GedankenraumMacht Migration kriminell?
Der Abstand in der Statistik ist echt, sein Grund umstritten. Vier offene Fragen zu Migration und Kriminalität — Kultur oder Lage, Anzeige oder Tat, was ihn kleiner macht, und ob darüber geschwiegen wird.
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Ben Shahn — Tempera und Tusche, nervöse schwarze Konturen, gedämpfte Flächen. Zwei gleich alte junge Männer auf derselben Bank vor derselben Wand; der eine hält ein Papier mit Stempel, der andere hat leere Hände. Von rechts fällt der Kegel einer Polizeitaschenlampe — nur auf ihn. Shahns Hand passt, weil sie soziale Lage zeigt, ohne zu predigen: Was die beiden trennt, ist nicht das Gesicht, sondern das Papier und das Licht. Darüber ein zerrissenes Plakat voller Zahlenkolonnen, die niemand lesen kann.
Prompt: Wide panoramic banner in the style of Ben Shahn, tempera and ink on gessoed board, nervous expressive black contour lines, flat muted colors: dusty brick red, slate blue, ochre, off-white. A narrow city street at dusk, brick tenement wall, one streetlamp. Center: two thin young men of the same age and build sit side by side on one wooden bench, simple stylized figures, faces only suggested with a few lines. The left man holds a sheet of paper with a large round official stamp. The right man sits with empty hands resting on his knees. At the far right edge stands the dark silhouette of a uniformed police officer seen from behind, only his back and cap visible, holding a flashlight; its hard white cone of light crosses the space and falls only on the right young man, while the left one stays in soft shadow. On the wall behind them a faded torn poster with abstract columns of small marks, no readable text. Quiet, grave, social realist mood. No readable text, no realistic faces, no photorealism.
Der Abstand in der Statistik ist echt, sein Grund umstritten. Ausländer werden in Deutschland gut zweieinhalbmal so oft als Tatverdächtige registriert wie Deutsche, bei Gewalt etwa viermal so oft. Die eine Seite liest daraus Herkunft, die andere Statistikfehler, und beide lesen meist nur die Zeile, die ihnen passt. Dieses Panorama fragt, was man über den Abstand weiß: woher er kommt, wie viel davon die Anzeige erzeugt, was ihn kleiner macht und ob über ihn geschwiegen wird. Zu jeder Frage der Stand der Forschung und die Stimmen aus den Gedankenwelten, die einander widersprechen. Wie das Bild dieser Kriminalität in den Medien entsteht, steht im Nachbar-Panorama Warum wählen Menschen Autoritäre?.
Die meisten Panoramen sind Momentaufnahmen. Dieses wächst: Wenn eine Note in ihrer Nachbesprechung eine dieser Fragen vertieft, kommt ihre Stimme hierher, und was sie an Forschung mitbringt, auch. Die erste war BissenBlaBla im Oktober 2026. Unten steht, welche Notes seither dazukamen.
Kultur oder Lage?
Zuerst die Zahl, über die gestritten wird. 2025 wurden von 100.000 Deutschen 1.813 als Tatverdächtige registriert, von 100.000 Ausländern 4.788, ausländerrechtliche Verstöße schon herausgerechnet; bei Gewalt liegt der Faktor bei etwa vier (BKA, IMK-Bericht PKS 2025). Unter den Verurteilten ist der Anteil derselbe wie unter den Verdächtigen, rund 40 Prozent (Destatis, Strafverfolgung 2024).
