GedankenraumWer macht die Meinung?
Lenkt jemand die öffentliche Meinung, oder lenkt die Routine? Vier offene Fragen zu Redaktionen, Besitzern, Plattformen und Staaten, und dazu, wann Misstrauen gegen Medien wach hält und wann es blind macht.
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Honoré Daumier — Kreidelithografie — Eine Straßenecke um einen Zeitungskiosk: zwei Männer streiten Nase an Nase, ein Junge ruft die Schlagzeilen aus, ein Ladenbesitzer liest über die Schulter des Nachbarn. Hinter dem Kiosk steht eine eiserne Druckerpresse, und ihr Papierband läuft über die Köpfe hinweg in die Hände der Leser. Vorn rechts liest eine alte Frau einer kleinen Runde vor, einer zeigt stirnrunzelnd auf eine Zeile. Daumier, weil er ein Leben lang Presse, Leser und Mächtige gezeichnet hat, mit Spott, aber ohne Verachtung für das Publikum. Das Bild lässt offen, wo die Meinung entsteht: in der Presse, im Streit, beim Vorlesen.
Prompt: A wide panoramic banner in the style of Honoré Daumier's crayon lithographs, black and warm grey on cream paper, loose expressive contour lines, satirical but humane, no photorealism, no text, no signature. A crowded nineteenth-century street corner around a newspaper kiosk plastered with posters: people of every kind reading broadsheets, two men arguing nose to nose with papers in their fists, a boy shouting headlines, a shopkeeper reading over a neighbour's shoulder. Behind the kiosk, half in shadow, a huge iron printing press whose long paper ribbon runs out over the heads of the crowd and into their hands. In the right foreground an old woman reads aloud to a small circle of listeners who lean in, one of them frowning and pointing at a line.
Die einen sagen, die Meinung werde gemacht: von Redaktionen, Besitzern, Plattformen, Geheimdiensten. Die anderen sagen, so etwas glaube nur, wer sich die Welt einfacher wünscht, als sie ist. Beide haben Belege. Dieses Panorama stellt vier Fragen: ob jemand lenkt oder die Routine, wem die Öffentlichkeit gehört, was staatliche Propaganda tatsächlich ausrichtet, und wann aus gesundem Misstrauen ein blindes wird.
Angestoßen hat es die Nachbesprechung zu Rainer Mausfeld, dessen Medienkritik Millionen erreicht und sich an einer Stelle gegen jeden Einwand verschließt. Jede Frage trägt den Sachstand, die Stimmen aus dem Bestand und die Reibung zwischen ihnen. Neue Notes, die eine der Fragen vertiefen, schreiben es fort.
Lenkt jemand, oder lenkt die Routine?
Dass Nachrichten einseitig sein können, bestreitet niemand. Gestritten wird darüber, woher die Einseitigkeit kommt. Das Propagandamodell von Edward Herman und Noam Chomsky sagt: aus Filtern, die Besitz, Werbung, Quellenabhängigkeit und Feindbilder in die Berichterstattung einbauen, ohne dass jemand Anweisungen geben muss. Seine Anhänger nennen es eines der am häufigsten geprüften Modelle der Kommunikationswissenschaft (Mullen & Klaehn 2010, doi:10.1111/j.1751-9020.2010.00275.x); die Prüfungen stammen allerdings überwiegend aus ihrem eigenen Lager. Die Indexing-Hypothese erklärt dasselbe Muster bescheidener: Die Presse bildet den Streit innerhalb der Eliten ab, und wo die Eliten sich einig sind, wird der Korridor schmal (Bennett 1990, doi:10.1111/j.1460-2466.1990.tb02265.x). Vor dem Irakkrieg kamen in 1.434 Beiträgen der großen US-Sender fast nur Regierungsvertreter zu Wort (Hayes & Guardino 2010, doi:10.1080/10584600903502615). Uwe Krüger fand 2013 bei einem Drittel von 219 deutschen Leitjournalisten Verbindungen in Elitenzirkel und Thinktanks (Meinungsmacht, Halem), und Kritiker hielten ihm entgegen, dass gleiche Meinungen noch keine Steuerung beweisen.
