GedankenraumTom Krebs — Wege aus der Krise, Vergesellschaftung und neoliberale Märchen
Ein Makroökonom aus dem Innern des Fachs nennt dessen Leitbild ein Märchen, rechnet Berlin die Vergesellschaftung vor und liest den Aufstieg der AfD an Energiepreisen ab. Am Tisch sitzt keine Gegenstimme.
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Ben Shahn — Shahn hat für den New Deal Wandbilder gemalt, Arbeiter, Siedlungen, Sozialversicherung, also genau die Epoche, in der ein Staat zuletzt mit Absicht plante und baute. Darum seine Hand für eine Note über die „geplante Marktwirtschaft“: flache Tempera, klare Kontur, drei Tafeln nebeneinander. Links zeigt ein Ökonom auf eine Kreidekurve, aus der ein Märchenschloss wird, das Referenzmodell. In der Mitte steht der Strommast, an dem Arbeiter die Leitungen zu den Mietblocks ziehen, das natürliche Monopol. Rechts sitzt eine Familie im Mantel unter einer nackten Glühbirne, die Mutter hält die Rechnung, das Kind haucht in die kalte Küche. Aus dieser Küche liest Krebs den Aufstieg der AfD ab. Das Ergebnis erinnert eher an eine Illustration der Jahrhundertmitte als an Shahns drahtige Linie, trägt aber die Geschichte.
Prompt: Wide panoramic mural painting in the manner of Ben Shahn's New Deal murals: flat egg tempera on gesso, wiry expressive black contour lines, muted palette of brick red, ochre, slate blue and chalky white, matte surface. On the left, a thin economist in a dark suit stands at a green blackboard and points at a neat chalk diagram of two crossing curves drawn so that it forms a small fairy-tale castle with turrets. In the center, a huge steel electricity pylon rises over the scene, its cables sagging across to a row of plain brick apartment blocks, two workers in overalls climbing the pylon. On the right, in a bare kitchen under a single hanging bulb, a family in winter coats sits at a table, the mother holding a long paper bill, a child's breath visible in the cold air. Faces simplified and stylized, not realistic. No text, no letters, no numbers, no signature, no monogram, no initials anywhere.
Ein Makroökonom aus dem Innern des Fachs nennt dessen Leitbild ein Märchen, rechnet Berlin die Vergesellschaftung vor und liest den Aufstieg der AfD an Energiepreisen ab. Tom Krebs hat an der Columbia promoviert, fünfzehn Jahre in den USA geforscht und sitzt heute in der Mindestlohnkommission. Knapp vier Stunden entwirft er bei Tilo Jung eine „geplante Marktwirtschaft“: mehr öffentliches Eigentum, Preisbremsen in der Krise, Industriepolitik mit Absicht statt aus Versehen. Seine These zum Rechtsruck ist die schärfste des Abends: Die AfD sei in drei Schüben gewachsen, und jeder Schub folge einem wirtschaftspolitischen Versäumnis. Am Tisch sitzt niemand, der widerspricht. Die Einwände kommen erst aus dem Chat, und dort weicht Krebs an den entscheidenden Stellen ehrlich aus: Wohin der Weg am Ende führt, lässt er offen.
Quelle: Tom Krebs über Wege aus der Krise, Vergesellschaftung & neoliberale Märchen — Jung & Naiv: Folge 853 — veröffentlicht am 24.09.2026, 3:46 Stunden, aufgezeichnet wenige Tage nach der Berlin-Wahl, mit Publikumsfragen via Hans Jessen
Tom Krebs (aufgewachsen in Hamburg, Jahrgang 1963 nach dem Gespräch, 1965 nach Wikipedia) — Professor für Makroökonomik und Wirtschaftspolitik an der Universität Mannheim, seit 2022 wissenschaftliches Mitglied der Mindestlohnkommission, berufen auf Vorschlag der Gewerkschaften, dort beratend und ohne Stimmrecht. Sohn eines Psychologieprofessors, Wehrdienst bei der Marine, Physikdiplom in Hamburg (1990), nebenbei ein Vordiplom in Volkswirtschaft. Promotion an der Columbia University (1995), danach Professuren an der University of Illinois, der Brown University und in Syracuse, als Berater und Gastforscher bei Weltbank und IWF. Seit 2006 in Mannheim, wo er heute das Kompetenzzentrum für Transformationsforschung leitet. Nach eigener Auskunft war er zwanzig Jahre lang ein gewöhnlicher Modellökonom mit Papieren für fünf Leser. Erst seit gut zehn Jahren mischt er sich ein: mit einer Investitionsagenda für Deutschland, 2019/20 als erster Gastprofessor im Bundesfinanzministerium unter Olaf Scholz, dann mit Fehldiagnose (2024) gegen die eigene Zunft und jetzt mit Kapital und Krise (2026) für einen Gegenentwurf. Seit der Energiekrise schreibt er mit Isabella Weber über Preisbremsen. Seine Studien zu Stromnetzen und zu Berlin sind von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung gefördert oder am IMK erschienen.
Tilo Jung — fragt aus offen linker Haltung und trägt an mehreren Stellen eigene Thesen vor, denen Krebs nur teilweise folgt. → DenkerVita Hans Jessen — sammelt die Fragen aus dem Chat und stellt die kritischsten. → DenkerVita
Die Märchenwelt des Referenzmodells
1:30 — Krebs beginnt mit einer Unterscheidung, die er den ganzen Abend verteidigt. Die ökonomische Fachliteratur kennt fast alles: Überreaktionen der Finanzmärkte, Marktmacht, die Nachfrage als Motor, gute Gründe für öffentliches Eigentum an Netzen. Wenn aber Ökonomen in der Öffentlichkeit sprechen, fallen sie auf ein einziges Bild zurück, das Modell aus der Einführungsvorlesung. Ein Markt koordiniert Millionen Entscheidungen optimal, der Staat darf korrigieren, wo es Externalitäten gibt, und im Übrigen gilt:
„Der Staat, der muss vielleicht umverteilen, aber nur der Markt schafft Wohlstand.“ 2:16
Im Gespräch — 2:16
Das Modell selbst hält Krebs für brauchbar, als Maßstab, gegen den man die Wirklichkeit misst. Gefährlich werde es, wenn man es für die Wirklichkeit hält. Dann entstehen, was er „Kalendersprüche“ nennt: Der Staat sei der schlechtere Unternehmer, man müsse Preise wirken lassen. „Hört sich erstmal toll an, ja, dass sie dann vielleicht frieren müssen oder dass die Unternehmen die Produktion runterfahren. Das kommt dann nicht vor“ 12:52.
Sein Kronzeuge ist ausgerechnet Kenneth Arrow, der die unsichtbare Hand 1954 mit Gérard Debreu mathematisch bewiesen und 1972 den Nobelpreis bekommen hat. Arrow habe gesagt, er habe die Annahmen aufgeschrieben, unter denen das Modell gilt, und festgestellt, „all diese Annahmen treffen natürlich nicht zu“ 97:59. Der Beweis war als Warnung gemeint und wird heute als Freibrief zitiert.
Von dort ist es nur ein Schritt zum härtesten Satz der ersten Minuten: Die meisten Mainstream-Ökonomen seien „eigentlich die Sprachrohre des Kapitals […], aber sie geben sich wissenschaftlich neutral, und das stört mich schon etwas“ 3:01. Hier kippt Krebs' Kritik. Solange er über Denkgewohnheiten spricht, über ein Fach, das seine Annahmen nicht offenlegt, ist er präzise. Sobald er Motive unterstellt, macht er, was er den anderen vorwirft: Er setzt das Ergebnis voraus. An einer Stelle nimmt er es selbst zurück. Die Kollegen, die sich nie öffentlich äußern, stimmten ihm im Gespräch meist zu, „natürlich ist das viel zu vereinfacht“, sagten es aber nie laut 18:11. Das klingt weniger nach Verschwörung als nach Karriere.
Zwei Leute im Hörsaal
26:31 — Wie ein Ökonom so wird, erzählt Krebs an sich selbst. Aufgewachsen in Hamburg, der Vater Psychologieprofessor, Wehrdienst bei der Marine aus Überzeugung, „Abschreckung braucht man“, damals im Kalten Krieg. Dann Physik, weil sie versprach, alles zu erklären, und die Einsicht, dass ihn Elementarteilchen weniger interessieren als Gesellschaft. Die Wirtschaftswissenschaft bot beides, Mathematik und Menschen.
An der Columbia lernt er, was dort zählt. Beim Aufnahmetest ist das Fachwissen gleichgültig, der allgemeine Mathematikteil entscheidet. Ideengeschichte, Marx, Hayek im Original, Wirtschaftsgeschichte, Klima: kommt im Programm nicht vor oder nur als Wahlfach. Edmund Phelps, der später den Nobelpreis bekam, hielt eine Vorlesung über den Kapitalismus als Ganzes. „Da saßen dann zwei Leute drin, weil damit bekommst du keinen Job, selbst wenn es Phelps ist“ 45:28. Das Ziel der Ausbildung sei der „Jobmarket“, und dort helfe nur die Methode.
Macht komme im Fach vor, räumt er ein, als Marktmacht von Monopolen, gegen die das Kartellamt hilft. Wie wirtschaftliche Macht zu politischer wird, bleibe draußen. Dreißig Jahre habe er gebraucht, um das zu sehen, und Tilo fragt zu Recht, warum. Krebs antwortet ohne Pose:
„Wenn jemand in solch einer Position ist, eine Professur hat, lebenslang, mir kann ja fast nichts passieren – sollte es nicht wirklich meine Aufgabe sein, den Mund aufzumachen?“ 42:25
Hören — 42:25
Man kann darin eine Anklage an die Kollegen lesen. Man kann auch das Eingeständnis hören, dass er selbst erst Erfolg haben musste, bevor er sich den Widerspruch leisten konnte. Beides ist wahr, und das Zweite macht ihn glaubwürdiger als das Erste.
Wenn die Unkündbarkeit erst den Widerspruch erlaubt: Was sagt das über ein Fach, in dem man dreißig Jahre schweigen muss, bevor man sprechen darf, und über die, die nie so weit kommen?
Polanyis Pendel
59:53 — Krebs ordnet sich keiner Schule zu. Er nimmt, was trägt, von der Neoklassik über Keynes bis Marx, und den wichtigsten Gewährsmann hat er erst spät gelesen: Karl Polanyi, den ungarisch-österreichischen Wirtschaftshistoriker, dessen Great Transformation 1944 erschien. Polanyi beschrieb eine Doppelbewegung. Erst dehnt sich der Markt auf immer mehr Lebensbereiche aus, macht Arbeit, Boden und Geld zur Ware und die Menschen unsicher. Dann kommt die Gegenbewegung, die Gesellschaft schützt sich, und wenn niemand sonst den Schutz anbietet, bieten ihn die Extremen.
