgelehnt.

Resonanz und Gift (Jessens eigene Frage) 210:05 — Zu Hartmut Rosas Resonanzbegriff erzählt Blom, warum das englische gift und das deutsche Gift dasselbe Wort sind. Ein Geschenk verpflichtet, es bindet dich in einen Kreislauf. Geld schneidet ihn ab: Du bekommst etwas, zahlst, und bist niemandem mehr etwas schuldig. „Wir bestehen schon immer nur aus Resonanz.“


Nachbesprechung

Zwei Fragen, die an diesem Abend nebenbei fielen und länger tragen als der Abend: was aus dem Los wird, wenn man es ernst nimmt, und wie lange ein „Nie wieder“ hält.

Das Los: Was aus den guten Entscheidungen wird

Bloms Antwort auf die Frage nach mehr Volkssouveränität dauert keine drei Minuten, und sie hat eine Partei hervorgebracht. Er wollte ausgeloste Bürgerversammlungen, beratend wie Geschworene, als Ergänzung des Parlaments. Drei Jahre später gründete Ardalan Ibrahim die Losdemokratie und nannte dieses Gespräch als Anstoß. Da wollte er schon geloste Gremien, die entscheiden. Wie trägt Bloms ursprüngliche, bescheidenere Fassung?

Was er über die Beratung selbst sagt, deckt die Forschung weitgehend. Zwanzig führende Deliberationsforscher halten in Science fest, dass gut gebaute Beratung Menschen weniger anfällig für Polarisierung und Manipulation macht (Dryzek et al. 2019, doi:10.1126/science.aaw2694, eine Positionsbestimmung des Feldes, keine Meta-Analyse). Im Feldexperiment „America in One Room“ rückten über 500 Wähler nach einem Wochenende inhaltlich und emotional aufeinander zu (Fishkin et al. 2021, doi:10.1017/S0003055421000642). Ein Review über mehrere Fächer bremst allerdings: Unter ungünstigen Bedingungen findet die Sozialpsychologie auch Gruppendenken und Verschärfung (Caluwaerts et al. 2023, doi:10.3389/fpos.2023.1127372). Die Qualität ist also eine Frage des Designs. Auch Blom selbst verlangt Tage der Beratung und Begleitung durch Experten, keinen Stammtisch mit Losnummern. In einem Detail irrt er: In der Praxis wählen die Veranstalter die Expertinnen nach Ausgewogenheit aus, ausgelost werden sie nicht, und genau dort sitzt der Hebel für das Framing (Roberts et al. 2020, doi:10.1007/s11077-019-09367-x).

Für sein Argument, wer ausgelost ist, mache keine Karriere und müsse mit den Folgen leben, gibt es keine Evidenz, weder dafür noch dagegen. Es ist plausibel und ungeprüft. Cristina Lafont dreht es um: Wer nichts werden will, muss auch niemandem Rechenschaft ablegen, und die übrige Bürgerschaft soll einem kleinen Kreis blind vertrauen (Lafont 2020, doi:10.1093/oso/9780198848189.001.0001).

Am stärksten ist Bloms letzter Satz, dass solche Räte Menschen wieder mit der Demokratie verbinden könnten, die glauben, niemand höre auf sie. Die Experimente geben ihm recht, aber mit einer harten Bedingung. In Irland stieg die wahrgenommene Legitimität fast nur, wenn die Empfehlungen befolgt wurden, und der Gewinn kam vor allem von Menschen mit wenig politischem Vertrauen (Germann, Mariën & Muradova 2022, doi:10.1177/00323217221137444, vorregistriert, N = 1.309). Ein Experiment in Australien fand dasselbe und dazu den Umkehrschluss: Ignorierte Empfehlungen senken die Legitimität (Webb, Grömping & Mauk 2026, doi:10.1017/S1475676526101509). Und die Deutschen wollen Bürgerräte ausdrücklich beratend und eng an das Parlament gebunden (Goldberg & Bächtiger 2022, doi:10.1017/S0007123422000059). Das ist Bloms „Ergänzung, nicht Ersatz“, fast wörtlich.

