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Gedankenraum
Denker·10. Oktober 2026·1:12 h·45 Belegstellen

Hannah Arendt — Zur Person (im Gespräch mit Günter Gaus, 1964)

„Ich will verstehen.“ Hannah Arendt 1964 in ihrer eigenen Stimme: über die Freunde, die sich gleichschalteten, die Sprache, die nicht verrückt wurde, und das Lachen über Eichmann.

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Gouache, angelehnt an Charlotte Salomon — die Malerin, die im französischen Exil Leben? oder Theater? malte, ihr Leben als Bilderfolge in warmen Wasserfarben. Beide waren 1940 im Lager Gurs in Südfrankreich interniert; Salomon wurde 1943 in Auschwitz ermordet, in dem Jahr, in dem Arendt davon erfuhr. Das Banner malt das Gespräch: die Frau, die beim Sprechen mit der Hand denkt, den Fragenden nur von hinten, wie ihn die Kamera zeigte, den Dampfer im Fenster, der aus Europa hinausfährt, und den Rauch der Zigarette, der zu Vögeln wird. Die Hand der Malerin ist nur angedeutet, das Bild ist ruhiger und illustrativer als ihre Blätter.

Prompt: Expressive gouache painting in the manner of Charlotte Salomon, loose flat brushwork, bold warm colours, visible paper texture, naive tilted perspective, wide horizontal banner. A small 1960s television studio. On the right a dark-haired woman in her late fifties sits in a plain chair, leaning forward while she speaks, a cigarette between her fingers; the cigarette smoke rises and turns into a flock of small pale birds flying up and out through a tall window. On the left a man is seen only from behind, back of the head and shoulders, listening. Between them a small round table with an ashtray and two glasses of water. Through the window a harbour with a departing steamship and the far blue silhouette of a European city in mist. Ochre walls, cobalt blue, brick red floor. Absolutely no writing, no letters, no script, no text anywhere.

Worum es geht

„Ich will verstehen.“ Im Herbst 1964 sitzt Hannah Arendt im ZDF-Studio Günter Gaus gegenüber, raucht und widerspricht gleich in der ersten Minute: Sie sei keine Philosophin. Was folgt, ist eine Stunde, in der eine der klarsten Denkerinnen des Jahrhunderts über sich selbst spricht, über die Mutter, die keinen Antisemitismus durchgehen ließ, über die Freunde, die sich 1933 gleichschalteten, über den Tag, an dem sie von Auschwitz erfuhr, über die deutsche Sprache, die sie nie hergab, und über das Lachen, das man ihr beim Eichmann-Buch nicht verzieh. Die Note folgt dem Gespräch und hält fest, was Arendts Denken hier preisgibt, das in ihren Büchern hinter Begriffen steht.

Anlass — Hannah Arendt wird 120 (14. Oktober)

Am 14. Oktober 1906 kommt in Linden bei Hannover ein Mädchen zur Welt, das später sagen wird, es habe nie ein Volk geliebt, nur seine Freunde. Aufgewachsen ist Hannah Arendt in Königsberg, im Haus einer Mutter, die ihr beibrachte, sich nicht zu ducken. 1933 wird sie in Berlin verhaftet, kommt nach acht Tagen frei und geht illegal über die grüne Grenze. Danach ist sie achtzehn Jahre staatenlos, bis sie 1951 Amerikanerin wird, im selben Jahr, in dem The Origins of Totalitarianism erscheint. Dieses Buch wird 2026 fünfundsiebzig. Aus der Erfahrung, kein „Recht auf Rechte“ zu haben, ist ihr ganzes Werk gewachsen. Wozu an sie erinnern? Weil ihre Fragen gerade wieder dringlich sind: Wie entsteht totale Herrschaft aus Verlassenheit und Lüge? Was heißt es, ohne Geländer zu denken? Und warum braucht Politik die Vielen, und nicht den Einen?

Zum Geburtstag zwei Notes: diese hier, in der sie selbst spricht, und Philipp Felsch und Eva Geulen — Arendt und die Ursprünge totaler Herrschaft, die ihr Hauptwerk auseinanderlegt.

Quelle: Zur Person: Hannah Arendt, die politische Denkerin — ZDF, gesendet am 28.10.1964, 73 Min. (offizielle Fassung in der ZDF-Mediathek) · Die Zeitstempel verweisen auf den YouTube-Upload des Fan-Kanals „ArendtKanal“ (2013) · Wörtliche Zitate nach der vom rbb veröffentlichten Abschrift (rbb — Zur Person, Interview-Archiv)

Wer spricht?

Hannah Arendt (1906, Linden bei Hannover — 1975, New York) — Politische Denkerin, die sich selbst nie „Philosophin“ nennen wollte. Aus dem Zusammenbruch der europäischen Zivilisation destillierte sie eine Theorie des Denkens, Handelns und der Verantwortung.

Aufgewachsen in Königsberg in einer assimilierten, sozialdemokratisch geprägten jüdischen Familie. Studentin Martin Heideggers, Doktorandin bei Karl Jaspers. 1933 Flucht aus Deutschland, interniert im französischen Lager Gurs, 1941 Emigration nach New York. Der Eichmann-Prozess 1961 machte sie zur weltberühmten und weltweit angefeindeten Denkerin. Zur Zeit des Gesprächs lehrt sie in Chicago; Eichmann in Jerusalem ist gerade auf Deutsch erschienen.

Wichtigste Werke: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (1951), Vita activa (1958), Eichmann in Jerusalem (1963), Vom Leben des Geistes (postum 1978) Kernkonzepte: Verstehen, Weltlosigkeit, Tatsachenwahrheit, Urteilskraft, Wagnis der Öffentlichkeit

→ DenkerVita

Der Fragende: Günter Gaus (1929–2004), Journalist, Erfinder der Reihe „Zur Person“, später erster Ständiger Vertreter der Bundesrepublik in der DDR. Vierzig Jahre später nannte er es „das beste Gespräch, das ich je geführt habe“ (DIE ZEIT, 2003). Arendt schrieb drei Tage vor der Sendung an Jaspers, sie habe „viel zu spontan gesprochen“, weil sie den Gaus so gut leiden konnte.

