GedankenraumUwe Krüger — Netzwerke der Meinungsmacht
Ein Chefredakteur im Vorstand der Atlantik-Brücke, ein Foto, aus dem er herausgeschnitten wurde: Uwe Krüger über Nähe zwischen Journalisten und Eliten, und warum sich ihr Einfluss nicht beweisen lässt.
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René Magritte — eine lange Tafel auf einer Terrasse vor Wolkenhimmel, an ihr Menschen in dunklen Anzügen, ruhig im Gespräch. Mitten in der Reihe fehlt einer: Er ist als Umriss aus dem Bild geschnitten, und durch die Lücke sieht man nur den Himmel. Unter dem Tisch laufen lose Fäden zwischen den Stühlen, wenige straff, die meisten schlaff. Magritte, weil er die Abwesenheit malen konnte, als wäre sie ein Gegenstand, und das ist Krügers Lieblingsbeispiel: das Foto von einem Treffen der Atlantik-Brücke, aus dem der Bild-Chef herausgeschnitten war. Die Fäden sind Granovetters schwache Bindungen. Die Schwester-Note trägt Escher, die Vita Feininger.
Prompt: Wide 1200x500 panoramic banner painted in the manner of René Magritte — smooth, precise, matte oil painting, clear daylight, calm surreal stillness, muted blues, warm stone, pale sky. A long polished conference table on a terrace in front of a soft blue sky with drifting white clouds. Around it stand and sit a row of men and women in dark formal suits, seen in calm profile, all turned toward each other in quiet conversation. Exactly one figure in the middle of the row is a precise cut-out silhouette — a hole shaped like a man in a suit, through which only the clouds and blue sky behind are visible, as if he had been neatly cut out of the picture with scissors. Beneath the table, fine pale threads run loosely between the chairs and the people, some taut, most slack. Enigmatic, quiet, slightly ironic mood. No text, no letters, no logos, no flags, no name cards, no symbols, no recognizable real people.
Ein Chefredakteur sitzt im Vorstand der Atlantik-Brücke, und auf dem Foto, das seine eigene Zeitung von einem Treffen des Vereins druckt, ist er nicht zu sehen. Der Leipziger Medienforscher Uwe Krüger erzählt bei Jung & Naiv im November 2017 von den Netzwerken zwischen Leitjournalisten und Eliten, die er in seiner Dissertation kartiert hat, von Bilderberg, Davos und der Münchner Sicherheitskonferenz, von Sozialkapital, das man verlieren kann, und von Redaktionen, die über manche Milieus einfach hinwegsehen. Das Ehrlichste an dem Gespräch ist ein Eingeständnis: Ob die Netzwerke die Meinung formen, lässt sich nicht beweisen. Warum er trotzdem recht haben kann, und wie aus seiner vorsichtigen Studie in der Öffentlichkeit ein „Beweis“ wurde, darum geht es hier.
Quelle: Uwe Krüger über „Mainstream“, Eliten & Atlantikbrücke — Jung & Naiv: Folge 338 (Schreiber Edition) — aufgenommen am 10. November 2017 in Berlin
Dr. Uwe Krüger (1978, Leipzig) — Journalismusforscher am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig, seit 2019 Koordinator des Zentrums Journalismus und Demokratie. Diplom-Journalist, Volontär bei der Leipziger Volkszeitung, dann Redakteur bei Message unter Michael Haller. Seine Dissertation Meinungsmacht (2013) kartierte die Verbindungen von 219 leitenden Redakteuren zu Organisationen mit Eliten aus Politik und Wirtschaft; die ZDF-Satire „Die Anstalt“ machte sie 2014 bundesweit bekannt. Für Mainstream (2016) erhielt er den Günter-Wallraff-Preis für Journalismuskritik.
Die Fragen stellt Juliane Schreiber, damals Redakteurin bei Jung & Naiv.
Zehn Monate vorher hielt Krüger in Hamburg einen Vortrag über denselben Stoff, ausführlicher bei den drei Fällen Maidan, Griechenland und Herbst 2015, mit einem Faktencheck dazu, was neun Jahre später von seinen Befunden übrig ist: → Uwe Krüger — Mainstream und die Aufgaben einer kritischen Journalistik. Wo der Vortrag dieses Gespräch ergänzt, ist er unten eingewoben.
Eine Vertrauenskrise ohne klaren Vertrauensverlust
3:01 — Krüger beginnt mit einem Lob, das man von einem Medienkritiker nicht erwartet. Die deutsche Medienlandschaft sei im internationalen Vergleich „sehr gut“, die Pressefreiheit hoch, kein Vergleich zu China oder Russland. Was ihn beschäftigt, nennt er „Mainstream-Effekte“: Zu manchen, oft wichtigen Themen berichten die meisten etablierten Medien ziemlich ähnlich. Das sei nicht per se schlecht, öffne aber Raum für Kritik und für alternative Medien, und seit einigen Jahren schlügen die Wellen hoch, bei Russland, Amerika und der Ukraine, bei Flüchtlingen und Einwanderung.
Bemerkenswert ist, was er über die Krise selbst sagt. Ob es wirklich einen Vertrauensverlust gegeben hat, sei unklar; die Langzeitdaten zeigten nicht, dass es früher besser war5:17. Ein Problem sieht er trotzdem: Jeder Fünfte in Deutschland stimme der Aussage zu, Politik und Medien arbeiteten zusammen, um die Meinung der Bevölkerung zu manipulieren, ein weiteres Viertel sage „teils, teils“. In einem Land mit Pressefreiheit hätten also viele das Gefühl, Politiker und Journalisten seien eine Kaste. „Und das ist so auch mein Thema“6:02.
Was ein Elitendiskurs ist
6:50 — Eliten definiert er schlicht: Menschen, die maßgeblich und regelmäßig an wichtigen Entscheidungen mitwirken, ob sie gewählt, befördert oder zum Chefredakteur berufen wurden. Der Elitendiskurs findet im Bundestag statt, in der Regierung, und die Medien bilden ihn ab. Die Tagesschau zeige, was Politiker tun und sagen, neutral, aber nicht kritisch. Wenn die Politik in eine Richtung geht, die viele nicht mögen, komme es bei ihnen so an, „als ob die Journalisten das unterstützen, was die Politiker machen“8:22.