Die Fälle zeigen, woran es hängt. Irland ließ geloste Bürger die Referenden zur Ehe für alle und zur Abtreibung vorbereiten, und beide gingen durch (Farrell, Suiter & Harris 2018, doi:10.1080/07907184.2018.1534832). Die Empfehlung der Assembly von 2024, Drogenbesitz zu entkriminalisieren, beschied dieselbe Regierung 2025 mit „No change is proposed“ (Oireachtas, 05.11.2025). Frankreichs Klimakonvent bekam von Macron das Versprechen „sans filtre“. Nach fünf Jahren waren 24 der 149 Vorschläge vollständig umgesetzt (Bilanz nach WWF), und in der breiten Öffentlichkeit erzeugte der Prozess kaum Zustimmung (Giraudet et al. 2022, doi:10.1057/s41599-022-01212-6). Wer umsetzt, pickt sich heraus, was billig ist und wenig stört, das zeigt eine Auswertung von 571 Vorschlägen aus Beteiligungsverfahren (Font et al. 2018, doi:10.1111/1475-6765.12248). Der Bürgerrat Ernährung des Bundestags empfahl im Februar 2024 an erster Stelle ein kostenloses Mittagessen für alle Kinder. Umgesetzt wurde keine seiner neun Empfehlungen (t-online, 30.12.2025). 2025 löste Bundestagspräsidentin Julia Klöckner die Stabsstelle Bürgerräte auf (t-online).

Blom hatte also recht mit der Beratung, recht mit den Misstrauischen und recht mit der Ergänzung. Die Pointe liegt aber beim Parlament. Ein Bürgerrat erzeugt Vertrauen nur, wenn die Gewählten sichtbar zuhören, und das deutsche Experiment wurde genau an dem Punkt beendet, an dem es sich hätte bewähren müssen. Aus dieser Enttäuschung heraus wird verständlich, warum Ibrahim den Gewählten die Entscheidung gleich ganz abnehmen will. Richtig wird es dadurch noch nicht.

→ Weiter im Panorama: Das Los — Bürgerräte in den Kommunen, mit Münkler, Manow, Bregman, Engelhorn und Ibrahim.

„Nie wieder“ und seine Frist

Blom gibt der Vermeidungshaltung eine Frist: zwei bis drei Generationen, bis die lebende Erfahrung fehlt. Das klingt nach Bauchgefühl, ist aber fast wörtlich Jan Assmann. Das kommunikative Gedächtnis, das Menschen einander erzählen, reicht achtzig bis hundert Jahre, drei bis vier Generationen. Danach bleibt nur das kulturelle: Riten, Denkmäler, Texte (Assmann 1995, doi:10.2307/488538). Für 1945 läuft diese Frist jetzt ab. Die Claims Conference zählte Anfang 2026 noch rund 196.600 jüdische Überlebende weltweit, ein Jahr zuvor waren es 220.000. Die Hälfte wird bis 2031 gestorben sein (Claims Conference 2026). Bloms „wenn die lebende Erfahrung nicht mehr da ist“ hat damit ein Datum: die 2030er-Jahre.

Dass Trauma eine Gegenhaltung erzeugt, die dann nachlässt, zeigt die Forschung an einem nahen Fall. Wo die deutsche Besatzung Italiens 1943–45 länger und härter war, wählten die Menschen nach dem Krieg häufiger die Partei des Widerstands, und der Effekt hielt etwa vierzig Jahre (Fontana, Nannicini & Tabellini 2023, doi:10.1016/j.jce.2023.05.006). Über Europa und Lateinamerika hinweg ordnen sich Bürger nach einer rechten Diktatur links ein und nach einer linken rechts, eine Vermeidungshaltung im politischen Selbstbild, getragen von den Kohorten, die sie erlebten (Dinas & Northmore-Ball 2020, doi:10.1177/0010414019852699).

Die Forschung verfeinert Blom aber an zwei Stellen, und beide sind wichtiger als die Frist. Erstens verschwindet eine Prägung nicht, wenn die Zeugen sterben. Sie wechselt den Träger. In italienischen Orten, in denen es unter Mussolini mehr Antifaschisten gab, wird bis heute weniger neofaschistisch gewählt. Nach dem Krieg trug das die lebende Erinnerung, später übernahmen Denkmäler und Straßennamen. Seit der populistischen Wende 2018 schützt diese Prägung allerdings nicht mehr gegen Fratelli d'Italia (Lecci, Panza, Swee & Zanella 2026, doi:10.1017/S0022050726101491). Das Nie wieder hält gegen das Alte und versagt vor dem Neuen, das sich anders anzieht.

