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Gedankenraum
Zeitgeist·16. Oktober 2026·1:11 h·50 Belegstellen

Uwe Krüger — Mainstream und die Aufgaben einer kritischen Journalistik

Ein Fischschwarm braucht keinen Dirigenten: Uwe Krüger zeigt 2017, wie Leitmedien gleich klingen, ohne dass jemand lenkt — und neun Jahre später wird nachgeprüft, was davon trägt.

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M. C. Escher — ein Schwarm ineinandergreifender Fische wächst aus leerem Papier, zieht in einer Richtung über das ganze Bild und dreht sich am Ende als Ganzes in eine Spirale. Ein einzelner Fisch schwimmt unten allein. Escher, weil seine Mosaike zeigen, wie aus vielen gleichen Formen eine Bewegung wird, die niemand anführt, und weil Figur und Grund bei ihm die Plätze tauschen wie Sachverhalt und Deutung. Das ist Krügers Fischschwarm: Gleichklang ohne Dirigenten, der nach Köln in die Gegenrichtung kippt. Die Vita trägt Feininger, die Note Escher.

Prompt: Wide 1200x500 panoramic banner in the manner of M. C. Escher's woodcuts 'Sky and Water' and 'Metamorphosis II' — precise ink lines with fine parallel hatching, black, slate grey and muted blue-green on cream paper, tessellated figure-ground forms. A vast shoal of tightly interlocking fish swims from left to right across the width, every body aligned in one direction, the gaps between them forming the same shapes, so that the shoal reads as one tessellated stream. In the right third the whole shoal bends in a great smooth spiral and turns back, every fish following the turn at once. At the far left edge the tessellated fish dissolve into completely blank, empty white paper sheets — pure white, no print, no lines, no marks of any kind on them. One single small fish in the open space below the center swims against the stream, alone. Mood: order without a conductor. Absolutely no text, no letters, no writing, no pseudo-writing, no logos, no people.

Worum es geht

Ein Fischschwarm braucht keinen Dirigenten. Mit diesem Bild erklärt der Leipziger Medienforscher Uwe Krüger im Januar 2017, warum deutsche Leitmedien bei manchen Themen gleich klingen, ohne dass jemand sie gleichschaltet. Seine These: Der Gleichklang entsteht, wenn sich Redaktionen an den Debatten der Eliten ausrichten und diese Eliten anders denken als die Bevölkerung. Er prüft das an drei Fällen, dem Maidan, der griechischen Schuldenkrise und dem Herbst 2015. Der Vortrag stammt aus der Zeit, als „Lügenpresse“ salonfähig wurde. Diese Note liest ihn neun Jahre später nach: Gerichte haben inzwischen über den Maidan und Odessa geurteilt, und der russische Angriff von 2022 hat seine These einem harten Test unterzogen. Vieles trägt. An einer Stelle übersieht Krügers eigenes Raster die Menschen, um die es geht.

Quelle: Aufgaben einer kritischen Journalistik | Dr. Uwe Krüger — Vortrag „Innenkonform statt außenplural? Über die Aufgaben einer kritischen Journalistik“ in der Ringvorlesung „‚Lügenpresse‘ — Medienkritik als politischer Breitensport“ der Universität Hamburg, Ende Januar 2017, aufgezeichnet von TIDE.tv (online seit 17.02.2017). Die Diskussion danach ist nicht mitgeschnitten.

Wer spricht?

Dr. Uwe Krüger (1978, Leipzig) — Journalismusforscher am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig, seit 2019 Koordinator des Zentrums Journalismus und Demokratie. Aufgewachsen in Borsdorf und auf Rügen, Diplom-Journalist, Volontär bei der Leipziger Volkszeitung, dann Redakteur bei Message unter Michael Haller, der auch seine Dissertation betreute. Aus ihr wurde Meinungsmacht (2013), eine Netzwerkanalyse von 219 leitenden Redakteuren, die die Satiresendung „Die Anstalt“ 2014 bundesweit bekannt machte. Für Mainstream (2016) bekam er den Günter-Wallraff-Preis für Journalismuskritik. Heute forscht er zu konstruktivem Journalismus, zur Klimawirkung von Werbung und zum Medienvertrauen in Sachsen (Von Lügenpresse und abgehobenen Eliten, 2025).

Einführung: Irene Neverla, Professorin für Journalistik an der Universität Hamburg, die die Ringvorlesung mit Volker Lilienthal verantwortete.

→ DenkerVita

Das Gespräch dazu

Im November 2017 saß Krüger bei Jung & Naiv (Folge 338) und sprach freier über die Netzwerke hinter seiner Dissertation, über Bilderberg, die Atlantik-Brücke und das Sozialkapital von Journalisten (Jung & Naiv 338; eine eigene Note folgt). Wo das Gespräch diesen Vortrag ergänzt, ist es unten eingewoben.


Alternative Fakten und ein Fischschwarm

0:48 — Der Abend beginnt in Washington. Wenige Tage vorher hatte Trumps Pressesprecher Sean Spicer behauptet, zur Amtseinführung seien so viele Menschen gekommen wie nie, und Kellyanne Conway hatte das „alternative Fakten“ genannt. Irene Neverla, die die Reihe leitet, nennt das „knallharte Sprachpolitik“ und denkt an Orwells Wahrheitsministerium3:55. So stand die Lage Anfang 2017: In Amerika wurde der Begriff der Tatsache selbst angegriffen, in Deutschland riefen Demonstranten seit drei Jahren „Lügenpresse“.

Krüger antwortet darauf mit einer Unterscheidung, die er bei seinem Lehrer Michael Haller gelernt hat. Es gibt die Ebene der Sachverhalte und die Ebene der Deutungen. Wie viele Menschen in Washington standen, lässt sich ermitteln, darüber kann man nicht streiten. Über die Deutung, die darauf aufsetzt, schon8:58. Die deutsche Vertrauenskrise hält er vor allem für einen Streit der zweiten Art:

„Ein Streit um Frames, um Rahmen, um Sinnhorizonte in der öffentlichen Diskussion.“ 9:45

Im Gespräch — 9:45

Von den Kampfbegriffen der Kritiker, „Lügenpresse“, „gleichgeschaltet“, „Systemmedien“, hält er fast nichts. Einen will er retten: „Mainstream“. Damit lasse sich ein Gespräch zwischen unzufriedenen Lesern und Redaktionen beginnen. Auf seiner Folie ist ein Fischschwarm zu sehen. Ein Schwarm schwimmt gleichförmig in eine Richtung, ohne dass ihn eine Instanz steuert10:31. Dass das Wort taugt, zeigt er an den Medienmachern selbst. Kai Gniffke, damals Chef von Tagesschau und Tagesthemen, räumte nach der Ukraine-Kritik ein, man sei womöglich „zu leicht dem Nachrichten-Mainstream gefolgt“. Die ARD-Vorsitzende Karola Wille versprach, Akteure und Meinungen „auch außerhalb von Mainstream-Korridoren“ aufzugreifen. Und Frank-Walter Steinmeier sagte als Außenminister im November 2014 vor Verlagsmanagern:

„Der Meinungskorridor war schon mal breiter. Es gibt eine erstaunliche Homogenität in deutschen Redaktionen, wenn sie Informationen gewichten und einordnen.“ 12:11

Im Gespräch — 12:11

Das Unbehagen hatten also nicht nur Pegida-Demonstranten, sagt Krüger, sondern auch der Außenminister beim Blick in seinen Pressespiegel. Steinmeiers Satz bekam später eine bittere Pointe: Er gehörte zu den deutschen Politikern, die am längsten an Brücken nach Moskau bauten, und räumte am 4. April 2022 ein, dass sein Festhalten an Nord Stream 2 ein Fehler gewesen sei (→ Faktencheck). Der breitere Korridor, den er sich wünschte, enthielt also genau die Position, die sich später als falsch erwies. Gegen einen breiten Korridor spricht das nicht. Ein breiter Korridor ist dafür da, dass Irrtümer auf jeder Seite auffallen.

