GedankenraumUwe Krüger — DenkerVita
Uwe Krüger untersucht, wie in freien Medien Gleichklang entsteht: durch Nähe zu Eliten, ähnliche Herkunft der Redaktionen und eine Debatte, die so breit ist wie die der Mächtigen.
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Lyonel Feininger — eine sächsische Kleinstadt in der Dämmerung, kristalline Dächer, ein Kirchturm, ein altes Druckhaus. Zwischen manchen Fenstern und Türmen laufen feine Lichtfäden, und in einem erleuchteten Zimmer sitzt ein Mensch am Tisch und zeichnet sie auf einem großen Bogen nach. Feininger, weil er selbst als Zeichner für Zeitungen begann und Städte in Linien zerlegte, die sich kreuzen. Krüger hat genau das getan: Verbindungen zwischen Redaktionen und Elitenkreisen kartiert, von außen, mit der offenen Frage, ob an den Fäden jemand zieht. Die Note trägt Escher, die Vita Feininger.
Prompt: Wide 1200x500 panoramic banner painted in the manner of Lyonel Feininger — crystalline, prismatic cubist architecture, translucent overlapping planes of light, palette of cool blues, slate, pale ochre and soft violet. A small Saxon city at dusk seen from above: a church tower, gabled houses, an old printing house with tall windows. Thin luminous straight lines of light run like threads between certain windows and towers across the whole city, forming a delicate network, some lines bright, most faint. In a lit window in the lower middle, a small solitary figure sits at a desk, seen from behind, tracing the lines with a pencil on a large sheet, as if mapping them. Quiet, attentive, scholarly mood. Painterly, not photorealistic. No text, no letters, no logos, no flags, no symbols.
Uwe Krüger (15. Mai 1978, Leipzig) ist Journalismusforscher am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig und koordiniert dort das Zentrum Journalismus und Demokratie (JoDem). Bekannt wurde er mit seiner Dissertation Meinungsmacht (2013), einer Netzwerkanalyse deutscher Leitjournalisten im Elitenmilieu, die über die ZDF-Satire Die Anstalt ein Millionenpublikum erreichte und bis vor den Bundesgerichtshof nachwirkte. Sein Buch Mainstream. Warum wir den Medien nicht mehr trauen (2016) fragt, wie in einer freien Mediengesellschaft Gleichklang entsteht. Heute forscht er zu Medienvertrauen in Sachsen, zu konstruktivem und „transformativem“ Journalismus und zur Klimawirkung von Werbung.
Biografie
Uwe Krüger kam 1978 in Leipzig zur Welt und wuchs in Borsdorf bei Leipzig und in Bergen auf Rügen auf. Mit achtzehn arbeitete er 1996/97 als Redakteur beim Wochenblatt Der Rüganer, nach dem Zivildienst studierte er von 1998 bis 2006 Journalistik und Politikwissenschaft an der Universität Leipzig und schloss als Diplom-Journalist ab. 2001/02 verbrachte er mit einem DAAD-Stipendium ein Studien- und Forschungsjahr an der Staatlichen Universität Rostow am Don; daraus wurde sein erstes Buch über politische und wirtschaftliche Schleichwerbung in russischen Lokalmedien (Gekaufte Presse in Russland, 2006). 2003/04 volontierte er bei der Leipziger Volkszeitung.
Von 2007 bis 2010 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Praktische Journalismusforschung in Leipzig und Redakteur der Fachzeitschrift Message, beides unter Michael Haller, der auch seine Doktorarbeit betreute. In Message fragte er 2007 unter dem Titel „Alpha-Journalisten embedded?“, was es für die Unabhängigkeit bedeutet, wenn Chefredakteure an Bilderberg-Konferenzen teilnehmen. Aus dieser Frage wuchs die Dissertation, an der er von 2006 bis 2011 arbeitete. Danach schrieb er gut anderthalb Jahre als freier Journalist und Texter, bis er im Oktober 2012 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an das Leipziger Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft wechselte, Bereich Journalismus. Dort lehrt er Recherche, journalistische Ethik und Theorien der Journalismusforschung.
2013 erschien die Dissertation als Meinungsmacht im Herbert von Halem Verlag (zweite, erweiterte Auflage 2019 mit dem Vorwort „Vom Kampf um die ‚Meinungsmacht‘“). Als Die Anstalt im April 2014 sein Netzwerk-Schaubild auf die Bühne holte, wurde aus der Fachstudie ein öffentlicher Streitfall (siehe unten). 2016 folgte Mainstream bei C.H. Beck, auch als Sonderauflage der Landeszentralen für politische Bildung; im selben Jahr erhielt er von der Initiative Nachrichtenaufklärung den Günter-Wallraff-Preis für Journalismuskritik (Sonderpreis für wissenschaftliche Journalismuskritik).
