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Gedankenraum
Denker·15. Oktober 2026·1:54 h·50 Belegstellen

Rainer Mausfeld — Warum schweigen die Lämmer?

Wer über viele herrschen will, braucht ihre Angst: Mausfeld zeigt, wie aus Furcht vor etwas eine Angst ohne Gegenstand wird. Wo seine Analyse trägt und wo sie sich gegen jeden Einwand schließt.

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Francisco Goya — Caprichos-Aquatinta, Sepia und Tinten-Schwarz auf gealtertem Papier, Hell-Dunkel mit einem einzigen Lichtriss. Goyas Hand ist Mausfelds These: El sueño de la razón produce monstruos — die schlafende Vernunft, die fügsame Herde, der Mensch als deinon (ungeheuer in beide Richtungen). Der als Girlande getarnte Käfig trägt das ganze Argument: Das wirksamste Gefängnis ist das, was wie Komfort aussieht. Die fadendünnen Marionettenschnüre der Schatten-Macht laufen zu jedem Hals — nur ein einziges Lamm hebt den Kopf zum Lichtriss in den Stäben.

Prompt: A wide 1200×500 banner in the manner of Francisco Goya's Caprichos — dark aquatint and etching, sepia and ink-black on aged foxed paper, fine cross-hatching, no photorealism. On the left, a tight flock of pale sheep with lowered heads and closed eyes, placid; cold rectangular screen-glows hover above them, washing their wool in pale light, the sheep leaning toward the glow. Thin iron bars rise around the flock, wound with carved garlands and ribbons so they read as decoration rather than a cage. Behind looms a vast faceless many-armed shadow-figure of authority holding almost-invisible threads running down to each sheep's neck; its form dissolves into smoke and a swarm of bat-like shapes. Toward the right, against deep darkness, a single sheep lifts its head toward a hairline crack of cold white light splitting the bars open. Scratched faintly into the dark sky: the word »LÄMMER«. Heavy chiaroscuro, most of the canvas in brooding shadow.

Worum es geht

Wer über viele herrschen will, braucht ihre Angst: Das ist Rainer Mausfelds Ausgangssatz, und er verfolgt ihn in zwei Vorträgen von der Antike bis zum bayerischen Polizeigesetz. Der erste (2019) zeigt, wie aus der Furcht vor etwas eine Angst ohne Gegenstand gemacht wird und wohin ihre Kraft gelenkt wird. Der zweite (2023) fragt, welches Bild vom Menschen der Demokratie zugrunde liegt und wer an diesem Bild arbeitet. Die Note folgt beiden Abenden am Wortlaut, prüft, was sich prüfen lässt, und zeigt am Ende, wo die Analyse trägt und wo sie sich gegen jeden Einwand verschließt.

Quelle: Warum schweigen die Lämmer? Angsterzeugung als Herrschaftstechnik in neoliberalen Demokratien — DAI Heidelberg, 2019 Quelle: Demokratie und Menschenbild — DAI Heidelberg, 21.04.2023

Wer spricht?

Rainer Mausfeld (1949) — Wahrnehmungs- und Kognitionspsychologe, bis zur Emeritierung Professor für Allgemeine Psychologie an der Universität Kiel.

Jahrzehntelang Grundlagenforschung zur visuellen Wahrnehmung, seit 2009 Kritik an der Beteiligung von Psychologen an Foltertechniken, seit 2015 politische Vorträge mit Millionenpublikum. „Warum schweigen die Lämmer?“ war zuerst ein Vortrag und wurde 2018 ein Buch (Westend), das auf die Bestsellerliste kam.

Wichtigste Werke: Warum schweigen die Lämmer? (2018), Angst und Macht (2019), Hybris und Nemesis (2023) Kernbegriffe: Angst als Herrschaftstechnik, Binnenangst, Meinungsmanagement, Elitendemokratie, ideologischer Käfig, Schutzbalken

→ DenkerVita


Teil I — Angst als Herrschaftstechnik (2019)

Die Mehrheit hätte die Macht 1:00

Mausfeld beginnt mit einem Rechenproblem der Herrschaft. Wenn eine kleine Gruppe über eine große herrschen will, liegt die rohe Gewalt eigentlich bei der Mehrheit; schon David Hume hat darauf hingewiesen. Die Wenigen brauchen also Instrumente, materielle, ideologische, psychologische, und eines der ältesten ist die systematische Erzeugung von Angst. Polybius hielt die Masse für „launisch, voller unvernünftiger Leidenschaften und unbändiger Wut“; sie müsse „durch Angst im Zaum gehalten werden“. Wer Macht ausübt, hat nach dieser Logik nur zwei Möglichkeiten: Angst erleiden oder Angst erzeugen.

Herrschaft unterscheidet sich von bloßer Macht dadurch, dass sie sich rechtfertigt, früher mit Abstammung, Reichtum oder dem, was eben galt. Diese Rechtfertigungen haben, so Mausfeld, gewaltige Blutspuren hinterlassen, und die Aufklärung zog daraus eine Lehre: Der Starke darf keine anderen Rechte haben als der Schwache. Daraus wuchs die Idee der Demokratie, und mit ihr ein Versprechen. Demokratie beruht auf dem mündigen Bürger, und mündig kann nur sein, wer nicht in gesellschaftlicher Angst lebt.

Hier sitzt der Widerspruch, um den der ganze Abend kreist. Von unten gesehen ist Demokratie das Erstrebenswerteste, was es gibt, denn niemand will dem Willen eines anderen unterworfen sein. Von oben gesehen nimmt sie den Mächtigen ihr wirksamstes Werkzeug. 17:18

„Demokratie wurde zu keiner Zeit von den jeweils Herrschenden als wünschenswert [angesehen].“

Im Gespräch — 17:18

Seit den siebziger Jahren, mit dem Neoliberalismus, habe sich diese Spannung „massiv zuungunsten der Demokratie verschoben“. Das ist die These des Abends; der Rest ist ihre Herleitung.

Aus Furcht wird Binnenangst 12:39

Mausfeld unterscheidet zwei Arten von Angst, mit dem Hinweis, man solle die Unterscheidung nicht überstrapazieren. Die eine ist die Furcht vor etwas: Vor dem Grizzlybären kann man zur Seite treten oder fliehen. Die Griechen nannten sie phobos, und phobos heißt Flucht. Die andere ist eine „in der Seele herrschende bange Erwartung“, die kein Objekt hat. Gegen sie kann man nichts tun, weil es nichts gibt, wogegen man handeln könnte. Ihre Energie sucht sich dann einen Weg durch die ganze Psyche, in Ersatzhandlungen, in Fetische, in Lähmung. Freud nannte das die neurotische Angst.

Für die Herrschaft ist nur die zweite interessant. Wer der ersten ausgesetzt ist, kann handeln; wer der zweiten ausgesetzt ist, ist hilflos. Das Kunststück besteht darum darin, die eine in die andere zu verwandeln. Mausfeld beruft sich auf Franz Neumann, einen der Gründerväter der deutschen Politikwissenschaft, und dessen Aufsatz Angst und Politik von 1954:

„Man muss sozusagen Außenfurcht in Binnenangst verwandeln. Das ist der Witz von Angst als Herrschaftsinstrument.“ 13:26

Im Gespräch — 13:26

Woher die Binnenangst kommt, zählt er auf: die Sorge um den eigenen Status, Abstiegsangst, das Gefühl, die gesellschaftliche Welt sei undurchschaubar und nicht zu kontrollieren, der Verlust des Privaten durch Überwachung, die Anforderung, ständig flexibel zu sein. Und, am wichtigsten, der Verlust der Bindungen: 20:22

„Die soziale Atomisierung — wir haben soziale Bindungen verloren, die uns Halt geben und die damit immer auch angstreduzierend wirken. Die Einbettung in natürliche soziale Strukturen ist sozusagen das natürliche Gegenmittel gegen die Entstehung von Binnenängsten.“

Im Gespräch — 20:22

Am Ende steht ein Gefühl, das Mausfeld genau beschreibt: Ohnmacht entsteht, wenn man für seine Angst keinen Adressaten mehr findet, wenn es in der Politik niemanden gibt, von dem man sich eine Änderung verspricht. Dass das Bild des gefesselten Lamms auf dem Plakat so viele Menschen anspricht, hält er für ein Zeichen dafür, wie verbreitet dieses Gefühl ist.

Weitergedacht

Die Unterscheidung zwischen Furcht und Binnenangst ist stark. Aber sie gilt in beide Richtungen: Wenn eine reale Gefahr da ist, eine Pandemie, ein Krieg, eine Erwärmung, ist es dann Aufklärung, sie zu benennen, oder schon Herrschaftstechnik? Woran erkennt man den Unterschied?