„Diese Gegenreaktion beschrieben natürlich vor 80 Jahren, aber das passt so gut auf die aktuelle Situation der letzten 10 Jahre.“ 62:08
Hören — 62:08
Krebs zählt drei Schritte auf: große Verunsicherung durch das neoliberale Modell, Ökonomen, die darauf nur „mehr davon“ verschreiben, und eine Gegenreaktion, die heute rechts steht. Die extreme Rechte habe wirtschaftlich nichts zu bieten, im Grunde das FDP-Programm, aber sie stelle den Status quo infrage, und dafür werde sie gewählt.
Ein Interview von 2023, in dem er das Ende der neoliberalen Ära ausgerufen hatte, korrigiert er, als Tilo es ihm vorhält. Der Neoliberalismus sei seit 2008 auf dem Rückzug, „aber es hat sich kein Gegenentwurf entwickelt“ 65:58, außer dem der AfD, den er „unhumanistisch und faktisch falsch“ nennt. Auch der Keynesianismus reiche nicht. Wer nur „mehr Kredite“ fordere, bekomme, was jetzt geschehe: Kredite für Panzer. Schwarz-Rot betreibe hohe, schuldenfinanzierte Militärausgaben, dazu Sozialkürzungen und die Forderung, mehr zu arbeiten. „Es ist total Reaganomics, was wir wieder machen“ 69:02.
Der Rückgriff auf Polanyi ist klug, weil er den Rechtsruck als Reaktion erklärt, ohne die Wähler zu verachten. Er hat aber einen blinden Fleck, den Krebs nicht anspricht: Polanyis Gegenbewegung war auch kulturell, sie verteidigte Zugehörigkeit, nicht nur Einkommen. Wie weit die ökonomische Hälfte der Erklärung trägt, ist die offene Frage des ganzen Abends.
Die geplante Marktwirtschaft
70:35 — Aus der Kritik baut Krebs im neuen Buch Kapital und Krise einen Gegenentwurf, den er bewusst mit einem Reizwort benennt: die geplante Marktwirtschaft. Gemeint ist ein gemischtes System, wie es DGB und SPD einmal programmatisch vertraten, mit einem Staat, der vorausschaut und selbst Wohlstand schafft. „Um gestalten zu können, musst du auch planen“ 73:37. Die sozialistische Planwirtschaft sei das nicht, es bleibe der Markt und es bleibe privates Eigentum, nur deutlich weniger davon als heute.
Daraus folgen fünf Forderungen 76:42: umfassende Energiepreisbremsen in Krisen, eine strategische Industriepolitik, eine massive Ausweitung des öffentlichen Eigentums in Daseinsvorsorge, Infrastruktur und Teilen der Grundstoffindustrie, die Besteuerung großer Vermögen und stärkere Arbeitnehmerrechte.
Der interessanteste Teil ist die Frage, wo die Grenze liegt. Tilo würde die ganze Daseinsvorsorge der Profitlogik entziehen, „weil dann immer ein Teil davon abgezwackt wird für Profit“. Krebs will die Linie begründen, Sektor für Sektor. Privateigentum habe einen Vorteil, der Wettbewerb bringe unter den richtigen Bedingungen Innovation. Es habe einen Nachteil:
„Auf der anderen Seite ist Privateigentum oder privates Eigenkapital, also das, was Blackrock gibt, das Finanzkapital, immer teuer.“ 79:45
Hören — 79:45
Wo es viel Innovation durch Wettbewerb gibt, lohnt der Preis. Wo es keine gibt, zahlt man die zweistellige Rendite umsonst. Das Kriterium ist ökonomisch sauber, fast neoklassisch, und genau darin liegt seine Stärke gegenüber dem bloßen Bekenntnis. Es hat nur eine Kehrseite, die Krebs selbst streift: Er weiß nicht, wo der Weg endet. „Wobei ich bin mir nicht sicher, wenn wir erstmal da sind, gehe ich vielleicht auch weiter“ 82:48.
Wo kein Wettbewerb ist, kostet das Kapital nur
80:31 — Am Stromnetz führt Krebs vor, was er meint. Ein Netz ist ein natürliches Monopol, eine zweite Leitung neben die erste baut niemand. „Im Stromsektor haben wir einen regulierten Monopolisten“: Die Bundesnetzagentur legt fest, was die Netzbetreiber verlangen dürfen. Trotzdem wurden die Übertragungsnetze teilweise privatisiert, und nun säßen dort Blackrock und andere Finanzinvestoren, die zweistellige Renditen verlangen (Faktencheck: vereinfacht). Das Argument der Gegenseite heißt Risiko. Krebs hält dagegen, er habe zwanzig Jahre über Risiko geforscht, und eine eigene Studie zeige: Die Renditen der Übertragungsnetzbetreiber sind zweistellig, „und das Risiko ist null, fast null“ 82:48 (Faktencheck: falsch). Ausgerechnet seine eigene Studie nennt für die vier Übertragungsnetzbetreiber sieben bis neun Prozent. Zweistellig sind die Renditen bei den großen Verteilnetzbetreibern. Das Argument überlebt die Korrektur in kleinerem Maßstab, denn schon sieben bis neun Prozent nennt die Studie für ein reguliertes Monopol „sehr hoch“. Die Folge für den Kunden: „Du bekommst also entweder nur hohe Preise oder schlechte Qualität, weil privates Eigenkapital einfach zu teuer ist“ 81:18.
Öffentlich-private Partnerschaften hält er für „toxisch“ 100:17, und beim Netzausbau bis 2037 rechnet er mit Milliarden, die aus dem Infrastruktur-Sondervermögen als Zuschuss an private Eigentümer fließen. Die empirische Literatur zur Privatisierung, rund fünfzig Studien, zeige fast keine Verbesserung. Wo es Effizienzgewinne gab, kamen sie vom Aufbrechen vertikal integrierter Konzerne, und das hätte man auch in öffentlicher Hand haben können.
Dann kommt der Einwand, den jeder kennt: die Deutsche Bahn, ein Staatskonzern. Tilo antwortet mit der BVG, die als Daseinsvorsorge fährt und deren Verluste das Land Berlin trägt. Krebs zieht daraus die bessere Lehre. Öffentliches Eigentum allein genüge nicht, der Eigentümer müsse auch wollen, „darf nicht neoliberal verwirrt sein“ 104:05. Die Bahn sei als Aktiengesellschaft auf Gewinn getrimmt worden, und die Stadtwerke klagten gemeinsam mit Eon gegen die Bundesnetzagentur, wenn sie die zulässige Rendite senke. Die Kommune als Eigentümerin verhalte sich dann wie Blackrock, nur dass das Geld in Schwimmbäder statt an Aktionäre fließe.
Das ist die ehrlichste Stelle des Gesprächs, weil sie seine eigene Lösung belastet. Wenn öffentliche Eigentümer denselben Renditehunger entwickeln, reicht die Eigentumsfrage nicht. Dann entscheidet die Haltung derer, die das Eigentum verwalten, und die lässt sich schwerer verstaatlichen als ein Netz.
Krebs will Vorstände auswechseln, die „neoliberal verwirrt“ sind. Wer entscheidet in einer geplanten Marktwirtschaft, welche Haltung ein öffentlicher Manager haben muss, und was hindert die nächste Regierung, die Haltung wieder zu tauschen?
Der zweite Grund: Wer die Richtung bestimmt
85:05 — Tilo drängt weiter. Google, Instagram, X seien längst Daseinsvorsorge, sie gehörten in demokratische Hand und nicht zu Musk oder Bezos. Krebs geht mit, aber mit einer Unterscheidung. Das Kostenargument greift hier nicht, vielleicht böte Musk seine Dienste sogar billig an. Es gibt einen zweiten Grund für öffentliches Eigentum, und der betrifft die Richtung:
„Wir können natürlich nicht in einer Demokratie [hinnehmen], dass so essentielle Güter oder Dienstleistungen wirklich gelenkt werden können von einigen wenigen.“ 88:09
Im Gespräch — 88:09
Bei der KI sei dieser Punkt erreicht, bei den sozialen Medien teilweise, und aus Gründen der Resilienz auch beim Stahl. Die Umsetzung nennt er „immer schwierig“, das Prinzip klar.
Den nächsten Schritt geht Tilo allein. Er zitiert das Ahlener Programm der CDU von 1947, das die Vergesellschaftung der Rüstungsindustrie verlangt habe (Faktencheck: falsch; gefordert war sie für Bergbau und eisenschaffende Großindustrie), und fragt, ob man Rheinmetall und Heckler & Koch nicht vergesellschaften müsse. „Das steht auch im Buch“, sagt Krebs 94:14: Wenn Verteidigung die Staatsaufgabe schlechthin ist, ergebe ihre Privatisierung nur in einem Weltbild Sinn, in dem der Staat passiv sein soll. Beim Patentrecht bremst er dagegen. Tilo will kein Patent auf öffentlich geförderte Impfstoffe wie den von BioNTech. Krebs antwortet, ohne Patente gebe es kaum private Forschung, weil jeder sofort kopieren könne, und wo die richtige Mitte liege, „das ist ja die große Frage“ 91:14.
Der zweite Grund ist der politisch stärkere, und er ist schwerer zu begrenzen als der erste. Wer „Lenkung durch wenige“ zum Maßstab macht, findet sie fast überall, wo Konzerne groß sind. Krebs hat für Netze eine Rechnung, für Plattformen und KI nur eine Richtung.
Berlin: 13 oder 30 Milliarden
107:54 — Konkret wird es in Berlin. Nach der Wahl vom 20. September wollen Linke, Grüne und SPD sondieren, und die Vergesellschaftung von rund 210.000 Wohnungen großer Konzerne nach Artikel 15 des Grundgesetzes steht im Raum. Der Artikel wurde noch nie angewendet. Krebs versteht, warum die Immobilien- und Finanzwirtschaft geschlossen dagegensteht: Es wäre ein Präzedenzfall, und Artikel 15 gilt nicht nur für Wohnungen. Er selbst begründet seine Unterstützung eng. Berlin brauche einen Bestand an einfachen, mietgebundenen Wohnungen, und mit öffentlichem Neubau dauere das dreißig Jahre.
Der Kern ist die Entschädigung. Den Marktwert von rund 30 bis 35 Milliarden Euro müsse das Land nach Artikel 15 nicht zahlen, das habe auch die Expertenkommission bestätigt (in seiner Lesart: Es war ein Mehrheitsvotum, drei Mitglieder verlangten den Verkehrswert als Ausgangspunkt, eine Summe nannte die Kommission nicht), und dann könne man gleich Vonovia fragen, was es verlangt. Krebs rechnet mit einem Ertragswert 123:53: Man nehme die Mieten der landeseigenen Gesellschaften, im Schnitt gut sieben Euro netto kalt für 63 Quadratmeter, lasse sie vierzig Jahre lang nur mit der Inflation steigen, ziehe die Instandhaltung ab und frage, was eine Wohnung unter diesen Bedingungen wert ist. Heraus kommen 13 bis 15 Milliarden, am oberen Rand dessen, was die Initiative ansetzt (8 bis 18 Milliarden). Dann trage sich die Rechnung aus den Mieten selbst, Zinsen und Tilgung eingeschlossen, ohne Kürzungen im Haushalt, und nach vierzig Jahren gehören die Wohnungen der Stadt.
