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Gedankenraum
Geistesblitz·4. Oktober 2026·0:58 h·43 Belegstellen

Stephan Marks und Aladin El-Mafaalani — Unter der Wut die Scham?

Wer sich schämt, kann nicht großzügig sein: Es geht ums nackte Überleben. Ein Schamforscher über die Wächterin der Würde, über Hitlers Blick und die Kunst, Scham zuzumuten, ohne zu beschämen.

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Künstlerhand: Ernst Barlach — Holzschnitt, schwere schwarze Schnitte auf rauem Papier, ein einziger Ockerton.

Warum: Barlach hat Menschen geschnitzt und geschnitten, die sich in ihre Mäntel und in sich selbst zurückziehen, eingeigelt, wie Ingrid Riedel die Körperhaltung der Scham nennt. Links der Junge, der sich um sich selbst krümmt, rechts eine offene Tür mit warmem Licht und eine Frau, die nicht nach ihm greift. Sie wartet. Das ist Marks' Raum der Würde. Zwischen beiden nur der Boden und ein Schatten, der bis an die Füße des Jungen reicht.

Prompt: Ernst Barlach woodcut, 1200x500 wide banner, bold black gouged lines on rough off-white paper with visible wood grain, a single muted ochre tone. On the left a boy sits on a bench folded deep into himself, knees drawn up, arms wrapped around his head, shoulders hunched like a closed shell, the carved lines curving tightly around his body. Across a wide empty floor on the right stands an open doorway filled with warm ochre light; in it an older woman in a long coat stands calm and upright, one open hand held out at her side, not reaching, simply waiting. Between them only bare floorboards and a long shadow from the door that touches the boy's feet. Heavy expressionist forms, simplified faces with closed eyes, no realistic faces, no text, no signature, no monogram, no photorealism.

Worum es geht

Wer sich schämt, kann nicht großzügig sein, denn es geht ums nackte Überleben. Der Freiburger Sozialwissenschaftler Stephan Marks hat sein halbes Leben lang über Scham geforscht, angefangen bei einem Satz, den ein Kollege 1998 in der Supervision sagte. Mit Aladin El-Mafaalani eröffnet er die Utopie-Konferenz 2026: vier Formen der Scham, der Unterschied zwischen Scham und Beschämung, das Gefäß, das überläuft, und die alten Leute, für die Hitlers Blick in ihre Augen bis heute das Erlebnis ihres Lebens ist. Am Ende fragt das Publikum, ob das nicht alles entschuldigt, und eine Frage reicht bis in die Schule von heute.

Quelle: Stephan Marks & Aladin El-Mafaalani: Unter der Wut: die Scham? — Utopie-Konferenz 2026 „Großzügigkeit, eine Utopie?“, Leuphana Universität Lüneburg (26.–28.08.2026), 59 Min.

Wer spricht?

Stephan Marks (1951) — Sozialwissenschaftler, Supervisor und Fortbilder, seit 1989 in Freiburg. Studierte in den Siebzigern Politik, Psychologie und neuere Geschichte, um zu verstehen, was die Menschen an Hitler fanden, und promovierte über C. G. Jung und die Politik. Von 1998 bis 2004 leitete er an der PH Freiburg das Projekt Geschichte und Erinnerung, in dem sein Team 43 ehemalige Anhängerinnen und Anhänger Hitlers interviewte. Seither bildet er Menschen, die mit Menschen arbeiten, zu Scham und Würde fort, in Schulen, Pflege, Seelsorge und Strafvollzug.

Wichtigste Werke: Scham – die tabuisierte Emotion (2007), Warum folgten sie Hitler? (2007) Kernkonzepte: Scham als Wächterin der Würde, vier Grundformen der Scham, Scham zumuten ohne zu beschämen, Raum der Würde, Schamarbeit

→ DenkerVita

Aladin El-Mafaalani (1978, Datteln) — Migrations- und Bildungssoziologe an der TU Dortmund, einer der vier Gastgeber der Konferenz. Hat Marks als ersten Gast eingeladen und fragt nach, wo es wehtut.

→ DenkerVita


Ein Satz in der Supervision

2:21 — Marks ist 1951 geboren, und eine Frage hat ihn sein Leben lang nicht losgelassen: Was fanden die Leute damals so toll an Adolf Hitler? In der Schule war das kein Thema. Er studierte Politik, Psychologie und neuere Geschichte, las die Fachliteratur vorwärts und rückwärts, und es machte nie Klick. 1998 wählte er einen eigenen Zugang. Mit zehn Interviewerinnen und Interviewern befragte er ganz normale alte Männer und Frauen, die Hitler verehrt hatten, eine Gruppe, die die Forschung, so Marks, bis heute fast übergeht (Faktencheck: falsch). Viel wisse man über Zahlen und Fakten, über die Opfer und vor allem über Hitler selbst, kaum etwas über die, die ihm folgten. Kollegen brachen den Kontakt zu ihm ab, als täte er etwas Unanständiges.

3:52 — Lange fiel beim Auswerten nichts auf, außer dass die Interviewer oft verwirrt aus den Gesprächen kamen. Sie brauchten Supervision. Dort sagte einer, er schäme sich für bestimmte Interviews, und die anderen nickten. 4:38 Seltsam: Logisch hätten sich die Anhänger schämen müssen, nicht ihre Zuhörer. Marks deutete es als Gegenübertragung, ein Begriff der Tiefenpsychologie:

„Irgendwas von der Dynamik des Nationalsozialismus ist bei uns gelandet in Form von Scham.“

Im Gespräch — 4:38

Er sammelte die Forschung zur Scham, las die Interviews neu, und diesmal machte es Klick. Daraus wurde das Buch Warum folgten sie Hitler? Dann kam die zweite Frage, die ihn bis heute beschäftigt: Wenn Scham 1933 so viel bedeutete, was bedeutet sie heute?

Die Methode verdient einen Augenblick. Marks hat seine Theorie aus dem eigenen Unbehagen gewonnen, aus einem Gefühl im Raum, das niemand aussprach. Das macht sie stark und verwundbar zugleich, und El-Mafaalani benennt den Preis gleich danach: 5:24 Wer mit einem Begriff vom Kleinen bis zum Großen so viel erklärt, erzeugt das Gefühl, er erkläre alles.

Die Wächterin der Würde

6:54 — Marks antwortet auf die Bitte um eine Definition mit Karteikarten, und der erste Satz kommt mit diktiertem Semikolon: ein schmerzhaftes Gefühl, eines der schmerzhaftesten überhaupt, so schmerzhaft, dass es häufig weggemacht wird. Massive Scham ist eine Überlebensangst. Sie wirft uns in einen Zustand, in dem das Denken aussetzt: angreifen, fliehen oder im Boden versinken wollen. Die Körperhaltung kennt jeder, der Mensch krümmt sich um sich selbst; die Analytikerin Ingrid Riedel vergleicht es mit dem Einigeln.

