Gedankenraum
Panorama·10. Oktober 2026

Wann darf der Staat Preise setzen?

Zwei Ökonominnen bauten 2022 dieselbe Gaspreisbremse und erzählen sie verschieden, als Signal und als Schutz. Drei offene Fragen: Muss der Preis in der Knappheit sprechen, wer bekommt die Entlastung, und wer verdient am Deckel?

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Diego Rivera — Rivera hat den Markt als Bühne der Gesellschaft gemalt: wer ansteht, wer anbietet, wer über beiden waltet, alles auf einer Wand, in schweren, ruhigen Körpern. Das passt zu einer Frage, in der Knappheit, Schutz und Macht am selben Stand zusammentreffen. Links steht eine Schlange gewöhnlicher Leute mit Bezugsscheinen, eine Mutter mit Kind, ein alter Mann, Arbeiter mit Mütze; an einem kahlen Holztresen schöpft eine Frau Korn ab. In der Mitte hängt eine Waage, Brot und Mais liegen unter Glasglocken, darunter Kartoffeln, Kohl und eine Reihe Gasflaschen. Über allem liegt eine große Hand im Anzugärmel, flach wie ein Deckel, und man sieht nicht, wem der Ärmel gehört, dem Staat oder dem Konzern. Rechts hängt in einem gläsernen Laden voller Schinken, Käse und Obst ein Händler auf der Leiter leere Schilder um. Der erste Versuch zeigte einen Händedruck von oben und Pseudo-Signaturen, der zweite kippte in ein mexikanisches Klischee und beschriftete Dosen und Säcke; im dritten wurden rote Pseudo-Ziffern auf den Gasflaschen in Flaschengrau übermalt.

Prompt: Diego Rivera true fresco mural, like his market murals at the Palacio Nacional: monumental simplified rounded figures, heavy contours, matte chalky pigment on wet plaster, palette of burnt sienna, ochre, terracotta red, maize yellow, deep indigo and leaf green, crowded frieze-like composition filling the whole surface edge to edge, no border, no frame. Scene: a big market hall under stone arches. In the center one single enormous open working hand, clearly visible, comes down from above and holds a large balance scale; on one pan a woven basket of bread under a bell-shaped glass cover, on the other pan a heap of maize. Below, loose piles of potatoes, cabbages, apples and a row of plain unmarked metal gas cylinders. Left side: a mixed queue of ordinary people of the 1940s, women in headscarves and plain coats, an old man, a mother with a child, young workers in simple jackets and caps, holding up small plain paper coupons at a bare wooden counter where a woman scoops grain. Right side: a lavish shop window piled with loose fruit, hams, cheese wheels, bolts of cloth and baskets, no packages, a stout merchant on a ladder turning small plain cards hanging on strings. Stylized anonymous faces. Plain surfaces everywhere: no text, no letters, no numbers, no labels, no logos, no stamps, no writing, no signature, no monogram.

Worum es geht

Im Herbst 2022 bauten zwei Ökonominnen in derselben Kommission dieselbe Gaspreisbremse und erzählen sie bis heute verschieden: Veronika Grimm als Preis, der sein Signal behielt, Isabella Weber als Schutz, der Zeit kaufte. Dieses Panorama fragt, wann der Staat Preise setzen darf: ob der Preis in der Knappheit sprechen muss, wer die Entlastung bekommt und ob sich ein Deckel gegen die Knappheit richtet oder gegen die, die sie verkaufen.

Ein wachsendes Panorama

Die meisten Panoramen sind Momentaufnahmen. Dieses wächst: Wenn eine Note in ihrer Nachbesprechung eine dieser Fragen vertieft, kommt ihre Stimme hierher, und was sie an Forschung mitbringt, auch. Angelegt am 10.10.2026, als zu Isabella Weber die Stimme kam, die ihr fehlte.


Muss der Preis sprechen, wenn es knapp wird?