„Für 13 bis 15 Milliarden dürfen wir zahlen, aber nicht 30, und das ist es.“ 128:25
Im Gespräch — 128:25
Die Studie dazu kündigt er für zwei Tage später an, ausdrücklich, „damit auch die SPD dann mal informiert ist“. Sie erschien am 25. September beim IMK, mit Sebastian Dullien, Patrick Kaczmarczyk und Achim Truger, und setzt 13,5 Milliarden an. Übernehmen sollen die Wohnungen die landeseigenen Gesellschaften, keine neue Anstalt, wie die Initiative sie will. Deren Spitzenkandidat Steffen Krach habe in derselben Sendung zwei Dinge gesagt, die falsch seien. Tilo nennt Monika Schnitzer, die Vorsitzende der Wirtschaftsweisen, und Krebs sagt, sie habe sich gewiss nicht mit den Zahlen beschäftigt, es habe „ja gar keine Zahl“ gegeben außer der der Initiative (Faktencheck: falsch; die Senatszahl hatte er acht Minuten zuvor selbst genannt). Den Sachverständigenrat würde er abschaffen und nicht umbesetzen, obwohl eines seiner Mitglieder, Achim Truger, die Berlin-Studie mitgeschrieben hat: „Es gibt diese Neutralität nicht, aber die wird ja vorgetäuscht“ 130:41.
Die Rechnung ist in sich schlüssig, und ihre Schwachstelle liegt offen: Sie hängt an einer einzigen Zahl, dem Entschädigungspreis. Ob ein Gericht einen Wert von weniger als der Hälfte des Marktwerts hält, ist juristisch offen. Das Berliner Vergesellschaftungsrahmengesetz vom März 2026 nennt den Verkehrswert als Ausgangspunkt. Der Landesrechnungshof kam 2024 zum Verkehrswert auf 42 Milliarden und sah selbst bei 8 bis 11 Milliarden Defizite in der Bewirtschaftung. Das Kiel Institut rechnet am 29. September, im Auftrag Berliner Wirtschaftsverbände, mit 20 Milliarden. Der Streit hängt an den Annahmen zu Instandhaltung und Mieten, und jede Seite wählt die Zahl, die sie trägt. Krebs spricht darüber, als sei die Rechtsfrage entschieden. Entschieden ist sie erst, wenn Karlsruhe gesprochen hat. → Wie sich die Zahlen gegenüberstehen, zeigt auch die Nachbesprechung in der Eralp-Note.
Die ganze Rechnung trägt nur bei 13 statt 30 Milliarden. Ist eine Politik, deren Gelingen an einem einzigen Gerichtsurteil hängt, ein Plan oder eine Wette, und wer trägt den Verlust, wenn die Wette verloren geht?
Drei Schübe für die AfD
139:52 — Die zentrale These des Abends verbindet Wirtschaft und Demokratie. Ökonomische Verunsicherung erhöhe die Abstiegsangst, und wenn der Staat in den Augen der Menschen nicht angemessen reagiere, profitiere sehr häufig die extreme Rechte. Krebs belegt das mit einer Chronologie in drei Schüben.
Der erste kam im Sommer 2022, von etwa zehn auf fünfzehn Prozent: Nach dem russischen Angriff explodierten die Energiepreise, die Bundesregierung lehnte eine Preisbremse zunächst ab, die Ökonomen applaudierten, und als sie im Herbst doch kam, war es zu spät. Der zweite kam im Frühjahr und Sommer 2023, auf zwanzig Prozent: der Streit ums Heizungsgesetz, den es nur gab, weil Christian Lindner kein Geld für die Förderung bereitstellte, sodass über Verbote geredet wurde statt über Zuschüsse. Der dritte kam mit Schwarz-Rot, auf 28 Prozent und Platz eins: Die Wirtschaft wurde nicht in Schwung gebracht, und die Reformdebatte verunsicherte die Menschen zusätzlich.
„Verunsicherung der Menschen, ökonomische Verunsicherung. Regierung tut nichts, in den Augen der Menschen wenigstens. AfD profitiert.“ 142:14
Hören — 142:14
Daraus folgt für ihn eine Politik gegen die AfD, die bei den Preisen ansetzt. „Wir werden die Strompreise nicht runterkriegen. Wir werden die Mietpreise nicht runterkriegen in diesem Segment, wo die mittleren und unteren Einkommen sind, ohne dass wir diese Privatisierung jetzt zurückdrehen“ 144:30. Deshalb sei Berlin so wichtig. „Wenn das nicht klappt, dann werde ich meinen Glauben verlieren“ 162:40.
Merz' Antwort auf die Landtagswahlen, die Reformen jetzt erst recht, hält er für Brandbeschleunigung. Tilo trägt dazu eine These vor, die ihm ein Sozialdemokrat erzählt habe: Im Kern gehe es darum, dass die Unproduktiven früher sterben. Krebs nimmt die Zuspitzung nicht auf. Er erinnert daran, dass es einen echten Finanzierungsdruck gibt, wenn man alles andere festhält, und dass man ebenso gut das Rentensystem anders bauen könne, wie Schweden.
Die Chronologie ist bestechend, und gerade deshalb verdient sie Misstrauen. Im Herbst 2023, als die AfD auf 22 Prozent stieg, war Migration das zweitwichtigste Thema, die Asylerstanträge wuchsen um die Hälfte, und davon ist bei Krebs nur als Sündenbock-Erzählung der AfD die Rede. Der dritte Schub kam im März und April 2025, in den Wochen der Schuldenbremsenreform und vor dem Amtsantritt von Schwarz-Rot. Am besten trägt der erste Schub: Haushalte, deren Stromabschlag 2022/23 überdurchschnittlich stieg, unterstützten danach häufiger die AfD, auch dort, wo der Staat großzügig ausglich (→ Faktencheck). Die Forschung gibt beiden Erklärungen Raum. Dass Krebs nur die eine prüft, macht sie nicht falsch, aber unvollständig.
Wo Krebs Tilo widerspricht
24:15 — Weil niemand am Tisch die Gegenseite vertritt, lohnt der Blick auf die Stellen, an denen Krebs dem Gastgeber nicht folgt. Die erste betrifft das Wachstum. Tilo spricht vom „Wachstumswahn auf einem endlichen Planeten“. Krebs hat, wie er sagt, „eine etwas andere Position“. Ob die Welt hundert Jahre wachsen kann, sei eine andere Frage. Ihm gehe es um die nächsten dreißig Jahre in Europa, und wenn man dort massiv in Klimaneutralität investiere, werde das Statistische Bundesamt Wachstum messen, „ob wir das nur wollen oder nicht“. Das sei nicht sein Ziel, „aber es wird kommen“ 25:00. Das Bruttoinlandsprodukt verteidigt er als Indikator: Sechs Jahre Stagnation zeigten, dass etwas schiefläuft.
Die zweite betrifft Verbote. Tilo will in der Klimapolitik mehr verbieten, weil zu lange nichts geschehen sei. Krebs setzt für das deutsche Ziel, Klimaneutralität 2045, auf Investitionen und positive Förderung und lobt ausgerechnet den frühen Plan der Ampel unter Habeck, bevor die Energiekrise ihn überrollte 157:22. Die dritte ist das Patentrecht, die vierte die Basisdemokratie, über die er später mit dem Chat streitet.
Diese Stellen zeigen einen Ökonomen, der seine Zunft angreift und ihr Handwerk behalten hat. Er denkt in Anreizen, Renditen und Skalenerträgen und benutzt sie für linke Ziele. Das macht ihn für seine Kollegen unbequemer als jeden Kritiker von außen, weil er ihre Sprache spricht. Es macht ihn auch für Tilo nicht ganz bequem.
Publikumsfragen
Hans Jessen übernimmt nach knapp drei Stunden. Der Chat sei „sehr breitbandig“ gewesen, von Traditionsmarxisten bis zu Anarchokapitalisten, mit viel Zustimmung und „wüster Beschimpfung“ 166:28. Die kritischsten Einwände des Abends kommen aus dieser Runde, und Jessen legt oft mit eigenen Nachfragen nach.
Warum sieht das Buch aus wie ein Piketty? (Jessens eigene Frage) 164:10 — Der Verlag habe das Cover vorgeschlagen, Krebs habe die Ähnlichkeit erst gar nicht bemerkt. Jessen erzählt dazu von einer antiquarischen Ausgabe des Kapitals, deren Quittung aus einer Berliner Gewerkschaftsbuchhandlung vom Tag nach Hitlers Machtergreifung stammt. Das Cover stehe in dieser Tradition.
Welche Korrektive braucht es, wenn der Markt beim Fortbestand der Menschheit „eher ein Idiot“ ist? 167:15 — Einen gestaltenden Staat, gerade in der Transformation, weil sich die gesamte Richtung ändern soll. Klimaneutralität als Ziel genüge nicht. Die Regierungen müssten sagen, welche Sektoren wachsen und was Europa selbst produzieren will: Windräder nur aufstellen oder auch bauen, Elektrolyseure für grünen Wasserstoff kaufen oder herstellen?
Welche Sektoren braucht Europa? 169:32 — Jessen fragt nach den etwa vier Sektoren aus dem Buch. Krebs nennt zwei Kategorien. Grundstoffe wie Stahl, die am Anfang der Wertschöpfung stehen und die man zwar importieren könnte, deren Fehlen im Ernstfall aber die ganze Wirtschaft lähmt. Und Bereiche, in denen Deutschland noch Fähigkeiten hat: Windkraftanlagen, Elektrolyse. Die Solarindustrie sei verloren, „da ist der Zug abgefahren“. Autarkie sei nicht sein Modell, er wolle eine Zukunft, „wo das wenigstens noch möglich wäre“, mit Handel. Derzeit sende die Regierung nur ein Signal an die Industrie: Überlegt euch, was ihr für die Verteidigung machen könnt.
Ist das nicht die eierlegende Wollmilchsau, und im Grunde das chinesische Modell? 173:24 — Jessen formuliert es als Feuer und Wasser, aus dem Dampf werden soll. Krebs sagt ja, „in großen Bereichen ja“, in der Industriepolitik. Das politische System sei ein anderes, und man müsse gar nicht so weit schauen: Dänemarks Energiewende sei geplant und laufe über öffentliche Unternehmen. China gehe weiter, bis zu Vorgaben, dass Kapitalrenditen nicht zu hoch sein dürfen, bei brutalem Wettbewerb und Fünfjahresplan.