Für Orte gilt etwas anderes als für Menschen. Über viele Länder gemittelt ist der Zusammenhang zwischen Zuwanderung und Kriminalität eines Ortes negativ, aber sehr schwach (Ousey & Kubrin 2018, Review und Meta-Analyse, doi:10.1146/annurev-criminol-032317-092026). In Deutschland erhöhte die fast zufällige Verteilung der Geflüchteten 2015/16 die Kriminalität der Kreise nur wenig, vor allem bei Drogen und Schwarzfahren (Gehrsitz & Ungerer 2022, doi:10.1111/ecca.12420); eine andere Studie findet ein Jahr nach der Ankunft einen Anstieg, pro Kopf klein, in der Summe groß, auch bei Gewalt (Lange & Sommerfeld 2024, doi:10.1016/j.labeco.2023.102466). In Großbritannien hoben Asylsuchende die Eigentumsdelikte mäßig, Arbeitsmigranten senkten sie leicht, auf Gewalt hatte keine der beiden Wellen einen Effekt (Bell, Fasani & Machin 2013, doi:10.1162/REST_a_00337).
Auf der Ebene der Menschen bleibt ein Rest. In Schweden werden im Ausland Geborene 2,5-mal so oft registriert, nach Kontrolle von Alter, Geschlecht, Einkommen, Bildung und Wohnort 1,8-mal; den größten Teil erklärt das Alter (Brå 2021, Registerstudie). Bei Vergewaltigung sinkt der Faktor von 3,2 nur auf 2,2, auch unter Kontrolle von Sucht und Vorstrafen (Khoshnood, Sundquist & Sundquist 2025, doi:10.1177/08862605241311611). In Niedersachsen stellten 2015/16 Menschen aus dem Maghreb, 0,9 Prozent der Geflüchteten, 17 Prozent der geflüchteten Tatverdächtigen bei Gewalt; Syrer, Iraker und Afghanen, mehr als die Hälfte der Geflüchteten, ein gutes Drittel (Pfeiffer, Baier & Kliem 2018, Gutachten, nicht begutachtet). „Ausländer“ ist für diese Frage eine zu grobe Kategorie.
Was ist dann Kultur? Als Wesen einer Herkunft trägt sie nicht: In Stockholmer Kohorten ähneln sich Landsleute in ihrer Kriminalität kaum, Ressourcen der Eltern und Segregation des Viertels erklären bei Männern die Hälfte bis drei Viertel der Lücke (Hällsten, Szulkin & Sarnecki 2013, doi:10.1093/bjc/azt005). Erlernte Normen und erlittene Gewalt sind dagegen belegt: Asylsuchende in der Schweiz, die als Kinder Bürgerkrieg erlebten, sind um 35 Prozent gewaltgeneigter (Couttenier et al. 2019, doi:10.1257/aer.20170263), und das KFN nennt gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen als Risikofaktor. Beides kann man verlernen, beides ist keine Abstammung.
Die Stimmen
- BissenBlaBla: Der Abstand ist echt, aber „nicht der Pass entscheidet, sondern die Postleitzahl“; zwei junge Männer in derselben Straße, und von der „Kulturnummer“ bleibe nichts.
- Yonatan Zeigen: Die Mordwelle unter Israels arabischen Bürgern ist Staatsversagen; in Jordanien und im Westjordanland gibt es sie nicht, und als die jüdische Küstenstadt Netanja dasselbe Problem hatte, nannte es niemand Kultur.
- Friedrich Merz: Zur Vollständigkeit des Bildes gehöre, dass „ein beachtlicher Teil dieser Gewalt aus den Gruppen der Zuwanderer“ komme.
- Gilda Sahebi: Wer bei einem deutschen Täter auf Zuwanderer zeigt, dem ist der Schutz von Frauen gleichgültig.
- Staiy: „Der Täter war Ausländer, also: Ausländer raus“ erspart den Blick auf psychiatrische Unterversorgung und gescheiterte Integration.
- Christian Walburg: Patriarchale Prägungen „sollte man nicht leugnen“, aber auch nicht einseitig aus der Herkunft erklären; Härte ist die Ressource dessen, der sonst nichts hat, bei Einheimischen wie bei Migranten.
Zeigen findet die Ursache vollständig in der Lage, und Merz zeigt auf die Herkunft. Die schwedischen Registerdaten lassen nach allen Kontrollen einen Rest stehen. Ist dieser Rest Kultur, Trauma, oder einfach das, was die Kontrollen nicht messen?