Im Herbst 2022 saßen Veronika Grimm und Isabella Weber in derselben Kommission und bauten dasselbe Instrument. Für achtzig Prozent des früheren Verbrauchs galt ein gedeckelter Preis, jede Kilowattstunde darüber kostete, was der Markt verlangte. Grimm begründet die Bauform mit dem Signal: „Deswegen war es ganz wichtig, die Gas-Sparanreize zu erhalten.“ Weber begründet sie mit dem Schutz, denn wer allein den Preis zuteilen lässt, entscheidet, wer sich das Grundlegende noch leisten kann. Die Bauform kennt Weber aus ihrer eigenen Forschung. China hielt in den Achtzigern für eine Grundmenge den Planpreis und ließ nur, was darüber hinausging, zum Marktpreis handeln, statt alle Preise auf einmal freizugeben (Weber 2021, doi:10.4324/9780429490125, historische Monografie). Das Grundkontingent der Gaspreisbremse ist ein solcher zweigleisiger Preis, und die beiden Ökonominnen blicken auf seine zwei Enden.

Ob das Signal ankam, ist inzwischen gemessen. Im zweiten Halbjahr 2022 lag der Gasverbrauch 23 Prozent unter dem temperaturbereinigten Niveau; die Industrie hatte schon im Herbst 2021 zu sparen begonnen, die Haushalte erst im März 2022 (Ruhnau et al. 2023, doi:10.1038/s41560-023-01260-5). Die Industrie sparte gut ein Viertel, die Haushalte ein Sechstel, und die Produktion außerhalb der energieintensiven Branchen sank kaum (Moll, Schularick & Zachmann 2023, doi:10.1353/eca.2023.a935431); die Autoren gehörten 2022 selbst zu denen, die einen Lieferstopp „teuer, aber beherrschbar“ nannten, zusammen mit Andreas Löschel (Bachmann et al. 2024, doi:10.1111/ecca.12546). Bei den Unternehmen wirkte der Preis also. Bei den Haushalten wirkte er schwächer. Ein Feldexperiment mit einem Versorger fand, dass die meisten den Anreiz der Bremse nicht verstanden und die übrigen nicht auf ihn reagierten; gespart wurde aus dem Gefühl der Krise (Dertwinkel-Kalt et al. 2024, doi:10.1073/pnas.2411740121). Eine Zeitreihenanalyse der Kleinverbraucher sieht eine Reaktion auf den Großhandelspreis, aber eine kleine, überlagert vom milden Winter (Jamissen et al. 2024, doi:10.1007/s12053-024-10284-z). Und oft erreichte der Preis die Haushalte spät, weil Verträge und Abschläge nachhinken; eine Sparprämie eines großen Versorgers hob die Einsparung ihrer Teilnehmer um gut sechs Prozentpunkte, nur machten zu wenige mit (Amberg et al. 2025, doi:10.2139/ssrn.5747645, noch nicht begutachtet).

Die Geschichte kennt beide Ausgänge. Im Zweiten Weltkrieg hielten die amerikanischen Preiskontrollen, solange Marken die Menge zuteilten; je länger sie liefen, desto größer wurden Schwarzmarkt und versteckte Qualitätsverluste (Rockoff 1984, doi:10.1017/cbo9780511600999). Nixons Preisstopp von 1971 verschob die Inflation nur (Blinder & Newton 1981, doi:10.1016/0304-3932(81)90002-7). Erhards Preisfreigabe vom Juni 1948 füllte über Nacht die Schaufenster. Der Mietpreisstopp von 1936 blieb, die Lebensmittel blieben rationiert, und weil die Preise bis zum Herbst stark stiegen und die Löhne eingefroren waren, schien die „Rationierung durch den Preis“ die Rationierung der Waren abgelöst zu haben. Der bizonale Länderrat erklärte im November, der Versuch einer Marktwirtschaft „bei kritischen Mangelwaren“ sei gescheitert, die Gewerkschaften riefen zum Generalstreik, und Erhard antwortete mit dem Jedermann-Programm (APuZ/bpb, Kleine Ereignisgeschichte der Währungsreform 1948; → Ahlen oder Erhard?). Warum seine Leute die Preisfreiheit trotzdem zur Bedingung der neuen Ordnung machten, zeichnet Melvin John ideengeschichtlich nach (John 2025, doi:10.1628/978-3-16-164386-6). Tilo Jung hält Grimm am Ende ihres Gesprächs Erhards Preiskontrollen vor, „du bist ja auch dagegen“; eine Antwort kommt nicht mehr, die Sendung geht zu den Zuschauerfragen.