Wohin die Kraft gelenkt wird 24:12

Binnenangst erzeugt psychische Energie, und für die Mächtigen ist das gefährlich, denn die Energie könnte sich gegen sie richten. Darüber, sagt Mausfeld, war man sich früh im Klaren, und man hat es offen diskutiert. Harold Lasswell, einer der Väter der Kommunikationsforschung, schrieb über Propaganda, es dürfe kein Zweifel darüber bestehen, auf wen sich der Hass der Öffentlichkeit zu richten habe. Man braucht also Ablenkziele, und je größer die Spannung zwischen Macht und Bevölkerung, desto wichtiger sind sie.

Was sonst mit der Energie geschehen kann, ist für die Herrschaft ebenso bequem. Sie richtet sich nach innen, gegen die eigene Person: Depression, psychosomatische Leiden, Sucht. Wer so mit sich beschäftigt ist, kümmert sich nicht um Politik. Angst verstärkt die ohnehin vorhandene Neigung zum Status quo, weil das Bekannte berechenbar ist, auch wenn das Neue objektiv besser wäre. Sie senkt Empathie und Solidarität und weckt die Sehnsucht nach Autorität. Und sie sucht sich einen Schuldigen in Personengestalt: den Fremden. 30:18

An dieser Stelle wird Mausfeld am schärfsten. Die Angst, sagt er, werde doppelt genutzt: einmal, um die Energie von den Zentren der Macht abzulenken, und ein zweites Mal, weil der so erzeugte Rassismus nun als Drohung dient: Wählt uns, sonst kommt der Rassismus. Der Rassismus habe dabei nie die Funktion gehabt, Fremde abzuwehren; er erzeuge die Kategorie des Fremden überhaupt erst. Mit Immanuel Wallerstein hält er ihn für einen festen Bestandteil des globalen Kapitalismus, weil sich extreme Ungleichheit mit dem egalitären Prinzip der Demokratie nicht rechtfertigen lasse.

Seine Belege kommen aus dem eigenen Land. 1991 titelte der Spiegel „Ansturm der Armen“; Flüchtlinge wurden als Armee beschrieben oder als Naturkatastrophe, als Flut und Schwemme. Das Wort „Asylant“ war eine Neuschöpfung, gebildet wie „Simulant“. Kurz darauf brannten Asylbewerberheime. 38:48 Ein Zeitungstext von 1992 über die Ängste der Deutschen (vor dem Fremden, um den Arbeitsplatz, vor hohen Mieten, vor Inflation) lese sich wie eine Meldung von heute, und dass wir uns daran kaum erinnern, mache uns für die Wiederholung anfällig.

Heute, so Mausfeld, heißt das Muster „Kampf gegen X“: gegen den Terror, gegen Desinformation, gegen Fake News, gegen den Rechtspopulismus. Wo dieses X anfängt und endet, bleibe immer unklar, und genau das sei der Zweck. Er zitiert Zbigniew Brzezinski, den er einen gnadenlosen Realpolitiker und brillanten Analytiker nennt: Der Ausdruck „Krieg gegen den Terror“ sei bedeutungslos, seine Unbestimmtheit sei beabsichtigt, und er habe in den USA eine „Kultur der Angst“ erzeugt. 45:42 John Mearsheimer zeigt, dass Regierungen, die gegen Völkerrecht verstoßen, routinemäßig „falsche Geschichten“ erfinden; für ihn ist das keine moralische Kategorie, sondern Handwerk.

Daraus leitet Mausfeld eine Denkmethode ab, und sie ist vielleicht das Brauchbarste des Abends: 44:11

„Wenn von oben verordnet wird, wozu wir uns alle verpflichten müssen, dann müssten eigentlich schon die Alarmglocken angehen: Wer will mich eigentlich mit welchem Zweck zu was verpflichten?“

Im Gespräch — 44:11

Als Beispiel für heutiges „Perception Management“ nennt er psychologische Einheiten in westlichen Armeen und die britische „Integrity Initiative“, deren Unterlagen 2018 öffentlich wurden (→ Faktencheck).

Kapitalismus und Demokratie 52:43

Hinter all dem steht für Mausfeld ein Strukturproblem:

„Kapitalismus und Demokratie stehen in einem Spannungsverhältnis. Und es droht immer, dass dieses Spannungsverhältnis zu offenkundig wird. Deswegen ist das Perception Management gerade wichtig in kapitalistischen Demokratien — damit nicht so richtig auffällt, dass sich das eigentlich beißt.“ 53:29

Im Gespräch — 53:29

Er zitiert Noam Chomsky zustimmend: „Kapitalistische Demokratie“ sei ein Widerspruch in sich, wenn Demokratie heißen soll, dass normale Leute die Mittel haben, an den Entscheidungen über ihr Leben teilzunehmen; wirkliche Demokratie setze voraus, dass das „radikal antidemokratische System des Konzernkapitalismus“ abgeschafft sei. Mausfeld nennt das einen harten Satz, über den man lange nachdenken müsse, und verlangt, dass er sich empirisch messen lasse. Den Beleg sieht er in der Studie von Martin Gilens und Benjamin Page: Die unteren 70 Prozent der Einkommensskala hätten in den USA „überhaupt keinen Einfluss“ auf politische Entscheidungen, und damit sei „die Idee der kapitalistischen Demokratie erledigt“. 55:46 Was die Studie tatsächlich zeigt, und dass Mausfeld 2023 eine andere Zahl nennt, steht in der Nachbesprechung.

Die Angst ist für ihn im Kapitalismus systembedingt. Lohnarbeit heißt Dienst an fremdem Eigentum, existenzielle Abhängigkeit vom Verkauf der eigenen Arbeitskraft, und diese Abhängigkeit, die man nicht beeinflussen kann, erzeugt zwangsläufig Angst. Eine Ausnahme räumt er ein: die Nachkriegsjahrzehnte bis etwa 1970, die „Zwangsheirat“ von Demokratie und Kapitalismus. Die Löhne stiegen, die Kinder sollten es besser haben, der Markt war eingebettet, und der Staat verteilte über Steuern bewusst von oben nach unten. Mit Ölkrisen, dem Ende von Bretton Woods und schrumpfenden Produktivitätsgewinnen war diese Zeit vorbei, und die neoliberale Ideologie, seit den zwanziger Jahren in Thinktanks bereitgehalten, gab dem Kapital einen neuen Rahmen.

Diese Ideologie erzeugt Angst, sagt Mausfeld, schon durch ihren Kern. Der freie Markt gilt als einzige Instanz, die Rationalität verkörpert; niemand sonst könne die Gesellschaft durchschauen, und was niemand durchschaut, kann auch niemand demokratisch steuern. Dazu kommt ein Menschenbild: der flexible Mensch, die Ich-AG, das „Kompetenzbündel“, das schon im Säuglingsalter gefördert werden müsse, während die Person verschwinde. Er rät, auf Wörter zu achten: Wer „Sachzwang“ hört, solle an „Systemzwang“ denken, denn das Unausweichliche sei nur innerhalb eines bestimmten Systems unausweichlich. 67:24

Eigene Einschätzung

Die Beobachtung zur Sprache trägt weit, auch über Mausfeld hinaus: „Sachzwang“, „alternativlos“, „Kompetenz“ sind Wörter, die eine Entscheidung als Naturgesetz ausgeben. Schwächer ist die Geschichte dahinter. Dass Lohnabhängigkeit Angst erzeugt, ist plausibel; dass sie es zwangsläufig tut und dass die Angst seit 1970 gestiegen ist, belegt er nicht. Die Nachkriegsjahre, die er als Ausnahme gelten lässt, waren ebenfalls Kapitalismus. Was sie unterschied, waren Institutionen, Gewerkschaften und Steuersätze, und die lassen sich ändern, ohne das System abzuschaffen. Das ist eine ermutigendere Lesart seiner eigenen Zahlen, als er sie selbst zieht.

Die Exekutive macht sich frei 68:10

In der älteren Demokratietheorie der Eliten, sagt Mausfeld, habe man offen gesagt, Demokratie funktioniere nur, wenn die Bürger hinreichend apathisch seien. In der neuen, autoritären Form heiße es, man brauche ein hinreichendes Maß an Unsicherheit und Angst. Johannes Agnoli hat diese Transformation der Demokratie schon in den späten sechziger Jahren beschrieben. Dann zitiert Mausfeld einen Autor, den er ausdrücklich als „revolutionärer Umtriebe völlig unverdächtig“ einführt, den Liberalen Ralf Dahrendorf: 69:47

Ralf Dahrendorf, 2002, nach Mausfeld

„Der neue Autoritarismus ist für die Bevölkerung kaum noch zu bemerken. […] Möglichst apathische Bevölkerung, Verstummen des demokratischen Diskurses, die Exekutive entzieht sich dem Volk und seinen gewählten Vertretern. Das ist das Hauptkennzeichen und der wichtigste Indikator für einen Übergang zu einem autoritären System.“

Inzwischen, fügt Mausfeld hinzu, sei es unter Politologen „weitgehend Konsens“, dass sich die Exekutive von der demokratischen Konsensbeschaffung „fast vollständig frei gemacht“ habe. Das Volk würde sich nicht selbst entmachten, wenn man es nicht vorher in Angst versetzt hätte.