→ DenkerVita Günter Gaus


Keine Philosophin

0:25 — Gaus beginnt höflich und galant: Sie sei die erste Frau in seiner Reihe, und zwar mit einer „höchst männlichen Beschäftigung“, der Philosophie. Arendt nimmt die Höflichkeit nicht an. Sie protestiert:

„Ich gehöre nicht in den Kreis der Philosophen. Mein Beruf – wenn man davon überhaupt noch sprechen kann – ist politische Theorie.“

Im Gespräch — 0:25

Das klingt nach Bescheidenheit und ist das Gegenteil. 2:53 Arendt erklärt, warum sie den Ausdruck „politische Philosophie“ meidet: Zwischen dem Menschen, der philosophiert, und dem Menschen, der handelt, lebe eine Spannung. Der Naturphilosoph stehe der Natur gegenüber wie alle Menschen. Der Politik gegenüber stehe der Philosoph nicht neutral, „seit Plato nicht!“ Es gebe bei den meisten Philosophen eine Feindseligkeit gegen alle Politik, Kant ausgenommen, und diese Feindseligkeit liege im Wesen der Sache. Sie will daran keinen Teil haben. Sie will „Politik sehen mit, gewissermaßen, von der Philosophie ungetrübten Augen.“

Damit ist in den ersten drei Minuten ihr ganzes Programm gesagt. Platon wollte die Stadt nach der Wahrheit ordnen, die er allein im Denken gefunden hatte; der Philosoph-König ist der Mann, der die Meinungen der Vielen nicht braucht. Arendt dreht die Blickrichtung um. Politik ist für sie der Raum, in dem viele verschiedene Menschen miteinander sprechen und handeln, und gerade darum lässt sie sich aus der Einsamkeit des Denkens schlecht verstehen.

4:30 Auf die „Emanzipationsfrage“ antwortet sie dann überraschend: Sie sei „eigentlich altmodisch gewesen“. Es sehe nicht gut aus, wenn eine Frau Befehle erteile; sie solle versuchen, nicht in solche Positionen zu kommen, wenn ihr daran liege, weibliche Qualitäten zu behalten. Ob sie damit recht habe, wisse sie nicht. Das Problem selbst habe für sie persönlich keine Rolle gespielt: „Ich habe einfach gemacht, was ich gerne machen wollte.“

Eigene Einschätzung

Der Satz über die Befehle irritiert heute, und er soll stehen bleiben. Eine Frau, die in einer Männerwelt Professorin wurde und die halbe Intelligenz Amerikas gegen sich aufbrachte, beschreibt sich als altmodisch. Man kann das als Widerspruch lesen. Man kann es auch als ihre eigentümliche Art lesen, sich keiner Bewegung zuzuordnen, auch der nicht, die für sie gekämpft hätte. Sie war in keiner Partei, sie war keine Zionistin, sie war keine Feministin. Das hat sie frei gemacht und einsam.

„Ich will verstehen“

6:01 Gaus fragt, ob sie mit ihren Büchern eine Wirkung in der Breite erzielen wolle. Arendt: „Wenn ich arbeite, bin ich an Wirkung nicht interessiert.“ Und wenn die Arbeit fertig ist? „Ja, dann bin ich damit fertig.“

„Wissen Sie, wesentlich ist für mich: Ich muß verstehen. Zu diesem Verstehen gehört bei mir auch das Schreiben. Das Schreiben ist Teil in dem Verstehensprozeß.“

Im Gespräch — 6:01

7:38 Dann folgt die berühmte Spitze. Die Frage nach der Wirkung sei, „wenn ich ironisch werden darf – eine männliche Frage. Männer wollen immer furchtbar gern wirken; aber ich sehe das gewissermaßen von außen. Ich selber wirken? Nein, ich will verstehen.“ Und wenn andere im selben Sinne verstehen, wie sie verstanden hat, „dann gibt mir das eine Befriedigung, wie ein Heimatgefühl.“

Das Wort Heimatgefühl sagt eine Staatenlose. Achtzehn Jahre hatte sie keinen Pass, und die Heimat, die ihr blieb, war das gemeinsame Verstehen. Darin steckt ein Gedanke, der ihr ganzes Werk trägt: Verstehen ist kein Besitz, den man im Kopf herumträgt. Es wird erst wirklich, wenn es geteilt wird, und es braucht dafür einen Ort zwischen Menschen.

8:23 Wie sie schreibe? Sie schreibe „niemals, bevor ich nicht sozusagen abschreibe“, also erst, wenn der Gedanke fertig ist. Dann gehe es rasch, „weil es eigentlich nur davon abhängt, wie rasch ich tippe.“

Weitergedacht

Arendt will verstehen und nicht wirken. Aber ihr Eichmann-Buch hat gewirkt wie kaum ein anderes Buch des Jahrhunderts. Kann man die Wirkung einer Wahrheit ablehnen, die man öffentlich ausspricht? Oder ist das Veröffentlichen selbst schon ein Handeln, das man verantworten muss?

Mutter, Königsberg und die Würde

16:18 Gaus zitiert aus ihrem Briefwechsel mit Gershom Scholem: „Jude sein gehört für mich zu den unbezweifelbaren Gegebenheiten meines Lebens, und ich habe an solchen Faktizitäten niemals etwas ändern wollen, nicht einmal in der Kindheit.“ Was es bedeutet habe, im Vorkriegsdeutschland aus einer jüdischen Familie zu kommen? Allgemein könne sie das nicht beantworten, sagt Arendt. Persönlich: Sie habe von zu Hause nicht gewusst, dass sie Jüdin ist. Die Mutter war gänzlich areligiös, der Vater früh gestorben, der Großvater Präsident der liberalen Gemeinde in Königsberg. Das Wort „Jude“ fiel zum ersten Mal durch antisemitische Bemerkungen von Kindern auf der Straße.

