Gedankenraum
Panorama·13. Oktober 2026

Wie werden gewöhnliche Menschen zu Tätern?

Gedankenlos, überzeugt oder nur dabei: Drei offene Fragen danach, wie Nachbarn, Beamte und Familienväter zu Mittätern werden und was manche von ihnen davon abhielt.

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Félix Vallotton — Holzschnitt, schwarze Flächen gegen Papierweiß, ein einziges gedämpftes Ziegelrot. Eine Kette gewöhnlicher Leute in Mänteln und Hüten zieht von einer beleuchteten Haustür einen Hang hinauf, jeder reicht dem nächsten ein Blatt Papier weiter, und auf der anderen Seite des Hügels laufen Gleise ins Schwarze. Vallotton hat die Menge geschnitten wie kein anderer: Gesichter verschwinden unter Hutkrempen, und aus vielen Einzelnen wird eine Form. Niemand in diesem Bild tut etwas Böses. Jeder gibt nur weiter.

Prompt: Wide panoramic woodcut print in the style of Felix Vallotton, stark flat black and white areas, bold graphic silhouettes, a single muted brick-red accent. A long human chain of ordinary townspeople in coats and hats, seen from the side, standing in a line that winds from the lit doorway of a small town house on the left down a slope toward a dark railway embankment on the right. Each person passes a sheet of paper to the next, hand to hand, faces turned away or hidden under hats. Near the middle of the chain one single figure has stepped half out of the line, hands empty, looking back. On the far right only empty railway tracks disappearing into black. Calm, quiet, ominous, no violence, no text, no letters, no realistic faces, no photorealism.

Worum es geht

Die Täter des Holocaust waren in ihrer großen Mehrheit keine Ungeheuer, sondern Polizisten, Beamte, Nachbarn und Familienväter. Seit Hannah Arendt 1963 von der Banalität des Bösen sprach, streiten Philosophie, Geschichte und Psychologie darüber, was sie dazu gemacht hat: fehlendes Urteil, Überzeugung, Gruppendruck, Vorteil oder ein Apparat, in dem keiner mehr zuständig ist. Dieses Panorama stellt drei Fragen, an denen sich die Stimmen der Gedankenwelten reiben — ob die Täter gedankenlos oder überzeugt waren, was sie mitmachen ließ, und was die wenigen abhielt, die nicht mitmachten. Zu jeder Frage der Stand der Forschung, wo es einen gibt.

Ein wachsendes Panorama

Die meisten Panoramen sind Momentaufnahmen. Dieses wächst: Wenn eine Note in ihrer Nachbesprechung eine dieser Fragen vertieft, kommt ihre Stimme hierher, und was sie an Forschung mitbringt, auch. Die erste war Hannah Arendt — Die Banalität des Bösen im Oktober 2026. Den Forschungsstand zu den Rettern und Verweigerern haben wir kurz darauf selbst nachgetragen. Unten steht, welche Notes seither dazukamen.


Gedankenlos oder überzeugt?

Arendt sah in Eichmann einen Mann ohne Tiefe, der nicht hasste, sondern funktionierte. Für Eichmann selbst gilt das heute als widerlegt. In den Gesprächen, die er 1957 in Buenos Aires mit dem NS-Journalisten Willem Sassen führte, spricht ein überzeugter Nationalsozialist, der sich „Idealist“ nennt und bedauert, dass nicht alle Juden Europas getötet wurden; Bettina Stangneth hat die rund 1.300 Seiten für Eichmann vor Jerusalem (2011) ausgewertet, David Cesarani war 2004 zum selben Ergebnis gekommen, und Yaacov Lozowick fand in Eichmanns ganzem Referat Männer, die über Jahre selbst die Initiative ergriffen (Lozowick 2001, doi:10.1525/california/9780520220560.003.0014).