Zweitens gilt dieselbe Mechanik für das Schlechte, und oft viel länger. In deutschen Städten, in denen es 1349 Pogrome gab, war die antisemitische Gewalt der Zwanzigerjahre häufiger, fast sechshundert Jahre später (Voigtländer & Voth 2012, doi:10.1093/qje/qjs019). Wer in den Zwanziger- und Dreißigerjahren geboren wurde und unter der NS-Indoktrination aufwuchs, war noch 1996 und 2006 zwei- bis dreimal häufiger überzeugter Antisemit als andere Jahrgänge (Voigtländer & Voth 2015, doi:10.1073/pnas.1414822112). Manche Prägungen schlafen und werden geweckt: In Österreich lagen die Türkenbelagerungen jahrhundertelang politisch still, bis FPÖ-Kampagnen sie ab Mitte der 2000er wirksam machten (Ochsner & Roesel 2024, doi:10.1257/app.20190686). Und ein Ort, der 1933 stark NSDAP wählte, wählte 2013 noch nicht mehr AfD, ab 2015 dann schon (Cantoni, Hagemeister & Westcott, Arbeitspapier, noch nicht begutachtet). Die Nachfrage war da, es fehlte das Angebot. Das ist Bloms „eine Möglichkeit unter vielen“ in Wahlergebnissen.

Was verblasst in Deutschland? Der Gedenkmonitor MEMO fand im Oktober 2024 erstmals mehr Zustimmung (38 Prozent) als Ablehnung (37 Prozent) für einen „Schlussstrich“, 2022 lag die Zustimmung noch bei 26 Prozent (MEMO 2025, Online-Panel, Frage leicht umformuliert). Die Jungen sind dabei nicht die Vergesslichen: Unter 30 fällt die Kritik an der AfD vor dem Hintergrund der Geschichte ähnlich scharf aus wie über 60, die Mitte ist milder. Harald Welzer hatte schon 2002 gezeigt, dass das Familiengedächtnis falsch überliefert, schwächer ohnehin: Die Enkel machen aus den Großeltern Helden („Opa war kein Nazi“). Und die Norm Demokratie selbst verblasst bei den Jüngeren nicht messbar. Die berühmte These vom Generationeneinbruch (Foa & Mounk 2016, doi:10.1353/jod.2016.0049) hielt einer sauberen Trennung von Alters-, Perioden- und Kohorteneffekten in 18 Demokratien nicht stand (Wuttke, Gavras & Schoen 2022, doi:10.1017/S0007123420000149).

Bloms zweites Beispiel ist die Abrüstung, und es ist eingetreten. Nach dem Sondervermögen von 2022 beschloss der Bundestag im Dezember 2025 die Rückkehr zur Musterung (Bundestag). Anlass war allerdings ein äußerer Schock, der russische Angriff, kein Verblassen. Vermeidungshaltungen enden nicht nur, weil die Zeugen sterben. Manchmal widerlegt die Welt sie.

Bloms Frist trägt also für die gelebte Erinnerung. Was danach kommt, entscheidet sich an dem, was die Erinnerung übernimmt: Denkmal, Schule, Partei, Kampagne. Und daran, ob jemand weckt, was im Ort geschlafen hat.

→ Weiter im Panorama: Was lehrt Weimar?, mit Götz Aly, Voigtländer und Voth, Erich Fromm und Clara Mattei.


Faktencheck

Stand der Aussagen: Oktober 2023. Geprüft wird, was empirisch ist. Bloms Lesart von Gilgamesch, Bibel und Aufklärung ist Deutung und bleibt stehen.

Bestätigt — Seit 1990 so viel CO₂ wie davor in der ganzen Geschichte

„Wir haben seit 1990 mehr fossile Brennstoffe verbrannt als die gesamte Menschheit davor“ 3:51. Nach den Daten des Global Carbon Project stammt gut die Hälfte aller seit 1751 kumulierten CO₂-Emissionen aus der Zeit nach 1990, bei den fossilen Emissionen allein sogar etwas mehr. 1990 ist das Jahr des ersten IPCC-Berichts, ab da gab es kein Nichtwissen mehr. Quelle: IEEP: More than half of all CO2 emissions since 1751 emitted in the last 30 years · Our World in Data: CO₂ emissions

Übertrieben — 30 Fußballfelder Regenwald pro Minute

„Wir roden pro Minute 30 Fußballfelder Regenwald“ 3:51. Nach Global Forest Watch gingen 2022 in den Tropen 4,1 Millionen Hektar Primärwald verloren, rund 11 Fußballfelder pro Minute, 2023 knapp 10. Bloms Zahl ist etwa dreimal zu hoch, wahrscheinlich eine weiter gefasste Zahl für jeden Baumverlust in den Tropen. Die wirkliche Rate ist dramatisch genug. Quelle: Global Forest Review (WRI): How much forest was lost in 2022?