Mainstream ohne Verschwörung

13:47 — Krüger dreht das Schlagwort um. Er spricht nicht von „Mainstream-Medien“, als gäbe es einen offiziösen Kern und ein alternatives Außen, sondern von einem „Medien-Mainstream“, einer Strömung, die zu bestimmten Zeiten durch die meisten großen Häuser geht. Die Süddeutsche, die FAZ, Bild, die Tagesschau und der Spiegel sind ja nicht homogen; jeder hat dort schon Artikel gelesen, die gegen den Strich bürsten. Die Kommunikationswissenschaft hat für den Gleichklang zwei Begriffe: Fokussierung, wenn alle dieselben Themen aufgreifen, und Konsonanz, wenn sie dazu auch noch dasselbe meinen15:22.

Dann sagt er etwas, das man von einem Medienkritiker nicht erwartet. Mainstream sei nicht per se schlecht. Ein Thema lasse sich politisch erst bearbeiten, wenn öffentlicher Druck entsteht, und es sei gut, dass der menschengemachte Klimawandel nach Jahrzehnten und gegen „milliardenschwere Anstrengungen der Öl- und Autolobby“ endlich im Mainstream angekommen ist16:07. Er will den Begriff wertfrei und analytisch verwenden, ausdrücklich, „um auch den Druck aus dem Kessel zu nehmen“.

Woher der Gleichklang kommt, erklärt er in Schichten17:39. Journalisten haben dieselben Nachrichtenfaktoren gelernt und wählen deshalb ähnlich aus. Sie lesen einander, weil sie anschlussfähig bleiben wollen. Sie hängen an denselben Agenturen und Pressemitteilungen. Und dann seine Hauptthese:

„Ein Mainstream kann dann zustande kommen, wenn man sich gemeinsam am Diskurs von Eliten orientiert.“ 19:13

Im Gespräch — 19:13

Zwei Theorien: Filter und Index

19:59 — Für die These stellt er zwei amerikanische Theorien vor, eine radikale und eine gemäßigte. Die radikale ist das Propagandamodell von Edward Herman und Noam Chomsky (1988). Eine Nachricht muss danach fünf Filter passieren, bevor sie in einem großen Medium erscheint: die Interessen der Eigentümer, die der Werbekunden, die der immer wiederkehrenden Quellen, das „Flak-Feuer“ aus Beschwerden und Klagen und eine herrschende Ideologie, damals der Antikommunismus, der jede Debatte auf „für uns oder gegen uns“ verengte. Krüger bringt deutsche Belege. 2008 enthüllte der Stern, dass Lidl seine Kassiererinnen bespitzeln ließ; Bild, damals eng mit Lidl als Anzeigenkunde verbunden, brachte den Skandal in einer Zehnzeilen-Meldung und danach ein großes, freundliches Interview mit den Lidl-Chefs20:45. 1971 brach dem Spiegel nach einer Kampagne aus Wirtschaft und Konkurrenz rund ein Fünftel der Anzeigen weg (Krüger nennt zehn Millionen Mark), nachdem Linke im Haus einen kapitalismuskritischen Kurs im Redaktionsstatut verankern wollten. Augstein entließ fünf von ihnen22:18.

Wichtig ist ihm, was das Modell nicht behauptet. Es beschreibe keine Verschwörung und keine Steuerung per Telefonanruf, sondern „Ideologiediffusion durch Marktmechanismen und durch gut sozialisierte Personen, die an den richtigen Stellen sitzen“24:34.

Die gemäßigte Theorie ist Lance Bennetts Indexing-Hypothese: Große Medien bilden ungefähr das Meinungsspektrum ab, das in Parlament und Regierung herrscht. Am stärksten greife diese Norm, „wenn es um die Wurst geht“, bei Krieg und Frieden und bei der Weltwirtschaft26:06. Krüger hält das nicht für verwerflich. Politiker sind gewählt, Journalisten nicht, und ein gemeinsamer Diskurs zerfasert nicht. Problematisch werde Indexing erst, wenn der Elitendiskurs nicht mehr alle relevanten Argumente enthält. Dafür zitiert er das Spiegel-Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1966: Die Presse fasse die „in der Gesellschaft und ihren Gruppen unaufhörlich sich neu bildenden Meinungen und Forderungen kritisch zusammen“ und trage sie an die Staatsorgane heran28:22. Die Presse soll also eine Verbindung sein, zwischen oben und unten, und kein Spiegel, der nur das Oben zeigt.

Drei Klüfte zwischen Eliten und Bevölkerung

29:07 — Wo kracht es also? Krüger zeigt drei Themen, bei denen Eliten und Bevölkerung auseinanderliegen. Das erste ist die Einwanderung. Er zeigt eine Grafik aus der Elitestudie des Wissenschaftszentrums Berlin, die rund 350 Entscheidungsträger aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung, Militär, Justiz und Medien mit der Bevölkerung verglich. Krüger liest die Balken als Prozente: 79 zu 53 bei der Aussage, Einwanderung „bereichert das Zusammenleben“, 96 zu 50 bei der Forderung, jeden kommen zu lassen, „solange Arbeitsplätze vorhanden sind“29:52. Tatsächlich zeigt die Grafik Mittelwerte auf einer Skala von null bis eins, und die Bevölkerungsdaten stammen von 2006 und 2010. Die Kluft selbst ist echt: Bei der Arbeitsmigration stimmten fast alle Befragten der Elite zu, in der Bevölkerung etwa die Hälfte. Den Aufstieg der AfD liest er auch als Folge dieser Kluft.

Die zweite sind Auslandseinsätze der Bundeswehr. Zwischen September 2009 und April 2010 wollten 57 bis 70 Prozent der Deutschen die Truppe möglichst schnell aus Afghanistan abziehen, während der Bundestag das Mandat mit breiter Mehrheit verlängerte, gegen die Stimmen der Linken31:24. In Umfragen nannte die Hälfte den Frieden als wichtigstes Ziel der Außenpolitik und nur 22 Prozent die Sicherheit; in der Politik hört man das Wort Sicherheit ständig, das Wort Frieden selten.

Die dritte ist das Verhältnis zu Russland und Amerika. Im Frühjahr 2014, nach der Annexion der Krim, fragte Infratest dimap für die ARD, wo Deutschland stehen solle. 45 Prozent sagten: fest im westlichen Bündnis. 49 Prozent wollten eine mittlere Position zwischen dem Westen und Russland32:56. „Es sind beileibe nicht nur die Ossis“, sagt Krüger, der selbst einer ist. Mit der Krim begann es in den Kommentarspalten zu „rumsen“, wie es Bernd Ulrich von der Zeit beschrieb.

Weitergedacht

Eine Elite, die bei der Einwanderung liberaler denkt als die Bevölkerung, und eine Elite, die bei Auslandseinsätzen militärischer denkt als die Bevölkerung: Das sind zwei Kluften in entgegengesetzte Richtungen. Ist das ein gemeinsamer Elitendiskurs, oder sind es verschiedene Milieus, die sich nur in ihrer Ferne zur Bevölkerung gleichen?

Der Euromaidan in Tagesschau und heute

34:27 — Dann die Ukraine. Krüger erzählt den Winter 2013/14 knapp nach: Janukowitsch lehnt das Assoziierungsabkommen mit der EU ab, die Proteste wachsen, werden gewalttätiger, es folgen brennende Barrikaden und Scharfschützen. Die Außenminister Deutschlands, Polens und Frankreichs vermitteln einen Vertrag, Teile der Opposition erkennen ihn nicht an, Janukowitsch flieht, das Parlament setzt ihn ab. Krüger nennt das, „kann man schon sagen“, einen Umsturz35:58.

Seine Masterstudentin Anna Mundt hat ausgezählt, wer zwischen Ende November 2013 und Ende Februar 2014 in Tagesschau und heute im O-Ton zu Wort kam. Prowestliche Stimmen sprachen 20 Minuten, prorussische 4 Minuten und 44 Sekunden. Den größten Anteil hatten einfache Demonstranten mit fast neun Minuten, danach Vitali Klitschko mit fast sieben, der im deutschen Fernsehen als der Oppositionsführer erschien, obwohl er einer von mehreren war. Der amtierende Präsident Janukowitsch kam auf eine Minute 3537:28.