Seine Beispiele: der Staatstrojaner, den die Süddeutsche „eines der weitreichendsten Überwachungsgesetze in der Geschichte der Bundesrepublik“ nannte; das bayerische Polizeiaufgabengesetz mit der Figur des „Gefährders“; ein Urteil zu den G20-Protesten in Hamburg, nach dem schon die Anwesenheit bei einer Demonstration einen gemeinsamen Tatentschluss begründen soll; das „Feindstrafrecht“ des Strafrechtlers Günther Jakobs, nach dem, wer keine „kognitive Sicherheit“ bietet, nicht mehr als Person, sondern als Feind behandelt werden darf. Nicht alle Beispiele halten der Prüfung stand. Gewahrsam in Bayern braucht einen Richter, das Hamburger „Urteil“ war eine Anklagetheorie, und das Feindstrafrecht hat die deutsche Strafrechtswissenschaft überwiegend abgelehnt (→ Faktencheck).

Der tiefste Gedanke dieses Teils stammt von der Rechtstheoretikerin Ingeborg Maus: Das Recht befinde sich auf dem Rückweg in die Feudalisierung. Wo Gesetze mit unbestimmten Rechtsbegriffen arbeiten, mit „Gefährder“, mit „nach dem Stand der Technik“, legt am Ende die Exekutive fest, was gilt, und handelt es zum Teil mit den Betroffenen aus. Im Umweltrecht heißt das, dass der Regulierte mitbestimmt, wie er reguliert wird. Der ökonomisch Stärkere hat dann andere Möglichkeiten, Recht auszuhandeln, als der Schwächere. 74:28

Weitergedacht

Ingeborg Maus beschreibt einen Mechanismus, der sich prüfen lässt: Gesetz für Gesetz, Begriff für Begriff. Mausfeld macht daraus eine Gesamtbewegung zum autoritären Staat. Was spräche gegen diese Gesamtbewegung? Und wenn Gerichte einzelne Gesetze kassieren, ist das ein Gegenbeweis oder nur eine Verzögerung?

Was er dagegen setzt 79:56

Am Ende steht ein Programm. Das Versprechen der Freiheit von gesellschaftlicher Angst lasse sich nur in einer Demokratie einlösen, die den Namen verdient: Die Wirtschaft muss in die Gesellschaft eingebettet sein, nicht die Gesellschaft in die Wirtschaft, und Altenheime, Kindergärten, Schulen und Krankenhäuser dürfen nicht ökonomischen Kriterien unterworfen sein. Die Gewaltenteilung muss wiederhergestellt werden; die Exekutive sei eine „Serviceabteilung der Legislative“. Und die Medien müssen demokratisiert werden: Direkte Demokratie bei unveränderten Medien sei ein Trick.

Dann wird er politisch im engeren Sinn. Das Unbehagen in der Gesellschaft sei „gigantisch“, überall in Europa entstehe Veränderungsenergie, und die brauche einen Deutungsrahmen. Die Rechte biete im Moment die erfolgreicheren Deutungen an, Rassismus lasse sich schneller aktivieren, und die Linke versage „massiv“. Den Rechtspopulismus selbst hält er für geschürt, „damit man ihn dann wieder als Angstgegner politisch nutzen kann“. 83:53 Sein letzter Satz ist das Ziel des Ganzen:

Mausfeld, Schluss des Vortrags

86:12 „… eine Gesellschaft aufzubauen, die allen eine größtmögliche Freiheit von Angst bietet — und damit auch die Möglichkeit, das kreative soziale Potenzial im Menschen [zu entfalten], was sich nur entfalten kann, wenn ich eine Gesellschaft habe, die weitgehend von gesellschaftlicher Angst frei ist.“

Eigene Einschätzung

Kreativität braucht Angstfreiheit, sagt Mausfeld. Kafka, Kierkegaard und Arendt schrieben aus der Angst heraus, und vielleicht meint er eine andere Angst: die gesellschaftliche, die einem den Boden unter dem Alltag nimmt, nicht die existenzielle, die zum Menschen gehört. Diese Unterscheidung trifft er selbst, im Vortrag fast beiläufig („wir haben genug mit existenziellen Ängsten zu kämpfen“). Sie verdiente mehr Raum, denn an ihr hängt, ob seine Forderung ein Programm ist oder eine Utopie.


Teil II — Demokratie und Menschenbild (2023)

Das Bild vom Menschen als Herrschaftsmittel 7:51

James Madison, einer der Gründerväter der USA, nannte jede Regierungsform eine Reflexion über die menschliche Natur. Mausfeld nimmt den Satz ernst: Die Gesellschaft, in der wir leben, und die Politiker, die wir wählen, sind Ausdruck eines meist unbewussten Menschenbildes. Wer glaubt, der Mensch sei warmherzig und solidarisch und nur die Umstände machten ihn schlecht, baut eine andere Gesellschaft als jemand, der ihn für einen Egoisten hält, den erst Erziehung und Ordnung gesellschaftsfähig machen.

Er weiß, dass die Frage akademisch klingt, und begründet ihre Dringlichkeit mit der Weltuntergangsuhr der Bulletin of the Atomic Scientists, die im Januar 2023 auf 90 Sekunden vor Mitternacht stand, so nah wie nie. Atombombe und Klimakrise seien keine Naturkatastrophen, es gebe Verantwortliche, und dahinter stehe ein drittes Problem, „der gezielte Angriff auf das menschliche Bewusstsein“. 14:07 In dessen Zentrum steht wieder das Menschenbild:

Mausfeld

18:01 „Wie kann man unser Menschenbild so manipulieren, dass wir zu einer freiwilligen Unterwerfung bereit sind?“

Das Menschenbild hat zwei Gesichter. Das emanzipatorische fragt, wie der Mensch beschaffen ist, damit eine Gesellschaft ihm gerecht wird; Mausfeld vergleicht es, absichtlich trivial, mit der Legehennenhaltung, die der Natur des Tieres Rechnung tragen muss, wenn sie artgerecht sein will. Das andere Gesicht ist das Menschenbild als Herrschaftsinstrument. Für beides bringt er ein Beispiel. Étienne de La Boétie schrieb um 1549, wir seien nicht nur im Besitz unserer Freiheit geboren, sondern auch mit dem Trieb, sie zu verteidigen. Gustave Le Bon schrieb 1895 in der Psychologie der Massen, die Massen könnten nur in Bildern denken und ließen sich nur durch Bilder beeinflussen, und derselbe Le Bon hielt Frauen für eine der „minderwertigsten Formen der Menschheitsentwicklung“; eine Frau, die den Durchschnittsmann übertreffe, sei so selten wie ein Gorilla mit zwei Köpfen. 29:51

Das Publikum lacht, und Mausfeld hält das Lachen an. Die Kollegen haben Le Bon damals zugenickt, sie waren in ihrer Zeit nicht vorurteilsbehaftet, sie teilten das Selbstverständliche. Vorurteile erkenne man daran, dass man heftig nickt, ohne nachzudenken. In zweihundert Jahren werde man über uns lachen wie wir über Le Bon. 31:22

Bach und die Folter 33:40

Irgendwann in der Evolution, sagt Mausfeld, haben sich einige Fähigkeiten des menschlichen Gehirns aus der starren Bindung an Instinkte gelöst. Sie laufen nicht mehr mechanisch ab, sie sind „freigesetzt“ für das symbolische Operieren, und daraus folgt eine schöpferische Kraft ohne Grenze. Wilhelm von Humboldt hat das früh gesehen:

„Der Mensch ist in der Lage, von endlichen Mitteln unendlichen Gebrauch zu machen.“ 36:02

Im Gespräch — 36:02

Darauf beruhen Schrift, Werkzeug, Kunst, Musik und die Freiheit, die eigene Gesellschaft immer wieder anders einzurichten. Die Biene hat keinen Spielraum, wie sie ihren Staat organisiert; wir haben einen unerschöpflichen. Nur sortiert die Evolution nicht nach moralischen Werten. Freigesetzt wurden auch Aggression, Gewalt und das Mehr-haben-Wollen, und auch sie sind ohne inneres Maß.