Die Forschung zur Nachrichtenproduktion beschreibt Journalismus als Ergebnis vieler Schichten: Routinen, Organisation, Besitz, Ideologie (Reese 2001, doi:10.1080/14616700118394). Dass Besitz durchgreifen kann, ist messbar. Als Fox News in den späten neunziger Jahren in neue Städte kam, gewannen die Republikaner dort 0,4 bis 0,7 Prozentpunkte (DellaVigna & Kaplan 2007, doi:10.1162/qjec.122.3.1187). Zugleich ist Überzeugen schwer. Eine Meta-Analyse von 49 Feldexperimenten fand, dass Wahlkampfkontakte die Wahlentscheidung im Mittel um nichts verschieben (Kalla & Broockman 2018, doi:10.1017/S0003055417000363), und politische Werbung wirkt klein, gleich welche (Coppock, Hill & Vavreck 2020, doi:10.1126/sciadv.abc4046).
Aus dem Material ergibt sich, dass die Frage selbst eine falsche Alternative stellt. Routine und Ökonomie erklären vieles ohne Absicht. Besitzer können die Routine an einzelnen Stellen biegen. Und was beim Publikum ankommt, ist meist weniger eine neue Meinung als ein Rahmen: welche Themen gelten, welche Wörter, welche Gäste.
Die Stimmen
- Rainer Mausfeld: Medien sind Teil des Meinungsmanagements, das die Wut auf Ablenkziele lenkt; seine Leitfrage: „Wer will mich eigentlich mit welchem Zweck zu was verpflichten?“
- Leonhard Dobusch und Nadia Zaboura: Nicht Ideologie, sondern „Ethos, ein imaginiertes Publikum und wahrgenommene Machtverhältnisse“ erzeugen die Schlagseite; gerade wer unparteiisch sein will, kippt.
- Adam Johnson: Nach dem 7. Oktober übernahmen US-Medien die Sprache des War on Terror wie eine fertige Vorlage, „the public was already primed for revenge“.
- Renée DiResta: Es gibt keine zentrale Stimme mehr, sondern ein System aus Influencer, Algorithmus und Menge, „much more of a machine than a mirror“.
- Der leere Turm: Macht ist eher ein Symptom unseres gemeinsamen Handelns als das Werk von Drahtziehern; der Glaube an Drahtzieher entsorgt den eigenen Anteil.
- Torsten Heinrich: „Wirkliche Neutralität gibt es nur bei Dingen, die dich überhaupt nicht interessieren“; die Wortwahl verrät die Position, also soll man sie offenlegen.
- Staiy: Verzerrung entsteht aus ökonomischem Druck, nicht aus böser Absicht, und gerade das macht sie schwer zu durchbrechen.
- Holy Koolaid: Die wirksamste Propaganda bemerkt man nicht; sie steckt in Liedern, Schulbüchern und Gelöbnissen, „we think that propaganda is something that happens in North Korea“.
Weitere Stimmen (4)
- Niklas Luhmann: Eine Öffentlichkeit, die nur noch entlarvt, wird zur Dauerentlarvungsmaschine; er rät zur Abgeklärtheit.
- Theodor W. Adorno: Die Kulturindustrie gleicht den Geschmack aus Kassenlogik an, Struktur ohne Verschwörer, aber mit Folgen.
- Martin Heidegger: „Das Man“ urteilt, wie man urteilt; die Meinung hat keinen Urheber.
- Martin Sonneborn: Westliche Medienapparate normalisieren Kriege; die Note hält ihm vor, dass der Aggressor bei ihm nicht vorkommt.
Mausfeld sucht hinter jedem Feindbild den Zweck, Dobusch und Zaboura zeigen, dass dieselben Muster ganz ohne Zweck entstehen, und der leere Turm hält den Glauben an Drahtzieher selbst für eine Entlastung. Wenn die gewöhnliche Routine dieselben Muster erzeugt wie eine Absicht: Woran würde man erkennen, dass es doch eine gibt, und wäre diese Antwort ein Gewinn oder eine Ausrede?
Wem gehört die Öffentlichkeit?