Schreiber fragt nach dem Satz vom Meinungskorridor, der „schon mal breiter“ war. Krüger stellt klar, dass er von Frank-Walter Steinmeier stammt, und erzählt den Hintergrund: Im November 2014, nach der Annexion der Krim, versuchte der Außenminister nach Krügers Lesart noch, Brücken zu Russland zu bauen, warf der NATO „auch mal“ „Säbelrasseln“ vor (dieser Vorwurf fiel erst im Juni 2016, nach der Rede → Faktencheck) und bekam dafür „ganz viel auf den Deckel“ von deutschen Journalisten9:08. Aus Krügers Sicht gab es in der Ukraine-Frage einen „transatlantisch geprägten Mainstream“, und Steinmeiers Klage galt ihm.
Kein Granitblock
9:54 — Die Enge zeige sich vor allem in großen Krisen. In der griechischen Schuldenkrise sei „medienübergreifend sehr stark die Perspektive aus Brüssel und aus Berlin transportiert“ worden, in der Flüchtlingsfrage 2015 sei Merkels Entscheidung als „alternativlos“ dargestellt worden, „ein bisschen staatstragend“11:24. Die Belege dafür breitet er im Hamburger Vortrag aus; dort zeigt auch der Faktencheck, wo sie tragen.
Wichtiger ist hier, wie er den Mainstream beschreibt, als Schreiber nach seinen Grenzen fragt:
„Das ist sehr fluide, sehr flüssig. So will ich das auch verstanden wissen, dass es nicht eine monolithische Sache ist. Das ist kein Granitblock, und es ist nicht eine fremdgesteuerte Einheitspresse und ein Staatsfunk, wie vor allem aus rechten Kreisen häufig behauptet wird.“ 12:58
Im Gespräch — 12:58
Der Grund sei viel gewöhnlicher. Journalisten schauten nicht aus dem Weltall auf die Erde, sie hingen an ihren Quellen, und sie bevorzugten Gesprächspartner, die glaubwürdig und unumstritten wirken. Wenn es in Berlin einen parteiübergreifenden Konsens gibt, die griechische Regierung sei „durchgeknallt“ und eine Gefahr für den Euro, dann komme das im Journalismus an, „einfach weil niemand anders da ist“13:43.
82 Organisationen und ein abgeschnittenes Foto
14:29 — Dann seine Dissertation. Krüger suchte nach Organisationen, in denen leitende Redakteure wichtiger Medien zusammen mit Eliten aus Politik oder Wirtschaft sitzen, „wo sie nicht drin sein müssten“, und fand 82. Auffällig war, dass außenpolitisch wichtige Journalisten namhafter Zeitungen in einer ganzen Reihe von Organisationen vorkamen, die inhaltlich in Richtung USA und NATO gingen15:15. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz säßen sie nicht als Berichterstatter, sondern gleichberechtigt neben Diplomaten, Militärs und Wirtschaftsvertretern; dazu Bilderberg, die Trilaterale Kommission, das Aspen-Institut, die American Academy in Berlin. In Davos stünden Journalisten auf der Liste der „Media Leaders“, neben den „Political Leaders“ und „Business Leaders“16:46.
„Ich will das jetzt nicht verteufeln, aber man muss sich dessen bewusst werden, dass Journalisten nicht immer so außerhalb der Materie stehen.“ 17:31
Im Gespräch — 17:31
Sein Beispiel ist Kai Diekmann, lange Chef der Bild-Zeitung und zugleich im Vorstand der Atlantik-Brücke, des Vereins zur Pflege der deutsch-amerikanischen Freundschaft auf Elitenebene. Im Februar 2009 traf sich ein Beirat der Atlantik-Brücke in Mumbai, um sich gegen Protektionismus und für offene Märkte auszusprechen; auf der Tagesordnung stand auch „The Role of the Media“. Bild berichtete darüber mit einem Foto, aus dem Diekmann herausgeschnitten war; auf der Website der Atlantik-Brücke stand er im vollständigen Bild links außen. „Das war bestimmt nicht aus Platzgründen gemacht worden“18:16.
Krüger erklärt die Häufung transatlantischer Vereine auch mit der Geschichte: Die Westbindung stecke in der DNA der Bundesrepublik, und deutsche Journalisten hätten von amerikanischen Kollegen gelernt, wie man eine freie Presse aufbaut. Vielleicht sei die amerikafreundliche Szene auch einfach fleißiger im Gründen von Organisationen19:03.
Sicherheit am Hindukusch
20:34 — Welchen Einfluss das hat, sei schwer zu sagen. Krüger untersuchte die Kommentare der leitenden Redakteure mit den meisten Kontakten in diese Szene und fand, dass sie stark für mehr militärisches Engagement Deutschlands in der NATO plädierten, etwa in Afghanistan, wo die Bevölkerung die ganze Zeit skeptisch war. Die Skepsis hätten sie eher abgetan oder gefordert, man müsse die Leute überzeugen.
Ihn interessiert dabei ein Wort. Im Kalten Krieg war Sicherheit territorial gemeint: das eigene Land gegen einen militärischen Angriff verteidigen. Nach 1990 wurde der Begriff erweitert, um Energiesicherheit, Rohstoffsicherheit, Interessen weltweit. Zuerst stand das Anfang der Neunziger in einem Papier des Verteidigungsministeriums; populär wurde es mit Peter Strucks Satz vom Dezember 2002, Deutschlands Sicherheit werde auch am Hindukusch verteidigt21:19. Wie umstritten das blieb, zeigte 2010 Horst Köhler, der zurücktrat, nachdem er auf dem Rückflug aus Afghanistan im Deutschlandradio Kultur gesagt hatte, Bundeswehreinsätze dienten auch wirtschaftlichen Interessen. Der erweiterte Sicherheitsbegriff sei Konsens in der Elite und „in der Bevölkerung höchst umstritten“; wer ihn als Journalist eins zu eins übernehme, nehme eine elitennahe Position ein. Und dann sagt Krüger den Satz, an dem die ganze Debatte um seine Arbeit hängt:
„Welche Rolle jetzt die Organisation spielt, das kann man nicht sagen. Es kann auch sein, dass Journalisten vorher schon so gedacht haben und deswegen dann erst eingeladen wurden in die Organisation.“ 22:54
Im Gespräch — 22:54
Dass die Bevölkerung amerikakritischer ist als die Leitmedien, belegt er mit Umfragen: Bei der Frage, mit welchem Land Deutschland enger zusammenarbeiten solle, lagen Amerika und Russland ungefähr gleichauf, und im März 2014 wollte etwa die Hälfte eine mittlere Position zwischen Westen und Russland, während die Medien einen „überwältigenden transatlantischen Konsens“ zeigten24:25.