Dazu kommen Auffälligkeiten, die er aufzählt. Die Morde der Scharfschützen seien ohne Belege der Regierung angelastet worden, obwohl Recherchen nahelegten, dass viele Schüsse aus Gebäuden kamen, die der Rechte Sektor hielt38:13 (das Kiewer Urteil von 2023 sieht vor allem die Berkut → Faktencheck). Was Putin in der Ukraine tat, sei genau beobachtet worden, was westliche Akteure taten, kaum: Dass Angela Merkel Klitschko unterstützte, habe niemand nach den Interessen dahinter befragt. Das Feuer im Gewerkschaftshaus von Odessa im Mai 2014, für das „der Rechte Sektor“ verantwortlich gewesen sei, habe die Tagesschau wie einen bedauerlichen Unfall dargestellt38:58 (der EGMR fand weder einen Unfall noch allein den Rechten Sektor → Faktencheck). Entführte Bundeswehroffiziere hießen tagelang fälschlich OSZE-Beobachter. Eine Mordserie an prorussischen Politikern und Publizisten in der Ukraine kam viel seltener vor als der Mord an Boris Nemzow in Moskau (berichtet wurde, nur kleiner → Faktencheck):

„Also in zwei Ländern wurden Oppositionelle erschossen, aber in Moskau war das ein großes Thema für uns, in Kiew nach dem Umsturz war es kein Thema für uns. Man kann das als doppelten Standard bezeichnen.“ 40:28

Im Gespräch — 40:28

Den Krieg im Donbass, sagt der frühere BR-Hörfunkdirektor Johannes Grotzky, habe das deutsche Fernsehen „praktisch nicht abgebildet“, während Russia Today ukrainische Geschütze, die in Wohngebiete von Donezk feuerten, in Dauerschleife zeigte. Krügers Befund: Die Rollen waren klar verteilt, gut gegen böse, und was nicht ins Schema passte, wurde „tendenziell ignoriert oder so verpackt, dass man Verantwortlichkeiten nicht gesehen hat“41:14.

Für die Ursachen nennt er drei Kandidaten42:00. Klitschko sprach Deutsch und versorgte deutsche Reporter mit O-Tönen; so wurde aus einem Trio ein Star. Die Indexing-Norm: Der damalige Handelsblatt-Chef Gabor Steingart, selbst nicht auf Linie, schrieb, westliche Medien und Politik seien in dieser Frage „eins“. Und eine unterschwellige Parteilichkeit durch westliche Prägung und Vernetzung. Hier zeigt er das Netzwerk aus seiner Dissertation43:30: Leitende Redakteure von Zeit, Süddeutscher, FAZ und Welt saßen in Organisationen wie der Atlantik-Brücke, der Münchner Sicherheitskonferenz, der Trilateralen Kommission oder dem Aspen-Institut, zusammen mit Eliten aus Politik und Wirtschaft.

Um diesen Befund wurde heftig gestritten. Der Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger rechnete 2014 nach: Von 219 leitenden Journalisten hatten 64 in acht Jahren 164 Verbindungen zu 82 Organisationen, im Schnitt also weniger als eine pro Kopf (EJO, „Meinungsmache statt Macht“). Krüger habe Nähe „umstandslos mit Vereinnahmung“ gleichgesetzt und keinen Kausalzusammenhang belegt. Krüger antwortete, Transparenz verhindere keinen Interessenkonflikt, und seine Hypothesen hätten sich aus der Netzwerkanalyse ergeben (EJO, Krügers Antwort). Im Gespräch mit Jung & Naiv räumte er den Kern der Kritik selbst ein. Es könne sein, dass die Journalisten „vorher schon so gedacht haben und deswegen dann erst eingeladen wurden“ (J&N ▶ 22:54), und ob die Netzwerke die Meinung formen, sei „am Ende nicht beantwortbar“ (J&N ▶ 34:18). In diesem Vortrag sagt er es vorsichtiger als im Titel seines Buches: Es „mag sein“, dass Ressortleiter transatlantischer eingestellt sind als die Bevölkerung.

Eigene Einschätzung

Krügers Zählung ist eindrucksvoll, aber ihr Raster hat einen blinden Fleck, und der ist größer als jeder einzelne Messfehler. Es kennt nur zwei Töpfe, prowestlich und prorussisch. Die Ukrainer selbst kommen darin nur als Zubehör vor. Die neun Minuten der Demonstranten zählen zum „prowestlichen“ Konto, als hätten die Menschen auf dem Maidan dort für Brüssel gestanden und nicht für sich. Bei einem Massenprotest kommen eben die Leute auf dem Platz zu Wort; Ausgewogenheit lässt sich nicht mit der Stoppuhr messen. Wer die Ukraine nur als Spielfeld zwischen dem Westen und Russland beschreibt, teilt die Optik, die er bei anderen kritisiert. Es ist auch die Optik des Kremls. Man kann für oder gegen die Unterstützung der Ukraine sein. Über die Ukrainer hinweg zu streiten, als hätten sie keine eigene Stimme, ist dagegen ein Fehler, den Leitmedien und ihre Kritiker teilen (→ Nachbesprechung).

Hallers Unterscheidung trennt außerdem 2014 von 2022. Über den Maidan wurde vor allem um Deutungen gestritten: wer das Volk war, wer putschte, wer schoss. Der 24. Februar 2022 ist ein Sachverhalt. Wer Krügers Kritik an der Berichterstattung von 2014 teilt, hat damit für den Angriffskrieg nichts in der Hand. Erklären, wie es dazu kam, heißt nicht, ihn zu rechtfertigen.

Griechenland: über Varoufakis, ohne Varoufakis

45:02 — Der zweite Fall ist die griechische Schuldenkrise von 2015. Im Januar wählen die Griechen die linke Syriza-Regierung unter Alexis Tsipras mit Yanis Varoufakis als Finanzminister, die sich gegen die Auflagen der Troika wehrt. Nach einem halben Jahr knickt sie ein, Varoufakis tritt zurück. Kim Otto und Andreas Köhler haben in zwei Studien rund 1.500 Presseartikel und, für die Otto Brenner Stiftung, alle Hauptnachrichten von ARD und ZDF aus diesem Jahr untersucht46:34. Über die griechische Regierung wurde viel gesprochen, sie selbst kam kaum zu Wort, „ähnlich wie die prorussischen Akteure beim Euromaidan“. Wurden ihre Mitglieder mit Adjektiven bewertet, dann überwiegend negativ. Es dominierte „die Perspektive aus Berlin und aus Brüssel“.

Wie so etwas im Alltag entsteht, zeigt er an einer Programmbeschwerde48:04. Im heute-journal hatte Korrespondentin Anne Gellinek berichtet, die Griechen hätten sich auf keinem Feld bewegt und sich sogar geweigert, ihre hohen Militärausgaben zu kürzen. Die Beschwerde hielt dagegen, Athen habe eine Kürzung des Militärhaushalts um 200 Millionen Euro angeboten, wie Spiegel Online und n-tv meldeten. Belegt ist das Angebot spätestens für Ende Juni; die Gläubiger verlangten 400 Millionen. ZDF-Intendant Thomas Bellut antwortete, die Reporterin habe sich auf mehrere Quellen aus dem Verhandlungskreis gestützt. Krüger trifft den Punkt genau:

„Das Problem war aber wahrscheinlich, dass diese Quellen nicht voneinander unabhängig waren, beziehungsweise dieselben Interessen hatten.“ 49:34

Im Gespräch — 49:34

Zwei Quellen derselben Seite bestätigen keine Tatsache, sie bestätigen nur die Haltung dieser Seite. Dazu kommt, was Krüger als Korrespondentennähe beschreibt: Wer jahrelang in Brüssel mit denselben Diplomaten arbeitet, nähert sich ihrer Perspektive an, und ein Gegner Brüssels erscheint dann auch ihm als Bedrohung50:23. Wer abweicht, wird nicht mehr zu Hintergrundkreisen eingeladen oder auf Reisen mitgenommen. Und vielleicht, sagt Krüger, gab es die bewusste oder unbewusste Identifikation mit der guten Seite: gemeinsam mit der politischen Elite als gute Europäer gegen eine verantwortungslose Regierung, die den Euro bedroht51:10.

Weitergedacht

Krüger erklärt die Einseitigkeit über Griechenland mit der Nähe der Korrespondenten zu Brüssel. Wäre ein Korrespondent, der jahrelang in Athen säße, gegen dieselbe Annäherung gefeit, oder würde er nur die Seite wechseln, der er zu nahe kommt?