Wie viel ist Anzeige, wie viel Tat?
Die Polizeiliche Kriminalstatistik zählt, was der Polizei bekannt wird, und das geschieht zu rund 90 Prozent durch eine Anzeige. Wer angezeigt wird, hängt auch davon ab, wer der Täter ist. Im Niedersachsensurvey 2024 wurden bei Jugendgewalt 7,9 Prozent der Taten angezeigt, wenn Opfer und Täter keine Migrationsgeschichte hatten, und 22,4 Prozent, wenn nur der Täter eine hatte (KFN, Forschungsbericht 171). Der Befund ist beschreibend und nicht nach der Schwere der Tat bereinigt. Dass ethnisch fremde Täter häufiger angezeigt werden, zeigt die Forschung schon seit zwanzig Jahren (Mansel & Albrecht 2003, Soziale Welt 54); das Gutachten von Pfeiffer, Baier und Kliem schätzt den Faktor auf etwa zwei und ergänzt, dass Geflüchtete als Opfer seltener anzeigen. Die Verzerrung läuft in beide Richtungen. Hinweise auf Über-Anzeige finden auch Lange und Sommerfeld in ihren Kreisdaten (2024, oben).
Die Grenze des Arguments liegt bei den schwersten Taten. Ein Tötungsdelikt wird kaum je nicht angezeigt, und dort bleibt die Überrepräsentation bestehen (Brå 2021, oben). Die Dunkelfeldbefragung des BKA zeigt außerdem, dass nicht nur die Furcht gestiegen ist: Die Betroffenheit von Körperverletzung stieg von 2,0 auf 2,6 Prozent, bei 16- und 17-Jährigen von 3,1 auf 8,5 (BKA, SKiD 2024). Eine zweite Tür ins Hellfeld ist die Kontrolle: Drogenbesitz kennt die Statistik nur, wo kontrolliert wird. Wie stark beides die Zahlen verzerrt, ist nicht gemessen; die Kriminologin Gina Wollinger spricht von „keinen gesicherten Zahlen“ (Mediendienst Integration).
Wie viel des Abstands bleibt, wenn man die Zusammensetzung herausrechnet? Alter und Geschlecht verringern ihn, über alle Delikte, um „vorsichtig geschätzt 25 bis 30 Prozent – nicht (viel) mehr, aber auch nicht weniger“ (Walburg 2025, doi:10.59704/21504e48ce1752a4, gestützt auf Glaubitz & Bliesener 2018, KFN FB 137). Der Rest teilt sich zwischen Anzeige, Kontrolle, Lage und dem, was keine Statistik misst.
Die Stimmen
- BissenBlaBla: Die Statistik misst auch, wen wir anzeigen und kontrollieren; sie hat „unsere eigenen Vorurteile als Messfehler eingebaut“ und wird dann als Beweis für sie hochgehalten.
- Wilhelm Heitmeyer: Die These, es werde nur mehr angezeigt, münde „in einer Art von Beruhigungsformeln“; das Dunkelfeld zeige, dass die Gewalt wirklich zunimmt.
- Elif Eralp: An den „kriminalitätsbelasteten Orten“ darf ohne Anlass kontrolliert werden; die Kontrollquittung soll sichtbar machen, nach welchem Bild ausgewählt wird.
- Christian Walburg: Anzeige, Kontrolle und die häufigere Untersuchungshaft für Ausländer sind „ein Teil der Wahrheit“, aber sie erklären nicht alles.
BissenBlaBla erklärt einen Teil des Abstands mit dem Blick derer, die anzeigen, und Heitmeyer hält genau dieses Argument für eine Beruhigung. Wie ließe sich messen, wie viel die Anzeige erzeugt — und würde die Seite, der das Ergebnis nicht passt, es glauben?
Was macht den Abstand kleiner?