Der Satz von 22:54 ist der wichtigste des Gesprächs, weil er die stärkste Lesart seiner Studie ausschließt, wie Krüger es schon 2013 in der Dissertation tat. Ob jemand transatlantisch denkt, weil er im Vorstand der Atlantik-Brücke sitzt, oder dort sitzt, weil er so denkt, kann eine Netzwerkanalyse nicht unterscheiden. Für den Leser macht das aber weniger Unterschied, als es scheint. Ein Kommentator, der über die NATO schreibt und im Präsidium eines Vereins sitzt, dessen Zweck die Werbung für die NATO ist, hat einen Interessenkonflikt, gleich in welcher Richtung die Ursache läuft. Krügers stärkstes Argument ist darum das unscheinbarste: Die Verbindung gehört unter den Artikel.
Die Anstalt, das Gericht und ein Buchvertrag
25:10 — Bekannt wurde die Studie durch die ZDF-Satire „Die Anstalt“ vom April 2014. Die Kabarettisten Max Uthoff und Claus von Wagner zeigten eine Schautafel mit den Porträts von Journalisten, den Namen transatlantischer Organisationen und Linien dazwischen. Die Nummer ging im Netz viral. Zwei Journalisten der Zeit fühlten sich falsch dargestellt und erwirkten eine einstweilige Verfügung, die Sendung verschwand aus der Mediathek. Der Streit ging bis zum Bundesgerichtshof, der Anfang 2017 für das ZDF entschied. Krügers Lesart: „Aus meiner Sicht waren die Fakten nicht falsch, die waren zugespitzt“, und Satire solle „die Wirklichkeit zur Kenntlichkeit entstellen“26:40 (der BGH erklärte die Kernbotschaft für wahr, nicht jede Linie: Für Bittner zog die Tafel drei, belegt war eine → Faktencheck).
Die Aufmerksamkeit brachte ihm ein Angebot von C.H. Beck, ein zweites Buch zu schreiben, das spätere Mainstream. Sie brachte auch „mehr Gegenwind aus der eigenen Zunft“27:25. Gemeint ist vor allem der Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger, der die Dissertation 2014 im Medium Magazin auseinandernahm. Von 219 leitenden Journalisten hatten 64 in acht Jahren 164 Verbindungen zu 82 Organisationen; im Schnitt weniger als eine pro Kopf. Krüger habe die Verbindungen nicht nach ihrer Art unterschieden, in den Kommentaren nur nach bestätigenden Argumenten gesucht und „Nähe umstandslos mit Vereinnahmung“ gleichgesetzt; einen Kausalzusammenhang belege die Arbeit nicht, den streite Krüger an einigen Stellen sogar selbst ab, lege ihn aber im Titel nahe (EJO, „Meinungsmache statt Macht“). Krüger antwortete, Transparenz verhindere keinen Interessenkonflikt, sie mache ihn nur sichtbar, und seine Hypothesen seien aus der Netzwerkanalyse begründet gewesen; widersprechende Argumente hätte er aufgenommen, er habe nur keine gefunden (EJO, Krügers Antwort). Bei Jung & Naiv nennt er die Debatte „lebhaft“, mit Rede und Gegenrede, „und das ist jetzt beigelegt“ (der Austausch endete, keine Seite räumte etwas ein → Faktencheck).
Sozialkapital: was man verlieren kann
28:12 — Schreiber stellt die naheliegende Frage: Würde er selbst seine Meinung ändern, wenn er in die Atlantik-Brücke ginge? Krüger antwortet ehrlich, seine These sei „relativ weich formuliert“. Er sage nicht, dass es immer so ist. Man könne als Amerikakritiker hineingehen und als noch stärkerer wieder herauskommen. „Wahrscheinlicher ist aber, dass ich dann vielleicht nur einfaches Mitglied bleibe und nicht in den Vorstand gehe.“ Wer in den Vorstand geht, dem ist die deutsch-amerikanische Freundschaft ein Anliegen28:58.
Was daraus folgt, beschreibt er als doppelte Standards. Bombardieren die Russen in Syrien ein Krankenhaus, wird es dem Präsidenten angelastet. Trifft eine amerikanische Bombe ein Krankenhaus in Afghanistan, sind es „verwirrende Begleitumstände“ und Fehler auf niedriger Ebene29:44 (Obama entschuldigte sich persönlich, und Kunduz war ein Einzelfall, die Angriffe in Syrien eine Serie → Faktencheck). Bewusst angelegt sei das selten:
„Wenn ich morgens aufstehe und erstmal davon ausgehe, dass Amerika die Guten sind und die Russen die Bösen, dann werde ich vermutlich auch in meiner Informationssuche in diesen Richtungen eher was sehen und anderes als irrelevant aussortieren.“ 30:30
Im Gespräch — 30:30
Den Mechanismus erklärt er mit Pierre Bourdieus Begriff des Sozialkapitals31:16. Geld und Wissen gehören einem allein; Freundeskreis, berufliche Kontakte und Quellen gehören einem nicht allein, sie können entzogen werden. Der hohe Regierungsbeamte, mit dem man gern Kaffee trinkt, erzählt einem nichts mehr, wenn er etwas gelesen hat, das ihm nicht passt. Journalisten seien von Informanten abhängig und müssten aufpassen, nicht „politisch tot“ zu sein. Der frühere Bonner Spiegel-Büroleiter Jürgen Leinemann habe beschrieben, wie man im Regierungsviertel „beiläufig zur Ordnung gerufen“ wird, das sei die falsche Frage, darüber schreibe man nicht, und wie in einem abgeschotteten Milieu von Funktionsträgern ein Konsens entsteht, der viel ausblendet, die sozialen Bewegungen der Siebziger und Achtziger etwa, „bis es irgendwann kracht“32:48.