Refugees Welcome und die Wende nach Köln

51:56 — Der dritte Fall ist der Herbst 2015. Zwei Wochen lang kamen täglich acht- bis zehntausend Menschen über die deutsche Grenze, und Zeit, Tagesthemen und sogar Bild waren sich einig: Refugees Welcome. Dieselbe Bild-Zeitung hatte Anfang der neunziger Jahre noch geschrieben, das Boot sei voll. Der Medienkritiker Stefan Niggemeier sah sich mit einem Jahr Abstand die Tagesthemen an (Übermedien) und fand, dass sie keine politischen Alternativen vermittelten und oft die Perspektive der Flüchtlinge einnahmen statt die der Einheimischen. „Ob das jetzt gut oder schlecht ist, sei dahingestellt“, sagt Krüger, „ich konstatiere das jetzt erstmal“52:43.

Die Bilder zeigten oft Frauen und Kinder. Kritiker hielten dagegen, die meisten seien junge Männer, und ARD-aktuell-Chef Gniffke gab ihnen im Oktober 2015 recht: Kameraleute suchten Familien mit Kindern, Kinder wecken mehr Gefühl. Die Asylstatistik gibt beiden nur halb recht. Gut zwei Drittel der Erstantragsteller waren Männer, fast ein Drittel Minderjährige, Männer zwischen 18 und 29 knapp ein Drittel. Ein FAZ-Korrespondent in London bemerkte, dass BBC und ARD an der ungarischen Grenze verschiedene Bilder wählten: Die BBC, in einem Land mit Abschottungspolitik, zeigte Männer, die Tore eintraten und Steine warfen; die ARD Frauen und Kinder auf der Flucht vor Tränengas54:14. Die Bildauswahl folgte also der Linie der jeweiligen Regierung. Sorgen der Einheimischen vor Kontrollverlust, vor kulturellen Konflikten oder vor Konkurrenz um Wohnungen und Sozialleistungen spielten im Herbst 2015 keine Rolle. Dann kam die Silvesternacht in Köln:

„Man kann dann sagen, der Fischschwarm ist sozusagen dann einfach in eine andere Richtung abgebogen. Aber das Phänomen des Mainstreams konnte man da sozusagen beobachten.“ 55:00

Im Gespräch — 55:00

Das ist die vielleicht wichtigste Beobachtung des Abends. Der Schwarm ist gleichförmig, aber er hat keine feste Richtung. Wer im Mainstream eine Verschwörung sieht, müsste erklären, warum dieselbe Verschwörung binnen weniger Wochen um 180 Grad dreht.

Ein Beispiel für gut gemeinte Einseitigkeit nennt er „besonders krass“: Mitte August 2015 brachten die Tagesthemen einen Schwarz-Weiß-Beitrag mit sentimentalem Klavier, in dem Udo Lindenberg und andere Künstler die Deutschen baten, ihre Herzen zu öffnen55:46. In einer Hauptnachrichtensendung habe das wie Überreden gewirkt, „vielleicht sogar“ wie moralische Erpressung, und Trotz erzeugt. Der frühere ZDF-Büroleiter Wolfgang Herles schrieb, in besonderen Zeiten werde das ZDF zum „Gesinnungssender“, so sei es schon nach der Wiedervereinigung gewesen.

Als weitere Ursache nennt Krüger die Herkunft der Journalisten57:23. Nach einer Milieustudie gehörten 43 Prozent der Journalisten dem liberal-intellektuellen Milieu an, das nur zehn Prozent der Bevölkerung ausmacht, und 22 Prozent dem postmodernen (Bevölkerung: fünf Prozent). Traditionelle, kleinbürgerliche und prekäre Milieus waren unterrepräsentiert. Krüger sagt selbst, wie dünn der Beleg ist: Die Studie stammt von 1999 und erfasste nur bayerische Journalisten, „aber es ist alles, was wir haben“59:52. In Redaktionskonferenzen würden andere Fragen gestellt als in den Milieus, die dort fehlen.

Weitergedacht

Im Herbst 2015 nahmen die Bilder die Perspektive der Flüchtlinge ein, nach Köln die Perspektive der Angst. Gab es zwischen diesen beiden Schwarmrichtungen je einen Moment, in dem die Berichterstattung beides zugleich zeigte, und wer hätte ihn gebraucht?

Was eine kritische Journalistik messen sollte

61:29 — Am Ende wendet sich Krüger an sein eigenes Fach. Kritische Journalistik solle den Mainstream messen und dafür „den Schritt vom Text zum Kontext“ gehen, und Kontext heiße: vergleichen. Mit dem Parlament etwa: Amerikanische Studien verglichen das Meinungsspektrum der New York Times mit dem Congressional Record und fanden, dass die Zeitung nicht einmal die Debatte im Kongress vollständig abbildete, die Opposition hatte schlechte Karten62:16. Mit den Leserkommentaren: Unter den Artikeln über den Wahlerfolg der AfD 2013, damals noch eine Anti-Euro-Partei, kamen die Argumente zu Wort, die in der Berichterstattung fehlten.

Bemerkenswert sind die Studien, die er für den Propagandafilter anführt, weil sie das Modell auch begrenzen. 2010 untersuchten Forscher, wie Zeitungen über den Post-Mindestlohn berichteten, an dem einige Verlage über die PIN Group selbst Interesse hatten. Ergebnis: Eine Zeitung mit Geschäftsinteressen war dagegen, eine andere mit denselben Interessen dafür, je nach ihrer publizistischen Grundhaltung. „Die Ideologie der Zeitung ging vor den Eigennutz ihrer Eigentümer“64:03. Eine Dresdner Studie von 2014 fand dagegen bei Spiegel und Focus: Je mehr Anzeigen ein Unternehmen schaltete, desto häufiger und freundlicher wurde über es berichtet. Ob die Werbebudgets die Redaktionen korrumpiert haben oder eine dritte Größe dahintersteht, lasse sich nicht sagen65:10.

Als Vorbilder nennt er Hans Magnus Enzensbergers Vergleich der FAZ mit zehn ausländischen Zeitungen von 1961, der Leerstellen in der Berichterstattung über den Kongo-Krieg aufdeckte, und eine Münchner Studie, die CNN, BBC, France 24, Russia Today, Telesur und Al Jazeera verglich und fand, dass jeder Sender die Welt nach den Interessen seines Landes und seiner Eigentümer zeigt66:54. Man könne auch prüfen, welche Menschenrechtsverletzungen aus den Jahresberichten von Amnesty es in die Tagesschau schaffen. Den Einwand des Kommunikationswissenschaftlers Winfried Schulz von 1976, Medienrealität lasse sich nicht an einer Realität falsifizieren, weil auch Statistiken nur Auswahl und Deutung seien, nimmt er ernst. Er will nicht zu einem naiven Realismus zurück, aber zum Vergleich69:21. Sein Schluss:

„Keine ideologische, keine Forschung, die vorher schon weiß, wie das Ergebnis sein soll, aber Forschung, die Macht thematisiert, die Interessen thematisiert.“ 70:08

Im Gespräch — 70:08

Die doppelten Standards, die er sucht, beschreibt er bei Jung & Naiv an einem Beispiel: Bombardiert Russland in Syrien ein Krankenhaus, wird das dem Präsidenten angelastet; trifft eine amerikanische Bombe ein Krankenhaus in Afghanistan, sind es „verwirrende Begleitumstände“ und Fehler auf unterer Ebene (J&N ▶ 29:44). Bewusst angelegt seien solche Standards selten. Wer morgens aufstehe und davon ausgehe, dass die Amerikaner die Guten sind und die Russen die Bösen, sortiere bei der Recherche einfach anders aus.

Eigene Einschätzung

Das Plädoyer ist das Stärkste am Vortrag, weil es sich prüfen lässt und weil es auch für Krüger selbst gilt. Bei Odessa und den Maidan-Schützen übernimmt er Deutungen, die damals umstritten waren und es zum Teil geblieben sind. Neun Jahre später haben Gerichte geurteilt, und ihre Urteile fallen in beide Richtungen aus (→ Faktencheck). Daran zeigt sich, was sein eigener Maßstab verlangt: Eine Medienkritik bleibt glaubwürdig, solange sie sich korrigieren lässt. Und die Studie zum Post-Mindestlohn zeigt, dass das Propagandamodell zu grob ist, wo die Haltung einer Redaktion stärker wirkt als das Interesse ihres Besitzers.

Weitergedacht

Krüger will Medien an Amnesty-Berichten, Parlamentsprotokollen und ausländischen Sendern messen. Welcher dieser Maßstäbe ist selbst frei von dem, was er misst, und braucht eine kritische Journalistik am Ende einen Vergleich, den es nicht gibt?