Mündet das nicht in Staatskapitalismus, einen „dritten Weg“? 175:44 — Hier weicht Krebs aus, und er sagt es offen. Sein Buch beschreibe Schritte vom Status quo aus, und jeder dieser Schritte gehe in die Richtung dessen, was China ohnehin tue. Ob man bis zum Sozialismus oder zum Staatskapitalismus weitergehe, lasse er offen: „Ich weiß es am Ende nicht“ 177:15. Der nächste Schritt sei in beiden Fällen derselbe. Die Antwort ist ehrlich, und sie lässt die Frage des Chats unbeantwortet.
Erdrosseln die Zinslasten der Rüstungsschulden nicht jeden Spielraum? (Jessens eigene Frage) 178:00 — Krebs würde einen großen Teil der schuldenfinanzierten Militärausgaben zurücknehmen. Das Geld verpuffe in Preiseffekten und Verdrängung, und die Zielmarke sei nicht aus einer Bedarfsrechnung entstanden: Trump habe sich fünf Prozent ausgedacht, daraus habe man 3,5 plus 1,5 Prozent Infrastruktur gemacht (Faktencheck: vereinfacht; die 3,5 Prozent sind offiziell an die NATO-Fähigkeitsziele gebunden). Kredite für Investitionen in erneuerbare Energien und Cleantech würde er dagegen massiv erhöhen, weil sie Wirtschaftskraft und Steuereinnahmen steigern.
Warum sollen Militärausgaben aus Steuern finanziert werden und nicht aus Schulden? 181:04 — Die Frage zitiert das Buch. Weil beide Wege im bestehenden Finanzsystem unterschiedlich wirken: Kredite über die Anleihemärkte können die Zinsen und damit die Investitionen beeinflussen, Steuern tun das nicht, verändern dafür je nach Ausgestaltung andere Anreize. Krebs trennt, weil er die realwirtschaftlichen Wirkungen analysiert.
Die Schulden des einen sind das Vermögen des anderen — warum nicht bei den Überreichen holen? 183:21 — Das sei einer der fünf Punkte. Die Transformation dürfe kreditfinanziert sein, dauerhafte Ausgaben wie die Bildung nicht, und dafür brauche es eine Vermögensteuer oder eine reformierte Erbschaftsteuer. Er schlägt eine Grenze bei zehn Millionen Euro vor, damit niemand um sein Haus fürchtet, und hält auch dann noch hohe Einnahmen für möglich.
Was, wenn Industrie abwandert? 184:55 — Das Argument werde dramatisiert, weil sich die Kapitalseite nicht auseinanderdividieren lasse. Eine höhere Besteuerung der BMW-Erben ändere real nichts am Werk. Und dann ein Satz, der härter ist als jede Forderung: Die Großkonzerne verließen Deutschland ohnehin, VW, BASF, Thyssenkrupp, sie hätten die Sozialpartnerschaft aufgekündigt, die alte „Deutschland AG“ gebe es nicht mehr. „Die können wir nicht mehr halten“ 187:59. Deshalb sieht er keine andere Lösung als staatliche Verantwortung in der Grundstoffindustrie, vielleicht auch in der Autoindustrie.
Macht das die Produkte wettbewerbsfähiger? 188:45 — Nicht besser, aber auch nicht schlechter. Beim Land Niedersachsen, das an VW beteiligt ist, brauche es vielleicht keine größeren Anteile, sondern eine Politik, die ihre Rolle im Aufsichtsrat anders versteht. VW baue wettbewerbsfähige Elektroautos, wolle sie aber aus Renditegründen nicht mehr in Deutschland bauen.
Und wenn chinesische Elektroautos gleich gut und ein Drittel billiger sind? (Jessens Nachfrage) 191:48 — Die Autoindustrie sei der schwierigste Fall. Bei Stahl und Cleantech sei die Sache mit moderaten Zuschüssen einfacher. Beim Auto brauche Europa Zuschüsse wie China, und am Ende vielleicht Importzölle. Jessen: „Das ist tendenziell Trump, ne?“ Krebs: Nein, Trump mache Zufallspolitik nach Nase. Zölle könnten ein Instrument unter mehreren sein, begründet und je nach Lage. Die Antwort auf den Preisabstand bleibt vage: „da bin ich vorsichtig, weil ich weiß es auch nicht“ 194:05.
Großkonzerne sind produktiver als Kleinbetriebe, warum romantisieren wir den kleinen Betrieb? 196:24 — Hier gibt Krebs dem Frager weitgehend recht, und er wendet es gegen die eigene Seite. Skalierung bringe Effizienz, darum brauche es große Konzerne und darum könne er sich keinen Sozialismus vorstellen, in dem nur Belegschaften basisdemokratisch entscheiden. Genossenschaften funktionierten, solange sie klein sind. Genau darüber streite er mit der Berliner Initiative, die die Wohnungen nicht den landeseigenen Gesellschaften geben will, weil die nicht basisdemokratisch genug seien. Er setzt auf Aufsichtsräte mit Arbeitnehmervertretern und einen Staat, der seine Eigentümerrolle wahrnimmt. Jessen ergänzt einen eigenen Gedanken: Reparaturbetriebe und Dienstleistungen funktionierten nur klein, wer Schuhe reparieren statt wegwerfen will, brauche den Schuster. Krebs stimmt zu.
Kann die geplante Marktwirtschaft Ausbeutung beenden, wenn es Lohnarbeit weiter gibt? 200:58 — Krebs übersetzt die Frage in seine Sprache. Jedes Arbeitsverhältnis erzeuge einen Überschuss, der zwischen Kapital und Arbeit aufgeteilt wird. Vollständige Ausbeutung wäre, wenn der Beschäftigte nur den Basislohn bekommt. Dazwischen liege ein Kontinuum, und um den Anteil kämpften Gewerkschaften und Mindestlohn. Eine geplante Marktwirtschaft wie die Nachkriegsjahrzehnte mit starken Gewerkschaften könne vollständige Ausbeutung verhindern, ohne Staatskapitalismus. Wer allerdings jeden Gewinn des Kapitaleigentümers Ausbeutung nenne, „dann wird's ein bisschen schwierig“.
Warum ist der Mindestlohn so niedrig? 206:18 — Er verteidigt ihn nicht. 2015 sei man zu niedrig eingestiegen, die Kommission sei lange zu vorsichtig gewesen, die politische Anhebung auf zwölf Euro sei richtig gewesen. 2023 habe die Kommission zu wenig beschlossen, als die Inflation eine stärkere Erhöhung verlangt hätte. Die Vorsitzende stimmte damals mit den Arbeitgebern gegen die Gewerkschaften, Krebs hatte für mehr plädiert, selbst stimmt er nicht mit. Heute liegt der Mindestlohn bei 13,90 Euro und soll auf 14,60 steigen. Nach dem Kriterium von 60 Prozent des Medianlohns müsste er bei rund 15 Euro liegen. Schuld sei eine Regel in der Geschäftsordnung, gegen die er vehement argumentiert habe: Die Kommission darf nur zurückschauen und läuft dadurch zwei Jahre hinterher. Das Nachlaufen steht allerdings schon im Gesetz (§ 9 Abs. 2 MiLoG), die Geschäftsordnung übernimmt es nur (Faktencheck: vereinfacht). „Wieso dürfen wir nicht in die Zukunft schauen?“ 208:34
Warum überhaupt eine Kommission und nicht das Parlament? 209:20 — Da ist er, anders als alle anderen Mitglieder einschließlich der Gewerkschaftsseite, beim Frager. Die Kommission solle vorschlagen und analysieren, entscheiden solle der Gesetzgeber. „Wir sind nicht die EZB.“
Warum bekämpft die EZB importierte Energie-Inflation mit Zinserhöhungen? 210:05 — Der Frager nennt es Aderlass, Krebs übernimmt das Bild. Man müsse das Übel an der Wurzel packen, bei den Energiepreisen, mit Preisbremsen, die vorsichtig genug sind, um keine Knappheit zu erzeugen.
Versteckt sich die Regierung hinter der EZB, und wie sähe ein Umbau aus? (Jessens Nachfrage) 211:36 — Ja. Der neoliberale Kapitalismus habe der Politik Handlungsspielräume genommen, und die Politik habe sie bereitwillig an technokratische Institutionen abgegeben. Der große Sprung wäre, die Geldpolitik der europäischen Finanzpolitik unterzuordnen. Kleiner und sofort möglich sei, die Illusion aufzugeben, die EZB handle rein technisch, Geld- und Finanzpolitik offen zu koordinieren und ihr mehr Instrumente zu geben als den Zins, auch Eingriffe in Energiemärkte. Die Unabhängigkeit müsse man „ein bisschen in Frage stellen“, nach transparenten Regeln, anders als Trump.
Warum klappt es in Wien besser als in Berlin? 216:14 — Weil Wien nie privatisiert und nichts an Deutsche Wohnen verkauft habe. Berlins landeseigene Gesellschaften hätten dagegen lange vernachlässigt gelegen und das Bauen erst in den letzten sechs bis zehn Jahren wieder gelernt.
Wie sollen Staaten Schulden abbauen, wenn die Zinsen über dem Wachstum liegen? 216:59 — Indem man das Wachstum erhöht, mit dem Programm aus dem Buch. Hier nennt Krebs einen weiteren Grund, warum Wachstum nützlich ist, auch wenn es nicht das Ziel ist: Es hält die Finanzen tragfähig.
Wie gehen Keynesianer damit um, dass ewiges Wachstum nicht möglich ist? 218:29 — „Ich bin ja kein Keynesianer.“ Die Frage lasse er offen, er rede über die nächsten dreißig Jahre, „wenn wir das erstmal schaffen, dann wär ich schon mal froh“.
Was halten Sie von der schwäbischen Hausfrau? 218:29 — Das Bild sei kontraproduktiv. Im Buch setzt er ihm die schwäbische Unternehmerin entgegen: Auch der Mittelstand in Baden-Württemberg nimmt Kredite auf, wenn sie in Investitionen fließen, die dem Betrieb und den Erben später nützen.
Wie verhält sich das zu Mariana Mazzucato? 219:59 — Große Schnittmenge. Mazzucato denke stärker über das Design von Märkten nach, er stärker über die Eigentumsfrage, weil sie politisch wichtiger geworden sei, und er dekliniere es konkreter für Deutschland durch.