Ob damit auch der Begriff fällt, ist offen. Richard Wolin hält ihn für erledigt (Jewish Review of Books, 2014). Seyla Benhabib und Richard Bernstein lesen Arendt genauer: Gedankenlosigkeit meine nicht fehlende Überzeugung, sondern die Unfähigkeit, vom Standpunkt eines anderen aus zu denken, und die sei mit Fanatismus vereinbar (Benhabib, NYT 2014; Bernstein 2010, doi:10.5422/fso/9780823230754.003.0012). Christopher Browning fasst den verbreiteten Kompromiss so: Arendt habe ein wichtiges Konzept erfasst, aber am falschen Beispiel. Wie viel Überzeugung in der Masse der Täter steckte, ist bis heute umstritten: Michael Mann fand unter 1.581 Täterbiografien zwei Drittel langjährige Nationalsozialisten, die Überzeugtesten auf den höheren Rängen (Mann 2000, doi:10.1093/hgs/14.3.331), und Felix Römer in amerikanischen Gefangenenakten von 1944 über sechzig Prozent Hitlergläubige quer durch alle Milieus (Römer 2013, doi:10.1177/0022009412461815); Browning hält dagegen, dass sein Bataillon 101 aus kaum geschulten Eingezogenen bestand und trotzdem eines der mörderischsten wurde (Browning, NYRB 2025). Die Täterforschung seit Brownings Ganz normale Männer (1992), Harald Welzers Täter (2005) und Stefan Kühls Ganz normale Organisationen (2014) findet bei den vielen meist weder reines Funktionieren noch reine Ideologie, sondern einen neuen moralischen Rahmen, in dem das Töten als notwendig oder sogar anständig galt.

Was Arendt „Gedankenlosigkeit“ nennt, die Unfähigkeit, vom Standpunkt eines anderen aus zu denken, lässt sich im Labor zumindest in einer Richtung erzeugen: Menschen, die man sich mächtig fühlen ließ, übernahmen seltener die Sicht anderer und lasen Gesichter schlechter (Galinsky u. a. 2006, doi:10.1111/j.1467-9280.2006.01824.x, Priming-Experimente unter Replikationsvorbehalt) — das wäre Bonhoeffers „Dummheit unter dem Eindruck der Macht“, gemessen. Ana Guinote liest Macht milder als Verstärker des eigenen Ziels, entschlossener und enger zugleich (Guinote 2017, doi:10.1146/annurev-psych-010416-044153). Intelligenz schützt davor kaum: Den blinden Fleck für die eigenen Denkfehler haben die kognitiv Versierten genauso (West, Meserve & Stanovich 2012, doi:10.1037/a0028857).

Für Täter der Gegenwart, die allein handeln, wird die Frage oft mit „krank“ beantwortet. Lone Actors sind tatsächlich häufiger psychisch krank als Gruppentäter, 31,9 gegen 3,4 Prozent (Corner & Gill 2015, doi:10.1037/lhb0000102). Über alle Terroristen hinweg liegt die Rate aber nicht über der der Bevölkerung (Sarma, Carthy & Cox 2022, Meta-Analyse, doi:10.1002/cl2.1268), und Krankheit und Überzeugung schließen sich nicht aus. Fast immer hatten diese Täter Kontakt zu einem Milieu, offline oder online (Schuurman u. a. 2017, doi:10.1080/1057610X.2017.1419554). Seit Christchurch, Poway, El Paso und Halle zitieren sie einander in Manifesten und Livestreams wie in einem eigenen Genre (Kupper u. a. 2022). Wer einen solchen Täter „geistig verwirrt“ nennt, beantwortet die Frage dieses Abschnitts darum nicht nur — er entscheidet damit auch, ob eine Ideologie mitverhandelt wird.

Die Stimmen

Weitere Stimmen (7)
  • Carlo Cipolla: Dumm ist, wer anderen schadet, ohne selbst etwas davon zu haben — eine dritte Antwort neben Leere und Überzeugung, nur dass Cipolla sie als Konstante behandelt, die in jeder Gruppe gleich häufig vorkommt.

  • Hans-Thomas Tillschneider: Der Attentäter von Halle sei ein „geistig verwirrter Einzeltäter“ ohne politische Tat gewesen, ein gescheiterter junger Mann im Ego-Shooter-Modus — obwohl er im selben Satz das Motiv nennt, das er ihm abspricht, und der Gutachter keinen Wahn fand.

  • Hannah Arendt: Der Weg vom „radikal Bösen“ der Totalitarismus-Studie zur Banalität verschärft die These: Es braucht keine Monster.