21:40 Dann erzählt sie, was ihr Elternhaus besonders machte. Der Antisemitismus sei allen jüdischen Kindern begegnet, „und er hat die Seelen vieler Kinder vergiftet“. Bei ihr war es anders:

„Der Unterschied bei uns war, daß meine Mutter immer auf dem Standpunkt stand: Man darf sich nicht ducken! Man muß sich wehren!“

Im Gespräch — 21:40

Die Regel war genau. Kam die Bemerkung von einem Lehrer, musste die Tochter aufstehen, die Klasse verlassen, nach Hause gehen und alles zu Protokoll geben. Die Mutter schrieb dann „einen ihrer vielen eingeschriebenen Briefe“. Arendt hatte einen Tag schulfrei, „und das war doch ganz schön“. Kam die Bemerkung von Kindern, durfte sie es zu Hause nicht erzählen, dagegen wehrt man sich selbst. „Es gab Verhaltensmaßregeln, in denen ich sozusagen meine Würde behielt und geschützt war, absolut geschützt, zu Hause.“

20:55 Als Deutsche im Sinne der Volkszugehörigkeit habe sie sich nie gefühlt. Um 1930 habe sie mit Jaspers darüber gestritten. Er: „Natürlich sind Sie Deutsche!“ Sie: „Das sieht man doch, ich bin keine!“

Eigene Einschätzung

In dieser kleinen Szene aus Königsberg steckt mehr politische Theorie als in mancher Abhandlung. Die Mutter unterscheidet zwei Arten von Unrecht. Wenn ein Lehrer, also eine Institution, ein Kind herabsetzt, wird die Sache öffentlich gemacht, mit Protokoll und eingeschriebenem Brief. Gegen andere Kinder, also Gleiche, wehrt man sich selbst. Das ist eine Schule der Urteilskraft: Wer bin ich in dieser Lage, und wo gehört der Konflikt hin? Viel später wird Arendt sagen, wer als Jude angegriffen werde, müsse sich als Jude verteidigen. Die Wurzel dieses Satzes liegt hier.

1933: Das Problem waren die Freunde

10:43 Wann wurde sie politisch? Seit 1931 sei sie überzeugt gewesen, dass die Nazis an die Macht kommen würden. In eine Partei einzutreten, hielt sie für hoffnungslos. Den Umschlag datiert sie auf den 27. Februar 1933, den Reichstagsbrand und die Verhaftungen derselben Nacht. „Dies war für mich ein unmittelbarer Schock, und von dem Moment an habe ich mich verantwortlich gefühlt.“

12:18 Kurt Blumenfeld, Präsident der Zionistischen Vereinigung, bittet sie, antisemitische Äußerungen in Berufsvereinen und Fachzeitschriften zu sammeln, was damals als „Greuelpropaganda“ galt. Kein Mitglied der Organisation konnte das machen, ohne sie zu gefährden. „Willst du es machen?“ – „Natürlich.“ Sie wird verhaftet, freundet sich mit dem Kriminalbeamten an, der in die politische Abteilung „avanciert“ war und keine Ahnung hatte, was er mit ihr anfangen sollte, belügt ihn mit „phantastischen Geschichten“, schickt den Anwalt der Organisation weg, weil der Beamte „so ein offenes, anständiges Gesicht hatte“, und kommt nach acht Tagen frei. Danach geht sie illegal über die grüne Grenze. Was sie dabei empfand: Befriedigung. „Wenigstens bin ich nicht unschuldig. Das soll mir keiner nachsagen.“

30:34 Dann der Kern des ganzen Gesprächs. Man denke heute oft, der Schock der deutschen Juden 1933 erkläre sich mit Hitlers Machtergreifung. Für ihre Generation sei das „ein kurioses Mißverständnis“. Dass die Nazis Feinde waren, wusste jeder, „der nicht schwachsinnig war“, seit mindestens vier Jahren. 31:23

„Das Problem, das persönliche Problem war doch nicht etwa, was unsere Feinde taten, sondern was unsere Freunde taten.“

Im Gespräch — 31:23

Die Welle der Gleichschaltung sei „ziemlich freiwillig“ gewesen, „jedenfalls noch nicht unter dem Druck des Terrors“. Es war, „als ob sich ein leerer Raum um einen bildete“. Und sie machte eine Beobachtung, die sie nie vergaß: Unter den Intellektuellen war die Gleichschaltung die Regel, unter den anderen nicht. Sie verließ Deutschland mit dem Vorsatz: „Nie wieder! Ich rühre nie wieder irgendeine intellektuelle Geschichte an.“

33:46 Gaus fragt, ob sie das noch glaube. Nicht mehr in dieser Schärfe, sagt Arendt. Aber eines sehe sie immer noch so:

„Sehen Sie, daß jemand sich gleichschaltete, weil er für Frau und Kind zu sorgen hatte, das hat nie ein Mensch übelgenommen. Das Schlimme war doch, daß die dann wirklich daran glaubten! […] Zu Hitler fiel ihnen was ein; und zum Teil ungeheuer interessante Dinge!“

Im Gespräch — 33:46

„Sie gingen ihren eigenen Einfällen in die Falle, würde ich heute sagen.“

Eigene Einschätzung

Hier liegt der unbequemste Satz des Abends, und er zielt auf Leute wie sie selbst. Arendt verzeiht dem Familienvater die Anpassung aus Not. Was sie nicht verzeiht, ist der Intellekt, der sich die eigene Kapitulation schön denkt. Gemeint sind Professoren und Schriftsteller, die zu Hitler eine Theorie hatten; der Name, der hinter dem Satz steht, ist ihr Lehrer Heidegger, auch wenn sie ihn nicht ausspricht. Der Befund ist ein Einwand gegen den Glauben, Bildung schütze vor dem Mitmachen. Wer viel denkt, findet auch für das Falsche gute Gründe. Darum ist ihr das Urteil so wichtig: die Fähigkeit, eine Lage zu sehen, wie sie ist, bevor man sie deutet.

Weitergedacht

Arendt beobachtet, dass die Gleichschaltung 1933 unter Intellektuellen die Regel war und unter „den anderen“ nicht. Gilt das heute noch? Wo fällt Gebildeten zur Macht gerade „etwas Interessantes“ ein, und woran würde man es erkennen, bevor es zu spät ist?