Nachbesprechung

Der Vortrag endet 2017. Zwei seiner Fragen haben sich seitdem weiterbewegt.

Sachverhalt oder Deutung: was die Kritik von 2014 über 2022 sagt

Krüger beginnt den Abend mit Hallers Unterscheidung und verliert sie später an zwei Stellen aus dem Blick. Tatsachen lassen sich ermitteln, über Deutungen kann man streiten. Seine Kritik an der Ukraine-Berichterstattung von 2014 bewegt sich zum größten Teil auf der zweiten Ebene: wer spricht, wer fehlt, welcher Rahmen gilt, welche Frage nicht gestellt wird. Dort hat sie teils Rückhalt bekommen, teils Widerspruch. Kinza Khan untersuchte 548 Artikel der deutschen Presse vom Februar und März 2014 (Maidan, Krim und Russland, Nomos 2022). Sie fand wenig inhaltliche Breite und Tiefe zur Ukraine selbst, aber keine einseitige Presse: Rund 60 Prozent der Deutungsrahmen waren russlandkritisch, für und gegen Sanktionen wurde etwa gleich stark argumentiert, und die Rolle ultrarechter Kräfte in der Ukraine, die nach Krüger „unter den Tisch“ fiel, kam regelmäßig vor (Heiko Pleines, Ukraine-Analysen 289). In den Talkshows lag das Gewicht sogar umgekehrt: Gäste, die Entspannung mit Russland forderten, waren klar in der Mehrheit, und russische Staatsbürger saßen doppelt so oft im Studio wie ukrainische (Burkhardt, Ukraine-Analysen 135). Eine Vergleichsstudie über Zeitungen aus dreizehn europäischen Ländern maß vor allem Aufmerksamkeit und fand, dass die Blätter sich um Einordnung bemühten (Fengler et al. 2018, doi:10.1177/1464884918774311). Krügers Befund aus den Nachrichtensendungen bleibt damit ein Ausschnitt, kein Gesamtbild.

An zwei Stellen geht Krüger auf die Ebene der Tatsachen, und dort haben inzwischen Gerichte geurteilt. Zu den Maidan-Schüssen verurteilte ein Kiewer Gericht im Oktober 2023 einen früheren Berkut-Kommandeur in Abwesenheit zu lebenslanger Haft und zwei weitere Beamte zu je 15 Jahren; für einige Opfer konnte es die Schützen nicht der Polizei zuordnen (Ukrainska Pravda; Slidstvo.info). Der Politologe Ivan Katchanovski liest das Urteil als Bestätigung einer Operation unter falscher Flagge aus den Reihen des Maidan; das ist seine Lesart, das Gericht hat darüber nicht verhandelt. Krügers Satz von 2017, die Schüsse seien „zum großen Teil“ aus Gebäuden des Rechten Sektors gekommen, deckt das Urteil nicht. Zu Odessa entschied der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte im März 2025, dass die Ukraine das Recht auf Leben verletzt hat: Die Feuerwehr rückte auf Anweisung ihres Leiters rund vierzig Minuten lang nicht aus, die Polizei half nicht bei der Evakuierung, und noch in der Nacht ließen die Behörden den Tatort reinigen, statt ihn zu sichern. Das Feuer selbst brach aus, als beim gegenseitigen Werfen von Molotowcocktails die Barrikade am Eingang des Gewerkschaftshauses Feuer fing; begonnen hatte der Tag mit einem Angriff von Anti-Maidan-Aktivisten auf einen Marsch, bei dem sechs Menschen erschossen wurden. Zugleich hielt das Gericht fest, dass die prorussische Bewegung stark von aggressiver Desinformation getragen war (EGMR, Vyacheslavova u. a. gegen Ukraine; Columbia Global Freedom of Expression). Ein „Unfall“ war Odessa also nicht, und „der Rechte Sektor war's“ greift ebenso zu kurz. Die Tatsachen widersprechen beiden Erzählungen von 2014.

Am 24. Februar 2022 verschiebt sich das Verhältnis. Ein Überfall mit Panzern über eine Staatsgrenze ist eine Tatsache, keine Deutung. Die Studie von Marcus Maurer, Jörg Haßler und Pablo Jost über 4.292 Beiträge der ersten drei Kriegsmonate fand, dass die Leitmedien die Verantwortung eindeutig bei Russland sahen, in 93 Prozent der Beiträge allein dort (Maurer, Haßler & Jost 2023, doi:10.31205/UA.289.01). Das ist auf dieser Ebene kein Mainstream, sondern Berichterstattung. Gestritten wurde über die Deutung, Waffen oder Verhandlungen, und dort sahen die Forscher den Schwarm wieder: Die meisten Medien plädierten eher für Waffenlieferungen. Die Kluft zur Bevölkerung war aber kleiner als 2014. Vor dem Krieg waren 71 Prozent der Deutschen gegen Waffenlieferungen, im März 67 Prozent dafür; bei schweren Waffen kippte die Mehrheit im April. Und die Medien folgten nicht der Regierung, sie bewerteten Kanzler Scholz überwiegend negativ. Bennetts Indexing erklärt das nur halb.

Für die Medienkritik heißt das: Wer 2014 zu Recht misstraute, wie gedeutet wurde, hat damit noch keinen Grund, 2022 an den Tatsachen zu zweifeln. Misstrauen wird blind, wenn es von den Deutungen auf die Tatsachen übergreift. Es wird auch auf der anderen Seite blind: Wer Krüger wegen seiner Odessa-Sätze ganz verwirft, überliest den Befund zur Redezeit und zu den doppelten Standards, der hält. Die Probe ist dieselbe, die das Panorama vorschlägt: wer sich korrigiert.

→ Weiter im Panorama: Wann wird Misstrauen blind?, mit Mausfeld, El-Mafaalani, Luhmann und Popper.

Wer im eigenen Krieg spricht

Krügers Zählung hat zwei Töpfe, prowestlich und prorussisch, und die meisten Leitmedien, die er kritisiert, hatten im Grunde dieselben. Gestritten wurde darüber, welcher Topf zu voll war. Dass beide Seiten über die Ukraine sprachen statt mit ihr, fiel dabei kaum auf. Die Vergleichsstudie über dreizehn europäische Länder fand, dass Russland in allen untersuchten Zeitungen die Agenda bestimmte (Fengler et al. 2018, doi:10.1177/1464884918774311). Heiko Pleines von der Forschungsstelle Osteuropa beschrieb 2023, dass sich die deutsche Debatte noch immer vor allem damit beschäftigte, grobe Fehleinschätzungen zu korrigieren, zu Russlands Motiven, zum Völkerrecht, zur Sprache und zum Rechtsextremismus in der Ukraine. Die Fragen, die das Land selbst betreffen, wie es die Zerstörung übersteht und welche Sicherheitsordnung es zum Weiterleben braucht, fänden sich eher in Fachzeitschriften als in den Medien (Ukraine-Analysen 289).

Was die Ukrainer selbst wollen, lässt sich messen, wenn auch unscharf. Vor dem Maidan war ein NATO-Beitritt ein Minderheitswunsch: Im Oktober 2013 waren nach einer Umfrage der Rating Group 20 Prozent dafür und zwei Drittel dagegen (Umfragereihe). Im Mai und Juni 2023 wollten nach dem Kiewer Internationalen Institut für Soziologie (KIIS) 89 Prozent in die NATO (Ukrinform). Die Fragen waren verschieden formuliert, die Richtung ist trotzdem eindeutig, und sie widerspricht der Erzählung, der Westen habe die Ukraine nach Westen gezogen: Gewachsen ist die Zustimmung jedes Mal, nachdem Russland angegriffen hatte, 2014 und noch einmal 2022. Ende 2025 lehnten 53 Prozent jede Gebietsabtretung ab, 33 Prozent waren für einen Frieden zu manchen Zugeständnissen bereit; ein Einfrieren der Front ohne rechtliche Anerkennung der Besetzung würden 39 Prozent hinnehmen (KIIS via Rubryka). Im September 2026 wollten 75 Prozent Verhandlungen, und 69 Prozent würden einen Waffenstillstand entlang der Front mittragen, solange die Besetzung nicht anerkannt wird; KIIS liest das als Bereitschaft zum Kompromiss, nicht zur Kapitulation (DW, 08.10.2026). Die Stimmung bewegt sich, und sie bewegt sich in der Ukraine selbst.

