GedankenraumBenneckenstein und Wichmann — Zwischen Hass und Ausstieg
Einer floh vor den Nazis, einer wich ihnen aus, einer war einer: ein Gespräch über den Weg hinein, den Weg heraus und darüber, warum Argumente dabei abperlen wie an Teflon.
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Edward Hopper — stiller Realismus, Nachtlicht, ein Fenster zur Straße. Drei Menschen an einem runden Tisch mit Mikrofonen, jeder anders beleuchtet: einer beugt sich vor und hört zu, einer sitzt ruhig in der Mitte, einer blickt auf seine gefalteten Hände. Draußen unter der Laterne liegt eine abgelegte Bomberjacke auf einer Bank. Hopper malte Menschen, die nebeneinander sitzen und jeder für sich bleiben — das passt zu einem Gespräch, in dem drei dieselbe Zeit aus drei Richtungen erzählen und keiner den anderen erklären muss.
Prompt: Painting in the style of Edward Hopper, wide 1200x500 banner, quiet realism, strong raking light and long shadows. A small radio studio at night seen through a large window from the street: three people sit around one round table with microphones, each lit differently — on the left a young Black man leaning forward listening, in the middle a calm middle-aged man in a grey sweater, on the right a man in his late thirties with short hair looking down at his folded hands. On the empty street outside the window, under a single streetlamp, an old discarded bomber jacket lies on a bench. Muted teal, warm amber interior light, deep night blue. Stylized figures, no realistic faces, no text, no logos.
Einer floh vor den Nazis, einer wich ihnen aus, einer war einer. Im taz-Podcast Mauerecho sitzen drei an einem Tisch: der Moderator Dennis Chiponda, der in den Neunzigern in der Lausitz vor Neonazis davonlief; Fabian Wichmann, der jahrelang für EXIT-Deutschland Aussteiger begleitete; und Felix Benneckenstein, der rund zehn Jahre in der Szene war, als Liedermacher, und heute selbst Ausstiege begleitet. Ein Gespräch über den Weg hinein, über einen Abend mit sechzehn, an dem er fast schon draußen war, und über die Arbeit, die ein Ausstieg ist — vier Jahre akut, ein Leben lang biografisch.
Quelle: Rechtsextremismus in Ost und West: Zwischen Hass und Ausstieg — Podcast „Mauerecho“ (taz Panter Stiftung) (29.09.2025, 78 Min.)
Felix Benneckenstein (1986, Starnberg) — wuchs in München und Erding auf, stieg mit fünfzehn in die Szene ein und war rund neun Jahre aktiv: Münchner Kameradschaft, NPD, bundesweit bekannt als Liedermacher „Flex“. Nachdem ihn andere Neonazis angegriffen hatten, sagte er bei der Polizei aus, saß einige Monate in Haft und stieg um 2010/11 mit EXIT aus — begleitet von Fabian Wichmann. 2011 gründete er die Aussteigerhilfe Bayern, für die er bis heute Ausstiege begleitet. Er ist verheiratet mit Heidi Benneckenstein, die mit ihm ausstieg und Ein deutsches Mädchen (2017) schrieb.
Fabian Wichmann — Erziehungswissenschaftler, aufgewachsen in einem Dorf am Berliner Stadtrand. Seit 2009 Ausstiegsbegleiter bei EXIT-Deutschland, Mitinitiator von Kampagnen wie „Rechts gegen Rechts“ und #HassHilft; seit 2025 wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Grüner Vogel e.V., der IS-Rückkehrer beim Ausstieg begleitet.
Moderation: Dennis Chiponda (1991), Journalist und Diversity-Trainer, Sohn von Vertragsarbeitern, aufgewachsen in der Lausitz.
Drei an einem Tisch
1:34 — Am Anfang stehen Zahlen: Rechts motivierte Straftaten 2024 um 47,8 Prozent gestiegen, rechte Gewalttaten um 17,2. Dann stellt der Moderator sich vor, und die Zahlen bekommen ein Gesicht. Dennis Chiponda ist in den Neunzigern in der Lausitz aufgewachsen, „in einer Zeit voller Gewalt und Konflikte. Ich habe öfter vor Nazis flüchten müssen.“ Später erzählt er, dass er nirgends allein hinfuhr, 15:16 und dass er das so gründlich verdrängt hatte, dass ein alter Freund ihn erst daran erinnern musste.
8:26 — Fabian Wichmann, ein paar Jahre älter, wuchs in einem Dorf am Rand von Berlin auf. Als seine Mutter ihn am Abend des 9. November weckte und sagte, die Mauer sei gefallen, dachte er an die Mauer vom Kohleschuppen. „Meine Welt endete quasi eine Eulenstation entfernt“ — eine Station mit dem Schienenbus, dann kam die Grenze. Danach wurde die Welt groß, und für manche Nachbarn zu groß. Jungen, die er kannte, zogen sich in Gruppen zurück, und „dann war man halt der Feind und nicht mehr der Freund, … dann war man die Zecke“ 13:00. Zum Baumblütenfest in Werder fuhr man nicht. Schulhöfe, Kneipen, ganze Dörfer mied man. Warum ihn das nie hineingezogen hat, schreibt er seinen Eltern zu, die ihn früh politisch geprägt hätten.
Felix Benneckenstein, der Jüngste, Jahrgang 1986, kommt aus München, und er war drin.