Was soll ein ehrenamtlicher Verdi-Gewerkschafter tun? 221:32 — Die Gewerkschaften müssten über Tarifverhandlungen und Sozialpartnerschaft hinausdenken. Besonders an die IG Metall: „Es wird nichts mehr zu verhandeln geben, wenn wir nicht diese grundsätzliche Diskussion führen. Und diese grundsätzliche Diskussion wird über Eigentum gehen.“ 222:18 Jessen erinnert an Eberhard Schmidts Buch Ordnungsfaktor oder Gegenmacht: Es gebe nichts Neues unter der Sonne.
Haben die Landtagswahlen Sie überrascht? (Jessens eigene Frage) 223:03 — Das Buch trägt den Stand Juni 2026, die Ergebnisse kamen danach. Nein, sagt Krebs, die Details nicht, die Richtung schon: „Wenn man der Analyse in meinem Buch folgt […], muss ich zwangsläufig sagen, es musste so oder ähnlich kommen.“ Eine Analyse, die jedes Ergebnis vorher gewusst haben will, bestätigt sich damit auch ein wenig selbst.
Nachbesprechung
Zwei Behauptungen dieses Abends reichen weiter als der Abend selbst. Hier steht, was man über das Gesagte hinaus weiß, und wo es mit anderen Stimmen weitergeht.
Holen niedrige Preise die Wähler zurück?
Krebs leitet aus seinen drei Schüben eine Politik ab: Wer die AfD klein machen will, muss Strom und Mieten billiger machen. Die erste Hälfte des Satzes ist inzwischen gut belegt. In über zweihundert Regionalwahlen in Europa hat Sparpolitik den Stimmenanteil extremer Parteien erhöht (Gabriel, Klein & Pessoa 2026, doi:10.1162/rest_a_01373), am stärksten dort, wo Arbeit ohnehin verwundbar ist, in der Industrie und bei Routinetätigkeiten (Baccini & Sattler 2024, doi:10.1111/ajps.12865). Die beiden Autoren nennen den Populismus darum zum Teil hausgemacht: Er folgt daraus, dass man die Verlierer nicht geschützt hat. Ein Übersichtsartikel im Annual Review kommt 2026 zum selben Ergebnis (Hübscher & Sattler, doi:10.1146/annurev-polisci-032624-022749). Als Italien kleinen Gemeinden Schulen, Ämter und Dienste strich, wuchs dort die Rechte (Cremaschi et al. 2024, doi:10.1111/ajps.12936). Der Weg dorthin führte allerdings über die Migrationssorge, denn die Rechte erzählte den Verlust als Schuld der Fremden. Am genauesten gemessen ist der Preis. Als die Niederlande die Gassteuer erhöhten, wählten Mieter, die ihre Heizung selbst bezahlen, um fünf bis sechs Punkte häufiger rechtsaußen als Mieter mit Warmmiete, und ihre Ansichten zu Migration und EU blieben dabei unverändert (Voeten 2024, doi:10.1177/00104140241237468). Zum Heizungsgesetz gibt es ein erstes Arbeitspapier. Wer die Kosten des Verbots am meisten fürchten musste, verlor Vertrauen in die Regierung, und das Vertrauen kam nicht wieder, als das Verbot verschoben wurde (Kramer, Konc & Steckel 2026, doi:10.33774/apsa-2026-gpqmg, noch nicht begutachtet). Damit ist Krebs' Satz „Regierung tut nichts, in den Augen der Menschen“ gemessen.
Für die zweite Hälfte, den Rückweg, ist die Beweislage dünner. Dass Kürzen schadet, heißt nicht, dass Ausgeben im selben Maß zurückholt. Der sauberste positive Befund stammt aus Italien: EU-Kohäsionsgeld senkte in den Gemeinden die populistische Wahl um etwa ein Zwanzigstel ihres Durchschnitts, messbar, aber klein (Albanese, Barone & de Blasio 2022, doi:10.1016/j.euroecorev.2021.104000). Beim Brexit änderte EU-Geld nur dort etwas, wo es sichtbar Arbeit schuf (Crescenzi, Di Cataldo & Giua 2020, doi:10.1016/j.regsciurbeco.2020.103556). Hilfe, die niemand bemerkt, bewirkt wenig. In Kanada und der Schweiz unterschätzen die Bürger ihre CO₂-Rückzahlungen systematisch, und die Zustimmung zur Abgabe steigt kaum (Mildenberger et al. 2022, doi:10.1038/s41558-021-01268-3). Vielleicht erklärt das, warum die großzügige deutsche Entlastung den AfD-Effekt der Stromrechnung nicht auffing (→ Faktencheck). In Mailand dagegen blieben die Autohalter, die für das Fahrverbot eine gezielte Entschädigung erhielten, der Lega fern, während die anderen zu ihr wechselten (Colantone et al. 2023, doi:10.1017/s0003055423000308). Den Preis spürt man jeden Monat. Die Entlastung steht irgendwo im Bundesgesetzblatt. Frankreich deckelte 2022 die Energiepreise und halbierte damit ihren Beitrag zur Inflation (INSEE); das Rassemblement National wuchs trotzdem. Portugal hatte den iberischen Gaspreisdeckel, und Chega stieg von sieben auf 23 Prozent. Beweise sind das nicht, dort liefen Wohnungsnot, Skandale und Migration mit, und eine Studie, die Preisdeckel mit Wahlergebnissen verknüpft, gibt es bisher nicht.
Eine Studie widerspricht Krebs' Berliner Hoffnung direkt. Als eine EU-Richtlinie Österreich zwang, Gemeindewohnungen für Zugewanderte zu öffnen, stieg die Wahl der FPÖ, am stärksten in Vierteln mit viel sozialem Wohnbau (Cavaillé & Ferwerda 2023, doi:10.1086/720643). Öffentliches Eigentum an einem knappen Gut kann einen Verteilungskampf auslösen, und die Rechte greift ihn gern auf. Wer vergesellschaftet, muss darum auch sagen, wer die Wohnung bekommt.
So steht die halbe Evidenz auf Krebs' Seite, die andere Hälfte ist offen. Bei Preisen und Daseinsvorsorge darf der Staat nicht versagen, und seine Hilfe muss als Handeln erkennbar sein, sonst geht sie in der nächsten Rechnung unter. Dass sie allein die AfD klein macht, gibt die Forschung nicht her.
→ Weiter im Panorama: Was holt Wähler zurück?. Dort stehen El-Mafaalanis Staat, der liefern muss, Orbáns Niederlage über Schulen und Krankenhäuser, Schwesigs Wahlkampf der Nähe und der Kümmerer aus Sachsen-Anhalt.
Wem sollen die Netze gehören?
Krebs argumentiert beim Netz fast lehrbuchhaft: Wo Wettbewerb fehlt, zahlt man für privates Eigenkapital einen Aufpreis und bekommt dafür nichts. Die Forschung stützt ihn dabei präziser, als man erwarten würde. Eine Kostenstudie über amerikanische Versorger fand, dass private Unternehmen Strom billiger erzeugen, öffentliche ihn aber billiger verteilen. Beim Verteilnetz zählt eine Qualität, die sich schwer in Verträge schreiben lässt (Kwoka 2005, doi:10.1111/j.0008-4085.2005.00296.x). Europäische Versorger in Staatshand investierten zwischen 2005 und 2016 eher in Erneuerbare, aber nur dort, wo die Politik das wollte und durchsetzen konnte (Steffen, Karplus & Schmidt 2022, doi:10.1016/j.respol.2022.104534). Das ist Krebs' „der Eigentümer muss auch wollen“, in Daten gemessen. Wie teuer private Finanzierung werden kann, zeigt Großbritannien. Die Wasserversorger wurden 1989 schuldenfrei verkauft. Seither haben sie rund 78 Milliarden Pfund an Dividenden ausgeschüttet und mehr als 60 Milliarden an neuen Schulden angehäuft (Left Foot Forward nach FT-Daten; je nach Quelle 72 bis 85 Milliarden). Thames Water steht 2026 mit rund 19 Milliarden Pfund Schulden bei seinen Gläubigern in der Kreide (Hansard, 16.06.2026). Die Forschung nennt das Finanzialisierung: Die Kosten der Finanzierung landen bei den Kunden, und die Regulierung sieht zu (Bayliss 2017, doi:10.1080/13563467.2017.1259300).
Die deutschen Rückkäufe ergeben ein gemischteres Bild. Berlin kaufte 2021 sein Stromnetz für 2,14 Milliarden Euro von Vattenfall zurück. Bezahlt wurde außerhalb des Haushalts, abgezahlt wird aus den Gewinnen des Netzes (Tagesspiegel). 2024 verdiente das Netz 151 Millionen Euro und investierte so viel wie nie zuvor (Stromnetz Berlin). Ob ohne den Rückkauf weniger investiert worden wäre, weiß niemand, denn auch private Netzbetreiber investieren gerade Rekordsummen. Hamburg kaufte nach dem Volksentscheid von 2013 das Strom-, Gas- und Fernwärmenetz zurück, für zusammen fast zwei Milliarden Euro. Beim Fernwärmenetz zahlte die Stadt rund 300 Millionen mehr, als der Gutachter ansetzte, weil der Senat einen Mindestpreis zugesagt hatte (ZFK). Heute führen die Netze gut hundert Millionen im Jahr an die Stadt ab, und trotzdem zahlen Hamburger Haushalte die höchsten Netzentgelte des Landes (strom-report). Wer das Netz besitzt, bestimmt, wohin der Gewinn fließt. Billiger wird das Netz dadurch nicht von selbst.
Den stärksten Einwand liefern die Niederlande. Dort müssen die Verteilnetze per Gesetz öffentlich sein, und der EuGH hat das 2013 gebilligt (C-105/12). Heute sind die Netze so überlastet, dass Betriebe lange auf einen Anschluss warten. Kommunen und Provinzen können das Eigenkapital für den Ausbau nicht aufbringen, darum springt der Staat mit Kapitalspritzen ein (Stedin). Das meint der Oxforder Ökonom Dieter Helm, wenn er sagt, bei öffentlichem Eigentum verschwinde das Risiko nicht, es wandere zum Steuerzahler (Helm 2023). Der Zinsvorteil des Staates ist zum Teil verschobenes Risiko. Die Monopolkommission warnte schon 2011, Kommunen überschätzten ihren Einfluss, weil die Bundesnetzagentur die Entgelte ohnehin festlegt, und Netzgewinne könnten in Quersubventionen versickern (Sondergutachten 59). Im Dezember 2025 forderten der kommunale VKU und der BDEW gemeinsam einen höheren Eigenkapitalzins als die 5,76 Prozent der Bundesnetzagentur (VKU). Das Bündnis, über das Krebs spottet, besteht also weiter.
Am Ende bleibt eine Rechnung mit zwei Unbekannten. Der Staat bekommt Kapital billiger, aber nur, wenn er das Risiko trägt und die Gewinne nicht für anderes braucht. Wie beides zusammengeht, zeigt Dänemark: Energinet betreibt das Übertragungsnetz als staatliches Unternehmen ohne Gewinnziel, und die Entgelte decken nur die Kosten (Forsyningstilsynet). In Deutschland laufen viele Konzessionen Anfang der 2030er-Jahre wieder aus (Reppert 2024, doi:10.1080/03003930.2024.2424811). Dann stellt sich die Frage in Hunderten Rathäusern neu.