2017 gründete er das Netzwerk Kritische Kommunikationswissenschaft (KriKoWi) mit, das seither Tagungsbände herausgibt und 2023 die erste vollständige deutsche Übersetzung von Herman und Chomskys Manufacturing Consent (Die Konsensfabrik, Westend) verantwortete, mit einer Einführung von Krüger, Holger Pötzsch und Florian Zollmann. Von 2018 bis 2019 saß er, entsandt vom Deutschen Journalisten-Verband Sachsen, im Rundfunkrat des MDR; seit 2013 gehört er zum Expertenpanel, mit dem Reporter ohne Grenzen die Pressefreiheit in Deutschland bewertet. Seit April 2019 koordiniert er das vom sächsischen Wissenschaftsministerium geförderte Zentrum Journalismus und Demokratie, das Journalismus- und Demokratiekompetenz unter anderem in die Leipziger Lehramtsausbildung trägt.
Seine Forschung hat sich seither verbreitert: Medienvertrauen in Sachsen und Ostdeutschland (mit 61 qualitativen Interviews die Grundlage des Bandes Von Lügenpresse und abgehobenen Eliten, 2025), konstruktiver Journalismus und die Frage, ob Journalisten gesellschaftliche Transformation begleiten dürfen, grenzüberschreitender Investigativjournalismus, Eigentümermacht in Redaktionen, Einschüchterungsklagen gegen Presse und Wissenschaft (für den Aufsatz über die Klagen der Hohenzollern erhielt er 2025 mit Max Beuthner und Connor Endt den 2. Preis der DGPuK für den besten Zeitschriftenaufsatz) und die Klimabilanz beworbener Produkte im Fernsehen und auf YouTube. Eine Professur hat er nicht; er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter (Stand Oktober 2026, Profil Universität Leipzig).
Bücher & Publikationen
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Von Lügenpresse und abgehobenen Eliten. Journalismus- und Demokratievertrauen in Sachsen | 2025 | Mit Judith Kretzschmar, Markus Beiler und Florian Döring (transcript, Open Access, doi:10.14361/9783839475607). 61 Tiefeninterviews in dem Land, in dem der Lügenpresse-Ruf seine moderne Karriere begann: wie der Verdacht gesteuerter Propaganda entsteht und warum sich viele weder von Medien noch von Politik vertreten fühlen. |
| Reklame für Klimakiller. Wie Fernseh- und YouTube-Werbung den Medienstaatsvertrag verletzt | 2024 | Mit Katharina Forstmair, Alexandra Hilpert und Laurie Stührenberg; OBS-Arbeitspapier 66 der Otto-Brenner-Stiftung, frei als PDF. Misst den ökologischen Fußabdruck beworbener Güter und fragt, ob Werbung für Klimaschädliches gegen das Medienrecht verstößt. |
| Die Konsensfabrik. Die politische Ökonomie der Massenmedien | 2023 | Herman & Chomsky, erstmals vollständig auf Deutsch, herausgegeben vom Netzwerk Kritische Kommunikationswissenschaft (Westend); Krüger schrieb mit Pötzsch und Zollmann die Einführung „Medienkritik materialistisch“. |
| Transformation der Medien – Medien der Transformation | 2021 | Mitherausgeber mit Nils S. Borchers, Selma Güney und Kerem Schamberger (Westend, Open Access, doi:10.53291/GFNG8688). Darin sein Aufsatz über konstruktiven Journalismus als „Geburtshelfer für öko-soziale Innovationen“. |
| Ideologie, Kritik, Öffentlichkeit | 2019 | Mitherausgeber mit Sebastian Sevignani; erster Tagungsband des Netzwerks Kritische Kommunikationswissenschaft (Universität Leipzig 2019, Westend 2020). |
| Mainstream. Warum wir den Medien nicht mehr trauen | 2016 | Sein bekanntestes Buch (C.H. Beck): Wahrnehmung, Sparzwang, Indexing, Milieus der Redaktionen, Elitennetzwerke. Will beiden Seiten erklären, wie die andere arbeitet, und das „Rätsel“ lösen, wie in einer freien Demokratie medialer Gleichklang entsteht. |
| Meinungsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten | 2013 | Dissertation (Herbert von Halem; 2. Aufl. 2019). Netzwerkanalyse von 219 leitenden Redakteuren, Frame-Analyse von vier Außenpolitik-Journalisten, Inhaltsanalyse der Berichte über die Münchner Sicherheitskonferenz. |
| Gekaufte Presse in Russland | 2006 | Politische und wirtschaftliche Schleichwerbung am Beispiel der Medien in Rostow am Don (LIT). |
Ausgewählte Aufsätze (DOIs geprüft am 16.10.2026):
- Medien im Mainstream – Problem oder Notwendigkeit? — Aus Politik und Zeitgeschichte 30–32/2016 (bpb), die knappste Fassung seiner Mainstream-These.