Am dichtesten ist der Befund dort, wo ein Deckel auf Dauer gilt. Eine Übersicht über die empirische Literatur zur Mietregulierung findet, dass sie den Anstieg der gedeckelten Mieten bremst und eine breite Reihe von Nebenwirkungen hat (Kholodilin 2024, doi:10.1016/j.jhe.2024.101983, Literaturübersicht). Diesen langen Deckel verhandelt Schöner Wohnen.

Die Stimmen

Weitere Stimmen (4)
  • Dirk Specht — Bei diesen Entlastungen wäre es vermutlich besser gewesen, gar nichts zu tun.
  • Elif Eralp — Der Mietendeckel war „eine super Sache“ und scheiterte an der Zuständigkeit; wer deckelt, braucht einen Plan B.
  • Tim Klüssendorf — In Berlin helfe ein Mietendeckel jetzt mehr als eine Vergesellschaftung, deren Kosten niemand absehen kann.
  • Thomas Fricke — Spekulative Preisschübe früh erkennen und gegensteuern, statt sie laufen zu lassen.
Die Reibung

Grimm baute die Bremse so, dass die letzte Kilowattstunde teuer blieb, damit die Haushalte sparen. Die Haushalte sparten, aber die meisten kannten diesen Anreiz gar nicht; den Preis hörte vor allem die Industrie. Wenn bei den Menschen der Gemeinsinn trug und bei den Firmen der Preis, wem muss der Staat dann das Signal lassen und wem den Schutz?


Wer bekommt die Entlastung?

Die Gaspreisbremse rechnete vom Anschluss her. Das Kontingent bemaß sich am Vorjahresverbrauch, und so bekam die große Wohnung mehr als die kleine und der Vielverbraucher mehr als der, der schon immer sparte. Tilo Jung hält Grimm das vor, und sie widerspricht nicht. Sie erklärt, warum es anders nicht ging: Nur die Versorger konnten in der Zeit erkennen, wer Gas bezieht, und sie sehen nur den Anschluss, hinter dem ein Hochhaus mit hundert Parteien stecken kann, eine Bäckerei oder eine Villa mit Pool. Ein Kontingent pro Kopf, wie es das IMK vorrechnete, wäre nach dessen Rechnung zielgenauer und etwa halb so teuer gewesen (IMK/Hans-Böckler-Stiftung 2022), und es hätte dieselben Daten gebraucht, die fehlten.

Der Rat der Lehrbücher lautet: den Preis laufen lassen und gezielt ausgleichen. So empfahl ihn der IWF 2022 für Europa und räumte zugleich ein, dass die meisten Regierungen aus institutionellen, politischen und technischen Gründen die Preise drückten. Als zweitbeste Wege nennt er Zuschüsse, die nicht am laufenden Verbrauch hängen, und gestufte Tarife, also Bauformen wie die deutsche Bremse, und rät, die Hilfe bei den Besserverdienenden über die Einkommensteuer zurückzuholen (Arregui et al. 2022, doi:10.5089/9798400227400.001, Arbeitspapier). Bargeld für die Verletzlichen sei der kostengünstigste Weg (Amaglobeli et al. 2023, doi:10.5089/9798400237768.001). Spanische Rechnungen stützen das: Die gesenkte Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel, Strom und Gas half den Ärmeren anteilig mehr, der Tankzuschuss eher den Wohlhabenden, und gezielte Hilfen hätten denselben Schutz billiger geleistet (García-Miralles 2023, doi:10.53479/29769, Analyse der Banco de España). Für Deutschland kommt eine Mikrosimulation zum selben Bild: Die Pakete von 2022/23 entlasteten nach dem Gießkannenprinzip, gegen Energiearmut wirkten die gezielten Maßnahmen am besten, und die eigene Anpassung der Haushalte trug mehr als alle Hilfen (Praktiknjo, Seeger & Priesmann 2025, doi:10.2139/ssrn.5577990, noch nicht begutachtet).