8:26 — Hier fällt der Satz, der die ganze Konferenz trifft:

„In dem Moment können wir nicht großzügig sein.“

Im Gespräch — 8:26

Dann die Wendung. Wir haben ein negatives Bild der Scham, weil wir eine schamüberfüllte Gesellschaft sind. Mit dem Psychoanalytiker Léon Wurmser sieht Marks in ihr etwas anderes: die Wächterin der menschlichen Würde. Das Grundgesetz beginnt mit der unantastbaren Würde, aber solange Würde abstrakt bleibt, ist der Satz folgenlos. Erst über die Scham wird sie praktisch, denn wo Scham anschlägt, ist eine Würde verletzt worden. 9:12 Marks lädt ein, den Unterschied körperlich zu prüfen: Scham fühlt sich eng an, Würde weit. Daraus wird sein Programm: eine menschenwürdige Schule, eine menschenwürdige Behörde, ein menschenwürdiges Gefängnis, eigentlich nur der Auftrag des ersten Artikels.

Die Umdeutung ist klug. Wer Scham als Alarm versteht, fragt zuerst, was sie meldet. Damit wird aus einem peinlichen Gefühl ein Messinstrument.

Vier Formen der Scham

10:43 — Scham ist ein Oberbegriff. Wofür wir uns schämen, hängt vom Ort ab, im Amazonas reicht vielleicht eine Schnur um die Hüfte, um nicht nackt zu sein. Dass der Mensch mit der Scham beginnt, erzählt schon die Bibel: Adam und Eva essen vom Baum der Erkenntnis und sehen, dass sie nackt sind. Marks unterscheidet vier Grundformen, jede an ein verletztes Bedürfnis gebunden:

14:32 — Mit dieser Liste lässt sich ein berühmter Satz genauer lesen. Gisèle Pelicot sagte, die Scham müsse die Seite wechseln. Die Intimitätsscham kann das nicht, sagt Marks; dass Opfer von Vergewaltigung und Folter mit ihr zurückbleiben, ist ungerecht, aber es ist so. Wechseln muss die Schande, die gesellschaftliche Bewertung, die in patriarchalen Gesellschaften dem Opfer zugeschoben wird, „sie hat sich aber auch aufreizend angezogen“. Die Unterscheidung macht den politischen Satz präziser, ohne ihm die Kraft zu nehmen.

Scham zumuten, ohne zu beschämen

17:36 — Jetzt der Kern. Ein Junge hat in der Schule etwas gestohlen. Abends blickt er in den Spiegel und schämt sich. Marks hält ein Glas hoch: Diese Scham ist eine eigene Leistung, eine Quelle, die von innen sprudelt. Man müsste dem Jungen eigentlich gratulieren:

„Du schämst dich. Ich gratuliere, du bist ein Mensch.“18:22

Hören — 18:22

Unsere Erziehungstradition tut das Gegenteil. Sie gießt von außen nach: schimpfen, schlagen, lächerlich machen, in die Ecke stellen. Missachten, Grenzen verletzen, ausgrenzen, jemanden zwingen, die eigenen Werte zu verraten, das sind für Marks uralte Herrschaftsmittel, und alle beschämen. 19:09 Wer beschämt, muss die eigene Scham nicht fühlen. Er lädt sie beim anderen ab.

Dann der dritte Begriff, ein Missverständnis. Schweizer Psychologen beobachten junge Lehrkräfte, die es besser machen wollen, als sie es selbst erlebt haben, und deshalb zu Fehlern gar nicht mehr Stellung nehmen. Sie rufen lieber den übernächsten Schüler auf und lassen das Kind mit seinem Fehler allein. Nietzsche fragte, was das Menschlichste sei, und antwortete: jemandem Scham ersparen. Marks widerspricht. 19:56 Als Jugendlicher hatte er sich in Frankreich danebenbenommen, eine ältere Französin sprach ihn höflich an und sagte nur, sein Verhalten sei nicht richtig gewesen. Kein sale Boche. Sie hat ihn nicht beschämt, aber ihm die Scham zugemutet.

„Scham zumuten ohne zu beschämen. Und diese Gratwanderung findet oft nicht statt.“20:43

Im Gespräch — 20:43

Der Gedanke ist schlicht und schwer zu leben. Er verlangt eine Haltung, die eine Grenze zieht, ohne den Menschen kleinzumachen, und das in Sekunden, mitten im Ärger. Marks' Formel liegt quer zu den beiden Gewohnheiten, die wir kennen: zur alten Härte und zur neuen Schonung.

Weitergedacht

Wenn die Französin Marks die Scham zumutete, ohne ihn zu beschämen — woran merkt der Beschämte den Unterschied, wenn er selbst schon voll ist? Kann dieselbe ruhige Zurechtweisung für den einen eine Zumutung und für den anderen eine Demütigung sein?

Das Gefäß

21:28 — El-Mafaalani erzählt, die heftigsten Schamgefühle seiner Kindheit und Jugend seien schrecklich gewesen und zugleich der stärkste Antrieb, den er je hatte. Wann treibt Scham an, wann zerstört sie? Marks antwortet mit einem Bild. Manche Menschen sind große Gefäße, andere kleine. Der französische Psychiater Boris Cyrulnik schätze, dass etwa jedes fünfte oder sechste Kind mit einer genetischen Besonderheit geboren werde, die es zu einem kleinen Gefäß mache (Faktencheck: vereinfacht). Dazu kommen die Umstände. Schamforscher wie Micha Hilgers unterscheiden ein gesundes Maß an Scham, das Glas halb voll, von der traumatischen Scham, wenn das Ich überflutet wird. Marks gießt das Glas auf der Bühne randvoll. 23:01

23:46 — Pflegekräfte fragen ihn, wie sie ihren Patienten die Scham wegnehmen können. Das geht nicht, und das muss auch nicht sein. Man kann das Gefäß größer machen. In der Beratung heißt das Containment, und darin steckt der Container. Wo jemand gesehen, geschützt, willkommen ist und seine Werte behalten darf, sinkt der Pegel, und man kann gemeinsam neugierig werden, was für eine Scham das eigentlich ist. Marks nennt es einen Raum der Würde und liest die Botschaft von seinen Karten vor: 25:17

„Ich sehe dich in deiner Einzigartigkeit. Millionen von Jahren hat es dich noch nie gegeben. Dich wird es nie wieder geben.“

Im Gespräch — 25:17

Dann: Ich respektiere deine Grenzen. Willkommen, aus welchem Stadtteil du auch kommst, welche Hautfarbe, welche Schuhgröße, auch wenn du mich gestern schlecht behandelt hast. Und ich respektiere deine Werte, und falls sie von meinen abweichen, bin ich bereit, darüber zu streiten. El-Mafaalani trocken: Davon sind wir relativ weit entfernt. Gelächter.