- Manufacturing consent through integration: Social networks of German journalists in the elite milieu and their effects on coverage — European Journal of Communication 30(2), 2015 (doi:10.1177/0267323114564758); die englische Kurzfassung von Meinungsmacht.
- Mit Michael Meyen: Auf dem Weg in die Postwachstumsgesellschaft. Plädoyer für eine transformative Kommunikationswissenschaft — Publizistik 63(3), 2018 (doi:10.1007/s11616-018-0424-2).
- Geburtshelfer für öko-soziale Innovationen. Konstruktiver Journalismus als Entwicklungskommunikation für westlich-kapitalistische Gesellschaften in der Krise — 2021 (doi:10.53291/SDTM5470).
- Mit Beiler, Gläßgen, Kees, Küstermann: Neutral Observers or Advocates for Societal Transformation? Role Orientations of Constructive Journalists in Germany — Media and Communication 10(3), 2022 (doi:10.17645/mac.v10i3.5300).
- Transformativer Journalismus. Ein neues Berichterstattungsmuster für das Anthropozän — in: KLIMA° vor acht (Hg.), Medien in der Klimakrise, oekom 2022.
- Mit Beuthner und Endt: Agenda-Cutting durch SLAPPs? Die Klagen der Hohenzollern und ihre Wirkung auf die Presse- und Wissenschaftsfreiheit — Publizistik 69(1), 2024 (doi:10.1007/s11616-024-00833-y).
- Mit Christopher Pollak: Medienvertrauen in Ostdeutschland — in: Vogel, Lorenz, Pates (Hg.), Ostdeutschland, Springer VS 2024 (doi:10.1007/978-3-658-43485-4_13).
- Zu Risiken und Nebenwirkungen der Transformativen Kommunikationswissenschaft. Lehren aus dem Projekt „Reklame für Klimakiller“ — MedienJournal 49(2), 2025 (doi:10.60764/1025-9473.2025.02.8); eine Selbstprüfung des eigenen Ansatzes.
Vollständiges Verzeichnis: Tätigkeiten in Forschung, Lehre, Transfer (PDF, Universität Leipzig, Stand 05.10.2026).
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Mainstream – Innenkonform statt außenplural? Aufgaben einer kritischen Journalistik — Vortrag in der Ringvorlesung „Lügenpresse – Medienkritik als politischer Breitensport“, Universität Hamburg, 23.01.2017 (auch auf Lecture2Go). Indexing, Netzwerke, Milieus und am Ende ein Programm: Mainstream messen, Berichterstattung mit ihrem Kontext vergleichen.
- Uwe Krüger über „Mainstream“, Eliten & Atlantikbrücke — Jung & Naiv, Folge 338 (Schreiber Edition, mit Juliane Schreiber), November 2017. Langes Gespräch über Meinungsmacht, die Anstalt-Folge und die Vertrauenskrise.
- Neu und vollständig – Im Gespräch mit Uwe Krüger — Sachlich Richtig, der Medienpodcast mit Alexander Teske, Annekatrin Mücke und Peter Welchering, Folge 11 (Juli 2025), über das Sachsen-Buch zum Medienvertrauen.
- Reklame für Klimakiller — Vortrag im Fachausschuss Klimakommunikation der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft, 26.06.2024: die Studie zu klimaschädlicher Werbung.
Kernthesen
- Gleichklang braucht keine Steuerung. Leitmedien bilden vor allem die Meinungsspanne der politischen Eliten ab (die Indexing-Hypothese nach W. Lance Bennett). Wo die Eliten streiten, ist die Berichterstattung vielstimmig; wo sie sich einig sind, wird der Korridor schmal, ohne dass jemand Anweisungen geben muss. Krügers Formel dafür lautet: innenkonform statt außenplural.
- Nähe ist ein Interessenkonflikt, auch wenn sie offenliegt. Wer als Ressortleiter im Präsidium eines transatlantischen Vereins oder im Beirat einer Akademie der Bundesregierung sitzt, verpflichtet sich Zielen, die er als Journalist prüfen soll. Transparenz macht den Konflikt sichtbar, aufheben kann sie ihn nicht. Eine einfache Kausalität zwischen Nähe und Meinung behauptet Krüger dabei ausdrücklich nicht; er spricht von „Kontaktpotenzialen“ und von Gleichklang.