Diese Aufstellung ist das Besondere der Folge. Selten sitzen das Opfer, der Beobachter und der Täter von damals so nebeneinander, ohne dass einer den anderen erklären muss. Sie reden über dieselbe Zeit aus drei Richtungen, und keine Stimme bekommt das letzte Wort.
„Ich habe mir das gezielt rausgepickt“
16:01 — Benneckensteins Kindheit verlief mitten in München, ohne sichtbare rechte Szene. 1992, da war er sechs, ging er mit seinen Eltern zu einer der großen Lichterketten nach den Brandanschlägen. Mit zehn, elf zog die Familie ins Umland, nach Dorfen bei Erding. Dort wollten Neonazis im April 2000 das Jugendzentrum anzünden, und weil dort noch Leute waren, zündeten sie die Sozialunterkunft an, in der 17 Menschen schliefen, die meisten aus türkischen Familien, darunter ein Mitschüler, mit dem er gut befreundet war (BGH 2002). Verletzt wurde niemand. Benneckenstein war dreizehn. „Ich erzähle diese zwei Szenen jetzt ausführlicher, weil ich da automatisch hängen bleibe, wenn ich über meine Biografie nachdenke: Wie konnte das alles passieren?“ 17:33
19:05 — Mit elf, zwölf kippt sein Leben, zunächst ohne Politik: eine Clique, Diebstähle, Autoaufbrüche, Polizei vor der Haustür. Er bricht das Gymnasium ab. „Als ich mich dann in dieser Situation so außerhalb der Gesellschaft fühlte, wo ich mich selbst hingebracht habe — das ist ganz wichtig, daran zu erinnern —, da war auf einmal für mich diese Gedanke Volksgemeinschaft.“ In Erding fand er ein Angebot, das es in München nicht gab: rechte Verleger, die DVU, einen gut organisierten NPD-Kreisverband. Und dort die Erzählung, die genau zu ihm passte: „Die deutsche Jugend hat hier keine Perspektive.“ Er sagte: „Jawohl, ich bin auch so einer.“ 22:06
Wichmann zerlegt das ohne Entschuldigung. Unsicherheit, Entwertung, die Suche nach Zugehörigkeit und Aufwertung spielen eine Rolle, aber dann müsste ja der ganze Osten Nazi geworden sein. Es braucht zusätzlich Vorurteile, die schon „anschlussfähig“ sind, aus der Familie, aus dem Umfeld, und eine Ideologie, die sagt: „Wir sehen deine Probleme und wir lösen sie mit dir.“ 26:42
Was er im Podcast nicht erzählt: Die rechte Clique im Dorfener Stadtpark, aus deren Umfeld der Brandanschlag kam, war laut Lokalpresse auch sein erster Kontakt zur Szene; öffentlich gemacht hat er das selbst, 2015 in Dorfen (Merkur). Der Junge, der beim Brand eines Freundes stehen bleibt, und der Junge, der sich derselben Clique anschließt, sind derselbe.
Benneckenstein selbst nimmt sich die bequeme Erklärung am Ende wieder weg. Es gab in Erding nicht nur Neonazis, „sondern ich habe mir das irgendwie gezielt rausgepickt“ 67:49. Wie Eichi in Neubrandenburg besteht er auf der eigenen Wahl. Das ist mehr als Selbstanklage. Wer sagt, er sei nur hineingerutscht, gibt die Verantwortung ab, und wer sie abgibt, kann auch den Ausstieg nicht als eigene Tat begreifen.
Benneckenstein und Eichi bestehen beide darauf, dass sie gewählt haben, obwohl die Umstände ihnen Ausreden liefern würden. Ist dieses Beharren auf der eigenen Wahl Teil dessen, was einen Ausstieg dauerhaft macht?
Was man ausblenden kann
29:45 — Dann erzählt Benneckenstein zwei Dinge, die man in dieser Biografie nicht erwartet. Sein Großvater mütterlicherseits war ein nicht weißer amerikanischer Soldat; seine Mutter hatte wegen ihres zweiten Vornamens Erfahrungen gemacht. Und sein kleiner Bruder, nur ein Jahr jünger, hat das Down-Syndrom. „Ich wusste sehr früh, dass unter Hitler er definitiv — im besten Fall hätte man Versuche mit ihm gemacht.“ Trotzdem las er sich in Holocaustleugnung ein, „bis ich es in meinem Kopf dann drin hatte“.
Chiponda fragt, wie das emotional zusammengeht. Die Antwort ist kein Rätsel, sondern Routine. 35:04 Erst ein privates „das Hitlersystem war blöd, machen wir heute nicht mehr“, um den Gewissenskonflikt zu schließen, dann Abstumpfung, dann „komplettes Ausblenden“. Die behindertenfeindlichen Sätze der eigenen Leute habe er erst in den letzten drei seiner rund zehn Jahre wirklich gehört. Dazu kam ein Reiz, den er heute nüchtern benennt: Er hielt seine Eltern für politisch klug, und es gefiel ihm, sie fassungslos zu machen. Als sie mit Strenge reagierten, bemitleideten ihn die Neonazis für sein „böses Elternhaus“. Eine Freundin, die Nazis wirklich verachtete, sagte ihm später, sie habe es „irgendwie bewundernswert“ gefunden, wie viel er für seine Überzeugung in Kauf nahm. „Diese ganzen Lorbeeren, die hatten sich dann richtig gut erstmal angefühlt.“ 37:21
43:24 — Wichmann nimmt dem Ausblenden das Monströse: Jeder lebe mit Widersprüchen zu seinem Selbstbild, man tue, was emotional greifbarer ist, obwohl man das Problem kennt. „Das ist nicht mal schizophren, das ist einfach, glaube ich, eine Art von Konfliktkompensation, die jeder in irgendeiner Art und Weise hat. Das ist menschlich.“ Das ist der unbequemste Satz der Folge, weil er den Abstand zwischen dem Zuhörer und dem jungen Neonazi verkleinert. Der Bruder mit dem Down-Syndrom saß jeden Tag am Tisch, und es reichte nicht.
