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Gedankenraum
Zeitgeist·11. Oktober 2026·0:24 h·5 Belegstellen

Mario Buchinger — Lügen der Kernenergie (6/6): Neue Reaktorgenerationen lösen alle Probleme

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Spätmittelalterliche Millefleurs-Tapisserie, nach The Unicorn in Captivity — Wolle und Seide, Tausendblumengrund. Buchingers „pinke Einhörner“ werden wörtlich: ein rosa Einhorn im runden Gatter, angekettet an einen kleinen Reaktor statt an den Granatapfelbaum; links zeigen zwei Gelehrte begeistert auf ihre Baupläne, rechts weitere Fabeltiere im Laub und ein einsamer Kühlturm. Die Tapisserie ist die Bildform für Wesen, an die man glaubt, ohne sie je gesehen zu haben.

Prompt: Late medieval millefleurs tapestry in the style of The Unicorn in Captivity, woven wool and silk with visible thread texture, wide 1200x500 banner. Centre: a pink unicorn lying inside a small round wooden fence on a dark green field densely strewn with tiny flowers. Instead of a pomegranate tree, a small squat cylindrical nuclear reactor vessel stands inside the fence, the unicorn chained to it with a golden chain. Left: two medieval scholars in robes unroll long blueprints and point excitedly at the unicorn. Right, small in the background: a lone grey cooling tower among the flowers and a few more pink unicorns half-hidden in the foliage, fabulous and unreal. Rich tapestry palette of deep green, madder red, ochre, faded blue, with the soft pink of the unicorns. Flat medieval perspective. No text.

Quelle: Lügen der Kernenergie — Folge 6/6 (#RestartThinking) Serie: Mario Buchinger — Es gibt keine Renaissance der Kernenergie

Wer spricht?

Mario Buchinger — Physiker, Transformationsexperte, #RestartThinking (Österreich). Abschlussfolge seiner sechsteiligen Serie „Lügen der Kernenergie" (2024). Format: GesternKleber Fails — kritische Auseinandersetzung mit Desinformation zu Energie und Wissenschaft.


Einleitung: Die Wundertechnologien der Atomlobby

2:19

Buchinger nennt die immer wiederkehrenden Versprechen neuer Reaktorkonzepte konsequent „pinke Einhörner": Fabelwesen, die theoretisch denkbar, aber in der Realität nicht existent sind — oder jedenfalls weit von industrieller Anwendbarkeit entfernt. Sein Urteil im Voraus: „Fast gar nichts daran ist dran."

Das Grundproblem all dieser Technologien:


Pinkes Einhorn 1: Transmutation

6:05

Idee: Hochradioaktiven Atommüll durch Neutronenbeschuss in mittel- oder schwachradioaktiven Müll umwandeln. Einlagerungszeit sinkt von Millionen auf wenige hundert bis tausend Jahre.

Stand der Technik:

Warum kein Durchbruch:

Buchinger: „Transmutation — physikalisch möglich, aber in der Praxis für die Entschärfung des Atommüllproblems in keinster Weise anwendbar."

Im Gespräch — 6:05

Pinkes Einhorn 2: Flüssigsalzreaktor (und Thoriumreaktor)

6:52

Zwei verwandte Konzepte:

Kombination beider Konzepte wäre theoretisch attraktiv: Atommüll als Brennstoff, selbstregulierend, geringere Halbwertzeiten der Reststoffe.

Stand der Technik:

Warum kein Durchbruch:


Pinkes Einhorn 3: Dual-Fluid-Reaktor

Idee: Ähnlich dem Flüssigsalzreaktor, aber mit flüssigem Blei als Kühlmittel statt Wasser. Höhere Temperaturen möglich, höhere Effizienz, Atommüll als Brennstoff nutzbar.

Stand der Technik:

Warum kein Durchbruch:


Pinkes Einhorn 4: Small Modular Reactors (SMR)

15:15

Idee: Kleine Reaktoren (200–300 MW statt 1 GW), die modular am Fließband produziert und dezentral eingesetzt werden können. Friedrich Merz warb im Bundestagswahlkampf 2024/25 dafür; im Koalitionsvertrag der neuen CDU/CSU+SPD-Regierung landete es schließlich nicht.