Diese Zahlen haben eine Grenze, die man mitdenken muss. Gefragt wird per Telefon und nur in den Gebieten, die Kiew kontrolliert; die Soldaten an der Front und die Millionen Geflüchteten fehlen weitgehend. Und das eigentliche Instrument, mit dem eine Bevölkerung sagt, ob sie einen Krieg weiter tragen will, ruht: Unter Kriegsrecht finden in der Ukraine keine Wahlen statt, auch die Präsidentenwahl vom Frühjahr 2024 nicht. Eine Mehrheit trägt diese Pause mit; 57 Prozent wollen erst nach einem Friedensabkommen wählen, 15 Prozent sofort (DW). Genau dann, wenn die Frage am dringendsten wäre, ist die Antwort am schwersten zu bekommen, und das liegt am Krieg, nicht an einem Mangel an Willen.

Für die Berichterstattung folgt daraus eine einfache Forderung, die Krüger selbst hätte stellen können: Zählt man die Stimmen, sollten die Ukrainer einen eigenen Topf bekommen. In dem wachsenden Panorama über Russland steht als offene Frage, wie es aussähe, wenn Ukrainerinnen, Balten und Georgier die Mehrheit der Stimmen stellten. Die Politologin Hanna Notte fordert dort, die Ukrainer sollten selbst erzählen. Wo über Waffenstillstand und Zugeständnisse verhandelt wird, sind es ihre Städte und ihre Toten.

→ Weiter im Panorama: Isolieren oder reden?, mit Hanna Notte und den Stimmen zu Sanktionen und Verhandlungen.


Faktencheck

Was Krüger 2017 behauptet

Bestätigt — Steinmeiers „Meinungskorridor“ und sein Nord-Stream-Eingeständnis

Steinmeier sagte die zitierten Sätze in seiner Festrede zum LeadAward am 14. November 2014, eingeleitet mit: „Wenn ich morgens manchmal durch den Pressespiegel meines Hauses blättere …“. Am 4. April 2022 sagte er in Berlin: „Mein Festhalten an Nord Stream 2, das war eindeutig ein Fehler.“ Quelle: l-iz.de, LeadAward 2014 · bpb/APuZ, Krüger: Medien im Mainstream · Euronews, 05.04.2022

Vereinfacht — Die Eliten-Umfrage

Die Quelle ist die WZB-Studie „Entscheidungsträger in Deutschland“ (Befragung 2011/12, 354 Personen aus elf Sektoren), ausgewertet von Céline Teney und Marc Helbling. Die Kluft gibt es: Dass jeder kommen dürfe, solange es Arbeit gibt, bejahen „nahezu alle“ Eliten und „rund die Hälfte“ der Bevölkerung. Krügers „79 zu 53“ und „96 zu 50“ sind aber keine Prozentwerte, die Grafik zeigt Mittelwerte auf einer Skala von 0 bis 1; der WZB-Bericht selbst nennt 90 Prozent Eliten-Zustimmung zu „bereichert das Zusammenleben“. Drei Dinge fehlen im Vortrag: Die Bevölkerungsdaten stammen aus dem World Values Survey 2006 und dem European Social Survey 2010. Vergleicht man Akademiker mit Akademikern, schrumpft die Kluft bei „bereichert“ erheblich. Und die begutachtete Fassung fand, dass transnationale Vernetzung die Haltung der Eliten nicht erklärt. Die Vereinfachung lässt die Kluft größer und das Netzwerk-Motiv tragfähiger erscheinen, als die Quelle hergibt. Quelle: Teney/Helbling, WZB-Mitteilungen 142 (2013) · WZB-Elitestudie 2013 · Teney & Helbling 2014, Zeitschrift für Soziologie, doi:10.1515/zfsoz-2014-0402 (Primärstudie, begutachtet)

Bestätigt — Afghanistan und die Westbindung

Im April 2010 wollten laut ARD-DeutschlandTrend rund 70 Prozent einen möglichst schnellen Abzug aus Afghanistan, während der Bundestag das Mandat mit breiter Mehrheit verlängerte. Die Infratest-dimap-Frage „fest im westlichen Bündnis oder mittlere Position zwischen Westen und Russland“ wurde am 31.03./01.04.2014 gestellt (1.006 Befragte); die Einzelwerte stehen hinter einer Bezahlschranke. Quelle: evangelisch.de, 16.04.2010 · Statista, Infratest dimap April 2014

Bestätigt — Lidl, Bild und der Spiegel 1971

BILDblog dokumentierte 2008, dass Bild den Stern-Bericht über die Lidl-Bespitzelung nur als kleine Meldung brachte; Lidl warb danach mit großen Anzeigen in Bild um Vertrauen. Augstein kündigte zwischen September 1971 und Januar 1972 fünf linken Redakteuren, nach einer Kampagne aus Wirtschaft und Konkurrenz, die den Spiegel rund 20 Prozent seines Anzeigenaufkommens kostete. Die zehn Millionen Mark ließen sich nicht unabhängig belegen, ebenso wenig, ob der Boykott oder der Machtkampf um die Mitbestimmung den Ausschlag gab. Quelle: BILDblog, „Kleine Meldung unter Freunden“ · taz, Interview Otto Köhler

Bestätigt — Anzeigen und Berichterstattung bei Spiegel und Focus

Die Dresdner Inhaltsanalyse aller Anzeigen des Jahres 2011 fand: Je mehr ein Unternehmen inserierte, desto häufiger und freundlicher wurde berichtet und desto mehr Produkte wurden genannt. Krügers Vorbehalt, die Ursache sei offen, ist korrekt. Die Post-Mindestlohn-Studie von 2010 ließ sich nicht auffinden; dass er sie anführt, obwohl sie sein eigenes Modell begrenzt, spricht für ihn. Quelle: Hagen, Flämig & In der Au 2014, Publizistik, doi:10.1007/s11616-014-0217-1 (Primärstudie)

Nicht unabhängig geprüft — Die O-Ton-Zählung zum Euromaidan

Die Zählung (20 Minuten prowestlich gegen 4:44 prorussisch) stammt aus einer Masterarbeit von Anna Mundt in Krügers Umfeld; laut Krügers Tätigkeitsverzeichnis erschien sie später gemeinsam mit ihm in einem Sammelband (Bucher [Hg.], Medienkritik, Halem 2020). Eine unabhängige Nachprüfung gibt es nicht. Was im Vortrag fehlt: Eine Auswertung der öffentlich-rechtlichen Talkshows von November 2013 bis April 2014 fand das umgekehrte Bild. Gäste, die Entspannung mit Russland forderten, waren klar in der Mehrheit, russische Staatsbürger wurden doppelt so oft eingeladen wie ukrainische, und in knapp einem Drittel der Sendungen sprach niemand ausdrücklich für die Ukraine. Quelle: Gegenbefund Burkhardt, Ukraine-Analysen 135, zusammengefasst bei Pleines, Ukraine-Analysen 289

Vereinfacht — Die Maidan-Schützen

Krüger sagt, die Schüsse seien „zum großen Teil“ aus Gebäuden des Rechten Sektors gekommen, gestützt auf Monitor (2014) und Ivan Katchanovski. Das Kiewer Urteil vom 18.10.2023 schreibt die Tötungen in der Institutska-Straße vor allem der Berkut zu: lebenslang für den früheren Vize-Kommandeur Janischewskyj, je 15 Jahre für zwei Beamte, alle in Abwesenheit. Nach Katchanovskis Auswertung hielt das Gericht zugleich fest, dass am Morgen Bewaffnete im Hotel Ukraina waren, das die Polizei nicht kontrollierte, und schloss für einige Opfer „unbekannte Personen“ nicht aus. Eine Zuordnung zum Rechten Sektor nimmt das Urteil nicht vor. Quelle: Ukrainska Pravda, 18.10.2023 · Slidstvo.info, Interview mit dem Richter · Gegenlesart: Katchanovski 2024, Springer