Hier ist die Forschung am deutlichsten, und sie gibt beiden Lagern etwas zu denken. Als Italien Migranten ohne Papiere 2007 nach einem Windhundverfahren am Stichtag legalisierte, sank die Kriminalitätsrate der Legalisierten um gut die Hälfte (Pinotti 2017, doi:10.1257/aer.20150355). Nach der EU-Erweiterung halbierte der neue Rechtsstatus die Rückfallquote von Rumänen und Bulgaren (Mastrobuoni & Pinotti 2015, doi:10.1257/app.20140039). Allgemeine Amnestien wirkten dagegen klein und nicht dauerhaft (Fasani 2018, doi:10.1093/jeg/lby028). Bei den traumatisierten Asylsuchenden in der Schweiz nahm der Zugang zum Arbeitsmarkt zwei Drittel der erhöhten Gewaltneigung weg (Couttenier et al. 2019, oben). Pfeiffer, Baier und Kliem empfahlen 2018 Sprachkurse auch für Menschen ohne Bleibeperspektive, Familiennachzug und ein Einwanderungsgesetz nach kanadischem Vorbild.
Abschiebung setzt am anderen Ende an. Sie senkt die Zahl dort, wo sie Täter trifft; ob sie die Kriminalität insgesamt senkt, ist für Deutschland nicht untersucht, und sie trifft oft die Falschen: Ausgebildete, Beschäftigte, Familien, weil sie erreichbar sind. Eine Politik, die Arbeitsverbote und Kettenduldungen verlängert, hält Menschen genau in der Lage, die die Forschung mit Kriminalität verbindet.
Die Drohung selbst wirkt schwach. Abschreckung hängt an der Gewissheit, gefasst zu werden, kaum an der Härte der Folge (Nagin 2013, Review, doi:10.1086/670398); als die USA Bezirk für Bezirk das Programm Secure Communities einführten, folgten rund 250.000 Festnahmen zur Abschiebung und keine messbare Änderung der Kriminalität (Miles & Cox 2014, doi:10.1086/680935), es sei denn, die Nachbarbezirke zogen mit (Kang & Song 2021, doi:10.1093/jleo/ewab013). Für Europa ist die Abschreckung durch Ausweisung nicht kausal untersucht. Der Status zeigt dagegen ein klares Gefälle: Unter den 172.203 tatverdächtigen „Zuwanderern“ 2024 waren Menschen im Asylverfahren und Geduldete gemessen an ihrer Zahl um ein Vielfaches häufiger als Anerkannte (BKA, Lagebild Zuwanderung 2024; Längsschnitt: Neumann et al. 2022, KFN FB 161), nach grober Rechnung, denn eine echte Belastungszahl je Status lässt sich nicht bilden, und ein Teil ist Auswahl; eine Kreisstudie findet für 2010–2015 sogar mehr Eigentumsdelikte, wo mehr Anerkannte leben (Dehos 2021, doi:10.1016/j.regsciurbeco.2020.103640). Wo der legale Job versperrt wird, steigt die Kriminalität (Freedman, Owens & Bohn 2018, doi:10.1257/pol.20150165); sieben Monate längeres Arbeitsverbot kosteten in Deutschland fünf Jahre später 20 Prozentpunkte Erwerbstätigkeit (Marbach, Hainmueller & Hangartner 2018, doi:10.1126/sciadv.aap9519). Ob Ausbildungsduldung, Chancen-Aufenthaltsrecht oder Spurwechsel Kriminalität senken, hat niemand gemessen.
Die Stimmen
- BissenBlaBla: Ein soziales Problem kostet Geld, „Herkunft kannst du abschieben“, das ist billiger und bringt Stimmen.
- Lena Kotré: „Warum sollte es nicht einfach auch eine Abschiebeindustrie geben?“ Abschiebungen per Ausschreibung an private Unternehmen.
- Elif Eralp: Jede Abschiebung sei eine zu viel; ihre Werkzeuge sind Ausbildungsduldung, Härtefallregeln und Verfahrenshinweise.