Krüger sieht doppelte Standards bei Krankenhäusern in Syrien und Afghanistan, und er hat damit einen Punkt. Wäre die Probe vollständig, wenn man auch zählte, wo westliche Medien russische Opfer und ukrainische Täter zeigen, und wo sie die Ukrainer selbst sprechen lassen, statt nur zwei Seiten gegeneinander zu wiegen? (→ Wer im eigenen Krieg spricht)
Nicht nachweisbar, und trotzdem nicht egal
33:33 — Schreiber bleibt hartnäckig: Wie weist man den Einfluss nach, wenn man keine Vorher-Nachher-Befragung machen kann? Krüger weicht nicht aus. Die ganze Sache diene am Ende dazu, Journalisten unabhängiger zu machen und ein Bewusstsein zu schaffen, man müsse das nicht an einzelnen Personen festmachen:
„Am Ende ist das nicht beantwortbar.“ 34:18
Im Gespräch — 34:18
Seine Empfehlungen sind entsprechend maßvoll35:04. Journalisten dürften in solchen Organisationen sein, man müsse ja Leute kennenlernen, und nur vom Schreibtisch aus recherchiere man die Welt nicht. Aber keine leitenden Funktionen, keine Vorstandsposten. Und ein Gegengewicht suchen: Wer zur Münchner Sicherheitskonferenz fährt, solle auch die Münchner Friedenskonferenz besuchen; wer in Davos die Gewinner der Globalisierung erlebt, solle zum Weltsozialforum fahren, wo ihre Verlierer sind. „Es gibt keine Reinheit“, man müsse „rein ins Leben“36:37.
Eine Grenze zieht er trotzdem scharf. Die Zeit sei über Jahrzehnte mit Chefredakteur oder Vize hochrangig bei der Bilderberg-Konferenz vertreten gewesen, bis 2012, einer vertraulichen Runde von Bankern, Konzernchefs, Politikern und Militärs aus Nordamerika und Westeuropa. Den Elitendiskurs selbst mitzugestalten und sich zugleich zu verpflichten, über nichts zu berichten, „das geht irgendwie nicht“38:09. Vertrauliche Foren hält er nicht für dumm. Aber bei Bilderberg fehlten die NGOs, die Menschenrechtler, die Umwelt- und Verbraucherschützer; wenn schon vertraulich, dann mit allen Interessen am Tisch, „nicht nur die Interessen derer, die eh schon Geld und Macht haben“38:55.
Tempo, Milieu und die Flyover States
39:41 — Zwei weitere Ursachen nennt er knapp. Die erste ist Zeit: weniger Zeit, weniger Recherche, „ganz einfacher linearer Zusammenhang“. Schrumpfende Redaktionen füllen immer mehr Seiten, und dann übernehme man PR-Material und eingefahrene Denkmuster. Ein eigenes Thema zu finden sei harte Arbeit40:26.
Die zweite ist das Milieu41:15. Das liberal-intellektuelle Milieu sei unter Journalisten stark überrepräsentiert. Ein wenig intellektuell solle man in dem Beruf schon sein, sagt er, aber man müsse auch willens sein, sich in andere Milieus hineinzuversetzen. Sonst übersehe man Strömungen, die die liberale Gesellschaft bedrohen. Das Beispiel ist frisch: Die amerikanischen Medien waren 2016 stark für Hillary Clinton, Trump gewann, und die Journalisten standen „ziemlich bedröppelt“ da, weil sie in Kreisen verkehrten, in denen sie sich selbst bestätigten, und die „Flyover States“ zwischen den Küsten nur überflogen43:31. In Deutschland gebe es „virtuelle Flyover States“: Milieus, über die man hinweggeht, weil sie im Alltag der Redaktionen nicht vorkommen, und die die AfD abschöpfe44:17.
Wer nicht aus dem richtigen Milieu kommt, werde nicht offen diskriminiert, habe aber „weiche Nachteile“: Ihm fehlen die Codes und das Selbstbewusstsein, das den Konkurrenten sagt, ich gehöre hierher. Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo habe einmal selbstkritisch gesagt, man suche sich immer Leute, „die zu uns passen“45:48. Ausgerechnet die Zeit nennt Krüger trotzdem ein gutes Beispiel für Meinungsvielfalt in einer Redaktion, und die FAZ, deren Außenpolitikchef in seiner Dissertation schlecht wegkam, besprach das Buch im Feuilleton ausführlich und „nicht allzu schlecht“. Redaktionen seien „keine kleinen Diktaturen“48:08.
Für ihn folgt daraus Koexistenz48:55. Große Medien brauche man, weil nur sie Recherchen wie die Paradise Papers stemmen können; alternative Medien brauche man, wenn sich das Meinungsspektrum verengt. Wer „Lügenpresse“ und „Systemmedien“ ruft, solle darüber nachdenken, ob das angemessen ist. Am Propagandamodell von Herman und Chomsky, das ihn geprägt hat, kritisiert er selbst eine Lücke: Es habe das Publikum „nicht auf dem Zettel“. Medien leben auch von Abonnenten, und in Deutschland habe sich das Publikum in den letzten Jahren sehr deutlich zu Wort gemeldet52:42. Auch die Eigentümerlandschaft sei hier vielfältiger als in den USA: öffentlich-rechtlicher Rundfunk, eine Stiftung hinter der FAZ, eine Genossenschaft hinter der taz.
Angst ist Angst
55:46 — Zum Schluss geht es um die Einwanderung, das „Megathema“. Viele Menschen fühlten sich mit ihren konservativen Ansichten nicht repräsentiert, und damit müsse man produktiv umgehen. Menschenverachtung und Rassismus solle man nicht als normalen Teil des Meinungsspektrums etablieren, „aber man muss Leute aufsuchen und man muss tatsächlich recherchieren, was hinter diesen Einstellungen steckt“56:33. Journalismus habe auch eine Integrationsfunktion, und man könne sich nicht darauf ausruhen, alle relevanten Fakten beisammenzuhaben.
Hier widerspricht ihm Schreiber, und es wird das beste Wortgefecht des Abends. Wenn ein Gefühl nicht berechtigt ist, könne man es doch mit Argumenten ausräumen. Krüger glaubt nicht daran, Verstand und Gefühl seien zwei Ebenen. Wenn jemand Ausländer „Viehzeug“ nenne, gelte es zu recherchieren, welche Wahrnehmungen, Bedürfnisse und Wünsche dahinter stehen; er lobt eine Zeit-Reportage über eine Frau rund um die örtliche AfD-Kandidatur, die bei einem Textildiscounter oder in einer Textilfabrik arbeitet58:54. Das Gespräch könne nicht mit dem Satz enden, ihr habt mit euren Ängsten nicht recht:
„Ängste sind echt eine schwierige Sache. Ängste vor Waldsterben, sind die berechtigt, oder Ängste vor Überfremdung? Angst ist Angst.“ 59:39
Im Gespräch — 59:39
Sein letzter Rat an Journalisten fasst das ganze Gespräch zusammen: in Netzwerken bleiben, aber nicht an der Spitze, an möglichst viele Quellen heran, aber zu keiner allzu fest gebunden, „also viele schwache Bindungen zu möglichst vielfältigen Quellen aufbauen“60:24.