34:32 Die positive Seite jenes Jahres war eine Erkenntnis: „Wenn man als Jude angegriffen ist, muß man sich als Jude verteidigen.“ Nicht als Deutscher, nicht als Weltbürger, nicht im Namen der Menschenrechte. Sie organisiert sich zum ersten Mal, bei den Zionisten, ohne Zionistin zu sein, und geht nach Paris. 27:16 Dort arbeitet sie für die Jugend-Alijah, die jüdische Jugendliche zwischen dreizehn und siebzehn nach Palästina bringt: Kleidung, Essen, Papiere, Verhandlungen mit den Eltern, Geld. Hier und da schmuggelte sie auch polnische Kinder unter.

Was bleibt? Es bleibt die Sprache

36:54 Gaus fragt, ob ihr das Europa der Vorhitlerzeit fehle. „Ich habe keine Sehnsucht, das kann ich nicht sagen. Was ist geblieben? Geblieben ist die Sprache.“ Sie habe immer bewusst abgelehnt, die Muttersprache zu verlieren, und zum Französischen wie zum Englischen eine Distanz behalten. 37:41 Im Deutschen kenne sie einen großen Teil der Gedichte auswendig, „die bewegen sich da immer irgendwie im Hinterkopf“. Und auf die Frage, ob das auch in der bittersten Zeit galt:

„Immer. Ich habe mir gedacht, was soll man denn machen? Es ist ja nicht die deutsche Sprache gewesen, die verrückt geworden ist.“

Im Gespräch — 37:41

38:27 Wer die Muttersprache vergessen habe, spreche die fremde Sprache oft besser als sie. Aber es werde „eine Sprache, in der ein Klischee das andere jagt, weil nämlich die Produktivität, die man in der eigenen Sprache hat, abgeschnitten wurde, als man diese Sprache vergaß.“

Der Satz über die Sprache, die nicht verrückt geworden ist, trennt zwei Dinge, die nach 1945 viele gleichsetzten: das Land und das, was in ihm gesprochen und gedichtet wurde. Arendt hielt an Heine, Goethe und Rilke fest, während die Täter dieselbe Grammatik benutzten. Das ist eine Entscheidung gegen die Kollektivschuld der Dinge.

Eigene Einschätzung

Die Klischee-Diagnose verdient mehr Aufmerksamkeit, als sie bekommt. Arendt beschreibt, wie Denken verkümmert, wenn die Sprache nur noch übernommen und nicht mehr bewohnt wird: Man redet flüssig und sagt nichts Eigenes. Zwei Jahre vorher hatte sie an Eichmann genau das beobachtet, einen Mann, der nur in Amtssprache und Phrasen sprechen konnte. In ihrem Eichmann-Buch heißt es, dass er unfähig war zu sprechen, weil er unfähig war zu denken, und das hieß: vom Standpunkt eines anderen aus zu denken. Die Muttersprache ist für sie darum mehr als Herkunft. Sie ist der Ort, an dem eigenes Denken möglich bleibt.

Der Abgrund: 1943

39:12 „Das Entscheidende ist ja nicht das Jahr ’33; jedenfalls für mich nicht. Das Entscheidende ist der Tag gewesen, an dem wir von Auschwitz erfuhren.“ Das war 1943. Erst glaubten sie es nicht. Ihr Mann Heinrich Blücher, militärgeschichtlich bewandert, sagte: „Laß dir keine Geschichten einreden; das können sie nicht mehr!“ Es widersprach allen militärischen Notwendigkeiten. Ein halbes Jahr später glaubten sie es, weil es bewiesen wurde. 40:45

„Das war wirklich, als ob der Abgrund sich öffnet. Weil man die Vorstellung gehabt hat, alles andere hätte irgendwie noch einmal gutgemacht werden können, wie in der Politik ja alles einmal wieder gutgemacht werden können muss. Dies nicht. Dies hätte nie geschehen dürfen.“

Im Gespräch — 40:45

Sie meine damit nicht die Zahl der Opfer, sie meine „die Fabrikation der Leichen“. Alles andere, die Armut, die Verfolgung, die Flucht, das Durchschwindeln, das sei schwierig gewesen, „aber wir waren jung. Mir hat es sogar noch ein bißchen Spaß gemacht.“ Dies jedoch nicht.

Hier liegt das Gelenk zu ihrem Hauptwerk. Politik ist für Arendt das Reich des Wiedergutmachbaren: Was Menschen anfangen, können andere fortsetzen, korrigieren, verzeihen. Die Vernichtungslager sprengen diese Ordnung. Sie sind das, was man weder bestrafen noch verzeihen kann, und aus dem Versuch, dieses Unvorstellbare zu verstehen, entstand Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (→ Philipp Felsch und Eva Geulen — Arendt und die Ursprünge totaler Herrschaft).

42:20 Nach Deutschland kam sie zum ersten Mal 1949, im Auftrag einer jüdischen Organisation zur Rettung jüdischen Kulturguts. Sie kam „mit sehr gutem Willen“. Die Mitläufer von 1933 waren keine Mörder, „das waren ja nur Leute, wie ich heute sagen würde, die in ihre eigenen Fallen gegangen sind“, und gerade in diesem Abgrund sollte es eine Basis geben. Das größte Erlebnis aber war, „daß auf der Straße deutsch gesprochen wurde. Das hat mich unbeschreiblich gefreut.“ Fünfzehn Jahre später seien die Abstände eher größer geworden, die Dinge in ein festes Geleis geraten, manchmal in eines, das sie nicht bejahe. Gleichgültigkeit sei zu viel gesagt. „Aber Distanzierung ist wahr.“

Der Ton ist der Mensch: das Lachen über Eichmann

46:17 Gaus kommt zum Eichmann-Buch, das gerade auf Deutsch erschienen ist, und fragt, ob sie der Vorwurf schmerze, dem Buch fehle die Liebe zum jüdischen Volk. Arendt antwortet zuerst trocken: Er sei „natürlich auch schon ein Objekt dieser Kampagne geworden“. 47:48 Sie habe dem jüdischen Volk nirgends das Nicht-Widerstehen vorgeworfen. Das habe der Ankläger Gideon Hausner getan, dessen Fragen an die Zeugen sie „töricht und grausam“ genannt habe.