Noch führt diese Frage in kein Panorama. Im Bestand äußern sich dazu Dirk Specht (private Betreiber melken alte Netze), Ines Schwerdtner (Energiekonzerne vergesellschaften) und Laura Zöckler (die Genossenschaft als dritter Weg). Eine Stimme, die gegen öffentliche Netze argumentiert, fehlt im Bestand noch.
Faktencheck
Jung & Naiv lässt eine Stimme sprechen. Dieser Faktencheck prüft darum in beide Richtungen: was Krebs und Tilo sagen, und was die Gegenseite dazu vorbringt.
Krebs sagt, ökonomische Verunsicherung und ein Staat, der „in den Augen der Menschen“ nicht reagiert, gäben der extremen Rechten Auftrieb 139:52. Den Mechanismus stützt die bislang sauberste Studie zum deutschen Fall. Haushalte, deren Stromabschlag 2022/23 überdurchschnittlich stieg, unterstützten danach um 7,5 Prozentpunkte häufiger die AfD, und der Effekt hielt an (Konc, Steckel, Edenhofer, Ewald, Sterner 2026, ifo/CESifo Working Paper, quasi-experimentelles Design, noch nicht begutachtet). Für Krebs hat der Befund einen Haken: Der Effekt trat auf, obwohl die Kompensation „großzügig“ war. Der Staat hatte also gehandelt. Der Literaturüberblick von Guriev und Papaioannou sieht ökonomische und kulturelle Treiber nebeneinander (JEL 2022, Review). Quelle: Konc et al. 2026, doi:10.65864/0hme307v8g · Guriev & Papaioannou 2022, doi:10.1257/jel.20201595
Die Größenordnungen stimmen 139:52. Bei Forsa lag die AfD im Juli 2022 bei 9 % und im Oktober 2022 bei 14 %. Von 14 % im April 2023 stieg sie auf 22 % im September 2023. Nach 20,8 % bei der Bundestagswahl 2025 steht sie heute bei 26 bis 29 % und ist stärkste Kraft. Die Ursachenkette ist aber zurechtgeschnitten:
- 2022: Die Preisbremse kam spät (Abwehrschirm am 29.09.2022). Vorher gab es aber schon Tankrabatt, 9-Euro-Ticket und Energiepreispauschale. Nach dem Beschluss blieb die AfD bis März 2023 bei 13 bis 14 % stehen. Das spricht für Krebs.
- 2023: Im Juni 2023 war „Klima/Energie“ mit 50 % das wichtigste Problem, die Heizungsdebatte hat also mitgetragen. Gleichzeitig stieg „Asyl/Flüchtlinge“ auf Platz zwei (Asylerstanträge 2023: +51 % auf 329.120), und der weitere Anstieg bis 22 % im Herbst fiel in die Monate, in denen Migration das Thema wurde. Die 65-Prozent-Regel hatte der Koalitionsausschuss schon im März 2022 beschlossen, mit der FDP. „Nur wegen Lindner“ ist eine Zuspitzung.
- 2025: Der Sprung von 20,8 auf 26 % geschah im März und April 2025, also vor dem Amtsantritt von Schwarz-Rot am 6. Mai, in den Wochen der Schuldenbremsenreform. „Reaganomics“ kann ihn nicht ausgelöst haben.
Die Chronik belegt den Mechanismus dort, wo er ins Programm passt, und lässt die Migrationsdimension aus. Das nützt Krebs, denn so werden seine Forderungen zum Gegenmittel gegen die AfD. Quelle: wahlrecht.de: Forsa-Zeitreihe · Politbarometer Juni I 2023 · BAMF: Asylgeschäftsstatistik 2023 · SBZ: Koalitionsausschuss bestätigt 65-%-Vorgabe · Berliner Zeitung: INSA 29 %
Krebs beruft sich auf eine eigene Studie 82:48. Die sagt etwas anderes: Die gesamtbetrieblichen Eigenkapitalrenditen der vier Übertragungsnetzbetreiber lagen 2019 bis 2023 „zumeist zwischen sieben und neun Prozent“, 2021 schrieben TenneT und TransnetBW sogar Verluste (Kaczmarczyk/Krebs, HBS Working Paper 373, S. 32). Zweistellige Renditen haben die großen Verteilnetzbetreiber, 2024 im gewichteten Mittel 30,1 %, Westnetz (Eon) 45 %. Blackrock ist an keinem Übertragungsnetzbetreiber beteiligt:
- TenneT Germany: 25,1 % KfW, bis zu 46 % APG, GIC und Norges Bank
- Amprion: 74,9 % Versicherer und Versorgungswerke, 25,1 % RWE
- 50Hertz: 20 % KfW
- TransnetBW: 24,95 % KfW
Der Kern des Arguments hält: Schon sieben bis neun Prozent nennt die Studie für ein reguliertes Monopol „sehr hoch“, und öffentliches Eigenkapital wäre billiger. Blackrock ist hier ein Symbol und lässt die Rechnung greller aussehen, als die Zahlen es tragen. Gegenposition: BDEW und VKU halten die Zinsen der Bundesnetzagentur für zu niedrig, um den Netzausbau zu finanzieren. Quelle: Kaczmarczyk/Krebs 2025, HBS WP 373 (PDF) · bne-Analyse Netzbetreiberrenditen, Juni 2026 (PDF) · Bund bei drei von vier Netzbetreibern (07/2026) · Telepolis, 26.09.2026
106:23. Gegen die Festlegung der Eigenkapitalzinsen für die 4. Regulierungsperiode (Bundesnetzagentur am 12.10.2021: 5,07 % für Neuanlagen, 3,51 % für Altanlagen, jeweils vor Steuern) gingen 927 Beschwerden ein, von Konzernen wie Eon und von Stadtwerken. Das OLG Düsseldorf hob die Festlegung 2023 auf, der BGH stellte sie wieder her. Die Gegenseite hat ein ernstes Argument: Ohne auskömmliche Verzinsung fehlt Eigenkapital für den Netzausbau. Genau dieses Problem will Krebs mit öffentlichem Eigenkapital lösen. Quelle: E&M: Netzbetreiber scheitern vor BGH · rhenag legal: BGH bestätigt Festlegung · OLG Düsseldorf 3 Kart 775/21
100:17. Für kommunale Dienste trägt die Aussage weitgehend:
- Die Meta-Regression von Bel, Fageda und Warner findet bei Wasser und Müllabfuhr keine systematische Kostenersparnis durch private Anbieter (JPAM 2010).
- Ein systematischer Review findet bei Auslagerungen schrumpfende Einsparungen und keine klaren Qualitätseffekte (Petersen, Hjelmar, Vrangbæk 2017).
- Der Bundesrechnungshof bezifferte 2014 für fünf ÖPP-Autobahnprojekte 1,9 Mrd. € Mehrkosten, vor allem wegen teurerer Finanzierung.
Für Unternehmen auf Wettbewerbsmärkten zeigt die Literatur dagegen oft Effizienzgewinne (Megginson/Netter, JEL 2001, Survey). Krebs' eigenes Kriterium, Wettbewerb oder nicht, bildet genau diese Trennlinie ab. Sein pauschales „eher schlechter“ geht darüber hinaus. Quelle: Bel/Fageda/Warner 2010, doi:10.1002/pam.20509 · Petersen et al. 2017, doi:10.1111/spol.12297 · Megginson/Netter 2001, doi:10.1257/jel.39.2.321 · Handelsblatt: Bundesrechnungshof zu ÖPP
179:31. Krebs und Kaczmarczyk kommen auf einen Multiplikator von höchstens etwa 0,5. Das ist das untere Ende seriöser Schätzungen: Barro/Redlick (QJE 2011) finden etwa 0,4 bis 0,7, Ramey/Zubairy (JPE 2018) Werte unter 1. Ilzetzki (Kiel Institut 2025) nennt 0,6 bis 1,5 und erwartet langfristige Produktivitätsgewinne über Rüstungsforschung, wenn schuldenfinanziert und europäisch beschafft wird. Asymmetrisch ist, dass Krebs für Infrastruktur und Klimainvestitionen Multiplikatoren um 2 ansetzt, also das obere Ende. Zum NATO-Ziel: Trump forderte 5 %, die Aufteilung in 3,5 % Verteidigung und 1,5 % Infrastruktur steht in der Den-Haager Erklärung vom Juni 2025, und die 3,5 % sind offiziell an die NATO-Fähigkeitsziele gebunden. Dass Spanien dieselben Ziele mit 2,1 % erreichen will, zeigt allerdings, wie politisch die Zahl ist. Quelle: Krebs/Kaczmarczyk 2025 (PDF) · Ilzetzki, Kiel Report „Guns and Growth“ · Barro/Redlick, doi:10.1093/qje/qjq002 · Ramey/Zubairy, doi:10.1086/696277 · Defense News: Den-Haag-Gipfel
Tilo 107:54, Krebs 122:20. Die Mehrheit der Kommission hält eine Entschädigung unter dem Verkehrswert für zulässig. Drei Mitglieder verlangten im Sondervotum den Verkehrswert als Ausgangspunkt. Der Bericht nennt keine Summe, prüft keine Folgekosten und erklärt die Vergesellschaftung auch nicht zum „besten Mittel“. Seither ist die Rechtslage eher enger geworden: Das Berliner Vergesellschaftungsrahmengesetz vom 12.03.2026 nennt den Verkehrswert als Ausgangspunkt, und Bayern verlangt im Bundesrat „äquivalenten Ausgleich“. Dass Art. 15 GG nie angewendet wurde, stimmt. Entscheiden wird Karlsruhe. Quelle: Abschlussbericht der Expertenkommission (PDF) · Haufe: Vergesellschaftungsrahmengesetz · BR-Drs. 380/26
128:25. Die angekündigte Studie erschien am 25.09.2026 beim IMK, gemeinsam mit Dullien, Kaczmarczyk und Truger. Sie rechnet mit 13,5 Mrd. € Entschädigung und einer Übernahme durch die landeseigenen Gesellschaften. Einem jährlichen Reinertrag von 543 Mio. € stünden 345 Mio. € Zins und Tilgung gegenüber. Es gibt zwei Gegenrechnungen:
- Der Landesrechnungshof hat 2024 aus eigenem Antrieb nachgerechnet und erwartet schon bei 8 bis 11 Mrd. € „unweigerlich“ Defizite in der Bewirtschaftung.