Das Bild trägt weiter, als es auf der Bühne wirkt. Ein Raum der Würde ist kein Kuschelraum, er schließt die Auseinandersetzung über Werte ausdrücklich ein. Was er ausschließt, ist die Demütigung als Mittel.

Hitlers Blick

27:35 — Zurück zum Anfang. Waren bei Millionen Menschen die Gläser voll? Marks erzählt eine typische Interviewszene. Ein alter Mensch beginnt: Hitler war ein Verbrecher, der Holocaust ein Fehler. Zwei, drei Sätze später:

„Aber er hat mir in die Augen geschaut.“28:22

Im Gespräch — 28:22

Für viele seiner Gesprächspartner ist das bis heute das Erlebnis ihres Lebens, das Wissen um die Verbrechen wirkt daneben zweitrangig. Ein Interview stand durchgehend in der Vergangenheitsform, bis auf diesen einen Satz: Er blickt mir in die Augen. 29:08 Hitler fuhr langsam durch Spaliere von Tausenden, objektiv konnte er keinem in die Augen sehen. Aber der Hunger, endlich gesehen zu werden, war so groß, dass die Inszenierung als Begegnung erlebt wurde. Marks führt diesen Hunger auf die Säuglingserziehung vor 1933 und die Lage der Weimarer Zeit zurück (Faktencheck: nicht eindeutig belegt).

El-Mafaalani zieht die Linie in die Gegenwart, mit der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im Hinterkopf, und formuliert eine beunruhigende Folgerung: 33:45 Wenn Scham eingesammelt und kanalisiert wird, kann eine Gesellschaft in eine rechtsextreme Herrschaft kippen, ohne dass die Mehrheit rechtsextrem denkt. Marks ergänzt Beispiele. 31:28 Der Jugoslawienkrieg mobilisierte die Niederlage auf dem Amselfeld von 1389; Freud sagte, das Unbewusste sei zeitlos. Die Ostdeutschen tragen die Scham, Deutsche zu sein, dazu die Erfahrung, in der DDR die eigene Integrität nicht wahren zu dürfen, und dann die Beschämungen einer Wiedervereinigung, die als Abwicklung erlebt wurde. 33:00 Eine Journalistin habe über Trump geschrieben, er nehme die Scham weißer Arbeiter und wende sie als Wut gegen Mexikaner. Hitler richtete sie gegen Juden und Sinti und Roma.

„So funktioniert Rechtsextremismus.“ (Faktencheck: vereinfacht)

Im Gespräch — 33:00

Hier ist die Theorie am stärksten und am angreifbarsten. Stark, weil sie erklärt, warum Wissen allein so wenig ausrichtet: Die alten Leute haben längst verstanden, was falsch war, und der Blick wirkt trotzdem. Angreifbar, weil „Scham“ hier für fast alles steht, für Anerkennungshunger, Demütigung, Verlust, und weil sich eine Deutung aus Interviews schwer prüfen lässt. Was die Forschung dazu sagt, steht in der Nachbesprechung.

Weitergedacht

Wenn eine Gesellschaft kippen kann, ohne dass die Mehrheit rechtsextrem denkt — wer trägt dann die Verantwortung: der, der die Scham einsammelt, oder der, der sie vorher erzeugt hat? Und hilft diese Unterscheidung den Opfern irgendetwas?

Schamarbeit

34:31 — El-Mafaalani benennt sein „größtes Problem“ mit dem Gefühl: Es dauert so lange. Wenn er sich an eine Szene völliger Überforderung erinnert, geht es ihm heute noch schlecht. Für ihn ist Scham „das am längsten wirksame Gefühl, die längste Emotion“ (Faktencheck: vereinfacht). Muss das weg?

„Nein, natürlich nicht. Warum soll es weg?“

Im Gespräch — 34:31

Marks antwortet mit Elisabeth Kübler-Ross. 35:17 Früher wusste man nicht, was man mit Trauernden anfangen sollte; sie zeigte, dass Trauer schmerzt, zum Leben gehört und eine Aufgabe hat. Heute ist Trauerbegleitung in Hospizen selbstverständlich. Marks spricht von Schamarbeit und Schambegleitung: Eltern sind immer Schambegleiter ihrer Kinder, Lehrkräfte die ihrer Schüler, ob sie es wissen oder nicht. Es geht darum, das bewusst zu tun.

Die Analogie ist die schönste des Abends, und sie löst nebenbei ein Missverständnis. Die Scham als einzelne Gefühlswallung vergeht schnell; was bleibt, ist die verinnerlichte Beschämung, die bei jeder Erinnerung neu anspringt. El-Mafaalani spricht vom Zweiten und nennt es das Erste. Für Marks' Programm ist das Zweite entscheidend, denn mit ihm wird gearbeitet wie mit Trauer.

36:03 — Zuletzt die Frage der Konferenz, umgedreht: Kann Großzügigkeit helfen, dass die Gläser nicht volllaufen? Wenn man sie als Geld denkt, eher nicht. Als emotionale Großzügigkeit ja, sagt Marks, und dann sei sie ein gutes Wort für Würde: gütig sein, ich sehe dich. Die Frage, welche Kulturen Scham besonders klug austarieren, übersteigt ihn. Er passt. Und er erinnert an El-Mafaalanis Warnung vom Anfang: die Scham nicht zur Antwort auf alles zu machen.


Publikumsfragen

El-Mafaalani verordnet nach dem Gespräch eine Murmelrunde von neunzig Sekunden, „ich bin sparsam, nicht großzügig“, und sammelt dann fünf Wortmeldungen. Die Fragen sind kritischer als das Podium.

Arbeitet die Regierung mit Beschämung? 39:53 — Eine Zuhörerin hört in der Rhetorik der Bundesregierung Beschämung: Wir seien zu faul, zu krank, müssten mehr arbeiten. Marks: „Ja, klar.“ El-Mafaalani dreht die Frage: Offenbar funktioniere das Beschämen nicht bei jedem, manche verstünden es, die Scham aufzugreifen, Friedrich Merz eher nicht. Wann wirkt die Ansprache von Scham politisch und wann nicht? Marks weicht aus: Das müsse man im Einzelfall sehen.

