DenkerVita·erstellt 18. Oktober 2026·10 Min. Lesezeit

Wilhelm Heitmeyer — DenkerVita

Wilhelm Heitmeyer, Schriftsetzer, dann Gewaltforscher, misst seit vierzig Jahren, wie Abwertung in die Mitte wandert, und fragt bei jeder Rohheit: Welche Struktur verlangt sie?

Wer spricht?

Wilhelm Heitmeyer (28. Juni 1945, Nettelstedt, Ostwestfalen) ist Soziologe und Erziehungswissenschaftler an der Universität Bielefeld. 1996 gründete er dort das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) und leitete es bis 2013; danach forschte er bis Sommer 2025 als Senior Research Professor weiter. Er hat den Begriff der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit geprägt und sie zehn Jahre lang Jahr für Jahr gemessen.

Wichtigste Werke: Deutsche Zustände (10 Bände, 2002–2011), Autoritäre Versuchungen (2018), Rechte Bedrohungsallianzen (2020), Die Durchrohung der Gesellschaft (2026) Kernkonzepte: soziale Desintegration, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, autoritärer Nationalradikalismus, Durchrohung

Biografie

Heitmeyer kommt aus kleinen Verhältnissen im Mühlenkreis Minden-Lübbecke. Der Vater war Schriftsetzer und fiel im Zweiten Weltkrieg; die Mutter arbeitete in einer Zigarrenfabrik und führte später einen Lebensmittelladen. Bevor er an die Universität kam, stand er selbst im Setzerei-Handwerk, arbeitete in der Druckindustrie und kurz als Hauptschullehrer. Er studierte Erziehungswissenschaft und Soziologie in Bielefeld, wurde 1977 promoviert und habilitierte sich 1988. Seit 1968 ist er verheiratet, das Paar hat zwei Töchter.

Seine Forschung beginnt Anfang der Achtziger dort, wo andere noch nicht hinsahen: bei rechtsextremen Orientierungen unter Jugendlichen und bei der Gewalt in Fußballstadien. Aus diesen Jahren stammt die Bielefelder Rechtsextremismus-Studie (1992), die erste Langzeituntersuchung zur politischen Sozialisation junger Männer. Im selben Jahr trat er aus der SPD aus, aus Protest gegen ihre Asylpolitik. Mitte der Neunziger untersuchte er fundamentalistische Orientierungen bei türkischstämmigen Jugendlichen (Verlockender Fundamentalismus, 1997). Die Studie wurde heftig debattiert; die taz nannte ihn zehn Jahre später den „Vater der Parallelgesellschaft“. Heitmeyer ist also nie einer gewesen, der nur in eine Richtung schaut.

1996 gründete er das IKG. Von 2002 bis 2011 lief dort sein größtes Vorhaben: eine jährliche repräsentative Befragung zur Abwertung von Juden, Muslimen, Eingewanderten, Homosexuellen, Obdachlosen, Langzeitarbeitslosen, Menschen mit Behinderung. Die Ergebnisse erschienen als Deutsche Zustände in der edition suhrkamp und über Jahre in der Zeit; gefördert wurde das Projekt von der VolkswagenStiftung, begleitet von einem DFG-Graduiertenkolleg, das er mit Ulrich Wagner (Marburg) leitete. 2008 gründete er das International Journal of Conflict and Violence, mit John Hagan gab er das Internationale Handbuch der Gewaltforschung heraus. Die Linie der Langzeitstudie führen heute die Mitte-Studien der Friedrich-Ebert-Stiftung weiter, die am IKG unter seinem Nachfolger Andreas Zick entstehen.

Nach dem Ende der Direktorenzeit wurde er nicht leiser, sondern politischer. Mit der Reihe Signaturen der Bedrohung schreibt er seit 2018 an einer Diagnose der autoritären Verschiebung: erst Autoritäre Versuchungen, dann Rechte Bedrohungsallianzen, im Oktober 2026 Die Durchrohung der Gesellschaft. Mit dem Juristen Günter Frankenberg gibt er bei Campus Bände über die Treiber des Autoritären heraus. Ausgezeichnet wurde er mit dem Göttinger Friedenspreis (2012), dem Ehrenpreis des Innovationspreises NRW (2014) und 2025 mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