Gaus hält dagegen: Viele Vorwürfe gründeten sich auf den Ton. Und da wird Arendt offen. 49:26

„Aber ich war wirklich der Meinung, daß der Eichmann ein Hanswurst ist, und ich sage Ihnen: Ich habe sein Polizeiverhör, 3600 Seiten, gelesen und sehr genau gelesen, und ich weiß nicht, wie oft ich gelacht habe; aber laut!“

Im Gespräch — 49:26

Sie würde „wahrscheinlich noch drei Minuten vor dem sicheren Tode lachen“. Der Ton sei weitgehend ironisch, und das sei vollkommen wahr: „Der Ton ist in diesem Falle wirklich der Mensch.“ Den Vorwurf, sie habe das jüdische Volk angeklagt, nennt sie „eine böswillige Propagandalüge“. Der Ton aber sei ein Einwand gegen sie als Person, dagegen könne sie nichts tun. 50:17 „Ich kann den Leuten doch nicht sagen: Ihr mißversteht mich, und in Wahrheit geht in meinem Herzen dies und jenes vor! Das ist doch lächerlich.“

Eigene Einschätzung

Das Lachen ist ernster gemeint, als es klingt. Wer über Eichmann lacht, verweigert ihm die Größe des dämonischen Bösewichts, die er selbst so gern gehabt hätte und die auch die Anklage ihm zuschrieb. Das Lachen ist hier eine Form des Erkennens: Der Organisator des Massenmords war ein Mann aus Phrasen. Arendt selbst hat diese Spur „Banalität des Bösen“ genannt. Die Forschung hat das Bild inzwischen korrigiert: Bettina Stangneths Auswertung der Sassen-Interviews (Eichmann vor Jerusalem, 2011) zeigt einen überzeugten Antisemiten, der in Jerusalem den gedankenlosen Beamten gespielt hat, und Arendt ist ihm darin zum Teil aufgesessen. Der Begriff bleibt als Frage brauchbar, der Hanswurst nicht. Zugleich zeigt die Stelle die Grenze ihrer Haltung. Auffällig ist auch, worauf sie antwortet: Gaus hatte zwei Vorwürfe genannt, das passive Erdulden und die Kollaboration der Judenräte. Arendt weist den ersten zurück, über den zweiten, den eigentlichen Kern der Kontroverse, spricht sie hier nicht. Für Überlebende und Angehörige war dieser Ton kaum zu ertragen, und Arendt erklärt ihn mit ihrer Person, statt ihn zu verteidigen. Beides gehört zum Bild: die Klarheit, die sich keine Rührung abverlangen lässt, und eine Härte, die auch Menschen verletzt hat, denen sie nichts vorwerfen wollte.

Freunde lieben, nicht Völker: der Weltbezug

50:17 Gaus zitiert sie selbst: „Ich habe nie in meinem Leben irgendein Volk oder Kollektiv geliebt […] Ich liebe in der Tat nur meine Freunde und bin zu aller anderen Liebe völlig unfähig. Vor allem aber wäre mir diese Liebe zu den Juden, da ich selbst jüdisch bin, suspekt.“ Brauche nicht der politisch handelnde Mensch die Bindung an eine Gruppe? Sei ihre Haltung nicht politisch steril?

51:54 „Nein. Ich würde sagen, die andere ist politisch steril.“ Zu einer Gruppe gehöre man durch Geburt, immer. Sich zu organisieren sei etwas anderes, das geschehe „immer unter Weltbezug“, über das, was man gewöhnlich Interessen nennt, über das, was zwischen den Menschen liegt. Liebe dagegen spreche die Person direkt an, unabhängig von der Welt; darum könnten Menschen aus verschiedenen Organisationen Freunde bleiben. 52:39

„Wenn man aber diese Dinge miteinander verwechselt, wenn man also die Liebe an den Verhandlungstisch bringt, um mich einmal ganz böse auszudrücken, so halte ich das für ein sehr großes Verhängnis.“

Im Gespräch — 52:39

Sie hält es für „apolitisch“ und „weltlos“. Das jüdische Volk der Zerstreuung sei ein Musterbeispiel eines weltlosen Volksverbands gewesen, und dieser Weltverlust habe, „wie bei allen Pariavölkern“, eine eigentümliche Wärme erzeugt, eine „völlige Vorurteilslosigkeit“, die sie an ihrer Mutter erlebt habe. 54:20 Mit der Gründung Israels habe sich das geändert. „Man bezahlt teuer für die Freiheit.“ Zurückdrehen wolle sie es nicht. „Ich weiß, man muß einen Preis für die Freiheit zahlen; aber ich kann nicht sagen, daß ich ihn gern zahle.“

Das ist der vielleicht genaueste politische Begriff des Gesprächs. Wo Liebe die Politik bestimmt, verschwindet der Abstand, den Verhandlung, Kompromiss und Streit brauchen. Wer sein Volk liebt, kann ihm schlecht widersprechen; wer verhandelt, muss es können. Gleich danach zieht Arendt die Folgerung für die Wahrheit.

Weitergedacht

Arendt nennt die Liebe zu einem Volk „politisch steril“ und hält die Liebe für etwas, das nur zwischen Personen trägt. Was bedeutet das für Patriotismus, Solidarität, das „Wir“ einer Bewegung? Braucht Politik kein Gefühl, oder braucht sie nur ein anderes als Liebe?