„Angst ist Angst“ ist der Satz, über den man am längsten nachdenken kann, und der riskanteste. Er stimmt, soweit er sagt, dass man eine Angst nicht wegargumentiert, und dass ein Journalist, der nur Fakten liefert, die Menschen dahinter verfehlt. Er wird schief, wenn er die Frage ganz aufgibt, ob eine Angst zur Wirklichkeit passt; das Waldsterben und die „Überfremdung“ waren nicht gleich gut belegt. Schreibers Einwand gehört darum ins Gespräch: Gefühle ernst nehmen und Fakten danebenstellen widersprechen sich nicht. Gut erzählt ist eine Reportage dann, wenn sie beides tut, und Krügers Beispiel aus der Zeit tut genau das.
Bemerkenswert ist noch, wie nah sein Schlussrat an einem Klassiker der Soziologie liegt. Mark Granovetter zeigte 1973, dass neue Informationen eher über lose Bekanntschaften kommen als über enge Freunde, weil die engen Freunde ohnehin dasselbe wissen (Granovetter 1973, doi:10.1086/225469). Für Journalisten heißt das: Die Gefahr liegt in der engen Bindung an wenige Quellen, und Abhilfe schafft ein weites Netz aus vielen losen Kontakten.
Nachbesprechung
Krüger gibt im Gespräch zwei Dinge zu, die über seine Studie hinausweisen: dass sich der Einfluss der Netzwerke nicht beweisen lässt, und dass aus seiner Arbeit in der Öffentlichkeit mehr gemacht wurde, als sie trägt. Beides lässt sich weiterverfolgen.
Beweist Nähe Einfluss?
Die Frage, an der Neuberger und Krüger sich rieben, ist eine alte der Sozialwissenschaft: Prägt die Gruppe ihre Mitglieder, oder suchen sich Gleichgesinnte die Gruppe? Eine Netzwerkanalyse wie Krügers sieht nur, dass beides zusammenfällt. Dass Nähe mit dem Ton der Berichterstattung zusammenhängt, ist inzwischen besser belegt als 2013. Eine niederländische Studie verband eine Befragung von politischen Journalisten mit einer Inhaltsanalyse ihrer Artikel und fand, dass sie häufiger und freundlicher über Politiker berichten, mit denen sie persönlich in Kontakt stehen, und über solche, die ihre Ansichten teilen (van der Goot, van der Meer & Vliegenthart 2021, International Journal of Communication, Primärstudie). Die Richtung bleibt aber auch dort offen, denn der Kontakt und die gemeinsame Haltung kommen zusammen vor.
Für die Eliten selbst spricht eine deutsche Studie gegen die Prägung durch Vernetzung. Die Elitestudie des Wissenschaftszentrums Berlin, aus der Krügers Zahlen zur Einwanderung stammen, fand, dass die liberaleren Haltungen der Eliten nicht mit ihrer transnationalen Vernetzung oder Mobilität zusammenhängen; am stärksten wirkt eine supranationale Identität. Die Kluft zur Bevölkerung bleibt dabei bestehen, auch wenn man Bildung, Alter und politische Orientierung herausrechnet (Teney & Helbling 2014, doi:10.1515/zfsoz-2014-0402, begutachtete Primärstudie). Das passt eher zur Auswahl als zur Prägung, beweist sie aber nicht, denn die Studie befragt Eliten insgesamt und nicht Journalisten, und sie testet keine Auswahl. Es ist die Möglichkeit, die Krüger schon 2013 in der Dissertation nannte und bei Jung & Naiv wiederholt.
Daraus folgt weniger, als Krügers Kritiker meinten, und weniger, als seine Anhänger hofften. Ein Netzwerk muss niemanden umpolen, um zu wirken. Es reicht, dass es Gleichgesinnte zusammenführt, ihnen dieselben Quellen gibt und Abweichung mit dem Verlust von Sozialkapital bestraft, wie Leinemann es aus Bonn beschreibt. Für den Leser bleibt die einfachste Forderung die stärkste: Wer im Vorstand eines Vereins sitzt, der für eine Politik wirbt, sollte das unter seinen Kommentar zu dieser Politik schreiben.
→ Weiter im Panorama: Lenkt jemand, oder lenkt die Routine?, mit Mausfeld, Dobusch und Zaboura, Johnson und DiResta.
Wie aus einer Studie ein Beweis wird
Krügers Dissertation spricht vorsichtig von „Kontaktpotenzialen“. Ihr Titel heißt Meinungsmacht. Zwischen diesen beiden Wörtern liegt die Geschichte ihrer Wirkung. Im April 2014 machte „Die Anstalt“ daraus eine Schautafel, auf der jede Linie, so der Dialog, für „Mitglieder, Beiräte, Vorstände“ stand. Der Zeit-Redakteur Jochen Bittner hatte nach den Feststellungen der Gerichte nur eine dieser Verbindungen: Er hatte an einem Strategieprojekt des German Marshall Fund und der Stiftung Wissenschaft und Politik mitgearbeitet und später wohlwollend über die Rede des Bundespräsidenten auf der Münchner Sicherheitskonferenz geschrieben, die diesem Kurs folgte. Landgericht und Oberlandesgericht Hamburg untersagten die Darstellung von drei Verbindungen, das Oberlandesgericht zusätzlich den Satz vom „Schreiben für Gauck“. Der Bundesgerichtshof hob das im Januar 2017 auf: Satire müsse von ihrer Einkleidung befreit werden, und kein verständiger Zuschauer zähle die Linien nach, die von einem Porträt wegführen; die Kernbotschaft, Mitarbeit an einem Strategiepapier und anschließend freundliche Berichterstattung ohne Hinweis darauf, sei wahr (BGH, Urteil vom 10.01.2017, VI ZR 562/15).
Im selben Jahr erschien Udo Ulfkottes Bestseller Gekaufte Journalisten, der sich auf Krügers Arbeit beruft, als habe sie Käuflichkeit nachgewiesen; von Bestechung handelt Meinungsmacht aber nicht. Neuberger beschrieb den Vorgang so: Wissenschaftliche Befunde gelten als besonders schwer widerlegbar, und darum werden sie im Meinungsstreit zum „scharfen Schwert“, auch wenn kaum jemand ihren Inhalt kennt (EJO).