Das Straßenfest in Erding
46:27 — Chiponda fragt, ob ihn damals irgendetwas hätte erreichen können. Benneckenstein erzählt von einem Tag, an dem er sechzehn war. Ein deutsch-türkisches Straßenfest in Erding, dazwischen ein paar unorganisierte „Saufglatzen“ aus München, Bomberjacken. Einer zieht eine Gaspistole und zielt in Richtung von Kindern. Benneckenstein glaubte damals, Nationalsozialismus bringe Frieden. Er geht dazwischen, obwohl er dem Mann körperlich nicht gewachsen ist, und bekommt „das erste Mal richtig Schläge in meinem Leben“ 48:00.
In der Kleinstadt spricht es sich herum. Leute, mit denen er früher Kontakt hatte, machen sich Sorgen, er ist „auf dem Weg, Mitleid zu bekommen und gut, dass du das endlich eingesehen hast“. Dann spricht er mit einem organisierten Neonazi. Der deutet alles um: Solche Barbaren kämen leider zu ihnen, weil die Medien hetzen, „ein Nationalsozialist würde sowas ja niemals machen“ 48:47. Benneckenstein zieht daraus den falschen Schluss: Er müsse zu den richtigen Nazis. „Da wäre ich eigentlich wunderbar rausgegangen, aber trotzdem habe ich mich weiter radikalisiert.“
Dieser Abend ist das Gegenstück zu Eichis Bierkasten. Alles war da, was einen Ausstieg auslösen kann: eine Erfahrung, die das Weltbild widerlegt, Menschen, die die Tür aufhalten, eine Scham. Und es kippte in die andere Richtung, weil einer schneller war und eine Deutung anbot. Wichmann erklärt es mit dem Elitedenken der Szene 50:18: Wer es jetzt versteht, gehört zu den Wenigen, die mehr sehen als die Verblendeten. Ein Irritationsmoment ist kein Ausstieg. Es kommt darauf an, wer ihn zuerst deutet.
Am Abend des Straßenfests waren die Menschen, die sich um Benneckenstein sorgten, langsamer als der eine Kader, der ihm eine Erklärung lieferte. Was müsste eine Stadt, eine Familie, ein Freundeskreis in so einem Moment konkret tun, um schneller zu sein?
Die Gewalt geht von den anderen aus
54:07 — Gewalt mochte Benneckenstein nicht. „Ich war überhaupt kein Mensch, der irgendwie auf Gewalt geil war.“ Er hat sie sich angewöhnt, als Pflicht: „Als Mann musst du dich auch prügeln können.“ Niemand musste ihn zwingen, er übernahm den Anspruch freiwillig, „wenn du eine Revolution willst, musst du das schon ertragen, dass es Straßenschlachten gibt“. Er hatte sogar Minderwertigkeitskomplexe, weil ihm Gewalt nicht lag, und versuchte, sie sich „gezielt abzutrainieren“ 59:27.
57:57 — Der Hebel war eine Umkehrung: Die Gewalt gehe von den anderen aus, und das könne man als Neonazi „unfassbar weit auslegen“. Die Polen, die in Polen leben, auf vermeintlich deutschem Boden. Später die „Durchmischung“ des Volkes als Gewalt. „Du bist ja schon in der Schlacht. Was willst du machen? Willst du untergehen?“ Wer sich als Verteidiger fühlt, muss sich als Angreifer nicht rechtfertigen.
Chiponda kennt die andere Seite derselben Logik. In seiner Gegend galt ein Ehrenkodex: Man musste dich provozieren, und wer sich provozieren ließ, bekam etwas ab. Seine Mutter brachte ihm bei, keine Angst zu zeigen. Später verwirrte er die Provokateure, indem er besonders gewählt sprach, „Error, Error, warum spricht der Schwarze besser Deutsch als ich?“, bis sie keine Lust mehr hatten 57:11. Er unterscheidet Mitläufer und Nazis an einem Punkt: Niemand wollte Opfer sein, also ging man in die Gruppe, auch wenn man nicht mitprügelte.