Falsch (Größenordnung) — Der Getreidegürtel wandert 20 km pro Jahr vom Äquator weg

Der Getreidegürtel bewege sich „20 km pro Jahr vom Äquator weg“ 12:16. Die Richtung stimmt, die Zahl ist etwa zehnfach zu hoch. Die methodisch bereinigte Übersicht findet eine Verbreiterung des Tropengürtels um rund 0,2 Breitengrade pro Jahrzehnt und Hemisphäre, etwa 20–25 km pro Jahrzehnt (Staten et al. 2018, Nature Climate Change, doi:10.1038/s41558-018-0246-2, Review). Für die Kornkammern selbst projiziert eine Modellstudie eine Wanderung von gut 600 km polwärts bis 2100, im Hochemissionsszenario (Franke et al. 2022, Global Change Biology, doi:10.1111/gcb.15868, Einzelstudie). Vermutlich eine Verwechslung von Jahr und Jahrzehnt, die allerdings in Richtung seiner Dringlichkeitsthese dramatisiert. Quelle: NOAA CSL: Re-examining tropical expansion

Bestätigt — Exxon wusste es in den Siebzigern

Exxon-Wissenschaftler hätten „schon in den 70er Jahren vorausgesagt“, wohin die Erwärmung führt 14:37. Die Auswertung aller dokumentierten Exxon-Projektionen von 1977 bis 2003 zeigt: Die meisten trafen die später gemessene Erwärmung von rund 0,2 °C pro Jahrzehnt, auch das CO₂-Budget für die 2-Grad-Grenze wurde plausibel geschätzt. Peer-reviewte Primäranalyse interner Dokumente; ExxonMobil bestreitet die Deutung. Quelle: Supran, Rahmstorf & Oreskes 2023, Science, doi:10.1126/science.abk0063

Gedeckt — Eine CO₂-Steuer von 700 bis 800 Euro pro Tonne

„Eine anständige CO₂-Steuer, die … bei 7–800 € pro Tonne liegt“ 19:55. Das klingt utopisch und entspricht fast genau der Schadenskostenschätzung des Umweltbundesamts: 680 €/t CO₂ (Preisstand 2020), wenn heutige und künftige Generationen gleich gewichtet werden, 195 €/t bei einem Prozent Zeitpräferenz. Zum Vergleich: Der EU-Emissionshandel lag 2023 bei rund 80–90 €, der deutsche CO₂-Preis bei 30 €. Blom rechnet mit den vollen Klimaschäden, nicht mit dem politisch Üblichen. Quelle: Umweltbundesamt: Methodenkonvention zur Ermittlung von Umweltkosten · UBA: Gesellschaftliche Kosten von Umweltbelastungen

Rechenfehler zu eigenen Ungunsten — 3 % Wachstum „verzehnfacht“ sich in 100 Jahren

Drei Prozent Wachstum verdoppeln in 24 Jahren und „verzehnfachen“ in 100 Jahren 21:27. Die Verdopplung stimmt (1,03²⁴ ≈ 2,03). Nach 100 Jahren steht aber fast eine Verzwanzigfachung (1,03¹⁰⁰ ≈ 19,2), das Zehnfache ist schon nach 78 Jahren erreicht. Blom untertreibt sein eigenes Argument. Keine unabhängige Quelle gefunden. Reine Zinseszinsrechnung.

Vereinfacht — Entkopplung von Produktivität und Löhnen im „Westen“

Von 1945 bis 1980 +250 % Produktivität parallel zu den Löhnen, danach +150 % bei stagnierenden Löhnen 35:11. Den Trend gibt es, die Zahlen sind zu groß und der Raum zu weit gefasst. Die berühmte Grafik des Economic Policy Institute zeigt die USA: 1948–1979 wuchsen Produktivität und Lohn des typischen Beschäftigten etwa gleich, 1979–2020 stieg die Produktivität um 61,8 %, der Lohn um 17,5 %. Die Löhne wuchsen also kaum noch, sie standen nicht still. Für die OECD findet sich seit etwa 1995 eine schwächere Entkopplung der Medianlöhne. Wie groß die Lücke ist, hängt an Preisindex und Lohnbegriff; mit Gesamtvergütung schrumpft sie deutlich. Quelle: EPI: Productivity–Pay Gap · OECD Working Paper 1373 (2017), doi:10.1787/d4764493-en · AEI/Strain 2024: Understanding Trends in Worker Pay