Mausfeld

39:31 „Übrigens auch die Folter ist humanspezifisch, sie ist so humanspezifisch, einzigartig für den Menschen, wie das Lachen, die Kunst oder die Sprache. Diese Doppelnatur müssen wir uns klar machen. Diese beiden Seiten hängen zusammen.“

Wir sprechen gern von Goethe, Shakespeare und Bach, wenn wir das Wesen des Menschen bestimmen, und nennen die Täter „unmenschlich“ oder „tierisch“, obwohl kein Tier tut, was sie tun. Mausfeld nennt das eine Verleugnung. Die Griechen waren ehrlicher. In Sophokles' Antigone heißt es: „Ungeheuer ist viel, doch nichts ungeheurer als der Mensch.“ Das griechische deinon meint, was sich nicht fassen lässt, im Großen wie im Grauenhaften. Die Frage, ob der Mensch von Natur aus gut oder böse sei, hält Mausfeld deshalb für „völlig unsinnig“: Gut und Böse sind Kategorien, die der Mensch erst einführt, wenn er menschliches Handeln bewertet. 44:08

Weitergedacht

Wenn Schöpfung und Zerstörung aus derselben Quelle stammen: Warum setzt sich in der Geschichte so oft das Zerstörerische durch? Ist es schneller, billiger, braucht es weniger Menschen, die zustimmen? Und was hieße das für die Schutzbalken, die Mausfeld fordert?

Mangelwesen und Überschusswesen 44:53

Der Mensch ist ein Mangelwesen, weil ihm fehlt, was Tiere haben: eine innere Bremse. Beim Tier ist Gewalt irgendwann zu Ende; beim Menschen gibt es dieses Ende nicht. Vor allem das „parasitäre Mehr-haben-Wollen“, das Mehr auf Kosten anderer, kennt keine natürliche Grenze. Die Griechen nannten es Pleonexie und stellten es ins Zentrum ihres politischen Denkens: Macht drängt nach mehr Macht, Besitz nach mehr Besitz. „Warum will ein Millionär nach den 110 Millionen noch die 115 Millionen haben?“ 47:10

Zugleich ist der Mensch ein Überschusswesen. Er ist das einzige Lebewesen, das einem Sein ein Sollen gegenüberstellen kann, das Normen, Werte und Kultur hervorbringt und damit den Zusammenhalt einer Gesellschaft sichert. Was ihm an innerer Regulierung fehlt, kann er im Überschuss als gesellschaftliche Regel schaffen. Darin liegt seine Chance.

Schutzbalken 47:57

Was die Biologie nicht regelt, muss die Zivilisation regeln, mit dem, was Mausfeld „Schutzbalken“ nennt. Er findet sie überall, wo Menschen zusammengelebt haben, und die Beispiele sind das Lebendigste des Abends.

Jäger-und-Sammler-Gesellschaften wussten, dass Machthierarchien eine Gemeinschaft zerstören, und sie unterschieden genau. Wer am besten tanzt oder singt, gewinnt Ansehen, und das ist ungefährlich. Wer immer die größte Beute heimbringt, verteilt Geschenke und macht sich andere abhängig. Also tauschte man vor der Jagd die Pfeile, und das Wild gehörte nicht dem, der es erlegt hatte, sondern dem, dem der Pfeil gehörte. So verteilte sich das Ansehen zufällig, und keine Familie konnte sich dauerhaft über die anderen erheben. 52:30

Die frühen Staaten fanden andere Formen: die Maat in Ägypten, das Mandat des Himmels in China, Gerechtigkeitsprinzipien, die in den Götterhimmel verlegt wurden und an die sich auch der Herrscher halten musste. Ihr Kern war, dass der Schwache vor dem Starken geschützt wird, sinnbildlich die Witwen und Waisen. Wenn etwas in so verschiedenen Kulturen so tief verankert ist, schließt Mausfeld, muss es eine Grundlage in der menschlichen Natur haben, und er findet sie in Experimenten mit Säuglingen, die schon empfindlich reagieren, wenn eine Verteilung ungerecht ist (→ Faktencheck zum Alter). Und die athenische Demokratie entstand, so liest er sie, vor allem als Schutz vor der Verkommenheit des Adels, dessen Fehden die Stadt in Bürgerkriege gestürzt hatten. 57:59

Die zweite Gegenkraft ist das Bedürfnis nach Freiheit. Niemand mag Zwang, niemand will sich die Beine binden lassen. Mausfeld nennt es einen Instinkt, mit La Boétie, und hält es für eine reale politische Kraft, solange Angst, Passivität und Vereinzelung sie nicht lähmen.

Elite und Herde 58:45

Wenn Demokratie so attraktiv ist, warum wurde sie dann von den Mächtigen immer bekämpft? Aus demselben Grund, aus dem sie attraktiv ist. Schon im antiken Athen erschreckte die Eliten die Faszination, die der Gedanke auf das Volk ausübte, und ihre Lösung, so Mausfeld, war, dem Volk die Demokratie nur als Wort zu geben. Dazu brauchte es eine Ideologie, die zwei Arten von Menschen unterscheidet. Aristoteles schrieb, einige seien von Natur aus zum Herrschen geboren, und seltsamerweise waren das immer die, die gerade herrschten. 60:25

Die Reihe, die Mausfeld daraus zieht, ist lang. Voltaire nannte das Volk Tiere unterhalb des Menschengeschlechts, Friedrich II. sah es im Schlamm waten, Walter Lippmann sprach in den zwanziger Jahren von der „verwirrten Herde“, die zum Denken unfähig sei. Das Bild der Herde, das im Titel als Lämmer wiederkehrt, hat hier seine Vorgeschichte. Die gesamte westliche politische Theorie, sagt Mausfeld, beginne mit einer tief antidemokratischen Voreingenommenheit, dem Hass auf das Volk, den die Griechen misodemia nannten. Dagegen setzt er Ingeborg Maus:

„Entgegen allen Einwänden gegen eine Herrschaft des Volkes haben geschichtliche Erfahrungen keineswegs eine politische Dummheit des Volkes zutage gefördert, die diejenige der politischen Funktionseliten erreicht oder gar übertroffen hätte.“ 63:38

Im Gespräch — 63:38

Joseph Schumpeter habe Demokratie auf den Wettbewerb von Eliten um Stimmen reduziert: Wir dürfen wählen, welche Gruppe uns führt. Leo Strauss habe gesagt, Demokratie funktioniere nur, wenn die Massen völlig apathisch seien und nichts als Sportseiten und Comics läsen. Im Original referiert Strauss allerdings die herrschende Lehre seines Fachs, um ihr die Bildung entgegenzusetzen (→ Faktencheck). Die Realität dieser Elitendemokratie sei vielfach untersucht, wieder mit Gilens und Page, und diesmal sind es „die unteren 50 Prozent“, die „mit einem Null-Gewicht“ in politische Entscheidungen eingehen. 64:24

Das neoliberale Menschenbild ist für Mausfeld die jüngste Folge dieser Linie: ein Wesen, das in ständiger Konkurrenz seinen Nutzen optimiert, Unternehmer seiner selbst, für sein Scheitern allein verantwortlich, ein Bündel verwertbarer Kompetenzen. Schon 1966 habe die OECD geschrieben, das Erziehungswesen gehöre in den Komplex der Wirtschaft und stehe „gleichwertig neben Autobahnen“. 68:21

Den Abschluss bildet eine Gegenüberstellung. Alexander Hamilton schrieb in den Federalist Papers, die Kaufleute seien die „natürlichen Vertreter“ aller Klassen der Gemeinschaft; die repräsentative Demokratie sei, so Mausfeld, ausdrücklich erfunden worden, um eine ernsthafte Demokratie zu verhindern. Protagoras dagegen, in Platons gleichnamigem Dialog, sagt, jeder Mensch habe teil am Sinn für Recht und Unrecht, sonst könnten Städte nicht bestehen; darum habe in den Angelegenheiten des Gemeinwesens jeder das gleiche Recht, gehört zu werden. 72:55 Kant hat daraus die nüchternste Folgerung gezogen: Das Problem der Staatserrichtung sei „selbst für ein Volk von Teufeln“ lösbar, wenn sie nur Verstand haben. Demokratie verlangt keine besseren Menschen. In großen, verschiedenen Gesellschaften kann man sich nicht auf Werte einigen, wohl aber auf Verfahren, in denen sich alle als Freie und Gleiche anerkennen. 74:34

Eigene Einschätzung

Der Satz von Kant ist der stärkste des Abends, und er steht quer zu Mausfelds eigener Diagnose. Wenn Demokratie auch mit Teufeln funktioniert, braucht sie keine aufgeklärten Bürger, sondern gute Verfahren. Dann wäre die erste Frage nicht, wie wir aus dem ideologischen Käfig herauskommen, sondern welche Verfahren das Gewicht der Wenigen begrenzen: Parteispenden, Lobbyregister, Zusammensetzung der Parlamente, das Los. Mausfeld nennt Kant, geht aber zur Verfahrensfrage nicht weiter.