  • Erich Fromm: Der Wunsch, zu beherrschen und sich zu unterwerfen, ist eine Charakterstruktur, die erst bestimmte Umstände wecken.

  • Jens-Christian Wagner: Die meisten Lager-Täter waren funktionierende Rädchen, die Brutalen die Ausnahme — und doch hielten sie sich mit Himmler für „anständig geblieben“.

  • Felix Benneckenstein: Holocaustleugnung im Kopf, obwohl der eigene Bruder mit Down-Syndrom zu den Gemeinten gehört hätte: Überzeugung und vollständiges Ausblenden gehen zusammen.

  • Luc: Man muss kein Monster sein, um Monströses zu bewirken; die Täter sind auch Gefangene ihrer Formung, ohne dass sie das entschuldigt.

Die Reibung

Arendt findet beim Täter eine Leere, Fromm eine Leidenschaft fürs Tote, Alomar ein erklärtes Programm, Eichi eine Clique. Wenn alle vier recht haben, jeweils für andere Täter — woran erkennt man im Moment des Geschehens, welcher Art von Täter man gerade zusieht, und ändert das, was man tun muss?


Gehorsam, Gruppe oder Gelegenheit?

Am 13. Juli 1942 bot Major Wilhelm Trapp den rund 500 Männern des Reserve-Polizeibataillons 101 im polnischen Józefów an, nicht an der Erschießung teilzunehmen. Etwa ein Dutzend trat vor, bestraft wurde keiner. Das Bataillon tötete bis Kriegsende mindestens 38.000 Juden und trieb rund 45.000 in die Züge nach Treblinka. Christopher Browning erklärt das vor allem mit Gruppendruck: der Scheu, die Kameraden allein die schmutzige Arbeit tun zu lassen. Daniel Goldhagen hielt 1996 einen „eliminatorischen Antisemitismus“ dagegen; Stefan Kühl findet ein Gemisch aus Zwang, Kameradschaft, Geld und Überzeugung, wie es jede Organisation zusammenhält.

Für den Gehorsam stand lange Stanley Milgram. Das Grundphänomen hält bis heute: Bei Jerry Burgers Wiederholung gingen 2009 rund 70 Prozent über die 150-Volt-Schwelle (Burger 2009, doi:10.1037/a0010932), in Polen 2015 neun von zehn bis zur höchsten Stufe (Doliński et al. 2017, doi:10.1177/1948550617693060). Gedeutet wird es inzwischen anders. Über 21 Varianten gingen im Mittel 43,6 Prozent bis zum Ende, je nach Nähe zum Opfer und Glaubwürdigkeit des Versuchsleiters (Haslam, Loughnan & Perry 2014, doi:10.1371/journal.pone.0093927). Der befehlsförmigste Satz, „Sie haben keine andere Wahl“, ließ die meisten aufhören; weiter machte, wer sich mit der Wissenschaft identifizierte (Haslam, Reicher & Birney 2014, doi:10.1111/josi.12072). Haslam und Reicher sprechen darum von engagierter Gefolgschaft statt von blindem Gehorsam (Haslam & Reicher 2012, doi:10.1371/journal.pbio.1001426). Ganz falsch ist die alte Lesart trotzdem nicht: Wer auf Anweisung handelt, erlebt sich messbar weniger als Urheber der Folgen (Caspar et al. 2016, doi:10.1016/j.cub.2015.12.067).