Vereinfacht — Ein Milliardär emittiert so viel wie eine Million Menschen

Laut Oxfam emittiere ein Milliardär so viel CO₂ wie eine Million Menschen 38:15. Rechnerisch trifft das den Oxfam-Bericht Carbon Billionaires (2022): 125 Milliardäre, im Schnitt 3 Millionen Tonnen CO₂e pro Kopf, das Millionenfache eines Menschen aus den unteren 90 Prozent. Gemeint sind aber Investitions-Emissionen, die Unternehmensemissionen anteilig nach Beteiligung, nicht der persönliche Konsum. Die Methode ist umstritten, Oxfam wirbt als Kampagnen-NGO für Vermögenssteuern und verkürzt in der eigenen Schlagzeile schon genauso. Der Kern, die extreme Ungleichheit der Emissionsverantwortung, bleibt. Quelle: Oxfam: Carbon Billionaires

Vereinfacht — Athen hatte „ungefähr 8000 Wahlberechtigte“

Die griechische Demokratie habe „ungefähr 8000 Wahlberechtigte“ gehabt 42:06. Die Forschung schätzt die männlichen Vollbürger im 5. und 4. Jahrhundert auf 30.000 bis 60.000. 6.000 bis 8.000 fasste die Pnyx, das war die übliche Größe einer Volksversammlung. Blom verwechselt die Anwesenden mit den Berechtigten. Sein eigentlicher Punkt hält trotzdem: Frauen, Metöken und Sklaven waren ausgeschlossen, die Bürger eine Minderheit. Quelle: Hansen: How Many Athenians Attended the Ecclesia? (GRBS)

Bestätigt — Suffragetten mit Äxten, das Wahlrecht erst nach dem Krieg

Suffragetten griffen Kunstwerke „mit Äxten“ an 58:48. Am 10. März 1914 zerschnitt Mary Richardson in der National Gallery Velázquez' Rokeby Venus mit einem Fleischerbeil. Das Wahlrecht kam in Großbritannien 1918 für Frauen über 30, gleich 1928; Frankreich beschloss es 1944, gewählt wurde 1945 59:33. Kleine Verschiebungen: die Schweiz 1971 (Blom: „1972“), Appenzell Innerrhoden am 27.11.1990 per Bundesgericht, nachdem die Landsgemeinde noch im April abgelehnt hatte (Blom: „1992“). Die richtige Geschichte stützt seine These eher: Am Ende musste ein Gericht nachhelfen. Quelle: History Today: Slashing the Rokeby Venus · Kanton Appenzell Innerrhoden: 1990

Bestätigt, gegen den Einwand verteidigt — Mikrobiom: 30 Billionen eigene, 40 Billionen fremde Zellen, über 10.000 Arten

„Ungefähr 30 Billionen menschliche Zellen … und 40 Billionen nichtmenschliche … 10.000 Spezies“ 147:21. Die Neuberechnung kommt auf rund 30 Billionen menschliche Zellen und 38 Billionen Bakterien, ein Verhältnis von etwa 1,3 : 1 statt der alten 10:1-Legende (Sender, Fuchs & Milo 2016, PLoS Biology, doi:10.1371/journal.pbio.1002533). „Mehr als 10.000 Arten“ meldete 2012 das Human Microbiome Project der NIH, über alle Körperregionen und Probanden. Der Zuschauer-Einwand „eher 500“ 206:14 passt zum Darm eines einzelnen Menschen, rund 160 häufige Arten je Person, gut 1.000 im Kollektiv (Qin et al. 2010, doi:10.1038/nature08821); der Referenzkatalog des menschlichen Darms umfasst 4.644 Arten (Almeida et al. 2021, doi:10.1038/s41587-020-0603-3). Beide zählen Verschiedenes. Quelle: NIH/NHGRI 2012: Human Microbiome Project

Teils übertrieben — Wärmstes Jahr seit 100.000 Jahren, europäische Städte bei 2 Grad um 8 Grad wärmer

2023 sei das wärmste Jahr „in den letzten 100.000 Jahren“ 158:46. Das hält: Copernicus nannte 2023 eine Woche nach der Sendung „virtually certain“ das wärmste Jahr seit Messbeginn, mit den Paläodaten des IPCC das wärmste seit rund 125.000 Jahren. Die 1,5 Grad waren allerdings nur in einzelnen Monaten überschritten, das Pariser Ziel meint einen 20-Jahres-Mittelwert. Übertrieben ist der zweite Satz, europäische Städte würden bei 2 Grad „ungefähr 8° wärmer im Sommer“ 159:33. Der Weltklimarat schreibt: Extrem heiße Tage in den mittleren Breiten erwärmen sich bei 2 Grad um bis zu etwa 4 °C (high confidence). Richtung richtig, Zahl etwa doppelt. Quelle: Copernicus, Oktober 2023 · IPCC SR1.5, Summary for Policymakers (B.1.2)