Der Käfig und die Frage, was zu tun ist 76:07

Zum Schluss greift Mausfeld auf den Soziologen C. Wright Mills zurück, der 1958 in The Causes of World War Three zwei Ursachen der damaligen Gefahr nannte: „Die Achtung vor der öffentlichen Diskussion wurde durch skrupellose psychologische Kriegsführung ersetzt“, und ein kollektiver Gedächtnisverlust. Wir hätten vergessen, was Demokratie heißt: dass die, die von Entscheidungen vital betroffen sind, einen angemessenen Anteil an ihnen haben. Ändern lasse sich das nur, wenn wir uns aus dem ideologischen Käfig befreien; zu bekämpfen seien vor allem die Gleichgültigkeit und „die Angst vor einem Wissen“, das uns beunruhigt.

Die Fragerunde nimmt das auf, und hier sagt Mausfeld einige seiner ehrlichsten Sätze. Er weiß selbst keine Antwort. Fast alle emanzipatorischen Bewegungen der letzten Jahrzehnte, auch Occupy, seien nach fünf oder zehn Jahren versandet, weil sie über die „begriffslose Empörung“ nicht hinauskamen, keine Tradition hatten und sich „zu Tode empört“ hätten. Ihnen fehlten Stützorganisationen, wie es früher Gewerkschaften und linke Parteien waren, und solche Organisationen müssten neu entstehen. 108:07 Demokratie sei nie im Einverständnis mit den Mächtigen entstanden, sondern ihnen in langen sozialen Kämpfen abgetrotzt worden, die „nicht blutig sein“ müssen; selbst Kleisthenes habe nur ein wenig nachgeben wollen, um Bürgerkriege zu verhindern, und dann sei die Idee wie eine Welle über Griechenland geschwappt. 84:54

Auf die Frage, was man konkret tun könne, antwortet er:

Mausfeld, Fragerunde

100:17 „Wenn Ihnen jemand auf diese Frage eine Antwort gibt — verlassen Sie bitte den Raum. Es gibt keine autoritären Handbücher. […] Wir müssen aus dem ideologischen Käfig raus. Wie das passiert — das können Kindergartengruppen machen, das können Sie in Schulen [machen]. […] Wenn es nicht von innen kommt, können wir es vergessen.“

Und dann der dunkelste Satz des Abends:

„Meine einzige Hoffnung ist: Irgendwann wird der Druck so groß, dass vielleicht doch der ideologische Käfig brüchig wird. Wenn ich auf die Geschichte zurückgehe — das ist fast immer nur nach großen Blutspuren passiert. Nach dem Dreißigjährigen Krieg kam die Aufklärung, nach dem Zweiten Weltkrieg die allgemeinen Menschenrechte. Die Menschen brauchen erst die Blutspuren, bis sie zusammenzucken — weil sie durch Konsumismus, durch billige Unterhaltung, durch Verflachung so eingebunden sind in den ideologischen Käfig.“ 101:09

Im Gespräch — 101:09

Die beiden Antworten widersprechen sich, und beide sind seine. Die eine sagt, Demokratie werde in langen, nicht notwendig blutigen Kämpfen errungen und brauche Organisationen. Die andere sagt, erst die Katastrophe öffne den Käfig. Die erste lässt Raum für Handeln, die zweite nur für Warten.

Weitergedacht

Mausfeld selbst nennt Athen und die langen sozialen Kämpfe, die nicht blutig sein müssen. Welche Gesellschaften haben den Käfig ohne Katastrophe verlassen, und was hatten sie, was andere nicht hatten: Organisationen, Zeit, ein Gedächtnis?

Wo die Analyse sich schließt

Mausfelds Stärke ist die Frage nach der Funktion: Wem nützt eine Angst, wer profitiert von einem Feindbild, wozu soll ich mich verpflichten? Diese Frage ist gut, und in vielen Fällen, die er nennt, hat sie Antworten gefunden, die sich belegen lassen. Die Asylkampagnen der frühen neunziger Jahre hat es gegeben, die Lüge über die irakischen Massenvernichtungswaffen auch, und dass Eliten in der Demokratietheorie offen über die Nützlichkeit der Apathie geschrieben haben, lässt sich nachlesen (→ Nachbesprechung).

Die Schwäche zeigt sich, wo die Funktionsfrage die Sachfrage verdrängt. In der Fragerunde 2023 wird er nach Corona gefragt und sagt, er habe gleich zu Beginn erklärt, die Krise habe „überhaupt nichts mit Gesundheit zu tun“. (Das Interview erschien im Juni 2020 und war vorsichtiger formuliert, → Faktencheck.) Dann folgt der Satz, an dem alles hängt:

„Man nutzt einen angsterzeugenden Faktor völlig unabhängig — und das müssen wir trennen —, ob dieser Faktor gefährlich ist oder nicht. Der spielt überhaupt keine Rolle. Wir dürfen uns nicht zerfleischen darüber, dass der eine sagt, der ist aber 50 Prozent gefährlich, und der andere sagt, zehn Prozent.“ 111:57

Im Gespräch — 111:57

Als Hinweis, dass man Gefahr und Machtgebrauch getrennt betrachten soll, ist das richtig. Als Methode schließt es die Analyse gegen die Wirklichkeit ab. Wenn es keine Rolle spielt, ob eine Gefahr real ist, lässt sich eine berechtigte Warnung nicht mehr von Propaganda unterscheiden, und jede Angst wird zum Beleg für die These. Beim Klima geht er denselben Weg: Ob der Klimawandel menschengemacht sei, will er nicht entscheiden, sicher sei nur, dass er für den Umbau in einen „autoritären Klimastaat“ missbraucht werde. 90:21 Die Weltuntergangsuhr, mit der er selbst den Abend eröffnet hat, nennt er nun ebenfalls ein „Angstinstrument“. Und als ein Zuhörer von „großen Narrativen“ wie dem menschengemachten Klimawandel spricht, die alle der Profitakkumulation dienten, widerspricht er nicht.

Er weiß um das Problem. Er selbst verlangt, man solle nur mit Menschen reden, die ein „ernsthaftes Erkenntnisinteresse“ haben, und nicht mit solchen, die „rückwärts argumentieren“, die also vorher wissen, was herauskommen soll. 93:23 Der Maßstab ist richtig, und er gilt für eine Theorie, in der jeder Einwand als weiteres Stück Käfig erscheint, ebenso. Woran würde Mausfeld erkennen, dass er sich irrt? An diesem Abend gibt er darauf keine Antwort.

Eigene Einschätzung

Die Kritik an Mausfeld kommt meist als Etikett, und das Etikett erspart den Blick in die Sache. Lohnender ist es, beides zu trennen: Wo er Mechanismen beschreibt, die man prüfen kann (Ablenkziele, unbestimmte Rechtsbegriffe, die Sprache des Sachzwangs, die ungleiche Responsivität), ist er ein genauer und unbequemer Lehrer. Wo er Absicht unterstellt, die er nicht zeigen kann (der Rechtspopulismus „wurde geschürt“), oder wo er erklärt, die Gefährlichkeit einer Gefahr spiele keine Rolle, wird aus der Analyse eine Haltung, die nichts mehr überraschen kann. Die Leser, die ihm zu Millionen folgen, verdienen beides: den Lehrer und den Hinweis, wo er aufhört, einer zu sein.


Nachbesprechung

Nach den beiden Abenden bleiben drei Fragen offen: ob die untere Hälfte wirklich keinen Einfluss hat, ob Angst gefügig macht, und wo die Kritik an den Medien trägt.

Hat die untere Hälfte keinen Einfluss?

2019 nennt Mausfeld die unteren 70 Prozent, 2023 die unteren 50 Prozent, und beide Male soll ihr Einfluss null sein. Keine der beiden Zahlen steht in der Studie, auf die er sich beruft. Gilens und Page werteten 1.779 Politikfragen aus den USA der Jahre 1981 bis 2002 aus und verglichen die Wünsche des Median-Bürgers mit denen des wohlhabendsten Zehntels und der organisierten Interessen. Rechnet man die beiden letzten Gruppen heraus, hat der Durchschnittsbürger nur noch einen „winzigen, fast null betragenden, statistisch nicht signifikanten“ Einfluss (Gilens & Page 2014, doi:10.1017/S1537592714001595). Das ist ein harter Befund, und in der Richtung gibt Mausfeld ihn richtig wieder. Die 70 Prozent stammen vermutlich aus einer Rede Noam Chomskys von 2013, die vor der Studie gehalten wurde (Salon). Von „Oligarchie“ sprechen die Autoren bei ihrem eigenen Ergebnis nicht, sie nennen es die Dominanz wirtschaftlicher Eliten.