Die Stimmen

Weitere Stimmen (9)
  • Jörg Baberowski: Mit Browning: Menschen töten lieber, als aus der Gruppe zu fallen, und das gilt unabhängig von Kultur und Ideologie.
  • Götz Aly: Zustimmung wurde mit gewöhnlicher Sozialpolitik gekauft; das Ergebnis war eine halbpassive Haltung, nicht aktiv dabei, aber auf keinen Fall dagegen.
  • Erich Fromm: Man gehorcht, weil keine innere Überzeugung stark genug ist; Milgrams Versuchspersonen opferten ihr Gewissen dem Götzen Wissenschaft.
  • Albert Moukheiber: Asch stellte seine Konformitätsfrage aus dem Holocaust heraus; der Drang zur Anpassung ist evolutionäres Erbe, kein Charakterfehler.
  • Düzen Tekkal: Die Nachbarn wurden zu Tätern — die Listen der jesidischen Familien kamen aus der Nachbarschaft.
  • Dobusch und Zaboura: Mit Kühl: Auch die Organisationen der Massentötung waren ganz normale Organisationen; gewöhnliche Berufslogik reicht.
  • Christoph Safferling: Die Bonner Justiz holte NS-Juristen, weil sie Vorgaben perfekt umsetzten; der Beamte als Handwerker war 1933 das Problem und galt 1950 als Lösung.
  • Luc: Bürokratie, Markt und Gutachten sind Maschinen, die Verantwortung entsorgen, und herrenlose Verantwortung sackt nach unten.
  • Stephan Marks: „Aber er hat mir in die Augen geschaut“ — gesammelte Scham kann eine Gesellschaft kippen lassen, ohne dass ihre Mehrheit rechtsextrem denkt.
Die Reibung

Bregman zweifelt an Milgram, Baberowski verallgemeinert Browning, Aly rechnet nach, wer was bekam. Wenn Gehorsam die Täter schlecht erklärt, Gruppe und Gelegenheit aber gut — ist dann Arendts „Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen“ die falsche Lehre, und die richtige hieße: Kein Mensch hat das Recht dazuzugehören, wenn die Gruppe tötet?


Was hält Menschen davon ab?

In Józefów trat etwa jeder Vierzigste vor. Wer die Verweigerer, Retter und Nichtteilnehmer untersucht, findet keine besseren Menschen im üblichen Sinn. Arendt beobachtete, dass gerade die angesehenen Bürger mit festen Werten versagten und die Nichtteilnehmer sich eine andere Frage stellten: ob sie mit sich selbst würden leben können. Die Frage nach dem Preis bleibt umstritten. Für die Richter der NS-Zeit ist kein Fall überliefert, in dem die Weigerung mehr kostete als die Laufbahn; in den Lagern dagegen bezahlten Häftlinge, die einen Befehl verweigerten, mit dem Leben. Der Nürnberger Grundsatz, dass Handeln auf Befehl nicht entlastet, hat die Frage seit 1946 rechtlich entschieden, die psychologische nicht.

Die Retterforschung hat zuerst nach der Person gefragt. Samuel und Pearl Oliner befragten in den Achtzigern 406 Retter und 126 Nichtretter; die Retter erinnerten Eltern, die mit Gründen erzogen statt mit Strafen, und einen weiten Kreis von Menschen, für die sie sich zuständig fühlten (The Altruistic Personality, 1988). Später ließen sich Retter und Zuschauer an sozialer Verantwortung, Empathie und Risikobereitschaft fast fehlerfrei auseinanderhalten (Fagin-Jones & Midlarsky 2007, doi:10.1080/17439760701228979). Gemessen wurde allerdings ein halbes Jahrhundert nach der Tat, an Menschen, die sie längst in ihr Selbstbild aufgenommen hatten; Kristen Monroe hörte von ihnen immer wieder, sie hätten keine Wahl gehabt (Monroe 2008, doi:10.1111/j.1467-9221.2008.00661.x). Dieselben Daten erzählen auch von der Gelegenheit: Wer um Hilfe gebeten wurde, half weit eher, und kaum einer lehnte ab (Varese & Yaish 2000, doi:10.1177/104346300012003003). In Frankreich und den Niederlanden trugen Netzwerke und Gemeinden die Rettung stärker als Motive (Gross 1994, doi:10.2307/2579817; Braun 2016, doi:10.1017/S0003055415000544).