Vereinfacht — Assurbanipals Bibliothek und der Gilgamesch-Fund

Der Kern stimmt: Die Bibliothek lag in Ninive gegenüber dem heutigen Mossul, das British Museum zählt 30.943 Tafeln, Ninive fiel 612 v. Chr., und 1872 las George Smith auf Tafel XI die Sintflut-Erzählung 140:28. Drumherum ist einiges verrutscht 139:42: Assurbanipal war neuassyrisch, nicht „neubabylonisch“; Ninive fiel an Babylonier, Meder und Skythen, nicht an die Perser; zwischen Niederschrift und Brand liegen nicht 3000 Jahre (älteste sumerische Gilgamesch-Dichtungen um 2100 v. Chr., Standardfassung um 1200–1100 v. Chr.). Das babylonische Exil beginnt 597/587 v. Chr., nicht „um 700“. Unschärfen im Erzählfluss, ohne Motiv. Quelle: British Museum: What was Ashurbanipal's Library?

Bestätigt — CEO-Vergütung: früher das 30-Fache, heute das 360-Fache

„Um 1960 … ungefähr 30 mal mehr … inzwischen ist es 360 mal“ 189:24. Das EPI misst für die 350 größten US-Firmen 1965 21:1 und 2022 344:1, mit Höchststand 2021 bei rund 399:1. Die CEO-Vergütung stieg 1978–2022 inflationsbereinigt um 1.209 %, die typischer Beschäftigter um 15 %. Quelle: EPI: CEO pay in 2022

Bestätigt — Nebenbefunde (Nakba, Zheng He, Trotzki und Stalin, 88 Milliarden Tiere, 98,5 % DNA)

Nakba: Blom nennt zuerst 300.000 Vertriebene 90:04 und übernimmt später die Korrektur auf 700.000 193:14; die UN-Schlichtungskommission schätzte 1949 711.000, UNRWA nennt rund 750.000. Zheng He: Die chinesischen Flotten fuhren 1405–1433, rund 90 Jahre vor da Gama, mit Schiffen, die ein Vielfaches der portugiesischen maßen 177:10. Trotzki und Stalin 174:04: Trotzki schrieb 1924 in Literatur und Revolution, die Verteilung von Bergen und Flüssen sei nicht endgültig; Stalins „Großer Plan zur Umgestaltung der Natur“ stammt von 1948 (kein „Fünfjahresplan“). Schlachttiere 57:17: 2022 laut FAO rund 83 Milliarden Landtiere, überwiegend Hühner. DNA 151:08: 1,23 % Einzelbasen-Unterschied, also rund 98,8 % Übereinstimmung, mit Insertionen und Deletionen eher 96 % (Chimpanzee Sequencing Consortium 2005, doi:10.1038/nature04072). Quelle: UNRWA: Palestine refugees · Trotsky: Literature and Revolution, Kap. 8 · Our World in Data: 80 billion land animals


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung:

  • Philipp Blom: Die Unterwerfung. Anfang und Ende der menschlichen Herrschaft über die Natur (Hanser, 2022), bei genialokal — das Buch, um das sich das Gespräch dreht
  • Jung & Naiv unterstützen — der Kanal lebt von Zuschauern

Im Gespräch genannt:

  • Das Gilgamesch-Epos — die älteste überlieferte Erzählung der Menschheit, Blom liest es als erste Entzauberung eines Waldes
  • Baruch de Spinoza: Ethik — Deus sive natura, Bloms Gegenentwurf zur Herrschaftsformel
  • Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung (2016) — Rosa war selbst bei Jung & Naiv
  • Thomas Piketty: Das Kapital im 21. Jahrhundert (2014) — Kapitaleinkommen wächst schneller als Arbeitseinkommen
  • Meadows u. a.: Die Grenzen des Wachstums (Club of Rome, 1972)
  • Silja Graupe — Philosophin und Ökonomin, von Jung als früherer Gast zur Wachstumsfixierung nach 1945 genannt

Aus dem Faktencheck (Sherlock):


Verbindungen

→ Harald Welzer — Tötungsarbeit

Welzer zeigt, warum das „Nie wieder“ nicht nur ausläuft, sondern sich verbiegt: Die Enkel ordnen die Partikel der Familiengeschichte neu, bis aus der antisemitischen Großmutter eine Widerständlerin wird.