Bücher & Publikationen

TitelJahrBeschreibung
Die Durchrohung der Gesellschaft2026Signaturen der Bedrohung III, edition suhrkamp 2793, 349 Seiten, erscheint am 27.10.2026. Wie Verrohung und Gewalt den Alltag durchdringen, von der Gewalt gegen Bürgermeisterinnen, Feuerwehrleute und Jobcenter-Mitarbeiter bis zu Schiedsrichtern in Amateurligen, und wie durchrohte Strukturen in Institutionen dieses Verhalten mitformen.
Autoritäre Treiber eines Systemwechsels. Zur Destabilisierung von Institutionen durch die AfD2025Herausgegeben mit Günter Frankenberg (Campus). Wie eine Partei in Justiz, Schule, Kultur und Medien eindringt, um Institutionen von innen zu verschieben.
Treiber des Autoritären. Pfade von Entwicklungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts2022Herausgegeben mit Günter Frankenberg (Campus). Die langen Linien hinter dem autoritären Aufschwung.
Rechte Bedrohungsallianzen. Signaturen der Bedrohung II2020Mit Manuela Freiheit und Peter Sitzer. Wie Mentalitäten in der Bevölkerung, autoritärer Nationalradikalismus, Neue Rechte und gewaltbereite Gruppen ineinandergreifen.
Autoritäre Versuchungen. Signaturen der Bedrohung I2018Die Grundlegung: Kontrollverluste in entsicherten Krisenjahrzehnten und der Begriff des autoritären Nationalradikalismus.
Deutsche Zustände, Folge 1–102002–2011Die zehnjährige Langzeitstudie zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, ein Band pro Jahr.
Internationales Handbuch der Gewaltforschung2002Mit John Hagan; englisch 2003 als International Handbook of Violence Research.
Verlockender Fundamentalismus. Türkische Jugendliche in Deutschland1997Mit zwei Mitautoren. Islamisch-fundamentalistische Orientierungen bei Jugendlichen, damals stark umstritten.
Was hält die Gesellschaft zusammen?1997Herausgeberband, zusammen mit dem Gegenstück Was treibt die Gesellschaft auseinander? — die Integrationsfrage, die sein Werk trägt.

Empfehlenswerte Videos & Vorträge

Kernthesen

  1. Integration hält zusammen, Desintegration macht anfällig. Wer keine Anerkennung über Arbeit und Einkommen bekommt, keine faire Konfliktregelung erlebt und keine tragenden Beziehungen hat, wird empfänglicher für Gewalt und rechtsextreme Deutungen. Das ist der „Bielefelder Desintegrationsansatz“, entwickelt in den Neunzigern.
  2. Menschenfeindlichkeit ist ein Syndrom. Wer eine Gruppe abwertet, wertet mit hoher Wahrscheinlichkeit auch andere ab. Der gemeinsame Kern ist eine Ideologie der Ungleichwertigkeit, unabhängig davon, was der einzelne Mensch tut.
  3. Die Ränder leben von der Mitte. Im Bild der Zwiebel geben die äußeren Schichten, die einer Abwertung nur gelegentlich zustimmen, den inneren, gewaltbereiten ihre Legitimation. Zum Ende der Langzeitstudie sprach er von einer „rohen Bürgerlichkeit“.
  4. Normalität verschiebt sich. Zwei Normen hält er für unverhandelbar: die Gleichwertigkeit und die psychische und physische Unversehrtheit aller Menschen, die in einer Gesellschaft leben. Mobilisierungsprofis und Medien, die von der Provokation leben, verwandeln stille Abwertung in öffentliche, und die errungene Zivilität wird prekär.
  5. „Rechtspopulismus“ verharmlost. Die AfD beschreibt er als autoritären Nationalradikalismus: ein autoritäres Ordnungsmodell mit klaren Hierarchien und Wir-gegen-die-Bildern, Überlegenheitsansprüche des Deutschen, ein rabiater, emotionalisierter Mobilisierungsstil. Ihr Ziel sei der Systemwechsel auf legalem Weg, hin zu einer geschlossenen Gesellschaft und illiberalen Demokratie, über das Eindringen in die Institutionen.
  6. Durchrohung statt Verrohung. Wer Rohheit nur mit dem Charakter des Täters erklärt, schützt die Strukturen, die sie ermöglichen, anstacheln oder verlangen. Als Treiber nennt er die Ökonomisierung des Sozialen, Individualisierung und Singularisierung, Plattformen als „Verrohungsmaschinen“ und eine Kette von Krisen seit 2001, die Kontrollverlust hinterlassen. Die Täter bleiben trotzdem verantwortlich.
  7. Die Kosten trägt man im Nahraum. Gegen die Durchrohung helfen weniger Großdemonstrationen als Widerspruch in Familie, Freundeskreis und Verein, wo er etwas kostet. „Ich habe die Befürchtung, dass wir einfach zu harmoniesüchtig sind.“

Politische Einordnung

Heitmeyer ist ein Forscher mit Haltung und sagt das offen. Sein Maßstab ist weniger ein Parteiprogramm als die beiden Normen der Gleichwertigkeit und Unversehrtheit; daran misst er Rechtsextreme ebenso wie die Abwertung von Obdachlosen und Langzeitarbeitslosen durch die bürgerliche Mitte. Die SPD verließ er 1992 aus Protest gegen den Asylkurs; mit der Fundamentalismus-Studie von 1997 geriet er in eine Debatte, die ihm den Titel „Vater der Parallelgesellschaft“ eintrug. Wer ihn auf eine Seite festlegen will, muss beides unterbringen.

Gegen sein Werk gibt es ernsthafte Einwände, und sie gehören zum Bild:

Verbindungen zu anderen Denkern

Gedankenwelten-Notes

Als Stimme in den Panoramas:

Ein Fehler, ein holpriger Satz, etwas fehlt? Anfassen erlaubt: Jeden Abschnitt kannst du neu fassen.

Im Bestand

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17 gedachte Verweise

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