Tatsachenwahrheit und die Hüter

55:53 Darf man eine erkannte Wahrheit verschweigen? Das sei im Grunde die einzige Frage, die sie an der ganzen Kontroverse interessiert habe, „alles übrige ist doch reines Propagandagewäsch.“ Fiat veritas, pereat mundus? Ihr Buch habe niemandes legitimes Interesse beeinträchtigt, man glaube es nur. 57:37 Und wenn doch? Dann hätte sie vor der Wahl gestanden, zu schreiben oder nicht zu schreiben. „Man kann ja die Schnauze halten.“

Dann kommt sie zu dem, was das 18. Jahrhundert „Tatsachenwahrheiten“ nannte. Es gehe hier um Tatsachen, nicht um Meinungen, und deren Hüter seien die historischen Wissenschaften. 58:27 Die fallen manchmal um und lassen sich vom Staat vorschreiben. Wie wichtig sie sind, sehe man an der bolschewistischen Geschichtsschreibung, „wo Geschichte alle fünf Jahre umgeschrieben wird und die Tatsachen, etwa daß es einen Herrn Trotzki gegeben hat, unbekannt bleiben. Wollen wir dahin?“ Nach zwanzig Jahren wollten manche die Wahrheit noch nicht sagen. „In jedem Falle besteht das Interesse, sich selber reinzuwaschen. Das aber ist kein legitimes Interesse.“

60:03 Und dann die schönste Herleitung des Abends. Die Unparteilichkeit sei in die Welt gekommen, als Homer auch den Besiegten besang, Hektor neben Achill, und als Herodot „die großen Taten der Griechen und der Barbaren“ erzählen wollte. Aus diesem Geist komme die ganze Wissenschaft. 60:52 Wer zu dieser Unparteilichkeit nicht fähig sei, weil er vorgebe, sein Volk so zu lieben, „daß man dauernd Schmeichelvisiten bei ihm ablegt – ja, dann kann man nichts machen. Ich bin der Meinung, daß das keine Patrioten sind.“

Eigene Einschätzung

Drei Jahre später schreibt Arendt den Essay Wahrheit und Politik (1967), der diese Gedanken ausarbeitet; in diesem Gespräch kann man ihm beim Entstehen zuhören. Der Gedanke ist heute aktueller als 1964. Tatsachen sind verletzlicher als Meinungen: Eine Meinung kann man immer wieder neu vertreten, eine gelöschte Tatsache kommt nicht zurück, wenn niemand sie bewahrt. Die Verbindung von Homer zur Wissenschaft passt zur Haltung, auf der die Gedankenwelten stehen. Der Blick, der den Gegner gleich genau ansieht wie den eigenen Helden, ist dieselbe Unparteilichkeit, die bei uns Upekkhā heißt.

Weltlosigkeit, Urteil und das Wagnis der Öffentlichkeit

61:37 Gaus kommt zur Vita activa: Die Neuzeit habe den Gemeinsinn entthront, übrig bleibe der entwurzelte Massenmensch, der im bloßen Arbeiten und Konsumieren sein Genügen finde. Wie weit ist so eine Erkenntnis auf persönliche Erfahrung angewiesen? „Ich glaube nicht, daß es irgendeinen Denkvorgang gibt, der ohne persönliche Erfahrung möglich ist. Alles Denken ist Nachdenken, der Sache nachdenken.“ 62:27 Das Arbeiten und Konsumieren sei so wichtig, „weil sich darin wieder eine Weltlosigkeit konturiert. Es liegt einem nichts mehr daran, wie die Welt aussieht.“ Welt heißt für sie der Raum, „in dem Dinge öffentlich werden“, in dem man wohnt und „der anständig aussehen muß“. 63:14 Im Arbeiten und Konsumieren sei der Mensch „wirklich völlig auf sich selbst zurückgeworfen“, aufs Biologische, und daraus entstehe „eine eigentümliche Verlassenheit“.

Das Wort Verlassenheit ist kein Zufall. Im Schlusskapitel von Elemente und Ursprünge ist sie der Boden, auf dem totale Herrschaft wächst: Menschen, die keinen gemeinsamen Raum mehr haben, in dem sich ihre Erfahrung an der anderer prüfen lässt.

64:49 Ist Demokratie, die auf der Mitverantwortung aller beruht, dann eine Fiktion, wenn das Vermögen zu handeln auf wenige beschränkt ist? Arendt schränkt ein. Die Unfähigkeit, sich sachgemäß zu orientieren, gelte für alle, auch für den Staatsmann. Er sei umgeben von einem Heer von Experten, die sich prinzipiell widersprechen müssten, und jeder vernünftige Staatsmann hole sich die entgegengesetzten Gutachten. 65:35 „Dazwischen muß er urteilen. Und dieses Urteilen ist ein höchst mysteriöser Vorgang. In dem äußert sich dann der Gemeinsinn.“ 66:22 Wo immer Menschen zusammen sind, bilde sich Öffentlichkeit, in Amerika in den spontanen associations, von denen schon Tocqueville sprach: eine Nachbarschaft, ein Haus, eine Stadt. Diese Leute seien sehr gut imstande, öffentlich zu handeln, weil sie die Dinge überschauen. Bei den allergrößten Entscheidungen sei der Unterschied zwischen Staatsmann und Mann von der Straße „prinzipiell gar nicht sehr groß“.

67:53 Über Karl Jaspers sagt sie: „Wo Jaspers hinkommt und spricht, da wird es hell.“ Sie sei vaterlos aufgewachsen, 68:42 und wenn es irgendeinem Menschen gelungen sei, sie zur Vernunft zu bringen, dann ihm. Das Gespräch mit ihm sei ihr „stärkstes Nachkriegserlebnis“ gewesen: „Daß es ein solches Gespräch gibt! Daß man so sprechen kann!“

69:30 Die letzte Frage greift ein Wort aus ihrer Jaspers-Rede auf: das Wagnis der Öffentlichkeit. Man exponiere sich im Licht der Öffentlichkeit als Person, im Handeln und im Sprechen wie in keiner anderen Tätigkeit. 70:21 Und das zweite Wagnis:

„Wir fangen etwas an; wir schlagen unseren Faden in ein Netz der Beziehungen. Was daraus wird, wissen wir nie.“

Im Gespräch — 70:21

Alle seien darauf angewiesen zu sagen: „Herr vergib ihnen, was sie tun, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ 71:06 Dieses Wagnis sei nur möglich „im Vertrauen auf die Menschen. Das heißt, in einem – schwer genau zu fassenden, aber grundsätzlichen – Vertrauen auf das Menschliche aller Menschen. Anders könnte man es nicht.“

Eigene Einschätzung

Das Gespräch endet mit Vertrauen, und das ist bemerkenswert. Eine Frau, deren Freunde sich 1933 gleichschalteten, die den Abgrund von 1943 gesehen und Eichmanns Akten gelesen hat, schließt mit dem Vertrauen auf das Menschliche aller Menschen. Naiv ist das nicht. Es ist die Folgerung aus dem Handeln selbst: Wer etwas anfängt, kann die Folgen nie kennen, darum braucht jedes Handeln Verzeihen und Vertrauen, sonst lähmt die Angst jeden Anfang. Es ist die politische Fassung dessen, was sie an anderer Stelle Natalität nennt (→ Hannah Arendt — Denken ohne Geländer). Und es ist ein Satz, der zu einem Leben mit so viel Verlust erstaunlich gut passt.