→ Ardalan Ibrahim — Die Partei für Losdemokratie

Ibrahim nennt dieses Gespräch als letzten Anstoß zu seiner Partei, und wer die Linie zurückverfolgt, sieht, wie weit die Idee in drei Jahren gewandert ist. Blom wollte geloste Bürgerversammlungen, die wie Geschworene beraten und das Parlament ergänzen. Ibrahim will geheim tagende Losgremien, die entscheiden, und nennt die gewählte Ordnung im Ganzen eine Aristokratie. Bloms „neuer Adel“ sitzt im Vermögen und im Steuerrecht, Ibrahims Aristokratie im Wahlverfahren selbst. Aus einem Reformvorschlag ist eine Systemfrage geworden.

→ Wie kann Demokratie funktionieren?

Im Streit um das Los antwortet Blom auf den Einwand, dass niemand einen gelosten Rat abwählen kann: Sein Mittel gegen Machtmissbrauch ist Betroffenheit. Wer ausgelost ist, macht keine Karriere daraus und muss mit den Folgen leben. Seine Tagesschau-These ergänzt die Frage, was Demokratie von ihren Bürgern braucht, um eine Voraussetzung, die dort noch fehlt: einen gemeinsamen Faktenboden.

→ Andreas Reckwitz — Fortschritt NEU DENKEN

Beide leiten den Fortschrittsglauben aus derselben Quelle ab, säkularisierte Heilsgeschichte bei Reckwitz, umetikettierte Theologie bei Blom, und beide finden ihn im Kreditvertrag wieder, der eine bessere Zukunft voraussetzen muss. Blom verlängert die Linie bis zum Bibelsatz und macht die Naturbeherrschung zum Kern. Sein „Siegen macht dumm“ ist Reckwitz' blinder Fleck Verlust, erzählt aus der Sicht des Siegers. Reckwitz will lernen, Verlust zu tragen. Blom hofft auf einen neuen „Metabolismus“ und bleibt damit womöglich selbst in der Heilsgeschichte, die er kritisiert.

→ Hartmut Rosa — Resonanz und Unverfügbarkeit

Rosas Programm der Moderne, die Welt verfügbar zu machen, bekommt bei Blom eine Vorgeschichte von fünftausend Jahren: vom Gilgamesch, der den Waldgeist erschlägt, bis zu den „Externalitäten“ der Ökonomen. Rosas Umschlag in monströse Unverfügbarkeit kehrt bei Blom als Vierjähriger mit der Kalaschnikow wieder und als Zauberlehrling vor der KI. Seine Deutung von gift und Gift, das Geschenk bindet, Geld schneidet ab, ist eine Ergänzung, die Rosa selbst nicht hat.

→ Walther Ziegler — Adorno in 60 Minuten

Die Dialektik der Aufklärung beginnt mit dem Satz, Aufklärung wolle „die Menschen als Herren einsetzen“. Blom liefert die theologische Vorgeschichte dazu und erzählt sie als Kontinuität: Die Aufklärung schlägt nicht in den Mythos zurück, sie hat ihn nie verlassen, nur das Argument wechselt von der Seele zur Vernunft. Adorno bestreitet jeden unverseuchten Standpunkt. Blom bietet mit Wir sind Natur einen Ausweg an, den Adorno vermutlich als neue Versöhnungsformel beargwöhnt hätte.

→ Tilo Wesche — Rechte der Natur, Eigentum & Kolonialismus

Blom beschreibt, wie der Bibelsatz der Erde ihre Handlungsmacht nahm: „die will nichts, die sagt nichts, sie hat doch keine Rechte“. Wesche gibt ihr genau diese Rechte als juristische Kategorie zurück. Beide umgehen den Animismus auf dieselbe Weise: Blom ersetzt Zeus durch Systemwissen, Wesche schreibt dem Fluss einen Anspruch auf Erhalt zu, ohne zu fragen, was er will. Bloms Unterscheidung zwischen Nehmen und Unterwerfen bekommt bei Wesche eine rechtliche Form.