Was ein Besitzerwechsel ausrichtet, steht schon im Nachbarpanorama: Nach den Übernahmen der Sinclair-Gruppe rückten US-Lokalsender messbar nach rechts, und der Algorithmus von X verschob in einem Experiment politische Haltungen (→ Wiegt jede Stimme gleich?). Ganz einig ist sich die Forschung über die Plattformen nicht. Als Facebook und Instagram für eine Studie vom Algorithmus auf die zeitliche Reihenfolge umgestellt wurden, änderte sich, was die Leute sahen und wie lange sie blieben, ihre Polarisierung aber nicht (Guess et al. 2023, doi:10.1126/science.abp9364); weniger Inhalte von Gleichgesinnten machten niemanden milder (Nyhan et al. 2023, doi:10.1038/s41586-023-06297-w). Der X-Befund (Gauthier, Hodler & Widmer 2026, doi:10.1038/s41586-026-10098-2) zeigt dagegen eine Verschiebung beim Einschalten, nicht beim Abschalten. Über sieben Länder verstärkte der Twitter-Algorithmus in sechs die Parteien der rechten Mitte stärker als die linken (Huszár et al. 2022, doi:10.1073/pnas.2025334119), und ein Feed, der auf Interaktion optimiert ist, verstärkt spaltende Inhalte, die die Nutzer selbst weniger mögen (Milli et al. 2025, doi:10.1093/pnasnexus/pgaf062).
In Deutschland misst der Medienvielfaltsmonitor der Landesmedienanstalten, wer wie viel Meinungsmacht hat. 2024 lagen vorn die ARD mit 20,3 Prozent, Bertelsmann mit 11,0, das ZDF mit 7,4, Springer mit 6,8 und KKR mit 6,4 (Medienvielfaltsmonitor 2024); die Plattformen erfasst er nur am Rand. Beim Geld ist die Verschiebung deutlicher: Google, Meta und Amazon nehmen 2025 knapp die Hälfte der deutschen Netto-Werbeumsätze ein, für 2026 sind 51,6 Prozent erwartet (MEEDIA). Das Geld, das früher Redaktionen trug, fließt an Unternehmen, die keine haben. In den USA entließ die Washington Post im Februar 2026 rund ein Drittel ihrer Belegschaft, nachdem ihr Besitzer Jeff Bezos das Meinungsressort auf „persönliche Freiheiten und freie Märkte“ verpflichtet hatte (CNN). Auf der Rangliste der Pressefreiheit fiel Deutschland 2026 auf Platz 14 (zdfheute).
Die Stimmen
- Martin Andree: Plattformen filtern, verstärken und dimmen, nennen sich aber neutrale Vermittler; ihre Monopole beruhen auf Rechtsprivilegien, die man abschaffen kann.
- Thomas Laschyk: Am Anfang fast jeder Medienmacht steht ein großes Vermögen mit Agenda: „Man kann sie auch einfach geschenkt bekommen.“
- Gilda Sahebi und Arne Semsrott: Milliardäre kaufen Medien als Verlustgeschäft; das Produkt ist die Politik.
- Robin Celikates: Redaktionen haben relative Autonomie, der Korridor wird nur punktuell enger; die „linke Hegemonie“ im Rundfunk nennt er ein Märchen.
- Renée DiResta: Redefreiheit ist nicht Reichweitenfreiheit; jeder Algorithmus ist eine redaktionelle Entscheidung und könnte auch Brücken bauen.
- Bernhard Pörksen: Die Filterblase ist ein Mythos, das Problem ist der Filterclash, zu viel Konfrontation, nicht zu wenig.
- Topfvollgold: Beim Privatsender hat „ein kleiner Teil in der Chefetage das letzte Wort“, im öffentlich-rechtlichen Rundfunk entscheiden Autoren und Redaktionen mit.
- Der leere Turm: „Ist Eigentum ohne Urteil noch Macht?“ Wer eine Maschine besitzt, die er nicht versteht, ist nominell Herr und faktisch Passagier.
Weitere Stimmen (3)
- Ulrich Gutmair: Nicht das Strafrecht, sondern Algorithmen, „die es darauf anlegen, dass wir uns alle in die Haare kriegen“, sind das Problem.
- Ronen Steinke: Der Diskurs ist ein Durchlauferhitzer derselben Themen; was Familien beschäftigt, kommt nicht auf die Tagesordnung.