Buchinger nennt SMR konsequent „PowerPoint-Reaktoren".

Wirtschaftlichkeitsproblem:

Weitere Nachteile:


Warum hält die Atomi-Szene trotzdem daran fest?

23:36

Buchinger nennt zwei Erklärungsebenen, die er bereits in der Hauptnote zur Serie ausführlich diskutiert:

1. Issue Ownership Erneuerbare Energien sind grün konnotiert. Für politische Akteure, die die Grünen als Feindbild pflegen, braucht es eine alternative „klimafreundliche" Erzählung. Kernenergie füllt diese Lücke — unabhängig von ihrer tatsächlichen Eignung.

Buchinger ergänzt: Diese Haltung ist nicht nur bei Rechtsextremen verbreitet, sondern auch bei konservativen und neoliberalen Akteuren — die damit die eigentliche Gefahr durch Rechtsextremismus verharmlosen.

2. Fossil-Lobby als eigentlicher Treiber Buchinger zeigt am Beispiel des Wirtschaftsjournalisten Daniel Stelter (Buchautor, Porsche-Netzwerk), wie das Muster funktioniert:

Die eigentliche Funktion der Kernenergie-Propaganda aus Sicht der Fossil-Lobby:

Erneuerbaren-Ausbau verlangsamen — nicht Kernenergie voranbringen. Wer Kapital und politische Energie in hoffnungslose AKW-Projekte lenkt, bindet Ressourcen, die der Energiewende fehlen. Dann braucht man zwangsläufig Kohle und Gas.

Im Gespräch — 23:36

Buchinger verweist abschließend auf The Juice Media (Australien, Satireformat Honest Government Ads), die diesen Mechanismus am australischen Beispiel (Kohlemilliardärin Gina Rinehart) bildlich auf den Punkt bringt.


Buchinger über Forschung

Buchinger distanziert sich ausdrücklich von einer pauschalen Ablehnung dieser Technologien als Forschungsgegenstand:

„Bitte an der Forschung soll man ruhig dran arbeiten. Das ist ja das Prinzip von Grundlagenforschung."

Im Gespräch — 23:36

Sein Argument: Grundlagenforschung ist per se nicht wirtschaftlichkeitsorientiert — und das ist gut so. Die Quantenmechanik (mitentwickelt in Göttingen, wo Buchinger studiert hat) war wirtschaftlich nicht motiviert und steckt heute in allem.

Der entscheidende Unterschied: Forschung ja — aber diese Technologien als Lösung für die aktuelle Energiekrise zu propagieren ist irrational, weil sie die notwendigen Zeitrahmen (Lösungen bis 2030–2035) um Jahrzehnte verfehlen.


Fazit der Serie

Buchinger schließt seine sechsteilige Serie mit dem Kern-Statement:

„Die Kernenergie ist eine Sackgasse — und das wissen wir seit den 70er, spätestens seit den 80er Jahren."

Im Gespräch — 23:36

Die sechs behandelten Lügen im Überblick:

  1. Kernenergie ist sicher
  2. Kernenergie ergänzt sich gut mit Erneuerbaren
  3. Kernenergie ist wirtschaftlich
  4. Kernenergie ist CO₂-arm oder gar CO₂-frei
  5. Alle Industrieländer setzen auf Kernenergie
  6. Neue Reaktorgenerationen lösen alle Probleme ← diese Folge

Faktencheck

Bestätigt: China-Thoriumreaktor hat 2 MW — kein Industrieprojekt

Der in Wuwei (Gansu) 2023 gestartete Thorium-Experimentalreaktor leistet tatsächlich 2 MW. Das ist nach Angaben der IAEA und der Betreiberorganisation SINAP eindeutig ein Forschungsreaktor. Seriöse Fachmedien (Spektrum der Wissenschaft, Nature) berichten das klar so.

Bestätigt: NuScale-Insolvenz 2023

Das US-amerikanische SMR-Startup NuScale Power scheiterte 2023: Das geplante UAMPS-Projekt in Idaho wurde abgebrochen, die Aktie kollabierte. NuScale meldete zwar nicht formell Insolvenz an, stellte aber sein einziges kommerzielles Projekt ein und entließ einen Großteil der Belegschaft. Der faktische Zusammenbruch des Hoffnungsträgers ist belegt.