- MONITOR: Abgeschoben wird, wer erreichbar ist: ein Bäcker nach zehn Jahren im Betrieb.
- Christian Walburg: Abschreckung durch Ausweisung ist „kaum zu erwarten“; wer bleibt und weiter ausgeschlossen wird, dem bleibt der illegale Weg, und die Gesellschaft müsse „sich ehrlich machen“, wer bleibt.
- Yonatan Zeigen: In der Küstenstadt Netanja löste eine nationale Kampagne gegen die organisierte Kriminalität das Problem; der Staat kann, wenn er will.
Kotré will schneller abschieben, Eralp gar nicht, und die Forschung sagt, dass ein sicherer Status die Kriminalität halbieren kann. Wenn derselbe Mensch mit Aufenthaltsrecht seltener straffällig wird als ohne — was genau soll eine Abschiebedrohung dann bewirken?
Wird verschwiegen?
Die Frage dieses Panoramas wird von einer zweiten überlagert: ob man sie überhaupt ehrlich stellen darf. Im November 2025 schrieben die Strafrechtlerinnen Elisa Hoven und Frauke Rostalski in der FAZ, „wir“ müssten ehrlicher über Straftaten von Migranten sprechen; schon der Hinweis auf die höhere Belastung gelte „vielen als ‚gefährlich‘“, und wer Armut oder Alter anführe, um Migration aus dem Spiel zu nehmen, betreibe ein „ideologisches Hütchenspiel“ (zit. nach Focus, 26.04.2026). Christian Walburg hielt dagegen, die Debatte sei längst im „Klartextmodus“ (Verfassungsblog 2025, doi:10.59704/21504e48ce1752a4); Tobias Singelnstein nannte das Tabu einen „rhetorischen Kniff“ und wies nach, dass die Belastungszahlen im FAZ-Text Verstöße gegen das Ausländerrecht enthielten (FAZ, 19.12.2025).
Was sich messen lässt, spricht gegen ein Schweigen der Institutionen. Das BKA veröffentlichte 2025 erstmals bundesweite Belastungszahlen für Nichtdeutsche, ein jährliches Lagebild zur Zuwanderung kommt hinzu, und Nordrhein-Westfalen (2024), Bayern (2025) und Baden-Württemberg (angekündigt 2026) lassen die Polizei die Nationalität jedes Verdächtigen nennen. Zeitungen nannten die Herkunft 2014 in 11 Prozent der Kriminalitätsberichte, 2018 in 33 Prozent (Dittrich & Klimmt 2021, doi:10.5771/0934-9200-2021-1-28), und wenn das Fernsehen sie 2025 nannte, ging es zu 94,6 Prozent um Ausländer (Hestermann 2025). Diese Auswahl hat Folgen: In 60 von 71 Studien verstärkten Herkunftsverweise Vorurteile (Klimmt et al. 2022, systematische Übersicht, doi:10.1007/s11616-022-00765-5), und nach Taten, die Migranten zugeschrieben werden, steigt lokal die Hasskriminalität gegen Geflüchtete (Riaz, Bischof & Wagner 2023, doi:10.1086/726948). Wo die Herkunft aller Verdächtigen genannt wird, auch der deutschen, sinkt die Sorge um Migration (Keita, Renault & Valette 2024, doi:10.1093/ej/uead059). Ob Offenheit das Vertrauen in die Medien zurückbringt, wie Innenminister hoffen, ist nicht gemessen. Und was die Daten nicht entscheiden: ob das Relativieren den öffentlichen Ton prägt oder nur in Nischen vorkommt. Im Bestand der Gedankenwelten hat die Seite, die ein Schweigen beklagt, bisher kaum eine eigene Stimme; das ist selbst ein Befund.
Die Stimmen
- Friedrich Merz: „Zur Vollständigkeit des Bildes“ gehöre die Herkunft der Täter; der Satz unterstellt, dass sie sonst fehlt.