- Anat Saragusti: Auch ohne Verbot wirken Besitz und Druck über Klagen und Kampagnen: „Selbstzensur ist eine Art, sich zu schützen.“
Andree und Laschyk sehen die Öffentlichkeit in den Händen von Besitzern und Plattformen, Pörksen hält die Filterblase für einen Mythos, und die großen Facebook-Experimente finden kaum Wirkung auf die Haltungen. Wenn ein Besitzer messbar biegt, was berichtet wird, das Publikum sich aber kaum umstimmen lässt: Woran misst man dann den Schaden der Konzentration, wenn nicht an der Meinung?
Was richtet staatliche Propaganda aus?
Dass Staaten Propaganda machen, ist keine Frage; die Europäische Union zählte für 2025 540 Fälle ausländischer Informationsmanipulation, gut ein Drittel davon aus Russland und China, und meldet, dass KI-Texte, synthetische Stimmen und gefälschte Videos zur Routine geworden sind (EEAS, 4. FIMI-Bericht 2026). Der Bericht stammt von einer Behörde, die selbst Partei ist. Auch der Westen betreibt Einflussarbeit: 2022 entfernten Twitter und Meta Konten einer wohl aus den USA gesteuerten Kampagne, die fast fünf Jahre lang auf Nahost und Zentralasien zielte (Graphika & Stanford Internet Observatory, „Unheard Voice“); zur britischen Integrity Initiative steht das Belegbare im Faktencheck der Mausfeld-Note.
Die überraschende Antwort der Forschung betrifft die Wirkung. Die russischen Trollkonten von 2016 erreichten auf Twitter vor allem ohnehin überzeugte Republikaner; ein Prozent der Nutzer machte siebzig Prozent der Kontakte aus, und ein Zusammenhang mit Einstellungen, Polarisierung oder Wahlverhalten fand sich nicht (Eady et al. 2023, doi:10.1038/s41467-022-35576-9; Bail et al. 2020, doi:10.1073/pnas.1906420116). Ganz anders, wo ein Staat das Feld beherrscht. In Grenzgebieten der Ukraine, die russisches Fernsehen empfingen, verschoben sich 2014 die Wahlergebnisse (Peisakhin & Rozenas 2018, doi:10.1111/ajps.12355); in Russland senkte 1999 der einzige unabhängige Sender die Stimmen der Regierungspartei, wo man ihn empfangen konnte, um fast neun Prozentpunkte (Enikolopov, Petrova & Zhuravskaya 2011, doi:10.1257/aer.101.7.3253); in Ruanda steigerte das Hetzradio 1994 die Gewalt in den Dörfern, die es hören konnten (Yanagizawa-Drott 2014, doi:10.1093/qje/qju020). Propaganda wirkt, wo sie kein Gegenüber hat. Im offenen Wettbewerb verpufft das meiste, und groß wird eine Fälschung oft erst, wenn echte Medien über sie berichten (→ Wie schützt man sich vor dem hybriden Krieg?).
Die Stimmen
- Lars Wienand: Die Fälschungen erreichen kaum jemanden; groß werden sie durch die echten Medien, die sie weitertragen.
- Renée DiResta: „You don't have to move them. You just have to kind of like entrench them.“ Trolle bekehren nicht, sie spalten.
- Nicholas Potter: RT verstärkt jeden Rand, Querdenker wie radikale Linke; es geht um Destabilisierung, nicht um links oder rechts.
- Katharina Nocun: KI-Sockenpuppen und gefälschte Gespräche beschleunigen die Radikalisierung im Vorfeld.
- Adam Johnson: Die Formel einer Regierung, „Hamas ist ISIS“, wanderte über Präsidenten und Minister in die Medien; die Propaganda verlor die Meinung und behielt die Politik.
- Holy Koolaid: Westliche Staatspropaganda steckt im Unterricht und in Ritualen und wird darum nicht als solche erkannt.
- Anat Saragusti: Ein Staat kann die Berichterstattung durch Zugangssperren beschneiden, ohne einen einzigen Satz zu fälschen.
- Martin Sonneborn: Kriege werden von westlichen Medienapparaten normalisiert; die Note hält ihm Putins Großmachtlogik entgegen, die bei ihm fehlt.
Weitere Stimmen (2)
- Torsten Heinrich: Wortwahl und ungleiche Maßstäbe prägen die Berichterstattung über Israel, die Gegenlesung zu Johnson.