Zwei Befunde stören diesen Konsens. Frankreich fror ab Herbst 2021 Gas- und Strompreise weitgehend ein und senkte damit die Inflation bis Mitte 2022 nach Schätzung des INSEE um gut drei Punkte. Ein Makromodell mit unterschiedlich reichen Haushalten findet, dass der Schild die Wirtschaft stützte, die Ungleichheit im Konsum begrenzte und die Staatsschuld um weniger als die Hälfte seiner direkten Kosten erhöhte; gezielte Transfers an die Ärmeren wären progressiver gewesen, hätten aber mehr Inflation erzeugt und die Staatsfinanzen stärker belastet (Langot et al. 2026, doi:10.1086/741549, modellgestützte Evaluation). Und die iberische Ausnahme, ein Eingriff im Großhandel statt auf der Rechnung, entlastete die unteren Einkommen anteilig stärker, ohne den Haushalt netto zu belasten (Fabra, Leblanc & Souza 2026, doi:10.65864/mlzbstvjna, Arbeitspapier). Wo der Eingriff an der Entstehung des Preises ansetzt, kann er gerechter ausfallen, als die Lehrbücher erwarten.

Grimms Einwand, dem Staat fehle der Weg zu den Bedürftigen, hat seither eine Antwort. Im April 2025 meldete das Finanzministerium den Direktauszahlungsmechanismus als fertig, der Steuer-ID und Kontoverbindung verknüpft, ausdrücklich damit im Krisenfall „größere Markteingriffe“ vermieden werden können (BMF-Monatsbericht 04/2025). In der Ölkrise 2026 beschloss die Regierung trotzdem zweimal einen Tankrabatt.

Die Stimmen

Weitere Stimmen (4)
  • Andreas Audretsch — Die Grünen schlagen Direktzahlungen auf die Konten vor, dazu eine Übergewinnsteuer.
  • Tim Klüssendorf — Nennt den Tankrabatt der eigenen Regierung „ordnungspolitisch Quatsch“ und verteidigt ihn trotzdem.
  • Gilda Sahebi und Arne Semsrott — Tankrabatt und höhere Pendlerpauschale entlasten zu über achtzig Prozent die obere Einkommenshälfte, während unten gekürzt wird.
  • Tom Krebs — Hilfe muss als Handeln erkennbar sein, sonst geht sie in der nächsten Rechnung unter.
Die Reibung

Grimm und der IWF wollen den Preis laufen lassen und gezielt helfen, weil ein Deckel auch die Villa entlastet. Frankreich zeigt einen Deckel, der die Inflation bremste, die die Ärmsten am härtesten trifft, und die gezielte Hilfe als den teureren, inflationäreren Weg. Welche Entlastung ist die sozialere: die, die genau die Bedürftigen erreicht, oder die, die den Preis für alle hält und damit auch für sie?


Knappheit oder Marktmacht?

Hinter dem Streit um den Deckel steht ein Streit um die Ursache. Für Grimm zeigte der Gaspreis 2022 eine echte Knappheit an, russisches Gas musste ersetzt werden, und gegen die Inflation, die daraus wuchs, half der Zins: Die Notenbank müsse die Erwartungen verankern, damit keine Lohn-Preis-Spirale entsteht. Weber und Evan Wasner beschreiben denselben Vorgang als Verkäuferinflation. Ein Kostenschub in systemrelevanten Vorprodukten gibt Firmen mit Marktmacht den Anlass, im Gleichschritt die Preise zu erhöhen, nachgelagerte Branchen sichern ihre Margen, und erst am Ende versuchen die Beschäftigten, ihren Reallohn zu verteidigen; eindämmen müsse man den ersten Impuls (Weber & Wasner 2023, doi:10.4337/roke.2023.02.05, begutachtet, konzeptionell mit Firmendaten).