Vereinfacht: ~5.000 SMRs für Wirtschaftlichkeit

Dass SMR nur über große Stückzahlen billiger werden können, ist Konsens — wie groß, ist es nicht, und die Spanne ist riesig. Die britische Studie für das Energieministerium DECC (2016) sieht Kostenparität mit großen Reaktoren schon bei rund 5 GWe kumulierter Leistung und 8 % Lernrate, bei 300 MW also etwa 17 Einheiten (Spanne von 2 GWe bei 10 % bis über 15 GWe bei 5 % Lernrate). Das BASE nennt „im Mittel 3000 SMR“. Der Abstand entsteht fast nur aus der angenommenen Lernrate — und die war bei Kernkraft historisch oft sogar negativ (Frankreichs Ausbau wurde mit jedem Reaktor teurer, Grubler 2010). „1.000 bis 5.000“ ist also die pessimistische Lesart, nicht der Befund; Buchingers Skepsis trägt, die Zahl als Gewissheit nicht. Dass ~400 Reaktoren die heutige Weltflotte sind, stimmt. (Korrigiert am 11.10.2026, vorher „Bestätigt“; → Akkudoktor — SMR und drei Versprechen, dort die Rechnung.) Quelle: DECC/EY — Small modular reactors: Can building nuclear power become more cost-effective? (2016) · BASE — Small Modular Reactors · Grubler 2010, Energy Policy — doi:10.1016/j.enpol.2010.05.003

Bestätigt: Schwedens SMR-Pläne fanden keine Investoren

Schwedens konservative Regierung plante 2–10 neue Kernkraftwerke; die Pläne wurden auf maximal 2–3 SMRs zurückgestuft. Private Investoren fehlen; staatliche Finanzierung ist umstritten. Stand 2024: kein einziger SMR-Bau begonnen.

Bestätigt: Fossil-Lobby-Interesse an Verzögerung der Energiewende

Der Mechanismus — Kernenergie-Propaganda als Instrument zur Verlangsamung der Erneuerbaren — ist gut dokumentiert. Studien des Potsdam-Instituts und des Rocky Mountain Institute belegen: Kapital, das in AKW fließt (Jahrzehnte Bauzeit), steht für Erneuerbare nicht zur Verfügung. Der Fossil-Sektor profitiert von jedem Jahr, in dem der Umbau verzögert wird.

Vereinfacht: Transmutation „in keinster Weise anwendbar"

Das P&T-Verfahren ist technisch weiter als Buchinger andeutet. In der EU laufen seit Jahren koordinierte Forschungsprojekte (u.a. MYRRHA in Belgien, geplanter Beschleuniger-getriebener Reaktor). Der Zeitrahmen (150–300 Jahre für deutschen Atommüll) und die fehlende industrielle Skalierbarkeit sind korrekt dargestellt. „In keinster Weise anwendbar" ist etwas überspitzt — richtiger wäre: nicht als großskaliger Löser des Endlagerproblems im relevanten Zeithorizont anwendbar.

Vereinfacht: Flüssigsalzreaktor „nur Experimentalanlage"

Neben dem chinesischen Projekt existieren mehrere weitere Forschungsprogramme (Frankreich, USA, Kanada). Die Bewertung als Experimentalstadium ohne industrielle Relevanz ist für den aktuellen Stand korrekt. Buchinger unterschlägt aber, dass es durchaus ernstzunehmende Ingenieursprogramme gibt (z.B. Terrestrial Energy in Kanada), auch wenn diese weit von Serienreife entfernt sind.

Vereinfacht: SMR-Kritik ohne Erwähnung von Russlands und Chinas schwimmenden Reaktoren

Russland betreibt seit 2019 mit der Akademik Lomonosov tatsächlich einen funktionierenden schwimmenden Kleinstreaktor (70 MW). China baut mehrere schwimmende SMR für Offshore-Plattformen. Diese Beispiele existieren — auch wenn sie keine wirtschaftlich skalierbaren Modelle für westliche Stromnetze darstellen. Buchingers pauschales Bild „alles nur PowerPoint" ist leicht überspitzt, der Kern stimmt für westliche Märkte.