Sind die dann alle gar nicht rechtsextrem? 41:24 — Die schärfste Frage kommt von einer Frau, die aufsteht, obwohl es sie „ein bisschen schämen“ lässt. Sie verstehe den Impuls, aber die Scham-Erklärung werde schnell etwas Entschuldigendes, etwas künstlich Beruhigendes für ein Publikum, das sich selbst so nicht sieht. Es folgten doch rechtsextreme Aussagen und Taten. Und emotionale Großzügigkeit müsse gewollt sein, eine Antwort auf eine Bitte. El-Mafaalani nennt das eine Vertiefung seines „etwas traurigen Befunds“: Ist es einmal so weit, lässt es sich in der Masse nicht schnell rückgängig machen, vielleicht in der Begegnung, in der Therapie.

43:43 — Marks antwortet mit Christina Thürmer-Rohr: Der Dialog ende oft dort, wo er beginnen müsste. In Freiburg trage gefühlt jedes dritte Schild bei Demonstrationen gegen rechts die AfD neben einem Kothaufen. Andersdenkende als Kacke zu verunglimpfen, habe keine gute Tradition. Er erzählt von einem Polizisten, der mit AfD-Anhängern redet. Und dann der Nebensatz, der stehen bleibt: 44:28 „Ich bin zwar dafür, die AfD zu verbieten, aber damit kriegen wir keine Anhänger.“ Interesse sei ein Heilmittel, zitiert er den israelischen Familientherapeuten Uri Weinblatt. El-Mafaalani hält Amlinger und Nachtweys Zerstörungslust dagegen: Wenn Zerstörungslust der Antrieb ist, erreicht man dann noch etwas mit Interesse? Marks: „Das ist die einzige Chance, die wir haben.“ Den Satz zum Verbot will El-Mafaalani nicht durchgehen lassen. Marks: „Ist für mich so klar.“ Eine Begründung gibt er nicht.

Müssen wir die Normen ändern? 46:47 — Ein Zuhörer fragt, ob man die Normen ändern müsse, die uns beschämen. Marks verteidigt die Regeln: Wohin kämen wir, wenn jeder sein Ding macht, und gerade die Höflichkeitsregeln schaffe man gerade ein Stück weit ab. Das Problem liegt für ihn in der Spannung zwischen den Normen der anderen und den eigenen Werten. In betrieblichen Fortbildungen sagten Teilnehmende oft, in ihrem Betrieb geschehe Unrecht, aber sie hätten Angst, den Mund aufzumachen.

Die Grenze benennen 49:03 — Ein 63-Jähriger, für den das Thema familienbiografisch ist und dessen Familie an Weihnachten aus drei Kontinenten und sechs Muttersprachen zusammenkommt, sieht seine Familie in diesen Zeiten bedroht. Viele Gespräche fielen ihm schwer. Er ergänzt: Man müsse die Grenzverletzung benennen, ohne erneut zu beschämen, und wenn Scham in Boshaftigkeit umschlägt, die kein Miteinander mehr zulässt, brauche es andere Formen. Marks stimmt zu und präzisiert: Ein Stopp aus der eigenen Schamüberflutung heraus gerät meist schlecht. „Es macht einen Unterschied, ob ich sage, du Scheißkerl, oder sage, stopp, hier ist eine Grenze.“

Ist unser Schulsystem überhaupt zulässig? 51:19 — Die letzte Frage: Finden in der Schule nicht den ganzen Tag solche Überflutungen statt, wenn Kinder ständig mit dem konfrontiert werden, was sie nicht können? Marks verweist auf die menschenwürdige Schule, bis hinunter zum Betreuungsschlüssel in der Kita und zur Klassengröße. El-Mafaalani erzählt von Ländern, in denen Lehrerinnen Grundschulkinder umarmen und hochheben, und von einer Schweizer Schule, in der jedes Kind der Lehrkraft beim Kommen und Gehen die Hand gibt. 54:22 Die deutsche Pädagogik entscheide das Problem von Nähe und Distanz regelmäßig für die Distanz. Marks wird deutlich:

„Traditionell ist Schule in Deutschland Beschämung.“55:08

Im Gespräch — 55:08

Dann seine letzte Geschichte. Ein Enkel haut beim Besuch die Großmutter, sie sagt: Tobias, hör auf, du tust mir weh. Tobias schämt sich, kuschelt sich zum Opa, und der sagt: Du brauchst dich nicht zu schämen. Für Marks hat der Opa die Scham des Kindes nicht ausgehalten. Aus Jahrhunderten beschämender Erziehung, die Katharina Rutschky in den Siebzigern als Schwarze Pädagogik dokumentierte, sei man ins Gegenteil gesprungen. Beides hält er für unhilfreich. 57:26 Der dritte Weg heißt: Willkommen, hier darfst du sein mit deiner Scham, ich nehme sie ernst und beschäme dich nicht zusätzlich. Diesen Raum könne nur bieten, wer mit der eigenen Scham in Kontakt ist.


Nachbesprechung

Zwei Fragen blieben am Ende der Stunde offen: ob Nicht-Beschämen bei Rechtswählern etwas ausrichtet, und was Beschämung in der Schule anrichtet. Was die Forschung dazu weiß.

Hilft es, nicht zu beschämen?

Marks' Kette lautet: verdrängte Scham, dann Wut, dann ein Sündenbock, und wer die Scham einsammelt, gewinnt. In der Wissenschaft hat sie einen Namen. Die Soziologen Mikko Salmela und Christian von Scheve beschreiben Rechtspopulismus als Umwandlung von Unsicherheit über verdrängte Scham in Ressentiment und Hass auf Feinde; bei der Linken sehen sie die eingestandene Scham, die sich gegen „das System“ wendet (Salmela & von Scheve 2017, doi:10.1177/0539018417734419; 2018, doi:10.1177/0160597618802521). Das ist fast wörtlich Marks' Mechanismus, aber es ist Theorie, ohne eigene Daten. Gemessen ist der erste Schritt: Wer zu Scham neigt, neigt auch zu Wut, Misstrauen und Schuldzuweisung an andere, wer zu Schuldgefühl neigt, nicht (Tangney et al. 1992, doi:10.1037/0022-3514.62.4.669, klassisch, korrelativ). Gemessen ist auch der letzte: Wer den eigenen Status gegenüber früher als gesunken empfindet, unterstützt eher die radikale Rechte (Gest, Reny & Mayer 2018, doi:10.1177/0010414017720705). Die Mitte der Kette, die verdrängte Scham selbst, misst die Wahlforschung praktisch nie. Wer sie für unbewusst hält, hat es schwer, sie zu widerlegen, und die Note ahnt das schon: Bei Marks steht „Scham“ für vieles.