Dass Studien auf dem Weg in die Öffentlichkeit wachsen, ist gut untersucht, wenn auch für ein anderes Feld. Bei Gesundheitsthemen fanden Forscher, dass übertriebene Aussagen in den Nachrichten häufig schon in der Pressemitteilung der Universität standen, also an der Quelle selbst (Sumner et al. 2014, doi:10.1136/bmj.g7015, retrospektive Beobachtungsstudie). Bei Meinungsmacht begann ein Teil der Zuspitzung ebenfalls bei der Quelle, im Titel, und nicht erst in der Satire oder bei Ulfkotte. Krüger hat seine Thesen im Gespräch mit Jung & Naiv weicher formuliert als auf dem Buchumschlag. Das Publikum kennt eher den Umschlag als das Interview.
→ Weiter im Panorama: Wann wird Misstrauen blind?, mit Mausfeld, El-Mafaalani, Luhmann und Popper.
Faktencheck
Krügers Zahlen passen zur Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen. Der Aussage „Die Medien und die Politik arbeiten Hand in Hand, um die Meinung der Bevölkerung zu manipulieren“ stimmten 2016 27 Prozent zu (31 Prozent „teils, teils“), in der Welle von Ende 2017 20 Prozent (28 Prozent „teils, teils“). Die 2017er Welle wurde erst nach dem Gespräch erhoben; die damals jüngste Zahl war also höher als die, die Krüger nennt. Er hat das Misstrauen eher kleiner gemacht als größer. Auch „kein klarer Vertrauensverlust“ hält. 2008 vertrauten 29 Prozent den Medien bei wichtigen Themen, 2017 42 Prozent. Gewachsen ist aber zugleich das Misstrauen (9 auf 17 bis 22 Prozent), geschrumpft ist die Mitte. Das ist eher eine Polarisierung als ein Verlust. International ist der Rückgang ebenfalls kein allgemeiner Trend; er betrifft etwa die Hälfte der untersuchten Länder. Das Vertrauen in die Presse hängt eng am Vertrauen in die politischen Institutionen, und zwar umso enger, je polarisierter eine Gesellschaft ist. Das deckt Krügers Satz von der „Kaste“. Quelle: Universität Mainz, Medienvertrauen in Deutschland 2017 (Grafiken) · Hanitzsch, van Dalen & Steindl 2018, International Journal of Press/Politics, doi:10.1177/1940161217740695 (Längsschnitt-Vergleich WVS/EVS, Primärstudie)
Der Satz vom Meinungskorridor fiel am 14. November 2014 (Schwester-Note). Krüger erklärt ihn damit, dass Steinmeier Brücken nach Russland bauen wollte, „auch mal“ der NATO Säbelrasseln vorwarf und dafür von Journalisten Prügel bekam. Den Vorwurf „Säbelrasseln und Kriegsgeheul“ erhob Steinmeier aber erst in der Bild am Sonntag vom 19. Juni 2016, nach dem NATO-Manöver Anakonda, also 19 Monate nach der Rede. Anlass der Rede kann er nicht gewesen sein. Der Kern trägt trotzdem: 2014 lehnte Steinmeier eine NATO-Perspektive für die Ukraine ab und warnte vor einem neuen Kalten Krieg. Die veröffentlichten Redeauszüge begründen die Homogenität mit fehlenden Korrespondenten und Sparzwang, nicht mit der Ukraine; den Bezug stellt Krüger her und markiert ihn als Vermutung („ich glaube“). Die vertauschte Reihenfolge macht seine Deutung runder, als sie ist. Quelle: Auswärtiges Amt, Interview Bild am Sonntag, 19.06.2016 · l-iz.de, LeadAward 2014
64 von 219 leitenden Journalisten hatten in acht Jahren 164 Verbindungen zu 82 Organisationen (so auch Kritiker Neuberger). Die Tiefenanalyse galt den vier außenpolitischen Leitredakteuren von FAZ, SZ, Welt und Zeit, ihren Kommentaren zum „erweiterten Sicherheitsbegriff“ und zu Auslandseinsätzen. Dass Journalisten auf der Münchner Sicherheitskonferenz als Teilnehmer sitzen und nicht als Berichterstatter, hat der BGH für Josef Joffe festgestellt: 2014 Teilnehmer, „was eine Einladung voraussetzte“, mit Zutritt zu besonderen Veranstaltungen und Recht zur Teilnahme an den Diskussionen. Die Davoser Kategorie „Media Leaders“ ließ sich nicht unabhängig belegen. Quelle: Krüger 2015, European Journal of Communication, doi:10.1177/0267323114564758 · EJO, Neuberger: „Meinungsmache statt Macht“ · BGH, Urteil vom 10.01.2017, VI ZR 561/15
Das Treffen war die erste Sitzung des International Advisory Council der Atlantik-Brücke am 19./20. Februar 2009 im Taj Mahal Hotel in Mumbai. Auf der Tagesordnung standen „Preventing Escalating Protectionism“ und, bemerkenswert, „The Role of the Media“; die „Mumbai-Erklärung“ ruft zum Bekenntnis gegen Protektionismus auf. Die Teilnehmerliste beginnt mit Kai Diekmann. Bild berichtete am 27. Februar 2009 auf Seite 2 mit Foto, aus dem Diekmann herausgeschnitten war; auf dem vollständigen Bild steht er ganz links. BILDblog machte den Fund 2010 bekannt und nennt Krüger als Entdecker. Diekmann saß im Vorstand der Atlantik-Brücke. Quelle: Atlantik-Brücke, Jahresbericht 2008/2009 · BILDblog, „Kleine Brücken unter Freunden (2)“
Die Verteidigungspolitischen Richtlinien vom 26. November 1992 zählen zu den „vitalen Sicherheitsinteressen“ die „Aufrechterhaltung des freien Welthandels und des ungehinderten Zugangs zu Märkten und Rohstoffen in aller Welt“. Peter Struck sagte im Dezember 2002, Deutschlands Sicherheit werde „auch am Hindukusch verteidigt“ (das Jahr hatte Krüger vergessen). Horst Köhler sprach am 22. Mai 2010 im Deutschlandradio Kultur, auf dem Rückflug aus Masar-i-Scharif, von militärischen Einsätzen auch für „freie Handelswege“ und trat am 31. Mai zurück. Zur Ablehnung des Afghanistan-Einsatzes in der Bevölkerung → Schwester-Note. Quelle: VPR 1992, Wortlaut (Blätter) · Spiegel, Strucks prägnanteste Zitate · evangelisch.de, 27.05.2010