Mausfeld verschweigt den Streit, den die Studie auslöste. Meist wollen Mitte und Wohlhabende dasselbe, und dann bekommt die Mitte, was sie will, nur eben nicht aus eigenem Gewicht (Enns 2015, doi:10.1017/S1537592715002315; Bashir 2015, doi:10.1177/2053168015608896). Wo die beiden Gruppen uneins sind, setzen sich die Reichen etwas häufiger durch, aber keineswegs immer (Branham, Soroka & Wlezien 2017, doi:10.1002/polq.12577). Für Deutschland ist der Befund leiser und zeigt in dieselbe Richtung. Im Bundestag folgten die Entscheidungen von 1980 bis 2013 eher den Wünschen der oberen Berufs- und Bildungsgruppen, unter jeder Koalition, und die Autoren erklären das weniger mit Geld als mit der Zusammensetzung des Parlaments (Elsässer, Hense & Schäfer 2021, doi:10.1080/13501763.2020.1801804). Damit landet die Frage dort, wo Kant sie hinstellt: bei den Verfahren, die bestimmen, wer mitentscheidet.

→ Weiter im Panorama: Wiegt jede Stimme gleich?, mit dem Vergleich über dreißig europäische Länder, den Großspenden ohne Deckel und der Frage, ob eine Vermögensgrenze hilft oder eher ein Parlament, das anders zusammengesetzt ist.

Macht Angst gefügig?

Mausfelds Kette hat drei Glieder: Angst lässt Menschen ihre Rechte abgeben, Angst macht sie apathisch, und die Exekutive nutzt beides, um sich der Kontrolle zu entziehen. Die Forschung prüft jedes Glied für sich, und die Ergebnisse fallen verschieden aus.

Das erste Glied hält, mit Einschränkungen. Nach dem 11. September waren Amerikaner umso eher bereit, Bürgerrechte gegen Sicherheit zu tauschen, je bedrohter sie sich fühlten, allerdings nur, wenn sie der Regierung vertrauten (Davis & Silver 2004, doi:10.1111/j.0092-5853.2004.00054.x). Eine zweite Studie trennt, was Mausfeld zusammenfasst: Wer eine Bedrohung wahrnimmt, unterstützt harte Maßnahmen, wer Angst empfindet, wird vorsichtiger und lehnt militärische Abenteuer eher ab (Huddy, Feldman, Taber & Lahav 2005, doi:10.1111/j.1540-5907.2005.00144.x). Unter Terrorbedrohung schwenken außerdem weniger die ohnehin autoritär Gesinnten um als die anderen (Hetherington & Suhay 2011, doi:10.1111/j.1540-5907.2011.00514.x). In einem deutschen Experiment von 2022 hing die Bereitschaft, Freiheiten einzuschränken, auch davon ab, wer die Täter waren und ob man selbst von der Maßnahme getroffen würde (Jäger 2023, doi:10.3389/fpos.2022.1006711). Neben der Angst entscheidet also auch das eigene Interesse.

Für das zweite Glied findet sich in der Forschung keine Stütze. Die Theorie der affektiven Intelligenz sagt das Gegenteil voraus, und Experimente bestätigen sie: Angst unterbricht die Gewohnheit, Menschen suchen mehr Information und lösen sich eher von ihrer Partei (Brader 2005, doi:10.1111/j.0092-5853.2005.00130.x; Valentino et al. 2008, doi:10.1111/j.1467-9221.2008.00625.x). Einen Punkt hat Mausfeld trotzdem: Ängstliche lesen bevorzugt bedrohliche Nachrichten und verarbeiten sie verzerrt (Gadarian & Albertson 2013, doi:10.1111/pops.12034). Angst schläfert nicht ein, sie lenkt die Aufmerksamkeit. Am stärksten zur Wahl bewegt ohnehin die Wut (Valentino et al. 2011, doi:10.1017/S0022381610000939). Belegt ist dagegen, dass Eliten die Apathie für nützlich hielten. Samuel Huntington schrieb 1975 im Bericht an die Trilaterale Kommission, eine Demokratie funktioniere gewöhnlich nur mit „einem gewissen Maß an Apathie und Nichtbeteiligung“ einiger Gruppen, und nannte das im selben Atemzug „von Natur aus undemokratisch“ (Crozier, Huntington & Watanuki, The Crisis of Democracy, S. 113 f.). Von Angst als Mittel steht dort nichts.

Das dritte Glied lässt sich in Deutschland an den Gerichten prüfen. Das Bundesverfassungsgericht erklärte das BKA-Gesetz 2016 in wesentlichen Teilen für verfassungswidrig (LTO) und kippte 2023 die automatisierte Datenanalyse der Polizei in Hessen und Hamburg (Verfassungsblog). Der Bayerische Verfassungsgerichtshof ließ die „drohende Gefahr“ 2025 bestehen, begrenzte sie aber auf terroristische und vergleichbar schwere Angriffe (zdfheute). Zugleich hat Karlsruhe das Handeln vor der konkreten Gefahr grundsätzlich zugelassen, und die Gesetzgeber versuchen es nach jeder Niederlage neu, bei der Vorratsdatenspeicherung seit zwanzig Jahren. Mausfelds Beobachtung, dass sich die Exekutive mit unbestimmten Begriffen Spielraum verschafft, trägt also. Eine Bevölkerung, die das wortlos geschehen lässt, gibt es dagegen nicht: Die meisten dieser Urteile gehen auf Verfassungsbeschwerden von Bürgern und Bürgerrechtsorganisationen zurück. Ob ein Staat in der Krise selbst Angst machen darf, untersucht die Nachbesprechung zu Göpel und Marinić.

→ Weiter im Panorama: Wer bewacht die Handelnden?, mit Abwahl, Recht und Öffentlichkeit als den drei Werkzeugen der Aufsicht, den Zentralbank-Protokollen und der Drehtür zwischen Konzern und Ministerium.

Wo trägt die Medienkritik?

Mausfeld beschreibt die Medien als Teil des Meinungsmanagements, und für einen Teil davon gibt es Belege. Uwe Krüger hat 2013 die Netzwerke von 219 Leitjournalisten untersucht. Etwa ein Drittel hatte Kontakte zu Elitenzirkeln und Thinktanks, und bei vier außenpolitischen Journalisten von FAZ, SZ, Welt und Zeit glichen die Deutungen denen ihres transatlantischen Umfelds (Meinungsmacht, Halem 2013). Kritiker hielten ihm entgegen, dass gleiche Meinungen noch keine Steuerung beweisen. Die Indexing-Hypothese erklärt dasselbe Muster ohne Absicht: Die Presse bildet den Streit innerhalb der Eliten ab, und wo die Eliten sich einig sind, wird der Korridor schmal (Bennett 1990, doi:10.1111/j.1460-2466.1990.tb02265.x). Vor dem Irakkrieg kamen in 1.434 Beiträgen der großen US-Sender fast nur Regierungsvertreter zu Wort, Kriegsgegner aus dem eigenen Land kaum (Hayes & Guardino 2010, doi:10.1080/10584600903502615). In der Pandemie berichteten deutsche Leitmedien nach einer Studie von Marcus Maurer und Kollegen überwiegend sachlich, ließen aber vor allem Politiker und Experten sprechen und kaum die Betroffenen (zdfheute). Für die Ukraine 2014 fand eine Untersuchung über dreizehn Länder dagegen keine pauschale Einseitigkeit (Fengler et al. 2018, doi:10.1177/1464884918774311).

Auch für den Punkt, an dem sich eine solche Kritik abdichtet, hat die Forschung einen Namen. Ein Misstrauen gegen Mächtige, das unabhängig vom Gegenstand bleibt, messen Psychologen als „Verschwörungsmentalität“. Es ist über die Zeit stabil und sagt voraus, welchen Erklärungen jemand glaubt (Imhoff & Bruder 2014, doi:10.1002/per.1930). Kennzeichnend ist, dass jeder Gegenbeweis als Teil des Problems gedeutet wird (Sunstein & Vermeule 2009, doi:10.1111/j.1467-9760.2008.00325.x). Der Amerikanist Michael Butter sah 2018 in Mausfelds Medienkritik „stark populistische und mitunter auch verschwörungstheoretische Züge“ („Nichts ist, wie es scheint“, Suhrkamp). Tanjev Schultz warf ihm in der Süddeutschen vor, die Recherchen der kritisierten Presse zu übergehen, von der Steuerflucht bis zu den Panama Papers (SZ, 12.11.2018). Der Kommunikationswissenschaftler Michael Meyen verteidigte ihn gegen das Etikett und hielt ihm zugleich vor, über das Belegbare hinauszugehen (Medienblog, 2018).

Und die Leser? In der Mainzer Langzeitstudie vertrauten Ende 2024 47 Prozent der Deutschen den Medien, wenn es um wichtige Dinge geht, 20 Prozent misstrauten ihnen. Jeder Fünfte meinte, die Bevölkerung werde systematisch belogen; zwei Jahre zuvor waren es 14 Prozent (Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen 2024). Eine allgemeine Vertrauenskrise sehen die Autoren nicht, wohl aber einen wachsenden harten Kern. Dort hinein wirken Mausfelds Vorträge, mit Millionen Abrufen. Seine Frage „Wer will mich wozu verpflichten?“ ist dort gut aufgehoben, sein Satz, die Gefährlichkeit einer Gefahr spiele keine Rolle, weniger.