- Wer schreibt, prägt, was gefragt wird. Redaktionen rekrutieren sich überwiegend aus der akademischen Mittelschicht. Kleinbürgerliche, konservative und prekäre Lebenswelten sind unterrepräsentiert, und in Redaktionskonferenzen werden darum andere Fragen gestellt als dort, wo das Publikum lebt.
- Die Suppe wird dünner. Spardruck, weniger Zeit für Recherche und die Abhängigkeit von wenigen Quellen verstärken den Gleichklang, ganz ohne Absicht.
- Kritische Journalistik soll Mainstream messen, nicht beschwören. Statt Lenkung zu unterstellen, soll die Forschung Fokussierung und Konsonanz erfassen und die Berichterstattung mit ihrem Kontext vergleichen: mit Parlamentsdebatten, Leserkommentaren, Eigentümer- und Werbeinteressen, der Presse anderer Länder.
- Misstrauen gegen Medien und gegen Politik hängen zusammen. Die sächsischen Interviews zeigen, dass der Lügenpresse-Verdacht oft aus dem Gefühl wächst, von Medien und Politik gleichermaßen nicht vertreten zu sein. Wer Vertrauen zurückgewinnen will, muss diese Erfahrung ernst nehmen und sie nicht nur als Desinformation behandeln.
- Journalismus darf Wandel begleiten, muss aber offenlegen, wofür er steht. Konstruktiver Journalismus könne zum „Geburtshelfer für öko-soziale Innovationen“ werden; Krüger plädiert für einen „transformativen Journalismus“ im Anthropozän und, mit Michael Meyen, für eine Kommunikationswissenschaft, die sich dem Weg in eine Postwachstumsgesellschaft verpflichtet. 2025 prüfte er an seinem eigenen Klima-Werbe-Projekt die Risiken und Nebenwirkungen dieses Anspruchs.
Politische / ideologische Einordnung
Krüger arbeitet als empirischer Medienforscher, steht aber erkennbar in einer herrschaftskritischen Tradition: Er gab Chomsky mit heraus, gründete ein Netzwerk kritischer Kommunikationswissenschaft, saß im Beirat des Westend-Wissenschaftsprogramms, plädiert für Postwachstum und transformativen Journalismus und hat früh auch in linken Medien wie dem neuen deutschland oder auf dem Blog von Norbert Häring publiziert. Den Begriff „Lügenpresse“ benutzt er nicht als Urteil, sondern als Gegenstand: Seine Vorträge heißen „Zur Versachlichung eines Kampfbegriffs der Medienkritik“, und in Mainstream hält er fest, dass das vom Kreml gezeichnete Gegenbild der Ukraine-Ereignisse deshalb nicht wahrer sei. Gegen das Ausgrenzen unbequemer Positionen in seinem eigenen Fach hat er 2021 öffentlich Stellung bezogen, als ein offener Brief die Veröffentlichung eines Aufsatzes gegen Gendersprache verhindern wollte („Revolution durch Reden“, Publizistik).
Die Kritik an Meinungsmacht. Der Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger warf der Dissertation 2014 im Medium Magazin eine ganze Reihe methodischer Mängel vor: Auswahl und Bewertung der Verbindungen seien nicht nachvollziehbar dokumentiert, die Verbindungen würden nicht qualifiziert (im Schnitt hatte ein Journalist weniger als eine), die Frame-Analyse suche nur nach Belegen für vorab formulierte Hypothesen, und einen Kausalzusammenhang zwischen Nähe und Kommentierung belege die Arbeit nicht, lege ihn aber schon im Titel nahe. Krüger betreibe selbst „Meinungsmache“ (EJO, „Meinungsmache statt Macht“). Krüger antwortete ausführlich (EJO, Replik): Sein Vorgehen stehe auf S. 111–115, Hypothesen seien zum Prüfen da, widersprechende Argumente hätten sich schlicht nicht gefunden, und eine „simple Kausalität“ zwischen persönlicher Nähe und elitennahen Meinungen habe er nie behauptet. Den eigentlichen Unterschied verortete er in den Grundannahmen: Neuberger gehe davon aus, dass demokratische Öffentlichkeit im Kern funktioniere, er selbst untersuche Vermachtungstendenzen. Auch die FAZ-Rezension (Boris Holzer) bemängelte den fehlenden Kausalnachweis; die Annotierte Bibliografie der Politikwissenschaft lobte die Studie als sachlichen Beitrag zur Unabhängigkeit von Journalisten, der sich deutlich von Verschwörungstheorien abhebe, ein Methodenlehrbuch nannte sie einen „Meilenstein“. Der damalige SZ-Ressortleiter Stefan Kornelius räumte gegenüber ZAPP mangelnde Transparenz ein und wies die These einer Steuerung durch Eliten zurück.