- Das Kiel Institut (29.09.2026) setzt 50 % eines Marktwerts von 40,2 Mrd. € an, also 20,1 Mrd. €. Es bestreitet mietdämpfende Ausstrahlungseffekte und würde das Geld lieber in bis zu 71.000 Neubauwohnungen stecken.
Die Interessen liegen offen: Das IMK ist gewerkschaftsnah, die Kieler Studie haben vier Berliner Wirtschaftsverbände beauftragt, der Rechnungshof hatte keinen Auftraggeber. Der Streit entscheidet sich an den Annahmen zu Instandhaltung und Mieten. Krebs' Mietbasis passt: Die Landeseigenen lagen Ende 2025 bei 7,09 bis 7,18 €/m² netto kalt. Quelle: taz: IMK-Studie, 25.09.2026 · taz: Kiel-Studie, 29.09.2026 · taz: Gutachten des Landesrechnungshofs · Tagesspiegel: Mieten der Landeseigenen
129:56. Acht Minuten vorher hat Krebs selbst die Senatszahl (30 bis 35 Mrd. €) und die 42 Mrd. € des Rechnungshofs genannt 121:35. Schnitzer sagte bei Maischberger, sie rechne mit „zweistelligen Milliardenbeträgen“. Das trifft auch auf Krebs' eigene 13,5 Mrd. € zu. Dazu kommt ein Widerspruch in der Sache: Den Sachverständigenrat will Krebs abschaffen, weil er Neutralität „vortäusche“. Mitautor seiner Berlin-Studie ist aber Achim Truger, Mitglied dieses Rats bis 2029. Das Motiv ist erkennbar: die prominenteste Gegenstimme entwerten, statt sie zu widerlegen. Quelle: t-online: Schwerdtner und Schnitzer bei Maischberger · BMWK: Wiederberufung Trugers bis 2029
120:49. In seiner eigenen Jung-&-Naiv-Folge nennt Krach beide Zahlen korrekt als fremde Zahlen: die Senatsschätzung von 2019 aus der damals von der Linken geführten Stadtentwicklungsverwaltung (28,8 bis 36 Mrd. €; er sagt „29 bis 38“) und die der Initiative („7,8 bis 13,7“). Ausdrücklich sagt er, er bestreite nicht, dass es juristisch geht (Folge 845, ▶ 74:44). Im Wahlkampf sprach er von „20 bis 30 Milliarden“. Angreifbar ist bei Krach sein Satz, er habe „noch kein Konzept gesehen“: Die Initiative hat seit September 2025 einen Gesetzentwurf mit Finanzierung über Schuldverschreibungen, deren hundertjährige Laufzeit das Kiel Institut allerdings für marktfern hält. „Das Geld haben wir nicht“ ist eine Haushaltsbewertung, die der Rechnungshof stützt und das IMK bestreitet. Beide Seiten wählen die Zahl, die sie trägt, Krach den Marktwert, Krebs den Ertragswert. Quelle: Jung & Naiv 845 (Krach) · Zeit, 16.09.2026 · Berliner Zeitung: Kostenschätzung 2019 · Gesetzentwurf der Initiative (PDF)
207:49. Die Zahlen stimmen: seit 1.1.2026 13,90 €, ab 1.1.2027 14,60 €. Das WSI beziffert 60 % des Medianlohns für 2026 auf 14,88 bis 15,12 €, die Bundesregierung sieht dagegen 13,90 € „rund“ bei 60 %. Das Kriterium hängt also an der Datenbasis. 2023 stimmte die Vorsitzende Schönefeld erstmals mit den Arbeitgebern gegen die Gewerkschaften; Krebs hat als wissenschaftliches Mitglied kein Stimmrecht. Das Nachlaufen ist keine Hausregel: § 9 Abs. 2 MiLoG schreibt vor, sich „nachlaufend an der Tarifentwicklung“ zu orientieren, die Geschäftsordnung von 2025 übernimmt das und ergänzt den 60-Prozent-Referenzwert. Wer das Nachlaufen beenden will, muss das Gesetz ändern. Das passt zu Krebs' eigener Forderung, der Bundestag solle entscheiden. Quelle: § 9 MiLoG · § 10 MiLoG · WSI-Mindestlohnbericht 2026 · Wissenschaftliche Dienste: Unabhängigkeit der Mindestlohnkommission (PDF)
93:29. Das Programm stammt vom 3. Februar 1947, verabschiedet vom Zonenausschuss der CDU in der britischen Zone, und ist nicht ihr erstes. Es fordert, den Bergbau zu vergesellschaften und bei der eisenschaffenden Großindustrie „den Weg der Vergesellschaftung“ zu gehen. Zur Kriegsindustrie heißt es nur, die Alliierten hätten ein Interesse an ihrer „Beseitigung“. Eine Übertragung der Großindustrie auf den Staat lehnt der Text sogar ab, weil sie politischem Druck Tür und Tor öffne. Krebs korrigiert nicht. Die Zuspitzung nützt Tilo, weil sie die Verstaatlichung von Rheinmetall als CDU-Tradition erscheinen lässt. Quelle: Ahlener Programm, Wortlaut (PDF) · Wikipedia: Ahlener Programm
97:14. Kenneth Arrow veröffentlichte 1978 in Dissent „A Cautious Case for Socialism“ und begründete seine Sympathie mit der Erfahrung der Großen Depression. „Vorsichtig“ war sie, weil er Hayeks Warnung vor Staatsmacht ernst nahm. Den formalen Beweis der unsichtbaren Hand führte er 1954 mit Gérard Debreu, den Nobelpreis erhielt er 1972 zusammen mit John Hicks. Quelle: Arrow: A Cautious Case for Socialism (Dissent) · Econ Journal Watch: Arrow-Profil (PDF)
63:40. Der Satz stammt von Max Horkheimer, aus „Die Juden und Europa“ in der Zeitschrift für Sozialforschung 1939, geschrieben im amerikanischen Exil. Tilos Zuschreibung an „jüdische Immigranten Ende der 30er“ stimmt, nur ohne Namen. Wortlaut: „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“ Quelle: Wikiquote: Max Horkheimer
216:14. Die rund 220.000 Gemeindewohnungen machen etwa ein Viertel aus. Auf rund 40 % kommt Wien erst zusammen mit den rund 180.000 bis 200.000 gemeinnützigen Wohnungen. „Nie privatisiert“ stimmt. Es fehlt, woher der Bestand kommt: aus Bodenkauf, Wohnbausteuer und hundert Jahren Neubau, nicht aus Vergesellschaftung. Darauf verweist auch das Kiel Institut. Quelle: LpB Baden-Württemberg: Wohnen, Vorbild Wien? · neuezeit.at: Ein Viertel wohnt im Gemeindebau
158:52. Die harten Kürzungen der Einspeisevergütung 2012 beschloss Schwarz-Gelb (Röttgen und Altmaier im Umweltministerium, Rösler von der FDP im Wirtschaftsministerium). Die SPD regierte erst ab Ende 2013 mit und setzte den Kurs 2014 fort. Gleichzeitig drückten chinesische Überkapazitäten mit massiver Staatsförderung die Preise. Die deutsche Politik hat den Einbruch beschleunigt, verursacht hat sie ihn nicht allein. Quelle: Bundestag 2012: Regierung verteidigt Einschnitte bei der Solarförderung · Handelsblatt: Studie zum Niedergang
160:24. Der Wirtschaftsausschuss hörte am 10.05.2023 sieben Sachverständige. Neben Krebs warb Mariana Mazzucato für eine steuernde Industriepolitik, mit grünem Stahl als Beispiel, und die Chefvolkswirtin der KfW sah im Instrument der Fördermittel „kein Problem“. Dagegen standen Potrafke (ifo), Kooths (Kiel Institut) und van Suntum. Ausgerechnet Mazzucato, der Krebs später „große Schnittmenge“ bescheinigt, saß neben ihm. Das Bild vom einsamen Rufer kehrt im Gespräch wieder („wir sind die einzigen“, „als einziger Ökonom“). Quelle: Bundestag, hib 343/2023
149:47. Die düsteren Szenarien sind ausgeblieben. In den Rechnungen zur Rürup-Kommission stieg der Beitrag ohne Reform schon 2020 über 21 %, tatsächlich liegt er seit 2018 bei 18,6 %. Dazu hat die Beschäftigung viel beigetragen, von Frauen, Älteren und Zugewanderten, und IMK, WSI, HTW und AK Wien haben durchgerechnet, was eine Erwerbsquote wie in Schweden brächte. Weggelassen ist der Anteil der Reformen derselben Ökonomen: Nachhaltigkeitsfaktor, Rente mit 67, ein sinkendes Rentenniveau, dazu ein wachsender Bundeszuschuss. Ein Teil der Entlastung stammt also aus Leistungskürzungen. Quelle: Böckler Impuls 03/2020: Der Arbeitsmarkt ist der Schlüssel · Rürup-Bericht (bpb, PDF)
25:45. Das reale BIP lag 2025 etwa auf dem Niveau von 2019. Von der „längsten Wirtschaftskrise seit Gründung der Bundesrepublik“ spricht auch der Arbeitgeberverband Gesamtmetall: Die Diagnose ist geteilt, die Therapie umstritten. „Schwerste“ ist Deutung, denn der Einbruch von 2009 (−5,7 %) war tiefer. Quelle: Gesamtmetall: längste Wirtschaftskrise seit Gründung · Destatis: langfristige Wirtschaftsentwicklung
Weiterführende Quellen
Im Gespräch genannt:
- Tom Krebs: Kapital und Krise. Wie Deutschland aus der Wirtschaftskrise findet – und wie nicht (oekom, 2026) — der Gegenentwurf der „geplanten Marktwirtschaft“, Stand Juni 2026 · bei genialokal
- Tom Krebs: Fehldiagnose. Wie Ökonomen die Wirtschaft ruinieren und die Gesellschaft spalten (Westend, 2024) — die interne Kritik an der Zunft · bei genialokal
- Tom Krebs, Patrick Kaczmarczyk: Wirtschaftliche Auswirkungen von Militärausgaben in Deutschland (Juni 2025) — die Studie zum kleinen Rüstungsmultiplikator, auf die Krebs sich beruft
- Tom Krebs, Patrick Kaczmarczyk: Finanzierungsoptionen für den Stromnetzausbau (Januar 2025) und die Folgestudie zu öffentlich-privaten Partnerschaften (Juli 2025) — die Rechnung hinter „privates Kapital ist teuer“
- Tom Krebs: Vergesellschaften, um die AfD zu besiegen (Table.Briefings, 21.09.2026) — die These des Abends als Standpunkt, am Tag nach der Berlin-Wahl
- Karl Polanyi: The Great Transformation (1944) — die Doppelbewegung von Vermarktlichung und Gegenbewegung
- Kenneth Arrow — die mathematische Formulierung der Wohlfahrtstheoreme
- CDU: Ahlener Programm (1947)
- Eberhard Schmidt: Ordnungsfaktor oder Gegenmacht. Die politische Rolle der Gewerkschaften (1971)
- Mariana Mazzucato — Märkte gestalten nach öffentlichem Bedarf
- Jason Hickel — Wachstumskritik, nach Krebs in der konkreten Politik nicht weit von ihm entfernt
Gegenrechnungen und Belege aus dem Faktencheck:
- taz, 25.09.2026: IMK-Studie „Die Vergesellschaftung ist finanzierbar“ — die von Krebs angekündigte Studie (13,5 Mrd. €, Übernahme durch die Landeseigenen)
- taz, 29.09.2026: Kiel Institut gegen IMK — die stärkste Gegenrechnung, im Auftrag Berliner Wirtschaftsverbände
- taz: Gutachten des Landesrechnungshofs Berlin — 42 Mrd. € zum Verkehrswert und Defizite selbst bei 8 bis 11 Mrd. €; die Gegenstimme ohne Auftraggeber
- Konc et al. 2026, ifo/CESifo Working Paper — Strompreisschock 2022/23 und AfD-Unterstützung
- Guriev & Papaioannou 2022, JEL — Literaturüberblick zu ökonomischen und kulturellen Treibern des Populismus
- Cools, Finseraas, Rogeberg 2021, AJPS (Meta-Analyse) — lokaler Zuzug und Stimmen für Anti-Immigrationsparteien; nach Korrektur der Publikationsverzerrung ein schwacher Effekt
- Kaczmarczyk/Krebs 2025, HBS Working Paper 373 — Krebs' eigene Zahlen zu den Übertragungsnetzbetreibern (7 bis 9 %, S. 32)
- bne-Analyse der Netzbetreiberrenditen 2026 — die tatsächlich zweistelligen Renditen, bei den Verteilnetzbetreibern
- Bel/Fageda/Warner 2010 (Meta-Regression) und Megginson/Netter 2001 (Survey) — die zwei Pole der Privatisierungsforschung
- Ilzetzki, Kiel Report „Guns and Growth“ — Gegenposition zum kleinen Rüstungsmultiplikator
- Jung & Naiv 845, Steffen Krach — was Krach zur Entschädigung wirklich sagte
- Bundestag, hib 343/2023 — die Anhörung zum Inflation Reduction Act
- Kenneth Arrow: A Cautious Case for Socialism (1978)
Verbindungen
→ Sigl-Glöckner & Kaczmarczyk — Geld ist genug da?