Die Zerlegung der Zahlen gibt beiden ein Stück. Im Euroraum gingen von Anfang 2022 bis Anfang 2023 rund 45 Prozent des Preisanstiegs im Konsum auf heimische Gewinne zurück und 40 Prozent auf Importpreise; die Firmen gaben mehr als ihre Kosten weiter, breit gestiegene Aufschläge fanden die IWF-Ökonomen aber nicht, und sie folgern, die Geldpolitik müsse straff bleiben (Hansen, Toscani & Zhou 2023, doi:10.5089/9798400245473.001, Arbeitspapier). Für die USA finden Bernanke und Blanchard den Großteil des Schubs in Preisschocks; der enge Arbeitsmarkt wirkte schwächer, dafür länger (Bernanke & Blanchard 2025, doi:10.1257/mac.20230195). Den Impuls gaben also Rohstoffe und Engpässe, und an ihm verdiente, wer verkaufen konnte.

Wo Macht im Spiel ist, zeigen die deutschen Instrumente selbst. Unter der Gaspreisbremse hoben die etablierten Versorger ihre Tarife im Vergleich mit Österreich um bis zu 90 Prozent an, weil der Staat die Differenz bis zum Deckel trug, und die jährlichen Gaskosten stiegen insgesamt (Brunninger et al. 2026, doi:10.1016/j.ijindorg.2026.103309). Der Tankrabatt von 2022 kam beim Benzin vollständig an, beim Diesel teilweise und gegen Ende weniger (Dovern et al. 2023, doi:10.1016/j.eneco.2023.106948); beim zweiten Rabatt 2026 erreichten in der letzten Woche nur sieben bis elf von 17 Cent die Kunden (beck-aktuell). Wie viel ankommt, hängt davon ab, wie viele Kunden die Preise vergleichen (Montag et al. 2023, doi:10.2139/ssrn.4622647, Arbeitspapier). Die Abschöpfung der Zufallserlöse am Strommarkt, die Grimm streichen wollte, brachte von Dezember 2022 bis Juni 2023 rund 521 Millionen Euro, weil die Preise schon fielen, als sie begann (Bundestag, Drs. 20/10597). Ihre Vorhersage, man werde weniger einnehmen als erhofft, traf zu.

Spanien und Portugal griffen dort ein, wo der Strompreis entsteht. Der Deckel auf den Gaspreis für Kraftwerke senkte den Großhandelspreis um rund 40 Prozent und die spanische Inflation im Schnitt um 3,5 Punkte (Haro Ruiz et al. 2024, doi:10.1080/13504851.2024.2425834), um den Preis von mehr verbranntem Gas und billigem Strom, der nach Frankreich floss (Hidalgo-Pérez et al. 2024, doi:10.1016/j.enpol.2024.114092). Die Gewinne der spanischen Kraftwerke stiegen in der Krise trotzdem um 29 Milliarden Euro (Fabra, Leblanc & Souza 2026, doi:10.65864/mlzbstvjna). Die Inflationswirkung der deutschen Gasbremse schätzen Ökonomen für 2023 auf 0,25 bis 0,4 Prozentpunkte, bei Kosten von rund 15 Milliarden Euro (Garnadt et al. 2023, doi:10.1515/pwp-2023-0019). Krebs und Weber folgern, Preiskontrollen für systemrelevante Sektoren gehörten in den Werkzeugkasten; die Bremse habe die Preise für Haushalte stabilisiert, sei aber zu spät gekommen (Krebs & Weber 2024, doi:10.2139/ssrn.4855828, Arbeitspapier zweier Befürworter).