- Gilda Sahebi und Arne Semsrott: Ungarn zeigt, wie ein Staat die Medien über Stiftungen, Schenkungen und das Staatsfernsehen übernimmt.
Wienand und DiResta zeigen viel Aufwand mit wenig Wirkung, Johnson und Holy Koolaid zeigen eine Propaganda, die im Westen niemand so nennt, und die Forschung sagt, wirksam sei sie vor allem dort, wo es kein Gegenüber gibt. Ist die gefährlichere Propaganda die, vor der am lautesten gewarnt wird, oder die, die man nicht bemerkt, weil sie wie das Selbstverständliche klingt?
Wann wird Misstrauen blind?
Medienkritik ist nötig, und sie kann kippen. Ende 2024 vertrauten 47 Prozent der Deutschen den Medien bei wichtigen Dingen, 20 Prozent misstrauten ihnen; jeder Fünfte meinte, die Bevölkerung werde systematisch belogen, zwei Jahre zuvor waren es 14 Prozent (Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen 2024). Die Breite des Verschwörungsglaubens steigt über die Jahre nicht, in den USA nicht und in sechs europäischen Ländern nicht (Uscinski et al. 2022, doi:10.1371/journal.pone.0270429); was wächst, ist ein harter Kern. Psychologen messen dort eine „Verschwörungsmentalität“, ein Misstrauen gegen Mächtige, das unabhängig vom Gegenstand bleibt und über die Zeit stabil ist (Imhoff & Bruder 2014, doi:10.1002/per.1930; Überblick: Douglas et al. 2019, doi:10.1111/pops.12568). Ihr Kennzeichen: Jeder Gegenbeweis wird Teil des Problems (Sunstein & Vermeule 2009, doi:10.1111/j.1467-9760.2008.00325.x).
Dass sich jemand von den Medien benachteiligt fühlt, beweist allein noch nichts. Über 34 Studien hinweg halten Anhänger beider Seiten dieselben Berichte für gegen sich gerichtet, und das umso mehr, je stärker sie beteiligt sind (Hansen & Kim 2011, doi:10.1080/08824096.2011.565280). In Österreich hing das Gefühl, das ganze Mediensystem sei verzerrt, stark mit rechtsextremer Haltung zusammen, mit linksextremer kaum (Eberl 2019, doi:10.1515/commun-2018-0002). Was Vertrauen begründet, ist weniger klar. Wer erfährt, wie eine Geschichte entstand, hält das Medium für glaubwürdiger, unabhängig von der eigenen Richtung (Curry & Stroud 2021, doi:10.1177/1464884919850387); in Schweden bewegte Transparenz die Leser kaum, Korrekturen und Quellenlinks schätzten sie aber (Karlsson & Clerwall 2019, doi:10.1080/1461670x.2018.1492882). Eine Richtigstellung macht die Leser genauer informiert und kostet das Medium nur wenig Vertrauen (Freitag, Gochee & Ransden 2023, doi:10.1017/xps.2023.4). Vielleicht liegt hier die brauchbarste Probe, für Medien wie für ihre Kritiker: wer sich korrigiert.
Die Stimmen
- Rainer Mausfeld: Ob eine Gefahr gefährlich ist, „spielt überhaupt keine Rolle“, entscheidend sei ihre Funktion; zugleich will er nur mit Menschen reden, die ein „ernsthaftes Erkenntnisinteresse“ haben.
- Aladin El-Mafaalani: Misstrauensgemeinschaften verbindet das Misstrauen und sonst nichts; darum entzaubern sie sich nicht selbst.
- Rebecca Böhme: Verschwörungsdenken ist keine Dummheit, sondern verschobenes Vertrauen: „Das sind die Menschen, denen ich vertraue, da gehöre ich dazu.“
- Niklas Luhmann: „Eine Aufklärung, die nur entlarvt, wird hysterisch“; ihr Gegenmittel ist Abgeklärtheit, nicht Rückzug.
- Karl Popper: Was sich nicht widerlegen lassen will, ist kein Wissen; eine offene Gesellschaft lebt davon, dass sie sich korrigieren kann.