Kaczmarczyk hat mit Krebs beide Studien geschrieben, auf die sich dieser Abend stützt, die zum Rüstungsmultiplikator und die zur Finanzierung der Stromnetze. In Lüneburg sagt Sigl-Glöckner über das Netz, was Krebs bei Tilo Jung sagt: eine regulierte Rendite, „da ist nichts mit Preismechanismus“. Die Reibung kommt ebenfalls von ihr. Sie fürchtet den Staat als Monopolisten, dem gegenüber niemand schwächer ist, und die geplante Marktwirtschaft macht genau diesen Staat zum Eigentümer von Netzen, Wohnungen und Stahl. Krebs' Antwort, der Eigentümer dürfe nicht „neoliberal verwirrt“ sein, ist eine Hoffnung und keine Sicherung.
→ Thomas Fricke — Wie die Wirtschaftskrise den Rechten nützt (Surplus)
Fricke liefert die Forschung unter Krebs' Chronologie der drei AfD-Schübe: Kontrollverlust, Austerität als Brandbeschleuniger, der Inflationsschock 2022 als Auslöser. Wo Fricke eine Agenda gegen die Ohnmacht aus Regionalpolitik und Förderung vorschlägt, stellt Krebs die Eigentumsfrage. Beide teilen denselben blinden Fleck: Die Migration erklären sie zur Scheinerklärung, statt sie gegen die ökonomische zu prüfen.
→ Heiner Flassbeck — Krise und Rechtsruck
Beide nehmen dem Rechtsruck das Moralische, Flassbeck über die Kette vom deutschen Lohndumping bis zu Le Pen, Krebs über Polanyis Gegenbewegung. Bei der Therapie trennen sie sich. Flassbeck setzt auf Nachfrage, Löhne und öffentliche Investitionen. Krebs sagt „ich bin ja kein Keynesianer“ und hält die bloße Kreditforderung für gefährlich, weil daraus unter Schwarz-Rot Kredite für Panzer wurden. Nebeneinander zeigen die beiden, worüber die heterodoxe Kritik streitet, seit die Schuldenbremse gelockert ist.
→ Elif Eralp — Berlin-Wahl 2026 bei Jung & Naiv
Eralps Nachbesprechung stellt die Zahlen nebeneinander: Verkehrswert, die 8 bis 18 Milliarden der Initiative, den Landesrechnungshof, der kein vertretbares Risiko sieht. Krebs rechnet über einen Ertragswert und kommt auf 13 bis 15 Milliarden. Schon beim Ausgangswert gehen die Zahlen auseinander, und beide Notes landen beim selben Befund: Alles hängt an einem Preis, den erst ein Gericht festlegt. Bei Wien widersprechen sie sich leise. Krebs erklärt Wiens Vorsprung damit, dass die Stadt nie privatisiert habe. Die Nachbesprechung erinnert daran, dass Wien seinen Bestand über eine Luxus-Wohnbausteuer und eigenen Bau bekam.
→ Maja Göpel & Achim Truger — Wachstum NEU DENKEN
Trugers „planvoll, gemeinsam, schrittweise“ ist die Vorform von Krebs' geplanter Marktwirtschaft, und beide wehren den Vorwurf der Planwirtschaft auf dieselbe Weise ab. Uneins sind sie beim BIP, das Krebs als Warnsignal verteidigt und Göpel und Truger als Tacho ohne Ziel kritisieren, und beim Sachverständigenrat. Krebs will ihn abschaffen, Truger sitzt darin und zeigt mit seinen Minderheitsvoten, wie weit man von innen kommt.
→ Demokratische Wertschöpfung
Das Panorama setzt auf Genossenschaften und nennt Mondragón den Beweis im großen Maßstab. Krebs widerspricht in der Fragerunde: Effizienz brauche Skalierung, Genossenschaften funktionierten, solange sie klein sind. Sein Gegenmodell ist Staatseigentum mit Arbeitnehmern im Aufsichtsrat. Bei China wird der Gegensatz scharf. Das Panorama will diese dritte Wirtschaftsform ausdrücklich nicht, Krebs sagt über Chinas Industriepolitik „in großen Bereichen ja“.
→ Clara Mattei — Geschichte der Austeritätspolitik
Beide greifen die unabhängige Zentralbank an und ziehen verschiedene Schlüsse. Für Mattei ist sie die liberale Form der Austerität. Krebs will nur die Illusion technischer Neutralität aufgeben und Geld- und Finanzpolitik nach transparenten Regeln koordinieren. Tiefer trennt sie die Frage, ob Sparpolitik Irrtum oder Werkzeug ist, und Krebs beantwortet sie doppelt: Seine Kollegen seien „neoliberal verwirrt“ und zugleich „Sprachrohre des Kapitals“. Matteis These, Militärausgaben seien für das Kapital die sichere Staatsausgabe, erklärt, was Krebs nur beklagt.
→ Warum wählen Menschen Autoritäre?
Krebs vertritt den materiellen Kern zugespitzter als Hensel oder Flassbeck, er datiert jeden AfD-Zuwachs auf ein wirtschaftspolitisches Versäumnis. Der Sachstand im Panorama bremst das: Wirtschaftliche Schocks erklären etwa ein Drittel des populistischen Zuwachses, und beim einzelnen Menschen sagt das eigene Einkommen die AfD-Wahl kaum vorher. Über Polanyi hätte Krebs eine Brücke zur These vom Statusverlust gehabt. Er geht nicht darüber.
→ Tom Krebs — DenkerVita
→ Greenpeace — Katherina Reiche und die Gasindustrie
Krebs fragt, wem die Netze gehören sollen; die Nachbesprechung dort fragt weiter, wem ein Netz dient, dessen Rendite eine Ministerin aus dem Netzgeschäft mitbestimmt. Und sie zeigt, dass auch der Verband kommunaler Unternehmen am Gas-Strang zog: Eigentum allein schützt nicht vor dem Eigeninteresse.
→ Isabella Weber — Antifaschistische Wirtschaftspolitik
Weber und Krebs haben gemeinsam gefragt, ob Preiskontrollen optimal sein können. Auf ihrer Buchpremiere stellt sie dieselbe Polanyi-Diagnose in einen älteren Rahmen, den antifaschistischen Gründungskonsens der Vierzigerjahre, und nennt den Weg radikalen Gradualismus statt geplanter Marktwirtschaft. Ihr Satz, nach der Gaspreisbremse habe die AfD stagniert, ist die Gegenprobe zu Krebs' erstem Schub, und die Nachbesprechung hier zeigt, warum sie noch offen ist.
→ Veronika Grimm — Der Preis als Signal (Jung & Naiv 612)
Die Gegenrechnung zu den umfassenden Preisbremsen: Grimm will den Kosten-Tsunami nur bis zu einer neuen, höheren Normalität dämpfen, weil der Preisschock den Strukturwandel beschleunigen soll. Beim Netz vertraut sie den Gasnetzbetreibern und will ihnen den Umbau zum Wasserstoff über die Regulierung schmackhaft machen.
Weiterdenken
- Krebs wirft den Mainstream-Ökonomen vor, ein Ergebnis vorauszusetzen und es als Wissenschaft auszugeben. Wo tut seine Erklärung des Rechtsrucks dasselbe, und woran würde er merken, dass er sich irrt?
- Wenn privates Kapital dort zu teuer ist, wo kein Wettbewerb Innovation bringt: Welcher Sektor, in dem heute Wettbewerb herrscht, würde nach diesem Kriterium als nächster fallen, und wer zieht die Linie, wenn nicht Krebs?
- Die geplante Marktwirtschaft braucht einen Staat, der vorausschaut und nicht „neoliberal verwirrt“ ist. Was passiert mit ihr, wenn die Wahl diesen Staat einer Partei übergibt, die das Gegenteil will, und hat Krebs darauf eine andere Antwort als Hoffnung?
- Polanyi beschreibt die Gegenbewegung als Selbstschutz der Gesellschaft. Was, wenn die Menschen sich weniger vor dem Preis ihrer Miete schützen wollen als vor einer Welt, die sie nicht mehr erkennen, und reicht dann eine Wirtschaftspolitik, so gut sie ist? (→ Warum wählen Menschen Autoritäre?)
- Ist Krebs' Offenheit beim Endpunkt, „ich weiß es am Ende nicht“, eine Stärke, weil sie Schritte statt Utopien verlangt, oder eine Schwäche, weil niemand weiß, wohin er mitgeht?
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