Argumente wie Teflon — und ein Abend im Jugendclub
45:41 — Wichmanns Befund aus Jahren der Ausstiegsarbeit ist ernüchternd klar: Argumente „perlen ja ab wie Teflon“. Wer in so einem System steckt, hält sich für erleuchtet und alle anderen für ahnungslos, und darum muss er nicht zuhören. Das reine Argument wirke bei jemandem, der nicht bereit ist, „nicht effektiv, wenn man erhofft, dass sich die Person in der Diskussion verändern wird. Das wird nie der Fall sein.“ Was trotzdem zählt, sind Signale. Eltern, die sagen, wir kommen nicht überein, aber du bist unser Kind, die Tür bleibt offen 39:37. Ausstiegsprojekte, die schon durch ihre Existenz eine andere Erzählung anbieten. Freunde, die da sind, wenn die ersten Zweifel kommen. „Es wird jetzt nicht diese eine Lösung geben, dass man quasi so einen Reset-Knopf drückt.“
44:09 — Chiponda erzählt dazu die schönste Geschichte des Abends. Einer aus der Parallelklasse, Nazi, von der siebten bis zur zehnten Klasse haben sie sich gehasst. Aber in Brandenburg mussten die Klassen alles zusammen machen, Klassenfahrt, Sport, den Jugendclub, in dem es hieß: Entweder ihr benehmt euch, oder ihr fliegt alle raus. Irgendwann teilen sie ein Zimmer, trinken einen Abend zusammen, liegen nebeneinander, und der andere sagt: „Ey, so scheiße bist du gar nicht.“ Am nächsten Tag verbrannte er sein Nazizeug. „Aber das war ja nicht dieser eine Moment, sondern es waren ganz viele Gespräche.“ Chiponda nennt es Samen pflanzen. Als Schwarzer, sagt er, habe er ihm „mit jeder Faser meines Seins gezeigt, dass das, was ihm die ganze Zeit erzählt wird, nicht stimmt“ — das sei für Weiße schwerer.
Hier treffen sich die drei Perspektiven. Wichmann sagt, Argumente wirken nicht; Chiponda sagt, Begegnung über Jahre wirkt; Benneckenstein hatte zu Hause den Gegenbeweis am Tisch sitzen und blendete ihn aus. Die Begegnung in der Zwangsgemeinschaft — Klasse, Zimmer, Jugendclub — wirkte bei dem einen, das Familienmitglied bei dem anderen nicht. Was den Unterschied macht, bleibt offen. Vielleicht der Zeitpunkt, vielleicht, dass der Schulfreund noch nicht organisiert war.
Was Ausstiegsbegleitung tut
60:12 — Wie ein Ausstieg mit EXIT anfängt, beschreibt Wichmann nüchtern. Zuerst zuhören: Warum meldet sich jemand? Ist es echt, oder ist es eine strategische Kontaktaufnahme? Kommt die Motivation von innen oder von außen? Dann Beziehungsarbeit über lange Zeit. Der Ausstiegshelfer steigt nicht für jemanden aus. „Das ist ja eigentlich bloß, dass man eine Rahmung setzt, dass eine Person selber aktiv wird.“ 60:59 Dazu sehr Praktisches: Tattooentfernung, Umzug, Sicherheit, weil die Gewalt, die man selbst gepredigt hat, sich jetzt gegen einen richten kann. Der akute Prozess dauere vielleicht vier Jahre, „als biografisches Element, als biografische Erfahrung ist es ein Teil deines Lebens bis zum Ende“ 62:29.
64:00 — Benneckenstein erzählt, was ihn hielt, als er schon zweifelte. Psychische Probleme, über die man unter „Herrenmenschen“ nicht redet. Eine Existenz, die er sich nur in der Szene aufgebaut hatte: das zweite Album kurz vor der Aufnahme, Auftritte als Einnahmequelle. Freundschaften, auch mit Leuten mit Einträgen wegen Terrorismus, von denen er glaubte, sie würden ihm nichts tun. Als er ging, kam die Drohung doch: „Jetzt zeige ich dir, was … der steigt da auch noch aus, das ist wirklich ein Verräter.“ Sein Rat: jemanden haben, mit dem man reden kann, und zur Not die Sicherheitsbehörden einschalten, „diese ganzen alten Codices … man redet nicht mit den Bullen … dass das alles mal über Bord geworfen wird“. Und ein Satz, der zeigt, wie dünn das Eis lange bleibt: Wenn mitten im Zweifel einer stirbt, mit dem man bis vor zwei Monaten alles gemacht hat, „auf einmal bist du wieder ratzfatz da drin“ 55:41.
Wie er selbst herauskam, erzählt Benneckenstein in dieser Folge kaum. Andernorts schon: Andere Neonazis zerschlugen bei einer Schlägerei Flaschen auf seinem Kopf, er sagte danach bei der Polizei aus, für die Szene der größte Verrat, und saß einige Monate in Haft; danach half ihm EXIT hinaus, mit Fabian Wichmann als Begleiter. Wann genau die Zweifel begannen, ordnen die Quellen unterschiedlich (BR, 13.10.2024; Haus der Bayerischen Geschichte). Die beiden am Tisch kennen sich also aus genau der Arbeit, über die sie sprechen. Und noch etwas hat sich bewegt: 2012 sagte Benneckenstein, Ausstiegshilfe sei „nicht Aufgabe des Staates und erst recht nicht des Geheimdienstes“ (Belltower.News). Heute rät er Bedrohten, die Sicherheitsbehörden einzuschalten, und fordert einen Rechtsstaat, der früher zugreift.
Die gute Nachricht steht am Anfang der Folge, fast beiläufig. 6:55 Benneckenstein hatte in den Tagen davor ehemalige Klienten angerufen, die vor sechs, sieben, acht Jahren ausgestiegen waren. Alle, „unisono“, waren erschrocken über den Rechtsruck. Keiner war zurückgekippt. Für einen, der selbst noch dabei ist, den zweiten Bildungsweg nachzuholen, um „die Biografie im Lebenslauf“ auszugleichen 4:37, ist das mehr als eine Statistik.