→ Weiter im Panorama: Lenkt jemand, oder lenkt die Routine? und Wann wird Misstrauen blind?, mit Besitz und Plattformen, der Wirkung staatlicher Propaganda und der Frage, wer sich korrigiert.


Faktencheck

Falsch — Das Zitat zum „neuen Autoritarismus“ stammt nicht von Agnoli

Die frühere Fassung dieser Note schrieb das Zitat von 2002 Johannes Agnoli zu und nannte ihn „politisch unverdächtig“. In der Aufnahme sagt Mausfeld deutlich: „von jemandem, der revolutionärer Umtriebe völlig unverdächtig ist: Ralf Dahrendorf, FDP. Er schreibt 2002 …“ 69:33. Die automatische Abschrift hatte den Namen verschluckt. Das Jahr passt zu Dahrendorfs Gesprächsband Die Krisen der Demokratie (C.H. Beck 2002) und seiner These vom „autoritären Jahrhundert“; den Wortlaut konnten wir nicht prüfen. Agnoli war Marxist und Theoretiker der Außerparlamentarischen Opposition, sein Buch Die Transformation der Demokratie erschien 1967 (Mausfeld sagt 1970). Den anschließenden „Konsens unter Politologen“, die Exekutive habe sich „fast vollständig frei gemacht“, gibt es nicht. Quelle: Perlentaucher zu Dahrendorf 2002 · Rosa-Luxemburg-Stiftung zum „autoritären Jahrhundert“

Vereinfacht — Gilens & Page: „die unteren 70 Prozent“ (2019) bzw. „die unteren 50 Prozent“ (2023)

Der Kern hält: Bei 1.779 Politikfragen (1981–2002) hatte der Median-Bürger einen „near-zero, statistically non-significant impact“, sobald man Wirtschaftseliten und organisierte Interessen herausrechnet. Beide Prozentzahlen stehen aber nicht in der Studie; sie vergleicht das 50. mit dem 90. Perzentil. Die 70 Prozent gehen vermutlich auf Chomsky 2013 zurück. „Die Überflüssigen“ ist kein politikwissenschaftlicher Fachbegriff für die untere Einkommenshälfte. Dass Mausfeld in zwei Vorträgen zwei verschiedene Zahlen nennt, ist der eigentliche Befund. Mehr in der Nachbesprechung. Quelle: Gilens & Page 2014, doi:10.1017/S1537592714001595 · Chomsky 2013 (Salon)

Falsch — Leo Strauss und die „Sportseiten“

Mausfeld legt Strauss die Norm in den Mund, Demokratie funktioniere nur mit völlig apathischen Massen. In der Rede „What Is Liberal Education?“ (1959) referiert Strauss die damals herrschende Sicht seines Fachs: Zu den wichtigsten Tugenden einer Demokratie werde die Wahlapathie gezählt, „not indeed the salt of the earth but the salt of modern democracy are those citizens who read nothing except the sports page and the comic section“. Unmittelbar danach setzt er ihr die Bildung als „counter-poison to mass culture“ entgegen. Strauss war erklärter Elitist, aber das zitierte Bild ist eine Ironie über die Elitendemokratie-Forschung, nicht sein Bekenntnis. Quelle: Strauss, What Is Liberal Education? (Volltext)

Falsch — Bayern: Gewahrsam „ohne Gerichtsbeschluss ein Leben lang“

Das bayerische Polizeiaufgabengesetz von 2017 hob die Höchstdauer des Präventivgewahrsams von zwei Wochen auf drei Monate an, beliebig oft verlängerbar; Heribert Prantl nannte das „Unendlichkeitshaft“. Gewahrsam und jede Verlängerung brauchen aber eine richterliche Entscheidung, wie es Art. 104 GG verlangt. „Gefährder“ ist kein Rechtsbegriff im Gesetz, der umstrittene Begriff heißt „drohende Gefahr“, und die Kritik an seiner Unbestimmtheit ist berechtigt. Baden-Württemberg ist beim Gewahrsam nicht gefolgt (14 Tage). Seit 2021 gilt in Bayern höchstens ein Monat plus ein Monat Verlängerung. Die Verkürzung „ohne Richter“ macht aus einer berechtigt kritisierten Ausweitung Willkürhaft. Quelle: LTO, Christian Rath zum BayVerfGH 2023 · Landtag BW, Drs. 16/7702

Vereinfacht — G20: „Hamburger Gerichte entscheiden, bloße Anwesenheit begründet Tatentschluss“

Das war die Anklagetheorie der Hamburger Staatsanwaltschaft im Rondenbarg-Komplex, gestützt auf ein BGH-Urteil von 2017 zu Hooligan-Aufmärschen. Ein Urteil in diesem Sinn gab es bis zum Vortrag nicht: Der Prozess gegen Fabio V. endete 2018 ohne Urteil, das Rondenbarg-Verfahren platzte, begann 2024 neu und wurde in weiten Teilen eingestellt. Am nächsten kommt Mausfelds Satz das Elbchaussee-Urteil von 2020, das nach dem Vortrag fiel und einen gewalttätigen Aufzug betraf. Quelle: jura-online: Tatkomplex Rondenbarg · taz zum Rondenbarg-Prozess 2024

Vereinfacht — Feindstrafrecht

Das Jakobs-Zitat ist fast wörtlich („Wer keine hinreichende kognitive Sicherheit personalen Verhaltens leistet, kann nicht nur nicht erwarten, noch als Person behandelt zu werden …“). Jakobs verstand es aber als Beschreibung des geltenden Rechts, und die deutsche Strafrechtswissenschaft hat das Konzept überwiegend abgelehnt. „Systematisch von Topjuristen entwickelt“ trifft nicht zu. Schäuble empfahl 2007 Otto Depenheuers Selbstbehauptung des Rechtsstaates zur Lektüre, ein verwandtes, aber anderes Buch; dass er sich „ganz massiv“ auf Jakobs berufen hätte, ist nicht belegt. Quelle: Jakobs, Bürgerstrafrecht und Feindstrafrecht (HRRS 2004) · Ambos, Feindstrafrecht (2006) · Die Zeit 33/2007

Vereinfacht — Integrity Initiative

Das britische Außenministerium förderte das Projekt des Institute for Statecraft 2017/18 mit 296.500 Pfund, für 2018/19 waren 1,96 Millionen vorgesehen. Es gab „Cluster“ aus Journalisten, Wissenschaftlern und ehemaligen Militärs, und der Twitter-Account teilte Corbyn-kritische Artikel, wofür sich die Organisation entschuldigte. In Kiel wirkte ein freier Mitarbeiter des Instituts für Sicherheitspolitik mit; das Institut selbst bestritt eine Beteiligung. Die FAZ berichtete am 24.12.2018. Was Mausfeld weglässt: Das Leck, das er „in die Snowden-Tradition“ stellt, geht nach Angaben der britischen Regierung, der BBC und der Times auf einen russischen Hack zurück und wurde zuerst über RT und Sputnik verbreitet; das Projekt verstand sich als Abwehr russischer Desinformation. Quelle: Institute for Statecraft (Wikipedia, mit Guardian/Times) · Integrity Initiative (de.Wikipedia) · ISPK-Erklärung, 09.01.2019

Bestätigt — Brzezinski und Mearsheimer

Brzezinskis Text in der Washington Post (25.03.2007) gibt Mausfeld fast wörtlich wieder: „culture of fear“, „The phrase itself is meaningless … Terrorism is not an enemy but a technique of warfare“, „Fear obscures reason“. Nur an einer Stelle schärft er nach: Bei Brzezinski „mag“ die Unbestimmtheit „bewusst (oder instinktiv)“ kalkuliert sein. Mearsheimers Why Leaders Lie (2011) behandelt „fearmongering“; sein Befund ist allerdings, dass Staaten einander selten belügen, die eigene Bevölkerung dagegen öfter. Quelle: Brzezinski, Washington Post 2007 · Why Leaders Lie

Bestätigt — „Ansturm der Armen“ (1991)

Der SPIEGEL 37/1991 vom 08.09.1991 titelte „Ansturm der Armen. Flüchtlinge Aussiedler Asylanten“, die Titelgeschichte hieß „Soldaten an die Grenzen“, genau Mausfelds Bild. Nicht prüfen ließen sich der Engholm-Satz und der Text von 1992 über die Ängste der Deutschen. Das Wort „Asylant“ war damals nicht neu, die Union benutzte es schon 1986. Quelle: DER SPIEGEL 37/1991 · Böll-Stiftung: Die Asyldebatte gestern und heute

Vereinfacht — Depression und Sucht „seit 40, 50 Jahren gestiegen“

Gestiegen sind vor allem Diagnosen, Krankschreibungen und Behandlungen. In Deutschland blieb die 12-Monats-Häufigkeit der Major Depression zwischen 1997–99 und 2009–12 stabil bei 7,4 Prozent (Bretschneider et al. 2018, doi:10.1186/s12888-018-1973-7, repräsentative Primärstudie). Weltweit finden Meta-Analysen einen kleinen, vor allem demografisch erklärten Anstieg (Richter et al. 2019, doi:10.1111/acps.13083) bzw. einen deutlicheren bei uneinheitlicher Datenlage (Moreno-Agostino et al. 2021, doi:10.1016/j.jad.2020.12.035). Der Alkoholkonsum pro Kopf sinkt in Deutschland seit den 1970er Jahren (Ärzteblatt). Die Kette Angst → Depression → Statistik ist bei Mausfeld Behauptung, kein Befund.