Die Stimmen

Weitere Stimmen (6)
  • Yanis Varoufakis (zur Notenbank) — Zinserhöhungen gegen energiegetriebene Inflation nennt er „gross negligence“.
  • Dirk Specht (zum Strompreis) — Die Merit Order war ein Beschreibungsmodell und ist als Vorschrift zum Käfig geworden.
  • Volker Quaschning — Eine Übergewinnsteuer landet nicht bei den Verbrauchern, gibt dem Staat aber Spielraum; die rechtlichen Bedenken sind ernst.
  • Michael Sterner — Der Tankrabatt verpufft, weil die Konzerne vorher die Preise anhoben; wirksam wäre nur eine Übergewinnsteuer.
  • Kai Schöneberg — BP verdoppelt in der Ölkrise seinen Gewinn.
  • Gilda Sahebi und Arne Semsrott — Die Verkäuferinflation gibt Kosten voll weiter, senkt nach der Krise weniger und verteilt so nach oben.
Die Reibung

Grimm will an die Gewinne nicht heran, weil sich Investoren auf die Regeln verlassen müssen. Unter der Gaspreisbremse waren es die Versorger, die die Regel als Einladung lasen. Wenn ein Deckel ohne Zugriff auf die Gewinne die Verkäufer bedient und ein Zugriff auf die Gewinne die Investoren verschreckt, darf der Staat dann nur dort Preise setzen, wo es knapp ist, oder auch dort, wo jemand die Knappheit verkaufen kann?


Nachbesprechungen, die hierher führen

DatumNotevertieft
10.10.2026Isabella Weber — Antifaschistische WirtschaftspolitikGründungsnote: Mietendeckel und Katalonien, die Stimmen für und gegen den Deckel
10.10.2026Veronika Grimm — Der Preis als Signaldie fehlende Stimme: der Preis als Sparsignal; alle drei Fragen mit Forschung (Ruhnau, Dertwinkel-Kalt, IWF, Langot, Brunninger, iberische Ausnahme, Weber & Wasner)

Verbindungen

→ Schöner Wohnen — Enteignen, regulieren oder bauen?

Der lange Deckel: Mietendeckel, Mietpreisbremse und ihre Nebenwirkungen, mit der Forschung dazu.

→ Warum wählen Menschen Autoritäre? — Was holt Wähler zurück?

Ob ein Deckel die Wähler beruhigt, ist dort die Frage, und Webers These, Preispolitik sei Demokratieschutz, steht dort gegen ihre Kritiker.

→ Energie

Der Snapshot zur Energiedebatte, mit dem Abschnitt zur Übergewinnsteuer in Energiekrisen.

→ Kaufkraft

Warum ein Einkommen heute weniger trägt als 1965, und was Inflation daran erklärt und was nicht.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
  • Grimm und Weber haben dieselbe Bremse gebaut und loben sie aus verschiedenen Gründen. Ist ein Instrument, auf das sich zwei Gegnerinnen einigen, ein Kompromiss oder ein Zufall, und wüsste man das vorher?
  • Die Haushalte sparten aus Gemeinsinn, die Firmen wegen des Preises. Was bedeutet es für die nächste Krise, wenn der Staat auf einen Gemeinsinn baut, den er nicht bestellen kann?
  • Erhards Preisfreigabe gilt als Gründungsmythos der Marktwirtschaft, und wenige Monate später setzte er Preise für Alltagsgüter fest. Welche Ordnung erzählt sich ohne ihre Ausnahmen, und warum?
  • Unter der Bremse hoben die Versorger ihre Tarife, weil der Staat die Differenz trug. Kann der Staat einen Preis setzen, ohne zugleich festzulegen, wer am gesetzten Preis verdienen darf?
  • Bei welchem Preis in meinem Leben wäre ich froh, wenn ihn jemand setzt, und bei welchem wäre ich es nicht?

Von hier einen Faden gehen7 Stationen, rückwärts durch den Bestand

Im Bestand

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