Vereinfacht — Odessa, 2. Mai 2014

„Der Rechte Sektor war's“ hält dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte nicht stand (Vyacheslavova u. a. gegen Ukraine, 13.03.2025). Die Gewalt begann mit einem Angriff von rund 300 Anti-Maidan-Aktivisten auf den Einheitsmarsch, sechs Menschen starben durch Schüsse, auf beiden Seiten. Danach räumten Maidan-Anhänger das Zeltlager. Das Feuer brach aus, als die Barrikade am Eingang des Gewerkschaftshauses beim gegenseitigen Werfen von Molotowcocktails Feuer fing; laut UN-Bericht gehörte zum Marsch nur ein kleines Kontingent des Rechten Sektors. Ein „Unfall“ war es aber auch nicht: Die Ukraine verletzte das Recht auf Leben, weil sie die Gewalt nicht verhinderte, die Feuerwehr erst rund 40 Minuten nach dem ersten Notruf kam und ungenügend ermittelt wurde. Das Gericht vermerkt auch die prorussische Desinformation, die die Lage anheizte. Quelle: EGMR, Urteil 13.03.2025 · Columbia Global Freedom of Expression

Bestätigt — „OSZE-Beobachter“ in Slawjansk (April 2014)

Die festgesetzten Offiziere gehörten nicht zur zivilen OSZE-Mission, sie waren als Militärbeobachter nach dem Wiener Dokument auf Einladung Kiews im Land. Die Bezeichnung war ungenau, aber nicht frei erfunden, denn das Wiener Dokument ist ein OSZE-Instrument. Quelle: Salzburg24 (APA), April 2014

Vereinfacht — Die Morde an Maidan-Gegnern

Die Morde gab es: Der Ex-Abgeordnete Oleh Kalaschnikow wurde am 15.04.2015 erschossen, der Publizist Oles Busina am 16.04.2015, davor gab es eine Serie von Todesfällen früherer Politiker der Partei der Regionen. „Fast gar nichts gehört“ stimmt aber nicht, der Spiegel titelte „Mordserie an Maidan-Gegnern“, auch Zeit, Stern, Focus und taz berichteten. Als Vergleich der Gewichtung mit Nemzow trägt Krügers Punkt, als Aussage über Verschweigen nicht. Quelle: Spiegel, 17.04.2015 · Stern

Bestätigt — Griechenland in Tagesschau und heute

Die OBS-Studie „Die Griechen provozieren!“ (Otto, Köhler, Baars, 2016) bestätigt Krügers Befunde: Die griechische Regierung hatte nur in 10 Prozent der Beiträge einen O-Ton, die deutsche mehr als doppelt so oft; sie wurde zehnmal öfter kritisiert als gelobt; die Trennung von Nachricht und Meinung wurde verletzt. Krüger verschmilzt dabei zwei Studien: Die Fernsehanalyse entstand für die OBS, die Presse hatten Otto und Köhler zuvor untersucht. Quelle: Universität Würzburg, 08.09.2016

Vereinfacht — Gellinek und die 200 Millionen

Die Programmbeschwerde ist dokumentiert. Gellinek sagte im heute-journal vom 14.06.2015, Athen habe sich geweigert, die Militärausgaben zu kürzen; ob das Angebot zu diesem Zeitpunkt schon vorlag, ist offen. Belegt ist es für Ende Juni: Die Gläubiger forderten 400 Millionen, Athen bot 200. Beide Darstellungen verkürzen. „Geweigert zu kürzen“ war falsch, „Kürzung angeboten“ verschweigt, dass es die Hälfte des Geforderten war. Krügers methodischer Punkt, dass Quellen derselben Seite nichts bestätigen, bleibt richtig. Quelle: Ständige Publikumskonferenz · Spiegel, 26.06.2015

Bestätigt — Bild und das „Boot“, Niggemeier und Lindenberg

Bild titelte 1992: „Fast jede Minute ein neuer Asylant. Die Flut steigt – wann sinkt das Boot?“; der Spiegel zeigte am 9. September 1991 unter „Ansturm der Armen“ eine überfüllte Arche. Niggemeiers Analyse (Übermedien, 24.08.2016) gilt den Tagesthemen und fand keine vermittelten Alternativen zur Politik der Kanzlerin, die Probleme „vor allem aus Sicht der Einreisenden“ und die melodramatischen Prominenten-Appelle mit Lindenberg. Quelle: Berliner Zeitung · Übermedien, „Die Sorge, dass es kippt“

Falsch — „Die Mehrheit waren junge Männer“

Gniffke räumte im Oktober 2015 ein, Kameraleute suchten „Familien mit kleinen Kindern und großen Kulleraugen“, dabei seien „80 Prozent junge, kräftig gebaute alleinstehende Männer“. Die Zahl ist falsch. Nach der BAMF-Statistik der Erstanträge 2015 waren 69 Prozent männlich, 31 Prozent minderjährig, Männer zwischen 18 und 29 machten 31 Prozent aus. Die Bilder von Frauen und Kindern waren also weniger verzerrt, als die Kritik behauptete; Gniffkes Zugeständnis besänftigte die Kritiker mit einer Zahl, die nicht stimmte. Einschränkung: Erstanträge folgen den Ankünften zeitversetzt. Quelle: Focus, 19.10.2015 · BAMF, Aktuelle Zahlen zu Asyl, Dezember 2015

Bestätigt — Die Milieustudie, mit Krügers eigenem Vorbehalt

Die Studie von 1999 erfasste nur bayerische Journalisten nach Sinus-Milieus. Krüger nennt diese Schwäche selbst, im Vortrag wie in seinem APuZ-Text. Quelle: bpb/APuZ, Krüger: Medien im Mainstream

Vereinfacht — Das Muster der Auswahl

Krüger fordert eine Forschung, „die vorher nicht schon weiß, wie das Ergebnis sein soll“. Seine Ukraine-Beispiele sammelt er aber nach einem einzigen Raster; in Mainstream schreibt er selbst, sie passten „alle in dasselbe Muster“ und gingen zu Lasten der prorussischen Seite. Was gegen das Muster spricht, die Talkshows mit ihrem Übergewicht auf der Russland-Seite und die differenziertere Presse, fehlt im Vortrag. Hier hat ein Buchautor ein Interesse an der klaren Linie. Zugleich distanziert sich Krüger ausdrücklich von „Lügenpresse“ und „Gleichschaltung“. Quelle: Leseprobe Mainstream (C.H. Beck 2016) · Pleines, Ukraine-Analysen 289

Was neun Jahre später bekannt ist

Bestätigt — Hallers Analyse des Herbstes 2015 (OBS 2017)

Hallers Studie bestätigt Krügers Kernthese der Ausrichtung an den Eliten: In FAZ, SZ und Welt gehörten zwei Drittel der Akteure zur institutionellen Politik, von den Parteileuten sprachen vier Fünftel für die Regierungsparteien, „Willkommenskultur“ wurde als moralische Norm von oben vermittelt. Sie korrigiert aber das Bild von der „Perspektive der Flüchtlinge“: Die Geflüchteten selbst waren nur in rund 4 Prozent der Texte Hauptakteure. Berichtet wurde über sie, kaum mit ihnen. Quelle: EJO, Zusammenfassung der Haller-Studie

Bestätigt — Die Berichterstattung über den Angriffskrieg 2022

Maurer, Haßler und Jost werteten 4.292 Beiträge in acht Leitmedien aus. In 93 Prozent lag die Verantwortung allein bei Russland. Schwere Waffen befürworteten alle Medien außer dem Spiegel, der diplomatische Lösungen als sinnvoller darstellte; Scholz wurde überall überwiegend negativ bewertet. Die Politbarometer-Werte stimmen: im Februar 71 Prozent gegen Waffenlieferungen, im März 67 Prozent dafür; bei schweren Waffen im März 63 Prozent dagegen, ab April 56 Prozent dafür. Quelle: Maurer, Haßler & Jost 2023, Ukraine-Analysen 289, doi:10.31205/UA.289.01 (Inhaltsanalyse, Primärstudie)

Vereinfacht — Was die Studien zu 2014 tatsächlich messen

Fengler u. a. (13 Länder) untersuchten Aufmerksamkeit und Nachrichtenzyklen, nicht Ausgewogenheit; belegt sind zwei Befunde: Russland dominierte überall die Agenda, und die Blätter bemühten sich um Einordnung. Khans Frame-Analyse (548 Artikel, Februar/März 2014) widerspricht Krüger zum Teil: etwa 60 Prozent der Frames russlandkritisch, Eskalationsschuld Russland zu Westen etwa 2 : 1, Argumente für und gegen Sanktionen etwa gleich stark, und die Rolle ultrarechter Kräfte in der Ukraine wurde regelmäßig thematisiert. Quelle: Fengler et al. 2018, Journalism, doi:10.1177/1464884918774311 (Primärstudie) · Pleines zu Khan, Ukraine-Analysen 289