Besser belegt ist der Ausweg, den er anbietet. In drei vorregistrierten Feldexperimenten mit fast 7.000 Wählerinnen und Wählern änderten Argumente an ausgrenzenden Einstellungen nichts; ein nicht urteilender Austausch persönlicher Geschichten senkte sie, messbar noch nach vier Monaten (Kalla & Broockman 2020, doi:10.1017/s0003055419000923). Wer von eigenen Erfahrungen erzählt statt Fakten aufzuzählen, wird von der Gegenseite als vernünftiger wahrgenommen (Kubin et al. 2021, doi:10.1073/pnas.2008389118). Das ist Uri Weinblatts Interesse als Heilmittel, nur die Effekte sind klein, am Einzelnen gemessen und nicht an Wahlergebnissen. Und die Forschung trennt, was die Zuhörerin im Saal zusammendachte. Ein Stigma auf der Partei kann das Bekenntnis bremsen, wenn auch schwach belegt (Harteveld et al. 2019, doi:10.1111/1467-9477.12153); ist eine Partei einmal normalisiert, lässt sie sich kaum zurück stigmatisieren, Versuche in Spanien erzeugten teils Gegenwehr (Balcells et al. 2025, doi:10.1017/xps.2025.10007). Die Wähler zu beschämen, ist nach allem, was Hochschild und Liya Yu beschreiben, Treibstoff. So gelesen, löst sich Marks' Nebensatz auf: Er will die Partei verbieten und mit ihren Anhängern reden. Damit trennt er Verstehen von Entschuldigen und behandelt die Partei und den Menschen mit verschiedenen Händen.

→ Weiter im Panorama: Was holt Wähler zurück?, mit El-Mafaalani, Thiele, Kazim und Hochschild. Neu hinzugekommen sind Marks, Liya Yus Meta-Dehumanisierung und Hochschilds Scham-Schild.

Was richtet Beschämung in der Schule an?

„Traditionell ist Schule in Deutschland Beschämung“: Für das Wort traditionell spricht Rutschkys Quellensammlung, für die Gegenwart die Arbeit der Erziehungswissenschaftlerin Annedore Prengel, die in Klassenzimmern seelische Verletzungen durch Lehrkräfte beobachtete, meist eingebettet in wertschätzenden Umgang, aber „häufig und weitgehend ignoriert“ (Pädagogische Beziehungen zwischen Anerkennung, Verletzung und Ambivalenz, 2013; daraus die Reckahner Reflexionen). Was Beschämung anrichtet, sagt eine Meta-Analyse über 108 Studien: Scham hängt stärker mit Depressivität zusammen als Schuld, und am stärksten die externe Scham, das schlechte Bild von sich durch die Augen der anderen (Kim, Thibodeau & Jorgensen 2011, doi:10.1037/a0021466). Das ist der Stoff, den Marks „Beschämung“ nennt. Über alle Erziehungsstudien hinweg gehen psychologische und harsche Kontrolle mit mehr Problemverhalten einher, der warme und fordernde Stil mit weniger (Pinquart 2017, doi:10.1037/dev0000295, Meta-Analyse über 1.435 Studien).

Auch die Gegenrichtung, das Schonen, hat ihre Studien. Überhöhtes Lob bringt gerade Kinder mit niedrigem Selbstwert dazu, Herausforderungen zu meiden (Brummelman et al. 2014, doi:10.1177/0956797613514251). Den dritten Weg trifft am genauesten eine Meta-Analyse von Colin Leach und Atilla Cidam: Scham führt zu Wiedergutmachung und Selbstverbesserung, wenn das Versagen reparierbar erscheint, und zu Rückzug, wenn nicht (Leach & Cidam 2015, doi:10.1037/pspa0000037). Das ist „Scham zumuten, ohne zu beschämen“ in Zahlen: Die Zumutung braucht einen Weg zurück. Im Mathematikunterricht lässt sich das als Fehlerklima messen; die Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen, sinkt in der fünften und sechsten Klasse im Mittel, ein gutes Fehlerklima bremst den Abfall deutlich (Dresel et al. 2024, doi:10.1111/bjep.12697).

Zwei von Marks' Stützen tragen weniger. Cyrulniks „jedes fünfte oder sechste Kind“ liegt in der Größenordnung richtig: Hochsensibel sind etwa 20 bis 35 Prozent der Kinder (Pluess et al. 2018, doi:10.1037/dev0000406). Aber es gibt keine eine genetische Besonderheit; die Kandidatengen-Hypothese hat sich in großen Datensätzen nicht gehalten (Culverhouse et al. 2018, doi:10.1038/mp.2017.44). Und die Forschung zur differentiellen Empfänglichkeit sagt etwas Tröstliches, das Marks' Bild sogar stärkt: Die empfindlichen Kinder leiden mehr unter schlechter Umgebung und gedeihen mehr in guter (Belsky & Pluess 2009, doi:10.1037/a0017376). Das kleine Gefäß ist auch das empfänglichste. Die zweite Stütze, die Säuglingserziehung vor 1933, ist plausibel, aber kausal nicht belegt. Johanna Haarers NS-Ratgeber (1934) schrieb diese Härte erst danach fest und prägte vor allem die Kriegskinder, nicht die Erwachsenen von 1933.

→ Weiter im Panorama: Beschämen oder schonen?, mit Spitzer, Maas, Zimpel und Felix. Diese Nachbesprechung hat das Panorama gegründet, das außerdem fragt, wer über Kinder bestimmt, ob die Schule nach Herkunft sortiert und wozu sie da ist.