Die Körber-Umfrage vom April/Mai 2014 fragte, mit welchen Ländern Deutschland mehr oder weniger zusammenarbeiten solle: Frankreich 79 Prozent mehr, Polen 71, Großbritannien 63, China 61, USA 56, Russland 53. Die Reihenfolge, die Krüger aus dem Gedächtnis nennt, stimmt. Die Frage misst allerdings Wünsche je Land, keine Entscheidung zwischen beiden. Fragt man nach enger Zusammenarbeit, ist der Abstand groß: 2016 wollten sie 60 Prozent mit den USA, 33 Prozent mit Russland (Bertelsmann). Zur „mittleren Position“ vom März 2014: Bei Infratest dimap (31.03./01.04.2014) wollten 49 Prozent eine Mittlerrolle, 45 Prozent einen festen Platz im Westen. Quelle: Körber-Stiftung 2014, Zusammenfassung (nachtwei.de) · Bertelsmann Stiftung 2016 · The Dish, 05.05.2014 (zitiert Infratest)
Der BGH entschied am 10. Januar 2017 in beiden Verfahren (VI ZR 561/15 Joffe, VI ZR 562/15 Bittner) für das ZDF, aber nicht so, wie Krüger es darstellt. Er prüfte nicht jede Linie der Schautafel, sondern die Botschaft, die beim Zuschauer ankommt, und erklärte diese für wahr. Bei Bittner zog die Tafel drei Linien; nach den Feststellungen der Vorinstanzen war nur eine Verbindung belegt, die zum German Marshall Fund. Bei Joffe waren es acht Linien zu sieben belegten, teils früheren Verbindungen. Die Tafel beruhte auf Krügers Dissertation; „die Fakten sind nicht falsch, das haben sie so entschieden“ ist deshalb auch ein Urteil in eigener Sache. Quelle: BGH, VI ZR 562/15 · BGH, VI ZR 561/15
Krügers Satz von 22:54, Journalisten hätten vielleicht vorher schon so gedacht und seien deshalb eingeladen worden, ist keine nachträgliche Rücknahme. 2014 zitierte er sich selbst aus Meinungsmacht (S. 145, ähnlich S. 258): Eine Übereinstimmung „mag schon vorher bestanden haben und der Grund für die persönliche Annäherung gewesen sein“. Neubergers Vorwurf, Krüger habe diese Möglichkeit „gar nicht in Erwägung gezogen“, trifft den Text nicht. Was bleibt, ist der Abstand zum Titel Meinungsmacht. Quelle: EJO, Krügers Antwort an Neuberger
Die Kontroverse mit Neuberger (Medium Magazin 11/2014, EJO) endete ohne Einigung. Neubergers methodische Einwände, die nicht offengelegte Auswahl der Organisationen und die Suche nach nur bestätigenden Argumenten, beantwortete Krüger, räumte sie aber nicht ein; ein Rückzug Neubergers ist nicht bekannt. „Beigelegt“ heißt hier: Der Streit wurde nicht weitergeführt, nicht: Er wurde entschieden. In einem Gespräch, das für das eigene Buch wirbt, ist das die günstigere Lesart. Quelle: EJO, Neuberger · EJO, Krüger
Der US-Angriff auf die Klinik von Ärzte ohne Grenzen in Kunduz am 3. Oktober 2015 tötete 42 Menschen. Das Pentagon nannte ihn einen „tragischen, aber vermeidbaren Unfall“ aus menschlichem Versagen und technischen Fehlern; etwa 16 Soldaten wurden disziplinarisch belangt, eine Anklage gab es nicht, eine unabhängige Untersuchung lehnten die USA ab. Das stützt Krügers Punkt von den „Fehlern auf niedriger Ebene“. Es fehlt aber zweierlei: Obama entschuldigte sich am 7. Oktober 2015 persönlich bei der MSF-Präsidentin, die Spitze übernahm also Verantwortung. Und Kunduz war ein Einzelfall, die Angriffe in Syrien eine Serie: Physicians for Human Rights verifizierte allein 2017 38 Angriffe auf medizinische Einrichtungen, 34 davon durch syrische Regierungstruppen und/oder ihre russischen Verbündeten. Krüger formuliert vorsichtig („habe ich das Gefühl“). Die ungleichen Fälle lassen die doppelten Standards größer aussehen, als der Vergleich trägt. Quelle: NPR, 25.11.2015 · CBC, Obama-Entschuldigung · Al Jazeera zu PHR, 28.09.2017 · PHR, sieben Jahre Konflikt
Die Zeit saß über Jahrzehnte im Lenkungsausschuss von Bilderberg: Theo Sommer, dann Christoph Bertram, dann Matthias Naß (laut Krügers eigener Recherche in Message 3/2007). Naß steht 2012 in Chantilly auf der Teilnehmerliste, 2013 ist kein Zeit-Vertreter mehr dabei. Jürgen Leinemann war Spiegel-Büroleiter in Bonn, Höhenrausch erschien 2004. Die FAZ besprach Meinungsmacht am 8. September 2013 im Feuilleton (Boris Holzer: „Ein Meinungsmonopol wird daraus aber nicht“). Ulfkottes Gekaufte Journalisten (Kopp, 2014) stand monatelang auf der Spiegel-Bestsellerliste und beruft sich auf Krüger. Quelle: Krüger, „Alpha-Journalisten“, Message 3/2007 · Powerbase, Bilderberg 2012 · Wikipedia, Jürgen Leinemann · FAZ, 08.09.2013 · Spiegel, Ulfkotte-Porträt
Den Satz Giovanni di Lorenzos, man suche sich Leute, „die zu uns passen“, und die Zeit-Reportage über die AfD-Kandidatin aus dem Textilgewerbe (2017) ließen sich nicht auffinden. Beides ist unverfänglich, Krüger lobt hier die Zeit. Keine unabhängige Quelle gefunden.
Weiterführende Quellen
Aus der Video-Beschreibung: keine Quellen, nur die Fragen des Gesprächs und Krügers Twitter-Konto (@ukrueg).