- Topfvollgold: Harte Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk von Leuten, die in ihm arbeiten und ihn für unverzichtbar halten.
- Topfvollgold zu BILD und NIUS: BILD korrigiert nach fast acht Tagen, und die Korrektur geht nicht viral; NIUS korrigiert gar nicht.
- Bernhard Pörksen: Engagierte Objektivität statt Beliebigkeit, und Medienbildung nach finnischem Vorbild.
Weitere Stimmen (3)
- Leonhard Dobusch und Nadia Zaboura: Rechtsextreme Medien nennen Qualitätsjournalisten „Aktivisten“, und die Angst davor führt zu noch mehr Bewertungsverweigerung.
- Lars Wienand: Pauschale Warnungen vor Desinformation senken auch das Vertrauen in echte Nachrichten.
- Der leere Turm: Der Glaube an Drahtzieher ist psychologisch billiger als die Einsicht, dass niemand am Steuer sitzt.
Mausfeld macht die Funktion einer Angst wichtiger als ihre Wirklichkeit, Topfvollgold kritisiert die eigene Institution aus Loyalität, und El-Mafaalani beschreibt ein Misstrauen, das kein Projekt mehr hat. Woran merkt man von innen, ob man gerade prüft oder nur noch bestätigt, und gibt es für Medienkritik ein Gegenstück zu Poppers Widerlegbarkeit?
Nachbesprechungen, die hierher führen
| Datum | Note | Vertieft |
|---|---|---|
| 15.10.2026 | Rainer Mausfeld — Warum schweigen die Lämmer? | Gründungsnote: Wo trägt die Medienkritik? Krüger 2013, Bennett 1990, Hayes & Guardino 2010, Maurer et al. 2021, Fengler et al. 2018, Imhoff & Bruder 2014, Sunstein & Vermeule 2009, Butter 2018, Mainzer Langzeitstudie 2024 · beim Anlegen ergänzt: Reese 2001, DellaVigna & Kaplan 2007, Kalla & Broockman 2018, Guess et al. 2023, Huszár et al. 2022, Medienvielfaltsmonitor 2024, Eady et al. 2023, Peisakhin & Rozenas 2018, Enikolopov et al. 2011, Uscinski et al. 2022, Hansen & Kim 2011, Curry & Stroud 2021, Freitag et al. 2023 |
Verbindungen
→ Wie kann Demokratie funktionieren?
Wiegt jede Stimme gleich? trägt die Studien zu Sinclair, zum X-Algorithmus und zu Großspenden. Hier geht es um die Öffentlichkeit selbst, dort um das Gewicht der Stimmen.
→ Wie umgehen mit Russland?
Wie schützt man sich vor dem hybriden Krieg? führt die Forschung zu russischer Desinformation in Deutschland, vom SDA-Leak bis zur Frage, wer den Fake groß macht.
→ Rechte Medien — Das Geschäft mit der Lüge
Der Snapshot neben diesem Panorama: drei Fälle, ein Bauplan, und das Kriterium, an dem sich Fehler von Methode unterscheiden, das Korrekturverhalten.
→ Was macht die KI aus unserem Denken?
Wessen Werte trägt die Maschine? fragt dasselbe eine Schicht tiefer: wer bestimmt, was ein Sprachmodell für wahr und wichtig hält.
Weiterdenken
- Fast alle Stimmen hier sprechen über Medien, kaum eine aus einer Redaktion, die gerade entscheidet, was morgen auf der Seite steht. Wie sähe dieses Panorama aus, wenn es von denen geschrieben wäre, die Meinung machen sollen?
- Die Forschung findet, dass Überzeugen schwer ist und Rahmen setzen leicht. Welche Rahmen hältst du für selbstverständlich, und wann hast du zuletzt einen bemerkt?
- Wenn Propaganda vor allem dort wirkt, wo es kein Gegenüber gibt: Was ist in deinem eigenen Medienalltag das Monopol, das du nicht als solches wahrnimmst?
- Korrigieren gilt als Schwäche und stärkt doch das Vertrauen. Was würde sich ändern, wenn Medien, Politiker und ihre Kritiker an ihren Korrekturen gemessen würden statt an ihren Treffern?
Von hier einen Faden gehen7 Stationen, rückwärts durch den Bestand
Im Bestand
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