Ost, West und die Nazis, die ihre Ruhe haben
66:18 — Gibt es einen Unterschied zwischen rechter Szene in Ost und West? Ja, sagt Benneckenstein, und erzählt von seiner ersten „Ost-Nazi-Demo“ mit sechzehn, siebzehn, „uns gehört der Osten“. Als Liedermacher fand er den Osten fast langweilig: Man musste am Bahnhof nicht aufpassen, ob Antifas da stehen, man trat „mit breiter Brust“ auf. Im Westen fühlte er sich als Staatsfeind. Aber: „Im Großen und Ganzen ist einfach die gleiche Ideologie.“ Chiponda ergänzt Dortmund und den Hunsrück, Regionen, in denen er auch als Schwarzer nicht wohnen wolle. Rechter Osten, liberaler Westen — das sei eine „German Legend“ 68:35.
72:23 — Am Ende fragt Chiponda, was man besser machen könnte. Benneckensteins Antwort ist die beunruhigendste des Abends. Klassische Neonazis hätten seit Jahren ihre Ruhe, wenn sie nicht komplett auf sich aufmerksam machen. „Fast mein ganzes Umfeld, das ich damals hatte, wohnt mit irgendwelchen anderen Neonazis in irgendwelchen Gemeinden.“ Er weiß, wovon er spricht: 2007 zog er selbst ins Dortmunder Neonazi-Viertel Dorstfeld, aus dessen Szene später Kader in den Osten gingen. Sie machten Basisarbeit, seien „integriert auf einmal in der Gesellschaft“, weil alle Aufmerksamkeit von der AfD aufgesogen werde. Seine Sorge: Wenn völkisches Denken und Populismus sich nahtlos verbinden, „dass sich da noch eine weitere Massenradikalisierung abzeichnet“. Und eine Beobachtung aus der Ausstiegsarbeit: Die jungen Leute aus den TikTok-Kreisen, die sich bei ihm melden, kommen „wenn eine Hausdurchsuchung stattgefunden hat“ 75:28. Darum müsse der Rechtsstaat früher zugreifen.
69:21 — Wichmann bleibt vorsichtiger. Polizei und Staatsanwaltschaften verfolgten heute konsequenter als in den Baseballschlägerjahren, da sei „eine Menge passiert“, auch wenn mehr möglich sei. Gesellschaftlich gehe es darum, Ambiguität auszuhalten und „nicht über jeden politischen Stock zu springen, der von der AfD hingehalten wird“ 70:52. Und nebenbei der Satz, der die Jahrzehnte zusammenzieht: Auf TikTok laufen „die gleichen Nazi-Songs wie vor 25 Jahren“ auf der Schulhof-CD.
Chiponda schließt mit Zivilcourage, mit einer Zugfahrt in Erlangen, in der nur er etwas sagte und die anderen sich hinterher bedankten. „Aber wo wart ihr da?“ 76:14 Drei Antworten auf dieselbe Frage, und sie widersprechen sich nicht: der Rechtsstaat für die, die schon drin sind, die offene Tür für die, die zweifeln, und die Leute im Zug für alle anderen.
Nachbesprechung
Ein Satz von Benneckenstein, kurz vor Schluss, trägt weiter als das Gespräch: dass die jungen Aussteiger aus den TikTok-Kreisen meist nach einer Hausdurchsuchung kommen.
Weckt der Rechtsstaat auf?
Benneckenstein fordert, der Rechtsstaat müsse früher „reinhauen“, bevor sich junge Leute jahrelang in solchen Kreisen bewegen 75:28. Seine Beobachtung, dass Durchsuchungen Ausstiege auslösen, ist eine Erfahrung aus der Praxis. Öffentliche Zahlen dazu hat weder eine Beratungsstelle noch der Verfassungsschutz vorgelegt. Dass das Feld wächst, ist dagegen belegt. 2024 zählte das BKA 42.788 rechts motivierte Straftaten, fast 48 Prozent mehr als im Vorjahr, und mehr als sechs von zehn waren Propagandadelikte, also genau die verbotenen Lieder und Zeichen, von denen Benneckenstein spricht (BKA, PMK 2024). Die Zahl der 14- bis 17-jährigen Tatverdächtigen im extremistischen Teil verdoppelte sich bei Jungen fast, von 1.594 auf 3.395 (BT-Drs. 21/1990). Und der Staat greift inzwischen zu: Bei der „Letzten Verteidigungswelle“ waren die Beschuldigten 14 bis 21 Jahre alt, der Prozess läuft vor dem OLG Hamburg (LTO); im Mai 2026 durchsuchte die Polizei in zwölf Bundesländern Wohnungen von 36 Beschuldigten der Gruppen „Jung & Stark“ und „Deutsche Jugend Voran“ (LTO).
Was die Forschung über solche Eingriffe weiß, fasst ein Satz aus einer einzigen Quelle zusammen. Tore Bjørgo und Yngve Carlsson zählen das Leben unter Polizeidruck zu den Gründen, auszusteigen, weil es auf Dauer „erschöpfend“ sei. Im selben Bericht steht, dass die Festnahme mit der Gruppe das Verhältnis zur Gesellschaft neu definiert: Plötzlich sprechen die Jugendlichen von „wir“ (NUPI 2005). Beides ist wahr. Wohin es kippt, beschreibt die Kriminologie ziemlich genau. Abschreckend wirkt die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, kaum die Härte der Strafe (Nagin 2013, doi:10.1086/670398, Übersichtsarbeit). Eine Strafe, die als fair erlebt wird, schreckt ab; eine, die als unfair erlebt wird, erzeugt trotzigen Stolz (Sherman 1993, doi:10.1177/0022427893030004006). Bei Jugendlichen kommt ein unbequemer Befund dazu: Ein förmliches Jugendstrafverfahren senkt die Delinquenz nicht, eher steigt sie, verglichen mit Diversion — Ermahnung, Auflage, Beratung — schneidet es am schlechtesten ab (Petrosino et al. 2010, Campbell-Review, doi:10.4073/csr.2010.1; Wilson & Hoge 2012, doi:10.1177/0093854812451089). Beide Arbeiten handeln von Jugenddelinquenz allgemein, nicht von Extremismus, aber das Muster passt zu dem, was Bjørgo beschreibt.