Über die Verweigerer von Tötungsbefehlen sind die Akten eindeutiger. Herbert Jäger in 103 Fällen und David Kitterman in 85 fanden keinen belegten, in dem das Nein das Leben kostete; mehr als die Hälfte blieb ganz ohne Folgen, einige wurden später sogar befördert (Kitterman 1988, doi:10.2307/1429971). Das gilt für Soldaten, Polizisten und SS-Männer — für Häftlinge im Lager galt anderes. Im Labor sieht das Nein unscheinbar aus. Wer bei Milgram ausstieg, tat es meist bei 150 Volt, als das Opfer zum ersten Mal hinauswollte (Packer 2008, doi:10.1111/j.1745-6924.2008.00080.x). Allein überschätzt sich fast jeder: 77 Prozent führten einen unethischen Auftrag aus, vier Prozent hatten das von sich erwartet (Bocchiaro, Zimbardo & Van Lange 2012, doi:10.1080/15534510.2011.648421). Am meisten bewirkt ein Zweiter, der Nein sagt: Weigerten sich zwei Mitspieler, brachen 36 von 40 ab (Milgram 1965, doi:10.1037/h0021650). Der Preis bleibt trotzdem real, nur ist er oft ein sozialer. Wer selbst mitgemacht hat, lehnt den ab, der sich verweigerte, weil dessen Nein ein stiller Vorwurf ist (Monin, Sawyer & Marquez 2008, doi:10.1037/0022-3514.95.1.76).

Auch das kollektive Nein hat zwei Gesichter. Im März 1943 hielten Abgeordnete um Dimitar Peschew, die orthodoxe Kirche und Proteste die Deportation der Juden aus dem bulgarischen Kernland auf, rund 48.000 überlebten. Im selben Monat ließen dieselben Behörden 11.343 Juden aus dem besetzten Thrakien und Makedonien nach Treblinka bringen (Ragaru 2023, doi:10.1515/9781805431053).

Die Stimmen

Weitere Stimmen (8)
  • Harald Welzer: Wenn Ideologie so wenig zählt, taugt Aufklärung über Ideologie wenig als Schutz — man müsse „anders darüber nachdenken, wie man eigentlich überhaupt solche Dinge verhindert“.
  • Rutger Bregman: Es braucht den Wolf, den Mut, gegen die eigene Gruppe unfreundlich zu sein.
  • Dietrich Bonhoeffer: Vernünftige, Gewissensmenschen und Pflichtmenschen scheitern; standhalten kann nur, wer die Verantwortung ganz übernimmt.
  • Erich Fromm: Rationale Autorität macht sich selbst überflüssig; Kinder sollen lernen auszusprechen, was sie fühlen und denken.
  • Simone Weil (Mae Bengert): Gewalt macht auch den Täter zum Ding; dagegen steht der Blick, der im Feind den Leidenden erkennt, wie Achill vor Priamos.
  • Felix Benneckenstein: Wer sich nur als hineingerutscht versteht, kann auch den Ausstieg nicht als eigene Tat begreifen.
  • Robert Musil: Die Institution bestraft die Störung, nicht die Grausamkeit, und die Täter bleiben.
  • Luc: Die Last darf man abgeben, das Urteil nicht; der Tyrann hat nur die Macht, die man ihm täglich hinträgt.
Die Reibung

Safferling sagt, die Verweigerung habe wenig gekostet, Blom, schon die Hypothek sei zu viel, Wagner erinnert an die, die mit dem Leben bezahlten. Wenn der Preis so verschieden war — ist der Mut, den wir von damals verlangen, ein Maß für die Täter oder eines für uns, die wir ihn nie bezahlen mussten?


Nachbesprechungen, die hierher führen

DatumNotevertieft
10.10.2026Hannah Arendt — Die Banalität des BösenGründungsnote. Gedankenlos oder überzeugt: Stangneth, Cesarani, Lozowick, Wolin, Benhabib, Bernstein, Browning, Welzer, Kühl · Gehorsam oder Gruppe: Burger 2009, Doliński 2017, Meta-Milgram 2014, Haslam/Reicher, Perry, Caspar 2016
10.10.2026Harald Welzer — TötungsarbeitGedankenlos oder überzeugt: Römer 2013, Mann 2000, Knox, Neitzel 2013, Browning 2025, Westermann 2016, Leader Maynard 2014 · Welzer als Kernstimme in „Gehorsam, Gruppe oder Gelegenheit?“
10.10.2026Bartunek — Tillschneider vor der Synagoge in HalleGedankenlos oder überzeugt, für Täter der Gegenwart: Corner & Gill 2015, Gill/Horgan/Deckert 2014, Schuurman 2017, Sarma 2022 (Meta-Analyse), Kupper/Cotti/Meloy 2023 (Hanau), Kupper u. a. 2022, Macklin 2019, Koehler 2019, Leygraf-Gutachten und Urteil OLG Naumburg · Tillschneider als Gegenstimme: wem die Diagnose „verwirrt“ nützt
13.10.2026Carlo Cipolla — Die fünf Gesetze der DummheitGedankenlos oder überzeugt: Cipolla, Bonhoeffer, Arendt nebeneinander; Macht und Perspektivübernahme (Galinsky 2006), Macht als Zielverstärker (Guinote 2017), Bias Blind Spot (West 2012), intellektuelle Bescheidenheit (Leary 2017)

Verbindungen

→ Wer bestimmt, wie erinnert wird?