→ Gert Scobel — Die gefährlichste Frage unseres Lebens

Derselbe Satz, Deus sive natura, zwei entgegengesetzte Folgerungen. Bei Scobel und Hampe entlastet er von der Frage nach dem Wozu, weil alle Zwecke Fiktionen sind. Bei Blom ist er eine politische Absage: Es gibt keinen Ort außerhalb der Natur, von dem aus man sie beherrschen könnte. Hampes Einwand trifft Blom trotzdem. Wir ertragen es schlecht, nur Teil einer Umbildung zu sein, und Bloms Hoffnung auf einen neuen Metabolismus ist selbst ein Zweck.

→ Martyna Linartas — Unverdiente Ungleichheit

Linartas liefert die Verteilung, die Bloms Rechnung „zurück zum Energieverbrauch von 1960“ verschweigt, und den Befund hinter dem Pony-Mädchen: die Erbengesellschaft. Beide greifen zum Theater, bei Linartas das Stück Neoliberalismus, bei Blom die Kulissen der Demokratie, hinter denen ein anderes Stück läuft. Beide bleiben Reformer mit Piketty im Rücken, keiner will den Markt abschaffen.

→ Jens-Christian Wagner — Buchenwald und deutsche Erinnerung

Bloms These, dass Vermeidungshaltungen wie das „Nie wieder“ nach zwei bis drei Generationen verblassen, beschreibt genau die Lage, in der Wagner arbeitet: Die Zeitzeugen sterben, die Rhetorik bleibt, der Revisionismus wächst. Was Blom als historisches Muster konstatiert, versucht Wagner als Gedenkstättenleiter aufzuhalten.

→ Philipp Blom — Die strauchelnde Welt

Drei Jahre später sitzt Blom beim STANDARD und hat sich entschieden: Social Media und Demokratie können nicht miteinander leben, 100 Millionen sind genug pro Kopf, und Diktaturen beginnen mit Leuten, die einen Job machen. Die Fortsetzung macht aus dem „neuen Adel“ und den Kulissen der Demokratie ein Programm für Europa.

→ Philipp Blom — DenkerVita

→ Bartunek — Tillschneider vor der Synagoge in Halle

Wenn die Prägung den Träger wechselt, wird der Ritus zum Kampfplatz. In Halle stritten 2026 Studierende und ein AfD-Landtagsvize um den Zutritt zum Gedenken, und ein AfD-Politiker drohte, die Gedenkkultur über Fördergelder zu „ändern“.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
  • Wenn wir nur durch dissonante Erfahrungen lernen und nie durch kluge Argumente: Was taugt dann eine Note wie diese, und was eine Bibliothek?
  • Blom will die Klimadebatte entmoralisieren und urteilt zugleich über ein Mädchen, das sich sein Pony „genug gewünscht“ hat. Geht Politik ohne Moral, oder verlegt er die Moral nur von der Schuld auf die Struktur?
  • Die Animisten hatten recht, sagt Blom, nur ohne Wissenschaft. Wenn die Einsicht „Wir sind Natur“ ohne Ehrfurcht vor Waldgeistern auskommen muss: Reicht Systemwissen, um uns zu bremsen, oder braucht es wieder etwas, das uns heilig ist?
  • Degrowth klinge sympathisch, sagt er, aber nach Putins Überfall brauche man Geld für Verteidigung. Ist die Rückkehr der Geschichte das stärkste Argument für Wachstum, oder das stärkste gegen eine Welt, die sich auf Wachstum verlassen hat?
  • Wenn Vermeidungshaltungen zwei bis drei Generationen halten: Was wäre heute eine Vermeidungshaltung, die unsere Enkel vor dem schützt, was wir noch nicht erlebt haben?

Von hier einen Faden gehen7 Stationen, rückwärts durch den Bestand

Im Bestand

Warum wählen Menschen…Wie kann Demokratie…Ardalan IbrahimDie Partei für LosdemokratiePhilipp BlomDenkerVitaHarald WelzerTötungsarbeitAndreas ReckwitzFortschritt NEU DENKENHartmut RosaResonanz und UnverfügbarkeitWalther ZieglerAdorno in 60 MinutenTilo WescheRechte der Natur, Eigentum &…Gert ScobelDie gefährlichste Frage unseres…Martyna LinartasUnverdiente UngleichheitJens-Christian WagnerBuchenwald und deutsche ErinnerungPhilipp BlomDie strauchelnde WeltTillschneider vor der…Wie handelt eine Demokratie?ForschungWer bestimmt, wie erinnert…Robin CelikatesFaschisierung, Hoffnung und die…Herfried MünklerDie Sehnsucht nach OrdnungAlles wird StromWarum Millionen…

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