Wie schnell ein Eingriff als unfair gelesen wird, zeigte 2024 Ribnitz-Damgarten. Polizisten holten eine Schülerin wegen TikTok-Beiträgen aus dem Unterricht; das Verwaltungsgericht Greifswald nannte das ein Jahr später unverhältnismäßig (Recht & Politik), und rechte Medien machten daraus eine Opfergeschichte. Auch erzwungene Pädagogik hat Grenzen: Junge Neonazis verlassen eine Gedenkstätte nach dem Pflichtbesuch, so der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz, „in der Regel nicht geläutert, sondern im Zorn der Selbstbestätigung“ (Journal für politische Bildung).
Benneckensteins zweiter Befund hält dagegen stand: Wer nicht auffällt, hat Ruhe. Laut Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt zog 2024 ein Dortmunder Neonazi nach Halberstadt; seine Gruppe ist inzwischen die dominante rechtsextreme Kraft im Harz und lädt Jugendliche zu Kampfsport, Liederabenden und Wanderungen ein (VSB Sachsen-Anhalt 2025). „Hier erleben sie größere Handlungsfreiheit“, sagt der Rechtsextremismusexperte David Begrich (taz). Derselbe Bericht meldet aber auch, dass Veranstaltungen anderswo „aufgrund behördlicher Maßnahmen“ zurückgingen. Druck auf die Infrastruktur wirkt.
Die Forschung gibt Benneckenstein also recht und zieht zugleich eine Linie durch seinen Satz. Früher, ja. Verlässlicher, ja. Härter hilft wenig. Und es braucht jemanden, der in der Woche nach der Durchsuchung anruft. Benneckensteins eigener Ausstieg begann mit einer Begegnung mit der Justiz, nach eigener Aussage als Zeuge gegen die eigenen Leute, und endete bei EXIT. Die Hausdurchsuchung ist eine Tür. Durchgehen müssen die Jugendlichen selbst, und auf der anderen Seite muss jemand warten.
→ Weiter im Panorama: Was löst den Ausstieg aus?, mit Eichi, Felix, Bonhoeffer und Marcant.
Faktencheck
Alle drei Zahlen stimmen mit dem BKA-Factsheet überein: PMK-rechts 42.788 Fälle (+47,83 %), das sind 50,8 % aller 84.172 politisch motivierten Fälle; rechte Gewalttaten 1.488 (+17,17 %); fremdenfeindliche Hasskriminalität 19.481 Fälle (+29,12 %), davon 74,84 % rechts. Den Großteil des Anstiegs machen Propagandadelikte aus, was Chiponda selbst sagt. Für 2025 meldet das BMI 42.544 rechte Fälle (−0,6 %): Rekordniveau, aber kein weiteres Wachstum. Quelle: BKA: PMK 2024, Factsheet · BMI: Factsheet PMK 2025
Der Kreisverband hieß Freising/Erding(/Ebersberg). Udo Voigt war dort von 1978 bis 1992 Kreisvorsitzender und wurde 1996 NPD-Bundesvorsitzender; Jens Pühse wurde 1997 Kreisvorsitzender in Freising und gründete dort 1993 den Rechtsrock-Versand „Blitzversand“. Für Holger Apfel, den Benneckenstein vorsichtig mit „glaube ich“ nennt, findet sich kein Beleg für eine Rolle in diesem Kreisverband. Quelle: Wikipedia: Udo Voigt · Wikipedia: Jens Pühse · SZ: NPD-Kreisverband Freising/Erding/Ebersberg
Die Kontinuität ist belegt: Mindestens ein langjähriger Republikaner-Funktionär aus dem Landkreis Erding, früher stellvertretender Landesvorsitzender, wechselte 2017/18 zur AfD und sitzt seit 2023 im Bayerischen Landtag; auch der Erdinger AfD-Kreisvorsitzende kam von den Republikanern. Ob gerade er bei Benneckensteins Radikalisierung „die Fäden gezogen“ hat, lässt sich nicht prüfen — Benneckenstein nennt keinen Namen, die Note auch nicht. Quelle: SZ Erding: Von den Republikanern zur AfD · SZ Erding: Zwei Parteiaustritte, alte Kameraden
2003 fanden Ermittler bei der Münchner „Kameradschaft Süd“ um Martin Wiese Waffen und Sprengstoff; geplant war ein Anschlag auf die Grundsteinlegung des Jüdischen Zentrums am 9. November 2003. Gerichte stuften die Gruppe als terroristische Vereinigung ein. Dass danach „keine Anführer mehr frei“ waren, deckt sich mit dem Befund, dass die Gruppe nach den Festnahmen fast zum Erliegen kam. Quelle: Wikipedia: Kameradschaft Süd
Der Ort ist Dorfen (Landkreis Erding), die Tat geschah am 15. April 2000; Benneckenstein war dreizehn. Der Bundesgerichtshof bestätigt seine Schilderung bis ins Detail: Die Gruppe wollte zuerst das Jugendzentrum anzünden, wo sie wegen NS-Liedern Hausverbot hatte, und zündete dann die Sozialunterkunft an, in der 17 Menschen schliefen, auch Kinder. Verletzt wurde niemand; der 17-jährige Haupttäter erhielt sechs Jahre Jugendstrafe wegen versuchten Mordes in 17 Fällen. Laut Lokalpresse war die rechte Clique im Dorfener Stadtpark auch Benneckensteins erster Kontakt zur Szene; er hat das 2015 selbst öffentlich erzählt. Quelle: BGH, Pressemitteilung 15/2002 · Merkur: Nazi-Aussteiger packt aus