Faktencheck

Falsch — „Eine Gruppe, die die Forschung bis heute fast übergeht“

Marks, 3:06: Die Anhänger Hitlers würden in der Forschung „bis heute fast völlig übergangen“. Das stimmt schon für 1998 nicht. Theodore Abel wertete 1934 rund 600 Lebensläufe von NSDAP-Mitgliedern aus (Why Hitler Came into Power, 1938). Alexander und Margarete Mitscherlich deuteten 1967 in Die Unfähigkeit zu trauern die ehemaligen Anhänger psychoanalytisch: Hitler als kollektives Ich-Ideal, abgewehrte Scham und Schuld — der direkte Vorläufer von Marks' These, den er nicht nennt. Gabriele Rosenthal veröffentlichte 1987 und 1990 biografische Interviews mit der HJ- und Kriegsgeneration; dazu Kershaws Hitler-Mythos (1980/87), Niethammers Oral-History-Projekt LUSIR (1983–85), Welzer, Moller und Tschuggnall mit „Opa war kein Nazi“ (2002, zeitgleich mit Marks' Projekt) und die Volksgemeinschafts-Forschung der 2000er. Neu war bei Marks die Methode, die Scham der Interviewer als Gegenübertragung zu lesen; die Gruppe selbst war längst erforscht. Die Behauptung macht aus einem Beitrag eine Pionierarbeit. Quelle: Die Unfähigkeit zu trauern (Wikipedia) · Gabriele Rosenthal (Wikipedia) · H-Net-Rezension zu „Opa war kein Nazi“ · Theodore Abel (Wikipedia)

Vereinfacht — Jedes fünfte oder sechste Kind ein „kleines Gefäß“ durch eine genetische Besonderheit

Marks nach Boris Cyrulnik, 22:13. Die Zahl stammt aus Cyrulniks Popularisierung des Serotonintransporter-Gens 5-HTTLPR: In De chair et d'âme (2006) nennt er 15 bis 20 Prozent „petits transporteurs de sérotonine“, die sich „très facilement“ schämten. Grundlage war Caspi et al. 2003, doi:10.1126/science.1083968; die Hypothese hat sich nicht gehalten (Culverhouse et al. 2018, doi:10.1038/mp.2017.44, Meta-Analyse; Border et al. 2019, doi:10.1176/appi.ajp.2018.18070881). Das Phänomen ist gut belegt, nur ohne ein einzelnes Gen: Hochsensibel sind etwa 20 bis 35 Prozent der Kinder (Pluess et al. 2018, doi:10.1037/dev0000406), die Erblichkeit liegt bei etwa 47 Prozent, verteilt auf viele Faktoren (Assary et al. 2020, doi:10.1038/s41380-020-0783-8), und die empfindlichen Kinder gedeihen in guter Umgebung stärker (Belsky & Pluess 2009, doi:10.1037/a0017376; Boyce & Ellis 2005, doi:10.1017/S0954579405050145). Die Zahl verleiht der Gefäß-Metapher eine biologische Genauigkeit, die sie nicht hat; Marks' eigentlicher Punkt, dass sich das Gefäß weiten lässt, wird eher gestützt. Quelle: Odile Fillod: Sérotonine, races et civilisations · DOIs oben

Nicht eindeutig belegt — Die Säuglingserziehung vor 1933 erklärt den Hunger, gesehen zu werden

Marks, 29:08. Er sagt ausdrücklich „vor 33“, und das ist folgerichtig: Die Erwachsenen von 1933 wuchsen zwischen etwa 1880 und 1915 auf, mit der Pädagogik des Kaiserreichs, die Rutschky als Schwarze Pädagogik dokumentiert. Johanna Haarers Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind erschien erst 1934 und prägte vor allem die Kriegskinder. Die Kette Erziehung → ungestilltes Bedürfnis, gesehen zu werden → Bindung an Hitler ist eine psychohistorische Deutung in der Linie von Fromm, Adorno und Alice Miller (Am Anfang war Erziehung, 1980) — plausibel, kausal nie geprüft. Quelle: Schwarze Pädagogik (Wikipedia) · Johanna Haarer (Wikipedia) · Spektrum: Die Folgen der NS-Erziehung

Vereinfacht — „So funktioniert Rechtsextremismus“

Marks, 33:00, und El-Mafaalani, 33:45. El-Mafaalanis Voraussetzung hält: Ein geschlossen rechtsextremes Weltbild haben laut Mitte-Studie 2024/25 nur 3,3 Prozent, ein Graubereich von etwa einem Fünftel ist ambivalent. Zwei Glieder von Marks' Kette sind gemessen — Schamneigung geht mit Wut und Schuldzuweisung einher (Tangney et al. 1992, doi:10.1037/0022-3514.62.4.669), Statusbedrohung mit Rechtswahl (Mutz 2018, doi:10.1073/pnas.1718155115; Gidron & Hall 2017, doi:10.1111/1468-4446.12319) —, die verdrängte Scham als Bindeglied ist Theorie (Salmela & von Scheve 2017, doi:10.1177/0539018417734419). „So funktioniert“ macht aus einem Faktor unter mehreren einen Mechanismus; Angebot, Ideologie, Medien und Parteistrategie kommen nicht vor. Genau davor hatte El-Mafaalani bei 5:24 gewarnt. Quelle: FES Mitte-Studie 2024/25 · DOIs oben

Vereinfacht — Scham als „die längste Emotion“, Kübler-Ross als Vorbild der Trauerarbeit

El-Mafaalani, 34:31. Derselbe Befund wie in der Quartett-Note: Als einzelne Gefühlsepisode gehört Scham zu den kürzesten Emotionen (Verduyn & Lavrijsen 2015, doi:10.1007/s11031-014-9445-y); lang wirkt die verinnerlichte Beschämung. Marks' Antwort ist als Analogie stimmig, historisch verkürzt: Der Begriff „Trauerarbeit“ stammt von Freud (Trauer und Melancholie, 1917), Kübler-Ross arbeitete mit Sterbenden (1969), die Hospizbewegung begann mit Cicely Saunders (1967). Ihr Phasenmodell ist empirisch schwach gestützt (Maciejewski et al. 2007, doi:10.1001/jama.297.7.716). Quelle: DOIs oben

Bestätigt — Scham entsteht ab dem zweiten Lebensjahr und wird als Bedrohung erlebt

Marks, 6:54, 8:26, 12:14. Selbstbezogene Gefühle wie Verlegenheit treten auf, wenn ein Kind sich im Spiegel erkennt, etwa zwischen 15 und 24 Monaten (Lewis et al. 1989, doi:10.2307/1131080). Soziale Bewertungsbedrohung löst von allen Laborstressoren die stärkste Cortisolreaktion aus (Dickerson & Kemeny 2004, doi:10.1037/0033-2909.130.3.355, Meta-Analyse über 208 Studien), und Scham ist ihr typisches Gefühl. „Überlebensangst“ ist zugespitzt, aber gedeckt. Marks' „Reptiliengehirn“ (im Transkript, in der Note weggelassen) ist überholte Hirnforschung (Cesario et al. 2020, doi:10.1177/0963721420917687). Quelle: DOIs oben