Faktencheck

Geprüft wurden die biografischen und historischen Angaben, gegen die autorisierte rbb-Abschrift und die Literatur. Interpretationen und Urteile Arendts sind kein Gegenstand.

Bestätigt — Erste Frau der Reihe, gesendet am 28.10.1964

Arendt war die erste Frau in „Zur Person“. Gesendet wurde das Gespräch am 28. Oktober 1964, aufgenommen einige Wochen vorher; am 25.10. schrieb Arendt an Jaspers schon über das geführte Gespräch. Quelle: ZDF-Mediathek · rbb-Abschrift

Bestätigt — Recherche für die Zionisten und acht Tage Haft in Berlin 1933

Kurt Blumenfeld war Präsident der Zionistischen Vereinigung für Deutschland; Arendt sammelte antisemitische Äußerungen, wurde verhaftet, kam nach acht Tagen frei und floh illegal. Biografien berichten, dass auch ihre Mutter kurz in Haft war, was Arendt hier nicht erwähnt; sie nennt die ganze Episode „belanglos“. Quelle: Hannah Arendt (Wikipedia)

Bestätigt — Reichstagsbrand, Studium, frühe Lektüre

Reichstagsbrand am 27.02.1933 mit Schutzhaft-Verhaftungen in derselben Nacht; Studium in Marburg, Freiburg und Heidelberg bei Heidegger, Bultmann und Jaspers. Jaspers' Psychologie der Weltanschauungen erschien 1919, nicht 1920; Arendt sagt selbst „glaube ich“. Quelle: We Refugees Archive — Arendts Lebenslauf

Vereinfacht — „Rahel Varnhagen war fertig, als ich Deutschland verließ“

1933 fehlten noch die letzten beiden Kapitel. Arendt schrieb sie 1938 in Paris, auf Drängen Walter Benjamins. Eine Verkürzung aus der Erinnerung, dreißig Jahre später, ohne strategischen Wert. Quelle: NYRB, „A Fugitive from Egypt and Palestine“ (1999)

Bestätigt — Paris, Heirat 1940, Chicago, Deutschland 1949, Lessingrede 1959

Arbeit für die Jugend-Alijah (gegründet auf Anregung Recha Freiers, in Palästina geleitet von Henrietta Szold) bis 1940; Heirat mit Heinrich Blücher 1940; Professur in Chicago; 1949 erster Deutschlandbesuch als Geschäftsführerin der Jewish Cultural Reconstruction; Lessingrede in Hamburg 1959. Quelle: rbb — Kurzbiografie zur Abschrift

Bestätigt — „Ich habe sein Polizeiverhör, 3600 Seiten, gelesen“

Das Verhör Eichmanns durch Avner Less umfasst 3.564 Seiten. Quelle: Eichmann Interrogated (Wikipedia)

Vereinfacht — „Ich habe nirgends dem jüdischen Volk das Nicht-Widerstehen vorgeworfen“

Wörtlich stimmt das: Die Frage an die Zeugen, warum sie sich nicht gewehrt hätten, stellte Ankläger Gideon Hausner, und Arendt nannte sie „töricht und grausam“. Auch die „gesteuerte Kampagne“ ist belegt; die Anti-Defamation League verschickte im März 1963 ein Memo gegen das Buch und rief Rabbiner auf, dagegen zu predigen. Aber Gaus hatte zwei Vorwürfe genannt, und Arendt antwortet nur auf den schwächeren. Ihre Kritik an den Judenräten, der Kern der Kontroverse, bleibt in der Antwort unberührt. Eine verständliche Verteidigung unter Beschuss, aber eine Verschiebung. Quelle: The American Scholar — Hannah Arendt on Trial

Bestätigt (als Erinnerung stimmig) — „Von Auschwitz erfuhren wir 1943“

Am 17.12.1942 machten die Alliierten die Vernichtung öffentlich, die Erklärung stand auf der Titelseite der New York Times; genaue Belege speziell zu Auschwitz brachte der Vrba-Wetzler-Bericht im Frühjahr 1944. Arendts „ein halbes Jahr später haben wir es doch geglaubt“ fügt sich in diese Chronologie. Quelle: Allied Declaration (Jewish Virtual Library) · Vrba-Wetzler-Bericht (Wikipedia)

Bestätigt — Gaus: „das beste Gespräch, das ich je geführt habe“

Der Satz fällt nicht im Gespräch, sondern 2003 in der ZEIT (Gespräch mit Reinhold Beckmann, 22.12.2003). Quelle: HannahArendt.net — Erinnerungen an Arendt


Weiterführende Quellen

Zum Gespräch:

Im Gespräch genannte und berührte Werke:

  • Hannah Arendt: Ich will verstehen. Selbstauskünfte zu Leben und Werk, hg. von Ursula Ludz (Piper) — enthält das Gaus-Gespräch
  • Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen (1963, dt. 1964)
  • Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben (1958, dt. 1960)
  • Hannah Arendt: Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik (1933 bis auf die letzten zwei Kapitel fertig, abgeschlossen 1938 in Paris, erschienen 1957/1959)
  • Hannah Arendt: Von der Menschlichkeit in finsteren Zeiten — Lessing-Rede, Hamburg 1959
  • Hannah Arendt: Wahrheit und Politik (1967) — die Ausarbeitung der Gedanken zur Tatsachenwahrheit
  • Hannah Arendt / Gershom Scholem: Der Briefwechsel (Jüdischer Verlag) — der Brief, aus dem Gaus zitiert
  • Karl Jaspers: Psychologie der Weltanschauungen (1919) — Arendts frühe Lektüre

Verbindungen

→ Philipp Felsch und Eva Geulen — Arendt und die Ursprünge totaler Herrschaft

Die Schwester-Note zum Geburtstag. Hier spricht Arendt über den Abgrund von 1943, dort legen Felsch und Geulen das Buch auseinander, das aus dem Versuch entstand, ihn zu verstehen: Masse, Ideologie, Terror, Verlassenheit. Das Dresdner Gespräch spielt zweimal Ausschnitte aus diesem Interview ein.