Hier die Frage, wie Menschen zu Tätern werden, dort, wie ein Land sich an Täter und Opfer erinnert — und wer darüber bestimmt. Welzers Familiengedächtnis steht in beiden.

→ Wie kommt man aus der rechten Szene wieder heraus?

Das Nachbar-Panorama fragt, wie man hineingerät und wieder herauskommt; seine Aussteiger stehen hier als Zeugen dafür, wie wenig Weltbild es zum Mitmachen braucht.

→ Warum wählen Menschen Autoritäre?

Dort die Wähler, hier die Täter. Aly und Fromm stehen in beiden, und die Frage „Was lehrt Weimar?“ beginnt, wo diese endet.

→ Wie handelt eine Demokratie?

Die Frage, mit wem eine Demokratie neu anfängt, führt zu denselben Juristen und Beamten, die hier als Mitmacher stehen.

→ Was kann das Völkerrecht?

„Handeln auf Befehl entlastet nicht“ ist der Satz, mit dem das Recht auf die Frage dieses Panoramas antwortete.

→ Was macht die KI aus unserem Denken?

Die Herrschaft des Niemand in ihrer jüngsten Form: Wer trägt Verantwortung, wenn zwischen Beschluss und Folge ein Programm steht?

→ ICE — ist die Würde des Menschen antastbar?

Der Wärter, der „You're only getting out deported or dead“ sagt, und die Formel „weaponized vehicle“ nach jedem Schuss: gewöhnliche Beamte in einem Apparat, der Härte als Botschaft einsetzt.

→ Hannah Arendt — Zur Person (im Gespräch mit Günter Gaus, 1964)

Arendt verortet das Erschreckende von 1933 bei den Freunden, die sich aus eigenem Antrieb gleichschalteten: Zu Hitler fiel ihnen „was ein“.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
  • Wenn in Józefów einer von vierzig vortrat — welche Gruppe in meinem Leben würde ich nicht verlassen, auch wenn sie etwas Falsches täte?
  • Arendt hat sich in Eichmann geirrt und mit dem Begriff vielleicht trotzdem recht behalten. Kann ein Gedanke wahr sein, dessen berühmtestes Beispiel falsch ist?
  • Aly zeigt Zustimmung, die mit Sozialpolitik und Raub erkauft wurde. Woran würde ich merken, dass ich heute von etwas profitiere, dessen Herkunft ich lieber nicht wissen will?
  • Was wäre das stärkste Argument dafür, dass die Frage dieses Panoramas falsch gestellt ist — dass es keine gewöhnlichen Menschen gibt, die zu Tätern werden, sondern nur Lagen, in denen fast jeder einer wird?

Von hier einen Faden gehen7 Stationen, rückwärts durch den Bestand

Im Bestand

Hannah ArendtDie Banalität des BösenHarald WelzerTötungsarbeitCarlo CipollaDie fünf Gesetze der DummheitTillschneider vor der…Wer bestimmt, wie erinnert…Wie kommt man aus der…Warum wählen Menschen…Was kann das Völkerrecht?ICEist die Würde des Menschen…Hannah ArendtZur Person (im Gespräch mit…Erich FrommIm Namen des LebensDietrich BonhoefferTheorie der DummheitRobert MusilDie Verwirrungen des Zöglings…Jihan AlomarGefangen vom Islamischen StaatGötz AlyWie konnte das geschehen?Marcant und EichiAusstieg aus der Neonazi-SzeneHannah ArendtDenken ohne GeländerErich FrommPsychoanalyse des FaschismusJens-Christian WagnerBuchenwald und deutsche ErinnerungBenneckenstein und WichmannZwischen Hass und Ausstieg

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