Am 6. Dezember 1992 bildeten in München mehr als 400.000 Menschen eine Lichterkette gegen Fremdenfeindlichkeit, nach Rostock-Lichtenhagen und dem Mordanschlag von Mölln. Benneckenstein war sechs und lebte in München. Quelle: Wikipedia: Münchner Lichterkette
Der Kern hält: Dortmunder Kader von „Die Rechte“ zogen gezielt nach Osten, nach Chemnitz und in den Harz, und die Kampagne „Zusammenrücken in Mitteldeutschland“ wirbt für solche Umzüge. Benneckenstein kennt das Milieu, er zog 2007 selbst nach Dortmund-Dorstfeld. Pauschal ist „seit Jahren ihre Ruhe“: 2023 verbot das BMI die Hammerskins und die völkische Artgemeinschaft — das Hammerskins-Verbot hob das Bundesverwaltungsgericht allerdings wieder auf, was seine Sorge eher stützt. Quelle: Endstation Rechts: Dortmunder Kader im Harz · taz: BVerwG kippt Hammerskins-Verbot
Eine Beobachtung aus der Beratung, die andere Stellen teilen: Das brandenburgische Institut Demos berichtet, Jugendliche würden „meist von Staatsanwaltschaften, der Jugendgerichtshilfe und der Polizei“ vermittelt. Die Ausstiegsforschung zählt Festnahme, Verfahren und Haft zu den typischen Push-Faktoren. Belastbare Zahlen veröffentlicht keine Stelle. Zur Frage, wann Repression hilft und wann sie schadet, siehe die Nachbesprechung. Quelle: MiGAZIN/dpa, 26.05.2026 · Bjørgo, Exit Neo-Nazism, NUPI 2002
Bis 2001 galten nur staatsfeindliche Taten als rechtsextrem, rassistische Gewalt wurde nicht gesondert erfasst; dann kam das PMK-Definitionssystem, und 2015 nahm der Gesetzgeber nach dem NSU-Untersuchungsausschuss rassistische Beweggründe ausdrücklich in die Strafzumessung auf (§ 46 Abs. 2 StGB). Wichmanns Einschränkung, politische Hintergründe würden teils nicht „ausrecherchiert“, ist ebenfalls belegt: Der Staat erkennt seit 1990 rund 113 Todesopfer rechter Gewalt an, unabhängige Zählungen kommen auf deutlich mehr. Quelle: Wikipedia: Todesopfer rechtsextremer Gewalt · § 46 StGB
Der Kern stimmt: jugendschutz.net dokumentiert vermehrt Rechtsrock auf TikTok, auch indizierte Titel, meist als Lip-Sync. Das „Projekt Schulhof“ der Szene begann allerdings 2004, liegt also gut zwanzig Jahre zurück, und neben den alten Liedern prägen heute Rechtsrap und harmlos wirkende Ästhetik das Bild. Quelle: jugendschutz.net: Rechtsrock auf TikTok · Wikipedia: Projekt Schulhof-CD
In Bautzen demonstrierten am 10. August 2024 rund 680 meist junge Rechtsextreme gegen den CSD; in Leipzig hielt die Polizei am 17. August fast 400 am Hauptbahnhof fest, darunter viele Minderjährige. Quelle: Belltower.News: CSD-Saison 2024
ABC setzte die Sendung am 17. September 2025 „auf unbestimmte Zeit“ aus, nach Kimmels Äußerungen zum Mord an Charlie Kirk und einer Drohung des FCC-Chefs; am 23. September lief sie wieder. Genau genommen ausgesetzt, nicht abgesetzt. Quelle: PBS NewsHour
Die Presse beschreibt Benneckenstein übereinstimmend als „Liedermacher Flex“, Gründer einer Kameradschaft in Erding und bundesweit auftretenden Musiker; Ausstieg 2011, danach Gründung der Aussteigerhilfe Bayern. Die Dauer wird mit „knapp zehn“ oder „neun Jahren“ angegeben. Quelle: BR24: Der lange Weg raus aus der rechten Szene · SZ Erding: Angefangen hat es in Dorfen
Weiterführende Quellen
Aus der Video-Beschreibung:
- taz: Rechtsextremismus in Ost und West — Begleittext zur Folge
- Mauerecho — Ost trifft West (taz Panter Stiftung)
Weitere Quellen (Sherlock):
- BGH-Pressemitteilung 15/2002 zum Brandanschlag Dorfen — die gerichtsfeste Fassung der Kindheitsszene
- Merkur: Benneckenstein kehrt ins JZ Dorfen zurück — Dorfener Neonazi-Aufmärsche, Umzug nach Dortmund, Ausstieg
- Haus der Bayerischen Geschichte: Zeitzeugeninterview Felix Benneckenstein — rund eine Stunde, mit Clips
- Heidi Benneckenstein: Ein deutsches Mädchen (Tropen 2017) — die Szene aus der Sicht einer völkisch erzogenen Tochter, die mit ihm ausstieg
- lsa-rechtsaussen: Von West nach Ost — zugezogene Neonazis in Sachsen-Anhalt
- bpb: TikTok und Rechtsextremismus — Forschungsüberblick
- bpb/APuZ: Rechte Gewalt in den 1990er Jahren — Kontext Baseballschlägerjahre
Verbindungen
→ Panorama: Wie kommt man aus der rechten Szene wieder heraus?