Falsch — „wenige Wochen alte Säuglinge“ reagieren auf Ungerechtigkeit

Der Kern hält: Kinder, die noch nicht sprechen, reagieren auf ungleiche Verteilungen. Die Studien betreffen aber Kinder von 12 bis 21 Monaten (Schmidt & Sommerville 2011, doi:10.1371/journal.pone.0023223; Geraci & Surian 2011, doi:10.1111/j.1467-7687.2011.01048.x; Sloane, Baillargeon & Premack 2012, doi:10.1177/0956797611422072), der früheste Befund 4 Monate, und nur in der einfachsten Anordnung (Buyukozer Dawkins et al. 2019, doi:10.3389/fpsyg.2019.00116). Gemessen wird meist längeres Hinschauen, also Überraschung, nicht „ausgesprochen negative“ Reaktion.

Bestätigt — Pfeiltausch bei Jägern und Sammlern

Richard Lee beobachtete bei den Ju/'hoansi, dass Männer vor der Jagd Pfeile tauschen und die Beute dem Besitzer des Pfeils zugerechnet wird; Christopher Boehm beschreibt solche Nivellierung als „umgekehrte Dominanzhierarchie“. Der Tausch geschieht als Leihe und Gabe, nicht „per Zufall“, und der Schluss von heutigen Wildbeutern auf die Steinzeit ist üblich, aber nicht unumstritten. Quelle: Boehm 1993, doi:10.1086/204166 · Pennisi, Science 2014

Vereinfacht — „OECD 1966“ und das Erziehungswesen „neben Autobahnen“

Das Zitat gibt es, aber nicht in einer OECD-Schrift. Es steht in Wirtschaftswachstum und Bildungsaufwand (Wien 1966, im Auftrag des Europarates), einem Bericht über eine OECD-Konferenz von 1961; ob der Satz OECD-Position ist oder vom Berichterstatter stammt, bleibt offen. Quelle: Graupe & Krautz 2014, „Die Macht der Messung“ (PDF)

Vereinfacht — Hamilton und das „Demokratieverhinderungsmodell“

Die Stelle aus Federalist No. 35 ist korrekt wiedergegeben: Die Kaufleute seien die „natural representatives of all these classes“. Zwischen die Zitate schiebt Mausfeld aber eigene Sätze, die wie Hamilton klingen („Der Mensch ist unfähig, sich selbst zu regieren“, „Demokratie ist völlig wirklichkeitsfremd“) und dort nicht stehen. Dass die US-Verfassung als Bremse gegen ein „Zuviel an Demokratie“ gebaut wurde, ist eine anerkannte Lesart der Geschichtsforschung (Beard, Wood, Klarman); „ausdrücklich als Verhinderungsmodell erfunden“ spitzt sie zu. Quelle: Federalist No. 35 (Avalon Project)

Vereinfacht — Corona: „überhaupt nichts mit Gesundheit zu tun“

Das Interview, auf das sich Mausfeld 2023 beruft, erschien am 6. Juni 2020 in den Deutschen Wirtschafts Nachrichten. Dort sagt er, Staaten seien „nicht vorrangig am Schutz der Gesundheit“ interessiert, „dabei können natürlich auch Gesundheitsaspekte eine Rolle spielen“; die zugespitzte Überschrift stammt von der Redaktion. Die Erinnerung von 2023 ist schärfer als die Quelle. Quelle: DWN, 06.06.2020

Kleinere Versehen ohne Gewicht für die Argumentation: Die Campaign for Nuclear Disarmament entstand 1957/58 in Großbritannien, nicht in den USA; Mausfelds Beitrag zu Sheldon Wolins Umgekehrter Totalitarismus (Westend 2022) ist eine Einführung, kein Vorwort.


Verbindungen

→ Adam Johnson — How to Sell a Genocide

Die empirische Fallstudie zu Mausfelds Meinungskorridor: zwei Jahre US-Gaza-Berichterstattung quantitativ vermessen (Wortfrequenzen, Gästelisten, Quellen-Anonymität). Wo Mausfeld die Technik der Bewusstseinskontrolle beschreibt, zeigt Johnson, dass sie oft keine Steuerung braucht — journalistische Norm genügt.


Sokrates im Verhör

Was Sokrates Mausfeld gefragt hätte

Sokrates würde nicht widersprechen — er würde fragen, bis das System bricht.

„Du sagst, Manipulation operiert unterhalb der Bewusstseinsschwelle. Aber wie weißt du das — du, Rainer Mausfeld — bist du selbst nicht manipuliert? Wenn der Käfig wirklich unsichtbar ist, woran erkennst du, dass du außerhalb bist?"

Mausfeld würde antworten: Durch reflexive Distanz, wissenschaftliche Methode, historische Analyse.

Sokrates: „Und diese Methode — hat sie dir dein Milieu, deine Universität, deine Gesellschaft beigebracht? Ist die Wissenschaft nicht selbst ein Schutzbalken — der manchmal auch käfig ist?"

„Du sagst, der Mensch ist ein Möglichkeitsorgan. Gut. Dann ist er auch fähig, freiwillig im Käfig zu bleiben — nicht aus Unwissenheit, sondern aus Wahl. Wie unterscheidest du die Schafe, die nicht wissen dass sie Schafe sind, von denen, die es wissen und trotzdem schweigen?"

Und zuletzt:

„Du weißt alles über den Käfig. Du hast seit Jahrzehnten Vorträge gehalten. Was hat das geändert? Wenn dein Wissen keine Veränderung bewirkt — ist es dann Wissen, oder ist es nur ein weiteres Stück Käfig?"


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
  • Mausfeld nennt Angst das älteste Machtinstrument. Arendt kennt eine Angst, die moralisch etwas leistet: die Angst, mit einem Mörder zusammenleben zu müssen, mit sich selbst. Gibt es eine Angst, die befreit statt lähmt, und wer entscheidet, welche Angst welche ist?
  • Meinungsmanagement braucht offene Gesellschaften; in einer Diktatur genügt die Gewalt. Schützt die Demokratie vor Manipulation, oder macht sie sie erst nötig? Und wäre das ein Argument gegen die Demokratie oder für sie?
  • Mausfeld lässt offen, ob das Zerstörerische im Menschen ursprünglich ist. Fromm hält Destruktivität für die Folge ungelebten Lebens, nie für primär. Wer hat recht, und was folgt politisch aus der einen oder der anderen Antwort?
  • Kant hält den Staat „selbst für ein Volk von Teufeln“ für lösbar. Braucht die Demokratie dann überhaupt Menschen, die den ideologischen Käfig verlassen haben, oder nur Verfahren, die keinem zu viel Macht lassen?
  • Woran würde Mausfeld erkennen, dass er sich irrt? Und woran erkennen wir, ob wir ihm zu schnell recht geben oder zu schnell unrecht?

Weiterführend

Von hier einen Faden gehen7 Stationen, rückwärts durch den Bestand

Im Bestand

Rainer MausfeldDenkerVitaWie kann Demokratie…Maja Göpel und Jagoda MarinićVertrauen, utopisch?Wie handelt eine Demokratie?Wer macht die Meinung?Jörg BaberowskiPutin, Herrschaft und die…Rutger BregmanIst der Mensch wirklich gut?Zhao Tingyang, Forst und…Tianxia und die Bedeutungen der…Renée DiRestaInvisible Rulers: Wie Lügen zur…Rainer MühlhoffKünstliche Intelligenz und der…Hartmut RosaResonanz und UnverfügbarkeitImmanuel KantWas ist Aufklärung?Erich FrommPsychoanalyse des FaschismusErich FrommMenschliches WachstumAnna-Verena NosthoffKybernetik und die Macht der…Jonathan HaidtKann ein gespaltenes Amerika…Sudan: Das Massaker von El…Sandra NavidiVerbrecher getarnt als…Ernst GelegsIst das Regime Orbán am Ende?Loosh & Solar-Flashwas aus einer datierten…

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