Verbindungen

→ Mario Buchinger — Es gibt keine Renaissance der Kernenergie

Hauptnote zur Serie: Die drei Falschaussagen (bezahlbar, versorgungssicher, emissionsarm) werden dort detailliert widerlegt; diese Folge schließt die Serie mit dem Zukunftsversprechen-Mythos ab.

→ Dietrich Bonhoeffer — Theorie der Dummheit

Buchinger beschreibt die Kernenergie-Fans als eine Art Sekte: „Es ist schwierig mit Sektierern zu diskutieren." Bonhoeeffers Diagnose — wer aus Gruppenidentität denkt, ist durch Fakten nicht erreichbar — trifft den Kern der Atomi-Psychologie, die Buchinger hier seziert.

→ Carlo Cipolla — Die fünf Gesetze der Dummheit

Die Fossil-Lobby, die Kernenergie propagiert obwohl sie selbst davon nicht profitiert, sondern nur Zeit gewinnt, ist ein Paradefall für Cipollas Analyse strategischer Schadensmuster: man schadet der Gesellschaft (verhinderte Energiewende) und gibt vor, ihr zu nützen.

→ Andreas Kemper — Technofaschismus und die AfD

Kemper beschreibt, wie rechte Akteure Technologie instrumentalisieren. Buchinger zeigt den Spiegelfall: Kernenergie als politisches Werkzeug zur Blockade des Fortschritts — nicht aus technischer Überzeugung, sondern aus Lobby-Interesse.

→ Rainer Mausfeld — Warum schweigen die Lämmer?

Die Desinformationsstrategie der Fossil-Lobby (Kapital binden, Zeitgewinn, Agenda-Setting via willfährige Meinungsmacher wie Stelter/Wendland) ist ein lehrbuchhaftes Beispiel für Mausfelds Analyse politischer Manipulation unterhalb der Bewusstseinsschwelle.

→ Adam Tooze — Pentagon vs. Anthropic: Der Kampf um die KI-Kontrolle

Tooze analysiert, wie Technologieversprechen (KI, Militär) politische Entscheidungen präformieren, lange bevor die Technologie lieferbar ist. Das gleiche Muster liegt bei SMR, Thorium und Kernfusion vor: Das Versprechen wirkt politisch schon heute, obwohl die Realität Jahrzehnte entfernt ist.

→ Claudia Kemfert — Ist die Abhängigkeit vom Öl unser Untergang? (Der Standard)

Kemfert und Buchinger kommen unabhängig zum selben SMR-Schluss: IEA frühestens 2040–2050, extrem teuer, "Technologieoffenheit" als politische Ausrede zur Verzögerung wirksamer Lösungen

→ MONITOR — Atomkraft-Comeback? Was hinter den neuen Mini-Reaktoren steckt

MONITOR liefert das journalistische Fallbeispiel zu Buchingers These: Der THTR-300 in Hamm-Uentrop verkörpert die „neue Reaktorgeneration", die vor 50 Jahren wortgleich beworben wurde — und nach 423 Tagen als Milliardengrab endete. Das aktuelle SMR-Versprechen wiederholt exakt diese Rhetorik.

→ Akkudoktor — Mini-Atomkraftwerke und drei Versprechen

Der Akkudoktor prüft dieselben Kandidaten und findet bei der Transmutation dieselben Haken: andere Reaktortypen nötig, der Müll strahlt kürzer, ein Endlager braucht es trotzdem. Bei den SMR-Kosten liest er Zahlen wie Buchingers 5.000 Einheiten als eine Schätzung unter mehreren (17 bis 3.000) und lässt offen, was Buchinger für entschieden hält.

Von hier einen Faden gehen7 Stationen, rückwärts durch den Bestand

Im Bestand

Mario BuchingerEs gibt keine Renaissance der…AkkudoktorMini-Atomkraftwerke und drei…Claudia KemfertIst die Abhängigkeit vom Öl…MONITORAtomkraft-Comeback? Was hinter…Dietrich BonhoefferTheorie der DummheitCarlo CipollaDie fünf Gesetze der DummheitAndreas KemperTechnofaschismus und die AfDRainer MausfeldWarum schweigen die Lämmer?Adam ToozePentagon vs. Anthropic: Der…Forschung

zehn gedachte Verweise

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