Das Panorama vermisste eine Stimme aus der Ausstiegsarbeit, hier sprechen zwei: Wichmann über Rahmung, Tattoos, Sicherheit und „vier Jahre akut, lebenslang biografisch“, Benneckenstein als Ex-Neonazi, der heute selbst begleitet. Das Straßenfest gehört als Gegenfall zur Frage, was einen Ausstieg auslöst: Entscheidend ist, wer die Irritation zuerst deutet.
→ Marcant und Eichi — Ausstieg aus der Neonazi-Szene
Das direkte Gegenstück vom selben Tag. Bei Eichi kippt ein Abend mit einem Bierkasten in Richtung Ausstieg, bei Benneckenstein kippt der Abend des Straßenfests in die Gegenrichtung, weil ein Kader schneller deutet. Beide bestehen darauf, gewählt zu haben — der Mitläufer ohne Weltbild und der Liedermacher mit gelesener Holocaustleugnung.
→ Marcant — Ausstieg aus der rechten Szene
Marcants Felix kommt über Freunde und TikTok hinein; Benneckenstein erzählt, dass genau solche Jugendlichen sich heute bei ihm melden, meist nach einer Hausdurchsuchung. Marcants Bitte, „die Tür nie komplett zuzumachen“, ist Wichmanns Elternsignal („du bist unser Kind“).
→ StreitClub #19 — Extremismus und der Schutz der Demokratie
Quent sagt, es sei Zufall gewesen, welche CD er bekam; Benneckenstein sagt: „Ich habe mir das gezielt rausgepickt.“ Die Reibung zwischen Zufall und Wahl, diesmal aus dem Mund eines, der drin war. Quents funktionale Äquivalenz ist das Gegenangebot zu der Ideologie, die verspricht: „Wir sehen deine Probleme und lösen sie mit dir.“
→ Matthias Quent und Maja Göpel — Extremismus NEU DENKEN
Quent wurde als Jugendlicher in Thüringen verprügelt, Chiponda floh in der Lausitz vor Neonazis; beide machen aus den Baseballschlägerjahren eine Haltung. Quents Brandmauer, „politisch, nicht sozial“, passt zu Wichmanns Warnung, nicht über jeden Stock der AfD zu springen.
→ rp26 — Stresstest für die Demokratie: Sind wir bereit für den Ernstfall in Ostdeutschland?
Lina Mitschke hält die ostdeutsche Erfahrung für qualitativ anders; Chiponda nennt „rechter Osten, liberaler Westen“ eine German Legend, und Benneckenstein spricht von derselben Ideologie, trat im Osten aber „mit breiter Brust“ auf. Beide Notes halten dieselbe Spannung aus entgegengesetzter Richtung.
→ Dietrich Bonhoeffer — Theorie der Dummheit
Bonhoeffer schreibt, im Gespräch habe man es mit „über ihn mächtig gewordenen Schlagworten“ zu tun, nicht mit dem Menschen. Das ist Wichmanns Teflon, achtzig Jahre früher — und Befreiung statt Belehrung ist die Arbeit der Ausstiegshilfe.
→ Liya Yu — Dehumanisierung und Rehumanisierung
Yus Spirale, in der jede Seite die eigene Entmenschlichung für Notwehr hält, ist Benneckensteins „die Gewalt geht von den anderen aus“. Chipondas Schulfeind, der nach einer Nacht im geteilten Zimmer sein Nazizeug verbrennt, ist Rehumanisierung im Einzelfall.
→ Philip Schlaffer — Kann man sich ändern?
Wichmanns Teflon aus dem Mund eines Gefestigten: Ein Flyer hätte ihn nie erreicht, erst ein „Riss“ macht das Gespräch möglich. Wie bei Benneckenstein trennte die Haft ihn von der Gruppe, ohne den Ausstieg auszulösen.
Weiterdenken
- Wichmann sagt, Argumente perlen ab wie Teflon. Chiponda hat einen Nazi über Jahre mit Gesprächen erreicht. Ist das ein Widerspruch — oder wirkt das Gespräch erst, wenn es kein Argument mehr sein will?
- Benneckenstein hatte den Gegenbeweis jeden Tag am Tisch, seinen Bruder, und blendete ihn aus. Wenn nicht einmal das wirkt — wie viel kann Begegnung überhaupt, bevor jemand bereit ist?
- Junge Leute steigen aus, nachdem die Polizei vor der Tür stand. Wo kippt Repression vom Weckruf in die Bestätigung, verfolgt zu werden — und wer entscheidet das im Einzelfall?
- Die alten Neonazis haben „ihre Ruhe“, solange alle auf die AfD schauen. Was hieße es, beides zugleich im Blick zu behalten, ohne in die Endzeitstimmung zu fallen, vor der Wichmann warnt?
- An welchem Abend meines eigenen Lebens hat jemand schneller gedeutet als ich nachdenken konnte — und wohin hat es mich geführt?
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