- Christian Walburg: In der Sache gibt er Hoven und Rostalski weitgehend recht, ihre Zeitdiagnose aber nähre die Erzählung von Rechtsaußen, „die da oben“ würden verschweigen.
- BissenBlaBla: Die AfD nennt die Statistik „geheim gehalten“ — „Leute, ich habe da drei Klicks gebraucht.“
- Staiy: Aschaffenburg mit afghanischem Täter blieb tagelang auf den Startseiten, die Amokfahrt eines Deutschen in Leipzig keine zwei Tage; geschwiegen wird eher über die deutschen Täter.
- Topfvollgold: NIUS machte aus einer Namensgleichheit eine Mord-Komplizin; wo das Schweigen beklagt wird, wird manchmal erfunden.
Merz sieht ein Bild, dem etwas fehlt, Staiy eines, in dem zu viel steht, und beide zählen Schlagzeilen. Walburg und Hoven sind sich über die Zahlen fast einig und streiten über den Ton. Woran ließe sich überhaupt messen, ob eine Gesellschaft ein Problem verschweigt — und wer müsste dem Maßstab vorher zustimmen?
Nachbesprechungen, die hierher führen
| Datum | Note | vertieft |
|---|---|---|
| 04.10.2026 | BissenBlaBla — AfD-Behauptungen zur Ausländerkriminalität | Gründungsnote. Kultur oder Lage: Ousey & Kubrin 2018, Gehrsitz & Ungerer 2022, Lange & Sommerfeld 2024, Brå 2021, Khoshnood et al. 2025, Hällsten et al. 2013, Pfeiffer/Baier/Kliem 2018, Couttenier et al. 2019 · Legalstatus: Pinotti 2017 · Anzeigeverhalten: KFN FB 171 |
| 07.10.2026 | Christian Walburg — Migration, Flucht und Kriminalität | Kriminologen-Stimme in allen drei Fragen; Abstand kleiner: Nagin 2013, Miles & Cox 2014, Kang & Song 2021, BKA-Lagebild 2024, KFN FB 137/161, Freedman et al. 2018, Marbach et al. 2018 · neue Frage „Wird verschwiegen?“: Hoven/Rostalski 2025/26, Walburg 2025, Singelnstein 2025, Dittrich & Klimmt 2021, Klimmt et al. 2022, Riaz et al. 2023, Keita et al. 2024 |
Verbindungen
→ Warum wählen Menschen Autoritäre?
Das Bild zu diesen Zahlen: Die Angst vor Migration ist dort am größten, wo die wenigsten Migranten leben, und eine Lokalzeitung, die die Herkunft aller Tatverdächtigen nennt, senkt sie. Dieses Panorama fragt nach der Tat, das Nachbar-Panorama nach ihrem Echo in der Wahlkabine.
→ Rechte Medien — Das Geschäft mit der Lüge
Wie aus Einzelfällen eine Serie wird: die Medienmaschine, die von der Frage dieses Panoramas lebt und sie selten beantwortet.
→ NoAfD
Die Partei, für die „Ausländerkriminalität“ ein Gründungsthema ist; dort ihre Programmatik, hier die Daten dazu.
Weiterdenken
- Wenn ein sicherer Aufenthaltsstatus die Kriminalität halbieren kann — warum ist ausgerechnet der Status das, worüber am härtesten gestritten wird?
- Beide Lager nennen meist eine Zahl und schweigen über die andere. Welche Zahl in diesem Panorama war mir unangenehm, und warum?
- „Ausländer“ fasst den Studenten aus Lyon und den traumatisierten Jungen aus einem Bürgerkrieg in eine Kategorie. Was würde sich an der Debatte ändern, wenn die Statistik nach Lage statt nach Pass zählte?
- Wenn erlernte Normen ein Risikofaktor sind — wo werden sie verlernt, und wer bezahlt dafür?
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