Im Gespräch genannte Quellen und Werke:
- Uwe Krüger: Meinungsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten — eine kritische Netzwerkanalyse (Herbert von Halem, 2013)
- Uwe Krüger: Mainstream. Warum wir den Medien nicht mehr trauen (C.H. Beck, 2016)
- Uwe Krüger: „Manufacturing consent through integration: Social networks of German journalists in the elite milieu and their effects on coverage“, European Journal of Communication 30 (2015), doi:10.1177/0267323114564758
- Edward S. Herman, Noam Chomsky: Manufacturing Consent (1988)
- Jürgen Leinemann: Höhenrausch. Die wirklichkeitsleere Welt der Politiker (2004)
- Die Anstalt, 29. April 2014 (ZDF) und das Urteil BGH VI ZR 562/15
- Kontroverse: Christoph Neuberger, „Meinungsmache statt Macht“ und Krügers Antwort
- Vortrag: Uwe Krüger, „Aufgaben einer kritischen Journalistik“, Universität Hamburg 2017
- Universität Mainz, Medienvertrauen in Deutschland 2017 — Zeitreihe 2008–2017
- Hanitzsch, van Dalen & Steindl 2018, „Caught in the Nexus“, doi:10.1177/1940161217740695 — Pressevertrauen hängt am politischen Vertrauen
- BGH VI ZR 561/15 (Joffe) — das Schwesterurteil
- Atlantik-Brücke, Jahresbericht 2008/2009 und BILDblog, „Kleine Brücken unter Freunden (2)“ — Mumbai und das beschnittene Foto
- Uwe Krüger, „Alpha-Journalisten“, Message 3/2007 — die frühe Bilderberg-Recherche
- FAZ, Boris Holzer über Meinungsmacht, 08.09.2013
- Verteidigungspolitische Richtlinien 1992
Verbindungen
→ Uwe Krüger — Mainstream und die Aufgaben einer kritischen Journalistik
Die Schwester-Note: derselbe Stoff als Vortrag, zehn Monate früher, ausführlicher bei den drei Fällen Maidan, Griechenland und Herbst 2015 und mit dem Faktencheck dazu, was neun Jahre später davon übrig ist.
→ Marco Bülow — Korrumpiert
Bülow beschreibt von innen, was Krügers Netzwerkanalyse nur von außen sieht. Im „Wohlfühllobbyismus“ wählt der Konzern die Abgeordneten aus, „die ihm vielleicht einmal nach dem Mund reden werden“, und danach ist man „denen was schuldig“. Erst Auswahl, dann Prägung durch Sozialkapital: genau die Abfolge, die Krüger nicht beweisen kann.
→ Die Anstalt — Warum Wohnen unbezahlbar wird
Krüger sagt über die Schautafel von 2014, die Fakten seien „nicht falsch“, nur „zugespitzt“ gewesen. Die Wohnen-Note prüft genau das an einer anderen Sendung: fünf Schnitte, alle in dieselbe Richtung, „die Handschrift der Zuspitzung, nicht der Täuschung“. Zusammen zeigen beide, wie Satire mit Belegen umgeht und wo das Prinzip der „Kernbotschaft“ trägt, nach dem der BGH 2017 urteilte.
→ Rainer Mausfeld — Warum schweigen die Lämmer?
Die beiden widersprechen sich produktiv. Mausfeld braucht Krügers Befund als Beleg für gelenktes Meinungsmanagement; Krüger selbst sagt „am Ende nicht beantwortbar“ und „kein Granitblock“.
→ Michael Hartmann — Herkunft schlägt Parteibuch
Krügers „weiche Nachteile“ sind Bourdieus Habitus im Redaktionsalltag: fehlende Codes, fehlendes Selbstverständnis, Leute, „die zu uns passen“. Hartmann macht daraus das „Prinzip der Ähnlichkeit“, das umso stärker wirkt, je kleiner der Kreis ist, der auswählt. So gelesen ist der Journalismus eine Elite, die sich selbst rekrutiert.
→ Philip Manow — Autoritäre Zeiten
Manows „Gewinnerklasse als Deutungsklasse“ ist die strukturelle Fassung von Krügers „virtuellen Flyover States“: Wer von der Öffnung profitiert, erklärt die Welt und übersieht die Milieus, die die AfD dann abschöpft. Krüger bringt den Fall dazu, die US-Presse 2016, „ziemlich bedröppelt“ nach Trumps Sieg.
→ Arlie Hochschild — Stolen Pride
Krüger fordert, Journalisten müssten sich in andere Milieus hineinversetzen und recherchieren, „was hinter diesen Einstellungen steckt“. Hochschild tut genau das in Kentucky, mitten in einem Flyover State; ihre „kulturelle Zweisprachigkeit“ ist das Programm, das Krügers Medienkritik nur andeutet.
→ Göpel und Marinić — Vertrauen, utopisch
Weisbands Satz, die AfD „lügt in den Fakten, aber sie spricht eine emotionale Wahrheit“, steht genau zwischen Krügers „Angst ist Angst“ und Schreibers Einwand: Er erkennt die Angst als echt an, ohne die Faktenfrage aufzugeben.
→ Wer macht die Meinung?
Beide Nachbesprechungs-Fäden führen hierher: Lenkt jemand, oder lenkt die Routine? und Wann wird Misstrauen blind?.
→ Uwe Krüger — DenkerVita
Weiterdenken
- Krüger räumt ein, dass Journalisten vielleicht schon transatlantisch dachten, bevor sie eingeladen wurden. Wenn die Auswahl wirkt und nicht die Prägung, wäre das beruhigender, oder hieße es nur, dass der Filter früher sitzt, beim Aufstieg in die Redaktion?
- Sein Rat heißt: viele schwache Bindungen, keine Vorstandsposten. Gilt das auch für Medienkritiker, die in ihrem eigenen Lager Vorträge halten, Preise bekommen und Buchverträge?
- „Angst ist Angst“, sagt Krüger, und Schreiber hält dagegen, dass man unberechtigte Ängste mit Fakten ausräumen könne. Was müsste eine Reportage tun, damit ein Leser seine Angst ernst genommen fühlt und trotzdem erfährt, wie groß die Gefahr wirklich ist?
- Die Anstalt hat aus einer vorsichtigen Studie eine Tafel mit Linien gemacht, und das Gericht fand die Kernbotschaft wahr. Wie viel Zuspitzung verträgt ein wahrer Befund, bevor er zu einer anderen Aussage wird? (→ Wer macht die Meinung?)
Ein Fehler, ein holpriger Satz, etwas fehlt? Anfassen erlaubt: Jeden Abschnitt kannst du neu fassen.
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