Die Anstalt und der Bundesgerichtshof. Am 29. April 2014 nutzte die ZDF-Satire Die Anstalt Krügers Netzwerk-Schaubild, um die Ukraine-Berichterstattung großer Zeitungen anzugreifen. Zeit-Herausgeber Josef Joffe und Zeit-Redakteur Jochen Bittner klagten auf Unterlassung; am 10. Januar 2017 scheiterten beide endgültig vor dem Bundesgerichtshof (VI ZR 561/15 und 562/15, openJur).
Vereinnahmung. Was bei Krüger Netzwerkanalyse mit Vorbehalt ist, wurde andernorts zum Beweis erklärt. Udo Ulfkotte stützte sich in Gekaufte Journalisten (Kopp, 2014), einem Buch über angeblich von Geheimdiensten bezahlte Journalisten, auch auf Krügers Befunde (so Neuberger im EJO und die NachDenkSeiten in ihrer Rezension). Von Bestechung oder zentraler Lenkung handelt Meinungsmacht nicht. Gerade diese Lücke zwischen dem vorsichtigen Befund und seiner lauten Weitergabe hat Neuberger Krüger zum Teil selbst angelastet: Der Titel verspreche mehr, als die Daten tragen.
Was offen bleibt. Am umstrittensten ist sein Bild der Ukraine-Berichterstattung von 2014. Krüger belegt dort Auslassungen und Falschmeldungen; eine Vergleichsstudie über Zeitungen aus dreizehn europäischen Ländern fand dagegen keine pauschale Einseitigkeit (Fengler et al. 2018, doi:10.1177/1464884918774311). Beides kann zugleich stimmen: einzelne, gleichgerichtete Fehler und ein insgesamt vielfältigeres Bild, als die empörtesten Kritiker sehen. Krüger selbst hat später mit Anna Mundt die Quellenauswahl der Euromaidan-Berichterstattung im deutschen Fernsehen untersucht (in: Bucher [Hg.], Medienkritik, Halem 2020).
Verbindungen zu anderen Denkern
- Rainer Mausfeld — liest denselben Gleichklang der Leitmedien als gelenktes Meinungsmanagement; Krüger sieht einen Schwarm ohne Dirigenten und räumt ein, dass Einfluss sich nicht beweisen lässt.
- Adam Johnson — zählt wie Krüger, wer in den Medien zu Wort kommt, in der Tradition des Propagandamodells; bei ihm fehlen die Palästinenser, bei Krügers Raster die Ukrainer.
- Leonhard Dobusch und Nadia Zaboura — dieselben Berufsnormen von der Gegenseite: Ihnen macht falsche Ausgewogenheit Sorgen, Krüger ein zu enger Korridor.
- Alexander Thiele — beschreibt das Parlament von 2015 ohne Gegenstimme, also genau den Elitendiskurs, den Bennetts Indexing in die Medien überträgt.
- Yanis Varoufakis — der Mann, über den die deutschen Hauptnachrichten 2015 sprachen, ohne ihn sprechen zu lassen.
- Hanna Notte — fordert, die Ukrainer selbst erzählen zu lassen; der Punkt, an dem die Krüger-Note sein eigenes Raster kritisiert.
- Bernhard Pörksen — teilt die Sorge um das Vertrauen in die Medien und setzt auf Medienbildung und „engagierte Objektivität“ statt auf Netzwerkkritik.
Gedankenwelten-Notes
- Uwe Krüger — Mainstream und die Aufgaben einer kritischen Journalistik — der Hamburger Vortrag von 2017, neun Jahre später nachgeprüft
- Uwe Krüger — Netzwerke der Meinungsmacht — Jung & Naiv 338 (2017): Netzwerke, Sozialkapital, die Anstalt und warum sich Einfluss nicht beweisen lässt
- Rainer Mausfeld — Warum schweigen die Lämmer? — erwähnt Meinungsmacht im Faktencheck zur Medienkritik
- Wer macht die Meinung? — Krügers Befund als eine Stimme zur Frage, woher Einseitigkeit kommt
Ein Fehler, ein holpriger Satz, etwas fehlt? Anfassen erlaubt: Jeden Abschnitt kannst du neu fassen.
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