Bestätigt — Trump wendet die Scham weißer Arbeiter in Wut gegen andere

Marks nach „einer Journalistin“, 33:00. Der Wortlaut mit „Mexikanern“ ließ sich nicht finden; der Kern ist die These der Soziologin Arlie Russell Hochschild in Stolen Pride (2024), aus Feldforschung in Pikeville, Kentucky: Trump verwandle verlorenen Stolz in gestohlenen und Scham in Schuldzuweisung, mit einem „anti-shaming ritual“. Ethnografisch; die repräsentative Stütze ist die Forschung zur Statusbedrohung (Mutz 2018). Quelle: Salon: Hochschild on the „pride paradox“ · The American Prospect: Cascading Shame

Bestätigt — Die Niederlage auf dem Amselfeld wurde Jahrhunderte später mobilisiert

Marks, 30:41–31:28. Die Schlacht war 1389. Slobodan Milošević hielt am 28. Juni 1989 zum 600. Jahrestag die Amselfeld-Rede in Gazimestan; sie gilt als Schritt hin zu den Jugoslawienkriegen. Der Psychoanalytiker Vamık Volkan nennt Kosovo 1389 den Musterfall eines „chosen trauma“, das über Generationen weitergegeben und politisch reaktiviert wird (Volkan 2001, doi:10.1177/05333160122077730). Freuds „Das Unbewusste ist zeitlos“ ist korrekt zitiert (Das Unbewußte, 1915). Quelle: Amselfeld-Rede (Wikipedia) · DOI oben

Bestätigt — Die Wiedervereinigung als Erfahrung von Abwertung im Osten

Marks, 31:28–32:14. Der strukturelle Teil ist gut belegt: Ende 2024 waren 12,1 Prozent der Spitzenpositionen mit Ostdeutschen besetzt, bei rund 20 Prozent Bevölkerungsanteil, in der Wirtschaft nur 4 Prozent (Elitenmonitor). Steffen Mau beschreibt die Nachwendezeit als Abfolge von Brüchen und Kränkungen (Lütten Klein, 2019); die „Psychoanalytiker in der ehemaligen DDR“ meinen vermutlich Hans-Joachim Maaz (Der Gefühlsstau, 1990). „Beschämung“ als Schlüsselbegriff ist Marks' Deutung — die Daten decken sie, beweisen aber nicht, dass Scham das wirksame Gefühl ist. Quelle: Ostbeauftragte: Ergebnisse Elitenmonitor

Bestätigt — Beschämung in der deutschen Schule, und die Schweizer Fehlerforschung

Marks, 19:09, 55:08, 56:40. Rutschkys Schwarze Pädagogik erschien 1977. Für die Gegenwart relativiert die Forschung das „ist“: In 11.474 protokollierten Unterrichtsszenen der INTAKT-Studie waren etwa drei Viertel anerkennend oder neutral, etwa ein Viertel verletzend oder ambivalent, knapp 6 Prozent stark verletzend (Prengel et al. 2016, pedocs, keine Zufallsstichprobe). Traditionell trägt; als Beschreibung der heutigen Schule ist der Satz zu pauschal. Die „Schweizer Psychologen“ sind sehr wahrscheinlich Fritz Oser und Maria Spychiger: Ihr „Bermuda-Dreieck“ beschreibt die Lehrkraft, die den Fehler übergeht und ein anderes Kind aufruft (Lernen ist schmerzhaft, 2005). Dass gerade junge Lehrkräfte das aus Angst zu beschämen tun, ist Marks' Zuspitzung. Quelle: Prengel et al. 2016 · Hascher & Hagenauer: Lernen aus Fehlern

Bestätigt — Die Zitate und Zuschreibungen

Nietzsche, 19:56: „Was ist dir das Menschlichste? — Jemandem Scham ersparen.“ steht in Die fröhliche Wissenschaft §274; zwei Aphorismen davor (§273): „Wen nennst du schlecht? — Den, der immer beschämen will.“ Das ist Marks' eigene Unterscheidung, bei Nietzsche schon angelegt. Wurmser, 9:12: Die Formel stammt aus Die Maske der Scham (engl. 1981, dt. 1990), meist als „Hüterin der menschlichen Würde“ zitiert. Pelicot, 10:43: „la honte change de camp“, 2024 in Avignon, eine feministische Parole seit den 1970ern; honte umfasst Scham und Schande zugleich, Marks' Unterscheidung ist eine legitime Deutung. Thürmer-Rohr, 43:43: Dialog ist ihr Lebensthema; der verwandte Gedanke steht in Die Stummheit der Gewalt und die Zerstörung des Dialogs, der genaue Wortlaut ließ sich nicht finden. Quelle: Nietzsche Source, FW §274 · Daniel Hell zu Wurmser · Thürmer-Rohr: Die Stummheit der Gewalt (RLS)


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung:

Im Gespräch erwähnt:

  • Stephan Marks: Scham – die tabuisierte Emotion (2007) und Warum folgten sie Hitler? Die Psychologie des Nationalsozialismus (2007)
  • Léon Wurmser: Die Maske der Scham — Scham als Wächterin der Würde
  • Micha Hilgers: Scham. Gesichter eines Affekts — gesunde und traumatische Scham
  • Boris Cyrulnik — Resilienz; die „kleinen Gefäße“
  • Elisabeth Kübler-Ross: Interviews mit Sterbenden (1969) — Trauerarbeit als Vorbild der Schamarbeit
  • Katharina Rutschky (Hg.): Schwarze Pädagogik (1977)
  • Christina Thürmer-Rohr — „Der Dialog endet oft dort, wo er beginnen müsste“
  • Uri Weinblatt — Familientherapie, Interesse als Heilmittel bei Scham
  • Carolin Amlinger & Oliver Nachtwey: Zerstörungslust (2025) (→ Amlinger & Nachtwey — Zerstörungslust: Elemente des demokratischen Faschismus)
  • Ingrid Riedel — Scham als Einigeln

Aus dem Faktencheck (Sherlock):


Verbindungen

→ Harald Welzer — Tötungsarbeit

In denselben Jahren wie Marks befragte Welzer drei Generationen deutscher Familien; wo Marks unter der Begeisterung die Scham findet, findet Welzer Situation, Kameradschaft und das Zurechtdenken — und beide eine Mehrheit, die kippt, ohne zu glauben.

→ Göpel, Bleisch, El-Mafaalani, Schmitt — Verhärten. Überall. Und nun?

Am Morgen des dritten Konferenztags erzählt El-Mafaalani dem Quartett von diesem Gespräch: ein Bildungssystem, das auf Großzügigkeit gebaut ist, würde Beschämungen verhindern, die ein Leben lang nachwirken. Dort fällt auch sein Satz von der „längsten Emotion“, den er hier selbst sagt und den Marks mit der Trauerarbeit beantwortet.