→ Hannah Arendt — Die Banalität des Bösen

Bei Gaus verteidigt Arendt den Ton ihres Eichmann-Buchs und das Lachen über den „Hanswurst“. Die Note über die Banalität des Bösen zeigt, was dahinter steht und wo die Forschung (Stangneth) das Bild inzwischen korrigiert hat.

→ Hannah Arendt — Denken ohne Geländer

Was dort als Begriff erscheint, Natalität, Pluralität, Amor mundi, hat hier eine Biografie: die Mutter, die keinen Antisemitismus durchgehen ließ, die Freunde von 1933, das Vertrauen am Schluss. Beide Notes zusammen geben Werk und Stimme.

→ Wie werden gewöhnliche Menschen zu Tätern?

Das Panorama fragt: gedankenlos oder überzeugt? Arendt fügt bei Gaus einen dritten Typus hinzu, die Intellektuellen von 1933, die sich freiwillig gleichschalteten und ihren eigenen Einfällen in die Falle gingen. Die Täterfrage rückt damit vom Apparat in den eigenen Freundeskreis.

→ Dietrich Bonhoeffer — Theorie der Dummheit

Bonhoeffer schreibt um die Jahreswende 1942/43, dumm werde, wer unter dem Eindruck der Macht sein Urteil abgibt. Arendt beschreibt denselben Vorgang an Menschen, die gerade nicht dumm waren. Bei ihr erzeugt nicht die äußere Macht die Urteilslosigkeit, sondern die eigene Konstruktion: Zu Hitler fiel ihnen etwas ein.

→ Walther Ziegler — Heidegger in 60 Minuten

Heidegger steht ungenannt im Raum, wenn Arendt über die Gleichschaltung der Intellektuellen spricht. Ihr Abschied von der Philosophie und ihr Wunsch, Politik mit „ungetrübten Augen“ zu sehen, lassen sich als Antwort auf das Versagen ihres Lehrers lesen.

→ Simone Weil — Aufmerksamkeit, die seltenste Großzügigkeit

1943 schreibt Simone Weil im Londoner Exil L'Enracinement und erklärt die Entwurzelung zur Krankheit der Zeit; im selben Jahr erfährt Arendt von Auschwitz. Weil sucht neue Wurzeln, Arendt findet Halt in der Muttersprache und in Freundschaften, ausdrücklich nicht in einem Volk.

→ Martin Buber und Emmanuel Levinas — Ich, Du und der Andere

„Ich liebe in der Tat nur meine Freunde“: Arendts Absage an die Liebe zum jüdischen Volk ist Bubers Ich-Du, auf die Politik gewendet. Liebe gibt es zum konkreten Du, nie zum Kollektiv, und Scholem, an den der Satz gerichtet war, kam selbst aus Bubers Umfeld.

→ Maja Göpel und Jagoda Marinić — Vertrauen, utopisch?

Göpel und Marinić beschreiben Vertrauen als die Hand, die man reicht, ohne zu wissen, ob man über den Tisch gezogen wird. Arendt schließt das Gaus-Gespräch mit derselben Figur, als jemand, der den Verrat der eigenen Freunde schon kennt. Ihr Vertrauen kommt nach der Enttäuschung.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
  • Arendt verzeiht dem, der sich aus Sorge um seine Familie anpasst, und nicht dem, dem zur Macht „etwas einfällt“. Ist das gerecht, oder belohnt es die Gedankenlosen gegenüber denen, die wenigstens nachgedacht haben?
  • „Es ist ja nicht die deutsche Sprache gewesen, die verrückt geworden ist.“ Kann eine Sprache unschuldig bleiben, wenn ihre Wörter (Sonderbehandlung, Endlösung) mitgemordet haben? Wo verläuft die Grenze zwischen Sprache und Gebrauch?
  • Arendt hält die Liebe zu einem Volk für politisch steril. Amor mundi ist für sie die Liebe zur Welt. Ist die Liebe zur Welt etwas anderes als die Liebe zu einem Volk, oder nur eine größere Fassung desselben Gefühls?
  • Sie sagt, der Ton sei „wirklich der Mensch“, und lehnt es ab, ihr Herz zu erklären. Schuldet jemand, der öffentlich über das Leid anderer schreibt, diesen Menschen einen Ton? Oder ist gerade das Verweigern von Rührung eine Form von Respekt?
  • Das Gespräch endet mit dem „Vertrauen auf das Menschliche aller Menschen“. Was müsste man selbst erlebt haben, um diesen Satz nach Auschwitz ehrlich sagen zu können, und was braucht es, ihn heute zu sagen?

Von hier einen Faden gehen7 Stationen, rückwärts durch den Bestand

Im Bestand

Philipp Felsch und Eva GeulenArendt und die Ursprünge totaler…Hannah ArendtDenkerVitaGünter GausDenkerVitaHannah ArendtDie Banalität des BösenHannah ArendtDenken ohne GeländerWie werden gewöhnliche…Dietrich BonhoefferTheorie der DummheitWalther ZieglerHeidegger in 60 MinutenSimone WeilAufmerksamkeit, die seltenste…Martin Buber und Emmanuel…Ich, Du und der AndereMaja Göpel und Jagoda MarinićVertrauen, utopisch?

elf gedachte Verweise

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