Bestätigt — Was die Ukrainer selbst wollen

NATO: Im Oktober 2013 waren nach Rating 20 Prozent für einen Beitritt, 66 Prozent dagegen; im Mai/Juni 2023 nach KIIS 89 Prozent dafür. Ende 2025 (KIIS) lehnten 53 Prozent jede Gebietsabtretung ab, 33 Prozent waren offen für Zugeständnisse, 39 Prozent würden ein Einfrieren ohne Anerkennung hinnehmen. Im September 2026 (KIIS) wollen 75 Prozent Verhandlungen, 69 Prozent würden einen Waffenstillstand entlang der Front ohne Anerkennung der Besetzung mittragen; KIIS betont: offen für Kompromiss, nicht für Kapitulation. Unter Kriegsrecht finden keine Wahlen statt, die Präsidentenwahl 2024 fiel aus; zugleich wollen 57 Prozent erst nach einem Friedensabkommen wählen, nur 15 Prozent sofort. Quelle: Umfragereihe NATO-Zustimmung · Ukrinform, 11.07.2023 · Rubryka, KIIS Dezember 2025 · DW, 08.10.2026 · DW zu Wahlen


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung: keine Quellen genannt, nur der Titel des Vortrags und der Hinweis auf die Ringvorlesung.

Im Vortrag genannte Quellen und Werke:


Verbindungen

→ Adam Johnson — How to Sell a Genocide

Johnson arbeitet in derselben Tradition wie Herman und Chomsky und kommt zum selben Schluss wie Krügers Fischschwarm: Es braucht keine Steuerung, die Norm der Redaktionen genügt. Sein schärfster Befund passt genau zur Nachbesprechung „Wer im eigenen Krieg spricht“: In zwei Jahren hatten die Sonntags-Talkshows einen einzigen palästinensischen Gast. Darum stellt die Johnson-Note den Betroffenen eine eigene Liste von Stimmen gegenüber, den eigenen Topf, den Krügers Zählung den Ukrainern nicht gibt.

→ Dobusch und Zaboura — Ganz normale Medien und Faschismus

Beide Notes beschreiben denselben Mechanismus aus der Gegenrichtung: Gleichklang aus gewöhnlicher Berufslogik, ohne Absicht. Krüger fürchtet einen Korridor, der zu eng ist und die Bevölkerung ausschließt; Dobusch und Zaboura fürchten eine Ausgewogenheit, die ihn so weit öffnet, dass „Remigration“ als normale Policy-Idee erscheint. Beim Klima prallen sie direkt aufeinander: Krüger lobt den Klima-Mainstream, Dobusch zeigt, wie falsche Balance dort eine Kontroverse erfand, die es nicht gab.

→ Torsten Heinrich — Die NATO-Lüge

Heinrich ist erklärt proukrainisch und kommt beim Sturz Janukowytschs fast genau dorthin, wo Krüger „Umsturz, kann man schon sagen“ sagt: eine Revolution mit anschließendem Staatsstreich, weil für die Absetzung die nach der Verfassung nötige Mehrheit fehlte. Damit trennt er, was Krügers Nachbesprechung trennt, den Sachverhalt von der Deutung, und schließt die Lücke, die Krüger lässt: Er zeigt, wo aus dem wahren Funken die Rechtfertigung von 2022 gebaut wird.

→ Alexander Thiele — Rechtspopulismus und der demokratische Verfassungsstaat

Thiele liefert, was Bennetts Indexing voraussetzt: einen Elitendiskurs ohne Gegenstimme. 2015 reichte der Konsens zur Willkommenskultur von der CDU bis zur Linken; wer skeptisch war, hatte im Parlament keine Stimme, und Medien, die das Parlament abbilden, konnten den Herbst nur einstimmig zeigen. Sein Gegenbeispiel stützt Krügers Forderung: Bei der Euro-Rettung durften Abweichler im Bundestag sprechen, und das Motiv der jungen AfD verschwand.

→ Philip Manow — Autoritäre Zeiten

Manows Satz, die Gewinnerklasse sei zugleich die Deutungsklasse, liefert die soziologische Grundlage für Krügers Milieu-Befund. Bei Krüger bleibt offen, ob die Redaktionen den Eliten folgen oder selbst diese Elite sind; Manow spricht für das Zweite.

→ Varoufakis — 2008 Crash, Populismus und Europa

Diese Note gibt dem Mann das Wort, über den die deutschen Hauptnachrichten 2015 viel sprachen und den sie kaum zu Wort kommen ließen. Varoufakis erzählt die Rettungspakete aus Athen, das Geld ging zum größten Teil an deutsche und französische Banken, und macht so die „Perspektive aus Berlin und Brüssel“ als Perspektive sichtbar. Wie Krügers zwei gleichgerichtete Quellen bleibt er dabei selbst Partei.

→ Hanna Notte und Sergey Lagodinsky — Globales Kräftemessen

Nottes Rat, die Ukrainer sollten selbst erzählen, ist die Forderung, mit der Krügers Nachbesprechung endet. Lagodinskys halb scherzhaftes „Wir müssen Propaganda lernen“ reibt sich dagegen an Krügers ganzem Programm. Wer beides liest, steht vor der Frage, ob eine selbstbewusste europäische Erzählung den Korridor erweitert oder nur einen neuen baut.

→ Topfvollgold — Die Wahrheit über die Öffentlich-Rechtlichen

Die anonymen Insider liefern die Innenansicht zu Krügers Ursachen: eine Belegschaft aus wenigen Milieus und eine Ausgewogenheit, die aus der Angst vor Shitstorms entsteht. Neben der Orientierung an den Eliten wirkt also auch die vorweggenommene Empörung.

→ Rainer Mausfeld — Warum schweigen die Lämmer?

Mausfeld liest denselben Gleichklang als gelenkte Demobilisierung, Krüger als Schwarm ohne Dirigenten. Die Post-Mindestlohn-Studie, nach der die Haltung einer Zeitung vor dem Eigennutz ihrer Eigentümer ging, spricht eher für Krüger; Krügers eigenes Eingeständnis, Einfluss lasse sich nicht beweisen, gilt für beide.

→ Wer macht die Meinung?

Das wachsende Panorama, in das beide Nachbesprechungs-Fäden zur Medienkritik führen: Krüger steht dort mit dem Fischschwarm in Lenkt jemand, oder lenkt die Routine? und mit dem Befund von 2014 in Wann wird Misstrauen blind?.

→ Wie umgehen mit Russland?

Die Frage nach den Ukrainern als eigener Stimme führt hierher, in Isolieren oder reden?: Was am Verhandlungstisch nachgegeben würde, ist ihr Land.

→ Uwe Krüger — DenkerVita


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
  • Krüger will „Mainstream“ wertfrei verwenden und lobt den Klimawandel-Mainstream. Nach welchem Maßstab entscheidet man, ob ein Gleichklang ein erreichter Konsens ist oder ein Korridor, der zu eng geworden ist, ohne dabei nur die eigene Meinung zum Maßstab zu machen?
  • Zählte man heute die O-Töne in der Berichterstattung über die Ukraine, wie Krüger es für 2014 tat: Mit welchen Töpfen müsste man zählen, damit die Ukrainer selbst darin vorkommen?
  • Die Mitte der Gesellschaft fühlt sich in Redaktionen schlecht vertreten, sagt die Milieustudie, und Krüger fordert mehr Vielfalt. Würde eine Redaktion, die die Bevölkerung genau abbildet, die Kluften zwischen Eliten und Bevölkerung schließen, oder würde sie nur deren Mehrheiten verstärken, wie bei Bild 1992 und 2015, je nachdem, wohin der Schwarm gerade schwimmt?
  • Krüger selbst übernahm 2017 Deutungen, die Gerichte später nur zum Teil bestätigten. Wenn auch der Medienkritiker im Schwarm schwimmt, nur in einem anderen: Wer misst dann den Gegen-Mainstream?
  • Steinmeier wünschte sich 2014 einen breiteren Korridor und lag mit seiner eigenen Russlandpolitik falsch. Spricht das gegen seinen Wunsch oder gerade für ihn? (→ Wer macht die Meinung?)

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