→ Arlie Hochschild — Stolen Pride

Was Marks einer ungenannten Journalistin zuschreibt, Trump wende die Scham weißer Arbeiter als Wut gegen Mexikaner, ist im Kern Hochschilds These aus zehn Jahren Feldforschung in Pikeville. Ihr Satz über die Trump-Wähler, they're desperately looking to be seen, ist Hitlers Blick in der Gegenwart. Die Wurzel suchen die beiden an verschiedenen Orten: Hochschild im Verlust von Arbeit und Stolz bei Erwachsenen, Marks in einer Kindheit voller Beschämung, lange bevor einer Arbeit hatte.

→ Erich Fromm — Psychoanalyse des Faschismus

Dieselbe Frage, zwei Generationen früher und mit demselben tiefenpsychologischen Werkzeug: Warum folgten sie? Fromm antwortet mit dem autoritären Charakter, der nach oben buckelt und nach unten tritt. Marks beschreibt dieselbe Bewegung als Gefühl: Wer beschämt, lädt die eigene Scham beim anderen ab. Bei Fromm ist es eine Struktur, die man hat, bei Marks ein Pegel, der steigt und sinken kann. Darum hält Marks den Raum der Würde für möglich.

→ Amlinger & Nachtwey — Zerstörungslust

Das Buch, das El-Mafaalani Marks auf der Bühne entgegenhält. Unter Fromms Formen der Destruktivität führen Amlinger und Nachtwey die rachsüchtige, die erfahrene Demütigungen vergilt. Das ist Marks' übergelaufenes Gefäß, einen Schritt weiter. Offen bleibt zwischen beiden Notes, ob Interesse noch jemanden erreicht, dessen Scham schon zur Lust an der Zerstörung geworden ist. Marks sagt: „Das ist die einzige Chance, die wir haben“, und begründet es nicht.

→ Judith Mangelsdorf — Flourishing und Mattering

Mangelsdorfs Anti-Mattering, nicht gesehen oder für den eigenen Beitrag abgewiesen zu werden, ist Marks' erste Form der Scham, die Anerkennungsscham. Ihr Sohn hängt einen Zettel an die Tür, „Hier wohnt die Traurigkeit“, und sie geht hinein: Schambegleitung im Kleinen. Marks liefert die Zwischenstufe, die bei ihr fehlt. Das Nichtgesehenwerden allein kippt niemanden; erst die Scham, die daraus wird, lässt sich einsammeln.

→ Christine Brähler — Selbstmitgefühl, Scham und reife Liebe

Brähler sagt aus der Arbeit in Gefängnissen, was Marks über Rechtsextremismus sagt: Bei Männern ist Wut oft die Decke über Scham und Verletzlichkeit. Beide wollen Scham nicht wegmachen. Bei Brähler macht Selbstmitgefühl sie sichtbar, bei Marks macht der Raum der Würde sie besprechbar. Den Container baut bei ihr der Mensch für sich selbst, bei Marks halten ihn Lehrkraft, Pflegerin oder Großmutter für einen anderen.

→ Philip Schlaffer — Kann man sich ändern?

Marks' Junge schaut abends in den Spiegel und schämt sich. Schlaffer hängt in der Zelle ein Jahr lang ein Handtuch über den Spiegel. Die Forschung in Schlaffers Nachbesprechung rückt Marks' Gratulation zurecht: Bei 476 Häftlingen sagte Schuld („ich habe etwas Falsches getan“) weniger Rückfall voraus, Scham („ich bin falsch“) mehr, vor allem wenn sie in Schuldzuweisung kippte. Was Marks Integritätsscham nennt, liegt nahe bei jener Schuld; sein Satz vom Abladen ist im Längsschnitt gemessen.

→ Panorama: Warum wählen Menschen Autoritäre?

Das Panorama fragt zum Osten: Prägung aus der Diktatur oder Kränkung aus der Einheit? Marks antwortet mit beidem, als zwei Formen der Scham: die verratene Integrität in der DDR und die Beschämung einer Einheit, die als Abwicklung erlebt wurde. Es ist eine Deutung aus Interviews, keine Messung. El-Mafaalanis Folgerung, eine Gesellschaft könne kippen, ohne dass die Mehrheit rechtsextrem denkt, gehört in die Frage „Protest oder Überzeugung?“.

→ Christian Walburg — Migration, Flucht und Kriminalität

Walburgs „Das Einzige, was man dann zu verlieren hat, ist eben Respekt auf der Straße“ ist Marks' Anerkennungsscham in der Kriminologie junger Männer. Die Sammelunterkunft ohne Rückzugsraum ist das Gegenteil eines Raums der Würde.

→ Björn Nölte und Heinz-Peter Meidinger — Besser lernen ohne Noten?

Die Frage aus dem Publikum, ob unser Schulsystem überhaupt zulässig ist, wird dort zum Streit zweier Lehrer: Meidinger erinnert sich an Lehrkräfte, die die schlechteste Arbeit zuerst zurückgaben, und Nölte nennt die Ziffer eine „Aburteilung“. Marks' „Scham zumuten, ohne zu beschämen“ ist genau die Aufgabe, an der Nölte zugibt, dass seine Lerndialoge beim Misserfolg am schwersten tragen.

→ Oschmann und Kowalczuk — Kränkung oder Freiheitsschock

Was Marks als zwei Formen der Scham beschreibt, verteilt sich dort auf zwei Bücher: Kowalczuk sucht die verratene Integrität der Diktatur, Oschmann die Beschämung durch eine Einheit, die als Abwicklung erlebt wurde.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
  • Marks will Scham zumuten, ohne zu beschämen. Gilt das auch für eine ganze Gesellschaft — kann ein Land seinen Bürgern eine historische Scham zumuten, ohne sie zu beschämen, und woran würde man das merken?
  • Die Zuhörerin fragt, ob die Scham-Erklärung nicht entschuldigt. Marks antwortet, Interesse sei die einzige Chance. Was wäre das stärkste Argument dafür, dass Verständnis für die Scham der Täter die Würde der Opfer verletzt?
  • Wenn jedes fünfte Kind ein kleines Gefäß ist, ist jede Schulklasse ein Raum mit vier, fünf solchen Kindern. Welche einzige Gewohnheit im Unterricht würde ihnen am meisten helfen — und warum ist sie so selten?
  • Hitlers Blick traf Menschen, die nie gesehen worden waren. Wer sieht heute die, die sich nicht gesehen fühlen — und was geschieht, wenn es zuerst ein Algorithmus tut?
  • Denk an die letzte Scham, die du jemandem ersparen wolltest. War das Schonung für ihn oder für dich?

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